Georg Engel
Claus Störtebecker
Georg Engel

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III

Es war an demselben Abend. Auf Burg Ingerlyst an der schmalsten Stelle des Öresund, eine gute Rittstunde von Kopenhagen entfernt, saß Gräfin Linda in der Ausbuchtung ihres niedrigen, ganz aus dunklem Kiefernholz gezimmerten Saales und grübelte verloren und weit entrückt auf das Anprallen der dampfenden Schaumketten hinab. Ein ununterbrochenes dumpfes Donnern stieg zu ihr auf, und hinter dem pfeifenden Seewind zitterten die Lichter von der jenseitigen schwedischen Küste. Das stille, blonde Mädchen weilte nicht allein. Ihr gegenüber auf der zweiten Seitenbank lehnte ein untersetzter, derbschrötiger Mann, dessen überlegtes, bartloses Antlitz sich kantig aus dem Otterkragen seines schwarzen Reisemantels abhob, da Herr Nikolaus Tschokke, der junge, neugewählte Bürgermeister von Hamburg, noch in dieser Stunde zu Schiff nach Falsterbo zurückzukehren gedachte, wo der Friede unterzeichnet werden sollte. Und er hatte nur deshalb immer von neuem gezögert, seinen Besuch endgültig abzubrechen, weil er bisher diesem stolzen, weißen Jungfrauenantlitz gegenüber nicht den rechten Mut gefunden, dasjenige zu enthüllen, was ihn in Wahrheit hierhergetrieben. Auch beengte ihn nicht allein der seltsam abwesende Schein, der bisweilen über den stahlblauen Augen des Mädchens hing, sondern er fühlte sich auch beeinträchtigt durch die Gegenwart eines Zeugen. Am anderen Ende des kahlen Saales nämlich saß dicht vor dem hohen Steinkamin ein geistlicher Mann in einer braunen Reisekutte, und von Zeit zu Zeit streckte sich dort eine seine weiße Hand den brennenden Buchenklötzen entgegen, die den Schauer des kühlen Frühlingsabends vergeblich zu mildern suchten. Unrastig pustete oft ein Windstoß durch den Rauchfang herunter, und dann hüstelte der Abt Franziskus vom Rügener Kloster Cona kurz und gestört, um sich gleich darauf doppelt emsig der vorgeschriebenen Andacht hinzugeben, die er aus einem kleinen geschriebenen Brevier vor sich hin psalmodierte. Die Äbte des Conaer Klosters gehörten seit alters zu den Gastfreunden auf Ingerlyst, und dieser, der gleichfalls von Falsterbo herübergekommen, hatte zudem um ein Nachtlager gebeten, weil er am morgigen Tage der Ehre teilhaftig werden sollte, der Königin vorgestellt zu werden.

Friedsam hing die seine, schmiegsame Gestalt in ihrem Armstuhl, versenkt in Andacht, trocken und steif knisterten die harten Seiten des Büchleins, sobald sie umgewandt wurden, und gerade dadurch war Herr Nikolaus Tschokke allmählich in seiner kühlen, kalkulierenden Überzeugung bestärkt worden, daß er aus jener Entfernung wohl keinen Lauscher zu fürchten habe. Auch hatte den jungen, weltkundigen Bürgermeister ein Blick auf die weiß gedeckte Tafel in der Mitte des Saales darüber belehrt, daß man die Zeit der Schloßherrin nicht ungebührlich in Anspruch nehmen dürfe.

So hatte er denn ein paarmal an der schmalen Stehampel gerückt, deren niedriges Olflämmchen zwischen ihnen schwankte, um endlich würdig und gemessen, ganz so, wie er es sich auf der langen Fahrt überlegt, seine Schicksalsfrage in Ehrbarkeit und redlichem Selbstbewußtsein an das schöne blonde Weib zu stellen.

Nun wartete er voll Ruhe und Anstand auf ihren Bescheid, und das kantige Bürgergesicht mit der kräftigen Hakennase hütete sich, irgendwie Bewegung zu verraten, obwohl es ihn wundernahm, daß die Blonde ihre Augen auf ihn richtete wie auf ein fremdes, ihr unverständliches Wesen.

Weit ausholend hatte der Patrizier ihre beiderseitigen Beziehungen zueinander abgewogen. Und durch Linda lief ein Schauer der Erinnerung, als nun jene Begebenheiten, die sie stets lebendig umstanden, in der Schilderung des Kaufherrn ein so sachlich aufgezeichnetes Gepräge annahmen. Es durchfröstelte sie, weil sie ihr Schicksal, losgelöst von sich, bei einem Fremden gebucht fand.

Trocken und ohne Umschweife, wie aus einer Chronik, hatte ihr der Hamburger das Verbluten und Zersplittern ihres Geschlechtes geschildert. Ein harter, unbeugsamer Stamm, in nordischer Blutrache und Familienfehde verwildert und von seinen eigenen Königen häufig als Empörer an den Block geführt. In roten Strömen verbrauste allmählich die Lebenskraft der unbändigen Sippe, bis sich bei den letzten zwei Grafen von Ingerland, bei Lindas Brüdern, die böse Erbschaft nur noch in Landhunger und wüste Raubsucht verlor. Ein schreckhaftes Bild aus Feuerlärm und glimmender Asche stieg vor der Lauschenden auf. Ihre Brüder hatten sich nicht gescheut, die eigene Mutter, die mit der unmündigen Tochter zurückgeblieben, auf ihrem nordischen Witwensitze bewaffnet zu überfallen, ja, den beiden rohen Wichten, die mit ihrem Christentum nur Spott trieben, wäre wahrscheinlich das untilgbarste Verbrechen nicht erspart geblieben, hätte nicht ein hansischer Gastfreund die beiden Frauen in grausiger, branddurchlohter Nacht schnell entschlossen auf seinem Handelsschiff geborgen. Freundlich führte der Retter die Verarmten in sein stattlich Haus nach Hamburg, und hier unter dem Schutz des ehrsamen, herzenswarmen Aldermann Hinrich Tschokke, des Vaters des Bürgermeisters, erwachte die kleine Flüchtige erst zum Bewußtsein einer bürgerlich behüteten Lage. Fast ungläubig sah sie die regelmäßige Arbeit in den dämmerigen Kontoren des Hauses, denn Herrn Hinrich eignete die blühendste Brauerei der Handelsstadt. Mit großen Augen verfolgten die Frauen aus den niedrigen, vergitterten Fenstern die bunten Umzüge der Zünfte und Kaufmannschaft, und sie lernten auch etwas von dem Stolz verstehen, mit dem die Häupter der regierenden Familien die Angelegenheiten ihres Gemeinwesens ordneten. Und doch – die Seele der Heranwachsenden blieb dem Anprall des frischen, tätigen Lebens um sie herum verschlossen. Im Kern ihrer festgefalteten Blüte nistete zu sehr das Entsetzen, das wie ein Wurm in ihre Kindheit gekrochen, und ihr banges Gemüt löste sich nicht von dem frühen Eindruck, daß Ungerechtigkeit und Gewalttat alle Macht auf Erden an sich gerissen, und wie der einzelne schutzlos umherirre, um sehnsüchtig nach einem Retter auszuspähen. Ein krankhaftes Mitleid mit den Bresthaften, Armen und Beladenen hatte das schweigsame Kind ergriffen, und ihre schönsten Stunden nahten, wenn sich an Feiertagen unter dem mächtigen Ahorn auf dem Hofe des Handelshauses die Kranken und Bettler um den dort sitzenden Aldermann versammelten, um Speise und kleine Geldgaben zu empfangen. Dann war es Sitte geworden, daß Linda selbst die irdenen Näpfe herumreichte, und nur in diesen Augenblicken erhellte sich ihr weißes, vergrämtes Antlitz zu einem beseligten Lächeln, und der junge Nikolaus, der Sohn des Hauses, fand dann, daß die fremde Adelstochter mit ihren blonden Flechten unter dem Lumpenvolk ein mildes Licht verbreite, gleich einem schönen Bernsteinschmuck. Als Fünfzehnjährige war sie endlich, nachdem in der Schlacht von Fallkiöpping Lindas beide Brüder als Aufständige gegen die Königin ein wildes Ende gefunden hatten, aus dem deutschen Hause geschieden. Jetzt hielt es nämlich die kluge Margareta für angebracht, die Verwaisten mütterlich zu betreuen. Für die eingezogenen norwegischen Güter des Hauses wurde ihnen Burg und Herrschaft Ingerlyst eingeräumt, und hier, dicht unter den Augen der Königin, saß nun nach dem Tode der Mutter der letzte Sproß des dahingewelkten Geschlechtes, weltscheu und abgeschieden als Hofdame der Regentin. Aber heimlich verlangte ihr verwundetes Innenleben noch inniger als früher nach dem unauffindbaren Trost gegen die täglich sich offenbarende Mißachtung von Recht und Sitte, und fast verletzt wies sie den Gedanken von sich, etwa durch eine Vermählung mit einem rauhen, erwerbsüchtigen Gebieter noch tiefer in die Händel und Ungerechtigkeiten dieser Welt verstrickt zu werden. Näher und näher rückte ihren sehnenden Blicken die Klosterpforte mit dämmernden Schatten, und ihr Fuß schritt jener Grenzschwelle immer willfähriger entgegen. Bis heute. Da – war es möglich? – Heute hatte ihr traumbefangener Tritt zum erstenmal gestockt, gezögert. Welch eine heilig-wüste Vision, welch eine wetterleuchtende Wolke hatte ihr ganzes Denken und den noch kurzen Weg umnebelt? War es Wirklichkeit oder hatte ihr bang verschlossenes Gemüt selbst jene unheimlich blutige Gnadengestalt geboren? Nein, nein, während sie hier saß, um fast gedankenlos auf die ihr unbegreifliche Bitte des Hamburger Jugendfreundes zu achten, da begann unten aus dem Gedröhn der Strandwellen von neuem diese heiße, markdurchzitternde Stimme zu sprechen, und bald wurde für die Lauschende ein Ruf daraus, der über die Welt hinhallte, um herrisch von tauben und verstockten Seelen Erbarmen für Millionen Geknechteter zu heischen. »Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer.« Aber bei jedem Wort pfiff gleichzeitig ein Schwertstreich durch die Luft, und das höhnische Gelächter des Räubers und Mordbrenners mischte sich drein. Eine unschuldige befreite Welt wollte auftauchen aus einem kreisenden Meer von Blut.

