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Bornsteins Versuche, Lena wiederzusehen, waren sämtlich fehlgeschlagen. Uneröffnet kamen seine Briefe zurück. Er raste, aber es half ihm nichts. Sie blieb unerbittlich.

Eine Woche, nachdem er den Eintritt zu Lenas Schlafzimmer erzwungen hatte, wurde ihm durch einen Bankboten das Lena vorgestreckte Kapital samt den noch fälligen Zinsen überbracht.

Die Abrechnung stimmte auf den Pfennig.

Er zerbrach sich den Kopf darüber, wie das zusammenhängen könne. Er fand keine Erklärung, keinen Zusammenhang. Aber bereits die nächste Post brachte dem völlig Verblüfften, wonach er vergeblich gesucht, die Aufklärung in Form einer geschmackvoll ausgestatteten Anzeige:

 

Lena Weiss
Franz Krieger
,
Grosskaufmann,
empfehlen sich als Verlobte.
Berlin, im April 1899.

 

Er zerriss das Blatt in tausend kleine Fetzen und zertrat es unter den Füssen. Seine Wut kannte keine Grenzen. Zum erstenmale in seinem Leben hatte er bei einem Weibe verspielt.

Als Lotte von der Verlobung erfuhr, ward ihr bitter weh ums Herz. Aber hatte sie es nicht selbst so gewollt? War es nicht schliesslich am besten so, da der Freund ihr ja doch lebenslang unwiederbringlich verloren war? Gebe Gott, dass Lena ihn glücklich machte!

Sie hatte sich gerade angekleidet, um zu Luischen hinauszufahren, als Lenas flüchtig hingekritzelter Brief mit der bedeutsamen Nachricht gekommen war. Einen Augenblick dachte sie daran, ihren Besuch in Schmargendorf aufzuschieben, so müde und schwer waren die Glieder ihr plötzlich geworden. Aber nach kurzem Kampf raffte sie sich auf. Bei Luischen war ihr Platz. Sobald es ihr Kind anging, musste sie jederzeit bereit sein. Diese Liebespflichten durften sie niemals müde finden. Sie liebte das Kind nur um so inniger noch, seitdem sein Dasein ihr auch den letzten Freund gekostet hatte.

Am nächsten Nachmittag suchte Lotte Lena auf, um ihr ihre Glückwünsche zu bringen. Sie fand sie allein. Franz war durch die Einrichtung des Geschäfts noch immer sehr stark in Anspruch genommen.

Sie war nicht so heiter, als Lotte es wohl erwartet hatte. Kühl und trocken sprach sie sich aus, als ob es sich um den Abschluss eines wohlüberlegten Geschäfts, nicht aber um Neigung und Liebe gehandelt habe. Mit Genugthuung erzählte sie, dass Franz sie von allen Verpflichtungen gegen Bornstein sofort losgelöst habe, wie es aber mit ihrem Geschäft nun werden solle, ob es nach dem Südosten verlegt oder hier bleiben solle, das sei noch ein streitiger Punkt zwischen ihnen.

Lotte sah die Schwester mit grossen, verwunderten Augen an.

»Wie denn? Du willst Dein Geschäft behalten, Lena, auch wenn ihr verheiratet seid?«

»Aber natürlich. Glaubst Du, ich wollte meine teuer erkaufte Selbständigkeit aufgeben? Bloss die Frau meines Mannes sein? Das hielte ich nicht acht Tage aus.«

»Und was sagt Franz dazu?« fragte Lotte kleinlaut.

Lena lachte.

»Zuerst machte er ein schrecklich dummes Gesicht, so wie früher, Lotte, weisst Du noch, wenn ich etwas besonders Verrücktes ausgeheckt hatte und dann davonlief und ihn stehen liess, weil er doch nicht hätte mitthun können. Nach und nach hat er's aber eingesehen, dass ich eine viel zu moderne Frau bin, um mir an einer langweiligen Wirtschaft genügen zu lassen. Ganz ausgefochten aber ist unser Streit noch immer nicht. Er will, ich soll mit dem Geschäft nach seiner elenden Gegend übersiedeln, ich will natürlich hier bleiben. Ist es nicht schon schlimm genug, dass man in diesem ordinären Stadtteil wohnen muss? Nicht um die Welt verleg' ich mein Geschäft dahin. Abgesehen von allem Uebrigen, würde mir ja meine ganze Stammkundschaft flöten gehen. Na, ich werde ihn schon noch rumkriegen.«

Lotte war sehr nachdenklich geworden.

»Wenn Du Deinen Willen durchsetzst, Lena, werdet Ihr Euch ja den ganzen Tag kaum sehen?«

Lena lachte wieder.

»Du bist gerade so spiessig wie Franz. Ich glaube wirklich, ihr beide hättet doch besser zu einander gepasst. Deswegen brauchst Du nicht rot zu werden, Lotte. Jetzt habe ich ihn einmal und behalte ihn; trotz alledem bin ich nämlich schrecklich verliebt in ihn. Also wovon sprachen wir gerade? Richtig, dass wir uns auf diese Weise den ganzen Tag nicht sehen würden. Der reine Unsinn. So was könnt Ihr auch nur behaupten. Sehr praktisch habe ich mir schon alles ausgedacht. Vor allen Dingen werden Räder angeschafft. Du weisst, Bornstein hat es nie haben wollen, sonst hätte ich längst geradelt. Auf diese Weise brauche ich nicht mehr als gute zehn Minuten vom Moritzplatz bis hierher. Morgens um neun fahre ich ab und um fünf – wir machen natürlich englische Tischzeit – radle ich wieder herein. Wenn dann was besonderes vorliegt, kann ich abends immer noch 'mal heraus. Hat Franz Lust und Zeit, kann er mich ja dann begleiten. Pass nur auf, er giebt schon nach, und schliesslich gefällt es ihm selbst ganz gut, dass wir nicht den ganzen Tag zusammenhocken. Für eine Ehe, in der nicht jeder seine Freiheit hat, danke ich bestens.«

Lotte wollte gerade eine Antwort geben, die im ausgesprochensten Gegensatz zu Lenas Anschauung gelautet haben würde, als Franz eintrat.

