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Sechstes Kapitel

»O schenkt, so lang ihr lebt, kein Ohr
Der Schwätzer und Verläumder Rath!« –

Crestien von Troies.

 

Rothglühende Lichter hatten die Ordensinsignien gegen den Nachthimmel gezeichnet. In Brillantfeuer glitzerte das Bild des Löwen unter der Fürstenkrone, das Schwert der Gerechtigkeit züngelte wie eine bläulich grelle Flamme in seinen Klauen, und die Palmzweige schlangen sich knisternd, Funken sprühend, und wundervoll gefärbt zum früchteschweren Kranz. – Darüber hin knatterten ungezählte Raketen in das dunkele Gewölk empor, ihre Leuchtkugeln und Vergißmeinnichtregen versprühend und in Millionen hellen Fünkchen, gleich einem brennenden Schneefall zurückrieselnd. Buntfeuer lohte empor, durchzuckt von den grellen Blitzen crepirender Luftbomben und Sterngranaten; wie ein blendendes und glühend durcheinander wallendes Strahlenmeer stürzten die Feuerräder ihre Garben dazwischen, und drunter her und darüber hin wirbelten die farbenprächtigen Rosetten und Schwärmer, krachte, knallte und zischte es in funkelndem Chaos.

Die herbstlich colorirten Wipfel der Parkbäume brannten im Wiederschein, die Fontainen glimmerten wie Feengebilde im Märchenbuch, und die herabbrechenden Wogen des Wasserfalls waren in Gold, Blut und flüssiges Perlmutter verwandelt. Ueber Allem aber schwebte wie eine Fata-Morgana der uralte Schloßbau, grell heraustretend aus der tiefen Finsterniß, welche den Fuß des Burgberges deckte, erglänzend in wechselnder Beleuchtung, gleich einem Dornröschenschloß, welches üppige Phantasie an das Firmament gemalt.

Dann waren mit letztem, gewaltigen Auflodern die Lichtmassen zusammengesunken; als habe die Nacht sich voll neidischer Gier erstickend über all den Glanz geworfen, gähnte die Dunkelheit über Schloß und Park, und wie verhüllte Pracht noch hier und da durch zerfetzten Mantel blinkt, so leuchteten einzig die Lampions auf den Wegen, wie eine Erinnerung an Vergangenes und Versunkenes. Und allmählig verlöschten auch die Lichter in dem neuen Palais. –

Wie Mondschein floß noch ein Lichtschimmer durch die Spitzengardinen eines Hofdamengemaches.

Die Ampel schwebte wie eine matte Silberkugel von der gemalten Decke hernieder, der seidene Vorhang des Himmelbettes war zurückgeschlagen. Tiefe, tiefe Stille. – Die gefalteten Hände auf die Brust gelegt, ein Bild verkörperten Seelenfriedens lächelte Fides von Speyern im Traum.

»... Aber Ihre Worte vergesse ich nicht ...« wie ein süßes, namenlos beglückendes Echo hallte es durch ihre Seele. – – – – – – – – –

* * *

Gläserklingen! – lautes, verworrenes Getöse weinschwerer Stimmen!

Die Stammgäste der unsoliden Ecke des Adelsclubs bereichern ihre Memoiren!

Der bedeutungsschwere Tag des Ordensfestes fand seinen Abschluß in der Gartenhalle des Parkes, in welchen von Großherzoglichen Lakaien umschwirrt, das Buffet aufgeschlagen war.

Nachdem sich der Hof und die Damen seiner Umgebung nach Beendigung der Illumination zurückgezogen hatten, verblieb ein großer Theil der Cavaliere noch in den Anlagen und zog sich schließlich an die kleinen Marmortische der Gartenpavillons zurück, um jene dreimal hunderttausend Teufel heraufzubeschwören, welche sich im fürstlichen Weinkeller, hinter goldenen Flaschenhälsen verborgen hielten.

So war es der Wunsch des allerhöchsten Gastgebers gewesen, welcher dem geselligen Verkehr seiner Ordensritter keinerlei Grenze und Schranke setzen wollte, und die Ausdehnung des Festes völlig ihrem eigenen Gutdünken überließ.

Zunächst der pompejanisch rothen Seitenwand, auf welcher sich weiße Marmorreliefs abheben, und zu der sich die zierlichen Ranken der Schlinggewächse von nachbarlichen Säulen herüberspannen, stand die kleine Tafel, an welcher ausschließlich Marine Platz genommen hatte.

Seiner Majestät Schiff »Prinz Albert« hatte zu den ersten Fahrzeugen gehört, welche sich in den neuen deutschen Colonien ihren Lorbeer geholt. Mit seltener Bravour hatte die Besatzung ihre schwierige Aufgabe gelöst, hatte die Flagge mit dem deutschen Adler siegreich durch Tropengluth und dornige Wildniß ihrem stolzen Ziel entgegen getragen, und da die braven blauen Jungen wieder heim kehrten, krachte der Salut des Kieler Hafens wie donnernder Dank des einigen Deutschlands ihnen entgegen. –

