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Wer einmal in die Buchhandlung des alten Kattner kam, um etwas zu erwerben, wonach ihm der Lesewunsch stand, blieb für immer sein Kunde, vorausgesetzt, daß er die gleiche Liebe und das gleiche Verständnis für Bücher hatte wie Kattner.

Sehr häufig wurde aus dem ersten Besuch ein nahezu freundschaftliches Verhältnis zwischen Heinrich Kattner und dem Bücherliebhaber. Man konnte oft erleben, daß Kattner den Kunden mit Handschlag begrüßte, sich liebenswürdig nach seinem Ergehen erkundigte und daß sich der Kunde erst danach den Büchern zuwandte. Im Laden vorn unterrichtete er sich über Neuerscheinungen, hielt sich meist nur kurze Zeit im zweiten Raum auf, in dem die nicht mehr ganz taufrischen neuen Sachen aufbewahrt wurden, und durchstöberte anschließend den dritten Raum, der das Antiquariat beherbergte. Das vierte Zimmer dagegen wurde nur hin und wieder betreten, und seine Besucher waren fast ausnahmslos Fachgelehrte; denn in diesem Raum waren die wissenschaftlichen Werke untergebracht.

Doch der große Laden barg außer dem Besitzer Heinrich Kattner, einem Fräulein Lindner, dem Stift Max und den Büchern mitunter eine weitere Person. Und diese Person hatte für manchen Herrn eine größere Anziehungskraft als die Bücher.

Diese Anziehungskraft war die Tochter Kattners, Margerita mit Namen, kurz Rita genannt. Da sie klug war und viel gelesen hatte, wußte sie in der Literatur erstaunlich gut Bescheid, meist konnte sie sogar auch über die wissenschaftlichen Bücher Auskunft geben.

»Kommst du heute nachmittag her, Rita?« fragte der alte Kattner, als der Laden einmal ohne fremde Menschen war. »Fräulein Lindner hat sich Urlaub erbeten, so daß ich mit Max allein sein werde.«

Rita wandte sich mit lebhafter Bewegung um. »Schade, daß du mir das nicht eher gesagt hast, Vater! Ich habe mich im Sport-Klub verabredet.«

Der alte Kattner nickte und bestand nicht auf seiner Bitte. Er nahm ein Verzeichnis vom Regal und suchte Titel und Verlag eines Buches, nach dem ein Käufer vorhin gefragt hatte. Dabei flog sein Blick hin und wieder zur Tochter. Sie war eben einem Herrn entgegengetreten, der anscheinend nicht recht wußte, was er wollte. Vielleicht auch war ihm der genaue Titel oder der Verfasser des gewünschten Buches unbekannt. So etwas kam öfters vor.

Aber Kattner brauchte sich nicht einzumengen, er konnte sich auf Rita verlassen. Er beobachtete seine Tochter, ihr Gespräch und ihre Haltung.

»Ich möchte ein bestimmtes Buch haben, Fräulein Kattner«, hörte der alte Buchhändler den Käufer sagen.

Rita Kattner hob den Kopf und musterte das gutgeschnittene Gesicht des Kunden, der das fragende Lächeln freundlich erwiderte.

»Sie dürfen sich nicht wundern, daß mir bekannt ist, wer Sie sind, Fräulein Kattner. Jeder, der in dieser Stadt lebt und freundschaftlich zu Büchern steht, weiß doch, wie Sie und Ihr Herr Vater aussehen!« Dabei neigte sich der Fremde höflich grüßend zu Kattner, der aber offensichtlich mit dem Suchen in dem Verzeichnis beschäftigt war. »Einer erzählt es dem andern. Mir ist es auch so ergangen, als ich nach einer Buchhandlung fragte, die meiner Neigung entsprechen könnte. Ich bin erst seit kurzem hier und wurde an Sie verwiesen.«

Rita Kattner verhielt sich abwartend. Ihr Lächeln konnte ebensogut der übliche Höflichkeitsausdruck sein, den der Verkäufer dem Kunden widmet, als eine Antwort auf die freundlichen Worte des Herrn. Nur der alte Kattner fand, daß in ihren Augen etwas mehr stand, als einem jungen Mädchen in dieser doch durchaus unpersönlichen Lage zukam.

Als Rita schwieg, fuhr der Kunde fort: »Ja also, Fräulein Kattner, ich möchte ein Buch haben, von dem ich weder den Titel noch den Verfasser noch den Verlag kenne.«

Das Lächeln auf dem Gesicht Ritas vertiefte sich.

»Vielleicht können Sie mir einen Hinweis auf den Inhalt geben?« forderte sie ihn auf.

»Gewiß! Es handelt sich um einen Roman, der vor vielleicht einem Jahr erschienen ist und der einen Literaturpreis erhalten hat. Er erzählt von dem großen Treck nach Schlesien vor dem 16. Jahrhundert, einem Bauerntreck.«

»Ja, ich weiß ...« Rita Kattner nannte Namen und Verfasser des beschriebenen Buches.

»Tatsächlich!« staunte der Kunde. »Das ist es! Man hat mich wirklich gut beraten, als man mich hierherschickte.«

Rita lachte jetzt offen und herzlich und ging dem Käufer nach dem zweiten Raum voraus. »Wenn Sie uns keine schwierigere Aufgabe stellen? Damit werden wir bestimmt fertig!«

Die nächsten Sätze konnte Heinrich Kattner nicht mehr genau verstehen, sie verloren sich in einem undeutlichen Gemurmel, das aus dem andern Bücherzimmer herüberschallte.

Sein faltiges Gesicht unter dem weißen Haar sah müde aus, als er sich wieder über das Verzeichnis beugte. Seitdem er seine Frau verloren hatte, war er sehr still geworden, der alte Kattner. Er lebte nur noch für seine Bücher, an denen er mit der Liebe des Einsamen hing, und für seine Tochter. Aber die Liebe zu Rita war mit einer gewissen Scheu gemischt. Er verstand seine Tochter nicht, ihre Welt war ihm fremd. Diese beiden Menschen trafen sich wirklich herzlich nur dann, wenn es sich um Bücher handelte, und in seltenen vertrauten Stunden zu zweit.

Er werde schon fast ein wenig wunderlich, der alte Kattner, fanden einige Leute. Andere waren in ihrer Ausdrucksweise gröber. Er habe einen Narren gefressen an seinen Büchern, tuschelten sie, und sie verstiegen sich zu der Behauptung, der Alte sei nicht ganz richtig im Oberstübchen. Das waren die, die Lesen als Zeitverschwendung betrachteten und die Liebe des Alten zu seinen Büchern daher nicht verstehen konnten.

Die meisten dieser Krittler – wie wenige von ihnen kannten den alten Kattner persönlich! – vermochten jedoch durchaus zu begreifen, daß man Margerita Kattner lieben konnte.