Ihre Sinne verwirrten sich, ihr ganzes Wesen neigte sich entgeistert über einen Abgrund von Höllenfeuer und Himmelslicht. Und während sie sich irgendwo festzuklammern suchte, drang mit größter Klarheit die Werbung des ehrsamen Bürgers an ihr Ohr, in dessen wohlbestelltem Hause Ruhe und Sicherheit wohnten, und sie mußte doch mit Schrecken auf das Klopfen ihres aufgescheuchten Herzens hören, das sich in altererbtem Edelingshochmut vor der Versorgung in dem Krämerkontor sträubte.

Wie um Schonung flehend, schlug sie ihre großen blauen Augen gegen den Mann in der schwarzen Ratsherrntracht auf.

Herr Nikolaus Tschokke jedoch hatte inzwischen hinter dem flackernden Lichtlein der Stehampel aufmerksam die Veränderung in den Zügen der jungen Freundin geprüft. Auch er hatte sich noch einmal wiederholt, was in langen Beratungen mit seinem Vater sorgsam erwogen war, wie wichtig nämlich die Verbindung mit dem uralten Grafenstamm für die aufstrebende Patrizierfamilie werden könnte. Die Tschokkes gehörten nicht zu den ritterbürtigen Geschlechtern der Stadt, sondern, da sie durch Reichtum und Handelsunternehmung heraufgekommen waren, so mußte es ihnen nützlich werden, sich von außen ihre Ansprüche bestätigen zu lassen. Dazu aber eignete sich nach der Meinung des greisen Aldermanns keine bessere als Gräfin Linda von Ingerland, da sie nur mißtrauisch beargwöhnt neben der dänischen Usurpatorin leben durfte und zudem durch die Bande der Dankbarkeit an die frühe Zuflucht ihrer Jugend geknüpft war.

Als aber jetzt das in der Zugluft wehende Licht das stolze weiße Antlitz des Mädchens bestrahlte, da fühlte der Bürgermeister wieder mit Verwunderung die einstige Ehrfurcht vor der fremdartigen Edelingstochter.

»Ich wollte Euch nicht erschrecken«, lenkte er endlich ungewiß seinem Ziele entgegen. »Ihr solltet nur wissen, wie weit das alte Haus am Mönkedamm seine Tore für Euch öffnen würde. Es hat jetzt eine gar lustige Malerei vom Giebel bis zur Einfahrt erhalten«, setzte er lobend hinzu, »Schalksnarren und Engelein tanzen um ein Bierfaß. Und was mich und die Meinen angeht, so hat die Zeit Euer Angedenken nicht verwischt. Nur eines hat sich verändert« – er rückte sich jetzt bedachtsam zurecht, und zugleich schlug er den Mantel zurück, damit sich die schwarze Ratsherrntracht mit den ziegelroten Aufschlägen deutlicher offenbare –, »ich nehme nunmehr, wie Ihr seht, in dem Stadthaus den ersten Sitz ein, und ich darf wohl sagen, es möchte mancher Fürst für die, so ihm lieb sind, weniger sorgen können als ich. Wollt auch dies bedenken, Gräfin Linda, denn die Zeiten sind rechtlos und unsicher, und die Ordnung gedeiht fast nur noch hinter sorgsam behüteten Stadtmauern.«

Als er das letzte vorbrachte, da drang zwischen die klare Vorbereitung doch eine raschere Wärme hindurch, denn das blasse Mädchenantlitz in seiner Scheu und Ratlosigkeit hatte das Mannesbewußtsein des festen Bürgers erregt, und so wagte er es, ohne weiter an den Zeugen zu denken, seine Rechte auf die schmale Wachshand zu betten, die sich gerade gegen die Ampel ausstreckte. Die kühlen Finger blieben auch ruhig in den seinen, das kornblonde Haupt jedoch wandte sich, wie gezogen, der Nacht entgegen, und jetzt merkte ihr Gastfreund erst, wie emsig das junge Weib das wüste Tosen der Wasser zu enträtseln strebte. Schlag auf Schlag krachte die Brandung auf den flachen Strand, und Linda zitterte, ob auch ihr Gefährte die gewaltige Stimme vernehme, die von unten heraufbrüllte: »Horch, bräutlich schmückt sich schon die Erde zum Bunde mit dem frohen Menschen.« Dann Stille – und darauf wieder das gräßliche, aufrührerische Gelächter. Nein, nein, dort draußen lauerten Verbrechen und Wahnsinn, und hier – hier drinnen?

Wie zur Flucht bereit zog sie ihre Hand zurück, und während sie sich verstört gegen das Fenster kehrte, gab ihr das Entsetzen über sich selbst das Nächstliegende ein.