Offiziere und Mannschaft wurden reich decorirt, und als Prinz Maximilian die Kameraden zum ersten Mal wieder an Bord des »Albert« durch allerhöchsten Besuch auszeichnete, da flatterte das leuchtende Band des Löwenordens wie ein Goldfaden der Erinnerung ihm nach, sich als Zeichen der Anerkennung um die Brust etlicher besonders Verdienter zu schlingen. Frisch und markig wie Neptuns Athem, der um Thau und Segel pfeift, und hell aufklingend wie des Weltmeeres Wogen, die den Bug umsprühn, brandete das Leben an dieser kleinen Tafel. –

Prinz Maximilian, der abgöttisch verehrte, jovialste und liebenswürdigste aller fürstlichen Navigateure, hatte mit einem scherzenden: »Na, hier bin ich, Herrschaften, nun unterhaltet mich!« im Kreise der Offiziere Platz genommen. –

Das gab die echte Weihe! Nicht, daß die fast ausgelassen fröhliche Stimmung darunter gelitten hätte, im Gegentheil; so hoch der Wein im Glase seine farbigen Blasen schlug, so hoch schäumte der kräftige Seemannshumor über die Lippen, und der Freiherr von Nennderscheidt, welcher prüfenden Umblick durch die Halle gethan, war schnurrstracks in das fremde Element hinein gesteuert: »da liegt noch Musik drin, famose Kerle das, bei der Marine!« – Graf Goseck folgte wie ein Schatten.

An der unteren Ecke des Tisches klatschten die Karten.

Der Lieutenant im Seebataillon Freiherr von Barneck, einer der schneidigsten, elegantesten und befähigtesten Offiziere, wollte mit zwei Kameraden um Points kämpfen. Aus Liebenswürdigkeit, nicht aus Passion.

»Los dafür! ... Pique ist Trumpf!«

»Hoho! ... aber Barneck ..., das ist boshaft ... wie dürfen Sie dem kleinen Pikamor von Pique reden – haha Pique!!« Hovenklingen rief's mit rothem Kopf, und die Umsitzenden bogen sich vor Lachen!

»Was ist's damit? ... Wo hat ihn ›Pique‹ mal gegen die Wand gedrückt?« informirte sich Prinz Maximilian mit erhöhter Stimme, und Nennderscheidt wandte sich an seinen Nachbar, einen jungen, sehr gut aussehenden Lieutenant, welcher den Spitznamen »Sonnenschein« führte, und fragte launig: »Hat er vielleicht eine ›Pike‹ auf die ›Dauerwurst,‹ die sie geladen haben?«

»I wo! ist blos ein bischen nervös! Bei ›Pik‹ fällt ihm nämlich immer derjenige von Teneriffa ein!!« –

»Holt den ›kleinen Daniel‹ und berichtet von Teneriffa!!« –

Kapitainlieutenant Pleune strich den wohlgepflegten Bart, sein dunkles Auge blitzte. »Pikamorchen leugnet die Geschichte zwar ewig, aber dennoch ist sie verbürgt; sogar unser Commodore ...«

»Incommodore sagen Sie lieber! Denn der Mann incommodirt mich rasend mit seinem falschen Zeugniß ...

»Nicht unterbrechen! ›gekohlt‹ wird nur in den Molen!«

»Also an den Pik von Teneriffa knüpft sich die schmerzlichste Erfahrung unseres verehrten Kameraden Zuckermann! Der arme Kerl hat nämlich sehr leicht Herzklopfen ...«

»Wo?! wo?!!« ...

»Und macht unserm lieben Herrgott aus jeder Treppenstufe und jedem coupirten Terrain den bittersten Vorwurf. Berge besteigt er grundsätzlich nur durch's Perspectiv. Aber der Pik von Teneriffa! Den Pik wollte er erklimmen und dann den späten Enkeln erzählen: ›Kinder, es war eine verdeiwelte Promenade – aber sie lohnte sich!‹ ... Also die Reise geht los. Zwei wilde Esel erdrückte er bei dem ersten Versuch, sie zu besteigen, – zwei Stämme der Eingeborenen mußten ihm die Cognacflaschen tragen, – zwei mal verirrte er sich von uns, mindestens sechs mal starb er, – erst vor Hitze. – dann vor Kälte – vor Nässe, vor Hunger und Durst ... keuchend, fluchend, bleich und zähnefletschend kam er endlich oben an, – und siehe da –«

*

» Dicker Nebel?« Prinz Maximilian fragte es athemlos vor Amüsement. –

»Ja, Hoheit, so dichter Nebel, daß ein Engel im Vorüberfliegen aus den Wolken langte, ihn in die Wange kniff und sagte ›Bonjour, Herr College!‹ Es war Amor.«

Schallendes Gelächter.

Pikamor war nicht im mindesten übelnehmisch. Er legte beide Arme behaglich auf die Tischplatte, schob die Cigarette von einem Mundwinkel in den andern und zwinkerte verschmitzt mit den Augen. »Warum der Kapitainlieutenant nur immer so sehr in die Ferne schweift mit seinen Witzen! ... Wenn er mal die Tiefe seiner eigenen Memoiren auspumpte, wäre es zehnmal lohnender; was, Witzlach? ... nette Geschichten geleistet, der Pleune ..., wenn ich allein an den Moment denke, wo er seiner Braut den ersten Strauß überreichte« – –

»Erzählen, Amor! ... erzählen! ... knebelt den Vorgesetzten derweil! damit der Kleine Courage kriegt!« ...

