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Zwölftes Kapitel

»Nun wollte der Arge ihn versuchen, und streute rothes Hexengold trügerisch auf den Weg, da er ging. Rothardus aber ward geblendet, fiel darüber her, und ließ sein Kleinod aus den Händen – Da kam ein Anderer und hob es auf.«

Sinold Diedrich.
(Legenden und Historien.) »Die vier Gebrüder von Catwick op den Ryhn.« L. IV Cap. XV.

 

Fides stützte sich schwer auf die Logenrampe und starrte wie geistesabwesend auf die Menschenfluth hernieder, welche so bunt und lärmend durcheinander wogte, wie die fieberhaften Gedanken hinter ihrer heißen Stirn.

Wenn ein Strom noch so ruhig und klar dahin wallt und es brechen plötzlich Felsen hernieder, hemmen seinen Lauf und drängen ihn jählings aus der gewohnten Bahn, dann kocht und schäumt er in Zorn und Wildheit empor, stürmt querfeldein und bedarf oft vieler Meilen, bis die Strudel und Wirbel sich glätten, und er wieder sein gewohntes, klarfarbiges Antlitz zeigt. So hatte das Schicksal heute zum zweiten Male seine Stein in den Weg eines Seelenstromes geschleudert, und Fides von Speyern preßte geängstigt die Hände gegen die Schläfen. – es brauste und brandete dahinter, bäumte ungestüm empor und wußte nicht aus noch ein.

Wie ein Taumel war's über sie gekommen, wie ein sinnloses über das Ziel schießen, welches plötzlich Alles wandelte und über den Haufen stieß, was noch wenige Augenblicke zuvor eine beschlossene Sache in ihrem Herzen schien.

Sie hatte Marie-Luise gehaßt und war hierher gekommen, sie zu demüthigen und zu kränken, den Becher ihres jungen Glückes mit erbarmungslosen Händen zu vergiften und zu triumphiren, wenn ihr die beleidigte Gesellschaft den Boden unter den Füßen entzog, und was war geschehen? – Beide Hände hatte sie ihr dargereicht, hatte sich schützend an ihre Seite gestellt, und mit ihr geplaudert wie mit einer Freundin.

Kindisch und thöricht war es von ihr, die willensstarke, energische Fides ließ sich von einer kleinen Perlenschnur die Augen blenden, ließ sich von ihrem Anblick durchschauern, gleich einem schwanken Schilfe, über welches ein Sturmwind rast. – Wie ein Aufschrei war es durch ihre Seele gegangen, und all' die wahnwitzigen Bilder des Hasses und der Rache zerflossen wie Dunst und Nebel, zerfallend in sich selbst, niederbrechend vor jenem blassen Antlitz, welches mit thränenfeuchtem Blick ihre ganze Seele sieghaft zu eigen nahm. –

Er liebt sie nicht!

An diesem einen wirren, traumhaften Begriff brach sich der Sturm ihrer Gefühle. Ein Racheheischender, welcher im knirschenden Zorn die Waffe auf den Feind zücken will, läßt sie jählings sinken, wenn er aus des Gegners Brust bereits das rothe Herzblut strömen sieht. – Nicht mehr ein Bekämpfen gilt es hier, sondern ein gemeinsames Leiden und Dulden, denn keinen größeren und mächtigeren Versöhner giebt es, als den Schmerz.

Fides hatte im Kampf gestanden, und die bösen Mächte hatten sie herüber gezogen auf falsche Wege, aber triumphiren sollten sie nicht. Sie selber schlug voll trotziger Kraft die Augen auf und tastete sich zurück. – langsam, Schritt um Schritt. – und ob auch noch düstere Schatten um sie her wogen, die weißen Perlen sind leuchtende Sterne geworden und zeigen ihr den Weg.

Eine lustige, frische Stimme schlägt an das Ohr der Hofdame, übertönt das plötzlich verstummende Orchester und wird mehr wie beabsichtigt, verständlich.

»Die Speyern! eine stolze Fregatte ... Donnerwetter, und liegt noch vor Anker!« –

Fides wendet sich, nach dem Innern der Loge zu schreiten, ihre Lippen haben sich herbe geschlossen.

»Gnädigstes Fräulein befehlen, den Herrschaften in den Saal zu folgen? ... darf ich meine bescheidenen Kenntnisse als Lootse anbieten?«

Herr von Hovenklingen steht an ihrer Seite und schaut sie mit seinen treuherzigen Blauaugen lachend und seelenvergnügt an ...

