Georg Engel
Claus Störtebecker
Georg Engel

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IV

Die Zeit verbrauste wie Wein in einem Becher!

Noch einmal leuchtete sein sprichwörtliches, sein Hexenglück über dem Störtebecker, und die Mannschaften raunten, der Claus habe wieder Rats mit dem grauen Männchen gepflogen. Ein Sommerregen vergüldete die Fluren des Brokmerlandes, dergleichen auch die Eingeborenen selten gekannt, und selbst auf den ohne große Kenntnis und nur oberflächlich bestellten Ackern der Ansiedler sproßte, dünn zwar, aber doch trächtig, die neue Halmfrucht, als hätte ein unterirdisch Feuer ihre Wurzeln erwärmt. Dennoch wurden die Kolonisten der sichtbaren Hoffnung nicht froh. Aus Überfluß und Völlerei waren sie gekommen, freies, wildes Schwärmen auf dem Meer hatte ihnen leichten Erwerb gesichert und dazu noch die grausame Lust der Vergeltung an jenen Seßhaften, im bürgerlichen Recht Wohnenden, von denen sie glaubten, daß ihr angemaßtes Wohlergehen nur aus einer schweren Versündigung gegen die Armen und Unterdrückten herrühre. Und nun? Draußen hatte man Abwechslung genossen, das wilde Behagen an der rächenden Kraft, den täglich lärmenden Triumph, Keller und Truhen jener Genießer zu leeren, die früher das murrende Begehren der Dunklen und Namenlosen mit Hungertürmen und Folter beantwortet hatten. Solch rasendes Glück schenkten die Wogen. Und nun? Was erwartete die aus aller Sitte Gelösten auf den Fluren? Gott verdamme die hirnverbrannte Schwärmerei eines Tobsüchtigen, auf dem Lande ruhte nun einmal der Fluch. Was hatte man eingetauscht?

»Still – still«, zischelte der Ire Patrick O'Shallo einer Rotte von Schnittern zu, mit denen er verdrossen in einer Bodensenkung feierte, denn die Ungeübten hatten ihre Sensen zu tief in Steine und Härten des Ackers geschlagen, so daß das Werkzeug wieder einmal schartig und unbrauchbar geworden war. »Ich rate euch, laßt die herumschnüffelnde Buhldirne, das Manns-Weibsbild nichts merken. Ist ebenso besessen wie der wahnwitzige Claus. Aber sagt einmal, wozu sitzen wir hier und ersaufen im Schweiß? Was haben wir eingetauscht? Ist der Störtebecker nicht unser Zwingherr, wie keiner je vorher war? Fährt er nicht wie eine Geißel im Lande umher, schlägt er uns nicht die Buckel blutig und nötigt uns zur Fron, bis uns die Knochen krachen? Wer hat ihm die Gewalt dazu verliehen? He? Habt ihr ihm etwa die Peitsche zu solchem Dienst geflochten? He?«

»Mag ihn nit leiden«, murrte ein Fränkischer, der dem beginnenden Bauernmorden in seiner Heimat knapp entwischt war, aber das unselige Gepäck des heimlich schwelenden Aufruhrs noch immer auf verkrümmtem Rücken mit sich schleppte. »Wozu sollen wir den Zehnten steuern wie daheim? Sagt, er wolle unseren Kindern dafür neue Güter eintauschen. Wolle sich allmählich über die Erde verbreiten. Ha, ja, Kindermärle.«

»Die Schwarzröhren geben kein Lot Erde mehr hin«, schrien andere.

Als die künftige Nachkommenschaft erwähnt wurde, wallte dem Iren das Blut stoßweise in die Stirn, halb irrsinnig sprang er auf und hieb mit der Sense durch die heiße Luft, wie wenn er einen nahen Bedränger köpfen müsse.

»Schaut hin«, zeterte er, »liegen vor uns die Schiffe. So nah, so nah! Wollen wir warten, bis der Bluthund etwa uns alle eingeschaufelt hat? Weiß einen, der's uns besser schaffen könnt.« Er sah sich geheimnisvoll um. »War der dicke Wichbold erst jüngst verwichene Nacht bei mir. Ist einer von uns. Und der rät –«

»Sieh dich für«, warnte ein unterdrückter Ruf.

Erschreckt hoben die Schnitter ihre Häupter über die Erdsenkung. Dumpfer Hufschlag polterte über die Heide, zwei Reiter, der Störtebecker und sein Knabe, sprengten barhäuptig heran.

»Was faulenzt ihr hier, ihr lästerlich Volk?« rief Claus, sein Roß dicht vor dem Abfall an sich reißend, und seine schwarzen Augen sprühten ein böses Feuer. »Schämt ihr euch nicht vor den Fleißigen? Hört ihr nicht, wie die Äcker mit unzähligen Stimmen nach uns rufen? Braucht ihr stets den Striemer gleich den Stieren? – Will's euch lehren!«

Sausend fuhren die Lederriemen umher, den Franken traf's klatschend auf den vorzeitig gekrümmten Rücken. Verängstigt, gebändigt stoben die Schnitter nach allen Seiten auseinander.

Die beiden Reiter aber flogen weiter, ausgeschickten Gedanken gleich, die sich einer Welt mitteilen wollten.


Lind und versonnen ging der Abend über Land. Zu seinen Füßen glitzerte das Abbild der Sterne in den Moorlachen.

Um diese Stunde saß der Hebräer Isaak an seinem Herd und briet sich über dem Rost ein Stück von einer Hammellende. Während seiner ruhvollen Arbeit sang der Graulockige in tiefen Kehllauten eines jener fremdartigen, schmerzensreichen Lieder, in denen sein flüchtiger Stamm seine Sehnsucht nach den Zelten, Herden und Weinbergen längst versunkener Heimat klagt. Ab und zu aber lehnte der Sänger auch an der offenen Tür, und dann schien sein befriedigter Blick die wohlige Ruhe dieses schlummernden Bodens zu segnen.

