Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Elftes Kapitel

Die Gluth, die Du mir in das Herz gegossen, als Flamme lodre hell sie dir allein!

Wagner.

 

Fides Wolff von Speyern wartete auf die Meldung des Lakaien: die Equipage sei zur Abfahrt bereit. Die Flammen der Gaskronen waren bereits gelöscht, nur auf den farbigen Porzellanleuchtern des Toilettentisches glühten noch die rothen Lichter, ernst und feierlich wie Altarkerzen.

Und ernst und streng, leblos, wie die steinernen Züge einer Rachegöttin, war das stolze Frauenantlitz, welches sie beschienen.

Hochaufgerichtet, die Hände fest auf die Tischplatte gestützt, stand die Hofdame der Großherzogin und schaute regungslos auf das weiße Kartonpapier nieder, welches unter prunkhaftem Doppelwappen den letzten Streich des tollen Junkers in die Welt posaunen. Fides hatte keine Thräne, hatte keinen Laut der Klage gehabt, als sie den ersten Blick auf die Vermählungs anzeige des Freiherrn von Nennderscheidt geworfen, aber sie empfand es, als sei jenes goldgeränderte Blatt ein zweischneidig Schwert, welches ihr meuchlerisch in's Herz gestoßen ward. Ja, in das Herz! Das muthige und starke Frauenherz, welches so vielen Lebensstürmen sieghaft Stand gehalten, gleich dem Eichenstamm, um dessen stolze Krone es gewettert und gebraust hat, der sich neigte und bog, um den Wipfel desto königlicher danach zu heben! Jetzt ist kühl und scharf ein einziger Axthieb bis in das tiefste Mark gedrungen, und das Gezweig rauscht nicht wie im Kampf mit den Elementen, es erzittert nur leise bis in die zarteste Blattspitze hinein. Todesschauer wehen durch jede Faser und Nerve, wie ein Zusammenbrechen in sich selbst. Starr und hoch ragt der Stamm, kein Auge sieht die Wunde, aus welcher das Leben rinnt, und doch ist er krank, schwer krank, stirbt eines tausendfachen Todes.

Fides hat die Zähne zusammengebissen, wie ein Starrkrampf ist's über die hohe Gestalt gekommen, und durch ihre Adern schleppt sich das Blut träge, wie zu Eis gefroren. Nein, sie kann nicht aufschreien, sie kann nicht weinen. Sie starrt und starrt auf die Worte hernieder, bis es endlich wieder hinter ihren Schläfen hämmert und dröhnt, bis es sie erfaßt wie fiebernde Leidenschaft. Ein kurzes, gellendes Lachen, und Fides ballt die Hände und preßt sie gegen die Brust: »Nun, Jungfrau Germania, wach auf aus wahnwitzigen Träumen und räche Dein vergiftetes Leben!« Nur noch ein Gedanke rast hinter der Stirn: »Rache!« und die Lippen, welche nie ein böses und gehässiges Wort gesprochen, keuchen: »Rache!« und die klaren, ruhigen Augensterne, durch welche man sonst in ein Himmelreich voll Frieden und Rechtlichkeit geschaut, blitzen in schwergekränktem Stolze: »Rache!«

Da war die Stunde gekommen, wo die bösen Mächte ihren Tribut fordern, wo sie der Tugend den Stein in den Weg rollen und vor die Füße der Gerechten ihren Fallstrick legen. Fides, die Glaubensstarke, die Edle und Sichere, welche ihren Weg durch die sumpfige und gefährliche Welt gegangen war, wie ein Cherub, welchen weiße Schwingen tragen, dessen Fuß sich triumphirend auf das Haupt des Drachens stellt, und dessen strenger Blick wie ein Flammenschwert alles Niedere und Gemeine von sich abwehrt, auch sie stand in dem Kampf, welcher aus dem Streiter einen Helden machen soll, und sie strauchelte.

Stolz, Liebe und Leidenschaft hauchten den Spiegel ihrer Seele an und blendeten ihr Auge. Namenlose Erbitterung erfüllte sie, und naturgemäß richtete sich ihr Haß auf jenes fremde, schuldlose Wesen, welches sich zwischen sie und den Geliebten gedrängt und das Glück gestohlen hatte, das einzige, nach welchem Fides je begehrt.