»Ihr wißt ja nicht– –«

»Was?«

»Ich – ich habe schon gewählt.«

»Gräfin?«

So wenig hatte der Kaufherr mit einer solchen Möglichkeit gerechnet, daß ihm zuvörderst der Sinn ihrer Weigerung verschleiert blieb. Aufrecht verharrte er vor ihr auf seiner Bank. Die Blonde aber tastete nach dem Kreuz, das ihr noch immer über ihre weiße Gewandung herabhing, und hob es empor, ihrem Freunde zur Erklärung, sich selbst aber als einen Wegweiser aus Tumult und fratzenhaftem Taumel.

»Hier – hier«, klammerte sie sich an das Stückchen Holz fest, als ob es ihr immer merklicher zu einem harten Balken aufwüchse, hinter dem sie sich verstecken könnte, »hierhin laßt mich gehen. Ich tauge nicht in Eure Welt. Und nicht in die eines anderen. Keinem würde ich behilflich sein können und ihm nützen. Denn, Nikolaus, Ihr mögt es wissen, ich fürchte mich vor den Menschen, da sie nichts als Übles sinnen und keiner dem anderen zu Freude und Wohltat bereit ist.«

Keiner? Sie stockte. Denn aus der Nacht schlug wieder die dumpfe Trommel den Strandsaum entlang, und im Wirbel prallte es gegen die Hausmauern. »Horch, bräutlich schmückt sich schon die Erde zum Bund mit dem frohen Menschen.« Da entfärbte sich die Verwirrte, und das Kreuz fiel ihr in den Schoß.

Langsam gab der Bürgermeister seinen Sitz auf. Ungern war ihm die Erkenntnis aufgegangen, daß weiteres Drängen seinem Wunsche nur schaden müsse, weil er es hier mit einem verschlossenen Gemüt zu schaffen habe, das am Leben blutete. Die Wunde mußte erst heilen, bevor sich neues Vertrauen entfalten könnte. Und obwohl es ihm vorkam, als ob er jetzt einen Verlust erleide, wie er ihn noch nie in seinen Lederbüchern zu verzeichnen gehabt, so griff er doch mitleidig nach der Hand der Verstummten, in der redlichen Absicht, den Eindruck seiner plötzlichen Werbung nach Möglichkeit wieder zu verwischen.

»Ich wollte Euch nicht erschrecken, Gräfin Linda«, beruhigte er freundlich, »Ihr solltet nur erfahren, wo Euch stets eine Heimat bereitet ist. So will ich Euch auch nicht weiter drängen, denn wir beide sind noch jung und werden uns nach dem, was ich Euch jetzt eröffnete, schwerlich vergessen. Das hoffe ich. Was aber Euren Entschluß betrifft, so sollt Ihr mir versprechen, daß Ihr Euch eine Frist gönnt, bis ich in Tag und Jahr abermals vor Euch trete. Denn mein Weg und mein Wille führen mich wieder zu Euch, und die Zeit ist ein kundiger Arzt und ein gütiger Fürsprach.«

Damit drückte er die kühlen Finger heißer, als er es selbst geahnt, und schritt mit seinem nachdrücklichen Gang über die knarrenden Dielen des Saales, um sich von dem Abt zu verabschieden. Der hatte sein Buch sinken lassen, und seine tiefliegenden klugen Augen hingen schon seit geraumer Zeit an den beiden jungen Menschen. Ehe jedoch der Aufbrechende den Sessel des Mönches erreicht hatte, stockte der Bürgermeister wie von einer Eingebung befallen.

»Noch eins«, erinnerte er sich in seiner bestimmten Weise, »ist Eure Dienerschaft zuverlässig, Linda?«

Das Mädchen stand schon an dem weiß gedeckten Tisch, jetzt mußte es über die unerwartete Frage lächeln.

»Ich halte nur eine Schaffnerin«, gab sie kopfschüttelnd zurück, »wenige Mägde und Knechte und hier diesen verwaisten Knaben aus unserem Kirchspiel«, fügte sie deutend hinzu, denn ein schöner, schlanker, etwa siebzehnjähriger Bursche in der kleidsamen schwarzen Dänengewandung war eben eingetreten, um die Tafel mit allerlei Geschirr zu bestellen. »Und diesen wenigen versage ich nichts, was ich mir selbst gewähre«, sprach die Herrin ruhig weiter, »nicht wahr, Heinrich?«

Es lag so viel mütterliches Wohlwollen in ihrer Aufforderung, daß es nicht verwunderlich war, wenn dem Jungen die Wangen zu brennen begannen. Er warf einen jugendlich schwärmenden Blick auf seine Gebieterin und nickte verschämt, bevor er sich entfernte.

Jetzt mischte sich auch der Abt in das Gespräch.

»Weshalb fragt Ihr, Herr Nikolaus Tschokke?« wandte er sich gespannt an den Bürgermeister. »Euer Blick ist nicht frei von Sorge.«

Der Hamburger streifte sich die schweren Handschuhe auf und prüfte unwillkürlich den kurzen Dolch, der ihm am Ledergürtel hing.

»Ich sorge mich auch«, rang er sich endlich vorsichtig ab, und heimlich umfaßte er abermals das Bild des blonden Fräuleins dort an dem Tisch. »Und deshalb bestelle ich eine Bitte an Euch, hochwürdiger Herr. Ihr wißt, die Gegend hier ist noch unbefriedet. Und wir haben durch Kundschafter in Erfahrung gebracht, daß die Freibeuterflotte gegen Mittag ganz unerwartet Segel setzte und aus dem Hafen verschwand. Wohin, weiß niemand.« Er strich sich unsicher über das glatte Kinn. »Nie habe ich die Vorliebe einzelner unserer hansischen Bundesgenossen für dieses schandbare, gesetzlose Volk geteilt«, fuhr er hastiger fort, »und ich werde nicht eher ruhig sein, als bis der schwarze Fleck von unserer Ostersee getilgt ist. In Euch aber dringe ich. Hochwürden, nehmt das Fräulein morgen mit Euch in die Stadt hinein, wo es am Königshofe sicherer ist als hier in dieser flachen, menschenleeren Einsamkeit.«

Noch hatte er nicht geendet, als dem Eifrigen auffiel, wie erregend sein Vorschlag auf das von ihm umsorgte Mädchen wirkte. Unruhig heftete sie die Augen auf das weiße Linnen, als ob sie angestrengt dort etwas suche, kämpfte mehrfach eine rasch aufsteigende Antwort nieder, bis sie sich endlich zu der Mitteilung entschloß:

»Ich danke Euch, Nikolaus, aber ich darf Burg Ingerlyst nicht verlassen. Die Königin gerade verwies mich hierher.« Und auf den fragenden Blick ihres Jugendfreundes bekannte sie mit ihrer gewohnten bedingungslosen Ehrlichkeit: »Ich habe mich einer Verfehlung in ihren Diensten schuldig gemacht.«

»Ihr?«

Linda nickte, entgegnete jedoch nichts mehr, denn abermals glaubte sie, daß Wellen von Scham und Entsetzen gegen sie anstürzten. Der Bürgermeister indessen forschte nicht weiter.

»Nun gut, Vater Franziskus«, beschied er sich, »dann gebraucht bei Hof Euer Ansehen, damit eine Besatzung hierhergelegt werde. Tut Euer möglichstes, denn solange die Schwarzflaggen in der Nähe wehen, wälzen sich Gesetz und Billigkeit im Kot, und der gemeine Verstand ermißt den frechen Umsturz alles Bestehenden nicht länger. Eure Hand, ich verlasse mich auf Euch.«

»Das dürft Ihr«, stimmte der Abt bereitwillig zu. »Und nun, Herr Nikolaus Tschokke, nehmt meinen Segen, den ich für jeden Redlichen habe. Wind und Wetter seien Euch günstig, und mögen sich die besten Wünsche Eures Lebens erfüllen.«

Der Bürgermeister heftete einen raschen, prüfenden Blick auf das feine, durchgeistigte Antlitz, als er aber in den abgeklärten Zügen nichts als das reinste, gütigste Verstehen las, da riß er sich schnell los, verbeugte sich noch einmal nach der steifen Sitte der Zeit vor dem Fräulein, und ohne auch nur noch eine Falte ihres weißen Kleides berührt zu haben, schied er mit seinem festen, lauten Tritt aus dem Saal.