Das Glück eines Seßhaften hing über ihm.

Da löste sich eine Gestalt aus dem Tor der Nacht. Die trat zögernd auf die Schwelle. Erst als der Fremde sich aufrichtete, erkannte der Jude das zuckende Antlitz seines Nachbarn Patrick O'Shallo.

»Ho«, rief Isaak verwundert, »was bringst du, Freund?«

Doch den anderen schien die Antwort zu bedrücken, verwirrt schielte er in die Ecken der vom Herdfeuer sprunghaft überglänzten Hütte.

»Der Geruch des Fleisches lockt mich«, entschloß er sich endlich, »hab' den Knurrhahn von Magen heut wieder nicht füttern können. Der da« – und er zeigte durch die Dunkelheit nach der fernen Brokeburg – »sprengte uns wieder bis in die Nacht in den Feldern herum.«

Der Jude überhörte den Vorwurf.

»Dann sitz nieder«, lud er den Brütenden ein, »und sei mein Gast.«

Der Ire murmelte etwas, was aber kaum einem Dank glich, und nachdem er sich auf einen Schemel hatte fallen lassen, verschlang er gierig das Fleischstück.

»Wie kommst du zu dem Bissen?« fragte er kauend und mit niedergeschlagenen Augen.

»Hab' es eingetauscht«, schmunzelte der Hebräer, am Herd hantierend. »Gegen Eier von meinem Hühnervolk.«

»Und wie kamst du zu den vielen Hühnern?« drängte Patrick weiter, indem er ein Beben überwand.

Der Jude strich befriedigt den grauen Sprenkelbart, sein sichtbares Gedeihen ließ ihn die sonst geübte Zurückhaltung vergessen.

»Hab' sie gleichfalls eingehandelt von der Brokeburg gegen Anis und Leinsamen aus meinem Würzgärtlein. Man kennt hierzuland die Kräuterzucht nur übel. – Aber nun iß, Freund«, setzte er hinzu, als er die Augen seines Genossen grün glimmend auf sich gerichtet fühlte. Unwillkürlich ergriff er einen Holzspan und schürte ihn auf dem Herde, damit es heller würde.

Gequält sah sich der Ire um, er rückte hin und her, als ob er am liebsten von dannen stürzen möchte.

»Was ist dir?« erkundigte sich Isaak, aufmerksam werdend.

In diesem Augenblick drang erst ein Schnaufen und dann ein markiges Brüllen aus dem nahen Stall herüber. Die Wände der Hütte zitterten davon. Da wurde Patrick O'Shallo noch bleicher als bisher.

»Sind das die Stiere?« stammelte er, unfähig seinen Aufruhr noch länger zu beherrschen. »Sind sie von dem Zugvieh, das man auf der Brokeburg für uns gekauft hat, damit wir unser Korn in das Dreschlager schaffen?«

Fast bettelnd hob er seine Hand, denn der Verstörte wollte von sich abhalten, was ihm das zerfressene Gemüt noch ärger vergiften könnte.

Und jetzt begriff auch der Hebräer den Zustand seines Gefährten. Kurz und verschlossen suchte er den bösen Sinn des Iren von sich abzulenken.

»Laß gut sein«, beruhigte er, indem er abgewandt in einem Breikessel herumrührte, »man lieh mir die Tiere vor euch anderen, weil meine Garben lange gebunden liegen und weil meine Ernte wider Erwarten reichlich ausfiel.«

»Und meine armseligen Büschel versengen und verdorren derweil. Hab' denselben Boden wie du, kann aber nichts rauswirtschaften. Sogar, wenn ich wollte.«

In die Augen des Burschen drang wieder jenes merkwürdige Schielen. Angewidert schleuderte er einen Knochen, an dem er noch nagte, in die Ecke.

»Wirst eine wohlgefüllte Scheuer haben, wenn erst die Gazelle des Morgenlandes in dein fruchtbar Bett geschlüpft ist«, holte er wie in einem heiseren Schluchzen aus sich heraus, »wann wird's sein, du maienblütiger Bräutigam?«

»Was ficht's dich an?« schnitt der Jude verdrossen ab und sah nach der Tür. »Dank dem Großen auf der Brokeburg ist jeder Herr in seinen vier Pfählen. Kann tun und lassen, was mir beliebt.«

Jetzt sprang Patrick auf und griff sich an die Kehle, um sich wenigstens einen einzigen Atemzug zu schaffen. Ein verstörtes wahnwitziges Gelächter warf er aus:

»Recht – recht, sind Freie. Unter Peitsche und Stockprügel, Freie. Heißa, geht uns wohl im Gelobten Land. Hab' Dank, Isaak, daß du mich daran erinnerst. Man soll's nie vergessen. Nie. Hab' Dank.«

Damit sprang der Gereizte aus der Tür. Sein Wirt wollte ihm die Hand reichen, der Ire aber war schon halsüber in den sich hebenden Nebeln verschwunden.

Kopfschüttelnd legte der Hebräer beide Querbalken vor den geschlossenen Eingang.


Bis zum Morgengrauen kletterte die Flamme den blassen Sternen entgegen, dann war die Hütte ein Aschenhaufe, und der Frühwind fegte verkohlten Staub über die verloderten Reste der Garben. Gerippe von Mensch und Tier zerfielen in den mütterlichen Boden.

An der Spitze einer Schar von Ansiedlern, die den Tollwütigen, mit seiner Tat Prahlenden eingefangen, eilte Licinius, stumm, in innerster Seele zerrüttet, vor denjenigen, der die Geschicke so vieler Sterblicher zu ordnen sich unterfangen hatte.

