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Endlich war der kleine Professor mit seiner Erkundungsreise fertig und begab sich in sein Büro. Es war nachmittags sechs Uhr, und er fand seine Sekretärin maschineschreibend vor.

»Bradelchen, ich brauche eine Tasse starken Kaffee, ich bin müde. Und dann muß ich Ihnen erzählen, wie verschieden die Menschen sein können, und Sie sollen mir sagen, was Sie von ihnen halten.«

Ilse Brade stand gehorsam auf, füllte Wasser in einen Topf und hängte den Tauchsieder hinein. Sie stellte die Kaffeekanne, das Sieb, die Zuckerdose und zwei Tassen zurecht und holte aus dem Waschbecken eine Flasche Milch, über die dauernd ein feiner Strahl frischen Wassers gelaufen war.

Während dieser Vorbereitungen hatte sich Staps auf die linke Seite von Ilse Brades Schreibmaschinentisch geschwungen und spielte nachdenklich an der Tastatur der Maschine herum. Auf einmal erschrak er, er hatte nacheinander zwei Hebel heruntergedrückt, und der Wagen war um je einen Buchstaben weitergerückt.

»Herrje, Bradelchen! Sie werden radieren müssen! Ich habe mich an Ihrer Arbeit vergriffen.«

Ilse Brade lachte. »Das wird mich bestimmt nicht umwerfen, Herr Doktor!«

Staps lauschte der angenehmen Stimme seiner Sekretärin, und er gratulierte sich wieder einmal, gerade sie als Mitarbeiterin erwischt zu haben, war sie doch trotz seiner Launen nie übelnehmerisch. Und daß er sie mehr als einmal gekränkt hatte, war ihm durchaus klar, ebenso, daß sie sich mindestens schon zwei- oder dreimal ernstlich überlegt hatte, ob sie nicht kündigen solle. Doch er war nicht hergekommen, um über seine Privatsekretärin zu philosophieren.

Er kehrte also zur Sache Kattner zurück und sagte aus diesen Gedanken heraus: »Bradelchen, ich glaube, ich habe ein Zipfelchen ...«

»... dieses Sächelchens!« vervollständigte Ilse Brade lachend.

Staps' Stirn umwölkte sich, und die Zuneigung zu seiner Sekretärin erhielt einen erheblichen Stoß. »Fräulein Brade, ich muß doch sehr bitten!« kollerte er fauchend.

Ilse versuchte ein ernstes Gesicht zu machen und erkundigte sich teilnehmend: »Wen haben Sie im Verdacht, Herr Doktor?«

»Jemand, der sich für Nissens Geld interessiert«, antwortete Staps. Seine Stimme war eine Mischung zwischen restlichem Fauchen und dem üblichen Krächzen.

Ilse Brades folgende Frage war respektlos: »Können Sie den Täter genauer bezeichnen, Herr Doktor?«

Staps war am Platzen. Er schrie: »Nein, Sie dummes Huhn!«

Jetzt konnte Ilse das Lachen nicht mehr zurückhalten, und sie prustete heraus: »Wenn schon dumm, dann lieber – dumme Gans!«

Staps erstarrte und sah seine Sekretärin an. Endlich fragte er sachlich: »Wieso?«

»Soviel ich weiß, sind Gänse immer noch gescheiter als Hühner!« gab sie ebenso sachlich Auskunft.

»Hm!« Staps enthielt sich weiterer Bemerkungen und nahm die Tasse Kaffee entgegen, die Ilse ihm brachte. Er betrachtete mißtrauisch erst das duftende Getränk, dann seine Sekretärin.

Sie verstand und sagte: »Die Temperatur ist richtig, Herr Doktor! Sie werden sich bestimmt nicht verbrennen und auch nicht darüber klagen können, er sei kalt!«

Staps kostete und nickte zufrieden.

Dann setzte sich Ilse auf ihren Maschinenstuhl, brannte sich eine Zigarette an und trank ihren Kaffee. Dabei hörte sie zu, was Staps von seiner Besuchsreise zu erzählen hatte, und machte Bemerkungen dazu.

Staps' drastische Art, die Dinge zu beschreiben, zauberte die verschiedenen Wohnstätten und Menschen, die er in den letzten zwei Tagen aufgesucht hatte, greifbar genau vor Ilse Brades Augen.

Sie waren ganz in ihre Erörterungen vertieft, über die sich Ilse stenografische Notizen machte, als sich die Tür öffnete und Dr. Schwarz eintrat. Der kleine Professor ließ sich in keiner Weise stören, er thronte weiterhin auf dem Maschinentisch. Schließlich blieb Ilse Brade nichts weiter übrig, als einen Sessel aus dem Arbeitszimmer ihres Chefs zu holen und ihn Dr. Schwarz anzubieten, der sich Staps gegenübersetzte.

»Ich hätte nicht gedacht, daß ich Sie so bald aufsuchen würde, Herr Doktor«, fing Schwarz an. »Aber jetzt bin ich an der Reihe. Heute früh habe ich einen Drohbrief bekommen, unterschrieben mit ›Der Gläubiger‹. Dieser Herr fängt für meinen Geschmack so langsam an, unangenehm zu werden.«

»Weil er sich mit Ihnen beschäftigt?« krächzte Staps ironisch.

Schwarz war beleidigt. »Wenn Sie keinen Wert auf die Kenntnis dieses Briefes legen, Herr Doktor ...«

»Aber ich bitte Sie, lieber Dr. Schwarz!« Staps zog das sanfteste Register seiner rauhen Stimme.

»Na schön!« knurrte der Prokurist, der seinen Beruf dem Kriminalisten gegenüber mit »Erfinder« angegeben hatte. Er holte aus der linken Jackentasche einen Umschlag, auf dem Staps und seine Sekretärin schon von weitem die sattsam bekannte Schrift des Gläubigers sahen.

»Darf ich Ihnen den Brief vorlesen?« Diesmal war Schwarz entschieden spöttisch.

»Sie würden mir einen großen Gefallen erweisen!« schmeichelte Staps sanft.

Über Dr. Schwarz, dem doch eigentlich ruhigen und sachlichen Kaufmann, lag eine kaum wahrnehmbare Unruhe, die von Staps mit Interesse und von Ilse Brade mit Neugier beobachtet wurde. Der kleine Professor kniff die Augen zusammen und ließ keine Bewegung seines Besuchers außer acht, gehörte doch Schwarz zu einem der drei Verdächtigen.

Dr. Schwarz entnahm dem Umschlag den anonymen Brief des Gläubigers. Der Umschlag rutschte ihm von den Knien, und er bückte sich, um ihn aufzuheben und in die Jackentasche zu stecken. Seine Hände waren nicht so ruhig wie sonst. Staps und Ilse Brade hatten ihn bei Vernehmungen und auch je einmal sozusagen privat gesehen, so daß sie über das wenn auch kaum bemerkbare Ungewöhnliche an ihm urteilen konnten.

Dann lehnte Schwarz die Schultern gegen den Stuhl, als brauche er eine Stütze, und begann mit dem Vorlesen:

 

»Sehr geehrter Herr Schwarz!

Sie wissen, daß von den vielen Menschen, auf die sowohl die Polizei als auch Dr. Staps ihr Augenmerk gerichtet haben, besonders diejenigen die Ehre haben, in den allerengsten Kreis der Erwägungen gezogen zu werden, die von unserem gemeinschaftlichen Freund Nissen zu irgendwelchen Zwecken Geld wünschen. Da auch ich mich an Nissen gewandt habe, gehöre ich zu ihnen.

Ich werde mein Ziel erreichen, dessen können Sie versichert sein!

