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Das also war Dr. Schwarz!

Der zweite Geldhungrige war Ferdinand Fischer, den Nissen gelegentlich einer Besprechung in Gedanken einen widerwärtigen Menschen genannt hatte.

Besagter Ferdinand Fischer hielt sich im Augenblick bei seiner Freundin Käthe auf, einer etwa dreißigjährigen, schwarzlockigen Frau mit schmalem Gesicht, aus dem ein Paar dunkler, schräger Augen nicht sehr vertrauenerweckend blickten. Der volle, rote Mund, der oft halb offen war, sich aber im Zorn sehr fest zusammenkneifen konnte, ließ auf Lebensgier schließen, und dieser Ausdruck wurde durch eine schmalrückige, spitze Nase noch verstärkt.

Im Augenblick war der Mund zusammengekniffen, ehe sie ihn zu scharfen Worten öffnete, die sich gegen den faul auf dem Diwan liegenden Ferdinand Fischer richteten.

»Du bist ein ungeschickter Tölpel, Ferdinand! Sonst hättest du das Geld von diesem Nissen bestimmt bekommen! Hast du ihm denn nicht die Pläne gezeigt und alles erklärt? Das hätte ihn doch überzeugt! Außerdem – wie oft warst du bei ihm? Dreimal? Du hättest jeden Tag hingehen müssen, ihn nicht zur Ruhe kommen lassen dürfen!«

Fischer behielt die Zigarette im linken Mundwinkel, er machte nur eine Achtelkopfdrehung und schielte belustigt seine Freundin an.

»Liebes Kind!« sagte er. »Erstens waren die Pläne gerade der Grund, warum Nissen mich abgewiesen hat. Ich hatte nicht damit gerechnet, daß er sie einem Sachverständigen vorlegen würde. Und daß die ganze Sache nichts taugt, weißt du ebenso genau wie ich. Jeden Tag hingehen, meinst du? Hast du eine Ahnung!« Von der Zigarette fiel ein großes Stück Asche auf das Kissen, doch das war nichts Ungewöhnliches, wie zahlreiche graue Spuren im ganzen Zimmer bewiesen, und Fischer fand es nicht einmal der Mühe wert, dieses Häufchen Asche wegzublasen oder mit der Hand wegzustreifen. »Dir ist doch wohl nicht ganz unbekannt, Käthe, daß dieser Herr Nissen mich buchstäblich hinausgeschmissen hat. Und da soll ich wieder hingehen und betteln? Schließlich weiß ich doch, wann die Grenze erreicht ist. Nissen eignet sich nun einmal nicht zum Anzapfen!«

»Aber wir brauchen doch Geld, Ferdinand!«

»Wir?« lachte Fischer höhnisch. »Wie wäre es, wenn du einmal versuchtest, mit anderem Geld zu leben als dem, das ich dir immer gebe?«

Käthe sprang auf, trat an die Lagerstätte ihres Freundes und schaute aus halbzusammengekniffenen Augen auf Fischer herunter: »Soll das heißen, Ferdinand, daß ich mir einen andern Freund suchen soll? Hast du mich satt? Sag es ehrlich!« Drohend klang die harte Stimme der Frau, die durchaus nicht häßlich war, wenn sie einen weichen, anschmiegenden Menschen mimte, eine Rolle, die sie ebenso beherrschte wie manche andere. Im Augenblick aber war sie natürlich und wirkte nicht gerade angenehm.

Doch das focht Ferdinand Fischer nicht im geringsten an. Ruhig blieb er liegen, drehte den Kopf nur um das Achtel zurück, um das er ihn vorhin nach links umgelegt hatte, damit er besser zu dem Gesicht der vor ihm Stehenden aufsehen konnte.

»Das ist durchaus deine Sache, Käthe, ob du dir einen andern Freund nehmen willst. Aber ich sehe keine Notwendigkeit zur Änderung der Verhältnisse.«

Die Schwarzlockige zuckte mit den Schultern und wandte sich ab, holte sich vom Schreibtisch, der liederlich mit allen möglichen Zeichnungen, Büchern, Schriftstücken bedeckt war, eine lange russische Zigarette und zündete sie an. Diese innerlich verkommene Frau hing an diesem innerlich und äußerlich verkommenen Mann. Sie wußte, daß es zwecklos war, Ferdinand Fischer zu einer Äußerung verleiten zu wollen, daß ihm irgend etwas an ihr lag. Sie fand sich wie so oft ab und stand ihm in dem Auf und Ab seines abenteuerlichen Lebens trotzdem treu und unerschütterlich zur Seite, teilte das viele Schlechte und das wenige Gute mit ihm. Es war mehr als einmal ihrer Geschicklichkeit und ihrem in vielen Listen erfahrenen Geist zu verdanken gewesen, daß Ferdinand Fischer, wenn auch sehr knapp, an der Gefängnistür vorbeikam, die zu seinem Empfang immer einen Spalt offenstand.

»Willst du es nicht doch noch einmal mit Nissen versuchen, Ferdinand? Jetzt ist ja das Haupthindernis, diese Rita Kattner, aus dem Weg geräumt, und das Geld wieder frei, das Nissen für seine zukünftige Frau ausgeben wollte.« Ihre Stimme war jetzt ruhig und sachlich, es handelte sich ja um geschäftliche Fragen, wobei Stimmungen nichts zu suchen hatten.

»Es ist zwecklos, Käthe. Außerdem ist dir doch wohl klar, daß ich jetzt nach dem – hm! – sagen wir mal – Tod dieser Rita Kattner außerordentlich vorsichtig sein muß!«

Die Frau fuhr herum und starrte den Liegenden an. »Hast du etwas damit zu schaffen?« stieß sie hervor, mehr von Neugierde geplagt als in Sorge um die Gefahr, die riesengroß sein würde, wenn ihre Frage eine Bejahung erfuhr.

Ferdinand Fischer dehnte und rekelte sich, dabei lächelte er vieldeutig. Er liebte es, eine interessante Rolle zu spielen, mochte er dazu nun Anlaß haben oder nicht. »Wer weiß!« antwortete er mit spitzen Lippen.

*

Der dritte, der sich bekanntlich um Geld an Nissen gewandt hatte, war Fritz Ruh, der Chemiker.

Auch er war jetzt mit einer Frau zusammen, mit Hedwig Reinhard, die ihm ungeachtet seines Schmerzes um Rita Kattner und des daraus für sie entstandenen Kummers tapfer geholfen hatte, über die schwerste Zeit hinwegzukommen.

Nun war er soweit, an anderes denken zu können als an die schöne Rita. Er empfand dankbar die Wärme der Frau, die neben ihm saß, und ging auch auf den Inhalt des Gesprächs ein, das sie begonnen hatte.

»Ich weiß ja jetzt alles von deiner Erfindung, Fritz, und ich glaube wie du, daß sie unbedingt ausgenutzt werden muß. Ein solcher Fortschritt, wie ihn das neue Medikament bedeutet, darf nicht an Äußerlichkeiten wie Geld scheitern.«

»Aber es findet sich niemand, Hedwig! Es ist ja nicht nur Nissen, der eine Teilnahme ablehnt, sondern so mancher andere hat sich außerstande erklärt, Geld dafür aufzubringen.«

Hedwigs Stimme klang leise, aber ruhig und bestimmt, als sie sprach, und sie streichelte dabei besänftigend die Hände des Freundes. »Fritz, Rita ist tot, und nicht du allein betrauerst es, daß sie nicht mehr da ist, uns nicht mehr mit ihrer Schönheit, ihrer Lebhaftigkeit und Frische erfreut. Das Ergebnis deiner Arbeit gehört aber den Lebenden, und es wäre verantwortungslos von dir, wolltest du dich nicht dafür einsetzen.« Hedwig Reinhard sann eine kleine Weile nach, während der Ruh still dasaß. Er empfing aus den starken und doch sanften Händen der Frau Liebe und Vertrauen. Hedwig entschloß sich, weiter offen zu reden, wenn sie auch vermied, davon zu sprechen, daß eben durch Ritas Tod Nissens Geld frei geworden war. »Rita ist tot, Fritz«, sagte sie, »und deine Erfindung bedeutet Leben, Hilfe für viele. Wende dich doch noch einmal an Nissen, du bist es der Sache schuldig.«

Fritz Ruh schüttelte den Kopf. »Ich kann doch nicht zu Nissen gehen und ihn um Geld bitten, das durch Ritas Tod frei geworden ist!«

Hedwig Reinhard ließ sich nicht anmerken, wie die Härte dieses Satzes sie traf. Ruh hatte dem Worte gegeben, was sie auszusprechen vermieden hatte. Und doch, war es nicht das richtigste so?

