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Die neueren Lebensordnungen.

Die Arbeitskultur.

Daß sich im Fortgang der Neuzeit der Schwerpunkt des Lebens mehr und mehr in die sichtbare Welt verlegt hat, darüber besteht kein Zweifel und Streit. Bei unserem Problem hat aber die Bewegung die beiden Stufen einer milderen und einer schrofferen Behauptung durchlaufen, sie seien nicht mit einander vermengt. Zunächst wurde jene Welt allerdings zum Hauptvorwurf der Beschäftigung gemacht, aber es verblieb dabei aus der tausendjährigen Arbeit der Menschheit ein selbständiges Subjekt, ein gewisses Beisichselbstsein des Lebens, und in ihm blieben die Ergebnisse jener Arbeit gegenwärtig. So entstand ein Nebeneinander von Mensch und Welt; indem sie gegen die überkommene Art weiter auseinandertraten, erfolgte eine durchgreifende Klärung, und es ergab für sich die Arbeit des Menschen als Hauptaufgabe damit, die gegenseitigen Beziehungen zu entwickeln, die Welt, die um der Klarheit und Wahrheit willen zunächst von uns abzulösen war, wieder nahezurücken und in ihrem unverfälschten Bestande an den Menschen zu bringen; davon ließ sich eine erhebliche Steigerung der Kräfte, ja eine neue Art des Lebens erwarten. Diesem neuen Leben ist die sichtbare Welt unvergleichlich mehr geworden, als sie früheren Zeiten war. Sie hat sich nicht nur der Einsicht des Menschen in Natur und Geschichte in ungeahnter Weise erschlossen, sie hat auch seinem Wirken immer mehr Angriffspunkte gewährt, mehr und mehr erhebt er sich aus einem passiven Stande in ein aktives Verhalten zur Weltumgebung, den Befund der Dinge, den er früher als ein unentrinnbares Schicksal hinnahm, kann er nun aus eignem Vermögen ändern und bessern; was immer den Menschen an Elend und Not, an Irrung und Wahn bedrückt, das greift die Neuzeit mutig an und sucht es gründlich zu heben; indem auf der ganzen Linie ein Kampf der Vernunft gegen die Unvernunft aufgenommen wird, eröffnen sich unermeßliche Aufgaben und Aussichten. Zum Kern dieses neuen Lebens aber wird die Arbeit, d. h. die Tätigkeit, welche den Gegenstand ergreift und ihn für die Zwecke des Menschen gestaltet, sie kann das aber in dem gesteigerten Sinne der Neuzeit nicht tun, ohne mehr und mehr sich selbst der Natur und den Gesetzen des Gegenstandes anzupassen, diese in sich aufzunehmen, damit selbst einen gegenständlichen Charakter auszubilden. So zeigen Wissenschaft und Technik, so zeigen auch politisches und praktisches Wirken ein Selbständigwerden der Arbeit gegen die Meinungen und Neigungen der Individuen, mehr und mehr bildet jene eigene Zusammenhänge und entwickelt sie eigene Gesetze und Triebkräfte; damit gibt sie dem menschlichen Streben ein festes Gerüst und die Gewißheit eines unablässigen Vordringens. Soll das Leben daher in diesen Zusammenhängen einen Sinn erhalten, so kann es ihn nur von der Arbeit erhalten. Diese scheint ihn aber zu gewähren, indem sie das menschliche Handeln durch jene festen Zusammenhänge unvergleichlich leistungsfähiger macht und in ihnen auch der Leistung des Einzelnen wie auch jedes Augenblickes einen Wert verleiht, sie entwickelt ein Bewußtsein der Solidarität des Menschengeschlechts, sie umspannt mit gemeinsamem Werk den Gesamtlauf der Zeiten und hält auch dem Einzelnen sein Leben zusammen, sie zeigt dem Menschen mit seiner Größe zugleich seine Grenze, sie wahrt sich freudigen Mut auch wo sie heute eine Grenze findet, indem sie weitere und weitere Möglichkeiten eröffnet, sie mildert schon durch das Aufnehmen des Kampfes den starren Druck des Schicksals. Mit dem allen erzeugt sie ein männliches, klares, zielbewußtes Leben, das aber innerhalb unseres Gesichtskreises, ohne die Verwicklungen der Religion und der Metaphysik. So ist die Frage berechtigt, ob etwa in solcher Gestaltung das menschliche Leben eine volle Befriedigung findet und einen Sinn gewinnt. Es könnte das etwa, wenn die Seele sich zur Nebensache herabsetzen ließe, wenn der Mensch nach einer inneren Einheit seines Wesens und nach Befriedigung dieser Einheit zu streben je aufhören könnte. Da sich aber das nicht so einfach macht, so erscheinen alsbald Verwicklungen, die allen Gewinn der Arbeit in Frage stellen und den versuchten Abschluß verhindern. Das Streben des Menschen war zunächst allein auf die Arbeit gerichtet und von ihren Erfolgen erfüllt, ja berauscht; daß dadurch auch das Befinden, der innere Stand der Seele gewinne, darüber war zu Beginn nicht der mindeste Zweifel. Aber je mehr die Arbeit ins Große wuchs und je selbständiger sie gegen den Menschen wurde, desto unabweisbarer wurden solche Zweifel, desto schroffere Kontraste entstanden zwischen den Wirkungen der Arbeit und den Forderungen der Seele. Diese muß aus aller Leistung nach außen immer wieder zu sich selber zurückkehren, sie muß fragen, was durch jene für ihr eignes Befinden, ihren eignen Stand gewonnen wird, sie muß dies eigne Befinden als den höchsten aller Zwecke behandeln; die Arbeit dagegen mit ihrem riesenhaften Gefüge und Getriebe ist voller Gleichgültigkeit dagegen, was aus dem Befinden des Arbeiters wird, ihr kann er nur als ein Mittel gelten, das sie nach ihren Zwecken verwendet oder verwirft, ihr ist er nur ein Werkzeug, ein mit Bewußtsein versehenes Werkzeug. Wird die Seele solche Behandlung geduldig ertragen, wird nicht ein elementares Verlangen nach Glück und Lebenserhöhung sich gegen solche Herabsetzung aufbäumen? Auch das führt zu einem harten Zusammenstoß, daß die Arbeit mit wachsender Verzweigung und Spezialisierung einen immer kleineren Ausschnitt der menschlichen Kräfte in Tätigkeit setzt, alles übrige dagegen verkümmern läßt. Die Seele aber kann nur bei Belebung aller Kräfte gedeihen, sie wird jene Verkümmerung als einen unerträglichen Verlust empfinden. Ferner bedarf sie für ihr Wohl einer ruhigen Bildung und eines inneren Beharrens, die Arbeit verwandelt das Leben in ein atemloses Hasten und Jagen, sie kennt keinen Stillstand, keine Ruhe. Nach dem allen kann leicht die Seele die Arbeit wie einen Gegner betrachten und zu ihrer Selbsterhaltung einen Kampf wider sie aufnehmen. Was dem Leben daraus an Erschütterungen erwachsen kann, das stellen die sozialen Bewegungen uns mit greller Deutlichkeit vor Augen. Aber das Problem reicht über das soziale Gebiet hinaus in das Ganze des Lebens, durchgängig droht bei alleiniger Richtung auf die Arbeit ihr Gewinn sich der Seele zum Verlust zu wenden, es drohen die Lebensenergien, die Persönlichkeiten, und damit unvermeidlich auch der Stand des Geisteslebens inmitten aller Triumphe der Arbeit bedenklich zu sinken.