Nissen lehnt es zur Zeit ab, irgend jemand Geld zu geben. Ich habe ihm mit dem Tode gedroht, wenn er sich nicht anders entschließt.

Es ist nicht unmöglich, daß diese Gefahr ihn dazu bringt, seinen Entschluß doch abzuändern. Dann steht aber nicht fest, wem von uns er seine finanzielle Gunst zuwenden wird.

Ich sehe mich daher gezwungen, jeden Mitbewerber um Nissens Geld auszuschalten.

Deshalb ersuche ich Sie, sehr geehrter Herr Dr. Schwarz, innerhalb der nächsten acht Tage Nissen zu erklären, daß Sie auf seine Hilfe für die Auswertung Ihrer Erfindung verzichten.

Auf die Folgen, die die Nichteinhaltung der vorstehend genannten Frist für Sie haben würde, brauche ich Sie nicht besonders hinzuweisen, ich erinnere Sie an Rita Kattner!

Verbindlichst
Der Gläubiger.«

 

Die Hände von Dr. Schwarz zitterten fast unmerklich, als er den Bogen wieder zusammenfaltete, den Umschlag aus der Jackentasche zog und den Brief darin barg. Das Zittern war aber immerhin nicht schwach genug, um Staps' scharfen Augen zu entgehen.

Doch diese Tatsache war für Staps nicht so wesentlich wie der Inhalt des Briefes. Denn als Schwarz mit dem Vorlesen fertig war, stieß er ein Geräusch aus, das wohl ein Pfiff sein sollte, jedoch mit dem Zischer einer wütenden Schlange erheblich mehr Ähnlichkeit aufwies.

»Hilft Ihnen dieser Brief weiter, Herr Doktor?« fragte Schwarz, der den Ton ungefähr richtig deutete.

Der kleine Professor hob ungewiß die Schultern. »Das läßt sich natürlich nicht so auf den ersten Anhieb sagen, Dr. Schwarz«, entgegnete er mit lauerndem Blick auf seinen Gast. Weiß der Teufel, er mochte diesen geschniegelten und gestriegelten, betont harmlosen Menschen nicht! »Auf jeden Fall bin ich Ihnen sehr verbunden, daß Sie mich über diesen neuen schriftlichen Erguß unseres Gläubigers unterrichtet haben. Ich darf bitten, mir den Brief zu überlassen!«

Der Prokurist hielt den Umschlag noch in der Hand. Er betrachtete ihn und sah dann auf den Kriminalisten, der beinebaumelnd auf Ilse Brades Maschinentisch saß und Schwarz aufmerksam betrachtete.

»Dürfte ich dann wenigstens um eine Abschrift bitten?« fragte Schwarz.

»Gewiß, Herr Doktor!« erklärte sich Staps bereit und streckte die Hand aus, um den Brief entgegenzunehmen. Dabei kam er gerade an die Grenze des Gleichgewichts, und Schwarz wie auch Ilse Brade sahen ihn schon von dem schmalen Tisch herunterrutschen. Doch Staps dachte gar nicht daran. Er nahm den Brief und setzte sich wieder zurecht. »Verbindlichsten Dank, Herr Doktor!«

Da Staps keine Anstalten machte, den Brief sofort abschreiben zu lassen, sah sich Schwarz gezwungen, sich zu verabschieden. Er erhob sich und stand aufgerichtet vor Staps, der ihn von unten her blinzelnd ansah.

»Ich darf Sie doch bitten, Herr Doktor«, sagte der Prokurist, »bei Ihrer Bearbeitung der Sache Kattner auch mich und meine gefährdete Lage nicht aus den Augen zu lassen?«

Staps grinste. Warum, wußte niemand. Denn die Angelegenheit war verteufelt ernst, hatte sie doch Rita Kattner das Leben gekostet und bedrohte nun Nissen und Dr. Schwarz. Staps nickte, strahlend, vergnügt, übermütig, er nickte noch einmal und ein drittes Mal.

»Selbstverständlich, Herr Dr. Schwarz! Ich werde Ihre gefährdete Lage bestimmt nicht übersehen. Sie haben völlig recht, sich nach diesem Brief unsicher zu fühlen!« Er lachte leise vor sich hin.

Der Prokurist stutzte und machte beleidigt einen Schritt nach rückwärts. »Verspotten Sie mich eigentlich, Herr Doktor?« fragte er mit heiserer Stimme, in der Wut aufglomm.

»Aber nein! Wo denken Sie hin! Ich sammle meine Schäfchen!« Staps rutschte endgültig und diesmal absichtlich vom Tisch und stand vor seinem Besucher. Er streckte ihm die Hand hin. »Seien Sie überzeugt, Herr Dr. Schwarz, daß Ihre Sache entsprechend ihrer Wichtigkeit behandelt und gewürdigt wird.«

Der Prokurist verbeugte sich und ging.

Staps starrte ihm gedankenvoll nach. Als die Tür geschlossen war, drehte er sich mit Schwung herum und ging nach seinem Zimmer. »Kommen Sie, Brade!« bellte er im Vorbeigehen. Die Privatsekretärin ergriff gehorsam Stenogrammblock und Bleistifte und folgte ihrem Chef.

Sie setzten sich an Staps' breitem Schreibtisch einander gegenüber. Staps dachte nach, und währenddessen fuhr sein Bleistift über ein Blatt Papier, das vor ihm lag. Ilse Brade konnte nicht sehen, was er schrieb, da der kleine Professor schräg zum Tisch saß und die Linke über das Papier hielt.

Ilse wurde die Zeit lang, und sie schaute aus dem Fenster. Ein feiner Regen rieselte auf die großen Linden des Schmuckplatzes, so daß die Blätter glänzten.

Eigentlich kein Sommerregen, dachte Ilse, mehr ein Herbstregen oder besser dichter, fallender Nebel. Heute wäre kein schöner Tag für die Sandkule! Die ganze Gesellschaft, deren Mittelpunkt die schöne Rita Kattner gewesen war, erschien wieder einmal vor ihren Augen. Schade um das Mädel! Sie war, was wohl wenige wußten, ein guter, warmherziger Mensch gewesen, mochte sie noch so sehr den Eindruck eines oberflächlichen, spielerischen Geschöpfes gemacht haben. Eine Frage aber blieb offen, und sie ließ Ilse Brade keine Ruhe: Wen eigentlich hatte Rita Kattner geliebt? Sie hatte sich nicht von Nissen trennen wollen, obwohl der Fabrikant ihr die Lösung des Verlöbnisses im Hinblick auf die gefahrvolle Lage mehrfach angeboten hatte. Doch Ilse Brade konnte sich des Eindruckes nicht erwehren, daß Rita eine viel größere Neigung zu Fritz Ruh gehabt hatte als zu ihrem Verlobten. Ilse hielt es durchaus für möglich, daß Rita an der Verbindung mit Horst Nissen festgehalten hatte, um nicht in Versuchung zu kommen, sich Fritz Ruh mehr zu nähern, als die Achtung vor Hedwig Reinhards Stellung zu Ruh ihr dies gestattete.

Ilse schreckte aus ihren Betrachtungen auf und blickte ihren Chef an, der soeben ein rauhes »Hm!« hatte hören lassen. Er hatte schon vor einer Weile seine Tätigkeit unterbrochen und seine Sekretärin betrachtet. Ilse Brade war wohl der einzige Mensch, dem er eine Art Ebenbürtigkeit zugestand, obwohl sie ein »Weib« war. Die andern Menschen wußten, wenn sie seine drollige kleine Figur sahen und seine häufigen mehr oder minder berechtigten Wutzustände erlebten, seinen überragenden Geist spürten und seine scharfen Bemerkungen hörten, meist nicht, ob sie ihn lächerlich oder ihrer Hochachtung wert finden sollten. Ilse Brade dagegen kümmerte sich nicht um sein Äußeres, nicht um seinen Koller, nicht um seinen Spott, ja, sie gab ihm hin und wieder den Spott doppelt und dreifach zurück. Sie war ein guter, zuverlässiger und tapferer Arbeitskamerad. Und das rechnete Staps ihr hoch an.