Eine rote Frühsonne hatte sich eben aus den Farbenstrudeln des Meeres gelöst und überglühte nun den Burghof sowie den Wipfel einer mächtigen Linde mit tiefem, mildem Feuer. Auch um die Stirn des Störtebecker legte sie einen blutigen Reif, denn Claus saß auf der den Baumstamm umgürtenden Steinbank, hatte beide Ellenbogen auf die rohe Tischplatte gestützt, und nun prüfte er ungläubig, fremd, verständnislos die schwarzen Bänder sowie das schwarze Siegel einer Briefrolle, die ihn auf unerklärliche Weise auf dieser Platte erwartet hatte. Niemand wollte sie gebracht haben, keiner wußte etwas von der Botschaft. Je öfter jedoch der Riese die wenigen ungeschickt geschriebenen Worte des Sendschreibens überflog, desto heftiger wallte ihm das Herz, und desto stürmischer wurde sein Wille zerrissen.

Da stand mit den großen, wohlbekannten Buchstaben des Gödeke Michael:

»Mein Bruder! Hätte schwerlich vermeint, ich würde Dich jemals brauchen. Steht aber übel um mein Sach. Hamburger und Dänen, bei denen mir alleweil eine gar fette Rechnung angekreidet, halten mich itzt in der Helgoländer Bucht umzingelt, so eng, daß auch nicht ein Mäuslein aus meinen Schiffen entspringen mag. Leiden zudem Hunger, und der Durst plagt uns. Darum Claus, so Dir noch das Herz für die alten Freunde schlägt, zögere nicht und tu, was du kannst. Ist ein gar bös Ding, wenn später die Reu quält. Geht hier eben um Leben und Tod und doch auch um die Sach des gemeinen Mannes. Und ist mir der Sperling in der Hand noch immer lieber als die Taube auf dem Dach. Bedenke dies wohl, mein Bruder, zumeist aber, daß wir Rächer nur ein Kostbares hüten, die Treue wider einander.

Geschrieben auf der fliegenden Burg zu Mariä Himmelfahrt.
Gödeke Michael.«

Einen hallenden Schrei stieß der Admiral aus, nachdem er endlich, seiner merkwürdigen Betäubung entrissen, den ganzen Ernst dieses Schicksalsrufes ermessen hatte. Geschnellt flog er empor und warf ohne Bedenken die Rechte gegen die abgetakelten Schiffe im Hafen, als vermöchte sein herrischer Wink allein jene Herde um sich zu sammeln, die Schar Wildvögel, mit denen er ungesäumt davonstoßen wollte, zu Rettung, zu Hilfe. Allein noch während der Wendung seines Hauptes verstrickte sich sein Blick mit der rot angestrahlten Ebene, auf der sich eben das Menschenwirken, die Arbeit zu regen begann, die er selbst zwischen die ungern empfangenden Schollen gesenkt. Jetzt sproßte sie, unwillig zwar und widerstrebend, nur seinem harten, zugleich mitleidigen und mitleidslosen Willen gehorchend, zum Licht. Schwer sank ihm der eben erhobene Arm herab, denn die Gedanken dieses Mächtigen fielen sich gegenseitig an, ein inneres Streiten und Ringen erhob sich, zu auflösend und vernichtend, um in der Brust auch eines eisernen Mannes ausgefochten zu werden. Unter einem schmerzlichen Stöhnen griff er sich an das Lederwams und schob es hin und her.

Einen Ausweg – einen Ausweg!

»Freund, Bruder, Wohltäter«, hörte er, von sich losgelöst, seine Stimme über das trennende Meer rufen. »Bist ja ein Teil von mir selbst, kann dich nicht missen, darf nicht dulden, daß die Ungraden und Schelme deiner Mannheit die Waage aus der Hand schlagen. Bei allem, was uns heilig dünkt, kannst auf mich zählen, Gödeke, denn ich will dreinfahren, wuchtig, fröhlich, wie du's mich gelehrt hast.« All dies beteuerte der Claus von ehemals, der noch nicht gebunden war an eine verpflichtende Aufgabe, sondern durch die Welt geweht wurde, wohin ihn Wind oder Zufall gerade schlugen. Aber in jenes heiße Gelübde jauchzte auch die erlöste Begeisterung der dort unten auf dem rauhen Boden Fronenden hinein, die er erwählt hatte, um das bejahrte Erdenleid für sich und künftige Geschlechter einzuschaufeln, erwählt, obwohl sie in ihrer Dumpfheit, wie er wohl wußte, nichts Köstlicheres ersehnten, als Pflug und Hacke fortschleudern zu dürfen, um ihr altes Streiferdasein neu zu beginnen.

Wie, wenn er sie selbst auf die gefährlichen Planken führte? Eins blieb gewiß, niemals mehr würde er dann die Unbändigen auf jene verlassenen Äcker der Mühe und Plage lenken können, halbvollendet blieb das Bild, das er mit Blut und Erde gemalt, zermürben würde es und vergilben und den Beschauern allmählich ein Abscheu sein. Und der Befehlshaber, dessen Entschlußkraft sprichwörtlich war, umklammerte den Stamm der Linde und versuchte ihn mit seiner mächtigen Kraft zu schütteln, als vermöchte die Krone guten Rat herabzustreuen.

Einen Ausweg – einen Ausweg!

Da zog die Schar der Ansiedler gerade in den Burghof, und der Hinstarrende erkannte, wie ein wüster, beschmutzter Bursch in ihrer Mitte geführt wurde, die Hände gebunden und die spitzen Augen frech, unbotmäßig und voller Auflehnung gegen den Einsamen unter dem Baum gerichtet.

Schwer, wie gezogen, ließ sich der Admiral bei dem Anblick auf die Steinbank nieder. Die anderen traten vor ihn. Allen voran Licinius, der sich matt, verstört, flügellahm vor dem Gebieter niederwarf. Ratlosigkeit sprach sich in der befremdlichen Gebärde aus, doch auch das unerschütterlich Gemeinsame ihres glücksuchenden Fluges.