»Ich verstehe dich ganz gut, Fritz. Aber ich glaube doch, daß hier die Verpflichtung der Allgemeinheit gegenüber ausschlaggebend ist und persönliche Bedenken zurückstehen müssen. Wir werden die Schwierigkeiten dadurch umgehen, daß ich mit Nissen sprechen werde.«

Ruh zog seine Hand unter dem Streicheln der Frau hervor und umspannte mit der Rechten ihre Finger mit heftigem Druck. »Das würdest du wirklich tun, Hedwig?« Seine Augen leuchteten fragend in die ihren. Aber sein Blick erlosch schnell wieder. »Nein, auch das geht nicht, Hedwig! Du darfst nicht übersehen, daß ich mich in einer Lage befinde, die eine Verfolgung meiner Pläne zur Zeit unmöglich macht. Ich habe aus meiner Vernehmung sehr wohl ersehen, daß der Kommissar mich am Tode Ritas durchaus nicht für unschuldig hält. Ich kann ihm das auch nicht verdenken. Ich wollte von Nissen Geld, das er nicht gab, weil er anläßlich seiner Heirat mit Rita bestimmte Ausgaben vorgesehen hatte. Ich bin Chemiker, derjenige also, der am meisten belastet ist ...« Fritz Ruh hob die Schultern und ließ sie mutlos wieder sinken.

»Du redest Unsinn, Fritz! Daß der Kommissar allem nachgehen muß und deshalb auch deine Bitte um Geld und deinen Beruf zur Sprache brachte, ist selbstverständlich. Aber der Kommissar ist kein Dummkopf und weiß sehr gut zu unterscheiden zwischen einem Menschen, dem eine solche Tat zuzutrauen ist, und einem, der dafür nicht in Frage kommt. Und zu den letzteren gehörst du, Fritz.«

»Glaubst du, Hedwig?« fragte der Mann, vornübergebeugt und müde, aber im Innersten bereit, aus den Worten Hedwig Reinhards Hoffnung und Vertrauen in die Zukunft zu schöpfen.

*

Der vierte, der Nissen um Geld gebeten hatte, war Ludwig Nicolaus.

Und Ludwig Nicolaus saß augenblicklich vor Kommissar Förster und wurde von ihm vernommen. Es war gegen Schluß des Verhörs.

»Sie haben also jetzt jemand gefunden, der bereit ist, den wirtschaftlichen Teil Ihrer Arbeit zu übernehmen, Herr Nicolaus?« vergewisserte sich der Kommissar.

»Ja, ich habe gestern mit Tilgner den Vertrag abgeschlossen, wonach er den Ausbau der Fabrik übernimmt. Über Tilgner habe ich Ihnen die für Sie erforderlichen näheren Angaben ja gemacht, Herr Kommissar.«

»Stehen Sie mit Tilgner schon lange in Verbindung, Herr Nicolaus, oder haben Sie ihn erst in der letzten Zeit kennengelernt?«

»Ich stehe mit ihm sogar länger in Verhandlungen als mit Nissen, habe aber zwischendurch auch mit Nissen über die Sache gesprochen, weil ich auf ihn hingewiesen worden war. Es ist immer besser, zwei Eisen im Feuer zu haben, und es war in keiner Weise sicher, ob ich mit Tilgner zum Abschluß kommen würde.«

»Versprach die Fühlungnahme mit Tilgner von vornherein einen Erfolg, oder mußten Sie anfangs eher mit einer Ablehnung rechnen?«

»Ich habe gleich den Eindruck gehabt, daß sich Tilgner von der Sache viel versprach. Er hat aber, was ja für einen Geschäftsmann selbstverständlich ist, die Unterlagen genau geprüft. An Nissen habe ich mich eigentlich mehr für alle Fälle gewandt, um mir nicht später den Vorwurf machen zu müssen, eine Gelegenheit unausgenutzt gelassen zu haben, die vielleicht doch zu etwas geführt hätte.«

»Ich danke Ihnen, Herr Nicolaus, das ist alles, was ich mit Ihnen zu besprechen hatte.«

*

Nach dem Weggang von Ludwig Nicolaus telefonierte Förster mit Staps und teilte ihm mit, daß man diesen Nicolaus wohl unbedenklich von der Liste der Verdächtigen streichen könne, was der kleine Professor dankend zur Kenntnis nahm. Er befolgte den Rat des Kommissars wörtlich und machte einen roten Strich durch den Namen, der neben etlichen andern auf einem Blatt stand, das auf seinem Schreibtisch lag.

Dann wandte er sich an seine Sekretärin, die mit dem Stenogrammblock auf der andern Seite des Schreibtisches saß.

»Also einen Verdächtigen haben wir jetzt vermutlich weniger«, unterrichtete er sie mit seiner rauhen Stimme, »Nicolaus ist harmlos, wie mir Kommissar Förster eben versicherte.«

Ilse Brade verkniff standhaft ein Lächeln; denn sie hatte recht wohl herausgehört, daß die Versicherung des Kriminalkommissars für Staps durchaus nicht maßgebend war. Was er nicht selbst festgestellt hatte, galt ihm nicht als Beweis. Daher wußte sie, daß Nicolaus noch eine Vernehmung durch Staps bevorstand.

»Wir haben leider immer noch genug Leute, die wir nicht ausstreichen können«, sagte sie, griff zu der Liste und betrachtete sie.

»Sagen Sie mir doch bitte einmal, was Sie zu den einzelnen Personen zu bemerken haben, Bradelchen«, schnurrte Staps mit seiner liebenswürdigsten Stimme, die kaum noch an das übliche Krächzen gemahnte. Er konnte sanft sein wie eine Taube, wenn er von den Menschen etwas wollte. Und im Augenblick wollte er die Meinung seiner Sekretärin hören, um sie mit seiner eigenen vergleichen zu können.

Ilse Brade lächelte ein klein wenig spöttisch, sie kannte diese Stimmlage des kleinen Professors.

»Also«, begann sie, »da haben wir als der Ermordeten am nächstenstehend Horst Nissen, den Verlobten, Fabrikanten und Besitzer einer ganzen Menge Geld, das für manche Leute eine erhebliche Anziehungskraft besitzt. Nissen weiter zu verdächtigen, wird nicht viel Sinn haben. Soweit es seine Natur zuließ, hatte er seine Verlobte sehr gern, was schon dadurch bewiesen wird, daß er weitgehende Ausgaben für den künftigen Hausstand vorgesehen hatte. Es gab Unausgeglichenheiten zwischen ihm und Rita Kattner, da sich Rita von ihrem zukünftigen Zusammenleben ein anderes Bild machte, als Nissen es sich vorstellte. Ich bin der Ansicht, daß dieser Grund nicht hinreicht, um einen Menschen umzubringen, und ich für meine Person streiche Horst Nissen unbedenklich von der Liste.« Fräulein Brade konnte sehr energisch sprechen, wenn sie von etwas überzeugt war.

»Einverstanden, Bradelchen!« krächzte Staps vergnügt. Er hatte gut zugehört und dabei aus halb zusammengekniffenen Augen das lebendige Gesicht beobachtet, das im Lauf des Gesprächs häufig den Ausdruck gewechselt hatte. Jetzt griff er zu einem Blaustift, nahm die Liste aus den Händen seiner Sekretärin, machte einen Strich durch Nissens Namen und reichte das Blatt wieder hinüber.

»Der nächste ist Dr. Glaß.« Ilse Brades Stimme war bedächtiger. »Er ist Arzt und hat Zugang zu Chemikalien, aus denen sich leicht Blausäure herstellen läßt. Er liebte Rita Kattner, wie er sagt. Das mag stimmen, kann aber keine sehr tiefgehende Liebe gewesen sein, denn am letzten Sonntag war er wieder ganz vergnügt.«

»Über den Sonntag sprechen wir nachher etwas gründlicher, Bradelchen, ich habe den Eindruck, daß Ihr Bericht nicht vollständig war«, flocht Staps ein.

»Obschon Glaß' Beruf ihn stark belastet, kann ich mir nicht vorstellen, daß er der Täter ist. Hätte ihn seine Liebe zu Rita zu einer Tat hingerissen, dann hätte er Nissen aus dem Wege geräumt und nicht Rita Kattner. Außerdem finde ich Glaß zu oberflächlich und leichtlebig, um ihm eine solche Tat zuzutrauen.«

»Streichen wir ihn!« stimmte Staps zu und wiederholte das Manöver mit dem Zettel und dem Blaustift.