Bei Lottes unerwartetem Anblick stutzte er einen Augenblick. Eine grosse, peinliche Verlegenheit schien Herr über ihn werden zu wollen. Aber dann warf er sich trotzig in die Brust.

Sie selbst hatte ihn ja in Lenas Arme getrieben. Und als ob er ihr hätte beweisen wollen, wie wohl ihm darin sei, herzte und küsste er seine Braut, dass Lotte sich errötend abwandte. –

Die Hochzeit war für Anfang Juni festgesetzt worden, bis dahin konnte Lenas Ausstattung fertig sein und Franz' Geschäft einen einigermassen geregelten Gang gehen.

Auf etwas anderes brauchten sie nicht zu warten.

Nur im kleinsten Kreise sollte die Hochzeit gefeiert werden. Der Vater, Lotte, Frau Wohlgebrecht als Anstandsdame, Clementine und Elisabeth von Strehsen und die entsprechende Anzahl Kavaliere für die Damen waren geladen. Lena hätte Kurt gern dabei gehabt, aber der hatte sich seit jenem Abend vor der Katastrophe mit Bornstein nicht wieder gezeigt. Sie hatte ihm durch Elisabeth sagen lassen, sie hege nicht den geringsten Groll gegen ihn, dass er das schuldige Werkzeug zu ihrer und Bornsteins Trennung geworden sei. Dennoch blieb er von der Bildfläche verschwunden. Eines Abends, kurz vor der Hochzeit, als Elisabeth draussen bei Lena sass, berichtete sie unter Thränen den Zusammenhang.

Bornstein hatte seine Hand völlig von Kurt abgezogen. Er hatte es ihm nicht vergeben können, dass er ihn zu dem heftigen Auftritt mit Lena gereizt hatte. Da Kurts Verhältnisse damals gerade ziemlich glatt gewesen waren – Bornstein hatte kurz zuvor ziemlich häufig bluten müssen – hatte er den Dienst auf der Stelle quittiert. Die Mutter habe darauf gedrungen. Sie verlangte, dass ein Strehsen wenigstens ohne Schulden abschnitte. Wochenlang sei er ohne Beschäftigung, ohne Verdienst umhergelaufen, jetzt habe Kurt endlich eine bescheidene Stellung auf einem Bankbureau gefunden. Aber er sei ganz geknickt, der arme Junge, und liesse sich nirgends sehen. Im Grunde sei es, Lena möge ihr das nicht übelnehmen, eine bodenlose Schufterei von Bornstein, denn was habe Kurt denn eigentlich anderes verbrochen, als Bornsteins Aufträgen gemäss gehandelt?

»Die Mutter ist ganz verzweifelt«, fuhr Elisabeth fort, »Kurts Freundschaft mit Bornstein war ihr letzter Halt. An Papa hat sie gar keine Stütze mehr. Er ist menschenscheuer und stumpfsinniger denn je. Die Kreuzzeitung und die Rangliste kommen kaum noch aus seinen Händen. Unser Kleiner soll nun auch zu Michaelis aus dem Korps heraus und irgendwo in die Lehre gesteckt werden. Der arme Junge! Das werden böse Zeiten werden! Aber Mama lässt nicht mit sich reden. Sie ist wie umgewandelt. Früher schien ihr der Soldatenstand die einzig mögliche Carriere für einen Strehsen. Heute hat sie ein förmliches Grauen davor bekommen. Für unseren Graudenzer hoffen wir ja auf die Gnade seines hohen Paten, des Prinzen Leopold. Mama will darum einkommen, dass ihm aus der Privatschatulle des hohen Herrn ein Zuschuss bewilligt wird.«

Lena war es sehr peinlich, dass sie indirekt die Schuld an dem völligen Niedergang der Strehsens trug. Aber was konnte sie dagegen thun? Höchstens den beiden alternden Mädchen ab und zu etwas zukommen lassen.

Bornsteins Handlungsweise begriff sie ganz gut, ja sie gefiel ihr sogar. Es lag etwas Temperamentvolles darin, was sie sonst an Bornstein vermisst hatte. Jedenfalls war es die interessanteste Situation, die er zu Wege gebracht hatte. Das söhnte sie ein wenig mit ihm aus.

Franz hatte sie in der ersten Zeit unausgesetzt über ihre Beziehungen zu Bornstein ausgefragt. Lena hatte es nicht anders erwartet und ihm gesagt, was sie für gut befunden hatte. Im Grunde hatte sie ihm ja nichts zu verheimlichen, aber wozu ihn in alles einweihen? Das konnte für später, wenn es ihm einmal einfallen sollte – und was fiel einem Manne nicht ein? – Schlüsse von der Vergangenheit auf die Gegenwart zu ziehen, am Ende unbequem werden, und Lena wollte keine Unbequemlichkeiten mehr. Mehr als genug hatte sie davon gehabt. Als Frau wollte sie unbeanstandeter noch denn als Mädchen, ihr Leben geniessen, nach allen Richtungen hin. Von Mäkeleien und Nörgeleien wollte sie nichts mehr wissen.

Und Franz mäkelte und nörgelte nicht. Er that ihr jeden Willen und war es zufrieden, wenn sie ihm ein heiteres Gesicht zeigte und er sich an ihren Liebkosungen berauschen durfte. Sie waren das einzige, was ihm darüber forthalf, dass er gethan hatte, was er niemals hätte thun dürfen, dass er sich im Rausch einer kurzen Stunde ernsthaft an Lena gebunden hatte. –

Mit blühenden Flieder- und Schneeballbüschen, mit den ersten knospenden Rosen zog der Juni ins Land. Für den sechsten war die Hochzeit bestimmt. Am vorletzten Tage noch kam eine Absage vom Vater. Er konnte sich nicht entschliessen, sein behagliches Dasein in Karstens Garten auch nur auf ein paar Tage zu unterbrechen. »Er sei ein alter Mann und passe mit seinem Stelzfuss und seiner Pfeife – von seinem Korn sagte er nichts – nicht in eine feine Hochzeits-Gesellschaft. Die Töchter möchten ihm nicht böse sein.«

Lena kam diese Absage sehr gelegen. Sie hatte den Vater überhaupt nur auf Lottes und Franz' dringendes Zureden eingeladen.