Die Flamme der Stehampel zuckte, stieg und fiel. Sie war im Verenden. Dafür schickte über den beiden Zurückgebliebenen der eiserne Kranz des Rundreifens das tänzelnde Licht seiner Unschlittkerzen aus, wodurch die Nacktheit der geäderten Kiefernwandung noch deutlicher hervortrat. Auf dem Vorsprung des Kamins ließ eine Sanduhr ihren bunten Staub rinnen und erinnerte die halblaut Plaudernden an das rasche Enteilen der Zeit.

Gräfin Linda und der geistliche Herr hatten ihre Abendmahlzeit beendigt, allein der Zisterzienser Abt machte noch keinerlei Miene, sein Lager aufzusuchen, vielmehr gab er sich Mühe, seine aufmerksame, wenn auch stille und nachdenkliche Wirtin auf eine feine und anregende Weise zu unterhalten. Leicht konnte die Zuhörerin da merken, welch ein vorurteilsloser und gerechter Geist sich hier über die Unbilden und Streitigkeiten ihrer Zeit verbreitete. Wie von ungefähr war ihr Gast so auf die aufsehenerregenden Schriften des Oxforder Professors Wiclif gelangt, die der Gewalt so kühn zu Leibe rückten, und jetzt schien es, als ob der Erzählende mit einer besonderen Absicht länger bei den Angriffen des Engländers gegen die Klosterzucht zu verweilen gedächte. Spielend drehte er den Stiel seines silbernen Weinkelches zwischen den Fingern, während er gesenkten Hauptes, aber doch mit auffälliger Betonung hinwarf:

»Siehst du, liebe Tochter, wenn wir offen sind, so werden wir fast immer in den Anklagen und Schmähungen sogar eines Aufrührers etwas finden, das uns stutzen läßt. So will mir das massenhafte Flüchten der sogenannten Weltmüden in die Zelle niemals gefallen. Ist doch die Welt selbst in unzählige Zellen geteilt und der Mensch dazu da, die rechte für sich zu öffnen, damit er seinen Anteil an dem erlangbaren Friedensschatz empfange. Glaube mir, er quillt da und dort reicher, als jene frühzeitig Besiegten sich träumen lassen. Ist doch das Leben ein ebenso köstliches Geschenk wie der Tod. Und das Licht ein heiligeres als das Dunkel.«

Linda lehnte sich in ihren Armstuhl zurück und verfolgte träumerisch über die Schulter des Mönchs hinweg das Versickern des bunten Sandes in der Uhr. Sehr klar empfand sie, der Abt billige ihre eigene Sehnsucht, in die Stille zu entweichen, keineswegs, ja, wie er ein Aushalten und Bestehen aller Gefahren geradezu für würdiger erachte. Und doch, sie fühlte, wie ihre Natur dem Hang nach Aufhören immer inbrünstiger nachgab, da gerade jetzt etwas in ihr ins Schwanken geraten war, das sich nicht wieder ins Gleichgewicht bringen ließ. Fröstelnd wandte sie sich und lauschte von neuem auf den hohlen Trommelschlag längs der Küste. Als sich aber die gefürchtete Stimme nicht mehr vernehmen ließ, stürzte sie sich beinahe flüchtend in das rettende Gespräch zurück.

»Hochwürdiger Vater«, tastete sie vorsichtig, denn das Herz schlug ihr, da sie sich mit jedem Wort vor dem Klugen zu verraten wähnte, »Ihr meintet vorhin, daß man auch auf das Drohen und Wüten von Aufrührern und Empörern lauschen solle. Sagt mir, glaubt Ihr wirklich, solche Ausgestoßenen und Verdammten, die die Welt mit Greueln füllen, sie könnten jemals zum Guten gesendet sein?«

Abt Franziskus setzte seinen Becher nieder, und seine sprechenden Augen schienen tiefer in seine Gefährtin einzudringen, als ihr angenehm war. Dann fragte er bestimmt:

»Sage mir, mein Kind, denkst du an einen Lebenden?«

Da zuckte wieder diese schreckliche Angst in ihr auf, von der sie verzehrt wurde. Erblassend senkte sie das blonde Haupt, und während sie emsig auf dem weißen Linnen herumstrich, da suchte die Gräfin sich der drohenden Beichte durch eine Ausflucht zu entziehen.

»Die Erde ist jetzt voll von Gewalttat und Umsturz«, wich sie unsicher aus, »man weiß oft nicht mehr, welchen Pfad man wählen soll.«

Der Mönch nickte sacht. Er strebte, diese verstörte Seele zu sänftigen.

»Wohl, meine Tochter«, stimmte er mit seiner milden, tröstlichen Stimme zu. »Aber alle Pfade, die der Mensch, schreitet, sind Gottes Wege. Darin besteht eben das Wundersame dieses uns geschenkten Lebens, daß sein Teppich so bunt und voller Farben prangt. Der Ewige verkündet seinen Willen nicht nur aus eines einzigen Menschen Mund, sondern gerade im Widerstreit der vielen feindlichen Stimmen will er sich offenbaren. Wer von uns schwankem Rohrgeschlecht darf behaupten, ich allein habe die Wahrheit? ›Wo ist Wahrheit?« fragt Pilatus noch immer.«

Sinnend senkte der Mönch sein Haupt auf die Brust, rückte seinen Armsessel herum, und die ersterbende Glut des Kamins warf Flammenspritzer auf die sich stark verbreitende Tonsur des Alten und erreichte auch seine noch dunkelblonden Haarbüschel.

»Sieh«, verlor er sich in das Springen und Laufen der Funken zu seinen Füßen, »auf meiner Heimatinsel Rügen, da kannte ich vor mehr als einem Jahrzehnt einen Knaben, ein Kind adliger Gewalt, dem groß Unrecht geschehen. Dieser taumelte wie trunken zwischen Hölle und Himmel, als sei er ein Spiegelbild oder der Schatten der ganzen leidenden Menschheit. Und ich weiß, er rang redlich mit seiner düsteren, grimmigen, lechzenden Leidenschaft nach Wahrheit und Segen, nicht für sich, sondern für die vom Leben Vergessenen und Verfluchten. Aber dann – ehe er das gefunden, was nur einem vorausschauenden Gott beschieden sein kann, verschlang den Ungerüsteten, Unvorbereiteten bereits die Woge der tollen Zeit, und nur ein Gerücht meldete noch von ihm, daß er ein Mächtiger unter den Gesetzlosen und Ausgestoßenen geworden sei. Ich habe ihn liebgehabt, und liebend gedenke ich heute noch seiner, weil ich ahne, daß er selbst in seiner jetzigen Gestalt ruhelos, wenn auch auf wirren, verworrenen Pfaden dem Wolkengebild der Wahrheit nachjagt. Wo ist Wahrheit?«

Wehmütig lächelnd schwieg der Abt und streckte seine feinen durchsichtigen Hände näher gegen das Feuer aus. So gewahrte er nicht, daß seine Gefährtin von seiner Erinnerung getroffen war, als habe sie eine Faust vor die Brust geschlagen. Atemlos und völlig unvermögend, den Sturm, der sie rüttelte, noch länger zu bestehen, hing das blasse Weib ihre erschreckten Augen an den Mönch und gab sich keine Mühe mehr, sich zu verstellen.