Jetzt waren sie beide zur Erde gestürzt. Den Störtebecker zwar erquickte die Berührung, denn nur von dieser Welt erpreßte er alle seine Freuden. Besonnen stopfte er das Pergament in sein Wams, und es war ein eigenes, unheilverkündendes Lächeln, das sein Gesicht veränderte, als Licinius endlich seinen Bericht mit der Klage vollendete:

»Herr, so hat denn der alte Fluch auch dein Reich der Brüder getroffen. Kain hat Abel erschlagen.«

»Warum tatest du das?« fragte Claus, nachdem man den Iren bis dicht an den Sitz des Admirals geschleppt hatte, und seine heisere, fast flüsternde Stimme erregte den Hörern ein viel nachhaltigeres Grauen, als wenn der Gefürchtete getobt und gewütet hätte. »Sage mir, warum tatest du das, Patrick? Eignete dir nicht ebensoviel Land wie jedem deiner Gefährten? Erhieltest du nicht dasselbe Werkzeug, die gleiche Nahrung? Gab ich dir nicht alles, was du brauchtest?«

»Du?« gellte der Ire und schlug sich mit den gefesselten Händen vor die Stirn. Jetzt schon erkannte man, daß die Flammen, die er entzündet, in seinem eigenen Hirn weiterknisterten, und daß es grünliche Funken des Wahnwitzes seien, die er von sich sprühte. »Du hier in deinem Schloß? Du in Samt und Seide? Bei Buhldirnen und Völlerei? Du? Du? Möchtest du nicht ein Fürst sein? Hast du dir die Tollheit nicht allein zu dem Zwecke ausgeklügelt, damit aus unserer Haut ein Purpurmantel für dich geschneidert würde? Du Vaterlos – du Fischerbastard, du geißelst uns die Rücken blutig, damit unser Schweiß für dich Wein werde!? Sag, wann hast du jemals selbst die Hacke zur Hand genommen, gesenst oder den Pflug geführt? Weißt du, was Hunger und Frost ist? Und vor allen Dingen laß doch vernehmen, warum du nicht tagaus, tagein in unseren Reihen stehst, um all die Freuden deiner Gaukelei am eigenen Leib zu spüren?«

»Halt ein!« stammelte der Knabe, der noch immer auf den Knien lag.

Darauf der Störtebecker, indem er sich leichenblaß an den Tisch klammerte:

»Offenbare mir, warum du deinen Nachbarn verdarbst? Sann er dir Übles?«

»Nein.«

»Beeinträchtigte er dich in deinem Erwerb?«

»Nein.«

»Patrick O'Shallo, deine Zeit währt nur noch kurz. Warum tötetest du ihn also?«

Schon bei den letzten Worten war in den Übeltäter eine seltsam zuckende Beweglichkeit geraten, alle Glieder fuhren ihm durcheinander, ein Krampf schien ihm die Knie zu schütteln, und es war ein völlig Sinnloser, der nun die gebundenen Fäuste über sein Haupt schleuderte, während er unter seinen Gefährten herumsprang, als wolle er sie zum letzten äußersten Widerstand aufreizen.

»Warum? – warum?« schrillte er. »Soll es hören, das Cläuslein, weil er ein Betrüger ist, ein Wortefärber, ein Leuteschinder, ein prassender Totengräber. Wollte er uns nicht Zufriedenheit vom Himmel holen? Neidlos Glück?« – Er sprang dicht vor den Seefahrer hin. »Reiß mich doch auf, du Schelm, und sieh zu, wie meine Galle vor Neid siedet. Armseliger Wicht, wes hast du dich vermessen!? Kannst du vielleicht für den einen regnen lassen, wenn der andere Sonnenschein braucht? Kannst du mir den Schachergeist Isaaks geben und seinen listigen Verstand? Kannst du mir meinen Hunger teilen, wenn er doppelt so groß ist als der meines Nachbarn? Du Gaukler, du Bösewicht, du selbstzufriedener Narr, du möchtest uns deinem Wahn zuliebe schnitzen wie aus Holz, und wir sind Menschen – Menschen – Menschen.«

Rings im Kreise war es so still geworden, daß man die welken Blätter der Linde zur Erde fallen hörte. Auf den Gesichtern der Ansiedler stand tiefer, gefurchter Ernst. Doch auch der Störtebecker rührte sich nicht. Hölzern, gelb, leblos saß er auf der Bank, und nur einmal tastete er unter sein Lederwams, um das Schreiben des Gödeke Michael noch sicherer zu verbergen. Rote Schwärze hatte sich vor den Augen des Hellsichtigen geballt, er wußte jetzt in seiner Nacht, daß er den Freund verlassen müsse, den einen, den besten, um dieser vielen, treulosen Unmündigen willen.

Gequält, atemberaubt fuhr er mit der Linken gegen seine Kehle, die Rechte hob sich und deutete starr über sich auf die starken Äste des Baumes.

Was wollte er?

Keiner verstand ihn. Das Schweigen löste sich nicht. Der Störtebecker deutete abermals in seiner unnatürlichen Ruhe. Aber als auch diesmal die Lähmung von den Männern nicht weichen wollte, da streckte sich der Anführer zu seiner vollen Höhe und bog selbst einen der Äste herab.