Marie-Luise! sie ist der Gifttropfen, welcher ihr Leben vergällt, und darum wird Fides ihn zurückschleudern, daß er wie Raureif auf die Myrthe Nennderscheidt'schen Glückes fällt, sie zu Tod zu frieren!

Mit flammendem Triumph im Auge hat Fräulein von Speyern die Wirkung beobachtet, welche die »neueste Tollheit« bei Hofe hervorgerufen. Man hat dem Freiherrn von Nennderscheidt Vieles vergeben und nachgesehen, aber das Maß hat sich gefüllt, und ein Tropfen genügt, es überfließen zu lassen. Das Gerücht erzählt: Der Tropfen sei in Gestalt der Vermählungsanzeige gefallen. Die väterliche Huld des Großherzogs und das herzliche Interesse Höchstseiner Familie, hielten es an der Zeit, dafür zu sorgen, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Es sollte dem capriziösen jungen Herrn gezeigt werden, daß man an Hof berechtigt ist, Rücksichten zu verlangen und Ueberraschungen unstatthaft zu finden. Weder Baron Nennderscheidt noch seine junge Gemahlin sollten in nächster Zeit an Hof empfangen werden, und es in einer peinlichen »Quarantäne« empfinden, daß der Scherz, zu weit getrieben, aufhört, ein Scherz zu sein!

Eine willkommene, in der Hofgesellschaft mit gieriger Hast aufgegriffene Parole, welche so mancher Zunge die Freiheit gab, ihr Gift gegen jenen Unverschämten auszuspritzen, welcher die Hoffnungen so mancher Mutter und Tochter auf das empörendste betrogen hatte.

Fides hatte kein Wort in dieser Angelegenheit geäußert, nach welchem man über ihre Gesinnungen schließen konnte; als sie aber jetzt, umflossen von schwarzen Spitzen, den schlichten Goldreif im Haar, allein in ihrem Ankleidezimmer stand und abermals auf die Anzeige hernieder starrte, da glich sie der erbarmungslosen Königin Elisabeth, welche mit herbe geschlossenen Lippen das Todesurtheil der Gegnerin unterzeichnet.

Ihre Gedanken flogen zurück, zu jener Stunde, da Olivier an der Tafel des Ordensfestes zu ihrer Seite saß. Wort für Wort waren ihrem Gedächtniß geblieben, all jene verheißungsvollen, vielsagenden Worte, welche er ihr ins Ohr geflüstert. Da träumte sie ein süßes Märchen der Zukunft; sie schritt durch den Ahnensaal derer von Nennderscheidt und sah ihr Bildniß aus güldenem Rahmen lächeln, glückselig, blitzende Diamanten auf dem Nacken, keine Perlen, denn Olivier liebte sie ja.

Fides zuckte empor. »Fluch dem Weibe, welches diese Diamanten statt meiner tragen wird! – Schön und lieblich sollst Du sein, Marie-Luise, und Dein junges Glück hat nichts mit Thränen gemein, aber hüte Dich! die schwarze Wolke wird aufsteigen und wird sie über Dich schütten, daß Du unter der Last zusammenbrechen sollst! Dein Herz soll nicht über Andere triumphiren, in den Staub gehört's! dahin, wo das meine zertreten ward.« Und mit unnatürlicher Ruhe griff Fides nach dem dunklen Schleier, um ihn über das Haupt zu schlingen, – die Wagen rollten dumpf in die Flurhalle des Schlosses.

– – – – – – – –

Bunter, funkelnder und durchdufteter Zauber eines Ballsaals! Gleich wie Libellen mit schillernden Flügeln über ein ödes Sandfeld wirbeln, so ziehen Deine flüchtigen Stunden durch die graue Alltäglichkeit, wie Märchenträume, welche man kaum begreifen, geschweige denn haschen und festhalten kann!