Denn diese Leute hatten Augen im Kopf, wenn es sich um ihren Nächsten handelte, und zwar durchweg schärfere Augen, als sie die Mehrzahl der Bücherfreunde besitzt. Außerdem ist bekanntlich der Weg, der von den Augen bis zur Begeisterung für eine schöne Frau führt, kürzer als der Weg von den Augen zum Verständnis und innigen Begreifen eines Buchinhaltes.

Und Rita Kattner war schön. Sie war groß, schlank, von untadeligem Ebenmaß. Das schmale Gesicht war eingerahmt von dichtem, schwarzem Haar, das in natürlichen Locken bis auf die Schultern fiel. Kräftige, gut gezeichnete Augenbrauen standen in wunderbarem Bogen über blauen Augen. Eine nicht zu kleine Nase mit geradem Rücken paßte gut zu dem eigenwilligen, wenn auch nicht auffallenden Kinn. Um so auffallender war der Mund mit den Lippen von dunklem, echtem Rot. Dieser Mund war es, der unfehlbar den ersten Blick jedes Mannes anlockte, und es wird wenige geben, die nicht den Eindruck gehabt haben, den einer von ihnen einmal in Worte faßte: »Rita Kattners Mund sieht aus, als müßte nach jedem Kuß das Blut durch die feine, dünne Haut dringen.«

Eben begleitete Kattners Tochter den Käufer zur Tür und reichte ihm zum Abschied die Hand.

»Der wird Kunde, Vater«, lachte sie vergnügt und trat an das Pult, auf dem immer noch das Verzeichnis aufgeschlagen lag.

»Mag sein, Kind!« antwortete der Buchhändler einsilbig.

»Nanu? Was ist denn? Solche Kunden, Bücherfreunde wie dieser, sind doch der Stamm deines Geschäftes, Vater! Solche Leute ziehen ihre Bekannten und Freunde her, nicht die Laufkundschaft.«

»Das ist schon richtig, Rita!« Kattner warf einen suchenden Blick nach dem Lehrling Max und entdeckte ihn im letzten Raum der Handlung, der wissenschaftlichen Abteilung. »Aber hältst du diese Art der Kundenwerbung für angebracht?« Er war vorsichtig in seinen Bemerkungen, der alte Kattner. Er überließ die weitere Entwicklung solcher Aussprachen immer der Tochter, nachdem er den ersten Anstoß gegeben hatte. Er haßte Auseinandersetzungen, hielt sich aber doch für verpflichtet, seine dreiundzwanzigjährige Tochter auf dies oder jenes aufmerksam zu machen, was ihr nach seiner Ansicht schaden konnte.

Rita sah ihren Vater verwundert an, sie verstand nicht, was er meinte. »Welche Art von Kundenwerbung?«

»Nun ...«, zögerte Kattner unbeholfen. Er suchte nach einem passenden Ausdruck für das, was er sagen wollte, und verfiel auf die ungeschicktesten Worte. »Eine Verkäuferin, auch wenn sie die Tochter des Inhabers ist und auch wenn sie so schön ist wie du, Rita, braucht einen Kunden nicht anzuhimmeln, um ihn zum Kauf zu bewegen.«

Rita stutzte einen Augenblick, dann lachte sie lustig auf. »Vater, du irrst dich! Ich habe ihn nicht angehimmelt. Aber warum soll ich ihm nicht ein extra schönes Lächeln als Dreingabe schenken, sozusagen als Lohn, daß er bei uns kauft?«

Das Mädchen streichelte die Hände des alten Kattner, die gefaltet über dem Bücherverzeichnis lagen, als hätte er sich zu dem sammeln müssen, was er gesagt hatte. Es war ihm schwer geworden, und es war nicht geglückt. Das merkte er an der Antwort der Tochter.

Und doch nahm er noch einmal einen Anlauf und fügte der ersten Warnung eine weitere hinzu:

»Vergiß nicht, daß du verlobt bist, Kind! Horst Nissen wäre sicherlich ebenso gegen eine derartige Kundenwerbung wie ich.«

Rita öffnete die Lippen zu einer vorschnellen Entgegnung. Aber sie erwischte noch rechtzeitig das Wort, ehe es ihr entschlüpfte. Sie hatte sagen wollen, daß es ja schließlich noch andere Männer gäbe als Nissen und daß verlobt noch nicht verheiratet sei. Statt dessen murmelte sie mit zärtlicher Stimme: »Lieber, lieber Alter!« Noch einmal streichelten ihre Finger die gefalteten Hände.

Dann wandte sie sich, um das Geschäft zu verlassen. »Auf Wiedersehen, Vater! Und wenn ich zu spät nach Hause komme – ruh dich gut aus heute nacht!«

Die Liebe zu ihrem Vater sprach deutlich aus den wenigen Worten.

*

Rita bummelte von der Buchhandlung nach dem Markt; sie war sich noch nicht schlüssig, ob sie nach Hause gehen oder in der Stadt essen sollte. Als sie noch unentschlossen die Speisenkarte von Martin Keller unter den Arkaden musterte, gesellte sich ihr ein Herr zu.

»Gehen wir hier hinein, Rita? Giese erwartet mich, da können wir gleich alle drei zusammen essen.«

»Einverstanden, Artur!« erwiderte Rita Kattner ohne Förmlichkeit und reichte dem jungen Arzt die Hand zum Gruß. »Bei dieser Gelegenheit kann ich euren berühmten Giese kennen lernen.«

Artur Glaß wehrte mit der Hand leicht ab, indem er sich mit Rita durch die Drehtür des Lokals in den Speiseraum schob. »So berühmt ist er ja nun auch nicht, nur neu. Unsere Damen sind sich offenbar noch nicht ganz klar darüber, ob er ihnen gefällt oder nicht.«

»Gefällt er denn Ihnen, Artur? Sie mit Ihrem unbestechlichen Blick für Menschen ...«

Dr. Glaß warf einen mißtrauischen Blick auf das Gesicht der schönen Frau neben sich. Geruhte Rita Kattner wieder einmal zu spotten? Aus ihrem liebenswürdigen Lächeln konnte er sich jedoch keinen zuverlässigen Aufschluß holen, und so antwortete er ausweichend: »Sie wissen ja, Rita, daß man sich von jemand aus unserm Freundeskreis schwer ein umfassendes Bild machen kann. Dazu sind wir zu sehr auf Vergnügtsein eingestellt, wir haben ja kaum Gelegenheit, uns einmal ernsthaft zu unterhalten. Und bei solchen leichten, oberflächlichen Plaudereien, wie sie bei uns gang und gäbe sind, lernt man einen Menschen nicht allzu genau kennen.«

Sie waren bei dem Tisch angelangt, an dem sich ein mittelgroßer Herr erhob, um sie zu begrüßen.