»Herrschaften, – die Geschichte kennt Ihr nicht?!«

Hovenklingen schlug die Hände zusammen. »Bitte um's Wort! ... Pleune macht den ersten Besuch bei seiner Braut, selbstredend Champagnerstimmung. Für Geld und gute Worte hat er das größte Bouquet seines Lebens erstanden, welches ihn selbstredend scheußlich genirt auf der Straße. Er schlenkert hin – er schlenkert her damit. Endlich steht er vor seiner Braut, und angesichts der ganzen Festgesellschaft reißt er die Seidenpapierhülle herunter. – – – verneigt sich ebenso ritterlich wie hold verwirrt, und überreicht ... eine gigantische – leerefürchterlich leere Manschette!!«

Pleune lachte mit, aber er hob die Faust gegen den Bataillonsoffizier und rief so »gewitterschwül,« wie es bei seiner Liebenswürdigkeit möglich war: »Warten Sie nur, schöner Barneck, das haben Sie ausgeplaudert! Bergen sie sich aus den Kinken! Morgen steige ich Ihnen im Paradeanzug in's Zwischendeck!«

»Melden Sie ihn doch lieber bei Caprivi! Der junge Missethäter war bei der letzten Hundewache derartig in eine ›Vergißmeinnichtdichtung‹ versunken, daß er nicht einmal bemerkte, wie ein Seehund während der Fahrt eine Radspeiche durchgenagt hat!!«

Ungeheuere Heiterkeit! Der Schweigsamste der kleinen Runde, Kapitainlieutenant Möller, der »Moltke zu Wasser,« mit Vorliebe von seinem Freunde Witzlach »dear Schorsch« genannt, schüttelte ernst den blonden Kopf. »Ist noch lange nicht das Schlimmste, Herrschaften! Wenn es neulich auf unsern ›Sonnenschein‹ angekommen wäre, so schwämme ›S. M. S. Prinz Albert‹ längst als verkohltes Wrack auf der Ostsee!«

»Oho! ... Blitz und Knall ... melden Sie uns!«

»Es war auf der Rhede von Zoppot« ... fuhr Möller voll Humor fort, »›Sonnenschein‹ hatte Deckwache, stand und starrte sehnsuchtsvoll nach Land, wo seine Phantasie Sectpfropfen knallen hörte. Er war so vertieft, daß er es gar nicht bemerkte, wie eine Sternschnuppe fiel und unglücklicher Weise gerade auf unserm mittelsten Maste hacken blieb. Um ein Haar wäre Alles angebrannt. – Ich sprang noch schnell herzu und löschte. – So hat das Malheur Gott sei Dank keine Spuren hinterlassen, bis auf einen kleinen Brandfleck im Paletot und einen im Herzen« ...

Immer animirter, immer ungebundener wurde Stimmung und Unterhaltung. Prinz Maximilian liebte es als stellvertretender und äußerst leutseliger Gastgeber, seine Kameraden vor überschäumendem Becher zu fesseln, und der Freiherr von Nennderscheidt, welchen alles Ungewohnte doppelt ansprach, saß mit luftblitzendem Auge als einziger Civilist im Kreis der Seeleute und faßte voll glühender Begeisterung den Entschluß, seine Hochzeitsreise um die Welt zu machen!

Prinz Maximilian richtete sein klares, durchdringendes Auge fest auf die heißgerötheten Züge des »tollen Junkers.«

»Hochzeitsreise?« fragte er gedehnt ... Sind wir endlich doch dem Monsieur Cupido in die Schlingen gelaufen, daß er sie jetzt mal ernstlich zusammenzieht und Freund Nennderscheidt als ›kurz gesplißt‹ zum alten Eisen wirft?!« ...

»Wünschen wollen wir's nicht, aber Gott geb's!« lachte Hovenklingen, sein Glas gegen Olivier hebend.

Dieser fuhr mit der Hand durch das dichte Blondhaar, schnitt eine leichte Grimasse wie einer, dem der Sect in die Nase steigt, und nickte schweigend vor sich hin.

»Na, dann los dafür! und ein bischen Tempo vivace, damit ich dieses neunte Weltwunder noch hier auf dem Festland erlebe! Vorzeitig forschen wäre indiscret, aber etwas combiniren ist Jedermann freigestellt, also alle ›Gläser auf Deck‹ Herrschaften! ich trinke das Wohl jener Dame, welche ich mir bereits in Gedanken zur Freifrau von Nennderscheidt ausgesucht habe!« –

Der Prinz wartete einen Moment, bis die Lakaien die Kristallkelche bis zum Rande nachgefüllt, hob den seinen mit kurzem Salut und leerte ihn.

Wieder klangen und hallten die Stimmen durcheinander, hinter den Stuhl Oliviers aber war Graf Goseck getreten, neigte sich zu dem Freund hernieder und legte beide Hände auf seine Schultern »Ich gehe jetzt, Nennderscheidt; darf ich Dich um den Freundschaftsdienst ersuchen, mich eine Strecke zu begleiten; ich möchte gern noch Einiges mit Dir besprechen.« –

Der Freiherr blickte etwas mißgestimmt empor.