Das Opernhaus strahlte in seinem stern- und blüthengestickten Galakleid. Auf dem Parquet, an hohen Marmorsäulen brandet hochwogend ein Meer von Schönheit, Perlen und Korallen tragend, Goldfunken wiegend und in farbenprächtigen Schleppen um die Füße der Tanzenden und Promenirenden schäumend, schmeichlerisch und bestrickend, daß die starken Männerherzen sehnsüchtig schwellen, wie dem jungen Fischer, welchen die Fluth in weiße Nixenarme lockt! Fortuna hat ihr goldenes Horn bis zum Rande gefüllt, hebt es mit verschwenderischer Hand empor und läßt einen Sprühregen von Gold- und Silberflocken hernieder wehen, streut schmachtende Rosenkelche und sendet ihnen Schmetterlinge nach, sie mit glitzernden Schwingen zu umgaukeln. Wie das leuchtet und blitzt! wie die Fächer wogen und der Brillantstaub wirbelt!

Die Springbrunnen plätschern silberhell in den Blumengrotten, parfürmirte Wasserstrahlen sprühen auf und stäuben wie Regenbogenglanz in die Broncemuscheln zurück. Es weht so süß und geheimnißvoll wie in Laurins Wundergarten, wenn das Mondlicht durch flüsternde Zweige glänzt.

Aber so still ist's nicht, wie in dem Reiche des Zwergenkönigs. – Es lacht, hastet und treibt, spottet und bewundert, haßt und liebt, und zwischendurch schweben in kleinem Kreis die Paare, drängen sich die Uniformen durch Atlas und Spitzen, schmachten und kokettiren die Augen reizender Frauen! Und dazu klingt's und hallt's vom Orchester, all die heißblütigen und graziösen Melodien, welche wie electrische Funken durch die Füße zucken.

Die höchsten Herrschaften haben die kleinen Logen betreten und Platz genommen, etliche Fürstlichkeiten, und die beiden Prinzen von Geblüt, welche im Leibdragonerregiment ihre Dienste dem deutschen Vaterlande widmen, stehen plaudernd hinter den Sesseln. Anfänglich haben auch die dienstthuenden Hofdamen und Kammerherren ein Weilchen im Hindergrund conversirt, dann klappen die Thüren zu der großen Hofloge, und die Umgebung der Großherzoglichen Familie versammelt sich in derselben zum glänzenden Cercle.

Namhafte Würdenträger, Minister und Gesandtschaft finden sich zusammen; man schüttelt sich die Hände, nickt zum ersten Rang herüber, neigt sich über die sammtene Brüstung und läßt das Gewoge des Saals durch die Lorgnette Revue passiren.

Eine sichtliche Aufregung herrscht in der engeren Hofgesellschaft. – Ein einziges Thema dominirt die Unterhaltung »Nennderscheidt!« – und Fürstin Claudia, und das Interesse, mit welchem man ihrem Besuch entgegen gesehen, scheint darüber völlig in den Hintergrund gedrängt zu sein.

»Wer ist Gräfin Herff? ... woher? ... reich? ... arm? ... häßlich oder schön? ... Brennende Fragen sind es, die auf Aller Lippen schweben, und die Damen und Herren, welche jemals das Glück gehabt, die Groß herzoglichen Herrschaften nach Hersabrunn zu begleiten, sind viel begehrte und umlagerte Mittelpunkte der großen Hofloge. Eine neue Erscheinung taucht zwischen den bekannten Gesichtern der Gesellschaft auf. Esperance, baronne de Gironvale, Freundin und Begleiterin der Fürstin Tautenstein. Sie spielt sich krampfhaft auf die pikante und interessante Französin auf, aber der alte Excellenz Wolter, welchem nichts auf der Welt verborgen bleibt, und dessen Lebenszweck es ist, fremde Angelegenheiten viel gewissenhafter zu erforschen und zu besprechen wie die eigenen, hat längst ausgekundschaftet, daß Mademoiselle Esperance einer schon längst verdeutschten Emigrantenfamilie entstammt, eigentlich Friederike heißt, keinen Heller Geld und einen Bruder im Staate Nebraska hat und lange Jahre als Gesellschafterin bei der Gattin eines reichen Industriellen in Paris lebte. Daselbst hat sie Fürstin Claudia eines schönen Tages im Fall der Noth engagirt und die vorerst »oberste Kammerfrau« avancirte in Gunst und Stellung bis zur ... soit dit Freundin und dame d'honneur ihrer extravaganten und unberechenbaren Gebieterin.