»Das gleiche gilt für Nedwal, nur in verstärktem Maß«, fuhr das Mädchen fort. »Glaß besitzt unbedingt die nötige Intelligenz, um eine Tat so vorzubereiten, wie es dieser Mord war, wenn auch nicht die dazugehörige Verschlagenheit. Nedwal aber fehlt unbedingt die nötige Erfindungsgabe und der Geist für ein solches Vorgehen. Er ist – zu dumm, um sich so etwas auszudenken.«

Krächzen: »Streichen wir ihn!«

»Dr. Werner Giese!« Diesmal zögerte Ilse Brade und überlegte. »Giese ist ein undurchsichtiger Mensch. Er ist gescheit, wenn ich auch den Eindruck habe, daß er kein sehr weitverzweigtes Wissen besitzt.« Sie überlegte einen Augenblick und fuhr dann lebhaft fort: »Ich möchte mich so ausdrücken: Ich habe den Eindruck, daß Dr. Giese sowohl geistig wie dem Charakter nach – er hat mir nicht gefallen! – in der Lage ist, ein solches Verbrechen zu planen und auszuführen. Doch da man niemand nach dem Eindruck verurteilen soll, müssen wir uns überlegen« – Ilse Brade sprach in einem sehr akademischen Ton – »ob die Tatsachen auch gegen ihn sind, und da kommen wir zur Verneinung. Auch Giese hatte Feuer gefangen, und Rita Kattner war ihm nicht gleichgültig, wie es offenbar jedem Mann ging, der in ihre Nähe kam. Bei ihm gilt in dieser Beziehung aber wohl das gleiche, was ich hinsichtlich Dr. Glaß sagte – wenn er jemand hätte ermorden wollen, dann hätte er Nissen gewählt und nicht Rita, den Gegenstand seiner Liebe. Gegen eine Täterschaft Gieses spricht weiter, daß er den Freundeskreis erst seit sehr kurzer Zeit kannte, außerdem, daß er an Rita oder Nissen nicht die geringsten Ansprüche hatte, so daß also ein ›Gläubiger-Motiv‹ nicht vorliegen kann. Eben auf Grund der kurzen Bekanntschaft mit allen Personen konnte Giese nicht die Kenntnis haben, die der Schreiber der anonymen Briefe verrät.«

»Streichen wir ihn!«

»Der letzte Mann aus dem Freundeskreis ist Fritz Ruh, und hier liegt der Fall gerade umgekehrt wie bei Giese. Ruh hatte alle tatsächlichen Voraussetzungen für die Tat, nicht aber den Charakter, sie auszuführen.«

»Meinen Sie, daß er zu willenlos ist?« fragte Staps gespannt.

»Nein, das nicht! Aber Ruh ist ein zu guter Mensch, um so etwas tun zu können.«

»Eine sehr parteiische Stellungnahme, Bradelchen!« warnte Staps.

»Sie mögen recht haben, Herr Doktor!« Ilse Brade griff zu einer Zigarette und Staps schob ihr die Streichhölzer zu. »Es ist aber sehr schwer, wenn man von einem Menschen einen günstigen Eindruck hat, ihm eine solche feige Tat zuzutrauen. Und feige ist dieser Mord in allen seinen Begleiterscheinungen. Namenlos droht der Täter, namenlos und in Abwesenheit begeht er den Mord! Pfui Teufel!« Fräulein Brade konnte sehr temperamentvoll sein, und Staps freute sich an seiner Sekretärin »Aber der Kriminalist soll ja möglichst unvoreingenommen sein, und so schlage ich vor, Fritz Ruh nicht zu streichen.«

»Ich stimme Ihnen zu, Bradelchen!« Die Wanderung des Zettels unterblieb.

»Die weiblichen Mitglieder des Freundeskreises möchte ich in Bausch und Bogen durchstreichen. Christa Straube kann nicht über ihre eigene Nasenspitze hinaussehen, über die brauchen wir uns nicht zu unterhalten. Dr. Annette Schreiber hatte keinen Grund zu diesem Mord, wenn man nicht Eifersucht annehmen will. Eifersucht wirkt sich unserer Erfahrung nach aber erst dann in einem Mord aus, wenn die Frau keine andere Möglichkeit sieht, ihren Mann, Verlobten oder Geliebten von der Nebenbuhlerin zu lösen. Und das war hier nicht der Fall. Denn Rita Kattner sollte und wollte in absehbarer Zeit Horst Nissen heiraten und wäre damit für andere Männer unerreichbar geworden.«

»Sind Sie überzeugt, daß Fräulein Kattner dadurch wirklich für andere Männer unerreichbar geworden wäre, Bradelchen?«

Die Sekretärin hob fragend den Kopf und sagte nach einer Sekunde Überlegung: »Ach so, Sie meinen die Verheiratung würde für Rita Kattner kein Hindernis bedeutet haben, sich für andere als für den ihr angetrauten Mann zu interessieren?« Das Mädchen schüttelte heftig den Kopf. »Nein, Herr Doktor! Rita Kattner würde auch weiterhin einen großen Bekanntenkreis gehabt und viel gebummelt haben, aber untreu wäre sie ihrem Mann bestimmt nicht geworden. Rita Kattner war dazu ein viel zu sauberer Mensch.«

»Gut, Bradelchen! Weiter!«

»Bleibt von den Frauen Hedwig Reinhard, und die hätte Grund gehabt zu dem Mord, wenn nicht ihre Unkenntnis gewisser Dinge dagegen gestanden hätte. Man könnte ihre Täterschaft annehmen, hätte sie um die Erfindung des von ihr geliebten Fritz Ruh und von seinen Bemühungen, sich bei Nissen Geld zu beschaffen, gewußt. Aber die Vernehmung durch Kommissar Förster hat einwandfrei ergeben, daß sie dabei das erstemal von Ruhs Arbeit erfahren hat.«

»Einwandfrei?« warf Staps zweifelnd ein.

»Ja!« beharrte Ilse Brade, ohne zu zögern. »Ihr Erstaunen war echt, Hedwig Reinhard kann sich nicht verstellen, vor allem bei Dingen, die mit Ruh zusammenhängen.«

»Gut, Bradelchen!« Diesmal fuhr der Blaustift dreimal über das Papier. »Bitte weiter! Auch Sie haben Schwarz, Nicolaus und Fischer kennengelernt und können diese drei Leute beurteilen.«

Ilse nickte. »Natürlich ist es für mich schwerer, mich über diese Personen zu äußern, die ich immerhin weniger beobachten konnte als die andern. Ludwig Nicolaus schaltet ja aus, wie Ihnen der Kommissar eben gesagt hat, Herr Doktor. Wenn Ihre Nachprüfung ergibt, daß der Bericht Försters stimmt, und ich möchte es annehmen, können und müssen wir ihn streichen. Dann bleibt Fischer, und der hat auf mich einen sehr ungünstigen Eindruck gemacht. Ich habe mich nicht gewundert, als uns die Polizei mitteilte, daß Fischer schon mehrere Male im Gefängnis gesessen hat, wenn auch nicht wegen schwerer Verbrechen, sondern wegen kleiner Diebereien und einmal wegen einer Fälschung. Ich könnte mir gut vorstellen, daß Ferdinand Fischer Rita Kattner tötete, um das Geld Nissens frei zu machen.«

»Woher sollte aber Fischer die Kenntnis all der Einzelheiten haben, die der Gläubiger in den Briefen nannte?«

»Durch genaue Beobachtungen«, antwortete Ilse Brade rasch.

Staps lachte krächzend. »Bradelchen, Sie sind unlogisch! Bei Dr. Giese haben Sie vorhin gesagt, daß gerade seine Unkenntnis der Einzelheiten ihn von der Möglichkeit ausschlösse, der Täter zu sein, und bei Fischer unterstellen Sie mit der größten Gemütsruhe eine genaue Beobachtung Rita Kattners und ihrer Umgebung!«

Ilse Brade dächte einen Augenblick nach. Dann aber lächelte sie und drehte den Spieß um. »Sie haben recht, Herr Doktor! Aber Sie übersehen, daß wir bei Giese kein Motiv haben, er wollte ja von Nissen kein Geld.«

»Hm!« Staps wußte, wann er das Spiel verloren hatte. »Außerdem ist da noch eins, Bradelchen, das Fischer in einem gewissen Grade entlasten würde. Fischer ist nicht an jenem Tag dabei gewesen, an dem Fräulein Kattner in ihrer Handtasche den vierten und letzten Brief fand. Wohl aber ist sie mit dem Freundeskreis zusammengewesen, von dem jeder ihr den Brief zugesteckt haben kann.«

»Das konnte auch ein Fremder, Herr Doktor!«

Der kleine Professor hob die Augenbrauen und wartete auf weitere Ausführungen seiner Sekretärin, aber sie schwieg. »Nun, Bradelchen, wie?«

Ilse Brade zögerte einen Augenblick, endlich aber erwiderte sie: »Wir wissen, daß Fischer eine Freundin hat, Käthe Schnelle, und – na ja, Rita Kattner hat alle Mitglieder des Freundeskreises in einem Lokal, im Großen Bären, getroffen. Sie ist wahrscheinlich ein paarmal an einem gewissen Ort gewesen, und da war die Möglichkeit gegeben, daß Fischers Freundin ihr den Brief in die Handtasche schmuggelte.« Sie atmete erleichtert auf.

Staps' breiter Mund nahm an Breite noch zu, als er lächelte, er verzichtete aber auf eine Bemerkung.

»Und Schwarz?«

»Tja, Dr. Schwarz!« sagte Ilse Brade überlegend. »Schwarz hatte das gleiche Motiv wie Fritz Ruh und Ferdinand Fischer. Aber er kannte Rita Kattner nicht ...«

»Genau wie Fischer!« fiel Staps ein.