Lotte aber war sehr betrübt. Den alten Mann einmal wiederzusehen, war ihr inniges Herzensbedürfnis geworden. Franz brummte und machte ein missmutiges Gesicht. Er erklärte den Alten für einen ausgemachten Egoisten.

Die Hochzeit verlief still und sehr wenig nach Lenas Sinn. Sie hatte an allem auszusetzen. Das Menu war nicht gut zusammengestellt. Franz und Lotte waren in ganz überflüssigem Masse gerührt. Eine Hochzeit war doch am Ende kein Leichenschmaus.

Clementines und Elisabeths unerlaubt schlechte Toiletten brachten sie zur Verzweiflung, ebenso Frau Wohlgebrechts breite, behäbige Redseligkeit. Das einzig erträgliche waren die drei Kavaliere der unverheirateten Damen, die Lena nach eigenem Geschmack gewählt hatte.

Das kurze Diner schien kein Ende nehmen zu wollen. Endlich war man bis zum Eis gelangt. Gleich danach wollte das junge Paar aufbrechen. Franz machte Anstalten, Lotte ein Wort des Abschieds zu sagen. Sein Groll gegen sie war längst geschwunden. Der Trotz, mit dem er sich gewappnet hatte, längst gelöst. Was konnte diese feine Seele dafür, dass sie ihn nicht hatte lieben können? Rührend lieblich sah sie heute aus in ihrem schlichten weissen Kleidchen mit den Rosenknospen im Gürtel, die so blass waren wie ihr schmales Gesichtchen, aus dem die grossen graublauen Augen wie zwei milde Sterne strahlten. Nur einen flüchtigen Händedruck erhaschte er. Lena liess ihm zu einem Abschiedswort nicht Zeit. Sie trieb, um endlich aus der ihr unerträglich langweiligen Gesellschaft herauszukommen.

»Vielleicht ist es besser so«, dachte Franz trübsinnig. Das beste vielleicht, er sah sie überhaupt niemals wieder.

Mit bangen, traurigen Augen blickte Lotte den Davoneilenden nach. Sie hatte sich für stärker gehalten. Sie hatte nicht geahnt, dass dieser letzte entscheidende Schritt, der sie auf immer von Franz trennen musste, ihr wie ein schneidendes Schwert durch die Seele gehen würde.

Eine kurze Weile hielt sie sich mit übermässiger Anstrengung aufrecht. Dann, mit einem gestammelten Vorwand gegen ihre Nachbarn, entfernte sie sich vom Tisch. Sie wollte zu Luischen hinaus, die Thränen, die ihr heiss und trocken in den Augen brannten, ausweinen bei ihrem Kinde.

Die Hochzeitsfeier hatte in Lenas Wohnung stattgefunden.

Als Lotte jetzt durch den Laden schritt, um so schnell wie möglich ins Freie zu gelangen, fühlte sie sich am Arm zurückgehalten.

»Wollen Sie nicht einen Augenblick auf mich warten, Herzchen? Ich komme gleich mit!«

Lotte zwang sich zu einem zustimmenden Lächeln. Sie konnte die gute Frau Wohlgebrecht nicht zurückweisen, so schwer es ihr auch in diesem Augenblick wurde.

Frau Wohlgebrecht war im Umsehen fertig und an ihrer Seite.

»Lassen Sie sich ja nicht stören, Kindchen, wenn Sie etwa einen bestimmten Weg vorhaben. Ich bin für den Tag ganz frei und begleite Sie mit Vergnügen.«

Lotte wurde rot und verlegen. Es kam ihr so vor, als ob Frau Wohlgebrecht mit dieser Bemerkung etwas anzügliches habe sagen wollen.

Oder war es nur ihr schlechtes Gewissen, das sie so misstrauisch machte?

Als Lotte nicht antwortete, blieb Frau Wohlgebrecht stehen und sah ihr freundlich in die Augen. Ein plötzlicher Gedanke schien ihr gekommen zu sein.

»Wissen Sie auch, Herzchen, dass ich Ihnen noch was schuldig bin?«

Lotte schüttelte den Kopf.

»Doch, die Spazierfahrt, die wir im Januar zur Feier Ihrer Rekonvaleszenz machen wollten und die Sie dann hinter meinem Rücken mit Frau Korn gemacht haben, die holen wir heute nach. Passen Sie auf, an diesem schönen Nachmittag werden wir mehr Freude daran haben, als an dem ganzen langweiligen Hochzeitsdiner.«

Sie winkte, ohne Lottes Antwort abzuwarten, einen Taxameter über die Strasse herüber.

»Wo wollen wir hin? Ich denke nach Hundekehle. Der Kutscher kann uns über Schmargendorf fahren, das ist der nächste Weg von hier.«

Lotte stotterte einen schwachen und verlegenen Widerspruch, von dem Frau Wohlgebrecht nichts zu verstehen schien, denn sie nahm ruhig in der Droschke Platz und sagte dem Kutscher Bescheid. Dann lehnte sie sich bequem in die Kissen zurück und nahm Lottes Hand zärtlich in die ihre.

»Ich habe nämlich so eine Idee, Kindchen, als ob Sie auch gern irgendwo herausgewollt hätten. Sehen Sie mir 'mal ehrlich in die Augen! Ist es nicht so?«

Lotte machte einen vergeblichen Versuch etwas zu erwidern, aber sie brachte kein Wort heraus.

Frau Wohlgebrecht fuhr ihr mit der Hand liebkosend über das heiss gewordene Gesicht.