»Mensch, ärgere Dich und mich nicht, sondern setze Dich noch eine Weile in den Kreis dieser hochgemuthen Wikinger nieder!«

»Unmöglich, alter Freund; mir gehen tausenderlei Dinge durch den Kopf, die mir zu denken geben; ich bin absolut nicht mehr in der Stimmung zu trinken. Komm mit, ich habe Dir eine Neuigkeit zu erzählen!«

– – – – – –

Einsam und still lag der Park. Der Herbststurm hatte bereits die laubigen Wipfel gelichtet und ihre Blätter auf die Wege hernieder gewirbelt. Blaß und farblos wehten sie durch die kühle Luft, dem Vorüberschreitenden um Haupt und Fuß. Wundersame, geheimnißvolle Briefe, welche die Natur an die Menschenherzen schreibt, und deren Inhalt so kurz und dennoch so furchtbar ernst ist. Ein einziger Gedanke nur, welcher mahnend anruft und sein auf welke Blüthen schreibt. Viele Tausende treten ihn lachend mit Füßen, nur Wenige haben es gelernt, seine Sprache zu begreifen, eine Sprache, die stumm und dennoch überwältigend zwischen Gott und den Menschen die Brücke ahnungsvollen Verstehens baut, die mit der aufgehenden Sonne ruft: »So bist auch Du als klares Sonnenlicht empor gestiegen, so nahmest Du Deinen Weg zur Höhe, so sinkst Du nieder und verlöschst ... »memento mori« – Und die Erde glüht und blüht in Maienschöne und junger Frühlingszeit, bis die Gewitter mit Hagel und Sturm kommen, bis der Pflug des Schicksals seine Furchen in ihr herbstlich Antlitz zieht und der Winter seine Flocken streut; Schnee auf das Haupt, – ein Bahrtuch über die Brust. Die welken Blätter sind die grauen Haare der Natur; ein jedes erzählt seine Geschichte, und ein jedes klopft leise an Dein Herz, wenn es vorbei wirbelt, und ruft Dir sein: »Gedenke auch Du Deines Endes!« zu, wenn es raschelnd unter Deiner Sohle stirbt! Der Wind strich durch die Anlagen und zerriß die Wolkenschleier vor dem Vollmond. In wundersam grellem Wechsel zwischen Licht und Schatten erschienen die Baumgruppen. Flüssiges Silber troff von den Zweigen und versprühte in grellen Lichtfunken auf dem moosigen Boden, wie ein Strom glitzernden Metalls riß sich der scharf beleuchtete Kiesweg durch die Bosquets, um plötzlich von der Finsterniß breitfallender Schatten verschlungen zu werden.

*

Vereinzelte Glühwürmchen, Wahrzeichen des selten warmen und langen Herbstes, brannten zwischen den Gräsern des Wegrandes, und durch das trockene Tannenreisig brach sich ein Nachtvogel gespensterisch seine Bahn.

Ueber den Wipfeln, hinter welchen sich das Palais verbarg, lag noch der matte Wiederschein der hell erleuchteten Gartenhalle, und durch die Hauptalleen, welche noch befahren oder beschritten wurden, leuchteten in mäßigen Zwischenräumen die roth dunstenden Flammen der Windlichter.

Nennderscheidt blieb stehen und lüftete tief aufathmend den Hut. Wie feurig der Wein gewesen, empfand er erst jetzt; seine Stirn brannte, und durch die Adern schien sich glühend Blei zu wälzen, immer bis in die Schläfen hinauf; dort blieb's stehen.

Goseck hatte seine Neuigkeiten erzählt, unsagbar gleichgültige Geschichten, daß eine seiner Kohlengruben brenne, und daß sich in B, die reizendste kleine Soubrette erschossen habe ... was lag dem Freiherrn von Nennderscheidt daran. Plötzlich blieb er stehen. »Nun sei bedankt, mein lieber Schwan, kehre in Gottes Namen zu Deinen Wikingern zurück, oder leg Dich hin und schlaf auf Deinen Lorbeern und Palmzweigen den Schlaf des Gerechten! Drückt Dich's nicht, Freundchen, und schnürt Dir diese zweifelhafte Auszeichnung nicht die Kehle zusammen?« Goseck faßte nach dem Band des Löwenordens, welches sich um Olivier's Hals schlang, und lockerte es voll Ironie mit den Fingern.

»Zweifelhafte Auszeichnung? was soll das heißen?«

»Je nun ... hab' so meine Gedanken dabei!« und Goseck lachte leise auf und klopfte ihn auf die Schulter, »was soll ich Dir ahnungslosem Engel die Freude an diesem netten Lämmerbändchen verderben! Lat bee und gute Nacht my boy!«

»Halt da! ich hasse derartige Sybillensprüche!« Auf Nennderscheidt's Stirn schwoll die Ader. »Was hast Du an diesem Orden auszusetzen, was bezweifelst Du daran? Antwort!«

»Mein Gott, wie der Junker gleich in's Zeug geht! Leg Dich hin und verschlaf's, ist ja doch nicht mehr zu ändern!« Goseck wandte sich mit halb mitleidiger, halb spottender Geste ab, um zu gehen. »Auf Wiedersehn beim Frühstück« ...