»Sagen Sie mal, Bradelchen, wer ist eigentlich der Mörder der schönen Rita?« fragte Staps mit sanfter Stimme und schaute seine Sekretärin freundlich an.

Wäre nicht die Eindringlichkeit dieser Augen gewesen, so hätte Ilse gewiß mit einem Scherz geantwortet, so aber erwiderte sie ganz artig: »Ich halte es für außerordentlich schwierig, sich für einen der am meisten Belasteten, nämlich Dr. Schwarz, Fritz Ruh und Ferdinand Fischer, zu entschließen. Schwarz scheint ja nun auszuscheiden, da er selbst bedroht ist, Ruh traue ich die Tat nicht zu, bliebe Ferdinand Fischer, der widerwärtig genug ist, um ihn rein gefühlsmäßig zu verdächtigen. Aber man darf sich ja in Kriminalsachen nicht nach dem Gefühl richten! Es bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen zu antworten: Ich weiß es nicht!«

Ilse Brades Blick glitt von Staps' Gesicht ab und richtete sich, völlig ungewollt, auf das Blatt, das vor ihm lag. Sie lächelte vergnügt und spitzbübisch, was Staps natürlich nicht entging. Seine Stirn umwölkte sich und er fragte grollend: »Warum lachen Sie, Brade?«

»Ich lache nicht, Herr Doktor«, antwortete sie den Tatsachen zuwider. »Ich bewundere die klare, übersichtliche Art, in der Sie Ihre Gedanken zu Papier gebracht haben.«

Staps sah auf den Bogen herunter und mußte wider Willen ebenfalls lachen. Denn das einst weiße Blatt wies ein wildes Durcheinander von Schnörkeln, Pferdeköpfen und Hunden auf, wozu sich in der rechten oberen Ecke ein Mädchengesicht gesellte, das unbestreitbar die Züge Ilse Brades aufwies. Und Staps tat etwas Ungewöhnliches. Immer noch lachend, nahm er das Blatt auf und reichte es Ilse über den Schreibtisch. Mit einer ritterlichen, überaus höflichen Verbeugung sagte er: »Darf ich es Ihnen als Erinnerung an den Fall Kattner verehren?«

Mit einem strahlenden Lächeln nahm Ilse Brade den Bogen entgegen. »Ich danke Ihnen herzlich, Herr Doktor! Ich werde es zu meinen Kostbarkeiten legen.«

Beide schauten darauf zum Fenster hinaus, um nicht in ein befreiendes Gelächter auszubrechen. Sie faßten sich aber bald, und es war Staps, der die Unterhaltung wieder aufnahm.

»Wissen Sie noch, Bradelchen, daß ich Sie fragte, ob Erfinder ein Beruf sei? Ein Großer, nämlich kein Geringerer als unser Herr von Goethe, hat gesagt: Was ist das Erfinden? Es ist der Abschluß des Gesuchten!«

Ilse spitzte die Ohren. Ein Zitat? Nach ihrer Erfahrung bedeutete dies, daß der Professor ziemlich genau wußte, woran er war, daß also die Lösung eines Falles nahe bevorstand. Unklar blieb ihr nur, auf wen sie es anwenden sollte, auf Schwarz, der sich als Erfinder vorgestellt hatte, oder auf Staps, der vor dem »Abschluß des Gesuchten« stand.

Staps nahm seine zeichnerische Tätigkeit wieder auf. Diesmal bewegte er sich in technischen Dingen, er fügte zwei große, sehr genau und sauber ausgeführte Zahnräder ineinander. Das Sprichwort hatte sich also offenbar doch auf ihn selbst bezogen!

»Er hat zwar sehr fein gesponnen, der Herr, es kommt aber doch ans Licht der Sonnen!«

Das war zwar leicht abgewandelt, aber es war wieder ein Sprichwort, das zweite! Nach einem weiteren schöpferischen Augenblick – es entstand auf dem Papier ein geckenhafter junger Herr, der gebeugt vor einem angedeuteten Schreibtisch stand und in der Hand etwas trug, das man als Notizblock bezeichnen konnte – ertönte wieder Staps' Stimme, diesmal normal krächzend:

»Nachzuahmen erniedrigt einen Mann von Kopf!« Nach einer winzigen Pause: »Dies von Friedrich von Schiller, Bradelchen, Don Carlos!«

Das dritte Zitat!

*

Am nächsten Vormittag.

Staps hatte auf seinem Programm abermals einen Besuch bei sämtlichen Verdächtigen vermerkt. Der erste, den er mit seiner Gegenwart beglücken wollte, war Dr. Schwarz.

Staps entstieg der Straßenbahn, ging von der Haltestelle nach der zweiten Querstraße, der Haydnstraße, betrat das Haus Nummer neun und erklomm die Treppe, bis er im dritten Stockwerk vor dem Schild »Dr. Felix Schwarz« stand. Er drückte den Klingelknopf nieder. Nach einer Pause des Wartens wiederholte er dies etwas eindringlicher. Wieder Stille! Das drittemal brach Staps' Temperament durch, sein Finger verblieb eine ganze Weile auf dem Knopf. Abermals nichts – wenigstens was die Wohnung dieses Herrn Dr. Schwarz anlangte.

Wohl aber öffnete sich die Tür zur Rechten, und es zeigte sich ein Frauenkopf mit struppigem, grauem Haar, kleinen, grauen Augen und einer großen Nase. »Da klingeln Sie vergeblich, der ist gestern abend weggereist.«

»Das konnten Sie mir wohl nicht eher sagen?« krächzte Staps der verdutzten Frau ins Gesicht. Aber er besann sich schnell und fügte höflich hinzu: »Ich danke Ihnen, daß Sie mich unterrichtet haben, Frau« – ein schneller Blick auf das Schild – »Franzgen. Wissen Sie vielleicht, wohin Herr Dr. Schwarz gefahren ist?«

Die Frau war im Begriff gewesen, die Tür wieder zu schließen, als dieser komische kleine Mann da sie anfauchte. Als aber sein Gesicht und seine Stimme freundlicher wurden, trat sie ganz heraus, etwas mißtrauisch zwar noch, aber doch zu einem kleinen Klatsch bereit. »Da kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Aber vielleicht wenden Sie sich an seinen Freund, der hier immer herkommt und auch einen Schlüssel zum Haus und zur Wohnung hat. Der kann Ihnen bestimmt sagen, wo er hin ist.«

Staps sah unglücklich drein. »Ich weiß aber doch gar nicht, wer dieser Freund ist. Sie können mir doch sicher ...« Der kleine Professor hob bittend die Hand.

Frau Franzgen überlegte einen Augenblick, dann nickte sie. »Da müssen Sie zur ›Mühle‹ gehen in die Nummer drei, dort wohnt sein Freund, der Dr. Giese.«

Staps nickte. Die Frau war wirklich ausgezeichnet unterrichtet! »Ich danke Ihnen, Frau Franzgen, ich werde sofort diesen Herrn Dr. Giese aufsuchen.«

Er ging die Treppe hinunter und führte seine Absicht auch wirklich aus. Aber er hatte auch hier keinen Erfolg, Dr. Giese war ebenfalls nicht daheim. Vom Hausmann, einem schmierigen, liederlichen Kerl, der das Zweimarkstück, das Staps ihm reichte, erst einmal auf seine Echtheit prüfte, erfuhr der kleine Professor, daß umgekehrt Dr. Schwarz hier einen Schlüssel zum Haus und zur Wohnungstür Gieses besaß, da er sehr häufig komme und auch dann Zutritt habe, wenn der Wohnungsinhaber nicht anwesend sei.