»Richtig!« gab Ilse Brade großmütig zu, schränkte aber gleich ein: »Außerdem traue ich Schwarz nicht die Phantasie zu, die der Mörder in der Sache Kattner gezeigt hat. Dr. Schwarz ist ein ausgesprochener Kaufmann, der nichts anderes kennt als seinen Beruf und seine Erfindung. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er eine solche Schrift zustande bringen könnte, wie sie der Gläubiger in seinen anonymen Briefen anwendet.«

»Das sind Gefühlsmomente, Bradelchen!« krächzte Staps unzufrieden. »Schwarz hatte die gleiche Möglichkeit, sich von den Einzelheiten in Fräulein Kattners Leben Kenntnis zu verschaffen, wie Ferdinand Fischer, und auch er wollte von Nissen Geld haben.«

Ilse Brade nickte nachgebend. »Schön, behalten wir ihn auf der Liste, Herr Doktor. Ich würde aber empfehlen, ein dickes Fragezeichen dahinter zu machen.«

Nun gab Staps nach. »Gut, Bradelchen! Jetzt haben wir also übrig: Fritz Ruh, Ferdinand Fischer und Dr. Schwarz.«

Der kleine Professor betrachtete noch einmal die Liste, auf der vorläufig sieben Namen mit Blaustift durchgestrichen waren – vorläufig, denn Dr. Staps hatte durchaus nicht die Absicht, diese Personen endgültig aus den Augen zu verlieren. Er beschäftigte sich mit den drei restlichen Namen, als ihn das Klingeln des Telefons unterbrach.

»Herr Nissen möchte Sie sprechen, Herr Doktor«, sagte Ilse Brade, die den Hörer abgenommen hatte.

»Staps!« krächzte er und nachdem er auf Nissens Worte gelauscht hatte: »Ich komme gleich einmal zu Ihnen, Herr Nissen.« Er legte den Hörer auf die Gabel und wandte sich gedankenvoll an Ilse Brade.

»Nissen behauptet, einen anonymen Brief erhalten zu haben, der mit der gleichen Schrift geschrieben ist wie die andern.«

»Behauptet?« fragte Ilse Brade zweifelnd zurück.

»Ich traue der Sache nicht«, erwiderte Staps etwas unklar und machte sich auf den Weg in die Fabrik Nissens.

Dort angekommen, lief er mit seinen kurzen, schnellen Schritten den Gang entlang, der zur Anmeldung führte. Das Fräulein am Schalter, das ihn hatte kommen sehen, konnte mit Mühe ein Lächeln unterdrücken. Ulkiger kleiner Kerl, der da kam!

»Sie wünschen, bitte?« fragte sie höflich.

»Herr Nissen erwartet mich!« knurrte der kleine Professor.

»Wen darf ich melden?« erkundigte sich die Dame mit dem schönen Lockenhaar, dem netten, hellen Kleid und den gepflegten Händen. Obwohl Staps gegen alles Weibliche immer heftig knurrend Stellung nahm, sah er doch jede Einzelheit und vermerkte deshalb jetzt in Gedanken anerkennend, daß die Angestellten Nissens einen guten und gefälligen Eindruck machten. Er hatte einzig und allein zu beanstanden, daß die Fingernägel der Dame rot lackiert waren statt farblos.

Doch selbst die Niedlichkeit der Empfangsdame bewog Staps in keiner Weise, sich liebenswürdiger zu geben, als es seine Art war. Auf ihre Frage nach dem Namen fauchte er in einem dem Mädchen in keiner Weise begründet erscheinenden Zorn: »Dr. Staps!«

»Herr Dr. Staps!« wiederholte die junge Dame murmelnd. Sie fand, daß der Name dieses kleinen Herrn ebenso ulkig war wie er selbst. Gut gedrillt, wie sie war, behielt sie ihr höfliches Lächeln bei und sagte freundlich: »Sie werden erwartet, Herr Doktor!« Sie griff nach einem Telefon, das neben dem Fenster stand, und meldete ihn.

Kaum hatte sie den Hörer wieder hingelegt, als sich eine Tür öffnete und Horst Nissen heraustrat, Staps entgegenging und ihn begrüßte. Die Empfangsdame, die natürlich die Ohren spitzte, hörte nur wenige Worte und war über das Entgegenkommen ihres Chefs diesem seltsamen Herrn gegenüber verwundert: »Sie sind wirklich sehr liebenswürdig, Herr Doktor, daß Sie sich persönlich herbemühen. Ich bin Ihnen sehr verbunden ...« Mehr konnte die Lauschende nicht hören, denn hinter den beiden Herren fiel jetzt die Tür zum Chefzimmer ins Schloß.

Staps zierte sich in keiner Form, als der Fabrikant ihm eine gute Zigarre anbot. Während er die Spitze abschnitt, bat er: »Darf ich den Brief sehen, Herr Nissen?«

Nissen reichte die neue Urkunde in dieser für ihn so traurigen Sache hinüber. Staps steckte die Zigarrenschere in die Westentasche, nahm das Blatt und legte es vor sich hin. Aus der rechten Hosentasche holte er dann eine Schachtel Streichhölzer, strich ein Hölzchen an und hielt es an die Zigarre.

Nissen, der ihn beobachtete, schien es, als verfolge Staps mit dem zusammengekniffenen linken Auge, wie die Zigarrenspitze aufglühte, während sein rechtes, ebenfalls zusammengekniffenes Auge begänne, den Inhalt des anonymen Briefes aufzunehmen.

Endlich war Staps mit dem Ziehen der Zigarre zufrieden und gab sich nun mit ungeteilter Aufmerksamkeit dem Lesen des Schreibens hin, das die ihm bekannte Schrift aufwies.

 

»Sehr geehrter Herr Nissen!

Es wird Sie bestimmt nicht verwundern, daß ich auch über die Erörterungen in Sachen Kattner auf dem laufenden bin, die auf Anweisung des Staatsanwalts noch in den Händen der Polizei liegen, außerdem aber in Ihrem Auftrag von Herrn Dr. Staps – meine Hochachtung für ihn habe ich bereits geäußert – geführt werden. Ich war ja immer über die Vorgänge unterrichtet!

Ich habe eigentlich gar keine Veranlassung, helfend in das Verfahren einzugreifen. Im Gegenteil, für mich wäre es nur nützlich, wenn die Herren, die diese Sache bearbeiten, möglichst weiter im Dunkeln tappten. Jedoch bin ich gezwungen – aus welchem Grund, werden Sie weiter unten lesen –, die Zahl der Verdächtigen dahin einzuschränken, daß nur jemand in Frage kommt, der an Sie herangetreten ist, um von Ihnen zu irgendeinem Zweck Geld zu erhalten. Ich habe mich zunächst an Fräulein Kattner gewandt und sie – leider war ich durch ihren Starrsinn dazu gezwungen – beseitigt, um das Geld frei zu machen und es einer besseren Verwendung zuzuführen, als Sie es vorhatten.

Es ist sehr bedauerlich, daß Sie meinem Handeln nicht meine Entschlossenheit entnommen haben, auf jeden Fall mein Ziel zu erreichen. Denn Sie haben trotz der Geschehnisse meine erneute Aufforderung, einen doch recht geringen Teil Ihres Vermögens einer guten Sache nutzbar zu machen, unberücksichtigt gelassen.

Ich sehe mich daher gezwungen, Ihnen mitzuteilen, daß, wenn Sie nicht bis heute in sechs Wochen auf meine Wünsche eingegangen sind, das gleiche Los wie Rita Kattner Sie treffen wird. Daß ich meine Ankündigungen wahrzumachen pflege, ist Ihnen bekannt, ebenso daß Dr. Staps Ihnen kein genügender Schutz sein kann. Selbst eine dauernde Bewachung durch Polizeibeamte würde Ihnen nicht helfen. Selbstverständlich ist, daß ich bei Ihnen zu einem andern Mittel greifen würde. Es wäre dumm und langweilig, wollte ich die gleiche Todesart wählen.

Sie werden vielleicht einwenden, daß Ihr Tod mir nicht weiterhelfen würde. Darin muß ich Ihnen beipflichten. Da mir aber Ihr Leben bei einer weiteren Ablehnung durch Sie auch nichts nützt, habe ich dann wenigstens die Befriedigung, meinem Mißvergnügen über Ihr Verhalten einen sichtbaren Ausdruck gegeben zu haben.

Verbindlichst
Der Gläubiger.«

 

»Haben Sie Abschriften von dem Brief herstellen lassen?« fragte Staps.

»Bitte! Meine Sekretärin hat vier Abschriften gemacht, zwei, die ich Ihnen geben darf, eine für mich und eine für Kommissar Förster.« Mit diesen Worten reichte der Fabrikant dem Gelehrten die beiden Blätter.

Danach war einen Augenblick Stille. Dr. Staps las langsam und sehr sorgfältig den Brief ein zweites Mal durch und danach ein drittes Mal, dieses dritte Mal die Abschrift, auf der er mehrere Stellen mit einem Rotstift unterstrich, den er vom Schreibzeug Nissens genommen hatte.