Fides hat einen Zorn auf all die lachenden, gleißnerischen Menschen, welche ihr durch das Benehmen gegen Marie-Luise verächtlich geworden sind. Kalt und stolz trifft ihn ihr Blick, es ist ihr eine Genugthuung ihn verspotten zu können.

»Wissen Sie nicht, Lieutenant von Hovenklingen, daß eine ›Fregatte‹ nur von einem ›Kapitain‹ geführt werden kann?« – und Fräulein von Speyern wendet ihm den Rücken.

Glühende Blutellen steigen in das Antlitz des jungen Offiziers, momentan steht er fassungslos, dann wirft er mit einem leisen »famos!« den Blondkopf in den Nacken und lacht hell auf. Mit schnellem Schritt steht er an ihrer Seite.

»Gewiß weiß ich es, meine Gnädigste, würde ich sonst so directen Cours auf Ihre Ungnade losgesteuert sein?«

Fast unwillkürlich wendet sie den Kopf und sieht ihn erstaunt an, – er aber fährt in fast neckendem Tone fort: »Sie denken wohl, die große Pauke hätte mir einen Schabernack spielen wollen, daß sie gerade bei der ›Fregatte‹ – fünf Minuten Pause machte? Nicht im mindesten, war Alles mit größtem Raffinement von mir in Scene gesetzt. Sie sollten mich hören!«

Die Hofdame macht eine ungeduldige Bewegung. »Schon gut, Herr von Hovenklingen, ich bin über zeugt, daß Sie mir eine seemännische Eloge sagen wollten und ...«

»Eloge? Gott erleuchte Sie, diesen Irrthum einzusehen! Der Vergleich mit einer Fregatte würde selbst einen Kaffernjungen wild machen! ist ja das heilloseste Fahrzeug, welches jemals die Nase in Salzwasser gesteckt hat, ... rank ... schlingernd und stampfend ... riesig aufgetakelt und dabei doch sehr wenig Inneres ... mit einem Wort ...ich wußte Ihnen in dem Moment keine größere Grobheit zu sagen!«

Fides blickte frappirt auf den Sprecher, dessen Worte und Miene so gar nicht zusammen paßten.

»Ah ... Sie wollten mich beleidigen?« – fragte sie höchlichst überrascht.

»Natürlich mit gutem Grunde!«

»Und darf man denselben hören?«

»Gewiß. Wie Sie selber höchst richtig bemerkten, darf ein Lieutenant keine Fregatte führen; für gewöhnlich, der Krieg jedoch macht Ausnahmen, und wenn es unter seinem passe-partout einem Lieutenant gelingt, solche schlanke, aufgetakelte Feindin ›zu entern‹, so kommandirt er sie und führt sie im Triumph dem heimathlichen Hafen zu!«

Und wieder klang sein leises Lachen, und die Augen blitzten so lustig und siegesfreudig zu ihr nieder, daß Fräulein von Speyern unwillkürlich lächeln mußte. Es lag etwas in seinem Wesen, was an Olivier erinnerte, nur frischer und unverdorbener. Hier von diesem fröhlichen Gesicht mit dem treuher zigen und doch so übermüthig offen und ehrlichen Ausdruck wehte es ihr entgegen, wie kräftig, erquickend reine Seeluft, während bei Herrn von Nennderscheidt gar viel Residenzstaub und schwüle, wunderlich gemischte Modeparfüms längst die klare Ursprünglichkeit zersetzt hatten.

»Ganz recht, wenn es ihm gelingt! Sie werden als erfahrener Navigateur wohl am besten wissen, daß sich das ›heilloseste aller Fahrzeuge‹ nie eiserner umpanzert und trotziger ausrüstet, als Angesichts des Feindes!«

»Um so größer die Ueberraschung der spröden Schönen, plötzlich ... festzusitzen!«

»So stürmisch wollen Sie voran?« Feiner Spott zuckte um ihre Lippen.

»So energisch wenigstens. – Je sicherer sich die Fregatte auf den Wellen wiegt, und je selbstbewußter sie die Segel bläht, desto leichter steuert sie in die Klippen hinein!«

Fides warf das Haupt in den Nacken. »Das wäre abzuwarten. Vorläufig gebraucht sie die Segel, um die Plänkeleien mit dem Feinde abzubrechen und unter der Führung eines avancirten Helden einen eigenwilligen Cours zu nehmen!«

»Das dürste zu spät sein; der unternehmende Lieutenant von Seiner Majestät Schiff Prinz Albert ist noch stürmischer gewesen, als man vermuthet hat, – die Fregatte sitzt bereits!« –

Lieutenant von Hovenklingen lachte laut auf, und Fräulein von Speyern, welche ihm schon den Rücken gewandt hatte, um weiter zu schreiten, prallte mit jähem Rucke wieder zurück.