Dr. Glaß kam gar nicht zum Vorstellen. Denn Dr. Giese machte eine kleine, höfliche Verbeugung und sagte:

»Ich müßte mich sehr irren, wenn Sie da nicht Fräulein Kattner mitbrächten, Glaß! Und ich muß sagen, gnädiges Fräulein, die Bezeichnung, die ich mehr als einmal auf Sie angewandt hörte, ist nicht grundlos geprägt worden – die schöne Rita!«

Das Mädchen lachte unbefangen. »Ein bißchen deutlich, das Kompliment, Herr Dr. Giese, aber ganz nett!« Sie reichte ihm die Hand und setzte sich.

Zwischen Bestellen und Auftragen des Essens fragte Dr. Glaß, ob Rita bestimmt heute nachmittag zum Schwimmen in die Sandkule komme.

»Aber natürlich, Artur! Das Wetter ist zu schön, um es unausgenutzt zu lassen. Außerdem ist ja heute Samstag, und sie sind alle draußen, weil sie sich eher von der Arbeit frei machen können als wochentags«, antwortete Rita mit einem Gesicht, dem man die Vorfreude auf Sonne und Wasser ansehen konnte. Sie warf Giese einen lockenden und fragenden Blick zu. »Werden Sie auch dabei sein, Herr Doktor?«

Giese hob langsam den Blick vom Teller und betrachtete das junge Mädchen forschend, das dem Wetter da draußen irgendwie ähnlich war. »Liegt Ihnen etwas daran, gnädiges Fräulein?« Ein Lächeln saß in den graubraunen Augen und um den schmalen Mund, zu dessen Seiten sich zwei Falten bis zum Kinn hinunterzogen. Sehr werbend sah Dr. Giese bei seiner Frage nicht aus, eher neugierig und in einer Art spielerisch, die nicht recht zu ihm zu passen schien.

Rita Kattner ließ das Betrachten nicht unerwidert. Sie hatte genug Erfahrung mit Männern, um aus den Zügen des neuen Bekannten herauslesen zu können, daß seine Frage kaum mit einer Liebeserklärung zu verwechseln war, sondern irgendeinen Zweck verfolgte, wahrscheinlich den, zu erproben, ob sie bereit sei, mit ihm einen Flirt zu beginnen. Rita war sich durchaus bewußt, wie man sie einschätzte, und sie tat nichts gegen ihren Ruf, ein lebensfroher Mensch zu sein und es mit den herrschenden Sitten nicht allzu genau zu nehmen. Das Ergebnis der blitzschnellen Beobachtung und Überlegung war ihre Antwort:

»Ihr Tempo ist überraschend, Herr Giese! Bisher ist mir unser Freundeskreis nicht unvollständig vorgekommen!«

Der Blick der lebhaften nußbraunen Augen des Dr. Glaß ging von einem zum andern, und er strich sich mit der Linken das weiche braune Haar zurück, das ihm immer wieder in die Stirn fiel. Ohne sich über den Grund ganz klar zu sein, freute er sich an der Abfuhr, die Giese soeben erteilt worden war. Um ein Haar hätte er Rita Beifall zugenickt, besann sich aber rechtzeitig, daß er keinen Grund hatte, Giese überlegen zu begegnen. Denn auch seine Versuche, Rita zu sich heranzuziehen, waren bisher fehlgeschlagen.

Dr. Giese neigte den Kopf, so daß Rita das gepflegte blonde Haar und den gutgewölbten Hinterkopf sehen konnte. Er seufzte hörbar, und weder Glaß noch Rita bemerkten das kleine, etwas spöttische Lächeln, das um seinen Mund huschte.

»Trotz dieser Ablehnung gebe ich die Hoffnung nicht auf, gnädiges Fräulein, daß Sie mir doch irgendwann einmal wieder eine Gelegenheit zum Plaudern gewähren werden«, sagte er mit einem Tonfall, dessen Wärme überraschte, paßte sie doch nicht recht in dieses flüchtige Geplänkel.

Doch Rita war nicht leicht zu fangen. Freundlich erwiderte sie: »Ich habe gehört, daß Sie sich erst vor kurzem unserem Freundeskreis angeschlossen haben, Herr Doktor. Sie scheinen noch nicht über die Art unterrichtet zu sein, die seine Mitglieder aneinander bindet – sie hat mit Liebe oder Ähnlichem nichts zu tun!«

Giese sah unbewegt in das Gesicht der schönen Frau, nur seine rechte Augenbraue hob sich ein wenig. Er schien etwas sagen zu wollen, das er aber offenbar im letzten Augenblick abänderte. Denn der angespannte Ausdruck seines Gesichts löste sich in ein liebenswürdiges, fast förmliches Lächeln auf. »Ich werde mich bemühen, mich den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen des Freundeskreises anzupassen, gnädiges Fräulein, erbitte aber im voraus Ihre verständnisvolle Verzeihung, falls ich in Unkenntnis oder aus andern Gründen eine Übertretung begehen sollte.«

Giese und Rita wurden von ihrer kleinen Auseinandersetzung abgelenkt durch ein kräftiges Räuspern, das Dr. Glaß hören ließ. »Sagen Sie mal, geliebte Rita« – bei dieser Anrede grinste er unverhohlen –, »beabsichtigen Sie, aus lauter Begeisterung für unsern neuen Freund Giese mich vollkommen auszuschalten?«

Rita ließ in einem vergnügten Lächeln ihre gesunden Zähne sehen. »Armer Artur! Seien Sie versichert, daß niemand, auch ich nicht, Ihre bestimmt sehr angenehme Gegenwart vergessen wird! Sollten Sie trotzdem die Empfindung haben, daß dies eben geschehen ist, so bin ich bereit, Ihnen als Buße eine Extralage Schwimmen heute nachmittag zuzusagen.«

»Was ich mit verbindlichstem Dank annehme!« Er verbeugte sich übertrieben höflich.

»Schade, daß ich nicht mit zur Sandkule kommen kann, ich habe eine Verabredung, die ich leider nicht absagen kann«, ließ sich Giese vernehmen. Anscheinend wollte er aber schnell wieder von seinem gegen den eigenen Willen geäußerten Bedauern ablenken, denn er sagte: »Wie kommt eigentlich dieses schöne, große Bad zu dem Namen Sandkule?«

Dr. Glaß hob die Schultern. »So recht weiß ich auch nicht, was dieses Wort bedeutet, es wird wohl ein mundartlicher Ausdruck sein. Auf jeden Fall ist das Badebecken ursprünglich eine große Sandgrube gewesen, die aber offenbar keinen Abfluß hat, da sich das Wasser in ihr hält und einen ganz anständigen Teich bildet. Die Schwimmfläche ist immerhin vierhundert zu zweihundert Meter groß, Platz genug, um sich tüchtig austoben zu können.«

Rita griff nach der Schachtel, die vor Dr. Glaß stand, und nahm sich eine Zigarette heraus, worauf sich Dr. Giese beeilte, ihr ein brennendes Streichholz hinzuhalten. Auch er zündete sich eine Zigarette an. Seine Bewegungen waren unbewußt, er schien etwas zu überlegen.