Mademoiselle de Gironvale schien sich ganz besonders für das Kapitel Nennderscheidt zu interessiren. Ihre kleine, »kunstvolle« Figur mit den wippenden und knixenden Bewegungen, welche »Temperament!« markiren sollten, huschte auf sehr spitzen Hackenschuhen von einer Gruppe Plaudernder zur andern und flötete mit spitzem Mäulchen ihr: »Mille pardon, meine Ersafften! Sie sprecken von die tolle baron ... bitte erzählen Sie mir! Ik liebe den spaßhaften Mann ganz unmenslik!« – und dabei klaschte sie bittend in die Hände und war ganz Baby und ganz Naivetät. Ihre Augen aber schillerten listig durch die schwarzen Wimpern, und wenn sie das magere, scharf geschnittene Gesicht mit dem etwas »orientalischen« Zuschnitt lauschend vorstreckte, dann konnte man nicht leicht einen boshaftern und gehässigeren Zug finden, als wie den, welcher um diese eingekniffenen Lippen zuckte.

Fräulein von Speyern trat ein, noch kühler und unnahbarer wie sonst, occupirte mit gewisser Hast einen Sessel dicht vor der Brüstung und blickte mit ausdruckslosen Augen in das Gewühl hinab.

Plötzlich eine Bewegung hinter ihr in der Loge. »Nennderscheidt's« – zischt eine Gräfin Mutter zur Seite einer andern Freundin zu, – tiefe athemlose Stille.

Fides krampft die Hände um den Fächer und verharrt regungslos. Sie hört seine lachende Stimme hinter sich, und die Worte, mit welcher er sich zur Oberhofmeisterin wendet.

»Verzeihen, Excellenz, wenn ich ohne formelles Visitentournée meine Frau in den Kreis der Gesellschaft führe! ... Ich hoffe, das Scepter des Prinzen Carneval ist ein mildes, und die Liebenswürdigkeit der anwesenden Herrschaften eine so große, daß ich ihr meine tanzlustige, kleine Ehehälfte getrost anvertrauen kann!«

Tanzlustige! ... Fast betroffen starrten Aller Augen in das blasse, unsagbar unglücklich drein schauenden Gesichtchen der jungen Frau, welches sich, wie niedergebeugt von der Qual dieses Augenblickes, tief zur Brust neigte.

Das fette Doppelkinn Ihrer Excellenz drückte sich sehr steif und abweisend gegen den Hals zurück, kaum, daß die blaßrothen Federn auf dem Haupte in kurzem Gegengruß schwankten.

»Das Scepter des Prinzen Carneval ist wohl für uns nicht tonangebend, Herr Baron,« entgegnete sie sehr kühl. »Und wenn Ihre Frau Gemahlin tanzen will, so hätte sie diesem Vergnügen wohl drunten im Saal huldigen können, ohne sich dem Zwang dieser etwas ... originellen Vorstellung unterziehen zu müssen!«

Um Olivier's Mundwinkel zuckte verhaltenes Lachen. Marie-Luise aber blickte so groß, so entsetzt in das Antlitz der alten Dame, daß zwei Attachés sich gegenseitig zuraunten: »empörend! ... arme kleine Frau!«

»Wäre allerdings viel abgekürzteres Verfahren gewesen, Excellenz!« verneigte sich Nennderscheidt, mit einem Gemisch von Spott und Amüsement, »da wir nun aber mal mit dem A begonnen haben, wollen wir uns auch bis zu dem X, Y und Z durchschlagen! – Gestatten gnädigste Gräfin meine Frau! ... habe den Vorzug, Baronin Werther … meine Frau!« … und hoch erhobenen Hauptes, wie Einer, der unendlich zufrieden mit sich und seinem Publikum ist, schritt der Freiherr durch die Länge der Loge; Marie-Luise folgte wie ein Opferlamm. Ihre Hand, welche auf seinem Arm ruhte, zitterte, und die Lippen preßten sich fest zusammen, als solle ein Aufschrei tiefster Qual gewaltsam dahinter verschlossen werden. Steifes Kopfneigen, stummes Mustern von oben bis unten, und die Damen wandten sich zur Seite und hatten sich untereinander sehr viel Wichtiges zu erzählen.