»So, Herr Nissen!« sagte er. Seine Stimme zwang den Fabrikanten, den Kopf zu heben und sein Gegenüber erstaunt und genau zu betrachten. Denn Staps' Stimme war durchaus normal, sie krächzte nicht und sie fauchte nicht. Sie war kühl und ruhig wie das gespannte Gesicht, aus dem die Augen den jungen Mann ihm gegenüber ausnahmsweise groß und ernst ansahen. Nissen, dieser äußerst sachliche und fast trockene Geschäftsmann, hatte den Eindruck, von diesen großen Augen, die er so noch nie gesehen hatte, angezogen zu werden, und er spürte eine Ruhe und Ausgeglichenheit in sich, die er seit dem Tode Ritas vergeblich gesucht hatte.

Staps nickte Horst Nissen zu. »Sie sind sich klar, Herr Nissen, daß Sie sich in Gefahr befinden?«

»Ja, Herr Doktor! Der Tod Ritas beweist es mir. Wer eine solche Frau tötet um Geldes willen, wird bestimmt nicht davor zurückschrecken, seiner Enttäuschung durch den Tod eines ihm sonst gleichgültigen Mannes Ausdruck zu geben.«

»Der Gläubiger schreibt, er habe Sie erneut aufgefordert, ihm Geld zu geben. Wer hat sich nach Fräulein Kattners Tod an Sie gewandt, Herr Nissen?«

»Ferdinand Fischer, Dr. Schwarz und Fritz Ruh. Schwarz hat mich aufgesucht, Fischer hat mich auf der Straße angesprochen, und Ruh hat mir geschrieben.«

»Würden Sie mir den Brief von Ruh zeigen, und würden Sie mir bitte das Zusammentreffen mit den beiden andern Herren beschreiben, Herr Nissen?«

Der Fabrikant schloß die rechte Seite seines Schreibtisches auf und entnahm ihm ein Aktenstück, aus dem er Staps einen handgeschriebenen Brief reichte. Der Kriminalist las ihn durch.

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich ihn behalte, Herr Nissen? Ich möchte ihn gern, zusammen mit den Briefen des Gläubigers, Professor Ewald vorlegen, wenn ich auch nicht glaube, daß das weiterhilft. Denn die Schrift des Gläubigers ist eine ausgesprochene Zier- oder Ornamentalschrift, die so gut wie keine persönlichen Eigenheiten verrät.«

»Ich habe nichts dagegen, daß Sie den Brief behalten, Herr Doktor. Aber Sie werden mir gestatten, daß ich eine Abschrift für mich machen lasse.« Nissen bestellte telefonisch seine Privatsekretärin, die sofort kam und den Brief entgegennahm.

»Fräulein Lindner«, krächzte Staps, der ihren Namen bei der telefonischen Anweisung Nissens erhascht hatte, »machen Sie bitte drei Durchschläge, zwei für mich und einen für Kommissar Förster.«

Die Sekretärin verständigte sich durch einen Blick mit ihrem Chef, nickte Staps zu und verschwand.

Darauf gab Nissen einen kurzen Bericht über die Unterredung mit Dr. Schwarz und fuhr dann fort: »Ferdinand Fischer muß mir aufgelauert haben. Denn er stand vor ein paar Tagen in einem Hausflur in der Stadt und schien auf mich gewartet zu haben. Er trat auf mich zu, grüßte kaum und fragte mich: ›Nun, Herr Nissen, hat das Mittel gewirkt? Wie ist es mit dem Geld für meine Erfindung? Vielleicht haben Sie sich inzwischen überlegt, wie gefährlich es ist, Leute, die vorwärtsstreben und der Menschheit damit weiterhelfen wollen, so abzuweisen!‹ Ich habe ihn einfach stehenlassen und bin meiner Wege gegangen.«

»Ein unangenehmer Patron, dieser Fischer«, sagte Staps. »Ich war bei seiner Vernehmung auf der Polizei zugegen. Seine Verhältnisse sind alles eher als klar, er hat eine sehr zweideutige Freundin, und wir wissen auch nicht, wovon der Mann eigentlich lebt.«

»Was halten Sie von dem Brief von Ruh?« fragte Nissen.

»Tja – eigentlich ist nichts gegen ihn einzuwenden. Er bittet Sie höflich und sachlich, sich die Beteiligungsfrage doch noch einmal zu überlegen. Er sei der Ansicht, daß seine Entdeckung für die Medizin einen Fortschritt bedeute. Das geldliche Ergebnis der Auswertung, so hofft er, würde ihm Freizeit zur Weiterarbeit an einigen Problemen ermöglichen, von deren Lösung er annimmt, daß auch sie eine Entwicklung bedeuten. Auf Ruhs Veranlassung hat ein Sachverständiger seine Erfindung begutachtet und glaubt, vorbehaltlich einiger Versuche, die Ruh nicht möglich waren, der Sache eine gute Zukunft versprechen zu können. Ruh ist ein stiller Mensch und wie alle stillen Menschen undurchsichtig.«

Staps wurde durch Fräulein Lindner unterbrochen, die die Abschriften brachte und sich sofort wieder entfernte. Nissen reichte dem Gelehrten die erbetenen drei Exemplare, und die Herren verabschiedeten sich.

Auf dem Gang, just vor dem Fenster der Anmeldung, begegnete Dr. Staps einem Herrn, der ihn, kaum hatte er ihn gesehen, begrüßte.

»Herr Professor Staps?« sagte er in fragenden Ton.

Staps winkte mit beiden Händen heftig ab. »Dr. Staps, nur Doktor, Herr ...?«

»Dr. Schwarz, Erfinder!« Dabei verbeugte sich der Herr höflich und ließ den prüfenden Blick aus den zusammengekniffenen Augen lächelnd über sich ergehen.

Staps prüfte ihn wirklich, und das genauestens. Denn zufällig hatte er keine Gelegenheit gehabt, Dr. Schwarz bisher zu begegnen, am Tag von dessen polizeilicher Vernehmung war er verhindert gewesen.

»Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Herr Doktor!« sagte Schwarz. »Mir wurde erzählt, daß Sie die Nachforschungen nach dem Mörder Rita Kattners betreiben, und es wäre für mich, wie für jeden, der Fräulein Kattner kannte, eine ungeheure Befriedigung, wenn Sie ihn faßten.«

»Viel Vertrauen, Herr Doktor! Viel zuviel Vertrauen!« murmelte Staps, unangenehm berührt durch Schwarz' aufdringliche Art, machte eine ungeschickte Verbeugung und verschwand nach dem Ausgang.

Schwarz starrte ihm mit verblüfftem Gesicht nach.

Wieder in seinem Arbeitszimmer angelangt und gefolgt von seiner Privatsekretärin, fauchte er sie an: »Sagen Sie mal, Bradelchen, ist eigentlich Erfinder ein Beruf?«

Ilse Brade lächelte über das Ungestüm ihres Brotherrn und verneinte die Frage.

In den nächsten drei Tagen sah man Staps in den verschiedensten Teilen der Stadt. Er besuchte alle möglichen Leute, tauchte dazwischen bei Kommissar Förster auf und unterhielt sich je nach seiner Zeit zehn Minuten oder eine halbe Stunde mit ihm. Er ließ den Beamten fast stets mit dem unangenehmen Gefühl zurück, daß er viel geredet und nichts gesagt hatte.

Förster war unter anderem von dem kleinen Professor darüber unterrichtet worden, daß von ihm, Staps, die Zahl der Verdächtigen auf drei beschränkt worden sei, insofern hielt er sich an seine und seiner Sekretärin Überlegungen und an den Inhalt des Drohbriefes an Nissen. Der Kommissar war nach einer Rücksprache mit Inspektor Lehmann der Ansicht, daß dieser Weg richtig sei. Als pflichtbewußter Beamter machte er sich aber doch die Arbeit, die Verhältnisse aller in Frage kommenden genau zu erforschen. Kein Wunder, daß das Aktenstück »Kattner, Rita, XZ 365 480« anschwoll, waren es doch zehn Personen, über die allerlei zusammengetragen wurde.

»Sagen Sie mal, Chef«, sagte Inspektor Lehmann, als sie wieder einmal die Sache besprachen, »wollen wir nicht des Professors Methode anwenden und einige Personen ausmerzen? Sonst kommen wir ja überhaupt nicht durch!« Lehmann sah müde aus, er hockte auf seinem Stuhl, dürr, schwarzhaarig und seine ewige Zigarette zwischen den nikotinbraunen Fingern.

»Wen schlagen Sie vor, Lehmann?« fragte Förster mißtrauisch. Er liebte es durchaus nicht, Staps als Vorbild vorgehalten zu bekommen.

»Horst Nissen als ersten. Er hatte kein Interesse an Rita Kattners Tod. Er liebte sie, hatte bereits den Entwurf des zukünftigen Hauses in Auftrag gegeben und führte auch schon Verhandlungen mit der Autofirma wegen eines neuen Wagens für seine Verlobte.«

Kommissar Förster nickte.

»Als nächste schlage ich Dr. Glaß und Nedwal vor. Beide behaupten, Rita sehr verehrt zu haben, hatten also keinen Grund, sie umzubringen. Ebensowenig waren sie auf Nissens Geld erpicht.«

Kommissar Förster nickte abermals.