»War das der Störtebecker?« fügte sie mühsam aneinander.

Der geistliche Herr aber, ohne sich scheinbar über den verdächtigen Ton zu wundern oder an dem Zusammenhang deuteln zu wollen, schüttelte leise das Haupt.

»Ich weiß es nicht. Mein junger Freund führte wohl einen ähnlichen Namen, aber vieles, was man von dem Freibeuterfahrer im Volke erzählt, widerspricht doch gar zu sehr meinem jugendlichen Bilde. Zum Beispiel seine ausschweifende Trunksucht oder die kalte Gleichgültigkeit gegen Rechte und Leben einzelner. Nein, nein, diese helle Jünglingsgestalt habe ich, so wie sie war, in meinem Gemüt bestattet und einen Segen darüber gesprochen. Gebe Gott, daß aus der Gruft nicht ein anderer Mann auferstehe.«

Damit versank der Mönch in erneutes Grübeln und ließ Linda Zeit, sich notdürftig zu fassen. Unruhig blickte sich die Gräfin in dem kahlen Räume um, sie zählte die Windstöße, die um die Mauern heulten, und als irgendwo auf den Fluren ein Tritt laut wurde, da ertappte sie sich dabei, wie sie alle Verstecke und Schlupfwinkel des alten Meerkastells durchstöberte, um sich womöglich dort zu verbergen. Ihr ererbter nordischer Wikingermut war gänzlich von ihr gewichen. Plötzlich erhob sie sich. Ihre Brust ging schneller als sonst. Auch ihr Gast wurde aufmerksam. »Ich wünschte, ich könnte Euch morgen in die Stadt folgen, hochwürdiger Vater«, überwand das Mädchen einen sie überfliegenden Schauer, und dabei schritt sie in die Ausbuchtung, wo sie die kleine Ampel an sich zog. »In dem finsteren Gemäuer hier ist's schlimm. Überall springen Gestalten aus den Wänden, die mir zurufen, ohne daß ich darauf eine Antwort wüßte. Es sind Ausgeburten der Einsamkeit, und ich habe keine Hilfe gegen sie als Schlaf und Gebet.«

»Und ein heiteres, tätiges Frauenwerk, wie es den Müttern ziemt«, schaltete der Abt sanft ein, der geräuschlos seinen Sitz verlassen hatte und nun teilnehmend vor ihr stand. Sachte hob er die Rechte gegen das müde Licht, so daß das rinnende Blut in seinen Fingern zu schimmern begann. »Alte Hausweisheit«, erinnerte er mahnend. »Sorge für Gatten und Nachkommenschaft erschließt den Jungweibern ihre eigene Seele. Alles davor ist Traum und Umweg. Aber nun – ich will mir nicht mehr von dir anmaßen, als du mir selbst gibst –, nun sei Friede über dir diese Nacht.«

Er wandte sich, und die Gräfin folgte ihm, die Leuchte in der erhobenen Rechten. Vor den Schreitenden glitten schwarze Schatten über die rohen Kiefernwände, aus dem Holz beugten sich undeutliche, verzerrte Gebilde und griffen nach ihnen. Der Mönch öffnete gerade die Pforte, als die beiden wie auf Verabredung innehielten. Jeder las in den Zügen des Gefährten, ob auch der andere diesen hellen Schrei aufgefangen, jenes hemmungslos tierische Kreischen, das aus dem Pfeifen des Windes mit schriller Verzweiflung herausgellte, um gleich darauf wieder in dem langgezogenen Winseln zu verschwinden.

Linda zitterte, und doch lächelte sie matt.

»Eulen«, erklärte sie, »sie horsten oben auf den Türmen und fliegen jetzt aus. Es sind meine Haustiere«, wollte sie noch mit trübem Spott hinzusetzen, ohne sich doch selbst dem Glauben an ihre Worte hingeben zu können.

In diesem Augenblick donnerte durch das Gebäude ein kurzes, scharfes Krachen. Ein Schlag schien die Steine aus den Mauern zu reißen, die Dielen wankten, selbst auf dem Tisch klirrte das Metallgeschirr einen singenden Ton. Ungläubig, verängstet hielt sich der Mönch an dem Pfosten zwischen Saal und dunklem Gang fest, sein verblaßtes Antlitz aber war der Gräfin zugekehrt, als erhoffe er auch für dieses herzumwendende Toben eine tröstliche Deutung. Und Linda, obwohl ihr Herz in der Erwartung nahen Unheils wie zwischen Eisstücken geschichtet lag, sprach in unnatürlicher Ruhe:

»Der Sturm sprengt die Torangeln. Aber da du hier bist, Vater, wird Gott bei uns sein.«

So standen sie eine Weile, und da sich nichts weiter rührte, so begannen sie einander ihren Kleinmut fortzulächeln. Aber seltsam, warum verharrten sie noch immer, um auf einen einzelnen Schritt zu lauschen, der sich langsam, schwer und wuchtig in den langen Gängen vor dem Saal verkündete? Es war natürlich einer der Knechte, der das Licht zu löschen kam. Nur hätte er schneller nahen können, dienstfertiger; gleichviel – – – – worauf warteten sie noch? Gemessen drehte sich die große Eingangstür in ihren Angeln, und dann – in dem Saal wurde es still, als ob der Tod eingetreten wäre. Wirklichkeit und Wahnsinn tanzten miteinander. Keiner wagte auch nur durch einen Luftzug zu verraten, daß hier noch Sinn für die gewöhnliche Ordnung der Dinge atmete.

Auf der Schwelle ragte ein übergroßer Mensch, in einen nassen, schwarzen Mantel gehüllt, die Lederkappe zerbeult in die Stirn gedrückt. Gleichgültig schickte der Eindringling einen raschen Blick in dem Raum umher, dann schritt er ohne Eile, wie ein Bewohner des Hauses, auf die Tafel zu, schleuderte Mantel und Mütze mitten auf den Estrich und warf sich selbst in einen der leeren Sessel. Den Tisch, der ihn beengte, stieß er krachend mit dem Fuß beiseite.

»Schafft Wein und Speise«, befahl er den beiden Leblosen, und als sich die Gebannten nicht regten, stieß er ein kurzes Gelächter aus, ein Helles, wohlklingendes Lachen, und winkte lässig. »Ihr da, zeigt fröhliche Gesichter – was steht ihr und haltet Maulaffen feil? – Eilt euch, ihr seid geladen!«

Da rann Leben in die beiden Entsetzensstarren zurück, fieberndes, beißendes Blut, und während die Hausherrin sich gegen den Pfosten lehnte, um die Hand gegen die Erscheinung auszustrecken, als hätte sie dadurch die Macht, diesen wahnwitzigen, wohl nur aus vergifteten Gedanken aufgestiegenen Spuk wieder zu verscheuchen, da wankte der Abt etwas weiter in den Saal hinein, entschlossen, seine geistliche Würde gegen den Niederbruch aller Sitten zu setzen.

»Wer bist du?« rief er, indem er sein Zittern überwand. »Im Namen Gottes und seiner unverbrüchlichen Gebote frage ich dich, was du vorhast und wer du bist?«

Die Stimme verstärkte sich, je kräftiger der Sprecher den Widerhall von den Wänden zurückempfing. Auf den hochgewachsenen, schlanken Eindringling jedoch schien sie jede Wirkung zu verfehlen. Das Bellen eines kleinen Hündchens hätte ihn nicht weniger behelligen können. Der Schein der Unschlittkerzen von dem Rundreifen umflackerte ihn, wie er jetzt den ungeheuren Weinhumpen an sich riß, um ihn ohne Umstände mit beiden Fäusten an seine erhobenen Lippen zu führen. Durstig schluckte er den übriggebliebenen Trank, es war eher ein Stürzen zu nennen, nur daß sich zuweilen in der geleerten Höhlung dumpf und kollernd sein spöttisches Gelächter fortsetzte. Der feierliche Anruf des Conaer Abtes schien ihn höchlich zu ergötzen.