Das Problem des Wertes des Lebens gerät bei solcher Spaltung unseres Daseins in völlige Unsicherheit. Wir können uns zeitweilig in die Arbeit versenken und vergessen, aber letzthin arbeiten bloß um zu arbeiten, das können wir nicht; Voltaire's Rezept, zu arbeiten ohne zu räsonnieren, würde den Menschen zu einem bloßen Lasttiere degradieren. Was soll alle Arbeit, wenn ihr Erfolg nicht schließlich auch dem Ganzen des Menschen zu Gute kommt? Auch das zeigt der Anblick der heutigen Lage mit voller Klarheit, daß der Fortschritt der Arbeit die Seele nicht schon zu einer inneren Belebung und Aneignung der Wirklichkeit führt, es faßt sich hier nicht Seele und Welt zu einer lebendigen Einheit zusammen, und es nimmt nicht der Mensch als Ganzes einen Kampf mit der Welt als einem Ganzen zu innerer Umspannung und Aneignung auf, sondern die Welt der Objekte bleibt bei aller unermeßlichen Beschäftigung unserer Seele fremd, alle Bewegung der Kräfte gibt dem Leben keinen Gehalt, und die Gebiete, die vor allem auf geistiges Schaffen gestellt sind, wie Religion, Kunst und Philosophie, müssen kläglich stocken und sinken.