»Christa Straube ist zu dumm für ein so gut vorbereitetes Verbrechen.«

Wieder nickte Kommissar Förster.

»Dr. Annette Schreiber würde ich die nötigen Fähigkeiten zutrauen, ebenso aber auch die Überlegung, daß sie eines Tages gefaßt werden könnte und daher Dr. Glaß sowieso nicht bekommen würde.«

Auch zu diesem Vorschlag nickte Förster.

»Bleiben also Ferdinand Fischer, seine Freundin Käthe Schnelle, Fritz Ruh, Hedwig Reinhard und Dr. Schwarz.«

»Und davon möchte ich noch die Schnelle ausscheiden, Inspektor«, meinte der Kommissar. »Solche Frauen können wohl einen Mord im Affekt begehen, niemals aber ein so fein ausgeklügeltes Verbrechen. Bei Hedwig Reinhard ist es etwas anderes. Vielleicht hat sie in dem Mord die einzige Möglichkeit gesehen, ihrem Freund weiterzuhelfen.«

»Und wer ist es nun gewesen?« fragte der Inspektor mit müden, blinzelnden Augen.

»Weiß ich's, mein Lieber? Wir haben überall Haussuchungen vorgenommen und nichts gefunden. Die Vernehmungen sind durchweg ergebnislos verlaufen. Was soll man da machen?«

»Wir können aber doch nicht die Daumen drehen und zusehen, wie sich der Mörder weiter seiner Freiheit erfreut!« klang die erschöpfte Stimme Lehmanns mit einem leise mahnenden Unterton.

»Wissen Sie einen Ausweg?«

Der Inspektor seufzte. »Der Untersuchungsrichter war so liebenswürdig, uns die Haussuchungen zu gestatten. Ich werde sie morgen noch einmal vornehmen. Die Leute werden meistens sicher, wenn wir dagewesen sind, und rechnen nicht damit, daß wir noch einmal erscheinen. Vielleicht habe ich Glück. Sonst bleibt uns nichts anderes übrig, als die vier Leutchen zu verhaften und bis über den Tag hinaus festzuhalten, an dem der Gläubiger Nissen ermorden will. Wenn Nissen dann noch lebt, haben wir den Richtigen erwischt.«

Försters Gesicht verzog sich zu einem listigen Schmunzeln. »Lieber Lehmann, wer von den vieren ist es denn dann gewesen? Außerdem wird uns der Amtsgerichtsrat niemals die Haftbefehle ausstellen. Gleich vier auf einmal! Nee, nee, mein Lieber, so kommen wir auch nicht weiter.«

Der Inspektor räumte seinen Schreibtisch auf, erhob sich und zog seinen Mantel an. Den Hut in der Linken, reichte er seinem Kommissar die Hand. »Ich gehe jetzt nach Hause und lege mich ins Bett, Chef!«

*

Dr. Staps also machte Besuche, da ihm das Überlegen hinter dem Schreibtisch langweilig geworden war. Er wollte die Leute und ihre Umgebung kennenlernen.

Bei Dr. Schwarz, dessen Wohnung wir bereits kennen, trank er eine Tasse dünnen Tee, ließ sich die Zeichnungen zeigen und auseinandersetzen, wie der Schwarz-Filter arbeitete.

»Die Sache hat Hand und Fuß, Herr Doktor!« lobte er freundlich. »Jetzt fehlt Ihnen eigentlich nur noch das Kapital. Haben Sie da Aussichten?«

Schwarz hatte den dunkelhaarigen Kopf mit den Silberschläfen geneigt, er malte mit dem Bleistift krauses Zeug auf ein Blatt Papier. Bevor er antwortete, hob er ganz wenig die rechte struppige Augenbraue. »Ich stehe zur Zeit in erfolgversprechenden Verhandlungen. Sie wissen, daß mein Versuch, von Nissen Geld zu bekommen, mißlungen ist, und da mußte ich mich anderweitig umsehen.«

Staps zog lauernd die Augen zu einem noch schmäleren Schlitz zusammen. »Oh, das freut mich, daß Sie andere Möglichkeiten gefunden haben, Herr Doktor! Wer hat sich denn bereit erklärt?«

»Direktor Weitzel von der Elektro.«

»Meinen herzlichsten Glückwunsch, Doktor!« sagte Staps. »Es wird für Sie sicherlich auch angenehmer sein, nicht mehr mit Nissen verhandeln zu müssen, der eine Teilnahme so hartnäckig abgelehnt hat. Und dann ist es auch eine mißliche Sache, erneut an eine Person herantreten zu müssen, die aus einem ähnlichen Grund einen so schweren Verlust erlitten hat wie Nissen.«

Schwarz nickte. »Es war mir wirklich peinlich, mich nach Fräulein Kattners Tod noch einmal an ihn wenden zu müssen. Es ist natürlich nicht unbekannt geblieben, daß die Polizei und wohl auch Sie, Herr Doktor, den Täter in jemand vermuten, der irgendwelche finanzielle Forderungen an Nissen hat oder zu haben glaubt. Ich bedaure aufrichtig das Unglück, das Nissen betroffen hat.«

»Haben Sie Fräulein Kattner gekannt?«

»Leider nicht! Ich kam ja nur geschäftlich mit Nissen zusammen und hatte nicht die Freude, seine Verlobte zu sehen. Sie soll sehr schön gewesen sein.«

»Ja, das war sie«, sagte Staps leise und nachdenklich. »Aber ich will Sie nun nicht länger aufhalten, Herr Doktor, und danke für Ihre Gastfreundschaft.«

Staps' nächster Weg war eine Droschkenfahrt – der Professor gab in diesen Tagen ein kleines Vermögen für Taxi aus – zu Direktor Weitzel von der Elektro, der ihn aber nicht sofort empfangen konnte, so daß die Besprechung auf einen späteren Zeitpunkt festgelegt wurde.

In der Zwischenzeit fuhr Staps zu Ferdinand Fischer.

Obwohl die Behausung Fischers der völlige Gegensatz zu Schwarz' Wohnung war, fand Staps sie in keiner Weise anziehender. Ihn ekelte vor der Liederlichkeit, ja dem Schmutz, der hier herrschte, und er kürzte seinen Besuch soviel wie möglich ab.

Die an sich belanglose Besprechung mit Fischer und seiner Freundin hinterließ bei dem Kriminalisten den denkbar schlechtesten Eindruck. Ferdinand Fischer hatte sich in einer ungezogenen und unerzogenen Weise über Nissen, Rita Kattner und alle Leute geäußert, die zu diesem Kreis gehörten.

Jetzt ging die Fahrt wieder zur Elektro hinaus, und Dr. Staps erhielt seine gewünschte Unterredung.

»Ich werde Sie nur ein paar Minuten aufhalten, Herr Direktor«, führte sich der Gelehrte ein. »Ich habe nur eine Frage in der Sache Kattner an Sie zu richten.« Er gab einen sehr gedrängten Überblick über den Mord an Rita Kattner und die wahrscheinlichen Gründe für diese Tat und schloß seine Ausführungen mit der Frage:

»Stimmt es, Herr Direktor, daß Sie geneigt sind, die Erfindung des Dr. Schwarz zu finanzieren?«

»Schwarz und ich verhandeln über diese Sache, Herr Doktor. Vorläufig lasse ich die mir von Schwarz übergebenen Unterlagen prüfen, und ich habe ihm noch nicht mitgeteilt, wie ich mich zu der Angelegenheit stelle.«

Staps wollte fragen, wie sich Direktor Weitzel entschließen würde, unterließ es aber, da es mit dem augenblicklichen Stand der Sache Kattner nichts zu tun hatte. Er erhob sich.

»Ich danke Ihnen verbindlich für Ihre Auskunft, Herr Direktor!« sagte er und verabschiedete sich.

Dann schlug der kleine Professor zwei Fliegen mit einem Schlag, er besuchte Dr. Glaß und Dr. Annette Schreiber in der Klinik, in der sie arbeiteten.

»Ich bin in einer schwierigen Lage, Fräulein Doktor«, sagte Staps, nachdem Annette Schreiber das Wartezimmer betreten und ihn begrüßt hatte: »Wenn ich ehrlich bin, muß ich sagen, daß ich auf der Suche nach Fräulein Kattners Mörder nicht weiterkomme. Deshalb befrage ich alle, die sie näher gekannt haben, ob sie mir nicht einen Fingerzeig geben können. Haben Sie in der letzten Zeit vor Fräulein Kattners Tod Beobachtungen gemacht, die auf eine bestimmte Person hinweisen, Fräulein Doktor?«

Sie hatten sich an den viereckigen weißen Mitteltisch gesetzt, und Annette Schreiber nützte die Pause in der Arbeit aus, um eine Zigarette zu rauchen. »Es tut mir sehr leid, Herr Doktor, daß ich Ihnen nicht das Geringste sagen kann. Sie werden sich denken können, daß wir, die Bekannten Ritas, uns auch den Kopf darüber zerbrechen, wer das Verbrechen begangen haben kann, aber wir finden auf diese Frage ebenfalls keine Antwort.«

»Sie kennen bestimmt niemand?« Staps musterte befriedigt die sehr gepflegte Erscheinung der Ärztin.