»Still, keine Predigt, Braunrock«, atmete er endlich auf, während er das schwere Gerät auf den Tisch krachen ließ, und dabei schob er sich, zu neuen Taten bereit, die Lederjacke zurück, so daß weite rotseidene Ärmel zum Vorschein kamen. »Gib Ruhe. – Wer soll ich sein? Ein Mensch bin ich, also ein armselig Ding, das von Gott kaum eine Spur und vom Teufel eine reiche Erbschaft miterhielt.« Er lehnte sich zurück und trommelte mit beiden Fäusten auf dem Linnen herum. »Möchtest aber lieber nach Stand und Namen herumkramen?! Komm, trink mit mir und denk inzwischen einen Witz aus, warum deiner Kumpanei der gemeine Mensch in seiner Armut und Nacktheit einen solchen Schrecken einjagt, du Nachfolger Christi.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, rückte der Fremde ungeduldig an den leeren Schüsseln, blickte hinein, dann wandte er sich und schrie ein paar Namen gegen den Eingang, als ob er eine eigene Dienerschaft mitgebracht hätte. Draußen wurde es lebhaft, man hörte eilige Tritte in den Gängen, und von unten aus den gewölbten Hallen drang undeutlich Frauenkreischen und das Geräusch von Waffen.

»Wird hier gemordet?« zitterte Vater Franziskus.

Der andere horchte gespannt und schnürte die Augenbrauen über den schwarzen Sternen fester zusammen.

»Blutvergießen«, tadelte er endlich zurücksinkend, »ist ein töricht und unnützlich Geschäft. Vernichtet und heilt nicht. Aber warum wehrt sich euer Geiz auch so hartnäckig dagegen, wenn wir darangehen, in das Erbgut von Mutter Erde nachträglich ein wenig Ordnung zu bringen?«

»Mensch, entsetzlicher«, rief der Mönch, jetzt all seinen Mut zusammenraffend, da er merkte, wie in dem schmalen, edel gebildeten Antlitz des Fremden sich ein grüblerischer Zug einzeichnete. »Was ersinnst du lügnerische Ausflüchte für Raub und Diebstahl?«

Der in dem Lederwams schüttelte sich leicht, als wenn ihn fröstele, trotzdem warf er plötzlich auch noch die Überjacke auf den Estrich und saß nun da in seiner rotseidenen Schecke, eine goldene Kette über der breiten Brust. Den braunlockigen Kopf stützte er nachdenklich in beide Hände.

»Keife nicht«, brachte er nach einer Weile versonnen hervor, und es war, als ob er mehr mit sich selbst spräche. »Für dieselben Streiche hast du geflennt und Gebete gejammert, wenn sie von euren Trabanten herrührten.« Er strich über die hohe Stirn und schüttelte sich wieder. »Aber darin geb ich dir recht, 's ist kein Sinn und Verstand dabei, die hübschen Goldstücke nur etwas schneller von einer Hand in die andere rollen zu lassen, wenn sie zu nichts anderem verwendet werden als zum Saufen, Huren und Prassen. Zwar auch dies ist ein gut Ding.« Wuchtig schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß die zinnernen Schüsseln in die Höhe sprangen. »Komm, bring die Dirne da mit, sie hat einen ranken Leib, und dann trinken wir uns einen Rausch darauf, daß Gott oder der Teufel eine feinere Lebensweise für ihre zweibeinigen Ebenbilder ersinne. Was gibst du mir, wenn der Gedanke schon unterwegs ist? Vielleicht wälzt er sich bereits im Hirn eines Übeltäters. Denn, halleluja, der Gedanke wenigstens braucht kein edel Haus, er wohnt überall!«

Gerade wollte sich der Rotseidene wieder herumwerfen, um sich zu überzeugen, ob seinen herausgeschrienen Befehlen endlich Folge geleistet würde, da brach die Eingangstür auseinander, und vor den fassungslosen Blicken der Hausherrin und ihres Gastes quoll ein Schwarm derber, wettergebräunter Seeleute herein. Alte und junge Männer, verdächtig anzuschauen mit ihren narbenzerrissenen Gesichtern voll Auflehnung und Zuchtlosigkeit, und alle Arme beladen mit der Ausbeute ihres wilden Handwerks. Die einen schleppten Linnenballen und silbernes Gerät mit sich, die anderen schleuderten jauchzend Schinken oder Schüsseln voll geräucherter Fische auf den Tisch, ja, ein paar junge Burschen rollten sogar ein verschimmeltes Weinfaß herein, schlugen den Spund heraus und begannen unter Flüchen und rohen Scherzen eine Kanne um die andere mit dem roten Saft zu füllen. Klatschend stürzte das köstliche Naß auf die sauberen Dielen. Es sah aus, als wäre die fessellose, an keinen Befehl gebundene Gesellschaft bereit, den Rausch ihres so leicht erworbenen Besitzes sogleich an Ort und Stelle auszukosten. Kaum aber hatten die ersten Tropfen des starken Weines ihre Lippen benetzt, da wurden sie alle von einem Freudentaumel erfaßt, die letzte Zurückhaltung ging unter. Genießen, schlürfen, fressen und saufen schien ihr einziger Zweck. Wo sie gingen und standen, fielen sie auf dem Estrich nieder, hieben die Becher gegeneinander, grölten, lachten und zankten, und mitten aus dem wüsten Braus fingen sie an, ihre Zunftlieder zu heulen. Gierige Blicke und geschwungene Humpen richteten sich gegen das Weib, das matt und müde, geschlossenen Auges an dem fernen Pfosten lehnte.

Heiser brüllten die rauhen Kehlen.

Die Jauchzer überschlugen sich, schrille Pfiffe gellten durch den Raum, die Begeisterten wälzten sich auf den Dielen, rissen und zerrten sich gegenseitig an den Frauengewändern, die viele von ihnen verkehrt über die Schulter geworfen hatten, und üble Reden flogen zu den beiden Menschen aus einer anderen Welt herüber.

Ein grausig Gelächter wurde aufgeschlagen, dann spritzte es wieder aus dem Faß, und der Wein klatschte auf die Erde. In all den Lärm hatte der Hauptmann, zu dessen Füßen sich der Knäuel verschlang, mit einem sonderbaren, erfrorenen Lächeln hineingeschaut. Nun aber schüttelte er sich erwachend, wie jemand, der angespritzten Kot von sich abschleudert, und um seinen herrischen Mund irrte ein Zug von Grausamkeit und Hohn.

»Ja, das sind meine lieben Kinder, an denen ich meine Freude habe«, sagte er mit einer biblischen Anspielung, und dabei bewegte er die Hand, als ob er die Rotte in ihrer Gesamtheit vorstellen wollte. »Sie geben sich nicht anders, als sie sind. Lug und Trug kennen sie nicht.« Und als er das ungemessene Entsetzen, den Ekel und den Abscheu in den Augen seiner beiden Gefangenen las, stieß er trotzig und voll grimmiger Rechthaberei hervor: »Folglich sind sie echt. Wer kann das in dieser falschen Welt von sich behaupten? He?«

Plötzlich riß sich der Sitzende herum, bückte sich und packte den vordersten der Gesellen unsanft an der Brust. Ein Zug, und der Stiernackige war auf die Beine gebracht. Da unterbrachen auch die anderen ihr Schlemmen, und es wurde so still und lautlos, wie es vorher wüst und unbändig gewesen.