Nun suchte Dr. Staps Fritz Ruh in der Klinik auf. Der Chemiker sah schlecht aus, er schien noch magerer geworden zu sein, und seine Augen waren müde und glanzlos.

»Was werden Sie tun, wenn Sie für die Verwertung Ihrer Entdeckung von Nissen das gewünschte Kapital nicht bekommen, Herr Ruh?« fragte Staps, der den unruhig und hastig rauchenden jungen Mann beobachtete.

Ruh machte eine ziellose Bewegung mit der Rechten. »Ich weiß es vorläufig noch nicht, Herr Doktor. Zunächst möchte ich abwarten, wie die Suche nach Ritas Mörder ausgeht.«

»Warum? Beunruhigt Sie die Untersuchung?«

Fritz Ruh sah sein Gegenüber mißtrauisch an. Schließlich senkte er mutlos den Kopf und murmelte: »Herr Doktor, Sie irren sich, wenn Sie in mir den Täter suchen.«

Staps lächelte. »Vielleicht haben Sie recht, Herr Ruh. Sie werden nach Abschluß der ganzen Sache mehr Muße haben, Ihren Plänen nachzugehen.«

Der Chemiker fuhr auf. »Meinen Sie vielleicht vom Gefängnis aus?« fragte er bissig.

»Sie übersehen, daß auf vorsätzlichen Mord weder Gefängnis noch Zuchthaus steht«, sagte Dr. Staps freundlich. Er stand auf und verabschiedete sich.

Der Besuch bei Ferdinand Fischer verlief stürmisch. Der kleine Professor entwickelte alle seine Fähigkeiten zur Wut und zum Poltern, und auch Ferdinand Fischer dämpfte in keiner Weise seine Stimme. Staps freute sich, als er wieder an der frischen, sauberen Luft war, nachdem er diesen – wie nun gleich? – dreckigen Menschen verlassen hatte.

An sich wäre ja nun das vorgesehene Programm erschöpft gewesen. Aber er hatte auf seinem Weg und bei einem dieser Besuche festgestellt, daß er noch nicht nach Hause fahren konnte.

Zunächst einmal aber wollte er essen. Es war inzwischen ein Uhr geworden, und er hatte Hunger. Darum fuhr er mit der nächsten Straßenbahn in das Innere der Stadt und begab sich in das Restaurant von Martin Keller unter den Arkaden, dorthin, wo vor wenigen Wochen Rita Kattner Dr. Giese kennengelernt hatte. Einen Augenblick schwankte Staps, ob er erst essen oder erst telefonieren solle.

Schließlich gab er der Pflicht den Vorzug und rief Kommissar Förster an, den er, nach dessen Worten, sozusagen noch am Mantelzipfel erwischt hatte. Sie kamen überein, daß Staps den Kommissar um halb drei Uhr aufsuchen solle. Nun rief er in seiner Wohnung an und bat seine Privatsekretärin, sich ebenfalls zur angegebenen Zeit im Polizeipräsidium einzufinden und die Akten über den Fall Kattner mitzubringen.

Endlich setzte er sich an einen runden, abseits stehenden Tisch und stellte ein Mahl zusammen, das aus kleinen Leckerbissen bestand. Dazu trank er eine halbe Flasche Rheinwein. Den Abschluß bildeten ein Kännchen Kaffee und eine Zigarre. Während des Essens beobachtete er die Menschen um sich herum. Ihn beschwerte nichts mehr, die Sache mit Rita Kattner war seiner festen Überzeugung nach gelöst, so daß er sie aus seinem Gehirn ausschalten konnte. Kurz vor halb drei Uhr bezahlte er und ging zum Präsidium hinüber, das nur wenige Schritte von den Arkaden entfernt lag.

In seinem Arbeitszimmer erwartete Kommissar Förster den kleinen Professor. Sein Inspektor war als sein unzertrennliches Zubehör dabei, und auch Ilse Brade war bereits eingetroffen. Sie schien angedeutet zu haben, daß sich Staps wahrscheinlich über die Sache klar sei, denn Förster sah dem Eintretenden sehr gespannt entgegen.

»Nun, haben Sie ihn, Professor?« fragte er statt einer Begrüßung und reichte dem Eintretenden die Hand.

»Wen soll ich haben?« fragte Staps harmlos.

»Na, den Mörder natürlich!« grollte Förster halb lachend.

»Fräulein Kattners Mörder?« vergewisserte sich Staps.

»Lassen Sie sich doch nicht bitten wie eine Diva, Professor!« zürnte der Kommissar.

»Ich glaube, ich weiß, wer es gewesen ist«, gab Staps endlich Auskunft.

»Sie glauben?« fragte Förster gedehnt.

»Nun ja«, gab Staps zurück. »Wir können auch sagen, daß ich überzeugt bin, den Mörder zu kennen. Was nützt uns aber meine Überzeugung? Wir haben nicht die geringste Handhabe, um ihn zu fassen.«

»Nun sagen Sie doch endlich, wer es gewesen sein soll!« drängte Förster ungeduldig.

Staps nannte den Namen.

Der Kommissar fuhr auf. »Ausgeschlossen! Warum gerade der? Er hatte ja gar kein Interesse an Rita Kattners Tod!«

Auch Ilse Brade war verwundert, während sich Inspektor Lehmann, seiner Art entsprechend, still und abwartend verhielt.

»Ich hätte eher auf Dr. Schwarz getippt«, sagte Ilse.

»Warten Sie ab, Bradelchen!« dämpfte Staps.

»Weshalb haben Sie Schwarz besonders verdächtigt, Fräulein Brade?« fragte der Kommissar, der Staps' Privatsekretärin sehr gern mochte und sie als gescheites Mädchen kennengelernt hatte.

Ilse Brade zögerte. »Darauf kann ich Ihnen keine bestimmte Antwort geben, Herr Kommissar. Dr. Schwarz war ja durch den Drohbrief, den er erhalten hat, eigentlich entlastet, und es blieben nur Fischer und Ruh übrig. Aber ich mag Schwarz nicht, was freilich kein Grund ist, ihn mehr zu verdächtigen als die beiden andern. Ferdinand Fischer verabscheue ich, und doch – Fischer ist ein Halunke, und ich traue ihm viele Schlechtigkeiten zu, kaum aber einen so vorbereiteten Mord. Schwarz ist ein Schauspieler«, schloß Ilse Brade etwas unvermittelt ihre unklare Äußerung.

»Wie ist Ihr Verdacht auf einen Außenstehenden gekommen, Professor?« fragte der Kommissar. »Denn schlie8lich ist der von Ihnen Genannte insofern ein Außenstehender, als er von Nissen kein Geld verlangt hat.«

»Dieser Mann hat mir von Anfang an nicht gefallen«, gab Staps zur Antwort, »und seit dem letzten Drohbrief, dem, den Dr. Schwarz erhielt, wurde mir klar, daß der Mörder entweder ein Mensch sein mußte, den wir nicht verdächtigten, oder daß er ein Idiot sein mußte.«

»Ein Idiot? Warum?« wollte Förster wissen, und Ilse Brade sowie Inspektor Lehmann harrten gleich ihm gespannt der Antwort.

»Aber, aber!« lächelte Staps. »Das müssen Sie sich doch selbst sagen!« Er sah die drei der Reihe nach an.