»Wo sind Sie mit Ihren Gedanken, Herr Doktor?« fragte Rita, indem sie dem blonden, gut und etwas sportlich gekleideten Herrn ihr gegenüber einen so koketten Blick zuwarf, daß sich Giese vornahm, sich nicht an die Vorschriften des Freundeskreises zu halten, von denen das Mädchen behauptet hatte, sie ließen nur freundschaftliche Beziehungen zu.

Im Augenblick aber machte er eine ablehnende Bewegung. »Ich dachte an den Ausdruck Sandkule, gnädiges Fräulein.«

Man wartete auf die Fortsetzung seiner Worte, die nach einer Ankündigung geklungen hatten. Als er schwieg, fragte Rita: »Wissen Sie über dieses Wort Näheres, Herr Doktor?«

»Um Gottes willen!« lachte Giese. »Ich will hier keine etymologische Vorlesung halten!«

»Lassen Sie sich doch nicht lange bitten, Doktor!« drängte Rita Kattner. »Es interessiert uns wirklich, wenigstens mich, woher unser Schwimmbad seinen Namen hat.«

Giese antwortete sachlich, ohne jede Betonung seines Wissens:

»Kule stammt von Kaule. Kaule ist ein mitteldeutsches Wort und bedeutet Kugel, es ist mit Keule verwandt. Die Form Kule ist eigentlich mehr norddeutsch und bedeutet Grube – Dr. Glaß hat ja vorhin dieses Wort richtig dafür verwendet – oder auch ein Loch in der Erde. Kule oder Kaule hat sich aus dem griechischen gyalon entwickelt, was Höhlung bedeutet. Sie finden das Wort heute noch in den Straßennamen Sandkaule in Köln und Bonn oder in dem Familiennamen Zerkaulen.«

Als Giese schwieg, sagte Rita: »Danke für die ausführliche Auskunft, Herr Dr. Giese. Sie beschäftigen sich mit Sprachforschung?«

»Ein wenig!« antwortete Giese lächelnd. In Gedanken streichelte er dankbar das große Sprachwörterbuch, das jetzt aufgeschlagen auf dem Mitteltisch seines großen, atelierähnlichen Wohnzimmers lag.

Als Rita mit einer etwas harten Bewegung der linken Hand ihre Zigarette im Aschenbecher zerdrückte, schob sich der Ärmel ihrer weißen Jacke zurück und gab die Uhr am Handgelenk frei. »Es ist schon halb drei! Wir müssen uns aufmachen, Artur, sonst geht der schöne Nachmittag vorbei, ohne daß wir ihn richtig ausnützen. Wir wollen gehen.«

Vor der Tür der Gastwirtschaft verabschiedete man sich voneinander.

»Auf Wiedersehen, gnädiges Fräulein! Es wird sich gewiß dazu eine Gelegenheit bieten!« sagte Giese höflich und unaufdringlich.

»Wir wollen es dem Zufall überlassen, Herr Doktor«, gab Rita mit einem liebenswürdigen Lächeln zurück, das durchaus nicht ablehnend war. Sie wandte sich an Glaß: »Auf nachher. Artur!«

*

Zu Hause angekommen, ging Rita zunächst in die Küche, wo Kattners alte Wirschafterin gerade mit dem Umrühren einer Speise beschäftigt war.

»Guten Tag, Lina!« grüßte das junge Mädchen. »Du darfst mir nicht böse sein, aber ich muß dir das Mittagessen absagen, ich habe schon in der Stadt gegessen.«

Die Frau am Herd mochte nahe an die Sechzig sein. Sie drehte sich um und nickte Rita zu. »Ich habe es mir schon gedacht und alles nur auf jeden Fall warmgehalten, Fräulein Rita. Kommen Sie zum Abendessen zurück?«

Rita hörte sehr wohl den Vorwurf in der Stimme der alten Lina, aber sie konnte beim besten Willen keine feste Zusage machen. »Ich weiß es noch nicht, Lina. Vater habe ich auch schon sagen müssen, er möchte ohne mich zu Abend essen, wenn ich nicht rechtzeitig zurück bin.«

»Sie sollten wirklich mehr zu Hause sein, Fräulein Rita«, mahnte Lina freundlich. Seit Frau Kattner tot war, erlaubte sie sich hin und wieder Bemerkungen Kattners Tochter gegenüber, die darauf abzielten, das junge Mädchen von dem vielen Ausgehen und späten Heimkommen abzuhalten. Viel Erfolg hatte sie aber bisher nicht gehabt. »Ich glaube, Herr Kattner würde sich freuen, wenn Sie wieder einmal einen Abend mit ihm zusammen wären. Er ist viel allein.« Lina wußte genau, daß Rita an dem Vater hing. Ja, der alte Kattner war wohl der einzige Mensch, dem Rita ihre volle Wärme und Liebe offen zeigte.

»Vater braucht mich doch nicht, Lina, er liest ja immer!« wehrte Rita etwas unsicher ab. Ganz sauber war ihr Gewissen hinsichtlich ihres Verhaltens dem Vater gegenüber nicht.

»Das tut er nur, weil Sie ihn immer allein lassen, Fräulein Rita«, antwortete die Wirtschafterin, indem sie weiter in ihrem Kochtopf rührte.

Rita äußerte sich nicht mehr zu den Worten der Alten, sondern ging nach ihrem Wohnzimmer, das sich an ihre Schlafstube schloß. Zwischen diesem Wohnzimmer und der Küche befand sich das Eßzimmer. Nach der andern Seite reihte sich an Ritas Räume das große Wohnzimmer an, in dem sich die beiden Kattners gemeinsam aufzuhalten pflegten, wenn die Tochter einmal daheim war. Nach dem gemeinsamen Wohnzimmer hatte der alte Kattner ein mittelgroßes Arbeitszimmer und sein Schlafzimmer. Es war eine geräumige Wohnung mit schönen, alten Möbeln. Alles bei Kattners war großlinig, hell und übersichtlich. Das stammte von der klaren, aller Ziererei und Spielerei abholden Geschmackseinstellung der verstorbenen Frau Kattner.

In ihrem Wohnzimmer ging Rita zum runden Mitteltisch, von dem ihr ein paar weiße Briefumschläge entgegenleuchteten. Sie nahm die drei Briefe zur Hand und sah sich zunächst die Anschriften an. Eine davon fiel ihr auf, sie kannte diese Schrift nicht. Sie war ungewöhnlich, als sei sie Strich für Strich sorgfältig gezeichnet worden, klar und ohne Schnörkel. Rita drehte den Umschlag um – kein Absender! Endlich riß sie ihn auf und las, was auf der ersten und dritten Seite des Bogens stand.