Ach, daß sich die Erde öffnen wollte, die gepeinigte Frau an Olivier's Arm hinab zu ziehen in tiefsten Grabesfrieden! Marie-Luise fühlt's, wie die heiße Luft sich gleich dunkelen Schatten vor ihre Augen legt, wie die Füße den Dienst versagen, in jäher Herzensangst wendet sie sich nach Goseck, welcher ihnen in die Loge folgte, zurück. Er steht eifrig sprechend in einem Kreise jüngerer Herren, schaut just zu ihr hin und nickt ihr lächelnd zu. – Aber auf seiner Stirn liegt eine finstere, fast drohende Falte, und durch sein Lächeln zuckt's wie Mitleid und Schmerz.

»Jetzt weiß er es, wie elend ich bin, und jetzt wird er mich von der Folter lösen, auf welche er mich ahnungslos gespannt!« – denkt die junge Frau, tief aufathmend; wie eine Erlösung kommt ihr der Gedanke, daß wenigstens eine Menschenseele in dieser Menschenfluth zu finden ist, zu welcher sie sich hinflüchten kann, wie ein Schiffbrüchiger zur rettenden Planke.

Olivier hat sie unbarmherzig mit fortgezogen, bis hin zu der Brüstung der Loge.

»Mein gnädigstes Fräulein ... Fräulein von Speyern! meine Frau sehnt sich danach, Sie kennen zu lernen!« Seine Stimme klingt diesmal anders, nicht so sicher wie zuvor.

Die Angeredete wendet langsam das Haupt über die alabasterweiße Schulter. Ein Blick, so kalt, so fremd und stolz trifft den Sprecher, daß es ihn friert, bis in das leichtfertige Herz hinein, dann schaut Fides gleichgültig zur Seite, über Frau von Nennderscheidt hinweg zu sehen.

Plötzlich zuckt sie auf, starr, wie festgebannt hängt ihr Blick an dem Perlenhalsband Marie-Luise's. Mechanisch erhebt sie sich aus ihrem Sessel, wendet sich der jungen Frau zu und richtet die großen Augen fast entsetzt auf ihr Antlitz. Wie ein Beben geht's durch ihre Glieder; sie sieht in das bleiche Duldergesicht, welches sich mit herzzerreißendem Lächeln zu ihr hebt, an dessen Wimpern es feucht erglänzt, in stummer Klage wie die Perlen an der Brust.

Hastig, fast ungestüm streckt Fides der Gemahlin Olivier's die beiden Hände entgegen, umschließt die zitternden Finger und drückt sie in fast leidenschaftlicher Erregung. Und da die andern Herrschaften etwas näher drängen, diese so programmwidrige Begrüßung zu beobachten, flammt ihr Blick über die erstaunten Gesichter hin, und mit lauter Stimme heißt sie die junge Frau in der Residenz willkommen.

»Bleiben Sie bei mir, – setzen Sie sich an meine Seite!« fährt sie liebenswürdig fort, einen Sessel et was vorschiebend, »ich denke, wir haben uns doch mancherlei zu erzählen, und je schneller wir über das Titelblatt unseres Freundschaftspaktes hinauskommen, desto besser für uns!«

Man wechselt verwunderte Blicke und erkennt die kühle, zurückhaltende Fides kaum wieder; Marie-Luise aber klammert sich unwillkürlich an die kräftig schlanke Frauenhand, welche sich ihr dargereicht hat, wie die Friedenspalme eines Engels, die sich aus Wetterwolken hernieder senkt.

Die Musiklänge brausen feuriger durch den Saal, und in der kleinen Hofloge, hinter dem Sessel der Fürstin Claudia taucht die himbeerfarbene Atlasrobe Esperance's auf.

Die reizende Herrin wendet hastig das Haupt und winkt die Intima näher; hinter geöffnetem Fächer wird secundenlang eifrig getuschelt, dann glüht der Blick Ihrer Durchlaucht zu der großen Loge empor, und um den kleinen, schmachtend geöffneten Mund irrt es wie ein schnelles Auflachen.

