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Viertes Kapitel

»Wagehälslein! Frechliebster! Ich kenn' dich!« –

Scheffel.

 

Der Diener im schwarzen Frack und der tadellos weißen Binde, ließ die schwere Plüschportière, welche er vor dem Eintretenden auseinander geschlagen, an den Bronce-Ringen zurückrollen.

»Hoheit Prinz Maximilian nebst dem Lieutenant zur See von Hovenklingen und dem Kammerherrn Graf Molay, – Durchlaucht zu Befehl; – Seine Königliche Hoheit der Großherzog selber sind heute Abend durch die Anwesenheit der Prinzessin Caroline verhindert.«

»Bon; – da haben Sie meinen Mantel, Alter, – verflucht regnerische Temperatur heute Abend ... und sonst ... wer ist sonst noch von den Herren anwesend?« – Der Sprecher, ein eleganter, schlankgewachsener Offizier in Leib-Dragoner-Uniform, mit scharfmarkirten Zügen und einem Anflug von Bart auf der Oberlippe, trat vor den wandhohen Spiegel, dessen fast übertrieben prächtiger Rahmen sich auf ruhende Broncelöwen stützte, und strich mit zwei Elfenbeinbürstchen das Haar am Hinterkopf und über der Stirn in seine streng gescheitelten Lagen.

»Fast sämmtliche Herren anwesend, Durchlaucht, ganz wie gewöhnlich ... nur Excellenz, der Herr Oberlandjägermeister sind auf Dienstreise, und Herr Rittmeister von Zechow noch krank ...

»Weiß ich. – Also en avant, – ziehen Sie mal die Klappe auf!!« –

Lieutenant Prinz Hohneck wandte sich der seitlichen Flügelthüre zu, welche der Clubdiener diensteifrig aufschlug, und trat mit leise klingenden Sporen über die Schwelle. –

Ein mit allem erdenklichen Luxus ausgestatteter Salon dehnte sich vor seinem Blick aus; durch eine wenig verhangene Mittelthüre schaute man in eine lange Flucht saalartiger Gemächer, von deren Decken die verschiedenen, lichtfunkelnden Kronleuchter hernieder hingen. Lautes Stimmengewirr schlug dem Eintretenden entgegen.

In dem »Renaissance-Zimmer« debattirten etliche Herren an dem Billard. Grauköpfige Excellenzen und ein paar avancirte Vertreter der Diplomatie hatten eine solide kleine Partie arrangirt.

Der alte Fürst York, Besitzer von Millionen, ächzte vor Herzleid über verlorene zwanzig Pfennige wie ein Sterbender. »Was der Mann ein Glück hat! was der Mann ein Glück hat!« – wiederholte er bei jedem neuen Stoß des Gegners mit seiner leisen, stets enrhümirten Stimme: »ich muß aufhören, meine Herren ... das geht über meine Verhältnisse ... mon Dieu, was der Mann ein Glück hat!« –

Hohneck schritt mit respektvollem Gruß vorüber.

Im Lesesalon lagen etliche Cavaliere in Sesseln und Schaukelstühlen, Kneifer auf der Nase, die Füße weit von sich auf schwellende Felle gestreckt, hie und da gelangweilt die Arme dehnend, oder mit leisem »Pardon ... Verehrtester ...« sich über den Nachbar vorneigend, um mit wohlgepflegter und ringgeschmückter Hand in den Zeitungen und Journalen zu wühlen.

Der Prinz nickte den Aufschauenden zu, klopfte en passant einem Kameraden auf die Schulter und verschwand hastig hinter der nächsten Portière.

»Die unsolide Ecke!« – waren die letzten beiden Salons von den Besuchern des Adelclubs getauft worden. – Dort waren Buffet und Spieltische aufgeschlagen, dort versammelte sich die jeunesse dorée unter den kochenden Gasflammen und unter der Devise »Noblesse oblige«, welche auf goldenem Wappenschild, umrahmt von den Emblemen edler Ritterschaft gleichsam als Wahrzeichen dieser »heiligen Hallen!« über der Thür thronte. – An langer Tafel saß ein Theil der jungen Herren vor dampfenden Punschgläsern. Die Mitglieder des Adelclubs recrutirten sich ausschließlich aus dem, in der großherzoglichen Residenz garnisonirenden Offiziercorps, von welchen jedoch meist nur die Cavallerie allabendlich, solang nicht die Feste der Saison die Zeit beschränkten, anwesend waren; ferner aus den Vertretern des Corps diplomatique, den höchsten Spitzen der Regierung, Hofchargen und Landadel, sowie den Pensionären, welche sich mit gekrönter Visitenkarte in die Hofkreise eingeführt hatten. –