Groß, fast entsetzt starrte sie ihn an, blickte an ihm nieder auf seine Füße ...

Unerhört. – der junge Offizier stand auf ihrer Schleppe! –

»Nun? so segeln Sie doch wärtser!« spottete er und kreuzte die Arme voll grausamer Ruhe über der Brust. »Geht' s nicht? Aha, der Herr Lieutenant zur See haben wohl befohlen: ›Fallen Anker!‹ Na, da wird der gepanzerten Fregatte wohl nichts anderes übrig bleiben, als gehorsam in den Wind zu schwojen und ihren neuen Commandanten anzuerkennen!«

Einen Augenblick hatten sich die Augenbrauen der Hofdame zornig zusammengezogen, dann sah sie in sein Antlitz, welches sich vor Vergnügen dunkelroth färbte, und sah in die blauen Augen, welche sie so keck anlachten, und ihre Stirn glättete sich, und ehe sie es selber recht wußte, lachte sie mit.

»Das war ein ganz guter Witz. Herr von Hovenklingen, aber« –

»Witz? erlauben Sie mal, ... nicht so despektirlich zu Ihrem Vorgesetzten!«

»Bitte gehen Sie von meinem Kleid!«

»Nur unter einer Bedingung, daß Sie mir für die Schleppe den Arm geben.«

»Nein.«

»Gut; bleiben wir vor Anker liegen. Ich unterhalte mich auch im Stehen ganz gern mit Ihnen!«

»Ich bleibe aber nicht stehen!«

»Na dann versuchen Sie es doch bitte mal mit einem Commando! – Brassen Sie doch voll, Capitana!! hahaha! Die Fregatte gehorcht Ihnen wohl nicht mehr?« – Und Hovenklingen stand wie angenagelt und blinzelte seine ungnädige Feindin verschmitzt an: »Freikommen ist nicht! Also giebt's keine andere Hülfe, als die Segel zu beschlagen und sich mir auf Gnade und Ungnade zu ergeben!«

»Schändlich! das war kein ehrlicher Kampf, das war ein Ueberfall!«

Hovenklingen zuckte voll Humor die Achseln und offerirte seinen Arm, auf welchen Fräulein von Speyern etwas ungeduldig die Hand legte. »Ja, Du lieber Gott, so ein armer Lieutenant muß die Feste feiern, wie sie fallen, und den Feind schlagen, wie und wo er ihn kriegt!«

Im Vorüberschreiten klopfte der Marineoffizier, sichtlich in allerbester Laune, dem alten Fürsten York, welcher sichtlich in allerschlechtester Laune im Foyer stand, liebevollst auf die Schulter: »Na, Onkelchen? ... amüsirst Du Dich?«

Der Gefragte hatte die Hände auf den Rücken gelegt und musterte gerade mit grimmigem Gesicht ein paar brillantglitzernde Commerzienräthinnen, welche mit endlosen Schleppen vorüber rauschten. Seine hagere kleine Gestalt schnellte herum, und das Gesicht, welches sich dem kühnen Neffen zuwandte, glich dem König Nußknacker, wenn er just zubeißen will. Die grauen Aeuglein funkelten unter den weißbuschigen Brauen, und um seinen Mund zuckte und arbeitete es, wie bei Einem, der lachen möchte und es vor lauter Gift und Galle nicht fertig bringt.

»Amüsiren? ... amüsiren?! ... nein, das erlauben meine Verhältnisse nicht!« – ächzte er und faßte plötzlich den Arm Hovenklingen's wie in höchster Aufregung: »Sieh Dir die Weiber an ... äh ... äh ... die beiden Dicken da ... was glaubst Du, was die nachher trinken werden?« – Und in dem Gedanken, daß es möglicherweise Sect sein könne, erfaßte ihn eine solch' ungeheuere Entrüstung, daß er sich brüsk abwandte und mit hochgezogenen Schultern im Sturmschritt in entgegengesetzter Richtung davon stiefelte. Der Anblick der beiden Dicken war ihm unerträglich geworden.