Sie sog nachdenklich an ihrer Zigarette. »Nein, Herr Doktor. Nach dem Inhalt der anonymen Briefe, die wir ja kennen, scheint es, als sei es jemand gewesen, der Rita und damit unserem Freundeskreis nahestand. Denn der Gläubiger wußte viele Einzelheiten aus unsern Unterhaltungen, und man könnte daher annehmen, daß es einer unserer Freunde gewesen sei. Denn an jenem Tag, an dem Rita abends den letzten Brief in ihrer Handtasche fand, ist kein Unbekannter dabeigewesen. Und doch – es ist niemand aus dem Freundeskreis gewesen.« Die Ärztin betonte das Wörtchen »ist«.

»Schade!« murmelte Staps, womit er nicht sein Bedauern darüber ausdrücken wollte, daß der Mörder nicht in dem Freundeskreis zu suchen sei, sondern daß ihm Fräulein Schreiber nicht weiterhelfen konnte. »Wäre es vielleicht möglich, auch Ihren Verlob ... Verzeihung, Herrn Dr. Glaß zu sprechen?«

»Gern, wenn Sie es wünschen, Herr Doktor«, erwiderte Fräulein Schreiber ruhig, mit einem kleinen Lächeln auf dem anziehenden Gesicht. »Aber er wird Ihnen nicht mehr sagen können als ich.«

»Trotzdem!« beharrte der kleine Professor. »Außerdem – würden Sie und Herr Dr. Glaß mir das Vergnügen machen, heute abend mit mir zu essen? Vielleicht in Wenks Keller?«

Annette Schreiber sah Staps etwas erstaunt an, doch er gab keine Auskunft über die Gründe, die ihn zu dieser Einladung bewogen hatten. »Ich komme gern, Herr Doktor«, entschloß sich die Ärztin dann, »und danke Ihnen im voraus für den sicherlich netten Abend.«

Staps quittierte die kleine Schmeichelei mit einem freundlichen Blick.

Wie angekündigt, ergab die Besprechung mit Dr. Glaß nicht das geringste, und auch er nahm die Einladung für den Abend an. Der Professor verfolgte damit keinen andern Zweck, als die beiden jungen Leute etwas näher kennen zu lernen.

Der nächste, der Staps' Besuch über sich ergehen lassen mußte, war Dr. Giese. Doch diese Unterredung fand am andern Morgen statt.

Der Chauffeur betrachtete mißtrauisch seinen kleinen Fahrgast, als der die Adresse angab: An der Mühle drei; und Staps grinste. Denn er wußte, daß die Gegend nicht gerade einen ausgezeichneten Ruf hatte. Es wohnten dort ziemlich finstere Elemente, Mädchen, die es nicht ablehnten, auf der Straße angesprochen zu werden, ihre Betreuer und Betreuerinnen, Trödler und arbeitsscheues Gesindel.

Dr. Staps hatte sich, ebenso wie Kommissar Förster, dessen Inspektor und seine Sekretärin Fräulein Brade, schon über die Anschrift gewundert, die doch so gar nicht zu der nahezu stutzerhaft sportlichen Art Dr. Gieses paßte.

Als er aber die Wohnung betrat, verstand er Giese. Dieser hatte durch Zufall ein durch den Tod eines Malers freigewordenes großes Atelier entdeckt, das im obersten Geschoß eines der kleinen Häuser lag. Das Dach aus kräftigem Glas gestattete dem Licht fast ungehindert Zutritt, um so mehr, als sich ein großer Teil der Scheiben öffnen ließ, so daß man sich dann unter freiem Himmel befand.

Das Atelier, jetzt ein Riesenwohnzimmer, war einfach und geschmackvoll ausgestattet. Die Möbel waren, der geringen Höhe des Raumes entsprechend, niedrig und gaben dadurch Gemütlichkeit und Wärme.

Die eine Wand war mit mehreren Bücherschränken besetzt, deren Inhalt Staps gründlich betrachtete, während Dr. Giese etwas zu trinken holte. Staps entdeckte viele gemeinverständliche wissenschaftliche Werke, Lexika, Wörterbücher und ähnliches. Er konnte sich nicht entscheiden, ob er daraus schließen sollte, daß Dr. Giese wenig gebildet sei und das Fehlende nachholen wolle oder daß er vielseitig interessiert sei. Das geschulte Gehirn des Kriminalisten erkannte sofort, daß diese Bücher nach bestimmten Gesichtspunkten geordnet waren. Der erste Schrank enthielt die Wissenschaften, die man als praktische bezeichnen kann, wie zum Beispiel Physik, Chemie, Medizin, der zweite die Geisteswissenschaften, darunter Astronomie, Geschichte, Philosophie. Im dritten Schrank fand Staps eine große Anzahl Klassiker und ausgezeichnete Übersetzungen nichtdeutscher Dichter, sogar ein paar Ausgaben in der Ursprache. Der letzte Schrank endlich war anspruchsloser. In ihm war die Unterhaltungsliteratur untergebracht, im oberen Teil die guten Schriftsteller, im unteren die Bücher, zu denen man nach anstrengender Tagesarbeit greift: Kriminalromane und leichte, spannende Zeitungs- und Zeitschriftenromane. Die einzelnen Gebiete wiederum waren in sich alphabetisch geordnet.

Staps hatte Zeit, sich mit dem Zimmer zu beschäftigen, denn Giese hatte den Kopf zur Tür hereingesteckt und sich für einen Augenblick entschuldigt, er müsse in den Keller steigen, und der kleine Professor hatte ihn nicht zurückgehalten, da er mit der Betrachtung von Gieses Behausung noch nicht fertig war.

Es blieben ihm noch die Bilder übrig und einige Kleinigkeiten, die wohl wert waren, nicht übersehen zu werden. Giese bevorzugte Radierungen, und er hatte Geschmack. Staps, selbst Bilderkenner, vermochte sich nur schwer von den vier einfach gerahmten Stücken zu trennen.

Eins verwunderte Dr. Staps. Auf der Couch lagen drei Kissen und auf einem kleinen, viereckigen Tisch am mittleren Fenster war eine Decke ausgebreitet, die unzweifelhaft Handarbeiten waren. Er konnte sich nicht erklären, wie Giese dazu kam, besaß er doch, wie die Polizei festgestellt hatte, weder Frau noch Freundin, und es war ganz ungewöhnlich, daß sich ein Mann Handarbeiten auf Bestellung anfertigen ließ. Doch Staps fand sich damit ab, enthielt doch das Zimmer sowieso eine Menge Gegensätzlichkeiten.

Endlich tauchte Dr. Giese wieder auf, zwei vielversprechende Flaschen unter den linken Arm geklemmt, während er in der rechten Hand zwei Gläser hielt.

»Entschuldigen Sie bitte, Herr Doktor, daß ich Sie so lange warten ließ«, sagte er zu Staps, den er in einem der bequemen Stühle neben dem viereckigen Tisch am Fenster vorfand. »Aber ich freue mich wirklich, daß Sie mir Gelegenheit geben, Sie näher kennenzulernen. Nicht nur, daß ich von Ihnen schon gehört habe, es liegt mir natürlich auch daran, zu wissen, wer sich außer der Polizei um den Mörder Rita Kattners kümmert. Es wird für mich wie für alle anderen eine ungeheure Befriedigung sein, wenn wir erfahren, daß der Verbrecher nicht mehr frei herumläuft. Rita Kattner war eine scharmante Frau.«

»Sie sind sehr liebenswürdig!« murmelte Staps. »Ich bekomme wirklich ein schlechtes Gewissen, wenn ich bedenke, daß ich hierherkam, um an Sie verschiedene Fragen zu richten, die sich mit dem Tod Fräulein Kattners beschäftigen.«

Dr. Giese hob sein Glas dem Besucher entgegen. »Es ist selbstverständlich, daß Sie die Unterlagen von überall zusammentragen müssen, Herr Doktor! Schade ist nur, daß ich Ihnen wenig werde helfen können. Ich bin mit Rita Kattner leider nur ein paarmal zusammengekommen. Ich habe sie ausgerechnet an dem Tag kennengelernt, an dem sie den ersten Brief des Gläubigers erhielt.«

»Haben Sie irgendeinen Verdacht?«

»Durchaus nicht! Aber ich möchte mich der allgemeinen Ansicht anschließen, daß nur jemand in Frage kommt, der von Nissen Geld wollte. Ich habe mich einmal eingehend mit Rita Kattner über alles unterhalten und sie hat mir bei dieser Gelegenheit erklärt, die anonymen Briefe wären ihr deshalb so völlig unverständlich, weil es keinen Menschen gäbe, der auch nur das geringste von ihr zu fordern hätte. Sie könnte auch das gleiche von ihrem Verlobten behaupten. Doch Sie werden sich selbst gesagt haben, Herr Doktor, daß der Umstand, daß der Mörder ein oder gar beide Augen auf Nissens Börse geworfen hat, die Zahl der Verdächtigen nur einschränkt, daß sich dadurch seine Person aber nicht feststellen läßt.«

Staps nickte. Es war überall dasselbe! »Wie standen Sie persönlich zu Fräulein Kattner?« fragte er.