Seine Königliche Hoheit der Großherzog protegirte den Adelsclub in jeder Weise und zeichnete denselben durch seine öfteren Besuche aus, ebenso waren der Erbgroßherzog und dessen jüngerer Bruder Prinz Maximilian als Ehrenmitglieder der Namens-Liste oben angestellt. –

Prinz Maximilian, ein frischer, blühend aussehender junger Mann mit dunkelblondem Haar und außerordentlich lebhaften Augen, in der Uniform eines Capitain-Lieutenants, saß auf bequemem Polsterstuhl an der Tafel, um sich in zwanglosester Weise an der allgemeinen und äußerst animirten Unterhaltung zu betheiligen.

Zu seiner Linken hatte Lieutenant von Hovenklingen, sein vertrauter Freund und Adjutant Platz genommen. Auch auf dessen Antlitz hatte die Seeluft ihre warmen Farben gemalt, hatte es gebräunt unter tropischer Sonne und all den heiteren, durchsichtig strahlenden Glanz blauer Meeresfluth in die Augen gesenkt, welche glückselig lachend wie ein Kind, treuherzig und grundehrlich in die Welt schauten. – Haupthaar und Schnurrbart waren goldblond, die Figur groß und markig, Sprache und Wesen natürlich und bieder, ohne dabei derb zu sein.

Er neigte sich ein wenig auf dem Stuhl zurück und schaute interessirt durch die offene Thür in den kleinen Ecksalon, in welchem etliche Herren am Spieltisch saßen.

Hinter ihnen standen verschiedene Cavallerie-Officiere als Zuschauer, ganz gegen die Regeln des Spielzimmers laut debattirend und lachend, mit übermüthigem Zuruf das Ecarté hie und da unterbrechend: »Ist ja zum Auswachsen, Nennderscheidt! nicht immer mit Goseck isoliren! Zum Blitz und Knall, laßt uns mal eine ›lustige Neune‹ auflegen! Heda! verehrtester Hohneck, schwimmen Sie näher, fehlen gerade noch als Einzigster im Rathe würdiger Männer! – Also en avant ... setzen Sie Ihren Gegner lahm, Goseck, und machen Sie es wie die Buchholzen, – in den ›Speieckel‹ mit den Ecarté-Wenzeln!!« … –

Schallendes Gelächter. Freiherr von Nennderscheidt raffte mit brillantblitzenden Fingern die Karten zusammen und warf sie klatschend auf den Tisch. »Weiß der Teufel!« rief er mit einer Stimme, in welcher Humor und Sarkasmus ihre silbernen Klangfäden verstrickten, »man braucht blos mal eine solide Anwandlung auf eine Partie à deux, welche nicht »vingt et un« heißt, zu bekommen, so schickt die Hölle ihre Adjutanten und zieht einen an beiden Frackschlippen wieder rückwärts in die Reihen der Fegefeueraspiranten! – ›Wenn Dich die bösen Buben locken ...‹«

»So folge ihnen nicht sondern geh' voran!!« fiel ein Premierlieutenant mit tiefstem »Porter-Baß« ein, drehte mit übermüthigem Griff einen geschnitzten, altdeutschen Stuhl herum und nahm rittlings Platz, »me voilà im Sattel, meine Herren, das Turnier beginne! Nennderscheidt hält Bank! ... Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp?!«

»Nee ... nich knapp ... man immer hübsch vollen Einsatz!!«

»Au! ... ›Haut ihm!‹ ... jeder unverheirathete Witz, der aus Kalau gebürtig ist, kostet fünfzig Pfennig Strafe!«

Nennderscheidt schnitt eine liebenswürdige Grimasse. »Da haben Sie 'ne Mark, Cerberus, ich habe vorhin noch einen von ähnlicher Sorte verbrochen!«