»I lassen Sie man, Kindchen. Sie brauchen mir's ja nicht zu sagen, wenn Sie nicht wollen. Hier wenigstens nicht bei dem Gerumpel, wo man doch kein Wort versteht. Vielleicht geht's draussen besser, wo's still und friedlich ist. Wie wär's denn, wenn wir in Schmargendorf Station machten? Ihre Freundin, Frau Korn, übrigens ein Prachtexemplar von Frau, schwärmt mir immer von dem netten Gärtchen mit den Fliederbüschen vor, das ihre Bekannte, die Tischlersfrau, draussen hat. Da könnten wir vielleicht 'mal reingucken, Lottchen? Der Flieder blüht grade jetzt so schön, und in der Fliederlaube plaudert's sich's gewiss nicht schlecht von allerlei Dingen, über die man sonst nicht gern spricht, und die man einer alten Frau bisher recht überflüssiger Weise verheimlicht hat. Was meinen Sie, Herzenskind, wollen wir zu den Tischlersleuten fahren?«

Lotte hielt mit beiden Händen Frau Wohlgebrechts Hand umschlossen. Sprechen konnte sie nicht. Ganz still sass sie da wie vor einer Offenbarung. Träumte sie denn oder war es Wahrheit? Diese Frau kannte ihre Schuld und sie verwarf sie nicht. Sie hielt zu ihr und sagte ihr in der denkbar zartesten Weise: »Führe mich zu Deinem Kinde!«

Hatte Gerhart das ängstlich gehütete Geheimnis preisgegeben? Hatte Frau Korn es ihr anvertraut? Hatte sie sich selbst verraten? Gleichviel. Was that's, durch wen ihre Schuld offenbar geworden, wenn die Seelengrösse dieser Frau sie nicht verdammte? Wenn ihre grundlose Güte ihr die stützende, schützende Hand reichte?

Wilmersdorf und Friedenau hatten sie hinter sich. Jetzt bogen sie in die breite Chaussee ein, die geraden Weges durch Schmargendorf in den Grunewald führt. Vor ihnen lag das bläulich dunkle Waldland, zur Rechten und Linken Felder, deren bereits dunkelgrün gefärbte Halme sich in dem sanft darüber hingehenden Hauch des Juniwindes neigten. Die Sonne stand noch ziemlich hoch am Himmel und spiegelte sich mit goldenen Reflexen in den Fensterscheiben vereinzelter Gehöfte, in den kleinen stehenden Wassertümpeln zwischen den Aeckern, hinter den sie durchbrechenden niederen Hecken.

Lotte legte den Arm um Frau Wohlgebrechts Schulter und flüsterte:

»Wir werden bald dort sein. Sie können es schon sehen. Dort drüben, rechts von der Strasse, das kleine graue Schieferdach zwischen den dichten dunkeln Büschen.«

Frau Wohlgebrecht drückte Lottes Hand. Dann schwiegen sie beide wieder, bis der Taxameter in der Nähe des Hauses hielt.

»Wir haben uns entschlossen hier zu bleiben«, sagte Frau Wohlgebrecht zu dem Kutscher und lohnte ihn ab.

Dann legte sie ihren Arm in Lottes und liess sich zu der Wohnung der Tischlersleute führen.

Die Frau, die Lotte wohl erwartet haben mochte, da sie oft um diese Zeit herauskam, stand schon mit Luischen im Arm vor dem niederen grünen Staket, das den kleinen Garten umgab.

Jauchzend und lallend streckte das Kind die Arme nach Lotte aus. In tiefer Bewegung drückte sie es einen Augenblick an die Brust, dann reichte sie es Frau Wohlgebrecht, die es auf die Stirn und die blonden Löckchen küsste und dann lange und prüfend betrachtete.

»Gottlob«, sagte sie, Lotte das Kind zurückgebend, »es gleicht Dir auf ein Haar und in keinem Zuge diesem – diesem –« Sie sprach nicht weiter, sondern reichte Lotte die Hand.

»Ich sage jetzt Du zu Dir, Lotte, Du bist von jetzt ab so gut wie meine Tochter. Was er mir sein sollte, seid ihr mir nun, Du und dieses Kind.«

Dann gingen sie, Lotte mit dem jauchzenden Luischen voran, nach der Fliederlaube.

Als sie nach einer Stunde ins Haus zurückkehrten, um das Kind zu Bett zu bringen, wusste Frau Wohlgebrecht alles, was ihr eigenes Herz und Frau Korns Andeutungen ihr bisher noch verschwiegen hatten. Sie hatte Lotte erzählen lassen und sie nur selten unterbrochen. Zum Schluss nur hatte sie gesagt:

»Wenn der Vater Deines Kindes ein anderer wäre, als Gerhart Schmittlein, würde ich auf eine Heirat dringen. So wie es ist – Du siehst, Kind, ich schneide damit in mein eigenes Fleisch – ist es besser, vielleicht gut, dass es so gekommen ist. Du und das Kind, Ihr kommt zu mir. Ihr seid und bleibt meine Familie. Wie sich das alles am besten einrichten lässt, wollen wir in den nächsten Tagen besprechen. Und nun gieb mir das kleine Ding noch 'mal in den Arm, lange genug hast Du's mir vorenthalten.« –

Franz und Lena hatten trotz der dauernd schönen Frühsommertage ihre auf einige Wochen berechnete Hochzeitsreise bedeutend abgekürzt. Ueber die Gründe schwiegen sie. Vielleicht war es nur Geschäftseifer gewesen, der sie so bald zurückgetrieben hatte, wenigstens stürzten sie sich beide mit fast krankhafter Energie in ihre Berufstätigkeiten.

Lena hatte selbstverständlich ihren Willen durchgesetzt und war mit ihrem Geschäft in der Potsdamerstrasse geblieben. Gegen die englische Tischzeit aber hatte Franz energisch Einspruch erhoben. Da er doch um fünf oder sechs Uhr nicht Geschäftsschluss machen konnte, hatte diese Einrichtung keinen Sinn für ihn und lief überdies seiner ganzen Lebensweise zuwider.