Dr. Giese zögerte einen Augenblick.

Der Kriminalist betrachtete das Gesicht seines Gegenübers, das ihm nicht sehr gefiel. Doch er, der in cholerischen Wutanfällen jeden Maßstab für Gerechtigkeit verlor, blieb bei der Bearbeitung eines Falles stets unbestechlich sachlich, auch da, wo sein Gefühl und sein Geschmack anderer Ansicht waren. So ließ er sich dadurch, daß Giese ihm nicht sympathisch war, in keiner Weise beeinflussen. Daß der Mann ein wenig verlebt aussah, war schließlich seine Sache.

Staps' Blick verweilte den Bruchteil einer Sekunde auf den scharfen Falten, die sich von Gieses Nase bis zum Kinn zogen. Der Mund sah etwas verkniffen aus und paßte nicht recht zu dem liebenswürdigen Wesen, das Giese zur Schau trug. Endlich landete Staps bei den graubraunen Augen. Als sich die Blicke der beiden begegneten, nickte Giese.

»Ich kann Ihnen das Recht zu Ihrer Frage nach meiner Einstellung zu Fräulein Kattner nicht absprechen, Herr Doktor. Nur – die Antwort fällt mir schwer. Ich habe mich bisher nie an eine bestimmte Frau gebunden.« Wieder zögerte Dr. Giese, und schließlich fügte er mit leiserer, gedämpfter Stimme hinzu: »Der Tod Rita Kattners bedeutet für mich einen wirklichen Verlust.«

Staps lenkte ab und kam auf die Bibliothek seines Gastgebers zu sprechen. Die Herren unterhielten sich noch eine Weile über Literatur und Kunst, ehe sich der Kriminalist verabschiedete.

Nedwal und Christa Straube schenkte sich der kleine Professor. Sie waren beide zu nichtig, um in den Verdacht zu geraten, eine Rolle in dem Geschehen um Rita Kattner – oder mußte man neuerdings sagen um Horst Nissen? – zu spielen.

Dagegen konnte er weder Fritz Ruh auslassen, der am meisten belastet war, noch Hedwig Reinhard.

Fräulein Reinhard fand er an der Staffelei, als Modell ein niedliches junges Mädchen vor sich, das in einer Flut von Hüten zu ersticken drohte.

Die Modellzeichnerin entschuldigte sich lachend ob der Unordnung in ihrem Arbeitszimmer und verabschiedete das junge Mädchen, das, wie sie versicherte, sowieso in den nächsten Minuten gegangen wäre.

Dann führte sie Staps in ein schmales, kleines Wohnzimmer und bot ihm Platz an.

»Daß ich mit Ihnen über den Tod Fräulein Kattners und über ihren mutmaßlichen Mörder sprechen will, Fräulein Reinhard, wird Sie sicherlich nicht verwundern. Richtiger ist eigentlich, daß ich in diesem Zusammenhang einige Fragen an Sie zu richten habe, für deren offene Beantwortung ich Ihnen dankbar wäre.«

»Bitte, Herr Doktor, was ich tun kann, um Ihnen weiterzuhelfen, will ich gern tun.«

»Sie haben Kriminalkommissar Förster gegenüber ausgesagt, daß Sie bis zu Ihrer Vernehmung nichts von der Arbeit des Herrn Ruh wußten. Stimmt das?« Staps sah die Modellzeichnerin freundlich an. Sie machte einen sehr guten Eindruck auf ihn, sogar jetzt noch, obwohl ihr Gesicht einen merklich kühlen und ablehnenden Ausdruck annahm. Doch auch hier konnte er sich ebensowenig von seinem Gefallen leiten lassen wie bei Fischer und Giese von seinem Mißfallen.

»Ich habe die Wahrheit gesagt, Herr Doktor!« antwortete Hedwig Reinhard zurückhaltend und kurz.

»Bitte, Fräulein Reinhard, verstehen Sie meine Fragen nicht falsch und nehmen Sie sie nicht für Zudringlichkeit. Ich bin gezwungen, jeder Möglichkeit nachzugehen, alles zu prüfen und zu untersuchen, was irgendwie zum Ziel, der Feststellung des Mörders, führen kann.«

»Soll ich Ihre Worte dahin verstehen, Herr Doktor, daß Sie mich an dem Tode Rita Kattners für schuldig halten?« fragte Fräulein Reinhard kampfbereit.

Staps hatte ein gutes Lächeln um den Mund, als er Auskunft gab. »Ich glaube nicht, daß Sie die Täterin sind, Fräulein Reinhard. Sie sind ein vernünftiger Mensch – glaube ich wenigstens –, und deshalb sage ich Ihnen, daß Sie und Herr Ruh nicht frei von Verdacht sind. Fritz Ruh war an Nissen herangetreten, um ihn zur Beteiligung an der Auswertung seiner Forschungsergebnisse zu bewegen, und, übersehen Sie bitte diesen Punkt nicht, er ist Chemiker. Sie stehen Herrn Ruh nahe und haben deshalb ein Interesse daran, daß er zu seinem Ziel kommt. So ist die Lage für Sie und Herrn Ruh.«

Hedwig Reinhard hatte, während Staps sprach, keine Bewegung gemacht. Sie sah nur unverwandt in sein Gesicht, das so freundlich war. Sie dachte nach, und als Staps fertig war, nickte sie.

»Was Sie gesagt haben, Herr Doktor, ist natürlich für uns alles eher als angenehm. Ich bin aber leider nur in der Lage, Ihnen zu versichern, daß weder ich noch Fritz Ruh den Mord begangen haben. Ich verstehe jedoch, daß Ihre Untersuchungen Sie auch zu uns führen mußten.«

»Ich danke Ihnen, Fräulein Reinhard. Meine erste Frage haben Sie verneint, ich werde sie auch an Fritz Ruh richten. Die zweite Frage – und damit wird sich mein Besuch bei Ihnen erledigt haben: Sind Sie mit irgend jemand aus dem Freundeskreis, außer natürlich Herrn Ruh, besonders befreundet?«

Hedwig Reinhard überlegte eine Weile, ehe sie antwortete. Sie wog sichtlich ihre Verbindung mit jedem einzelnen ab. Dann erwiderte sie: »Nein, Herr Doktor, ich bevorzuge niemand, und es hat sich auch keiner mehr als der andere an mich angeschlossen.«

»Auch Dr. Schreiber nicht?« fauchte Staps schnell heraus.

Die Modellzeichnerin machte ein erstauntes Gesicht. »Nein, Herr Doktor! Warum soll ich mit ihr besonders befreundet sein?«

»Ach, nur so!« wich der Kriminalist aus. »Sie sind sich ziemlich ähnlich, und es hätte nahegelegen, daß Sie sich mehr an sie angeschlossen hätten als an die übrigen.«

Hedwig Reinhard sah Dr. Staps sorgenvoll nach, als er die Treppe hinunterging, um seinen nächsten und letzten Besuch, den bei Fritz Ruh, zu machen.

Ruh bewohnte zwei Untermieträume, die er sich selbst eingerichtet hatte. Hierbei kam die stille, im wesentlichen auf Arbeit eingestellte Art des Chemikers zum Ausdruck. Das Wohn- und Arbeitszimmer war nahezu spartanisch einfach, nur zwei sehr schöne Bilder gaben ihm eine persönliche Note. Auch hier gab es viele Bücher, die, zum Teil unansehnlich vom häufigen Lesen, auf einem langen Brett an der einen Wand standen, während auf dem großen Schreibtisch verschiedene Stapel von losen Blättern lagen. Die einzige Bequemlichkeit in diesem Zimmer waren zwei Rohrsessel, die an einem runden Tisch neben dem Berliner Ofen standen. Wahrscheinlich waren sie für ihn und Hedwig Reinhard vorgesehen, dienten aber jetzt Dr. Staps und dem Chemiker.

Auch Fritz Ruh gegenüber, der müde und versorgt aussah, war Staps offen und legte ihm den augenblicklichen Stand der Untersuchung dar.

Er ließ sich von ihm bestätigen, daß Fräulein Reinhard bis zu ihrer Vernehmung über seine Arbeit nicht unterrichtet gewesen sei.

Daran schloß er die Frage: »Wo machen Sie Ihre Experimente, Herr Ruh? Sie haben doch kein eigenes Laboratorium?«

»Nein, leider nicht!« gab der junge Chemiker Auskunft. »Aber der Oberarzt der Klinik, in der Dr. Glaß und Dr. Schreiber arbeiten, hat mir auf deren Empfehlung freundlicherweise gestattet, das dortige Laboratorium zu benutzen.«

Staps stellte noch die übliche Frage nach der Verbindung zwischen Fritz Ruh und Rita Kattner, ließ sich von Ruhs Verhältnissen erzählen und ging bald darauf.

* * *

 


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