Ilse Brade und der Inspektor blickten ihn verständnislos an, während nach ein paar Sekunden über das Gesicht des Kommissars ein Schmunzeln ging. »Ich verstehe«, sagte er. »Sie können mich ruhig auch einen Idioten nennen, Professor, denn darauf hätte ich längst verfallen müssen!«

»Worauf?« fragte Ilse Brade erwartungsvoll.

»Bradelchen!« Der Kommissar sah bei dieser Anrede halb fragend zu Staps hinüber, als wolle er dessen Genehmigung zu dieser Vertraulichkeit einholen, aber Staps tat, als habe er nichts gehört. »Also, Bradelchen, passen Sie mal auf! Der Gläubiger droht in seinem letzten Brief dem Dr. Schwarz, er werde ihn beseitigen, wenn er ihm im Wege stünde, Nissens Geld zu bekommen. Damit schaltete er Schwarz aus dem Verdacht, der Täter zu sein, aus. Vielleicht hätten in den nächsten Tagen auch Fischer oder Ruh solche Briefe bekommen. War der Täter nun einer der drei, die an Nissen um Geld herangetreten waren, so mußte doch schließlich er als letzter übrigbleiben. Damit hätte festgestanden, wer der Mörder war. In diese Lage hätte sich aber der Gläubiger nie und nimmer gebracht. Denn ein Dummkopf ist er bestimmt nicht.«

Staps nickte. »Sie sind also bereit, sich von Amtsgerichtsrat Menke, dem Untersuchungsrichter, den Haussuchungs- und den Haftbefehl gegen den Gläubiger geben zu lassen?«

»Bereit schon!« antwortete Förster. »Fragt sich nur, ob der Staatsanwalt und Dr. Menke mitmachen. Denn wie Sie vorhin ganz richtig sagten, Professor, wir haben keine Handhabe, keine Indizien. Ich bin mir noch nicht ganz klar, wie ich den Herren meinen Wunsch eindringlich genug darstellen soll.«

»Sagen Sie ihnen doch, Sie brauchten die Papiere, sonst würde der Gläubiger ewig frei herumlaufen. Es macht in der Öffentlichkeit einen schlechten Eindruck, wenn ein Mörder nicht gefunden wird.«

»Hm! Ja! Viel anderes wird mir ja nicht übrigbleiben. Also, ich rufe Sie später an und berichte Ihnen, ob ich die beiden Befehle bekommen habe. Am besten wird es sein, wenn Sie uns morgen früh nach neun Uhr abholen, Professor.«

»Schön!« krächzte Staps. »Ich werde pünktlich sein.«

»Ich auch!« meldete sich Ilse Brade.

»Sie?« fragte der Kommissar erstaunt. »Sie wollen doch nicht etwa mitkommen?«

»Selbstverständlich will ich das!« gab Ilse ruhig zurück.

»Der Gläubiger ist nicht ganz ungefährlich, Fräulein Brade! Mir wäre es lieber, wenn Sie nicht mitkämen.«

»Herr Doktor! Helfen Sie mir bitte!« bat Ilse Brade.

Staps hob mutlos die Schultern. »Haben Sie schon einmal erlebt, Kommissar, daß eine Frau ihren Kopf nicht durchsetzt?«

Da gab Förster nach.

Am Nachmittag konnte er dem kleinen Professor berichten, daß sich die Herren vom Gericht willfähriger gezeigt hatten, als er erwartet hatte, und daß er den Haussuchungs- und auch den Haftbefehl gegen den Gläubiger in Händen habe.

*

Der nächste Morgen vereinigte im Polizeipräsidium Kommissar Förster, Inspektor Lehmann, Dr. Staps und Ilse Brade. Dazu kamen drei Polizeibeamte, das waren mit dem Fahrer acht Personen, die in einem Sechssitzer Platz finden mußten. Denn Förster wollte, vor allem in Anbetracht der Gegend, die sie aufsuchen mußten, ein unauffälliges Auto nehmen und keinen Polizeiwagen.

Als sie bei dem Haus An der Mühle drei angekommen waren, nützte ihnen der unauffällige Wagen nichts. Er war schnell von einer Schar reichlich ungepflegter Kinder umlagert, die ihn wie ein Wundertier anstarrten, als nach und nach sieben Personen herausstiegen und immer noch eine, der Fahrer, darin verblieb. Die Erwachsenen, hauptsächlich Frauen, aber auch einige sehr zweifelhafte Männer, hielten sich vorsichtshalber mehr im Hintergrund.

»Wendler«, bat der Kommissar den Fahrer, »passen Sie bitte auf, daß möglichst wenige fahrwichtige Teile von unserm Wagen gestohlen werden, damit wir nachher wieder zum Präsidium zurück können. Sie brauchen natürlich nicht gleich zu schießen, aber immerhin ...«

Wendler nickte lachend, stieg aus, knöpfte recht sichtbar die Pistolentasche auf, holte neben dem Fahrersitz eine Reitgerte heraus, die er wippend einige Male auf- und niederschwingen ließ, und zündete sich dann eine Zigarette an. Schon diese Vorbereitungen bewirkten, daß sich der Achtungsabstand um den Wagen beträchtlich vergrößerte.

Oben angekommen, öffnete auf des Kommissars Klingeln Dr. Giese. Er musterte erstaunt die sieben Personen, die vor seiner Tür standen und die er bis auf drei Herren kannte. Er ließ sie an sich vorbei in den kleinen Vorraum ein, der damit völlig ausgefüllt war, und erwiderte die Begrüßungen, die ihm geboten wurden.

Zwei der Herren blieben draußen, während die andern seiner Aufforderung folgten, ihn in sein großes Wohnzimmer zu begleiten.

»Sie werden sich denken können, daß wir in der Mordsache Kattner zu Ihnen kommen, Herr Doktor«, begann Kommissar Förster. »Zunächst bitte ich Sie, mir keine Schwierigkeiten bei der Haussuchung zu bereiten. Hier ist der entsprechende Befehl des Amtsrichters.« Der Kommissar reichte Dr. Giese das Papier zur Einsicht.

»Sie beabsichtigen doch nicht etwa, mich des Mordes an der schönen Rita zu bezichtigen?« fragte Giese heiter lächelnd und reichte die Urkunde zurück.

»Darüber sprechen wir vielleicht später, Herr Doktor«, erwiderte Förster und nickte Unterinspektor Klasing zu, der ebenfalls zur Mordkommission gehörte.

Klasing begann nun mit der Durchsuchung der Wohnung. Nachdem er das Wohnzimmer vergeblich durchforscht hatte, begab er sich in die andern Räume.

Währenddessen hatte man sich gesetzt, und erwartete schweigend Klasings Zurückkommen.

Nach einer kleinen halben Stunde trat Unterinspektor Klasing wieder ein und meldete dem Kommissar, er habe nichts Belastendes finden können.

Dr. Giese lächelte spöttisch.

Da ertönte das bekannte Krächzen des kleinen Professors vom Bücherschrank herüber, wohin er vorhin seinen Stuhl gesetzt hatte.

»Seien Sie doch bitte so freundlich, Herr Klasing, und sehen Sie diese Bücher hier einzeln durch.« Staps wies auf eine Reihe von vielleicht einem halben Dutzend Bücher über Graphologie.

Der Unterinspektor kam der Aufforderung nach, holte die Werke aus dem Schrank, legte sie auf den Mitteltisch und blätterte sie durch. Dabei fand er in einem der Werke, das zahlreiche Beispiele enthielt, ungefähr zwanzig Blätter mit Handschriftenproben, die offenbar von ein und derselben Person stammten.

Förster, der neben Staps stand, fragte: »Wußten Sie das?«

»Nein! Nur eine Vermutung!« bellte Staps zur Antwort.

Der Kommissar nahm die Blätter in die Hand, betrachtete sie und legte dann eins nach dem andern weg.