Da nun auch Lena ihre gewohnten Geschäftsstunden von neun Uhr morgens bis zwei Uhr mittags und von fünf Uhr nachmittags bis abends um neun, ja oft um zehn Uhr innehielt, blieb der Verkehr der jungen Eheleute auf die Mahlzeiten und die Sonntage beschränkt.

.

Franz fühlte sich sehr unbehaglich bei diesem Leben. Er war verheiratet und hatte doch keine eigentliche Häuslichkeit. Nichts von alledem, was er früher für eine Ehe erträumt hatte, erfüllte sich ihm. Es fehlte ihm die liebende Gefährtin, die Behagen um ihn her verbreitete, wenn er, von der Arbeit ermüdet, in seine Wohnung hinaufstieg. Es fehlte ihm die sorgende Hausfrau, die sich um sein leibliches Wohl und Wehe kümmerte, die zärtliche Freundin, die teilnahm an den Sorgen und Freuden des Geschäfts. Was fragt ein Mann wie er nach einer modernen Frau, die ihren Kopf d'rauf setzte, selbst ihren Mann zu stehen? Lena hatte es nicht mehr nötig zu verdienen, und damit fiel für Franz jeder Grund zur Aufrechterhaltung ihres eigenen Geschäftes fort.

Anfangs hatte er nicht den Mut gehabt, auf diesen Punkt, der vor der Ehe so viel und stets zu seinen Ungunsten erörtert worden war, zurückzukommen. Noch stand er zu sehr unter dem Banne von Lenas Persönlichkeit. Er fürchtete sich davor, durch ein Verlangen, das er stellte, den Zauber der wenigen Liebesstunden zu zerstören. War er dahin, was blieb ihm noch? So verschob er es von Woche zu Woche, ihr Vorstellungen zu machen, sie zu vermögen, wenigstens einen Teil des Tages sich ihm und ihrem Hause zu widmen.

Endlich, an einem Sonntag, als Lena selbst anfing, über den Zeitaufwand und die Anstrengung zu klagen, die der weite Weg trotz des Rades bereitete, entschloss er sich zu einem offenen Wort. Lena sah ihn zuerst an, als ob er plötzlich chaldäisch gesprochen und verlangt hätte, dass sie ihn verstehen solle. Dann fuhr sie auf.

»Was denn, noch weniger soll ich im Geschäft sein? Was ich so mühsam begonnen habe, soll ich nun, da etwas erreicht ist, bei Seite werfen? Einen netten Begriff hast Du von mir. Im übrigen, mein Lieber, hast Du mich wirklich nicht verstanden. Als ich eben über den Zeitverlust infolge des weiten Weges klagte, wollte ich nicht etwa damit sagen, dass ich weniger, sondern ganz im Gegenteil, dass ich mehr in meinem Geschäft sein wolle, und es zu diesem Zweck für sehr wünschenswert halte, dass wir die Wohnung hier aufgeben und hinausziehen. Welcher anständige Mensch wohnt heute überhaupt noch in der Nähe des Moritzplatz!«

Während sie sprach, hatte sich sein Gesicht immer mehr verfinstert. Da sie viel zu bequem war, um Streit zu suchen, machte sie, sobald sie die Veränderung in seinen Zügen sah, eine scherzhafte Bemerkung und beugte sich zu ihm herüber, um ihn zu küssen. In ihrer sieggewohnten Weise glaubte sie die Sache damit abgethan. Er aber wich ihrer Liebkosung aus und verliess das Zimmer, ohne ein Wort zu erwidern.

Er stieg die Treppe zu seinem Geschäftslokal hinunter und schloss sein Privatbureau auf.

Dann sank er stöhnend, das Gesicht in beiden Händen vergrabend, in einen Sessel.

Mein Gott, was hatte er gethan! Wie hatte er sich hinreissen lassen können, dieses Mädchen zu heiraten, das ihn nicht einmal liebte, wie er es zu Anfang geglaubt und damit seine eigenen Bedenken ertötet hatte. Dieses Mädchen, das nicht des kleinsten Opfers, nicht des kleinsten Zugeständnisses fähig war, das seinen eigenen Weg ging, als ob er überhaupt nicht auf der Welt gewesen wäre! Lena liebte ihn nicht. Von der ersten Stunde ihrer Ehe ab hatte er es gewusst. Warum aber hatte sie die Küsse, mit denen er sie im Sinnentaumel geküsst, um seine unselige Liebe zu Lotte darin zu ersticken, für ernste Werbung genommen? Warum diese Küsse durch Worte ergänzt, die er nie gesprochen, nie gedacht hatte?

Wenn er es heute recht überlegte, hatte nicht er um Lena, nein, Lena hatte um ihn geworben. Aber warum, warum? Sie liebte ihn ja nicht, hatte ihn ja niemals geliebt. Täglich, stündlich bewies sie es ihm. Was er für Liebe gehalten, war auch bei ihr nichts als ein Taumel gewesen, in dem sie einander fortgerissen hatten. Warum hatte sie ihn aber heiraten wollen? Sie war ja doch nicht die Frau, die es für moralisch geboten hält, ein paar heisse Küsse gleich durch die Ehe legitimieren zu lassen? Sie, die so gern das moderne, über alle Vorurteile erhabene Weib spielte?

Da plötzlich traf den verzweifelt Grübelnden ein Gedanke, jäh, grell, wie ein Blitzstrahl. Wie, wenn Lena Gründe geleitet hätten, die weit ab von einer Neigung zu ihm lagen, wenn sie ihn nur gegen einen andern hatte ausspielen wollen, dessen sie überdrüssig geworden war, gegen diesen Bornstein, von dem er sie hatte loskaufen müssen mit pekuniären Opfern, die ihn für den Augenblick fast erdrückt hatten?