Fides schüttelte lächelnd den Kopf und blickte dem alten Herrn überrascht nach; es war das erste Mal, daß sie so vollkommen von ihm übersehen wurde, denn für gewöhnlich war sie die einzige Dame, welche sich seines Wohlwollens zu erfreuen hatte. Vielleicht hatte er sie in seinem Aerger gar nicht erkannt, es war zu viel des Aufregenden, was an diesem Abend auf den wunderlichen Heiligen einstürmte, und Fides war überzeugt, daß er jetzt in einer Ecke saß und mit Aechzen und Stöhnen ausrechnete, wie viel Geld an Droschke erster Klasse verschwendet war, von Leuten die doch hätten zu Fuße gehen können! Und diese phantastische Summe fraß ihm am Herzen, denn Fürst York ging selbst an der Pferdebahn mit schadenfrohen Lächeln vorüber und dachte voll Genugthuung: »Das glaube ich! das könnte die Kerls freuen, wenn ich jetzt einsteigen würde und den Säckel ziehen! Zehn Pfennige von hier bis zum Finanzministerium? Da wäre man ja Prügel werth! Nein, nein, laß sie fahren dahin, das erlauben meine Verhältnisse nicht!« – Und er trabte in seinem schäbigen Ueberzieher durch Sturm und Schnee, und war unendlich glücklich in den Gedanken, die verhaßte Pferdebahn um einen Silbergroschen geschädigt zu haben. – Ja, es gab sogar bösartige Menschen in der Residenz, welche behaupteten, der Fürst überliste auch sehr oft seinen eigenen Magen, indem er die Wurst mit Kreide auf den Tisch male und sein Brod trocken dazu esse, bei jedem Bissen aber ein Stückchen der Zeichnung fortwische und schließlich, beim Anblick der beiden allein stehen gebliebenen Querhölzchen der Zipfel, entrüstet sein Haar raufe – »York, York, wo soll das enden! eine ganze Leberwurst zum Frühstück!«

Man nannte ihn in Folge dessen in der Gesellschaft »den Verschwender!«

Fides hätte Hovenklingen gern befragt, wie sein wunderlicher Onkel überhaupt bei einem Feste, welches Unkosten verursache, anwesend sein könne; da sie sich aber selber sagen konnte, daß der arme Millionär das Billet selbstredend geschenkt bekommen hatte, und sie auch durchaus nicht beabsichtigte, den frechen Herrn Marinelieutenant durch ein Wort der Unterhaltung auszuzeichnen, schritt sie schweigend und noch unnahbarer denn sonst an seiner Seite.

– – – –

Wo die Springbrunnen ihre duftenden Garben sprühen und blühende Gebüsche ein Rondel in dem Foyer abgrenzen, wo die Musikklänge des Saales nur gedämpft und mild verschwommen vernehmbar sind, die Schleppen eiliger vorüber rauschen und die Flammen unter frischem Luftzug flackern, hatte Graf Goseck die Gemahlin seines Freundes zu kurzer Rast nach dem rothen Sammetpolster geführt.

Hier war es stiller denn irgendwo, hier nur ließ es sich am heutigen Abend ungestört und unbelauscht plaudern, und in dem sonst so kühlen und klugen Auge Eustach's brannte es ungeduldig und heiß, als habe er viele gewichtige Fragen an die junge Frau zu richten.

Er hatte sie beobachtet und es nicht begriffen, wie kühl und gleichgiltig sie an all der ungewohnten Pracht vorüber schreiten konnte. – Graf Goseck kannte doch die Weiber, und er war ein zu eingefleischter Pessimist, um an eine Ausnahme glauben zu können. Das kleine Veilchen aus Hersabrunn war naiv, unschuldig und bescheiden, so lange es noch nichts Besseres kannte als Betsaal und Gemüsegarten; öffnet sich ihm aber das goldene Thor fürstlicher Pracht und Herrlichkeit, so wird es schnell das Köpfchen heben, wetteifern und streben, mit Rose und Lilie gleichzustehen, und die Sonne glüht ... und der Staub wirbelt in die klaren Augen, und die Schmetterlinge kommen und tragen das Gift der Bella-Donna in seinen Kelch.

Noch glaubt Graf Goseck an keines Weibes Treu und Lauterkeit, – er ist der fliegende Holländer der modernen Welt; er steht inmitten des reichsten Jahrmarktes und hört nur das Gold klirren, mit welchem Herzen verschachert werden.