Ihr bewegliches Gesicht zeigte großes Verwundern, das an Ungläubigkeit grenzte, spöttisch und endlich zornig wurde. Sie schüttelte den Kopf und las den Brief noch einmal, einen anonymen Brief, der ihr unerklärlich war:

 

»Sehr geehrtes gnädiges Fräulein!

Horst Nissen und Sie beabsichtigen zu heiraten.

Dieser Verbindung ist aus mehreren Gründen zu widersprechen:

1. Sie und Nissen passen nicht zueinander,

a) weil Nissen für Sie viel zu bürgerlich ist und b) weil Sie Nissen nicht genug lieben, um sich ihm anzupassen;

also

c) wollen Sie nur sein Geld heiraten.

2. Da Sie aber selbst genug Geld haben, ist diese Verbindung eine Ungerechtigkeit, die sich, wie bereits feststeht, für bestimmte Personen nachteilig auswirkt und weiter auswirken wird.

3. Denn Nissen beabsichtigt, anläßlich Ihrer Heirat völlig unangemessene Ausgaben zu machen. Diese finanziellen Pläne Nissens lassen auch für die Zukunft seines Werkes und damit seiner Gefolgschaft fürchten.

Befolgen Sie meinen Hinweis und lösen Sie das Verlöbnis mit Nissen. Es ist für Sie das beste!

Ergebenst
Ein Gläubiger.«

 

Dann nahm sie den Umschlag noch einmal zur Hand und betrachtete den Stempel, der auf ein Postamt im Inneren der Stadt hinwies. Sie konnte damit nichts anfangen; weder sagte ihr der Aufgabebezirk etwas noch diese schöne, gleichmäßige Schrift. Sie kannte niemand, der eine auch nur ähnliche Schrift besaß und dessen Charakter eine so mühevolle Arbeit des Schreibens wahrscheinlich gemacht hätte.

Sie öffnete nun auch die beiden andern Briefe, die nichts Besonderes brachten, Grüße von verreisten Freunden. Dann kleidete sie sich schnell um, steckte den merkwürdigen Brief in die Handtasche, verabschiedete sich von der Wirtschafterin und fuhr mit ihrem Wagen zur Sandkule, wo sie schon von den andern erwartet wurde.

Sieben Personen kamen auf sie zu, als sie durch die Sperre trat, um zu einer Kabine zu gehen. Es waren dies ihr Verlobter Nissen, Dr. Glaß, mit dem sie zu Mittag gegessen hatte, eine Kollegin von ihm, Fräulein Dr. Annette Schreiber, ein junger Kaufmann Heinz Nedwal, eine Stenotypistin Christa Straube, die nicht so recht zu ihnen paßte, aber um Nedwals willen geduldet wurde. Weiter waren Fritz Ruh, ein Chemiker mit Gelehrteneinschlag, und Hedwig Reinhard, eine Modellzeichnerin, da.

Alles redete vorwurfsvoll auf die schöne Rita ein, fragte ungeduldig, wo sie so lange geblieben sei, und man befahl ihr, sich schleunigst auszuziehen, um endlich ins Wasser zu kommen.

Rita wehrte lachend die vielen nassen Hände ab, die sich ihr hinstreckten, teils um ihr die Rechte zu drücken, teils um sie nach den Kabinen zu drängen, und entfloh mit langen Sprüngen.

Sehr bald stand sie auf dem Sprungbrett, groß und schlank, kräftig in den Linien. Mit bezaubernder Anmut beugte sie sich jetzt langsam ein wenig vornüber, warf die Arme hoch und schnitt nach einem wundervollen Bogen mit den Händen in den Wasserspiegel. Gleich einem Pfeil verschwand sie, tauchte jedoch schon zwei Meter weiter wieder auf und schwamm mit geübten Stößen der Mitte der Kule zu, wo sie ihre ganze Gesellschaft versammelt gesehen hatte.

Ehe sie das Ziel erreichen konnte, hatte sie noch ein kleines Hindernis zu überwinden. Ein Schwimmer versperrte ihr den Weg. Sie erkannte in ihm einen jungen Mann, der schon seit einiger Zeit mit einer Unentwegtheit ihre Aufmerksamkeit zu erregen versuchte, die ihr bereits langweilig geworden war. Dieses kleine Zwischenspiel war von ein paar andern Schwimmern beobachtet worden, und man war gespannt, wie sie sich diesem Angriff entziehen würde. Sie tat es auf ziemlich einfache und doch unerwartete Weise. Sie verschwand nämlich plötzlich, erschien hinter dem verdutzten Anbeter wieder auf der Wasseroberfläche und schwamm ruhig weiter ihren Freunden entgegen. Der junge Mann hatte nicht nur keinen Erfolg gehabt, sondern mußte auch noch ein vergnügtes Lachen der Zuschauer einstecken.

Bei ihrer Gruppe angekommen, schaltete sich Rita sofort in ein allgemeines Ballspiel ein, wobei sie sich der Partei anschloß, der ihr Verlobter angehörte. Nach der Entscheidung zugunsten der Gegenpartei vertrieb man sich noch einzeln, zu Paaren oder zu mehreren mit Wettschwimmen, Ballspielen, turnerischen Übungen an den großen Baumstämmen, die im Wasser herumlagen, die Zeit. Bei einer solchen Gleichgewichtsübung paßte Rita sehr schlecht auf, so daß sie mehr als einmal abrutschte und ins Wasser fiel, ein ungewohnter Anblick.

»Rita träumt!« spottete Dr. Glaß. »Schöne Rita, was geht in Ihrer Seele vor – sofern Sie eine haben sollten?«

Das Mädchen warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. »Man kann doch auch einmal an etwas anderes denken als an den Unsinn, den wir alle hier machen!« Sie nahm aber ihren Worten die Schärfe, indem sie Glaß freundlich anlächelte.

»Und was sind diese tiefen Gedanken, die Sie bewegen, Rita?« fragte er zurück. »Darf man das auch noch wissen, um völlig beruhigt zu sein?«

»Seien Sie nicht so neugierig, lieber Artur!« verwies die Schwimmerin ihn.

»Sind die Gedanken wenigstens angenehmer Natur?« konnte sich der junge Arzt nicht enthalten, weiter zu bohren.

»Wie man es nimmt!« erwiderte Rita, sprang vom Balken und schwamm davon.

Glaß gesellte sich ihr zu, und sie trugen ein gutes Wettschwimmen aus, bei dem es dem Mann nur sehr schwer gelang, mit einer halben Länge zu siegen.

Rita stieg aus dem Wasser und gab damit das Zeichen für die andern, die Sandkule zu verlassen und sich zu dem großen Rasenplatz zu begeben, wo mit viel Lachen und Scherzen noch ein harter Kampf mit großen Bällen ausgefochten wurde. Rita Kattner beteiligte sich nicht, sondern saß am Rand des Platzes und schaute zu.

Nach kurzer Zeit sonderte sich Fritz Ruh von den Ballspielern ab und setzte sich neben sie.