»Da! Sehen Sie!« rief Ilse Brade aufgeregt aus, sie stand neben Förster und hatte mit ihm zugleich die Proben angesehen. »Die Handschrift des Gläubigers!«

»Nun, Herr Dr. Giese, was haben Sie dazu zu sagen?« fragte der Kommissar lauernd.

»Nichts, was Ihren Verdacht stützen könnte, Herr Kommissar«, antwortete Giese freundlich lächelnd. »Ich habe mich von jeher mit Handschriften beschäftigt, und die Blätter, die Sie in Händen halten, sind nichts weiter als meine Untersuchung der Behauptung des Verfassers, daß man fremde Schriften nicht nachahmen könne, da die Schrift ein Ausdruck jeder Persönlichkeit sei.«

»Wie kommt aber die Schrift des Gläubigers unter Ihre Versuche?«

»Sie übersehen, Herr Kommissar, daß mir die Schrift des Gläubigers bekannt ist, und werden es bestimmt verständlich finden, daß es mich locken mußte, eine so eigenartige Schrift nachzumachen. Das ist alles!«

»Erstaunlich, wie genau Ihnen diese Nachahmung gelungen ist, Herr Dr. Giese!« Auf einmal wurde Försters Stimme scharf und amtlich. »Hiermit verhafte ich Sie wegen Mordes an Rita Kattner.« Damit legte er Giese den Haftbefehl vor.

Doch Dr. Giese sah das Papier gar nicht an, sondern fragte spöttisch: »Sie wollen es doch nicht etwa unternehmen, Herr Kommissar, Ihre Behauptung auf die vorgefundenen Schriftversuche aufzubauen? Nun – wo bleiben die Beweise?«

»Nichts leichter als das!« lächelte Staps Dr. Giese liebenswürdig an. »Der Zeuge wartet draußen.«

Giese sah erstaunt auf den kleinen Professor. »Soviel ich weiß, ist doch der Mord in Abwesenheit des Mörders begangen worden. Wie kann es da einen Zeugen geben?«

»Für den Mord selbst nicht gerade«, erwiderte Staps etwas zögernd, »aber der Zeuge kann bestätigen, daß Sie der Schreiber der anonymen Briefe und damit der Gläubiger sind.«

»Da bin ich aber wirklich neugierig!« lachte Dr. Giese.

»Der Zeuge hat gesehen, wie Sie am Geburtstag Rita Kattners den vierten und letzten Brief in Fräulein Kattners Handtasche gleiten ließen.«

Dr. Giese hob die rechte Augenbraue und musterte Staps' unverbindliches Gesicht mißtrauisch. »Ich möchte Ihren sogenannten Zeugen ganz gern sehen und hören!« verlangte er, indem er sich auf einem der bequemen Stühle an dem Tisch vor dem Fenster niederließ. Die Anwesenden waren ob dieser Frechheit verblüfft, ließen ihn aber sitzen.

Jetzt betrat, von Inspektor Lehmann hereingerufen, der eine der beiden Herren, die im Vorraum gewartet hatten, das Zimmer.

»Bitte, Herr Klemm«, wandte sich Kommissar Förster an ihn, »wiederholen Sie, was Sie an dem Tag im Großen Bären beobachtet haben, an dem Fräulein Kattner dort mit dem Freundeskreis ihren Geburtstag feierte.«

Klemm, ein großer, schlanker Mann von vielleicht fünfundvierzig Jahren, mit angenehmem Gesicht, nickte und trat an den Mitteltisch heran. Seine Aussage war sachlich und ohne jedes Beiwerk:

»Zunächst möchte ich bemerken, daß ich ein Freund von Herrn Dr. Staps bin und einige Tage vor Fräulein Kattners Tode von ihm gebeten wurde, die junge Dame unbemerkt zu begleiten und notfalls zu schützen. Ich saß an jenem Tag an einem Nebentisch und konnte gut beobachten, was bei der Geburtstagsfeier vor sich ging. Während einer kurzen Abwesenheit von Fräulein Kattner nahm Herr Dr. Giese auf ihrem Stuhl Platz, um etwas mit Herrn Nissen zu besprechen, der neben ihr gesessen hatte. Dabei hat er die Handtasche, die Fräulein Kattner auf ihrem Stuhl liegengelassen hatte, auf den Tisch gelegt. In diesem Augenblick hat er den Brief, dessen Adresse und Schrift – es war die Schrift des Gläubigers – ich genau erkennen konnte, in die Handtasche, die er nur einen kleinen Spalt breit aufmachte, hineingeschoben.«

Dr. Staps nickte seinem Freund – das war Klemm wirklich, nur daß er außerdem auch noch Kriminalbeamter und der Mordkommission zugehörig war – freundlich zu. Er hatte seine Sache gut gemacht, wenn er auch nicht tatsächlich Zeuge des beschriebenen Vorganges gewesen war, der vielmehr von Staps und Ilse Brade einer Äußerung von Fräulein Dr. Schreiber entnommen worden war. Auch Annette Schreiber hatte nicht gesehen, daß Giese einen Brief in die Tasche geschoben, aber sie hatte beobachtet, daß er an Ritas Handtasche herumgespielt hatte.

Aus Dr. Gieses Gesicht war während des Berichtes des Herrn Klemm das liebenswürdige Lächeln völlig geschwunden; wütend starrte er den Beamten an, und plötzlich sprang er auf und lief auf die Tür zu, die von Unterinspektor Klasing besetzt war. Während des Laufens zog er eine Pistole und gab blindlings einen Schuß ins Zimmer ab, der Ilse Brade traf und ihr einen leisen Schmerzensschrei entlockte.

Der kleine Professor drehte sich um, und als er seine Sekretärin mit blassem Gesicht dastehen sah, die linke Hand auf den rechten Oberarm gedrückt, der von dem kurzen Ärmel freigelassen wurde, und zwischen ihren Fingern etwas Blut bemerkte, da stürzte er sich wie ein Raubtier auf den unvorbereiteten Giese, der sich aber schnell faßte und zur Wehr setzte. Es entstand ein wildes Handgemenge, bei dem Staps rasend auf Dr. Giese einhieb, gleichgültig, wohin er ihn traf. Förster und Klasing eilten ihm zu Hilfe, konnten aber die Kämpfenden nicht trennen.

Nach und nach gewann Staps seine Ruhe wieder. Er tat einen überlegten Griff – er fuhr seinem Gegner nämlich in die Haare und riß kräftig daran, mit dem Ergebnis, daß er auf einmal eine blonde Perücke in der Hand hielt.

Der Verlust des gutgepflegten blonden Haares veränderte Dr. Giese gewaltig. Denn darunter befanden sich die gescheitelten dunklen Haare mit den Silberschläfen des – Dr. Schwarz. Mit der Perücke war auch der wohlgerundete Hinterkopf Gieses verschwunden und Dr. Schwarz' gerader Hinterkopf zum Vorschein gekommen.

Schwarz hatte den Ruck an seinem Kopf verspürt und sah nun den blonden Skalp, den der kleine Professor ihm schadenfroh vor die Nase hielt. Mit dem Augenblick ließ sein Widerstand nach, und Kommissar Förster konnte ihm die Handfesseln anlegen.

Ilse Brade, die sich schnell erholt und den Kampf mit Spannung verfolgt hatte, lief hinaus, fand die Küche und ein Handtuch, das sie zur Hälfte unter der Wasserleitung reichlich anfeuchtete. Damit kehrte sie nach dem Wohnzimmer zurück und rieb mit Andacht das Gesicht des Mannes ab, der in den letzten Minuten eine so verblüffende Wandlung durchgemacht hatte. Schwarz knurrte wütend dabei, konnte aber nichts dagegen tun, da Förster ihm den Kopf energisch festhielt.