Marie-Luises lichte Gestalt ist ihm fremd und unbegreiflich gegenüber getreten, er hat an ihr gezweifelt, er hat sich den Blick in ihr Herz erzwungen und erschüttert die Hände vor das Antlitz geschlagen, wie ein Blinder, welcher plötzlich sehend wird. Da hat er eine Senta gefunden, das Weib seiner Träume, die Verwirklichung dessen, was er sein Leben lang voll bitteren Spottes abgeleugnet hat. In seinem Herzen ist es warm geworden, die reine, heilige Blüthe wahrer Liebe, verschüttet von dem Aschenregen wild verlebter Jahre, hebt ihr geknicktes Haupt und entfaltet ihren Kelch. Wo aber mag ein Frühling ohne Kampf den Bann des Winters brechen? Der alte Adam bäumt sich empor, wühlte gewaltiger denn je die graue Asche auf und fegt sie über die Blüthe; unterdrücken will er sie und verderben! Und all die bösen Geister des Unglaubens und der Frivolität, welche so lange Zeit ihr Recht behauptet, reißen und zerren an dem zarten Pflänzlein, es auszurotten! »Glaub' nicht an ihre frommen Augen!« zischen sie. »Die Senta folgt einem Fährmann, welcher sie jetzt erst in die Welt führt! Sie war fromm und gut, weil sie keine Gelegenheit hatte, das Gegenteil zu sein! Warte ab, Du Narr, wie balde aus einer vernachlässigten und ungeliebten Maria eine Marie-Magdalena wird!« – –

Es braust vor Gosecks Ohren. Er wendet sich zu Marie-Luise und sieht ihr mit langem, wunderlichem Blick in das Auge.

»Sie sehen so bleich aus, gnädige Frau,« sagt er gepreßt, »fühlen Sie sich nicht wohl?«

Sie schüttelt wehmüthig das Köpfchen und faltet die Hände um den welkenden Blumenstrauß im Schoß. »Einst stand ich im Hersabrunner Pfarrgarten vor einem jungen Rosenstock« antwortet sie ausweichend, »welchem der Pfarrer mit erbarmungsloser Hand die frischsten und schönsten Triebe aus der Krone schnitt. Gleich dem Herzblut quoll frischer Saft aus der Wunde und mir däuchte es, als zittere jedes Blatt in herben Schmerzen. ›Warum quälen Sie Ihren Liebling so sehr?‹ fragte ich den alten Herrn, und er antwortete: ›Rosen und Menschenherzen sind sich seltsam gleich. Je tiefer das Schicksal in's Mark schneidet, und je mehr der grünenden Hoffnung es ihnen nimmt, desto reicher blühen sie. Was zu keck und glücklich in die Höhe wächst, treibt nur unnütz Laub und keine Blüthe.‹«

»Sie erzählen mir mit schlichten Worten ein Gleichniß voll tiefsten Sinnes, aber Sie antworten nicht auf meine Frage!«

In ihrem Auge schimmerte es feucht, sie hob das Haupt und wandte ihm voll und ehrlich das Antlitz zu. »Nicht direct, und dennoch bin ich überzeugt, daß Sie mich verstanden haben. Graf Goseck, denn wer vermöchte im Buche meines Schicksals besser zu lesen, als Sie.« Ihre Stimme zitterte, krampfhafter preßte sie die Blumen in der Hand, und die weiße Christrose streute ihre zarten Blätter müde über die Atlasfalten. »Mir ist's ergangen wie dem jungen Reis, welches in Weh und Qual zu verbluten schien. Aber nicht ein blindes Schicksal, sondern Gottes Hand hat mit einem scharfen Schlage all' die blühende Hoffnung, all die lachende Glückseligkeit, all' mein selbstbewußtes Vertrauen im Herzen herniedergebrochen; ich habe gelitten und gekämpft, gehadert und geklagt, und schließlich mich dem Willen des besten Gärtners gefügt, welcher weiß: ›Je mehr der frischen Lenzestriebe man der Rose nimmt, desto edlere Blüthe wird sie tragen!‹«

Goseck hatte den Blick gesenkt, seine Zähne gruben sich scharf in die Lippe.