»Wulf Wulfram«, herrschte der Anführer scharf, »was habe ich dir befohlen?«

Der herkulische Bootsmann wurde verlegen, er kratzte sich in seiner rotbraunen Schifferkrause und suchte sich, wie ein Schüler vor dem Lehrer, auf seine Aufgabe zu besinnen.

»Du sagtest, Admiral – – du sagtest – –«

»Was, Mensch?«

»Wir sollten Gold und Silber von hier zu Schiff bringen. Mehr nicht.«

»Mehr nicht! Nun wohlan, das ist deutlich. Aber, Wulf Wulflam«, und er zerrte ihn heftiger an der Brust, »lauert hinter deiner Fratze nicht noch ein ander Gelüst? He?«

Ungewiß starrte ihn der Schiffer an, allmählich erstarb sein Grinsen, und seine anfängliche Sicherheit ging in Scheu und Unterwürfigkeit über. Auch seine Genossen hielten kleinlaut mit ihrem Toben inne, scharrend erhoben sich die Seeleute und rotteten sich verstohlen um ihren Bootsmann zusammen. Lauschend streckten sie die Köpfe vor, als gäbe es nichts so Wichtiges, als das winzigste Wort ihres Führers aufzufangen.

»Herr«, suchte sich der Bootsmann in verlegenem Trotz zu verteidigen, »wir dachten – wir meinten –«, und unwirsch polterte er heraus: »Der alte Kasten hier wäre auch längst reif für den Teufel und zum Ausräuchern.«

Weiter kam er nicht. Eine Blutwelle schnellte bis in die Stirn des Admirals, mit einem erbitterten Griff zuckte er nach seinem Dolch, riß ihn vom Gürtel und preßte das haarscharfe Messer dem Erschrockenen gerade auf die Kehle. Ein lauter Schrei entfuhr den anderen, aber auch Linda und ihr Gast klammerten betäubt, schutzsuchend ihre Hände umeinander. »Du räudiger Hund«, keuchte der Rotseidene mit einer jedes Maß überlodernden Wildheit. »Meinst du, du seist der erste, den ich von meinen Kindern stillgemacht? Wir stehlen nicht, wir sammeln einen Schatz. Zu welchem Zweck, weiß ich allein. Und wehe dem – einen Strick am höchsten Mast für den, der meine Pläne stört. Hast du es dir gemerkt?«

»Wohl, Herr«, stotterte der Bootsmann bezwungen.

Ein Murmeln erhob sich unter der Schar, das Verborgene, Geheimnisvolle, das hier angedeutet wurde, oder der unerbittliche Zwang, der von diesem einen ausging, er schloß die Ausgestoßenen wieder zu einem willigen Bund. Das dunkle Gefühl ihrer Sendung packte sie abermals. Der Admiral aber winkte heftig mit der Hand, als hätte er schon zu lange mit dem Haufen geschwatzt.

»Fort – tut, was euch geheißen – und mit dem Morgengrauen sind wir von hinnen.«

Da schob sich die Rotte lärmend, in überstürztem Gedränge zur Tür hinaus, jeder froh, der Gesellschaft dieses einsamen Menschen dort drinnen überhoben zu sein. Hinter ihnen blieb nichts als die leis aufgewirbelten Stäubchen, die blau und durchsichtig zu den Lichtern emporstiegen. Der Verlassene jedoch reckte die Arme, schüttelte nach seiner Gewohnheit das eben Vergangene unbegreiflich schnell ab, und nachdem er die lockigen Haare leichtsinnig in den Nacken geworfen, beugte er sich hungrig über die ihm vorgesetzten Schüsseln. Hastig und doch ganz mit den Gebärden eines großen Herrn begann er zu tafeln. Dabei vergaß er für eine Weile völlig der beiden Zuschauer, die an der fernen Wand, eng aneinandergeschmiegt, unter Grauen und Schrecken beobachten mußten, wie oft der gewaltige Weinhumpen an die Lippen des Fremden stieg. Von Zeit zu Zeit wandte sich der Seefahrer und ließ neuen Trank in die Kanne laufen. Allein bei einer dieser Bewegungen mußten dem Eindringling endlich die zwei Schatten dort drüben an der Kiefernwand auffallen, denn er ließ das Weingefäß sinken und richtete seine schwarzen Augen mehr verwundert als in irgendeiner feindlichen Absicht auf die unfreiwilligen Zeugen seines Schmauses. Die verzerrte Bestürzung in ihren Gesichtern, die quälende Angst, mit der sie ihr Schicksal erwarteten, schienen den Zecher zu stören. Unvermutet sprang er auf, so daß alles auf der Tafel zitterte, und während er rasch auf die ihm Preisgegebenen zuschritt, empfanden diese trotz ihrer wachsenden Not das Wunder, wie geschmeidig und unangefochten der Seefahrer auch nach jenem unerhörten Trunk seinen Gang beherrschte. Kein Rausch hatte ihn unterjocht, nur die dunklen Augen waren unnatürlich erweitert und sprühten und blitzten, als ob sie in Brand geraten wären.

Jetzt stand der Hochgewachsene dicht vor ihnen, setzte die Hände in die Seiten und schlug endlich ein kurzes Gelächter auf.

»Kommt, ihr beiden Lämmer«, lud er sie ein, »nehmt das Ding, wie es ist, und steht nicht wie die armen Schindluder vor dem Henkerkarren. Muß denn Donnerwetter und Gewitter immer nur von oben kommen? Es kracht auch einmal von unten, wie euch der Feuerberg auf Island lehren sollte. Und die Anwohner glauben dann, es gäbe ein fruchtreich Jahr.« Spielend faßte er den Mönch an der Kutte. »Überdies, Hochwürdiger, wie schrieb dein Freund, der Rechtsbeuger Cicero? › Varietas delectat«, und ich setze hinzu: ›Der Teufel dachte ebenso, da er Buttermilch mit der Mistgabel aß.««

Dringender zerrte er den Geistlichen an seinem Faltenrock, denn er wollte ihn zwingen, ihm an den Tisch zu folgen; der aber wich schützend vor die Gräfin zurück, und schlug plötzlich beide Hände zusammen. Ein entgeisterter, verzweifelter Blick des Erkennens brach aus den guten Augen des Alten.

»Barmherzigkeit«, flüsterte er schwach. »Claus – Claus Beckera. Du bist's, verbirg dich nicht. Auferstanden aus dem Grabe als blutige Geißel. Als ein vergiftet Saatkorn, von dem die Menschen sterben. Mann – Knabe – deine Eltern, deine Mutter – deine Jugend –«

Im Saale wurde es still. So still, daß man den feinen Streusand auf dem Estrich unter den Füßen der drei Menschen knirschen hörte. Schwelgend, unbeweglich stand der Störtebecker dem Mönche zugekehrt, und man hätte glauben können, daß er gelähmt, erschüttert sei durch das Auftauchen jener längst entschwundenen Gestalt. Allein kein Anzeichen kündete dies. Weder reichte er dem so unvermutet gefundenen Freunde die Hand, noch hieß er ihn sonst durch ein freundlich Wort willkommen. Nein, er starrte nur unverwandt in die greisen Züge, bis endlich ein tiefer Atemzug verriet, daß er aus Erinnerung und Abwesenheit zurückgekehrt sei.