So reißt der Konflikt zwischen Arbeit und Seele das Leben auseinander und versetzt uns in eine Lage, die wir nicht wohl endgültig hinnehmen können. Verschiedene Wege zur Abhilfe sind hier denkbar, wir haben uns zunächst mit dem zu befassen, welcher der Hauptrichtung des modernen Strebens entspricht. Das ist aber das Unternehmen, das Leben strenger, als es in jener Arbeitskultur geschah, ganz und gar in das unmittelbare Dasein zu stellen und ihm hier einen widerspruchslosen Zusammenhang und ein allbeherrschendes Ziel zu geben. Darin vornehmlich findet dieser Gedankengang den Grund der unerträglichen Verwicklung, daß ein Fortwirken der älteren Lebensordnungen Ansprüche und Antriebe in der Seele des Menschen festhalten ließ, die dem modernen Lebenszuge direkt widersprechen und damit das Leben zerreißen; so wird zur Forderung, jenes alles gründlich auszutreiben und lediglich aus den Mitteln der Erfahrungswelt dem Leben einen Inhalt zu geben.

Erst mit solcher Behauptung kommt das Problem an den Punkt der Entscheidung, hier muß in Ja und Nein eine deutliche Scheidung der Geister erfolgen. Nirgends faßt sich das Leben der Neuzeit so kräftig zu einer charakteristischen Behauptung zusammen, als in der, daß das Leben ohne alle Flucht in eine Überwelt, ohne alle Überschreitung des unmittelbaren Daseins, ohne allen Hintergrund einer Gedankenwelt einen Sinn und einen Wert gewinne, ja daß es sie nirgend anders als hier zu gewinnen vermöge. Solches Unternehmen versucht, den ganzen Umkreis des Daseins gleichartig zu gestalten, hier verbinden sich wie an keiner anderen Stelle zahllose Individuen zu gleichem Suchen und Hoffen, hier vornehmlich erlangt das moderne Streben eine Kraft vorwärts zu treiben und umzuwandeln. So ein Versuch gewaltigster Art, das Leben ganz und gar in die Erfahrung zu stellen, ohne dabei auf einen Sinn und Wert zu verzichten; ob dies Unternehmen sein Ziel erreicht, oder ob es am Befunde der Wirklichkeit scheitert, das kann nur die eigene Erfahrung des Lebens mit einer Fassung ins Ganze entscheiden. Je nachdem aber diese Entscheidung fällt, wird über die Hauptrichtung des Lebens befunden; fällt sie auf Nein, so müssen wir entweder alle Hoffnung auf einen Sinn des Daseins aufgeben, oder wir werden über das bloße Dasein auf neue Bahnen getrieben. Jedenfalls verdient die Frage eine sorgsame und unbefangene Erwägung. Denn nicht der Einzelne stellt sie, sondern es stellt sie das Ganze der Menschheit, und sie tut das nicht aus flüchtiger Laune, sondern gedrängt durch die zwingende Gewalt der weltgeschichtlichen Bewegung jenseits aller Meinungen und Neigungen der Augenblicke und der Individuen. Denn daß die älteren Lösungen mit ihrer Jenseitigkeit die frühere Gewißheit und Selbstverständlichkeit eingebüßt haben, kann niemand leugnen; daß das Durcheinander von Altem und Neuem, was das Durchschnittsleben der Gegenwart bietet, mit seinen entgegengesetzten Bewegungen dem Leben keinen Sinn gewährt, wird von Tage zu Tage klarer; so hat der Versuch, mit strenger Durchführung einer bloßen Daseinskultur das Ziel zu erreichen, ein gutes geschichtliches Recht. Ob er freilich gelingt, das ist eine andere Frage.


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