»Goseck!« ... Olivier vertrat ihm erregt den Weg. »Was mißfällt Dir an diesem Orden, an ihm oder an mir, der ihn trägt? ich verlange Antwort!«

Ein Mondstreif fiel über das Gesicht des Grafen, ein eigenthümlich lauernder Zug lag um den bartlosen Mund. Langsam trat er einen Schritt zurück. »Was mir an dieser seidenen Ordenscravatte mißfällt? daß sie zum Gängelbande werden soll, an dem Du willenloses Opfer Deinem Schicksal entgegen geschleift wirst. So; nun weißt Du es, und nun duck Dich und sage auch hübsch B, nachdem Du A gesagt hast!«

Maßloses Erstaunen malte sich auf Olivier's Zügen. »Was soll das heißen? – ich verstehe Dich nicht.« ...

»Thatsächlich? ... und Du bist doch sonst kein Esel, treuer Freund, in solchen Dingen!« – Abermals legte Goseck die Rechte auf die Schulter seines Gegenübers und schüttelte den Kopf. »Hand auf's Herz, Nennderscheidt, bildest Du Dir factisch ein, der goldene Löwe sei einzig Deinen hohen Verdiensten um's Vaterland als Quittung verabreicht? Was hast Du denn geleistet? Deine Hacken nicht schief gelaufen, Dir nicht den Magen verdorben ... anständige Gäule auf die Promenade geschickt, Operette und Ballet mit Taschengeld versorgt, allerdings recht respectabele Thaten, für den Löwenorden erster Klasse aber doch nicht inhaltschwer genug!«

Olivier biß sich auf die Lippe und schüttelte zornig die schmale Hand von sich ab. »Wenn Du mich verhöhnen willst, Eustach, so wähle gefälligst eine Zeit, in welcher mir andere Waffen zu Gebote stehn, als meine zwei Fäuste!« rief er gereizt.

»Hitzkopf! – wärest es im Stande, den einzigen Menschen, welcher aus Liebe zu Dir noch Muth zur Wahrheit hat, über den Haufen zu schießen, weil er Dir den Sand aus den Augen waschen will, den Dir Andere heuchlerisch durch die Lobposaune hinein pusten! Meinetwegen, ›was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß,‹ tröste Dich damit wie ein altes Weib!«

Der Freiherr wischte sich hastig mit dem Taschentuch über die glühende Stirn. »So sag doch, zum Teufel, was los ist, und was Dich an dieser Decoration ärgert! Ich bin ja überzeugt, daß Du es gut meinst, aber lange Einleitungen machen mich ungeduldig!«

»So ahnst Du thatsächlich nicht, was Serenissimus beabsichtigte, als er Dich harmlosen Jüngling gleich wie die Ersten seines Reiches auszeichnete?«

»Keinen Schimmer! ich denke mir, er hat sich eben gar nichts dabei gedacht, sondern mir einfach einen neuen Beweis seiner Huld und Gnade geben wollen!«

Die Lippen des Grafen zuckten ironisch: »Sancta simplicitas! Umsonst ist der Tod, Olivier, und der Faden, welcher gleich wie bei einem Hampelmann alle Gliedmaßen der Menschen in Bewegung setzt und ihr Thun und Handeln dirigirt, heißt Egoismus; da giebt es keine Ausnahme, höchstens eine andere Benennung für den zu erreichenden Zweck. Begleite mich noch ein paar Schritte, ich will Dir denjenigen Deines hohen Gönners verrathen.«

Er legte die Rechte auf den Arm Nennderscheidt's und zog ihn in den schmalen, überwachsenen Nebenweg, auf welchem sich die Mondstrahlen nur wie dünne kleine Silberschlangen, durch wehendes Gezweig brechend, ringelten. Mechanisch folgte der Freiherr. Es war ihm so heiß und schwül im Kopf, jedes Wort des Freundes traf ihn wie ein Hammerschlag vor die Stirn.

»Motive ... der Großherzog Motive?« ... wiederholte er wie ein Träumender.

»Direct zur Sache. Hast Du schon von der Fürstin Tautenstein gehört?«

»Aber Goseck! – die schöne Claudia!! ... meine unbekannte Freundin, die erklärt hat, ich sei der originellste und schneidigste Kerl unter der Sonne! Nimm's mir nicht übel, diese Frage ist etwas stark!«

Keine Miene veränderte sich in dem scharf geschnittenen Gesicht des Grafen. »Weißt Du auch, daß sie zu mehrwöchentlichem Besuch hier am Hof erwartet wird?«

»Und ob! ihre Mutter, eine Gräfin Tonna, war ja die Jugendfreundin der Großherzogin; beide wurden zusammen erzogen und sollen sich schwärmerisch geliebt haben. Im rothen Saal hängt ja das Bild der Tonna, entzückendes Weib ... aber schwindsüchtig ... durchsichtig wie ein Hauch ... hoffentlich ist die Tochter ein bischen derber gebacken!«

»O nein ich kann Dich versichern, daß sie sehr leichte Waare ist!«

»Ah, weil sie ihrem Scheusal von eifersüchtigem Gatten weggelaufen ist?!« Nennderscheidt zuckte lachend die Achseln, »das ist jetzt modern und bei Gott in diesem Fall begreiflich, – ich hätte es auch gethan!«

»Sie ließ sich von einem Garde-Cavallerieoffizier entführen, mit dem sie sich merkwürdiger Weise nach ihrer Scheidung nicht verheirathet hat, trotz ihrer vielen Millionen!«