»Es ist gut, Alter«, sagte er halb im Ton des Befehls. »Ich will dich nicht kränken, aber ich kenne dich nicht. Dich nicht, dein Vaterland nicht und vor allem nicht eure Gesetze.«

»Claus.«

»Still, nur in einem trafst du das Rechte. Auferstanden aus dem Grabe, zu einer neuen Sonne, deren Wärme du nicht mehr fühlen kannst.« Ohne eine Antwort abzuwarten, tat er einen starken Schritt auf die Gräfin zu und hob ihr Haupt gewaltsam am Kinn in die Höhe. Die Zusammengesunkenheit des Mädchens schien seinen Hohn zu reizen. »Warum zitterst du, Weib?« fragte er scharf. Spürbarer faßte er sie an, um sie heftig ins Bewußtsein zu rütteln. »Du siehst aus wie eine Heilige«, rief er wild, sich über sie beugend, »und deine Hand krampft sich um ein Kreuz. Flennst du vielleicht darüber, weil dein Hab und Gut sich zu Speise und Trank wandeln sollen für die, so nicht rein und wohlbekleidet sind wie du Gottselige?«

Da geschah etwas Seltsames.

Weit öffneten sich die blauen Augen des von einem schweren Traum befangenen Mädchens. Abwehrend streckte sie die Hände aus, als wollte sie das Grauen von sich fernhalten, allein, während sich ihr Körper in Erdenqual sträubte, da faltete eine bezwingende, eine ihr ganzes Dasein heiligende Macht ihre Finger zusammen, und über ihre Lippen drängten sich Worte der Demut und des beseligten Gehorsams, wie sie ähnliche niemals vor Altar noch Betstuhl gefunden.

»Nimm, was mein ist«, hauchte sie mit bangem entgeistertem Lächeln. »Da du gekommen bist, die Erde zu reinigen, so geschehe dein Wille.«

»Meine Tochter«, rief der Mönch, über diese fromme Anbetung entsetzt, dazwischen und griff sich verzweifelt an das betäubte Haupt, »du lästerst, du gute Seele. Erwache! In deine Augen spritzt die goldglitzernde Schlange ihr Gift. Die Verführung, die selbst getäuschte, schaut dir ins Antlitz.«

Der Störtebecker preßte plötzlich die Hand des Alten, daß der Abt laut aufschrie.

»Schwatze nicht, grauer Lügner!« fuhr er ihn an. »Meinst du, mein Wein würde schlechter, weil er in einem Mistkübel gereicht wird?«

Allein das Weib, um das der Streit ging, vernahm nichts weiter. In roten Blitzen hatte sich ihr die Vision offenbart, nach der ihre Verlassenheit Tag und Nacht gebangt. Er war da, der Ersehnte war erschienen. Ein herrlicher Mann, blutig und gebieterisch zugleich, beugte sich zu ihr herab, eine rote Wolke umschwebte ihn, und tief unter ihm hoben sich aus dem Morgengrauen tausend und aber tausend Hände, die lobpreisend nach ihm verlangten. Damit sank ihr Bewußtsein in die Knie. Nur verlöschend empfand sie noch, daß sie aufgefangen wurde und geborgen war.

Claus Störtebecker hielt den Leib der Hingestreckten in seinen Armen. Ein Blatt, das auf ihn herabgeweht war, konnte ihn nicht lastender beschweren. Aber gespannt, fieberig, hingenommen starrte er jetzt auf diese erste Seele, die er von den Zinnen der Menschheit gebrochen und die sich doch zu ihm bekannt.

In halbem Verständnis nur streichelte er ihr das blonde Haar aus den Schläfen und wandte sich erst unwillig ab, als er sich unvermutet am Arm gehindert fühlte.

»Was willst du?« wies er den Mönch zurück, der sich noch einmal an ihn gedrängt hatte, um jetzt eine schwache Bewegung zu vollführen, als wolle er die Willenlose von ihm empfangen. »Was willst du?«

»Claus«, bat Pater Franziskus, am ganzen Leibe bebend, »ich will dir vergeben. Ich will annehmen, daß meine Zeit und die deine einander nicht verstehen können. Aber hier, gegen diese Unmächtige laß mich meine Pflicht erfüllen, wie ich sie gelernt habe. Hier weiche vor meinem Amt, und ich will dich trotz allem, wie vorzeiten, segnen.«

Es war eine Stimme, die vor Seelenangst und Güte brach, aber der, den sie erweichen sollte, schüttelte hastig und finster das dunkle Haupt.

»Die ist mein«, widerstrebte er auflodernd. »Um Seelen wird nicht geschachert.«

»Claus, im Namen – – –« Der Abt taumelte und vermochte kaum noch die Rechte zu erheben. »Unglücklicher Mensch, denke daran, was deiner Mutter geschah.«

Da wirbelte ein schneidendes Gelächter aus der Brust des Seefahrers, mit einem rücksichtslosen Stoß befreite er sich von dem Alten, und während er seine Last fester an sich raffte, schritt er rasch und sicher bis zu dem dunklen Gang, wo er die Tür dröhnend hinter sich ins Schloß warf. Dann drehte er auch noch den ungefügen Schlüssel herum.

Gleich darauf hallten schwere Tritte auf dem gewundenen. endlos laufenden Flur. Nur ab und zu brach durch ein Bogenfenster wolkiges Mondlicht über die Steinfliesen, und dann konnte der Träger diese und jene Wendeltreppe unterscheiden, die mit rohem Geländergebälk in ein oberes Stockwerk leitete.

Wiederholt hatte der Gewalttätige Vorhänge zurückgeschlagen oder eine schwere Tür geöffnet, doch immer mußte er in der Dunkelheit einen der kahlen Wohnräume erkennen, wie sie solch alten Kastellen eigen.

Allmählich aber begann er sich mit den Herzschlägen des stillen Wesens, das er an sich preßte, eins zu fühlen. Eng und warm ruhte es an seiner Brust, nicht mehr als unnahbare, frostige Heilige, sondern weich und biegsam, ähnlich den unzähligen anderen, die der Unbändige nur geschaffen wähnte, um seinen Körperdurst zu stillen. Aber hier war doch etwas anderes. Mit seinen untrüglichen Nerven spürte er, daß dieses hochgeborene, verschlossene, vor allem Unsauberen schaudernde Geschöpf im Innern des Menschen, der ihr gewiß ein Räuber, ein frecher Wegelagerer sein mußte, die goldene Flamme blitzen sah, wie sie einst auf den Altären gelodert. Und dieses Feuer wollte doch aus Kot und Unrat hinauf zur Gottheit, als ein Notschrei, als eine Anklage, als ein Signal! War sie nicht vor jenem Brand verstehend, beseligt dahingesunken? So etwas hatte der Verwöhnte, der doch befehlen durfte, der Gesetze umstieß und verborgene Wünsche losband, noch nie in seinen Armen gehalten. Ein Eigentum, unlöslicher als jedes andere. Erworben, geknechtet ohne Blut noch Schwert!

Unsicherer wurde sein Schritt, schwerer seine Bürde, summend hörte er das vom Wein und Siegerbewußtsein aufgepeitschte Blut in allen Adern rauschen, und nicht gewöhnt, seinem Willen ein Hemmnis entgegenzusetzen, riß seine Rechte den dünnen Schleier vom Hals seiner Last, und sein Haupt bettete sich suchend auf die kühle Brust seines Opfers. »Mein bist du«, murmelte er, während er verworren auf den regelmäßigen Herzschlag lauschte. »Mein. Deine Welt ist mein. Was kannst du Besseres verlangen, als einzugehen in das, was du erkannt hast?«

Da stand er auch schon vor einer starken Bohlentür, er stieß sie auf, und vom hohen Kamin beleuchtete eine einsame Kerze das starke sechsfüßige Bett, einen Himmel darüber und einen schmalen, mannshohen Stuhl daneben. Und bedenkenlos, freudegeschwellt brach der Störtebecker in den Frieden dieses nie entweihten Raumes.


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