»Was ist los, Rita? So still wie heute kennt man Sie doch gar nicht!«

»Nichts Besonderes, Fritz«, antwortete sie. »Da Sie aber nicht der einzige sind, der behauptet, ich sei anders als sonst, so will ich euch nachher beim Kaffeetrinken erzählen, was mich beschäftigt. Vielleicht kann mir einer von euch einen guten Rat geben, und außerdem möchte ich nicht, daß ihr glaubt, ich sei schlechter Laune.«

»Also doch Sorgen, Rita?« Ruhs Augen, die auch beim Schwimmen hinter starken Gläsern lagen, sahen forschend und teilnahmvoll in Ritas Gesicht. Der Chemiker saß etwas vornübergebeugt auf dem Rasen und ließ die Hände über den aufgestützten Knien baumeln. Ruh war dünn, fast mager, ein Stubengelehrter, der in das mit Sonne durchtränkte, von viel Bewegung, Lachen und Lärmen erfüllte Bad nicht so recht paßte. Er hatte sich auch tatsächlich diesem sportliebenden, leichtlebigen Kreis mehr aus Zuneigung zu einigen Personen daraus angeschlossen als aus Liebe zur körperlichen Betätigung oder gar Leistung.

»Sie werden nachher hören, worum es sich handelt, Fritz«, sagte Rita und streckte die Hand aus, die Fritz Ruh etwas unsicher ansah. Als sich die Hand, die ihm offen hingehalten wurde, mit dem Handteller nach oben, nicht bewegte, blickte er auf und sah fragend in das lachende Gesicht des Mädchens. »Aber Fritz, was will ich wohl haben?«

Fritz Ruh machte ein unglückliches Gesicht. »Ich weiß es wirklich nicht, Rita!«

»Na – eine Zigarette! Was sonst, Fritz?«

»Sie sollen doch nicht so viel rauchen, Rita«, sagte er mit warmer Stimme, reichte ihr aber doch die Schachtel offen hin, die er vorhin aus der Kabine geholt hatte, und gab ihr Feuer. »Sie leben unvernünftig, Kind!« fing er nochmals an, obwohl das Mädchen mit den braungebrannten Schultern eine abwehrende Bewegung gemacht hatte. »Sie rauchen zu viel, Sie bummeln zu viel!« Als sie den Kopf schüttelte, beharrte er: »Doch, ich weiß es ganz genau, ich höre es doch von allen Seiten, daß Sie jeden Abend irgendwo in der Stadt oder in irgendeinem Lokal außerhalb tanzen. Das bekommt Ihnen auf die Dauer bestimmt nicht.«

Rita legte die Linke auf die Hände, die Fritz Ruh auf den Knien gefaltet hielt. »Sie sind ein guter Kerl, Fritz, und ich mag Sie wirklich gern. Aber glauben Sie mir, es ist nicht meine Bestimmung, ein hausbackenes, braves Familienleben zu führen. Mir gefällt es, wie es ist – lustig, abwechslungsreich, bunt. Ich habe etwas davon. Artig zu Hause sitzen kann ich, wenn ich alt bin.«

Fritz Ruh sah in das bräunliche Gesicht. »Rita«, fragte er mit tiefer Stimme, »lieben Sie Horst Nissen?«

Das Mädchen drehte langsam dem Mann das Gesicht zu, und die großen, blauen Augen unter den dunklen Brauen hatten einen seltsamen, undeutbaren Ausdruck. Rita gab keine Antwort. Sie stand auf und reichte Fritz Ruh die Hand, als wolle sie ihm aufhelfen.

»Kommen Sie, Fritz, wir wollen uns umziehen, es wird Zeit zum Kaffeetrinken.«

Als die acht jungen Menschen ihren ersten starken Hunger nach dem Schwimmen mit reichlich ausgezeichnetem Kuchen aus der Sandkulen-Wirtschaft gestillt hatten, war es Dr. Glaß, der auf Ritas unbestreitbar stilles Wesen zurückkam, wahrscheinlich dadurch daran erinnert, daß sie dem Rauch ihrer Zigarette gedankenvoll nachsah.

»Also nun bitte heraus mit der Sprache, Rita!« forderte er das Mädchen in der zwanglosen Art auf, die ihnen allen im Verkehr untereinander eigen war.

Rita nickte. »Ich habe vorhin Fritz Aufschluß versprochen«, sagte sie und zog aus der Handtasche den Brief heraus, der sie bei ihrem kurzen Besuch zu Hause doch ein wenig aus dem selbstsicheren Gleichgewicht gebracht hatte. »Hört zu! Folgenden Brief habe ich heute durch die Post erhalten ...« Sie las langsam und deutlich mit etwas tieferer Stimme, als man sie an ihr kannte, den Text nebst Unterschrift vor.

Die Runde schwieg erstaunt und überlegend. Die erste, die Stellung nahm und eine verblüffende Oberflächlichkeit bewies, war Christa Straube, die derzeitige Freundin des Kaufmanns Nedwal.

»Da hat sich irgend jemand einen dummen Scherz erlaubt!« warf sie spöttisch lächelnd hin und schüttelte die schweren roten Locken aus dem Gesicht, das von einem überreichlichen Gebrauch von Puder, Augenbrauenstift und Lippenrot Zeugnis ablegte. »Ich würde den Wisch zerreißen!« Doch dann fügte sie nach einer winzigen Pause hinzu, während der sie sich mit flinker Zungenspitze über die Lippen gefahren war: »Oder nein, ich würde ihn aufheben. Schließlich bekommt man nicht jeden Tag so einen Brief. Ich könnte Sie tatsächlich darum beneiden, Fräulein Kattner!« Ihre Augen sahen begehrlich auf den Bogen, den Rita immer noch in der Hand hielt.

Heinz Nedwal hob die Schultern, mit einem Gesicht, das deutlich zeigte, wie unbehaglich ihm die Geschmacklosigkeit seiner Freundin war. Er blickte sie nicht an, als wollte er die Verantwortung für ihre Haltung ablehnen. Nedwal war ein hübscher, vierschrötiger Bursche, hellhaarig und blauäugig, leichtsinnig und stets lustig. Sein Vater war reich, und der junge Nedwal, der eine Scheinstellung bei ihm innehatte, verfügte über reichlich Geld, ohne je einen Pfennig in der Tasche zu haben. Teils lag dies an unüberlegten Geldausgaben, teils daran, daß er sehr gutmütig war und fast niemand umsonst seine Freigebigkeit anrief. Trotz des vielen Geldes, das durch seine Hände ging, war er von einer angenehmen Anspruchslosigkeit. Leider war er immer bereit, das anzuerkennen und sich anzueignen, was andern Überzeugung und Glaube war. Es konnte daher nicht verwunderlich erscheinen, daß Nedwals Weltanschauung täglich einige Male wechselte, ja, man konnte aus seinen Äußerungen untrüglich entnehmen, mit wem er sich zuletzt unterhalten hatte.