Oder war sie am Ende doch nicht die kluge, kühle Frau gewesen, für die er sie immer gehalten hatte, die mit allen andern gespielt und nur mit ihm Ernst gemacht hatte?

Er sprang auf und stiess den Stuhl, in dem er gesessen hatte, weit hinter sich zurück. Wenn das wahr wäre, wenn dieses Mädchen ihn zum Narren gehalten hätte, ihn, den dummen Kleinstädter, der blind und blöde auf ihre Reize hereingefallen war, wenn sie ihn nur so rasch in die Ehe hineingetrieben hätte, weil – weil ein anderer vor ihm –!

Er schlug sich vor den Kopf. Er raste. Er reckte die Fäuste drohend in die Luft. Er war wie von Sinnen. Dann plötzlich kam eine grosse Ruhe über ihn. Wohin hatte er sich denn verirrt? Hatte er etwa ein Recht, gegen Lena zu toben, selbst wenn es so war? Was hatte er denn anders gethan, als sie schmachvoll betrogen, da er sie mit der Liebe zu Lotte im Herzen geheiratet hatte?

Eisig kroch ihm diese Erkenntnis zu Herzen. Nicht einmal das Recht stand ihm zu, nach ihrer Schuld zu forschen, oder aber, wenn er sie wirklich gefunden hätte, darüber zu Gericht zu sitzen.

Nichts blieb ihm, nichts, als das selbstverschuldete Elend zu tragen, den Makel, wenn ein solcher auf der Ehre seines Hauses lag, sitzen zu lassen, ungesühnt, ungerächt. –

Lena hatte die ganze Angelegenheit nur als eine Laune ihres Mannes betrachtet. Er konnte ja am Ende nicht ernsthaft daran denken, dass sie zu Haus sitzen sollte und auf ihn warten, bis er geruhte, vom Geschäft heraufzukommen, um dann als unterwürfige Sklavin Gott weiss was für niedere Dienste für ihn zu verrichten.

Mit der veralteten Anschauung, dass die Frau nur eine höhere Magd des Mannes sei, hatte man ja, in Berlin wenigstens, gründlich aufgeräumt. Wenn Franz noch so kleinstädtische Anschauungen hatte, musste er eben versuchen, sie sich abzugewöhnen. Gelang es ihm nicht, blieb ihm nichts übrig, als den Schaden zu tragen.

Als Lena aber am Ende einsah, dass Franz die Sache wirklich ernst und unbequem schwer nahm, zuckte sie die Achseln und ging erst recht ihre eigenen Wege. Es war ihr um so leichter gemacht, Franz zu trotzen, als sich jetzt, nach dem Herbst zu, ihre alte Stammkundschaft wieder bei ihr einfand und damit die Theestunden in Ihrem türkischen Boudoir wieder ihren Anfang nehmen konnten. Da war sie wenigstens vor Langerweile und Vorwürfen sicher. Dass ihre alten und jungen Verehrer jetzt, seit sie Frau war, ihr nur um so ungenierter den Hof machten, war das einzige, was ihr die Ehe erträglich machte. Sie hatte ja auch gar nichts anderes mit dieser Heirat bezweckt, als Frau zu heissen und sich freier noch bewegen zu können denn als Mädchen. Dass Franz, den sie blind verliebt und zu allem willig geglaubt hatte, Kritik übte und persönliche Ansprüche geltend machte, war ihr freilich völlig gegen den Strich. Nun, eine Ehe war am Ende keine Zuchthausstrafe auf Lebenszeit. –

Lotte und Frau Wohlgebrecht waren in den Vorbereitungen für ihr zukünftiges gemeinsames Leben, das um Anfang Oktober beginnen sollte, schon sehr weit vorgeschritten. Bald nach ihrem ersten gemeinsamen Besuch an Lenas Hochzeitstag bei Luischen hatte Frau Wohlgebrecht Lotte ihren Plan entwickelt. »Mein Mädelchen«, hatte sie ihr gesagt, »die Sache wird folgendermassen gemacht, und wenn's nicht der liebe Herrgott selber ist, wollen wir mal den sehen, der uns einen Strich durch die Rechnung macht. Ich gebe das Geschäft hier auf – red' Du mir nur da nichts dagegen, für mich ist es ein Glück, wenn ich von hier fortkomme. Ich bin viel zu unmodern für Berlin und komme hier ebenso wenig auf einen grünen Zweig wie Du. Ausserdem verpussele ich hier mit den teuren Spesen und so weiter viel zu viel Geld, denn wenn ich ja auch, Gott sei Dank, ein bischen was zuzusetzen habe, für unser Luischen soll doch auch mal was übrig bleiben. Na, dank' mir nur heute nicht schon, Lotte, einstweilen denk' ich noch nicht ans Abfahren, wo ich eben erst Mutter und Grossmutter geworden bin. Ich suche hier in der Mark was für uns, ein nettes Städtchen, hübsch und freundlich gelegen, nicht zu gross und nicht zu klein, wo sich für ein paar ordentliche Frauensleute, wie wir es sind, noch Arbeit und Verdienst findet. Denn arbeiten und verdienen musst Du natürlich auch, mein Schäfchen, den ganzen Tag mit Luischen rumspielen, das giebt es nicht. Wir mieten eine kleine Parterrewohnung mit einem netten Gärtchen für unsere Puppe. Rechts machst Du Dein Putzgeschäft auf – was Du für Deine einstige Heimat gekonnt, wirst Du ja für Deine künftige auch wieder leisten können, dies verdeixelte Berlin dazwischen, durch das wird ein dicker Strich gemacht – links wird eine Leihbibliothek etabliert. Meinen Gehilfen – dafür, dass Gerhart ihn besorgt hat, ist er wirklich ein merkwürdig anständiger Kerl – nehme ich einstweilen mit, bis alles im Gange ist. Ich habe schon mit ihm darüber gesprochen. Später führe ich das Geschäft wieder allein wie früher, ehe der Junge, der Gerhart, zu mir kam. Tagsüber wird gearbeitet, das Luischen gewartet und erzogen, abends sitzen wir dann gemütlich in unserem Wohnzimmerchen zusammen, im Sommer in unserer Fliederlaube – eine Fliederlaube müssen wir unbedingt haben, schon zur Erinnerung an Schmargendorf –, dann wird geplaudert und gelesen, und ich wette, es soll in der ganzen Stadt keine glücklichere Familie geben als die unsere.«