Jetzt erinnerte außer dem schmal zusammengekniffenen Mund nichts mehr an Dr. Giese.

Nach Beendigung ihres Werkes ging Ilse Brade auf ihren Chef zu und reichte ihm die Hand. »Ich danke Ihnen, Herr Doktor!«

Staps machte ein verlegenes Gesicht und lenkte dadurch ab, daß er forderte: »Jetzt wird aber erst einmal Ihr Arm verbunden, Bradelchen, das ist vorläufig das wichtigste!«

»Die kleine Schramme!« lachte Ilse, suchte an dem nassen Handtuch eine saubere Stelle und wusch damit das Blut der Streifwunde ab. »Sie sehen, es ist nichts, wir brauchen es wirklich nicht erst zu verbinden.«

»Doch, ich bestehe darauf!« verlangte Staps.

Da machte Inspektor Lehmann dem Streit ein Ende. Er kam mit einem Verbandspäckchen heran und versah den blutigen Riß vorschriftsmäßig. »Herr Dr. Staps hat recht, Fräulein Brade! Es ist besser, die Wunde zu verdecken, damit kein Schmutz hineinkommt.«

»Danke, Inspektor!«

»Ich glaube, Professor«, meinte Förster jetzt vorwurfsvoll, »Sie haben uns verschiedentlich hinters Licht geführt, zum mindesten haben Sie den größten Teil Ihrer Arbeit und deren Ergebnisse verschwiegen. Denn Ihr Hinweis gestern, der Mörder müsse ein Außenstehender sein, ist nur halb richtig. Dr. Giese ist Außenstehender, Dr. Schwarz dagegen gehört zum engeren Kreis der von uns Verdächtigten. Also, Professor, machen Sie Ihr Versäumnis wenigstens jetzt wett und erzählen Sie uns von Ihrer Arbeit.«

»Schön!« Staps grinste vergnügt, wahrscheinlich dachte er daran, wie wenig er dem guten Kommissar im Verlauf der Untersuchung mitgeteilt hatte. »Setzen wir uns! Diesmal darf Dr. Schwarz – vorhin war es Dr. Giese – mit unserer Erlaubnis Platz nehmen. Aber jetzt bekommt er nicht einen der bequemen Stühle, sondern die beiden Stühle gehören Fräulein Brade und Ihnen, Kommissar.«

»Ich denke nicht daran, Professor! Der zweite ist für Sie bestimmt!« Als Staps den Kopf schüttelte, nahm der Kommissar, der gut anderthalb Kopf größer war als Staps, ihn kurzerhand bei den Schultern und drückte ihn in den umstrittenen Lehnstuhl.

Als alle saßen, berichtete der kleine Professor:

»Sie wissen, daß wir nach und nach dazu gekommen sind, alle bis auf Dr. Schwarz, Fischer und Ruh als unverdächtig auszuschalten. Das Motiv für den Mord war für diese drei Personen der aus den anonymen Briefen ersichtliche Grund: Nissen sollte Geld zur Verfügung stellen. Einen Außenstehenden nahmen wir zunächst nicht an, weil der Gläubiger eine sehr genaue Kenntnis der Vorgänge hatte, die sich um Rita Kattner abspielten. Deshalb war auch Dr. Schwarz von den drei übriggebliebenen Personen am wenigsten belastet. Er hatte weder Fräulein Kattner noch den Freundeskreis gekannt.«

Kommissar Förster nickte. »Es ist verdammt schwer, einen Mörder zu finden, wenn man so viele Leute zur Auswahl und nicht den geringsten praktischen Hinweis hat.«

»Der einzige Hinweis, den wir hatten«, nahm Staps das Stichwort auf, »war die Schrift des Gläubigers, fast eine Kunstschrift, wie der Graphologe sagt. Trotzdem wies sie diese oder jene Eigenheit auf. Persönliche Eigenheiten einer Schrift lassen sich eben nie ganz unterdrücken. Nun verschaffte ich mir durch meine Sekretärin die Schriften sämtlicher Mitglieder des Freundeskreises. Darunter fand ich keine einzige, die auch nur die geringste Ähnlichkeit mit der Schrift des Gläubigers aufwies – bis auf eine, die von Dr. Giese. Immerhin waren die Übereinstimmungen sehr gering und genügten nicht als Beweis.«

»Professor! Professor!« meldete sich Kommissar Förster. »Ich sehe ja ein, daß ein Kriminalist verschwiegen sein muß, weil er seine Untersuchungen nicht gefährden will, aber sind Sie nicht – wenigstens mir gegenüber – etwas zu weit gegangen?«

Staps verbreiterte in einem vergnügten Lachen seinen Mund um ein beträchtliches. »Hand aufs Herz, Kommissar«, krächzte er, »haben Sie mir brav und bieder alles berichtet, was Sie entdeckten?«

Das Gesicht des Leiters der Mordkommission sah unwahrscheinlich ehrbar aus. »Wann hätte ich je etwas vor Ihnen geheimgehalten, Professor?« Dabei hob er scheinheilig die Augen zum Himmel.

»Na, dann ist es ja gut, und wir sind quitt!« lachte Staps. »Aber nun weiter! Mit Dr. Giese als Täter konnte ich nichts Rechtes anfangen. Denn Giese wollte kein Geld von Nissen. Nun machte ich den verschiedensten Leutchen, die sich in dieser Sache unsere Aufmerksamkeit zugezogen hatten, einen Besuch, ja sogar mehrere Besuche, und lernte sie und ihre Behausungen kennen. Dabei machte ich eine überraschende Entdeckung: Dr. Schwarz und Dr. Giese waren so miteinander befreundet, daß jeder von ihnen den Schlüssel zum Haus und zur Wohnung des andern hatte. Ich unterhielt mich gelegentlich mit Dr. Schwarz über seine Erfindung und ließ mir seine Zeichnungen und Pläne zeigen, in denen sich viele handschriftliche Bemerkungen befanden. Wieder traf ich auf eine Schrift, die der des Gläubigers in ein paar Eigenheiten ähnelte. Aber die Schriften von Dr. Schwarz und von Dr. Giese waren im übrigen verschieden.

Der kleine Professor machte eine Pause und brannte sich eine Zigarre an. Es störte ihn nicht, daß die andern ungeduldig auf den Fortgang seines Berichtes warteten. Er sprach erst weiter, als sein Glimmstengel zu seiner vollen Zufriedenheit brannte.

»Jetzt beging der Mörder den ersten Fehler.«

Dr. Schwarz, der ziemlich stumpf vor sich hin brütend Staps' Worten gelauscht hatte, hob gespannt den Kopf.

Der kleine Professor nickte ihm zu. »Ja, Herr Doktor, obwohl alles bis ins letzte überlegt und vorbedacht war – auch Sie haben sich den berüchtigten Stein in den eigenen Weg gelegt, über den fast jeder Verbrecher stolpert. Nach Rita Kattners Tod erhielt Nissen einen Drohbrief des Gläubigers. Doch der ist nicht wichtig. Viel wesentlicher ist der Brief, den Dr. Schwarz angeblich eines Tages mit der Post zugestellt bekam ...«

»Angeblich?« fragte der Kommissar zweifelnd.