»Beichten!!« –

Graf Goseck stemmte sich mit beiden Händen auf den Tisch und erhob seine Stimme derartig, daß die Lichter der beiden Silberleuchter wie Irrlichtflämmchen flackerten. »Ja wohl, Rittmeister, theuerstes Pfläumchen, das geht Sie an! Drehen Sie dem verlorenen Sohn hier den Hals um, er hat Ihrer Frau für einen Spitznamen gesorgt!«

»Teremtete – Mensch ... Nennderscheidt ...«

»Hahahaha! erst zuhören, Pfläumchen, die Sache ist ja harmlos wie ein weißes Kaninchen! Das kommt davon, wenn man in jugendlichem Uebermuth als Lieutenant eine Wette macht, seinem gestrengen Herrn Commandeur die Pflaumen aus dem Garten zu persuadiren und ihn dann zum »Zwetschkenkuchen« einzuladen, dann behält man Zeitlebens den Spitznamen »Pfläumchen!«, und sehen Sie, Nennderscheidt dankt ja Gott, wenn er schwarze Eier ausbrüten kann, er sagt: Wenn er Pfläumchen heißt, dann heißt sie« –

»Raus damit!!« «

»Na ... m adame la Reine Claude!!

»Bravo! – großartig! Frau Rittmeister die madame la reine claude!! ... hahah!!«

Am lautesten lachte Pfläumchen. »Ein verfluchter Kerl! ... Umarmen wir uns ... ich lasse Sie in Butter braten! ... und Morgen essen Sie, bitte, bei madame la Reine Claude zu Mittag – dann wird sichs ja zeigen, ob sie sauer oder süß ist!« ...

»Messieurs – faites votre jeu!!« – –

»Ah, die lustige Neune! bitte anzufangen!«

Hovenklingen neigte sich näher zu seinem fürstlichen Freund. »Scheint ja eine urfidele Ecke da drinnen zu sein, Hoheit; es würde mich riesig interessiren, ein Weilchen dort vor Anker zu gehen!«

»Selbstredend, ›klar‹ zum Zusehen. Kann Ihnen vielleicht ein wenig Commentar zu den einzelnen Stichworten geben! Sie haben da die Haupthechte unserer Société de X, vor sich. Lootsen wir uns näher.«

Maximilian erhob sich und trat mit dem jungen Seeoffizier in den Thürrahmen, gleicherzeit schlängelte sich ein Clubdiener unter devotesten Excüsen an ihnen vorüber, um dem Freiherrn von Nennderscheidt eine Depesche zu überreichen. Momentane Stille. Das Papier wurde knisternd aufgerissen ... »Ah ... Donnerwetter ... meine Tante gestorben! ... Sehe einen Ducaten auf die Sieben!«

Wieherndes Gelächter.

»Ganz wieder Nennderscheidt! Unglaublich, aber wahr!« flüsterte der Prinz in das Ohr seines Begleiters, »der tolle Junker! Die Welt sagt nicht zu viel von ihm! Sehen Sie ihn sich mal genau an, werde Ihnen dann ein paar Kapitel aus dem ›Logbuch‹ von ihm erzählen.«

Hovenklingen's klare Augen hasteten voll forschenden Interesses auf dem Freiherrn, groß und fast neugierig, wie ein Kind, das zum ersten Mal in dem Leben den fremden Zauber einer Laterna magica anstaunt.

Der tolle Junker! Olivier, Reichsfreiherr von Nennderscheidt, Grundherr auf Gadebusch und Roggerswyl ... Derselbe, von welchem er bereits die fabelhaftesten Dinge, die Uebermuth, Tollkühnheit und goldgefüllte Hände ausüben können, gehört, derselbe, um welchen sich ein fast sagenhafter Kreis amüsantester Anecdoten, waghalsigster Reiterstücklein und schier unglaublicher Wetten gesponnen hatte, ein Mann, dessen Namen schon weit über die Landes-Grenze hinaus sprichwörtlich geworden, wenn es galt, einen Sonderling eigenthümlichster Art treffend zu bezeichnen, – hier saß er vor ihm, »klar« zum genausten Beobachten.