»Nennderscheidt hat mehr versprochen, als er hält?« murmelte er. »er hat Ihnen womöglich in seiner rücksichtslosen Weise eingestanden –«

»Alles«

»Alles?« Eustach zuckte empor, ein fahler Schein flog über sein Gesicht. »Und hat mich als Urheber genannt, als den Anstifter, welcher« –

»Ihm die unbequeme Arbeit abnahm, Liebesbriefe an seine Braut zu schreiben!« Marie-Luise athmete schwer auf, der Gedanke an die schmerzliche Kränkung ließ ihr Auge blitzen, und durch die Stimme zitterte es trotz des leisen, schluchzenden Klanges, dennoch wie Bitterkeit. Goseck aber neigte sich jählings vor, als traute er seinen Ohren nicht; jäh verändert war der Ausdruck seiner Züge, wie Frohlocken rang sich's über seine Lippen. »Ah ... unmöglich ... Sie überraschen mich in hohem Grade, gnädigste Frau; Olivier hat freiwillig eingestanden, was ich Zeitlebens als einen Hauch auf dem blanken Schild seiner Redlichkeit zu bemänteln und zu hüten müssen glaubte?«

»Seine Offenheit und die übermüthige Oberflächlichkeit, mit welcher er die ganze Angelegenheit behandelte, waren mir wohl die einzige Garantie, daß ich mit einem ›tollen Junker‹ nicht aber mit einem Manne zu rechten habe, welcher mich mit Ueberlegung kränken und beleidigen wollte!«

Secundenlang ruhte Goseck's Hand mit leidenschaftlichem Druck auf ihrem Arm. »Sehr recht und liebenswürdig von Ihnen, der ganzen fatalen Affaire durch diese Auffassung eine harmlose und gleichgültige Wendung zu geben! Was hätte ein Verheimlichen auch bezweckt? Ein Baron Nennderscheidt kann nun und nimmermehr die goldenen Fäden weiter spinnen, welche sich durch die Correspondenz um unsere Seelen gewebt haben. Früher oder später wären Ihnen dennoch die Augen aufgegangen über den, welcher Sie aus Leichtsinn und Egoismus, einem Spielzeuge gleich, an seine Seite gekettet, und über jenen, welcher in jedem Pulsschlag seines Herzens, in jedem Gedanken und in allem Sein und Empfinden mit Ihnen harmonirt. Sie sehen mich so erstaunt und erschrocken an, gnädigste Frau, als begriffen Sie nicht den Jubel, welcher plötzlich ein jedes meiner Worte durchklingt! Ja, ich jubele, ich jauchze auf vor Glückseligkeit, gleich einem Menschen, welcher in Ketten gelegen und sich wieder frei fühlt, wie Einer, der die Sprache verloren und plötzlich wieder reden darf von all dem, was sein Herz erfüllt! Zur zweiten Natur ist mir das geistige Zusammenleben mit Ihnen geworden, nothwendig, wie die Luft zum Athmen! das Glück, jeden Gedanken Ihres Herzens zu meinem eigenen zu machen! Können Sie die Folterqualen jenes Bewußtseins ermessen – Das Weib, welches Dir und all' Deinem Sein und Wesen nahe steht wie eine Braut und Geliebte, geht kühl und gleichgültig als Fremde an Dir vorüber und ahnt nicht, daß die Hand, welche sie kaum im Gruße berührt, all' jene Zeilen geschrieben, die sie unzählige Mal in heißer Liebeswonne, in Verehrung und stolzer Glückseligkeit an die Lippen drückte?«

Marie-Luise preßte wie in jähem Schwindel die Hände gegen die Schläfen und starrte ihn mit großen, weitoffenen Augen an. Der Strauß glitt von ihren Knieen, und die Christrose fiel entblättert und geknickt zu Boden. – Das war die Stunde, vor welcher sie gezittert hatte, das war der erste heiße Kampf, welchen sie gegen ihr eigen Herz kämpfen mußte, das war der furchtbare Augenblick, welcher sie erkennen lehrte, daß die Stimme dieses Mannes nur ein Echo all' der süßen, trauten Worte war, welche mit Flammenschrift in ihr Herz gegraben sind. Ja dieses Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, wenn sich schwindelnder Abgrund dazwischen reißt! Das war die Gefahr, welche wie ein drohend Gespenst an ihrer Seite stand; nur einen Schritt jetzt abgewichen von dem Wege der Pflicht, und es bröckelt unter ihrem Fuß ... und bricht nach und treibt sie rettungslos der gähnenden Tiefe zu.