Graf Goseck ist hinter den Sessel Marie-Luises getreten und stellt ihr etliche junge Herren vor, welche es ostensibel zeigen wollen, daß sie ihren eigenen Willen haben.

Die junge Frau neigt das Köpfchen dankend entgegen; sie schaut nicht mehr so geängstigt drein wie zuvor, aber selbst der Glanz ihrer Augen und das schnelle Lächeln haben etwas Wehmüthiges. Herr von Hovenklingen, welcher mit seinem frischen Lachen so eben eingetreten ist, bringt die neueste Nachricht aus der kleinen Fürstenloge mit.

Prinz Maximilian hatte Frau von Nennderscheidt sehr lange und sehr aufmerksam durch das Glas betrachtet und dann mit den Fingern ungeduldig auf die Sammetbrüstung getrommelt, was er stets that, wenn er sich auf etwas besann.

»Zum Kuckuck noch eins, wem gleicht sie nur!« und plötzlich hatte er sich zu dem Erbgroßherzog gewandt: »Ich hab's! ... der Defreggerschen Madonna! wette, daß sie Modell gesessen hat!«

Seine Königliche Hoheit nimmt nun seinerseits den Operngucker und sagt während des Anschauens: »Hm ... hast recht! in der That etwas Aehnlichkeit ... nicht so regelmäßig schön, aber im Ausdruck ... da liegt's ... hm! ... und wie es scheint, ein paar Augen ... na, wie viel Faden Tiefe, Maxel?«

Lieutenant von Hovenklingen berichtete dies Alles mit gedämpfter Stimme und fügte mit seiner vergnügtesten Kopfbewegung hinzu: »will mal die Sache ausmessen und ein paar Mill näher rangehen, vielleicht lohnt's!«

»Die Defregger'sche Madonna! ... natürlich ... ganz frappant! ... sieht rasend unglücklich aus! ein interessantes, ein famoses Weib!« – und wie der Luftzug eine Feder faßt und davon wirbelt, so wurde das neueste Wort des Prinzen von dem Häuflein der jeunesse dorée aufgegriffen und als Feldgeschrei von Mund zu Mund getragen. Graf Goseck neigte sich über den Sessel Marie-Luises. »Ich sehe, gnädigste Frau, daß etliche Herrschaften aus dieser Loge einen Rundgang durch den Saal unternehmen; würde es Sie nicht interessiren, die Märchen aus ›Tausend und einer Nacht‹ mit eigenen Augen zu schauen?«

Sie stimmte mehr liebenswürdig wie eifrig zu und wandte sich mit bittenden Augen zu Fides: »Sie begleiten uns doch, liebe Baronesse? Ich fühle mich so beschützt und sicher, wenn ich Sie an meiner Seite weiß!«

»Unter Larven die einzige fühlende Brust!« scherzte Eustach mit einer Verneigung gegen Fräulein von Speyern: »Diese Conduite gönne ich Ihnen nicht, Gnädigste Frau ... ich bitte um Ihren Arm. Sie so schnell wie möglich dem Bann dieser liebenswürdigen Zauberin zu entführen, und Ihnen zu beweisen, daß auch die Grafen Goseck einen Schild führen, auf welchem die Devise glänzt: Ich streite gern für Wahrheit, Ehr' und Recht, getreu der Fahne, der ich zugeschworen!«

»Fehlt ja die Hauptsache, Gräfchen!« Olivier wandte lachend den Kopf und wedelte sich mit dem Fächer der Mademoiselle Esperance, welcher er sich hatte vorstellen lassen, und welche ihn sofort in eine lebhafte Unterhaltung verstrickte.

»Und die wäre?« – Goseck hemmte momentan den Schritt.

»Na – die Dame, die Du liebst!«

Ein leichtes Blinzeln zog die dunkeln Braunen auf der Stirn zusammen. Eustach zuckte mit undefinirbarem Blick die Achseln. »Die nenne ich nicht, und lasse dadurch Deine Meinung unentschieden!«

»Fängt ja nett an, dieser erste Walzer!!« rief Nennderscheidt sichtlich belustigt den Weiterschreitenden nach. »Kinder thut mir nur« ... er verstummte unter dem Blick, welcher ihn aus dem kühlen Auge des Fräulein von Speyern traf, und gleichsam wie ein Knabe, welcher sein Unbehagen und seine Verlegenheit durch gesteigerten Uebermuth bemänteln will, kreuzte er in outrirtem Frösteln die Arme über der Brust: »Jungfrau Germania, mich friert!!«

Ihr Blick maß ihn von oben bis unten; sie wandte ihm beinahe verächtlich den Rücken.