Sehr groß und stattlich, eine wahrhaft ritterliche Figur, lag er auf nonchalanteste Weise in dem Sessel. Beide Ellbogen stemmten sich auf den Tisch, – aus den weit zurückgeschobenen Aermeln sahen moderne buntfarbige Seidenmanschetten hervor, unter welchen eine massiv goldene, wuchtige Armkette mit echtem Georgsducaten hervor blitzte. Sehr energische, aber tadellos weiße, wohlgepflegte echt aristokratische Hände stützten entweder momentan das Haupt oder manövrirten in leicht schlendernder Weise mit den Karten; es lag in der ganzen Erscheinung sowie Art und Weise des Freiherrn eine ungekünstelte, imponirende Eleganz und Noblesse, und doch gleicherzeit eine Nachlässigkeit, welche stark an die outrirte Zwanglosigkeit englischer Lords erinnerte. Er mochte in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre stehn. Regelmäßige sehr ausgeprägte Züge markirten sein Antlitz, in welchem zwei tiefliegende blaugraue Augen blitzten, groß, durchglüht von unbändigem Gefühl und dennoch lachend in fast naiver Harmlosigkeit, ein eigenthümliches Gemisch von Licht und Schatten, nur beeinflußt vom Augenblick. Ein blonder Schnurrbart kräuselte sich über den auffallend schönen Zähnen, und die beiden Haarwellen des Scheitels leicht gelöst, fielen tief in die Stirn; Humor, Lebenslust und Ungestüm wetterleuchteten auf dem schmalen Antlitz, über welches die Erregung des Spiels ihre gluthfarbenen Lichter warf. –

Neben Nennderscheidt saß Graf Goseck, sein intimster Freund. Schlank, unmerklich ergraut, bis in die kleinste Nüance den »tollen Junker« copirend. Ein scharfer und geistvoller Ausdruck lag auf seinem bartlosen Gesicht, sein Blick, stets von unten herauf streifend, hatte leicht etwas Lauerndes und Berechnendes, und zeitweise konnte er lächeln, daß es aussah, als weise er die Zähne.

Nennderscheidt ging durch's Feuer für ihn; war es doch einzig und immer wieder Goseck, welcher auf jede seiner wunderlichen Ideen einging, welcher keine Wette, und war sie noch so riskirt, kostspielig und verrückt, ausschlug, welcher mit zäher Beharrlichkeit die anreizende Concurrenz bot, an welcher sich die Launen und Marotten des Freiherrn reiben konnten.

In den großen, flüchtigen Strichen ihrer Personal- und Charakterzeichnung schienen Beide sich auffallend ähnlich, in den feineren Schattirungen trat der grelle Unterschied desto deutlicher zu Tage. Bei Nennderscheidt war jegliches Wort und jede Handlung die Ausgeburt völliger Ueberzeugung und leidenschaftlicher Begeisterung; was er that und unternahm, geschah jähem Impuls zufolge, sein hitziges Temperament spornte ihn blindlings in die gewagtesten Situationen hinein, welche er mit dem Uebermuth eines Kindes, das keine Gefahr kennt, und mit dem Ehrgeiz eines Mannes, der das gesteckte Ziel erreichen will, – coute qui coute, – verfocht und durchführte! Was es auch sein mochte, ein Ritt auf Tod und Leben, ein Gang um Rose oder Lorbeer, eine Wette um Hab und Gut, – stets war Nennderscheidt mit der größten Passion, mit Leib und Seele bei der Sache, und auf seinem lachenden Angesicht stand geschrieben: »Ich thu's, weil ich's nicht lassen kann!« und sein Auge blitzte noch dazu: »Und weil's mir ganz collossalen Scherz macht!!« –

Graf Goseck war ruhig, besonnen, kaltblütig bis zur Gefühllosigkeit. Er lachte auch zu seinen tollen Streichen, aber immer erst hinterher, und wenn Nennderscheidt's Stirn sich dunkelroth färbte vor Erregung, dann wurden die Züge seines Gefährten blaß und starr, und wenn der Freiherr sterben wollte vor Lachen und Amüsement, dann putzte sich Goseck die Gläser seines Pincenez erst sehr klar und hell, um zu sehen, ob es sich denn auch wirklich lohne, zu lachen. Immer aber trotzte auf seinem Antlitz die Devise des eisernsten Willens, welche kühl und überlegen aus klugen Augen spricht: »Ich wag's, denn ich will's!« –

Lange hatte der junge Marineoffizier die beiden Herren betrachtet; er wandte sich wieder zu dem Prinzen. »Also auch auf dem Festlande giebt es Gesellen, bei denen es sozusagen acht Glas geschlagen hat, Hoheit!« lachte er in seiner frischen Art: »Die beiden Kerle da zu studieren scheint mir schwieriger als wie im Palmenfrieden von Dominica Schlittschuh zu laufen! Wollen die kleine Scene am Spieltisch noch ein Weilchen peilen, ehe sich unser Anker wieder in dem Punschglase festbeißt!« –

Maximilian lachte und trat mit zwei langschlur renden »Achterdeckschritten« auf den kleinen Eckdivan zu, um sich behaglich in die schwellenden Polster niederzuwerfen, den Freund an seine Seite winkend.