»Versteht ihr mich nicht?« drohte er noch einmal mit seinem furchtbaren Ernst, und jetzt entstand ein wirres Getümmel; Angst, Grauen, Widerspruch stießen den Schwarm enger zusammen, bebende Hände regten sich, ein Strick wurde über den Ast geschleudert, eine Schlinge schwankte über einem einzigen, schweißnassen Haupt, und mitten aus diesem Tumult quirlte die heiße, in Todesangst schon brechende Stimme auf, die noch einmal, als dürfe sie nichts mehr versäumen, all ihren irrsinnigen Haß, lechzend, überstürzt in die vier Winde hinausheulte:

»Wer ist der Gleisner falschester? Dort steht er, der die Armen zur Schinderarbeit verdammt. Der uns einredet, daß ein Kuhmist dem Gold ähnlich werden könnt'. Der die Elenden und Schwachen durch Lug und Vorspiegelung in Verzweiflung stürzt. Der uns nichts gab, sondern uns noch obendrein die Freiheit stahl. Aber dem Teufel sei Dank, dein Sturz ist nahe, du Störtebecker. Der Böse hält dich schon am Bein, der Henker schwingt bereits das Schwert über deinem Hals. – Fahr zur Hölle, du Fluch der Menschheit – Fluch deiner Todesstunde – Fluch –«

Die Verwünschung erstickte, die Glieder des Iren wurden lang, sein Körper entschwebte in grünes Laub.

Den ohnmächtigen Licinius trug der Störtebecker schützend von dannen.


Seitdem wanderte der Aufruhr barhäuptig und offen unter den Ansiedlern umher. Blutig entlud er sich zuerst vor den Druschscheunen, als man das Getreide den einzelnen je nach ihrer Leistung abwiegen wollte. Wie kam Wulf Wulflam dazu, zwanzig Säcke von dannen zu fahren, während man dem Steuermann Lüdeke Roloff nur sieben auflud? Sollte der zähneknirschende Tänzer etwa dafür büßen, weil sein Gebiet vom Meerwasser durchsalzen war und jeder Pflug an dem scharfen Geröll schartig wurde? Fäuste ballten sich, Knüttel wurden geschwungen, wie wilde Tiere fuhren sich die Männer gegenseitig an die Kehlen, und die allgemeine Auflösung wurde nur dadurch verhindert, daß ein noch gewaltigerer Feind als Neid und Habgier den wütenden Bruderzwist unterbrach.

Das Meer!

Schon oft hatte der kundige Landwirt Propst Hisko van Emden während gemeinsamer Feldstreifen auf die breiten Deiche hingewiesen, die er und seine Landsleute zum Schutz der Fluren in harter Arbeit aufgeworfen. Die eben erst gewonnenen Landstrecken der Ansiedler dagegen lagen dem Anprall der Wasser hemmungslos ausgesetzt, und eines Nachts, da heulte der Nordwest sein schaurig gefräßiges Kampflied, in wilden Sätzen fuhren weißmähnige Wölfe über die Ebene, die zerrissen und verschlangen, was sich ihnen entgegenwarf, und aus den von ihnen umstellten Hütten, aus Arbeitsruhe und versunkenem Schlaf gellten Angst und Entsetzen zu einem einzigen Schrei zerrütteter Bestürzung zusammen. Am nächsten Morgen, da sich der erste bleierne Schein aus der Düsternis stahl, da ruhten die Äcker unter Schlamm begraben, Tangbündel verwesten, wo eben noch Frucht geblüht, und Muscheln, Geröll und faulende Fische sproßten statt ihrer auf den zerstrudelten Schollen.

Jetzt galt es, den Menschenarm gegen die Brust des Elementes zu stoßen, um neuen Einbruch zu verhüten. Mit einer Schar von Knechten, an der Seite seines Licinius, ritt der Störtebecker durch das Land, von Hütte zu Hütte, von Hof zu Hof, und ob ihn auch überall ergrimmtes Schweigen und gefaltete Stirnen empfingen, die Gegenwart und der einschüchternde Anblick des Gefürchteten und nicht zuletzt die doch nicht gänzlich abgebröckelte Gewohnheit, in diesem schönen Menschenbilde den Träger ihrer Hoffnungen zu sehen, sie veranlaßte die Männer zu einer letzten verzweifelten Gefolgschaft. Noch einmal vermochte sein Ruf in das Ameisengewimmel Plan und Ordnung zu bringen. Schaufeln wurden geschultert, hoch mit Erdmassen beladene Wagen knirschten ihre Spuren durch die schlechten Wege, Bohlen und Holzschwellen wurden behauen, um auf wunden Schultern an die Küste geschleppt zu werden, und der Grenzstrich zwischen Tag und Nacht verschwand auf einen kurzen, grimmig lachenden Wink des Admirals wie von selbst aus dem Bewußtsein der hungernden, frierenden und verbissen schaffenden Werkleute.

Drei Tage ging's. Denn diesmal stand der Störtebecker selbst unter den Seinen, sein wilder, trotziger Weckruf befeuerte sie, und sie vernahmen, wie der Riese, fast bis an die Knie in dem schwammigen Sand versunken, mit immer erneuter Ausdauer Stein auf Stein, Erdhaufen auf Erdhaufen dem grauen Gewoge unter sich entgegentürmte, dazu höhnend und wetternd.

»Munter, ihr Schuimer, sind wir nicht Söhne der alten grauhaarigen Vettel da unten? Und wir sollten dulden, daß die bösartige Keiferin uns noch mal in die warme Suppe speit? Schaut, schaut, schon rafft sie ihre schmutzigen Lappen um sich zusammen und kriecht zurück. Noch eins – und noch eins! – So ist es recht, Lüdecke Roloff! – He, Licinius, eile, die Fölke soll uns heißen Wein schicken! Wir wollen der Nordersee Abzug feiern.«

In einem Wirbel stäubte der Sturm die Vermessenheit mit sich gegen das Abendgewölk, und wie in Betäubung und Taumel sprengte der tödlich ermüdete Knabe von dannen!