Was hätte die beglückte Lotte auf diesen Plan anders sagen sollen, als danken und wieder danken und sich geloben, dieser Frau ihre Gutthaten zu lohnen bis an das Ende ihrer Tage. – Mit Luischen beisammen sein dürfen den ganzen lieben langen Tag, ihr Bettchen nachts neben dem ihren haben, wieder arbeiten können mit der Aussicht auf einen bescheidenen Erfolg, die beste mütterliche Freundin in einer geordneten Häuslichkeit sich zur Seite wissen, den Leuten wieder frei in die Augen sehen dürfen, womit hatte sie ein so grosses, friedlich-schönes Glück verdient?

Schon die Vorfreude wirkte auf Lotte wir stärkende Medizin. Sie bekam wieder mehr Farbe, ihr Gang wurde freier und elastischer, auch ein wenig runder schien sie wieder werden zu wollen.

Frau Korn beobachtete das alles mit einem lachenden und einem weinenden Auge. So sehr sie von ganzer Seele Lotte die gute Zeit gönnte, die ihr bevorzustehen schien, die Trennung kam ihr doch gar zu sauer an. Da sie an Lottes Wohlthäterin ihren wehmütigen Zorn doch unmöglich auslassen konnte, ging alles auf Rechnung des »infamigten Schwarzkopfs«!

Wenig genug bekam Frau Korn ihren früheren Schützling jetzt noch zu sehen. Lotte war immer geschäftig und viel unterwegs. Bald in der Zimmerstrasse, um Frau Wohlgebrecht zur Hand zu gehen, bald bei Luischen draussen, bald eifrig in ihren vier engen Wänden an der Nähmaschine. So weit es reichte, wollte sie ihre und Luischens Wäsche und Garderobe noch vervollständigen, damit Frau Wohlgebrecht mit ihrer neuen Familie doch ein bischen Ehre einlegen konnte.

Eines Abends um die Mitte September, Lotte nähte gerade an einem roten Kittelchen für das Kind, wurde an ihrer Klingel gezogen.

Das kam jetzt so selten vor, dass sie ordentlich erschrak. Wer konnte noch so spät zu ihr kommen? Als sie die Thür öffnete, stand Franz vor ihr.

Zum erstenmal seit jenem Regentage im Februar, als sie seine Liebe hatte zurückweisen müssen, trat er wieder über ihre Schwelle.

Sie begrüssten einander herzlich, doch nicht ohne Verlegenheit. Nach den ersten Worten schon stockte ihr Gespräch. Franz stand neben dem Tisch, an dem Lotte gearbeitet hatte, und drehte den Hut unschlüssig in der Hand. Lotte hatte sich gesetzt und mechanisch das Kittelchen für Luischen wieder zur Hand genommen. Sie fühlte, dass sein Blick schwer und traurig auf ihr ruhte.

»Willst Du Dich nicht setzen, Franz?« fragte sie endlich.

»Wenn Du erlaubst, auf einen Augenblick, Lotte.«

Er sah sich im Zimmer um, wo schon allerhand gepackte Kisten und Kasten umherstanden.

»Ich höre – Du selbst hast Dich ja nie bei uns sehen lassen – Du gehst fort von Berlin. Da wollt' ich Dir doch wenigstens Lebewohl sagen.«

Sie sah nicht von ihrer Arbeit auf. Seine Stimme klang so traurig, dass sie sich fürchtete ihn anzusehen.

»Hat Lena es Dir gesagt? Ich schrieb es ihr vor ein paar Wochen.«

»Lena? Nein. Ja, Lotte, weisst Du denn nicht –?«

»Was Franz?« Sie sah ihn nun doch an, erschreckt und ahnungsvoll.

»Lena und ich haben uns getrennt!«

Sie streckte die Hand nach der seinen aus.

»O mein Gott, Franz! Armer Franz!«

Er legte seine heisse Stirn einen Augenblick auf ihre schlanken kühlen Finger. Dann richtete er sich schnell wieder auf.

»Ja, wir haben uns getrennt. Es musste sein. Es ging nicht mehr.«

Lotte sah angstvoll zu ihm auf.

»Ist etwas besonderes vorgefallen?«

Ein furchtbarer Schreck war ihr durch die Glieder gefahren. Sie dachte an Bornstein. Wenn Lena Franz betrogen hätte!

Franz schüttelte den Kopf.

»Nein, nichts besonderes.«

Er sprach immer in derselben stillen, resignierten Art. »Nur Lena wollte in allen Dingen ihren eigenen Weg gehen. Sie wollte niemals für mich und das Haus, stets nur für ihr Geschäft da sein. Das wurde schlimmer von Tag zu Tag, und als ich erst anfing, ihr Vorhaltungen zu machen, war es ganz vorbei. Eines Abends kam sie nicht mehr nach Haus. Ihr Geschäft erfordere, dass sie dort wohne, schrieb sie mir – und da, da war es aus mit meiner Geduld, mit allem –«

Er unterbrach sich und brütete stumm vor sich hin.

Um den Versuch zu machen, ihn zu trösten, sprach Lotte mit ihrer sanften Stimme auf ihn ein.

»Wie das nur so kommen konnte! Du solltest es noch einmal mit ihr versuchen, Franz. Lena hatte sich wirklich so sehr zu ihrem Vorteil verändert, sie war eine ganz, ganz andere geworden, die besten Hoffnungen hatte ich für Euer Glück!«

»Zum Vorteil verändert!« Er lachte bitter auf. »So lange sie ein Leben führte, so lange sie geniessen konnte nach ihrem eigenen trotzigen Sinn, so lange war sie zum Vorteil verändert, ja. Sobald es aber galt, auch einmal an einen andern zu denken, kehrte sie ihren alten Egoismus, der mich an dem Kinde schon so abgestossen, ihre kalte, selbstsüchtige Natur wieder heraus.