»Recht so, Hovenklingen, ich bin überzeugt, daß es sich lohnt. Haben Beide die Reise um die Welt gemacht, aber zwei solch verdrehte Käuze nirgends zuvor angetroffen. Da sehen Sie sich das Gespann vor dem Triumphwagen der Königin Narrheit an, welcher von Beiden ist Ihnen der sympathischere?«

»Nennderscheidt ohne Frage!« war die fast hastig geflüsterte Antwort.

»Recht so; ganz meine Ansicht. Allerdings ist irren menschlich, und der erste Eindruck nicht immer der maßgebende, aber nachdem ich jener ›Doublette‹ zum ersten Mal im Leben, kaum eine Viertelstunde lang, gegenüber gestanden, da war ich ›klar‹ zum Urtheil!«

»Und wie lautete das? durchgedreht?!«

Prinz Maximilian that einen behaglichen Zug an der Havanna, welche er höchst eigenhändig in dem heimtückischsten, buntesten und meerleuchtendsten aller Seehafen erhandelt, und neigte das Kinn tief auf die Brust hernieder. »Folgendermaßen. Rennderscheidt ist thatsächlich Original, Goseck Imitation, Nennderscheidt ist Gold und jener Talmi. All die tollen Streiche und Verrücktheiten, welche der Erstere in Scene setzt, sind nichts Anderes als die bunten Seifenblasen in seinem Hirn, welche er einzig sich selber zum Amüsement in die Welt hinaus bläst, zweck los, übermüthig, grillenhaft. Goseck hingegen hat bei Allem, was er thut, ein Ziel vor Augen, welches, ist mir unklar, doch definire ich das Nächstliegende! er will sich interessant machen. Nennderscheidt's verdrehteste Streiche sind oft erst nach Jahr und Tag bekannt geworden. Goseck ist eifrigst bemüht, Alles sofort an der großen Glocke und weit und breit besprochen zu wissen. Ist es einzig Eitelkeit oder eine Art Größenwahn von ihm, eine vielgenannte Persönlichkeit zu sein, – ich weiß es nicht, auf alle Fälle wird es mir interessant sein, gerade diese Seite seines Charakters eingehender zu studiren!« und Maximilian heftete das große, leuchtende Blauauge, mit dem durchdringenden Blick auf den Gegenstand seiner Reflexionen, welcher soeben mit zögernder Hand und entschiedenem Erwägen des »ob – oder ob nicht« eine Karte besetzte. »Goseck hat die Maxime trotz seines anscheinenden Ungestüms, reiflich zu überlegen, seine Extravaganzen gewissermaßen ›auszuarbeiten‹ und so lange daran zu feilen, bis sie ihm verrückt genug erscheinen; bei Nennderscheidt heißt es ohne Besinnen sofort im ersten Ansturm: ›Gewehr zur Attacke rechts, marsch marsch, hurrah!‹ – und was ihm da nicht glückt, das glückt ihm nie!« –

»Nun und welcher Art sind denn die Tollheiten, welche so viel von sich reden machen?«

Maximilian zuckte die Achseln und strich die Cigarre an dem Cuivrepolifeuerzeug auf dem kleinen Nebentischchen ab. – »Wer kennt die Völker, zählt die Namen!« lachte er. »Die Chronique scandaleuse, welche Nennderscheidt und Goseck als Titelhelden nennt, ist dicker wie die Bibel. Was aber jetzt zum Beispiel als ›neuster‹ und ... eigenartigster Sport in Paris gilt, das Wettrennen von Schnecken, das hat Nennderscheidt längst hier bei uns praktiziert, ehe nur ein Franzose daran dachte!« –

»Schnecken? Wettrennen?!« Hovenklingen lachte unwillkürlich laut auf: »Donnerwetter noch eins, die möchte ich mal starten sehn!«