Als er zurückkehrte, fand er nicht mehr dasselbe rastlose Gewimmel, das er verlassen. Einsam hockte sein Herr auf einem umfangreichen Strandstein, dessen Wucht man auf den schon in Leibeshöhe ragenden Damm gehoben hatte, um den Massen Schwere und Halt zu leihen. Der Mond, zuweilen aus unsteten Wolken auftauchend, erhellte ab und zu ein geisterhaft Antlitz, und der Grübler ließ keinen Blick von dem immer wieder ankochenden und zurückgrabenden Gewoge, als ob seine Seele bereits von dem Schwall überschwemmt und gefangen worden sei. In seiner Hand raschelte das Sendschreiben des Gödeke Michael, obwohl er ihm ebensowenig Aufmerksamkeit schenkte wie den in Rufweite von ihm wirkenden dunklen Gestalten.

Ein unbeschreiblich bitteres Lächeln der Scham versteckte sich in den Mundwinkeln des Aufgestörten, da der Knabe schonungsvoll zu ihm trat, nachdenklich bettete er die Finger des Treuen zwischen seine beiden vereisten Hände, als ob er sich an dem jungen Geblüt wärmen wolle.

»Horch«, murmelte er, »wie die See grollt und Flüche speit. Hat wohl auch ein Gewissen. Oder vielleicht wälzen sich auch die Gedanken Ferner mit ihr heran. Möcht's gern verstehen, obwohl ich die Stimme zu kennen meine. Klingt gar zornig und voll Verdammnis.«

Langsam zog er den Gefährten an sich.

»Sag mir, Trauter«, preßte er sich ab, »würdest du mich auch verlassen um der Dunklen da hinten? Würdest du?«

Seine Arme umstrickten den schlanken Leib, und eine solche Verlassenheit offenbarte sich, daß Licinius vor Herzpochen und verzehrendem Helferwillen weder maß noch vernahm, was er erwiderte. Trennen? Von wem sollte er sich scheiden, von dem schon auf die Erde träufelnden Erlösersegen? Oder von seinem Herrn? In stürmischen Zweifeln schüttelte er seine Locken. Der Störtebecker aber nahm es für die Verneinung, die er erwartete.

»Glaub's dir«, entgegnete er finster. »Welch Reiner würde dies auch vermögen? Gehört schon eine steinerne Seele dazu, drin nur ein einzig Gebot eingeschlagen ist. Widermenschlich, unnatürlich, fluchgetrieben sind die, so mit dem Stein beladen sind. Aber komm, laß es uns dennoch zu Ende bringen.«

Damit zog er die Hornpfeife an seine Lippen und gedachte eben das Signal aufschwirren zu lassen, das die Werkleute zu neuen Mühen um ihn sammeln sollte, als Licinius es wagte, sanft und doch hindernd die Hand auf den schon erhobenen Arm des Admirals sinken zu lassen.

»Herr«, mahnte er besorgt, »willst du die Männer nicht schonen? Sieh, sie gleichen ohnehin nur noch abgezehrten Schatten, und die Augen fallen ihnen vor Müdigkeit zu.«

Noch nie hatte der Knabe einen Befehl seines Gebieters durchkreuzt, deshalb wandte sich der Störtebecker jäh und fast ungläubig zu ihm herum, allein im nächsten Augenblick horchte er wieder gespannt auf den dunklen Drommetenton der See und schüttelte hartnäckig das Haupt.

»Torheit«, verwies er, »wer mit mir ist, muß besessen sein wie ich, verrannt, für alles andere blind, sonst – –«

Er lachte hämisch, gleich darauf schrillte der spitze Pfeifentriller über Land und Meer, der Wind warf ihn hierhin und dorthin.

Stille!

Dann lauschten die beiden, denn in der Finsternis, in der teilnahmslosen Öde barg sich eine Beklemmung, unheilschwanger ballte sich etwas in dem Nichts, als ob aus Schwärze und Schweigen das Schicksal sich eine Gestalt formen wollte.

Und riesenhaft, zermalmend, unabänderlich kroch es aus der Nacht hervor.

Sieh, in langer Zeile wälzte es sich stumm über den Damm, ein wogender Heerwurm aus ununterscheidbaren Menschenköpfen, bis sich seine hundertfältigen Schuppen eng, unlöslich um den Führer selbst geringelt hatten.

In dem Störtebecker stieg eine Ahnung auf, das Weiß seiner Augen verkehrte sich und glitzerte unheimlich in dem laut atmenden Kreise umher.

»Was rottet ihr euch zusammen, Männer?« schrie er in unterdrückter Vorahnung, da er selbst jetzt noch felsenfest auf das Wunder sowie die Unantastbarkeit seiner eigenen Herrschersendung vertraute. »Warum schafft ihr nicht jeder an seinem Platz?«

Da regte es sich um ihn. Wie, wenn durch seinen Trotz die letzte Klammer erst vollends gelöst wäre, so drang Leben in den erstarrten Ring, und während der markerschütternde gräßliche Schrei des Aufruhrs, der überwundenen Furcht jene bis jetzt so eng verschnürten Kehlen sprengte, da begann es über den vielen Köpfen zu sausen. Hunderte von Hacken und Schaufeln flogen wütend geschleudert hinaus in die klatschende See, und ein einziges, freches, übertriebenes Gelächter erschütterte die Nacht.

»Wird nicht mehr geschuftet, du Leuteschinder«, so heulte, meckerte und zischte es, und sie griffen nach den Fäusten des überrumpelten und hingen sich wie Eisengewichte an ihn, »wir wollen feiern und frei sein wie du. Mag wühlen und hacken, wer dazu geboren ist; wir sind streifende Leute und fressen lieber, was andere gebaut haben. Wie hat Patrick gesagt? Aus Kuhmist wird allemal kein Gold.«

Aus der Menge trat einer hervor. Es war der Tänzer Lüdeke Roloff. Schwer stützte er sich auf seinen Knüttel, und durch das überhängende, wirre Haardach hefteten sich seine sonst so ungewiß flackernden Augen diesmal hohl und verglommen auf den Anführer, den man jetzt von seinem fürstlichen Sitz herabstoßen wollte.