Fritz Ruh erbarmte sich der Verlegenheit, in die Nedwal durch seine Freundin gebracht worden war, und nahm zu dem anonymen Brief Stellung.

»Es ist natürlich sehr schwer, zu beurteilen, ob der Brief so leicht genommen werden darf, wie Fräulein Straube vorschlägt« – Christa Straube hatte es nie erreicht, ebenfalls beim Vornamen genannt zu werden, wie die andern es untereinander hielten –, »oder ob etwas Ernsthaftes dahintersteckt. Kennen Sie denn irgendeine Person, die als Absender in Frage kommen könnte, Rita?«

Rita Kattner schüttelte den Kopf. »Ich habe für diesen Brief nicht die geringste Erklärung.«

»Zeigen Sie ihn mir doch bitte, Rita!« bat Dr. Glaß, strich sich das in die Stirn gefallene Haar zurück und streckte die Hand nach dem Bogen aus, den ihm Rita überließ. Er betrachtete ihn mehr, als daß er ihn las, und stutzte bei der Unterschrift, die Rita zwar auch genannt hatte, die er aber überhört hatte. »Ein Gläubiger!« murmelte er und sah das Mädchen lachend an. »Rita, bei wem haben Sie so gewichtige Schulden, daß die Höhe der Summe den Betreffenden zu einem solchen Brief hinreißt?«

Auch Rita lachte. »Ich habe ein gutes Gewissen, Artur, Schulden dagegen habe ich nicht. Von mir hat niemand etwas zu bekommen, und eine Forderung an mich kann bestimmt nicht der Grund zu diesem merkwürdigen Brief sein.«

»Aber der Schreiber bezeichnet sich doch ausdrücklich als Gläubiger!« griff Horst Nissen, Ritas Verlobter, in die Unterhaltung ein. »Es braucht ja keine Geldschuld zu sein, Rita. Hast du irgend jemand ein Versprechen gegeben, das du nicht gehalten hast?«

»Nein, Horst, ich habe keinerlei Verpflichtungen, weder geldlicher noch anderer Art«, erwiderte Rita.

»Wenn ich das doch auch von mir sagen könnte!« seufzte Dr. Glaß mit einem so tief bekümmerten Gesicht, daß alle auflachten. Aber er wurde schnell wieder ernst. »Auf jeden Fall würde ich Ihnen empfehlen, Rita, bei einem etwaigen zweiten Brief zu versuchen, der Sache nachzugehen. Mit dem Briefschreiber ist nicht zu spaßen, das ist keine Person, die sich nur aus Freude am Stänkern das Vergnügen macht, anonyme Briefe in die Welt zu senden.«

Der Brief ging nun von Hand zu Hand, und jeder betrachtete ihn, versuchte ihm anzusehen, was dahinterstecken mochte. Währenddessen fragte Hedwig Reinhard, die Modellzeichnerin, die man oft in Gesellschaft von Fritz Ruh sah, ob denn Artur Glaß etwas von Schriftdeutung verstehe. Sie erhielt eine ausweichende Antwort.

»Man braucht in die Grundsätze der Graphologie nicht eingeweiht zu sein, Hedwig, um zu sehen, daß nicht ein Irgendjemand diese Schrift verwendet. Sie ist sehr gepflegt und verrät einen außergewöhnlich guten Geschmack. Sie wirkt wie ein zeichnerisches Kunstwerk.«

Dr. Annette Schreiber, die Kollegin von Glaß und an derselben Klinik beschäftigt wie er, hielt im Augenblick den Brief in der Hand und nickte. »Du hast recht, Artur! Nur möchte ich sagen, daß der Mann, oder sagen wir vorläufig noch der Schreiber, denn wir wissen ja nicht, ob es ein Mann oder eine Frau ist, obwohl ich mehr an einen Mann denke – daß also der Schreiber nicht unbedingt ein Schönheitsverehrer sein muß. Es genügt, daß er ein Gefühl für gute Formen hat. Ein Techniker, zum Beispiel ein Ingenieur oder ein Baumeister, der seinen Beruf liebt, könnte auch zu einer solchen Schrift kommen, ohne die Schönheit selbst anzubeten. So wunderbar diese Schrift ist, für meinen Geschmack ist sie schroff und hart.«

Fritz Ruh nickte. »Frauen haben für so etwas vielleicht ein besseres, mehr gefühlsmäßiges Verständnis als wir«, sagte er anerkennend.

»Also, Rita, gehen Sie in sich, begleichen Sie alle Schulden, die Sie vielleicht doch haben und uns nur nicht gestehen wollen. Ich sehe darin die einzige Möglichkeit, der Aufmerksamkeit des Herrn Gläubiger zu entgehen.« Es war Dr. Glaß, der diesen freundschaftlichen Rat erteilte.

»Sagt mal, Herrschaften, weshalb eigentlich muß denn Rita die Schuldnerin sein?« meldete sich jetzt Hedwig Reinhard. »Nach meiner Ansicht ist Horst Nissen derjenige, von dem der Gläubiger etwas will. Hört noch einmal zu!« Sie las den Brief, in den sie sich aufmerksam vertieft hatte, vor und betonte dabei die Punkte zwei und drei.

Die Zuhörer nickten. »Du bist ein gescheites Mädchen, Hedwig!« erkannte Fritz Ruh an. »Und du hast bestimmt recht. Jetzt müssen wir also Sie auf Herz und Nieren fragen, Horst: Wem schulden Sie etwas?«

Nissen war die Frage offensichtlich unangenehm, er machte ein unzufriedenes, ja hochmütiges Gesicht. »Ich muß die gleiche Erklärung abgeben wie Rita, es hat niemand etwas von mir zu fordern, weder in Geld noch sonstwie. Ganz abgesehen davon, daß mir so etwas nicht liegt, könnte ich mir das als Fabrikbesitzer gar nicht leisten.«

Man war allgemein erstaunt über die leicht gereizte und betonte Art, in der Horst Nissen diese Erklärung abgab, und deshalb schwieg man zunächst etwas betroffen.

Der Brief war wieder bei Rita Kattner angelangt, und sie steckte ihn in ihre Handtasche. »Lassen wir jetzt den Brief, so wichtig ist er ja schließlich nicht. Ich habe euch nur davon erzählt, weil ich dachte, ihr würdet es mir übelnehmen, wenn ich es verschwiege, und es käme eines Tages doch heraus. Denn in einer Hinsicht muß ich Fräulein Straube beistimmen – man bekommt nicht jeden Tag ein solches Schriftstück.«

Horst Nissen nahm diese Worte Ritas als Gelegenheit wahr, zum Aufbruch zu rufen, er habe heute noch eine Besprechung und müsse zur Stadt zurück.