Zum ersten Mal stieg es heiß in seine Stirn empor. Mademoiselle de Gironvale aber warf schnippisch die Nase zurück und sagte mit einem Ausdruck größter Vertraulichkeit: »Eine höchst unangenehme Dame, diese Wolff de Speyern ... n'est ce pas, cher baron? … man hat das Sentiment, als stünde man ihr vis-à-vis bis an die Knieen in kaltes Wasser! – Fürstin Claudia war auch sofort die Ansicht, daß man sich vollständig verschnupft in ihre Nähe!«

Olivier lachte etwas zerstreut auf. »Brillant! Auf alle Fälle bin ich eine so frostige Natur, daß ich lieber mit Feuer als mit Schneebällen spiele! Zum Beispiel mit dem Feuer jener Alpenrosen in Ihrem Haar, welche mir die Augen blenden wie die Irrlichtflammen des armen Tannhäuser im Hörselberge!«

Sie griff mit beiden Händen nach dem Schmuck in ihren kurzen Löckchen empor und kokettirte mit schmollendem Blick im schnellem französisch zu ihm auf. »Méchant! Sie mokiren sich über die unsoliden Blumen, welche mich so sehr ärgern! Da sehen Sie, alle Blüthen fallen ab,« ... und sie schüttelte graziös das Köpfchen, daß die kleinen, rothen Flocken über den Hals herniederrieselten. »In einer halben Stunde ist nichts mehr übrig, wie das braune Laub; abscheulich, dites moi que faire, cher baron?« Sie wippte sich vor ihm auf den spitzen Hacken und sah wirklich ganz trostlos aus.

»Soll ich sie vielleicht mit meinem Herzblut anleimen?« er neigte sich mit sehr kühnem Blicke näher. Ein lautes Auflachen. Mademoiselle Esperance flatterte wie ein Vögelchen davon, der strahlenden Erscheinung der Fürstin Claudia entgegen, welche zu höchster Ueberraschung die große Hofloge betrat. Sie schmiegte sich an den Arm der reizenden Herrin und kicherte ihr eifrig etwas zu: – »Ein entzückender, ein himmlisch amüsanter Mensch!«

Die großen Augen mit dem feucht verschleierten Blick richteten sich träumerisch auf Olivier. Claudia stand einen Augenblick regungslos und sah ihn an.

Wie ein Feuerstrom ging dieser Blick durch Nerv und Ader, – der Freiherr von Nennderscheidt preßte jählings den Spitzenfächer der Gironvale in den Händen, als wolle er ihn voll leidenschaftlicher Gewalt zermalmen.

Dann wandte sich Claudia in ihrer graziösen Weise, über welcher dennoch in jeder Bewegung ein ungemein schwärmerischer und weicher Hauch lag, zu den sie umringenden Damen, langsam das Haupt zu neigen oder die kleine Hand zu bieten.

Esperance aber stand abermals an Olivier's Seite und hing sich ungeniert an seinen Arm. »Allez-vite, Sie charmanter Chevalier! ich will Sie meiner Göttin Venus präsentiren, damit Sie spöttischer Gesell überhaupt erst einen Begriff von geblendeten Augen bekommen!« und neckisch zu ihm aufblinzelnd, fügte sie leiser hinzu: »recht unvorsichtig von mir, nicht wahr? ... wer weiß, ob Sie noch einen Blick und Gedanken für die arme Elisabeth haben, wenn Sie erst im Hörselberge verzaubert sind!«

Daß Mademoiselle de Gironvale mit der blonden Fürstentochter sich selber meinte, schien Herrn von Nennderscheidt selbst in diesem Augenblick, wo es nur ein einziges Interesse für ihn gab, äußerst spaßhaft.