»Herr«, holte der herkulische Schiffer langsam und wie nach sorgfältiger Überlegung aus sich hervor. »Dein Wille war wohl gut. Aber es nützt nichts. Es liegt an uns. Unser Blut ist vergiftet, so daß es zu nichts anderem mehr taugt als zum Würgen, Brennen und Racheüben.«

Der Sprecher reckte den Hals vor, und in seine Glieder geriet wieder das merkwürdige Verlangen nach Tanz und erzwungenen Sprüngen. Leidenschaftlicher fuhr er fort:

»Deshalb sind wir uns alle einig geworden, alle, alle, daß wir uns fürder nicht länger von dir ins Joch spannen lassen mögen. Sondern wir wollen als Schwarzbrüder, als schweifend Volk noch heute nacht auf die Schiffe gehen, und du wirst uns führen, Claus Störtebecker.«

In dem Haufen begannen plötzlich wüste, jauchzende Stimmen zu singen:

»Vom Mast die schwarzen Flaggen wehn,
Heißa – heißa.
Claus Störtebecker ist Kapitän.«

Doch mitten in der Melodie schnellte der schmächtige Arnold Frowein mit einem windschiefen Satz aus ihren Reihen, und während die tiefen Falten in seinem Antlitz unnatürlicher als je grinsten, da meckerte der ehemalige Töpfer:

»Weißt was Neues, Claus Störtebecker? Hast uns belogen und betrogen! Hast uns den Brief des Gödeke Michael verheimlicht. Wir kennen deine Pfiffe. Wir aber wollen uns zu ihm durchschlagen, um wieder lustig Gericht zu halten. Wir möchten Nacken brechen hören und Brustkörbe verröcheln. Gericht – Gericht!«

Und aus dem Haufen schlug es jetzt toll und grölend gegen den Nachthimmel:

»Dort richtet die Reichen an Leib und Seel,
Der Gödeke – Gödeke Michael.«

»Führt ihn fort«, befahl der Steuermann Lüdeke Roloff, auf den Störtebecker deutend, »und haltet ein wachsam Aug' auf ihn. Die Torheit liegt hinter uns.«

Die Trommel scholl wie sonst, als der Zug mit dem Schritt für Schritt vor sich hinbrütenden Admiral das Deck der »Agile« betrat. Gleich einem von eisernem Schlummer Befallenen war der Riese bis dahin von dem Gedränge vorwärts geschoben worden, doch sein auf die Brust gesenktes Haupt schien durch keinen Klang der Außenwelt mehr erreicht zu werden, weil es verbohrt, in die Tiefe lauschend, einzig und allein dem spukhaften Getriebe seines Innern nachspürte. Erst als der Haufe, schon bedrückter und kleinlauter, die Kajütentreppe hinabgeströmt war, als das glitzernde Licht der venezianischen Laternen das blauweiße Gewirke der Wände beseelte, als der blinkende Glanz all der köstlichen Schüsseln und Gerätschaften mitten aus der Ruhe des Raumes seine spitzen Pfeile gegen die Sinne des Verdämmerten schoß, da hob der Riese mit einemmal sein Haupt, blickte sich mit dem schweren Erstaunen eines aus einem Schacht Aufgestiegenen um, und plötzlich empfing sein Bewußtsein oder sein Eigenleben einen solchen Anstoß, daß er die Hände, die ihn noch immer gefaßt hielten, mit einem wilden Ruck von sich abschleuderte.

In furchtbarem Ernst, die Zornadern hoch geschwollen, straffte er den Arm gegen die Tür.

»Geht«, herrschte er sein Geleit an, das hier auf den Planken sich doch wieder als Matrosen und der Macht dieses einzigen unterworfen fühlte. Bedrückt wichen sie vor der Verachtung, die ihnen entgegenschlug, zurück. Ob sie auch den Ausbruch ihrer Führers nicht verstanden, der Hohn seiner Worte prügelte sie dennoch widerstandslos die Treppe hinauf.

»Habt Dank, ihr schönen Adamssöhne, ihr Edlen, ihr Sauberen, ihr Menschen«, raste der Störtebecker hinter ihnen her. »Gottlob, ich sehe wieder, was ich sehe, ich rieche, was ich rieche, welche Wollust, die Dinge in ihrer Nacktheit zu begreifen. Geht«, wiederholte er heftig, scheuert die Schiffe, bestückt sie, legt Proviant hinein. In acht Tagen muß ich die Küste hinter mir haben. In acht Tagen längstens! Und dann – Gleichebeuter – Gleichebeuter, Seeräuber, Rächer, Glückliche. Haha, allen guten Engeln sei Dank für das passende Wams! Und in die Kloaken alle Gewänder der Verstellung.«

Es trat Stille ein, das letzte scharrende Geräusch der Entschwindenden war erstorben, der Admiral und sein Knabe standen einander allein unter den geschliffenen Gläsern der Laternen gegenüber.

Unbeobachtet, ungestört, denn der kleine Wichmann verbrachte diese Nacht wieder bei den Freuden der Marienhavener Tavernen.

Umständlich, als wäre dies jetzt das wichtigste Geschäft, legte der Heimgekehrte sein Lederwams ab, darauf hängte er seine Kappe sorgsam an einen Nagel, alles Dinge, die er sonst seiner Bedienung überlassen. Zum Schluß betastete er aufmerksam mit einem hastigen Suchen das offene Linnen über seiner Brust, bis er endlich auch über Schultern und Arme seines Knaben strich. Alles, ohne sich von der tödlichen Blässe seines Gefährten abschrecken zu lassen. Dann, wie nach erreichtem Finden, rüttelte er den Verstummten und raunte ihm zu:

»Lehm, Staub, Erde. Deine weiße Haut – Täuschung, mein zierlich Büblein. Merkst du es nicht, wie es darunter quillt und drängt vor Sehnsucht nach dem Unflat? Warum betrügst du dich und mich mit Eingebungen, die deinem Stoff zuwiderlaufen? Lache, Büblein, lache, die Tollen werden wieder sehend und schämen sich ihrer zugeklebten Augen. Oh, ich möchte meinen Kopf am liebsten in ein Kellerloch stecken.« Er unterbrach sich und lauschte. »Hörst du, wie sie droben jubilieren und tanzen? Das macht, der Dung will zum Dung, der Mist zum Mist. Allen guten Engeln sei Dank, ich will sie hinwerfen, wo es am fauligsten nach Verwesung dampft! Zucke nicht mit der Lippe, bei Gefahr deines Lebens widersprich mir nicht. Ich schwöre dir, wo ich noch einen Wahnwitzigen treffe, der da meint, es ließe sich auch nur ein Haar auf unserem Schopf in einen Goldfaden wandeln, den Roßtäuscher hänge ich selbst an die Rahe und reiße ihm die Zunge heraus!«

Mit einem wiehernden, sich überschlagenden Gelächter warf er sich auf sein Ruhelager und streckte sich aus, all die mächtigen Glieder erstarben wie auf einen Schlag in Starrheit, und nur die unruhigen schwarzen Augen wanderten noch unruhig an der Täfelung der Decke umher. Kaum verständlich, stöhnend vor innerem Vorwurf, stammelte er vor sich hin:

»Patrick – Patrick O'Shallo.«

»Was rufst du den Toten?« trat Licinius bebend näher.

»So jung noch«, flüsterte der Liegende unbeweglich weiter. »Und schon solch ein Kündiger des Herzens. Ich wünschte, er stünde an deiner Stelle, und ich wollte ihn herzen.«

Wieder wurde es ruhig. Man hörte nur das knirschende Stampfen droben auf Deck.

Gleich einer Totenwacht lehnte Licinius am Fußende des Lagers und ließ keinen Blick von dem Hingestreckten, der immer mehr in das stehende Blei des Schlafes versank. Und derweil entglitt dem Wächter selbst der Boden unter den Füßen. Betäubung und Klarheit wechselten in seinem Hirn, denn vor ihm erhob sich die Gewißheit, daß dieser Erdengott, der vernichten wollte, um zu erlösen, nun selbst zertrümmert lag, zermalmt von seiner Sendung, die er lästernd und fluchend zurück in die Wolken entschweben ließ. Und deshalb all die Geopferten? Die Mütter und Kinder von Bergen? Die Ersäuften und Erschlagenen? Die Gehenkten wie Patrick? Und die Verdorbenen wie Linda selbst? Vor ihrem irren Blick wallte ein Leichenzug über die Erde, der folgte einem braunen Kreuz, dem rohen Holz, das einst in Lindas Schlafkammer eingefügt war, und die Gerippe wiesen alle mit Knochenfingern nach ihr hin, nach ihr, die allein zurückgeblieben war, um eine Grube Unrates zu betreuen. Oder war es dies üppige Polster, auf dem der Mann Vergessenheit suchte?

»Herr, Herr«, schrie sie auf. Doch sie wußte nicht mehr, welchen ihrer Götter sie meinte. Benommen, schon halb entführt, entriegelte der Schläfer noch einmal seine Augen.

»Komm, Lieblicher«, murmelte er.

Da stürzte Linda halb sinnlos vor dem Lager nieder, umschlang den Riesen mit ihren Armen, wie man ein letztes Gut vor dem Untergang zu wahren strebt, und all ihre unendliche Angst vor der verdienten Verdammnis entlud sich herzzerreißend:

»Herr, entheilige dich nicht. Fliehe vor neuer Gewalttat und verkünde irgendwo auf Erden, was dir offenbart wurde. Glaube, glaube, es ist der Geist allein, der das Tote lebendig macht. Ich will dir dienen vom Morgengrauen bis in die Nacht, wozu du mich auch bestimmen magst.«

Allein Claus war schon zu sehr in den Banden einer dumpfen Entwürdigung, als daß er die Opferwilligkeit dieser einzigen Seele, die er je wahrhaft verklärt hatte, anders als mit ungläubiger Geringschätzung aufnehmen konnte. Seine Glieder lösten sich immer lockerer, und während er kaum noch bewußt die blonden Haare des Hingestürzten streichelte, murmelte er, oft unterbrochen und bereits in voller Entrückung:

»Narr, das Feuer dieses Sterns will gelöscht werden. Wer weise ist, errafft noch aus dem Aschenhaufen einen letzten Genuß. Trunk – Weiber – Raub – Neckerei mit dem Tode – das bleibt übrig. Herze mich, mein Knäblein.«

Damit versank er.

Sein Wächter aber lehnte noch geraume Zeit dicht neben ihm an der Wand, und je länger er über Vergangenheit und Zukunft brütete, eine desto herbere Wandlung vollzog sich in dem bleichen Frauenantlitz. Jetzt zeigte es sich, daß in jenem Wesen nicht nur das Göttliche des hingerafften Mannes eine Wohnstätte gefunden, sondern wie auch allmählich die Furchtbarkeit seiner Entschlüsse in ihm Wurzel geschlagen hatten.

Prüfend trat sie näher und versuchte, ob ihr Gebieter noch einmal zu ermuntern wäre. Allein der Riese ruhte, ein Bild finsterer Zerklüftung.

Da sprach sie ihm laut ins Antlitz, als ob er es dennoch vernehmen müsse:

»Du wirst nicht zurückkehren zu den Knechten des Lasters, Claus Störtebecker. In der Unschuld deines Wollens wirst du hingehen. Möge der Himmel dir gnädig sein.«

Eilig bedeckte sie sich mit der Lederkappe des Störtebecker, warf seinen Schafpelz um, und bald glitt ein Boot unauffällig die dunkle Hafenstraße hinab. An der Kogge des Wichbold, des angeblich Kranken, machte es fest. Dort haftete es bis zum Morgengrauen.


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