Unklar und schattenhaft wirbelten die Gedanken hinter Marie-Luises Stirn. Die Größe und die Art und Weise der Gefahr waren ihr fremd, aber sie ahnte dieselbe, sie fühlte ihre Nähe wie ein junges Vögelchen sich instinctiv sicherer in's Nestchen duckt, wenn große Schwingen über seinem Haupte kreisen, gleichviel, ob es die eines Falken oder einer Taube sind.

Marie-Luise reichte dem Freunde ihres Mannes plötzlich die Hand entgegen. Närrin, die sie war, sich vor ihrem Herzen zu fürchten, wenn der bravste und edelste Mann an ihrer Seite saß, er, welcher keine purpurfeurige Blüthe, sondern eine Christrose zum Willkommen gereicht, welcher keines unlauteren Gedankens fähig war, welchem sie vertrauen durfte wie einem Vater! Ein rührendes Lächeln verklärte ihr sanftes Gesichtchen, klar und unschuldig schlugen sich die Kinderaugen zu ihm auf.

»Ja. Graf Goseck, es ist ein Glück und ein schöner Trost in all' meinem Leid, daß ich nicht ganz verlassen und einsam stehe, da mein Mann mir vorläufig noch ein Fremder ist, daß jener Freund, welchen er mir in edelm Vertrauen an die Seite gestellt, mir auch in Wahrheit ein Freund ist! Wie geborgen und sicher fühle ich mich, wenn ich Sie in der Nähe weiß, und wie oft werde ich mich zu Ihnen flüchten, mir Zuspruch und Rath und That zu holen, wenn ich verzagt und kleinmüthig meiner eigenen Kraft nicht mehr vertraue. Ich bin überzeugt, daß Sie, der mein Herz und meine Seele besser kennt, denn irgend Jemand auf Gottes weiter Welt, mich am besten und sichersten auf solchen Pfaden leiten werden, die uns Beiden lieb und heilig sind, solche, die durch Trübsal dennoch zum Licht führen und solche, die gerad' und ehrlich durch's Leben geleiten, eine Ehre und ein Stolz für Jeden, der sie wandelt!«

Goseck zog ihre Hand an die Lippen. Sein Blick starrte secundenlang gerade aus, in seinen farblosen Zügen kämpfte und arbeitete es, wenn auch unmerklich für Frau von Nennderscheidt's harmloses Auge.

»So wollen Sie an der Seite Ihres Mannes auf Dornen und Nesseln durch Kampf und Sturm gehen, so wollen Sie leiden und dulden und Fesseln ertragen, welche Ihnen hinterrücks um Hand und Herz gewunden sind?«

Es klang wie ein tiefes, knirschendes Mitleid in seiner Frage, und als solches faßte Marie-Luise sie auch auf.

»Gewiß; also ist es mir beschieden, und also werde ich mein Schicksal ohne Groll und Murren ertragen« und mit herzzerreißendem Lächeln wiederholte sie: »›Je tiefer das Herzeleid in's Mark schneidet, desto edlere Blüthen trägt der Lebensbaum,‹ und wer weiß, wie nothwendig mir die Hand des Gärtners war!«

Er zog die Brauen zusammen. »Warum das Leben so schwer nehmen! Blicken Sie um sich, wie bunt und lustig Freude und Genuß den vollen Becher überschäumen läßt. Eine moderne Ehe! Niemand nimmt sie heut zu Tage ernst oder tragisch. Ein jeder der Gatten geht seinen eigenen Weg, und Beide sind glücklich. Die Welt kennt keine Scrupel mehr und wirft das Gewissen als Ballast über Bord. Auch die Wunde, welche die herbe Lehrmeisterin Erfahrung Ihnen geschlagen, wird vernarben, und Niemand auf unserem leichtlebigen Planeten wird mehr glauben, daß die Baronin Nennderscheidt jemals – Grillen gefangen!«

»Niemand vielleicht. – weil ich der Welt keine Thränen zeigen, weil ich freudigen Muthes meinem Ziel entgegen streben werde; Einer aber wird mich besser kennen denn Alle, wenn dieser Eine jetzt auch noch so fremde wunderliche Worte spricht! O Sie guter, opfermuthiger Freund! Um mich zu trösten und über die ernste Wirklichkeit eine Brücke in's Ballgewühl zu schlagen, das mich mit bunten Gaukelbildern zerstreuen soll, sprechen Sie Worte aus, an die Sie selber nicht glauben, und welche Sie mir nun und nimmermehr in Wahrheit zur Richtschnur geben würden! Wie gut, daß ich Sie besser kenne, zu gut, um auch nur einen Augenblick eine falsche Meinung von Ihnen zu bekommen!«

Zum zweiten Mal stieg es roth in seinen Schläfen auf, er hob jäh das Haupt und sah sie einen Augen blick an, wie ein Träumender; dann sprang sein Blick schnell ab und haftete auf der Thüre, welche Foyer und Corridor verband.