»Der Kerl sah aus wie ein Schimpanse ... hell wie ein Dreierflämmchen! ... kenne ihn ja! War entschieden nur Mittel zum Zweck und einer jener Mohren, welche gehen können, wenn sie ihre Schuldigkeit gethan haben!« Olivier lachte höchlichst amüsirt auf. »Weißt Du, Goseck, ich nehme alle geschiedenen Frauen in Schutz; das sind die amüsantesten, die es giebt, und wenn man weiter nichts will, als wie mit ihnen Sect trinken und Walzer tanzen, dann ist die Sache riesig schneidig!«

»So?« es klang ziemlich gedehnt, »und wenn nun die Sache nicht so harmlos bleibt, sondern mit Leimruthen zusammengebraut wird, was dann, Freund Nennderscheidt?«

Olivier blieb stehn. »Was soll das heißen?«

»Hier dieses carmoisinrothe Gängelband ist der erste Strick, Dich bei Sect und Walzer festzuknebeln. Nennderscheidt! Augen auf!! merkst Du bei Gott nicht, was man im Schilde führt? Verheirathet sollst Du werden, verheirathet mit der schönen Claudia, für welche sich kein Gatte mehr finden will, welche mit schillerndem Flügelpaar leicht und treulos von Kelch zu Kelch flattert, bis ein Tölpel darauf herein fällt, sein Netz nach ihr zu werfen! Narr der, wenn er glaubt, er hielte sie fest; tausend Maschen giebt es im Netz, durch welche sie ihm unter den Fingern entwischt.«

»Goseck ... ich – ich die Tautenstein heirathen?!« Der Freiherr schrie laut auf vor Lachen, warf sich auf eine Gartenbank und wollte schier sterben vor Amüsement.

»Gewiß wirst Du sie heirathen, wenn Du es befohlen bekommst!« klang es kalt, abermals mit einem Anklang von Sarkasmus zu ihm nieder.

»Befohlen?! – wer hat mir etwas zu befehlen?«

»Serenissimus«

Wieder lachte Olivier auf, diesmal kurz und zornig.

»Hoho!« –

»Du bist ein Fürstendiener wie alle Andern auch, Du machst den krummen Buckel und hebst auf, was man Dir vor die Füße wirft!«

»Mensch!«

»Man verpflichtet Dich durch die erdenklichsten Auszeichnungen, man legt Dir einen moralischen Kappzaum auf und lenkt Dich daran, wohin man Dich haben will, oder kannst Du das Gegentheil beweisen?«

»Ich werde es!« Olivier's Athem ging keuchend, die Hand, welche schlaff hernieder hing, bebte.

»Du willst dem Hof die Zähne zeigen?«

»In unbändigem Gelächter, ja, Goseck!«

»Du hättest thatsächlich die Courage?! ... Alle Achtung, Nennderscheidt, dann würde ich den Hut bis auf die Erde vor Dir ziehn und es unterschreiben, daß Du ein ganzer Kerl bist!«

»Wenigstens Einer, der sich seine Frau selber aussucht.«

»Wenn Du Dich nicht mit der Tautenstein verlobst, wird man sagen, Du habest Dir einen Korb geholt; und ihr aus dem Wege gehen, wäre feige!«

»Vielleicht weiß ich noch bessern Rath.«

»Ich ahne. Du willst Dich Knall und Fall mit einer Andern verloben. Die Idee ist gut, aber nicht so leicht ausgeführt, wie Du denkst. Die Erbgroßherzogin wünscht es lebhaft, Dich unter den Pantoffel der Speyern zu bringen; Du fällst vielleicht darauf herein und kommst aus dem Regen in die Traufe.« –

»Fräulein von Speyern ist das liebenswertheste Wesen unter der Sonne!« fuhr Nennderscheidt hitzig empor, »und die Erbgroßherzogin hat eine treffliche Idee, wie sie immer nur das Beste und Richtigste will.« –

»Ah – also doch das Echo allerhöchster Anordnungen! Ich denke, Du duldest kein Gängelband?«

»Nein! nicht im mindesten! Was kann ich dafür, wenn man höchsten Orts meine Wahl gut heißt? Ich habe Fides gern gehabt, ehe die Prinzessin sich für die Courmacherei interessierte, das weiß alle Welt!«

»Die Welt? – haha! die Welt sieht, was vor Augen ist, und sagt: Man hat von jeder Seite servirt, und der gute Junge nahm hübsch bescheiden das nächste Beste und Einfachste. Man fand am Hof, daß der tolle Junker noch einen gestrengen Hofmeister brauche, der mit der Ruthe hinter ihm steht und ihm die flotten Streiche verbietet; darum verheirathet man ihn an Fräulein von Speyern!«

Olivier stützte sich mit beiden Händen auf die Lehne der Gartenbank, vor seinen Augen wallte es wie feuriger Dunst. »Eustach« ... murmelte er, »wenn ich nicht wüßte, daß Du mein bester Freund bist ... wenn ich nicht tausend Beweise hätte, daß Du es redlich mit mir meinst – ich würde denken, der leibhaftige Satan stünde vor mir, mich zu versuchen! Ich bin fest entschlossen, Fides zu heirathen.«

Goseck trat dicht neben ihn, aber er sah ihm nicht in die Augen, nur sein Arm legte sich um die Schultern des jungen Ordensritters.