»Ich hatte dieses seltene Vergnügen. Urspaßhaft, aber auch urverdreht! Stellen Sie sich die Rennbahn auf einem langen Eßtisch vor, ausgestattet mit allen raffinirten Hindernissen eines Springgartens; oben, am Ziel ein Licht, sonst das Zimmer verdunkelt, und nun die edeln Vollbluts mit dem Tornister auf dem Buckel, getauft auf Namen, welche je einem Araber oder schnittigen Engländer Ehre gemacht, langsam aber sicher sich in die Riemen legend – und am Tische sich vis-à-vis Nennderscheidt und Goseck, stundenlang vor Anker ... die Wette haltend! Ich muß gestehn, daß die Sache mir colossalen Scherz gemacht hat!«

»Ist die Möglichkeit. – Uebrigens dämmert mir plötzlich die Stelle eines Briefes, aus welchem Hoheit die Gnade hatten, mir an Bord der Corvette, wenn ich nicht irre bei Port Natal, vorzulesen. Es war von der jüngsten Marotte eines heimathlichen Sonderlings die Rede ... hatte als neusten Sport aufgebracht, ›Frösche zu harpuniren‹ ...«

»Natürlich ... C'est ça! – war der tolle Junker! hahaha ... famos ... dessen erinnern Sie sich noch! Ich dächte« ...

Der Prinz unterbrach sich und wandte sich wieder aufhorchend nach dem Spieltisch, an welchem sich ein schallendes Halloh erhob. »Da scheint wieder etwas im Werk zu sein. – los dafür! Hovenklingen, vertäuen wir uns mal hinter den Stühlen der Kerle!«

Die Herren erhoben sich hastig und traten, sich auf die Stuhllehne stützend, dicht hinter die Spielenden.

»Nein, Kinder ... ich spiele um keine Laus mehr, geschweige um Dukaten!« rief Nennderscheidt, gelangweilt die Arme dehnend, »was hat denn das miserable Geklimpere noch für Reiz?! dreht Euch einen Fidibus aus den Banknoten und werft mit den Goldstücken Häschen auf dem Wasser ... steht mir bis an den Hals, dies Zeug, und soll mich noch abschinden drum und Wenzel drehen ... nee ... spiele nicht mehr um Geld!«

»Na zum Teufel, um was denn sonst? um Berliner Pfannkuchen etwa?!« – Pfläumchen lachte, daß seine enge Uniform in den Nähten knackte.

»Sprich nicht von Rom!! – Bin erst einmal im Leben einem interessanten Pfannkuchen begegnet, in den war nämlich Schusterpech eingefüllt anstatt Mus, – kleiner Fastnachtsscherz von mir, wollte rauskriegen, ob die Miß Adolphine bei Renz falsche Zähne trug« ...

»Hahaha! – verdeiwelte Idee! – und blieben kleben?«

»Na, das versichere ich Sie ... wie ein ahnungsloser Fremder, der sich bei Frau von Itach auf einen von den ehemals roth gewesenen Sesseln setzte!«

Ungeheuere Heiterkeit.

»Der Itachsche Haushalt ist für sehr malpropre verschrieen!« flüsterte Maximilian in das Ohr des Freundes.

»Na los! – Coupiren Sie, Nennderscheidt!«

»Kinder, ich sag's Euch ja – ich spiele nicht mehr um Geld, – langweilt mich!«

»Na, dann schlagen Sie den Einsatz vor!«

Olivier legte behaglich und breit beide Arme auf den Tisch, stützte das Kinn auf den aufgestellten Daumen und blinzelte mit einem seiner übermuthstollen Blicke herausfordernd unter den dunklen Wimpern hervor. »Hm – wie wäre es ... wenn wir zum Beispiel mal anstatt der ewigen Pfeffernüssel um – die Ohren spielten?«

»Die Ohren?! ... Heiliges Kanonenfutter! – Faule Witze kosten fünfzig Pfennig Strafe!«

Wie ein jäher Windstoß rauschend durch die Blätter eines Wipfels fährt, ging eine Bewegung durch das Publikum des Spieltisches; nur Goseck hob aufhorchend den Kopf und zog die Lippe über den weißen Zähnen empor.