»Und werden Sie sich auch für einen Mann aufopfern, wenn Sie täglich klarer und deutlicher sehen, daß er all Ihre Treue mit Leichtsinn und Undank lohnt?«

Marie-Luise war unwillkürlich seinem Blick gefolgt, ein Zittern flog durch ihre Glieder, mechanisch preßte Sie die Hände fester ineinander.

Olivier und Fürstin Claudia schritten vorüber. Aug' in Auge gesenkt, lachend, scherzend ... vertieft in ihre Unterhaltung. Auf die goldgegitterte Bank warf sich das reizende Weib nieder, umschaukelt von Palmblättern, überrankt von süß duftenden Blüthen, und sie lehnt das Köpfchen träumerisch zurück, streift mit zwinkerndem Blick die Gemahlin Olivier's und schmachtet noch verführerischer zu dem Mann an ihrer Seite auf.

Nennderscheidt ahnt nicht die Nähe Marie-Luise's, sein Blick hängt wie verzaubert an dem Antlitz derer, welcher zum Schabernack er sich einen Trauring an den Finger gezwängt! Er neigt sich zu ihr nieder, er hat tausend angenehme, amüsante Worte zu sagen, ... so wie Fürstin Claudia hat er Marie-Luise niemals angeschaut. Ein brennender Schmerz zuckt durch die Brust der jungen Frau, die erste, unaussprechliche Qual der Demüthigung faßt schwindelnd all' ihre Sinne und treibt dunkele Schatten vor ihr heißes, thränenloses Auge.

»Werden Sie sich auch dann noch für ihn aufopfern?« – wiederholte Gosecks gedämpfte Stimme.

Sie wandte langsam das Haupt. »Dann erst recht!« sagte sie feierlich, mit bleichen Lippen. »Wer soll sonst wohl bei ihm bleiben, wenn alle guten Engel ihn verlassen!«

Voll leidenschaftlicher Gluth brannte sein Auge, aber seine ganze Haltung hatte etwas Ehrfurchtsvolles, beinahe Unterwürfiges.

»Gnädige Frau.« sagte er leise, stockend. »ich glaube, dieser Augenblick hat mich wunderbar verwandelt. Es giebt ein Lied, welches ich nie verstanden, welches ich stets als überspannte Poesie verspottet habe; jetzt aber däucht es mir, als ob ich selber die Hände falten müßte, die Worte jenes Dichters aus übervollem Herzen zu wiederholen – ›betend, daß Gott Dich erhalte, so schön, so rein, so hold!‹« –

Ein müdes Lächeln irrte um ihre Lippen, dankend drückte sie seine Hand. »Lassen Sie uns gehen!« bat sie gequält.

Er erhob sich hastig und bot ihr den Arm. Sein Blick traf Olivier, finster, voll grausamen Hohnes. Eine alte Geschichte fiel ihm plötzlich ein, lautete also: »Nun wollte der Arge ihn versuchen, und streute rothes Hexengold trügerisch auf den Weg, da er ging. Rothardus aber ward geblendet, fiel darüber her und ließ sein Kleinod aus den Händen. Da kam ein Anderer und hob es auf.« – – Ja, ein Anderer kommt und nimmt Besitz von dem köstlichen Juwel, welches Du Narr als Kiesel von Dir wirfst! Nicht rasten und nicht ruhen wird er, bis er es sein Eigen nennt, bis er den Fingerreif entzwei geschlagen, in welchem eine Königsperle unbeachtet an Deinem Finger glänzt!

Olivier schaute flüchtig auf, als fühle er den Blick seines vorüberschreitenden Freundes. Es lag etwas Fascinirendes in dem grauen Auge des Grafen, über welches sich langsam und etwas nervös zwinkernd die Lider herab senkten.

Diesmal hatte Baron Nennderscheidt keine Zeit, seiner Gemahlin eine neckende Bemerkung nachzurufen: der Fächer glitzerte so grell in den Händen der Fürstin und blendete ihm Augen und Sinne. –

Hexengold! –


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