»Ja, angeblich! Denn in dem Brief wurde eindeutig erklärt, daß das Motiv für den Mord die Forderung an Nissen sei, sich an einer Erfindung zu beteiligen. Für mich kamen nur zwei Personen in Frage: Dr. Schwarz und Dr. Giese. Hinsichtlich Fischers und des Chemikers Ruh waren wir ja übereingekommen, Kommissar, daß ihre Täterschaft zum mindesten sehr zweifelhaft sei. Schwarz konnte sich aber doch nicht selbst umbringen, und Giese hatte keinen Grund zu den Morden, dem an Rita Kattner und dem an Nissen und Schwarz geplanten.«

»Der Brief an Schwarz hätte Sie aber doch eigentlich überzeugen müssen, Herr Doktor«, meldete sich Inspektor Lehmann, »daß Schwarz nicht der Täter sein konnte, gerade aus den von Ihnen entwickelten Gedankengängen.«

»Auf den ersten Blick haben Sie recht, Inspektor!« nickte Staps dem Beamten freundlich zu. »Aber der Gläubiger hatte sich bisher als ein sehr genau und folgerichtig denkender Mann erwiesen. Wurden die Geldhungrigen einer nach dem andern umgebracht und blieb dabei trotzdem das Motiv an sich bestehen, dann mußte doch der Mörder als letzter übrigbleiben – es mußte der letzte sein, der nicht ermordet wurde und an Nissen um Geld herangetreten war. Das machte mich stutzig, weil es unlogisch war und dem bisherigen Verhalten des Gläubigers gar nicht ähnlich sah. Außerdem störte mich, daß sich Dr. Schwarz in auffälliger Weise um Hilfe an mich herandrängte. Er wollte damit erreichen, daß ich ihn als Verdächtigen ausscheiden und als vom Gläubiger gehetzt ansehen sollte.«

Der Kommissar und sein Inspektor nickten gedankenvoll, und Förster sagte: »Ich verstehe, Professor, daß diese Überlegungen Ihren Verdacht festigten. Nur hätte der Untersuchungsrichter sie nicht anerkannt. Deshalb griffen Sie noch nicht zu. Ist es nicht so?«

»Gewiß, Kommissar! Dazu kam, daß Ihre Haussuchungen bei allen Verdächtigen nichts Greifbares ergeben hatten, auch bei Schwarz nicht. Meine Vermutung, daß Dr. Schwarz und Dr. Giese ein und derselbe Mensch seien, wurde mir schließlich zur Gewißheit, und daher entschloß ich mich gestern, Sie zu der Beschaffung des Haussuchungs- und des Haftbefehls gegen Dr. Giese zu bewegen. Hätte ich Ihnen meine vielfach nicht beweisbaren Überlegungen und Vermutungen dargelegt, so hätten Sie meine Bitte wahrscheinlich nicht erfüllt. Deshalb sah ich mich genötigt, Ihnen nicht ganz und gar reinen Wein einzuschenken, sondern Sie mit der Behauptung auf Giese zu verweisen, daß nur ein Außenstehender, eben auf Grund des Briefes des Gläubigers an Dr. Schwarz, in Frage komme.«

»Nicht ganz und gar reinen Wein eingeschenkt!« murmelte Kommissar Förster spöttisch.

Jetzt ließ sich zur allgemeinen Verblüffung die Hauptperson hören – Dr. Schwarz.

»Welche übereinstimmenden Eigenheiten haben meine drei Schriften, Herr Doktor? Ich habe mir doch wirklich Mühe genug gegeben, sie einander so unähnlich zu gestalten wie nur möglich.«

Alle merkten bei dieser Frage auf. Sie war nicht mit Unrecht gestellt worden, enthielt sie doch einen Kernpunkt des ganzen Falles.

»Die Lage der Schrift, ein an sich sonst wesentliches Merkmal, wollen wir aus dem Spiel lassen. Sie ist leichter zu verstellen als einzelne Merkmale. Als Dr. Schwarz haben Sie eine Schrift, die den Kaufmannshandschriften ähnlich und rechtsgeneigt ist, als Dr. Giese wählten Sie eine steile Schrift, und als Gläubiger entschieden Sie sich ebenfalls für die steile Schrift. Dagegen haben Sie folgende Punkte nicht beachtet: die Enge der Buchstaben im einzelnen Wortgefüge, die weite Trennung zwischen den Wörtern und den Zeilen sowie die Arkade. Die Enge weist auf Selbstbeherrschung, und davon haben Sie wirklich eine gute Probe abgelegt. Denn Sie erschienen sowohl als Dr. Schwarz wie auch als Giese echt. Die weiten Zwischenräume zwischen Wörtern und Zeilen lassen auf Geistesklarheit schließen, und die haben Sie bis auf den letzten Brief, den an sich selbst, bewiesen. Die Arkade deutet auf Mangel an Offenheit, bei Ihrem Charakter eine Selbstverständlichkeit.«

»Was ist die Arkade?« fragte Ilse Brade.

»Wenn bei den Kurzbuchstaben die Bogen oben gewölbt sind«, antwortete Dr. Staps.

Niemand sprach, alle dachten wohl über die Ausführungen des Professors nach.

Aber er war noch nicht ganz fertig. Er wandte sich an Dr. Schwarz. »Eins ist mir unklar geblieben, Herr Doktor, und ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir darüber Auskunft gäben. Sie haben Rita Kattner die Blausäure so zugesandt, daß sie das Schönheitsmittel am Freitag erhielt. Im letzten Brief setzten Sie ihr eine Frist bis Montagabend. Sie konnten aber doch nicht damit rechnen, daß sich Fräulein Kattner fristgemäß eine Verletzung zuziehen und das Heil- und Schönheitsmittel versuchen und damit ihren Tod herbeiführen würde. Haben Sie wirklich den Eintritt des Todes Rita Kattners und damit den Mord dem Zufall überlassen?«

Dr. Schwarz hob ein wenig die Schultern und ließ sie wieder fallen. »Es kommt ja jetzt nicht mehr darauf an. Weder belastet noch entlastet mich meine Antwort. Ja, Herr Dr. Staps, ich habe die Tat wirklich dem Zufall überlassen. Zog sich Rita Kattner keine Wunde zu und verwendete sie die Salbe und damit die Blausäure nicht, so war sie gerettet, und ich mußte meine Pläne mit Nissen aufgeben. So hat aber der Zufall oder das Schicksal, wie man will, gegen die schöne Rita und damit nun auch gegen mich entschieden.«

»Wenn aber Fräulein Kattner nicht in die Verlegenheit gekommen wäre, die Salbe zu benutzen, wäre sie doch auch nach Ablauf der von Ihnen gesetzten Frist gefährdet geblieben. Haben Sie sich das denn nicht überlegt, Dr. Schwarz?« fragte der Kommissar.

»Ich hätte bestimmt Mittel und Wege gefunden, die Blausäure-Salbe zu beseitigen. Sie werden mir wahrscheinlich nicht glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich vorhatte, dies zu tun, wenn die Frist nutzlos abgelaufen wäre. Ich hätte dann Rita Kattner und auch Nissen in Ruhe gelassen und anderweitig versucht, mir das Geld zu beschaffen.«

»Damit wäre wohl alles geklärt, was den Fall Kattner anbelangt! Oder hat noch jemand eine Frage?« erkundigte sich Kommissar Förster. Da niemand antwortete, schloß er: »Na, dann wollen wir wieder gehen!«

Sie verließen das große, atelierähnliche Wohnzimmer Dr. Gieses, die Behausung, in der Dr. Schwarz bereits als reicher Fabrikbesitzer gelebt hatte, während seine Wohnung in der Haydnstraße noch die Merkmale des armen Erfinders trug.

Kommissar Förster nahm Dr. Staps etwas abseits und flüsterte ihm zu: »Ich danke Ihnen, Professor! Und ich verzeihe Ihnen großmütig Ihre Verschwiegenheit mir gegenüber!«

»Gott sei Dank! So werde ich wenigstens heute nacht ruhig schlafen können!« krächzte der kleine Professor vergnügt.

* * *

 


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