Er sah lachend in das magere Gesicht mit dem zusammengekniffenen Mund und dem zigeunerhaften Teint hernieder. »Der Hörselberg und Blocksberg sind seit neuerer Zeit durch Telephon und electrische Bahn verbunden, und wenn ich Frau Venus sage, daß ich eine ganz charmante Freundin unter den ... kleinen Hexen dort besitze, dann giebt sie mir hoffentlich mal einen Urlaubsschein!«

»Schrecklicher Mensch! ich werde den Besenstiel in Salzwasser tauchen!« – drohte Esperance so allerliebst, wie es ihr möglich war, und sprach plötzlich ein ganz correctes Deutsch, wie stets, wenn sie eifrig wurde.

Fürstin Claudia schaute zu Olivier empor, da sein Namen an ihr Ohr klang. Ein langer, wundersam aufleuchtender Blick, und dazu kräuselten sich ihre Lippen wie in feinem Spott, und die einzelnen Brillanttropfen in ihrem Haar blitzten auf, wie der Thau auf Rosenkelchen. Der Hofmarschall schien von der Eigenwilligkeit des Fräulein von Gironvale nicht sonderlich erbaut. – ehe Claudia den Freiherrn von Nennderscheidt einer Anrede würdigen konnte, verneigte er sich hastig an ihrer Seite.

»Durchlaucht verzeihen ... die Herrschaften beabsichtigen soeben, einen Rundgang durch den Saal zu unternehmen; sollten Sie ebenfalls den Wunsch hegen, so« ...

»Durchlaucht, ich hoffe Arm und Geleit anbieten zu dürfen,« drängte sich Prinz Hohneck neben den Sprecher; er hatte Fürstin Tautenstein hier herauf in die Loge führen dürfen und pochte nun auf sein gutes Recht als Cicerone. »Wollen Durchlaucht die freundliche Gnade haben ... grande ronde durch Saal und Foyer!« und er lachte, daß sein semmelblondes Bärtchen sich über den sehr gesunden Zähnen empor sträubte, und offerirte mit zwei kurzen Verneigungen den Arm.

Claudia nickte ihm zu, halb lässig, halb huldvoll. »Wäre das nicht zu viel des Guten, lieber Hohneck?« ihre Stimme klang sehr weich und gedämpft. »Wir haben uns schon so gut kennen gelernt und alle Neuigkeiten durchgesprochen ... ein wenig changement des décorations könnte wahrlich nichts schaden! – besinnen Sie sich derweil wieder auf eine recht nette Anecdote ... Kasernenhofblüthen ... oder ein Pendant zu dem ›todten Bauer‹ ... ich höre Ihnen nachher ganz geduldig zu und lache mit!« – und die bezauberndste aller Frauen reichte mit ganz undefinirbarem Lächeln die Hand zum Kuß und wandte um mit schneller Bewegung zu Nennderscheidt.

»Führen Sie mich, Baron, aber nehmen Sie nicht den Bädecker, sondern Ihre eigenen Memoiren zur Hand; eine einzige Irrfahrt Ihres so stürmisch bewegten Lebensschiffes interessirt mich mehr, wie alle blumenduftigen Kreuz- und Quergänge dieses Opernhauses!«

Hochaufgerichtet stand Olivier, lachend schaute er über die Häupter aller Derer, welche so vergeblich den Fuß gehoben hatten, den Namen Nennderscheidt in den Staub zu treten! Schluß des ersten Aktes: Mein das Reich und mein die Macht!

Wie ein unendlich zartes, duftiges und goldiges Wölkchen, schwebte Fürstin Tautenstein an der Seite ihres imposanten Cavaliers, und Olivier mußte sich tief herabneigen, um ihr mit glühendem Blick in fast stürmischer Hast zuzuflüstern: »Als Ulysses in den Banden der reizenden Zauberin lag, und an Kalypsos Seite die Jahre ihm Minuten däuchte, da vergaß er Alles, sein Wandern kreuz und quer, seine Abenteuer, seine Heimath und sein Weib, und er sprach nicht von Vergangenem, sondern nur von dem süßen, wundervollen Jetzt

Die Brillanten in ihrem Haar flimmerten, tanzten ihm wirr vor den Augen und fielen wie Funken auf sein Herz; Flammen schlugen auf, grelle heiße, gefährliche Flammen!


 << zurück weiter >>