»Bei Deinem ganzen Lebensglück, thu es nicht, Olivier! Jenes Weib würde zur Geißel, zum Fluch und zur Verzweiflung für Dich werden. – Ich habe heute Mittag Euer Gespräch gehört und gebebt vor Empörung über die Anmaßung dieser Person, Dich wie einen Schuljungen zur Rede zu stellen! Denke Dir dieses häusliche Glück, welches eine ununterbrochene Gardinenpredigt sein würde! Alles, was Dir Freude bereitet, was Deinen Namen als unerschrockensten und ritterlichsten Cavalier berühmt gemacht, tadelt und verbietet sie; es würde aus sein mit all unseren fidelen, flotten Streichen. Nennderscheidt säße als Philister hinter dem Ofen und hielte seiner Frau das Garn auf den Händen.«

»Fides liebt mich.«

Goseck lachte scharf auf. »O Du Confirmandenherz! Heut zu Tage ein Weib, welches liebt! Mach die Augen auf – schau Dich um in der nüchternen Welt: die Mädchen haben aufgehört, zu schwärmen, sie wollen sich nicht mehr voll opfermuthiger Liebe an die Brust des Mannes werfen, sie wollen eine gute Parthie thun! Blick dem Marmorbilde Speyern in die strengen Augen! glüht es darin? leuchtet es wie Glückseligkeit durch Thränen? nein! es kommandiert blos. Und grade Du, Olivier, brauchst eine Frau, die an Deiner Seite schreitet, ohne daß Du es hörst oder merkst. Ein Schatten, der Deinen Namen trägt, Deinen Stammbaum hält und nicht im mindesten incommodirt! Neigungsheirathen sind Blödsinn; sie gleichen den Flatterröschen, welche in vierundzwanzig Stunden verblühen und nur Dornen stehen lassen.«

»Ich weiß, Du hältst nichts von den Weibern,« Nennderscheidt preßte die Hände gegen die Schläfen, »und was Du über Fides sagst ... großer Gott ... ich bin wie mit Blindheit geschlagen … ich habe mir eingebildet, sie sei die einzige, die einen vernünftigen Kerl aus mir machen könne, aber so ganz Unrecht hast Du doch nicht.«

»Nennderscheidt – alter Junge! ich glaube bei Gott, Du hast Anlage zum Phantasten! Da stehst Du und hältst Dir den Kopf wie ein Ritter von der traurigen Gestalt! Zum Blitz und Knall, ist das etwa der tolle Junker, der dem Hof ein Schnippchen schlagen will? Frisch auf! einen Streich ausgedacht, wie noch keiner zu verzeichnen gewesen ist! Was meinst Du zu dem Spaß –: Junker Nennderscheidt überrascht die Residenz mit einer Frau, an die man am allerwenigsten gedacht hat! Keine Anzeige vorher, nur das fait acompli an jenem Abend, wo Fürstin Claudia ihren Einzug hält und Dich in Gedanken bereits in der Tasche hat! Hahaha – die Gesichter! die Augen von dem Schulmeister Speyern, die Miene der Tautenstein – siehst Du, alter Schwede, darüber könnte ich jetzt schon Lachkrämpfe kriegen!«

Und Goseck lachte wirklich unbändig, aber es klang rauh und gezwungen. Dennoch verfehlte es seine Wirkung auf Nennderscheidt nicht. Auch er lachte plötzlich scharf auf.

»Hast recht, Brüderchen, dann würde das ›Gängelband‹ vielleicht zum Narrenseil werden, an welchem das Lamm den Hirten führt! Also frisch hinein gegriffen in das Menschenleben und eine Frau gefischt. Gutmüthig, brav, unbedeutend, eine Null neben meiner großen Eins! Ich glaube factisch, diese Idee kann mich reizen, der Originalität wegen. – Dann kann doch bei Gott kein Mensch mehr sagen, ›Nennderscheidt schluckt gehorsam herunter, was andere ihm vorkauen!‹ und mit dem ›Hofmeister‹ war's auch eine Seifenblase! Topp, Goseck, der Schwank soll in Scene gesetzt werden. Bei dem ersten Akt haben wir die Lacher auf unserer Seite, und Fortsetzung und Schluß? ... bah! – meine Frau! ... n ur meine Frau! – Die Rolle ist zu mager, um eine Tragödie daraus zu entwickeln!«

Wieder fuhr er mit dem Taschentuch über die glühende Stirn, und der Nachtwind, welcher sich plötzlich stärker erhob und brausend durch die Wipfel strich, schleuderte kühlende Tropfen gegen des Freiherrn fieberisch brennendes Angesicht.