»Wie kann man am Samstagnachmittag oder gar -abend noch etwas mit Geschäften zu tun haben!« rief Dr. Glaß scherzhaft empört aus. »Passen Sie nur auf, Rita, daß Ihr zukünftiger Herr Gemahl auch einmal gelegentlich etwas Zeit für Sie aufbringt!«

Rita nahm den Arm ihres Verlobten, als wolle sie sich vor ihren Freunden zu ihm bekennen, und nickte Glaß mit einem Gesicht zu, das eine merkwürdige Mischung von Ernst und liebenswürdiger Schalkhaftigkeit zeigte. »Ich glaube, Artur, Sie brauchen sich keine Sorgen um mich zu machen. Horst wird mir bestimmt seine Gesellschaft nicht verweigern, wenn ich ihn darum bitte.«

*

Sowohl Rita als auch der junge Fabrikherr waren einsilbig, als sie im Auto saßen und der Stadt zufuhren.

Wenn man Horst Nissen betrachtete, wunderte man sich, daß er der Verlobte Rita Kattners war, dieser Frau, die mit ihrer Lebensüberfülle nicht so recht in den bürgerlichen Rahmen passen wollte. Denn man mußte, war man unvoreingenommen, Nissen farblos nennen. Er war groß, und obgleich man ihn als schlank bezeichnen konnte, hatte er durch kleine Fettpolster als Folge des guten Essens und durch die helle, rosige Haut das Aussehen eines gesunden jungen Schweinchens. Unter weißlich-blonden, nach hinten gekämmten Haaren befand sich eine gutgewölbte Stirn, und die Augenbrauen hatten so sehr den Farbton der Haut, daß sie wie nicht vorhanden wirkten. Die graublauen Augen jedoch blickten energisch und sicher, sie verrieten, daß ihr Besitzer ein guter, zuverlässiger Geschäftsmann war, der nicht so leicht hereinzulegen war, wie man auf den ersten Blick hätte annehmen können. Zum allgemeinen Bild paßte, daß weder die Nase noch der Mund besonders zu nennen waren. Nur die Unterpartie des Gesichts war stark und etwas vorgebaut und ließ auf Veranlagung zu Brutalität schließen.

Weshalb eigentlich Rita Kattner die Werbung Nissens angenommen hatte, wußte niemand. Diese Tatsache war so unerklärlich, daß sich einige dazu verstiegen, als einzige Lösung dieses Rätsels zu vermuten, die schöne Rita liebe den Fabrikbesitzer. Und wohl manche dachten, daß Rita, der verkörperte Ausdruck des Lebens, sicherlich einen andern Mann gefunden hätte, der besser zu ihr gepaßt hätte als der farblose Nissen.

Es war Rita, die das Schweigen brach. »Du hast heute abend noch etwas vor, Horst?«

»Ja, ich muß mich mit Schwarz treffen, der etwas Geschäftliches mit mir besprechen will.«

»Schön! Dann werde ich den Abend mit Fred Krampe verbringen, der mich darum gebeten hat«, erwiderte das Mädchen.

»Kannst du denn nicht nach Hause gehen, wenn ich einmal nicht frei bin, Rita? Mußt du immer mit irgendeinem Mann zusammen sein? Schließlich sind wir doch verlobt, und es wird bestimmt falsch gedeutet, wenn man dich so oft mit andern Männern sieht.«

Rita machte eine ungeduldige Bewegung. »Verlangst du etwa, daß ich mich von allem abschließe? Wir sind doch beide Menschen der Jetztzeit, und es ist selbstverständlich, daß jeder von uns seine Bekannten hat. Weder die Verlobung noch die spätere Verheiratung kann ein Grund sein, mit allem Bisherigen zu brechen.«

»Du willst dich also auch als meine Frau hier und da mit deinen Freunden treffen, Rita?« fragte Nissen erstaunt und mit einem grollenden Unterton in der Stimme. Offenbar hatte er diese Möglichkeit noch nicht erwogen.

»Natürlich, Horst!« erwiderte Rita Kattner erstaunt.

Wieder war es einen Augenblick still im Wagen, bis Nissen weiter fragte: »Sag' mal, Rita, hast du mich eigentlich lieb?«

Das schwarzhaarige Mädchen mit dem lockenden Mund hob verwundert die Augenbrauen. Von Liebe war zwischen ihnen noch nicht die Rede gewesen. Sie hatten sich immer gut und kameradschaftlich gestanden, und Rita hatte die angenehme Empfindung, Horst Nissen sei ein durch und durch zuverlässiger Lebensbegleiter, der immer da sein würde, wenn sie ihn brauchte, der sich aber nicht ungebeten in den Vordergrund drängen würde. Aber Liebe? Rita war sich zum mindesten nicht klar, ob sie Horst Nissen liebe. Darum antwortete sie ausweichend: »Aber, Horst, wir sind doch verlobt!«

An Nissen war es, den Sinn dieser Worte zu deuten.

Wieder nach einer Weile bat der Fabrikbesitzer: »Könntest du nicht um meinetwillen die Zahl deiner Freunde etwas einschränken, Rita? Sieh mal, ich habe mir unsere Ehe anders gedacht als du. Meine Pläne für das Haus kennst du ja. Ich freue mich auf die Zukunft und tue alles, um sie von mir aus so schön und ausgeglichen zu gestalten wie nur möglich. Wir werden reisen, du wirst den neuen größeren Wagen haben, den du so gern möchtest, unser Haus wird schön. Aber du sollst meine Frau sein und nicht die Freundin von soundso vielen andern Männern. Kannst du das nicht verstehen, Rita?«

Das Mädchen nagte an der Unterlippe. Es fand eine solche Auseinandersetzung zum mindesten verfrüht, ganz abgesehen davon, daß es durchaus nicht in ihrer Absicht lag, ihre Lebensart nach der Verheiratung wesentlich zu ändern. Doch sie wollte nichts aufs Spiel setzen, und darum streichelte sie die Rechte Nissens, die auf dem Steuerrad lag.

»Wollen wir nicht abwarten, was die Zukunft bringt, Liebster?« schlug sie mit warmer, zärtlicher Stimme vor.

Und Horst Nissen glaubte dieser werbenden Stimme, verlangte keine wörtliche Zusage.

Nachdem sie sich voneinander verabschiedet hatten – Rita hatte für den Abend ihrem Verlobten den Wagen überlassen –, stand Rita einen Augenblick unschlüssig auf dem Königsplatz. Endlich ging sie auf eine Telefonzelle zu und rief Fred Krampe an, mit dem sie, wie sie vorhin Nissen gesagt hatte, halb und halb verabredet war. Sie verständigte ihn, daß sie über den heutigen Abend anders verfügt habe, er möge nicht auf sie warten.

Dann legte sie langsam die paar Straßen nach ihrer Wohnung zurück. Sie war heute allzuoft gedrängt worden, einen Abend zu Hause zu verbringen, und der alte Kattner wußte seiner Tochter Dank für die unerwartet geschenkten Stunden.

* * *

 


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