»Was heißt das, um ›die Ohren‹ spielen?«

»Na, sehr einfach! wer gewinnt, schneidet seinem Gegner einen von den überflüssigen Löffeln vom Kopf! – Famose Idee, da kribbelt es einem doch mal wieder vor Spieleifer durch alle Nerven, ach – und ich habe factisch schon so ewig lang nicht mehr mit Passion gespielt!«

»Nennderscheidt ... Mensch – sind Sie denn rein des Kuckuks mit einer solch blutgierigen Shylock-Idee?!«

»Unsagbar, Hoheit, er riskirt bei Gott seine Leesegel!!«

Olivier lachte schallend auf. »Ist ja himmlisch, meine Herrn ... hahaha ... seht doch nur, wie sie sich Alle à tempo nach den Ohren fahren ... n och sitzen sie; wer aber wagt sein Fell und spielt eine Partie Ecarté mit mir um das linke Lauscherchen!?«

Athemlose Stille. »Ich! mon ami, – das bedarf wohl keiner Frage!« – Goseck zuckte lässig die Achseln, seine Stimme klang, als habe er gesagt: »Ein belegtes Brödchen, Kellner!« – aber in seinem Auge glühte es auf, und der Griff, mit welchem er das Kartenspiel zusammen raffte, hatte etwas Nervöses.

»Unsinn, Kinder! laßt solch infamen Unsinn! heute um die Ohren, morgen um die Nase ... das giebt ja die reine Schlächterei!« –

»Na selbstredend, Gräfchen! Alle Herren sind hochachtungsvollst zur Metzelsuppe eingeladen! Also vorwärts mein wackrer Goseck, alte, fidele Schraube, die mich niemals im Stiche läßt!« und Nennderscheidt schlang den Arm um den neben ihm Sitzenden und klopfte ihm zärtlich den Rücken.

Maximilian legte die Hand auf des Freiherrn Schulter. »Lieber Baron, wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?«

»Ich bin Ihr Werkzeug, Hoheit!«

»Bon, dann begnügen sich die Herren für diesmal mit dem Ohrläppchen! der Einsatz ist alsdann genau so originell, und das Risiko und die Verantwortung für uns, als Zeugen dieser kitzlichen Partie, nicht gar zu groß! Hol's der Teufel, Nennderscheidt, Sie verstehen es, der ›unsoliden Ecke‹ für Anregung zu sorgen!«

»Ist allerdings nur der halbe Witz, Hoheit, aber für den Anfang mag's dabei bewenden, – und nun avanti! – jux trululu – das soll ein Capitalspielchen geben!« Und Olivier schüttelte die Haare aus der heißen Stirn und rückte voll heitersten Ungestüms seinen Stuhl näher.

»Na, zum Geier, soll die Schneiderei etwa hier vor sich gehen?«

»Hm ... mein Taschenmesser ist elend stumpf ... was da! wir ziehen nachher Alle zusammen zu dem Friseur ... na ... wie heißt der Kerl gleich ... oben am Marktplatz ... und da wird der Besiegte verstutzt!«

Erst stürmisches, lachendes Durcheinander, dann fielen die Karten. – Todtenstille.

Gleichmüthig, blaß, mit feinem Lächeln um die leicht zitternden Nasenflügel saß Goseck, lachend, glühend, fröhlich wie ein Kind sein Gegner. Athemlos um sie her die Andern.

Maximilian hatte sich einen Moment in das Nebenzimmer gewandt, etliche Herren herzu zu winken.

»Geben Sie acht, Hovenklingen.« raunte er in das Ohr des jungen Seemanns, welcher voll fiebernder Spannung das wunderliche Spiel verfolgte. »Jetzt entbrennt der Kampf um's Verlieren! Keiner gönnt dem Andern das abgeschnittene Ohr, diese Siegestrophäe des nächsten Landklatsches; passen Sie auf. Sie haben im Leben noch nie so schlecht spielen sehn wie jetzt!«

Und der Prinz hatte recht.

Wüthend schleuderte Goseck, den letzten Stich nehmend, die Karten schließlich auf den Tisch, laut aufjubelnd vor Triumph sprang Olivier empor; er selber hatte verloren, er selber war besiegt!!

»Wenn das mein Löffel wüßt', daß 's Läppchen scheiden müßt!« sang er mit weit ausgebreiteten Armen. »Auf nach Valencia, Messieurs! ich bezahle die Zeugengebühren!«


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