»Es beginnt zu regnen. Gute Nacht denn, alter Freund, überleg Dir im Kreise der Wikinger eine möglichst frappirende Wahl. Morgen früh bin ich bei Dir und bespreche die Brautschau, – à revoir!«

»Gute Nacht, Goseck, es ist spät geworden, ich gehe direct nach Hause. – Servus.« – –

Langsam ging Nennderscheidt den einsamen Weg zurück. Der Mond hatte sich versteckt, dunkle Wolkenmassen stiegen wie eine riesenhafte Alpenbildung am gestirnten Himmel auf, und vor ihnen her wehte es wie ein grauer Nebel, welcher die Sterne erst verschleierte und sie dann, dichter und dichter werdend, gänzlich verhüllte. Der Regen fiel bemerkbarer. Mit einem Gefühl unendlichen Wohlbehagens fühlte Olivier die kühlen Tropfen gegen sein Antlitz schlagen, wie ein Verdurstender athmete er die scharfe Nachtluft. –

Zuerst war er noch dahingeschritten wie Einer, der von jähem Wirbelwind gefaßt, nicht aus noch ein weiß. Dann klärte es sich allmählig hinter seiner weinerhitzten Stirn; der »tolle Junker« nahm die Narrenkappe und schlug damit alles nieder, was sich in Gestalt von Scrupeln und Vorwürfen zwischen den Gedanken emporrankte. Er schritt schneller aus, lachte leise vor sich hin und warf den Kopf zurück wie stets, wenn er entschlossen war, etwas zu riskiren. Zuletzt ging es im Sturmschritt.

Ans der Hauptallee, in welche der kleine Promenadenweg einbog, klangen lachende Stimmen herüber.

Olivier blieb stehn; er war nicht in der Stimmung, noch unter Menschen zu gehen, er suchte in Gedanken nach einer Braut.

»Haha ... glauben Sie doch dem Zuckermann nichts! Wer sich auf den verläßt, der ist verlassen. Nicht einmal den Damen hält er sein Wort! Ein Pereat dem wortbrüchigen Zuckermann!!«

Es waren die »Wikinger«...

Nennderscheidt trat seitwärts in den Schatten.

»Und Sie reisen morgen factisch ab, Hovenklingen? wohin?«

»Kleine Landparthie, will eine alte Tante in dem Fräuleinstifte Hersabrunn besuchen! Köstlich amüsant, Herrschaften – eine Sorte Schönheiten ... ›klar‹ zum Verlieben!!«

Uebermüthiges Auflachen, die Stimmen verhallen im Wind, und die Schritte verklingen, nur abgerissene Schallwellen tönen im Chaos zurück.

Dann wird es wieder still.

Nennderscheidt schlägt die Hand gegen die Stirn, wie Einer, dem plötzlich ein großer Gedanke gekommen ist: »Hersabrunn!« jubelt er auf, »Hersabrunn!!« ... Und er stellte sich mitten in den Weg, starrt den dunklen Gestalten der Marineoffiziere nach und bricht in ein schallendes Gelächter aus. »Ich danke Ihnen, Hovenklingen, das Problem ist gelöst!« –

Wie mit einem Zauberschlag hat sich vor seinem geistigen Auge ein Weg aufgethan, der schnurgerade zum Ziel führt. Ein Grenzpfahl steht und giebt mit spitzem Finger die Richtung an; »nach Hersabrunn« sagte er, und dabei guckt eine kleine Koboldsfratze hinter ihm hervor, die kichert und nickt und hat ein goldenes Fingerreiflein, balancirt es auf dem Pokusstab und spielt Fangeball damit. Nennderscheidt aber versenkt die Hände in die Taschen, pfeift eine verworrene Melodie und malt sich die spaßhafteste Geschichte von der Welt aus. Er ist wieder ganz der Alte; der Regen hat den Sectnebel von seiner Stirn gewaschen, er begreift gar nicht, daß er nicht schon längst von selber auf diese famose Idee gekommen ist! – Der tolle Junker erscheint auf der Bildfläche, auf der großen Bühne, darauf ihm die Welt die Rolle eines artigen Liebhabers zudictirt hat, und er tritt auf, küßt der schönen Claudia die kleinen Hände und ... präsentirt ihr – seine Frau! Nur seine Frau! Die Rolle wird sehr schlicht und uninteressant sein, Statistin, der wesenlose Geist, welcher – deus ex machina – aus der Versenkung aufsteigt, einen Effect zu erzielen und das Publikum zu verblüffen. Haha – und die Vertreterin dieser Rolle? Marie-Luise? Olivier erinnert sich ihrer nur ganz dunkel. Seltsam, er hatte fast nie wieder an jene lustigen Tage von Hersabrunn zurückgedacht, jetzt mit einem Mal stand jede, selbst die kleinste Begebenheit wieder klar vor seinem Auge.

»Ein ungewisses Schicksal? ... wenn das arme, unscheinbare kleine Veilchen aus dem Dorfgarten auf höfisches Parquet verpflanzt wird? – Eine Baronin von Nennderscheidt ist niemals zu beklagen, am wenigsten heut zu Tage, wo die Leute aus schnöder, purer Vernunft heirathen, und Marie-Luise wird Reichthum, Stellung, Glanz und Pracht geboten; das ist wohl genug Ersatz für ein Herz.« –

Olivier's Schritt hallt dumpf durch die Nacht, er schreitet über die Steinplatten vor dem Erbgroßherzoglichen Palais. Sein Blick fliegt gewohnheitsgemäß zu den Fenstern der Hofdame empor, und zum ersten Mal empfindet er es mit leisem Schauder, daß ihm der Regen eisig kalt in das Gesicht schlägt. – Er wendet brüsk den Kopf und eilt hastig vorbei. – –


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