Ich habe lange nach anderem gesucht, ja selbst nach einer Schuld. Ich bin davon zurückgekommen. Lena hat vor ihrer Ehe gewisse Grenzen niemals überschritten, dazu ist sie zu berechnend, sie wird es auch aller Voraussicht nach niemals thun. Aber sie wird auf die Dauer jeden unglücklich machen, sich selbst am meisten, wenn sie ihrer so hochgeschätzten Unabhängigkeit, ihrer begehrlichen Genusssucht erst überdrüssig geworden sein wird. Du kennst mich, Lottchen, ich bin ein einfacher Mensch und seit ich Dich verloren habe, mache ich noch weniger Ansprüche ans Leben als sonst, aber was Lena mir zugemutet, darüber kommt kein Mann fort, wenn er einer ist.« Er hielt einen Augenblick inne, dann brach es aus ihm hervor, wie ein glühender, lang zurückgedämmter Strom.

»O, Lotte, Lotte, warum konntest Du mich nicht lieben!«

Er war zu ihren Füssen niedergesunken wie gefällt. Den Kopf hatte er in ihre Hände gelegt, und Thränen, bittere, qualvoll heisse Thränen tropften aus seinen Augen auf ihre Hände herab.

Regungslos sass Lotte da, mit bleichem über ihn gebeugtem Antlitz. Ihre Seele kämpfte einen schweren Kampf.

Durfte sie länger schweigen? War sie diesem Mann, der da zerbrochen vor ihren Füssen lag, zerbrochen durch ihre Schuld, nicht die volle Wahrheit schuldig? Sie musste sprechen auf die Gefahr hin, seine Liebe, seine Achtung zu verlieren.

»Franz«, bat sie leise, kaum hörbar, »lieber Franz, steh' auf. Ich bin nicht wert, dass Du vor mir kniest.«

Er erhob sich langsam und sah ihr ins Gesicht. Ihre Stimme hatte so wundersam zärtlich geklungen, wie er sie nur in seinen verschwiegensten Träumen gehört hatte, all die vielen Jahre lang, in denen er sich mit dem Gedanken getragen hatte, sie einst zu der seinen zu machen.

Langsam liess er sich wieder auf den Stuhl, dicht an ihrer Seite fallen, ihre Hände behielt er fest in den seinen.

»Damals, Franz, damals als Du zu mir kamst und ich Dir hier an dieser Stelle sagte, warum, ich nicht Dein Weib werden könne – da – da –«

»Da Lottchen?«

Sie senkte das blonde Haupt.

»Da habe ich Dich belogen, Franz.«

»Belogen?«

»Es war nicht wahr, dass ich Dich nicht liebte. Ich liebte Dich aus tiefster, tiefster Seele –«

»Lotte!« Er schrie es mehr als er es sprach, halb jubelnd, halb verzweifelnd, und wollte sie an seine Brust ziehen.

Sie aber stiess ihn heftig zurück.

»Lass, lass, rühr' mich nicht an, Du wirst mir's danken, dass ich's Dir versagte. Ich liebte Dich, ja – aber ich durfte Dein Weib nicht werden, weil – weil ich einem andern gehört hatte!«

Er stöhnte laut auf wie ein verwundetes Tier.

»Und, und dieser andere?«

»Hat mich verlassen und vergessen –« Sie hob das rote Kittelchen auf, an dem sie genäht hatte, und sagte mit einer wilden Energie:

»Und dies, dies ist für mein Kind!«

Franz erhob sich schwerfällig, müde und stumm, wie ein alter Mann.

Sie war darauf gefasst, dass er sie ohne Lebewohl verlassen würde. Aber er machte keine Anstalten zu gehen. Langsam, mit schweren Tritten und gesenktem Haupt, schritt er im Zimmer auf und ab. Nach einer Weile, die ihr endlos dünkte, blieb er vor ihr stehen. Mit zusammengezogenen Brauen fragte er:

»Warum hast Du mir damals nicht die Wahrheit gesagt?«

»Ich war krank, elend und ganz verlassen. Ich fürchtete, Du würdest mich verachten, Franz, wenn Du es hörtest, und das, das hätte ich damals nicht ertragen.«

»Und jetzt?«

Fast atemlos stiess er es heraus.

Sie zögerte einen Augenblick, dann flüsterte sie:

»Als ich Dich so unglücklich sah, glaubte ich Dir die Wahrheit schuldig zu sein, selbst auf die Gefahr hin, dass Du – dass Du mich –«

Er unterbrach sie heftig.

»Sprich das Wort nicht noch einmal aus, es entwürdigt Dich und mich. Ich bin ein kleiner, sehr einfacher und beschränkter Mensch, Lotte, das habe ich, seit ich in Berlin bin, erst so recht einsehen gelernt. So beschränkt aber bin ich denn doch nicht, dass ich nicht wüsste, dass es die Gründe sind, die die That zu einer schuldigen oder schuldlosen machen. Ich kenne Deine Geschichte nicht, aber ohne sie zu kennen, weiss ich, dass Du ein Opfer und zwar ein schuldloses bist. Unterbrich mich nicht. Mein Kopf ist schwer und wirr, ich verliere sonst wieder den Faden, und das eine wenigstens möchte ich Dir noch sagen, dass meine Liebe zu Dir unverändert die gleiche ist, und dass, wenn Du mir damals die Wahrheit gesagt hättest, es keinen Grund für mich gegeben hätte, Dich und das Kind nicht an mein Herz zu nehmen.«

Er beugte sich über die still Weinende und küsste sie sanft auf die Stirn.

»Gott schütze Dich, Lottchen, Dich und Dein Kind. Und wenn Du mich einmal brauchen solltest, so rufe mich. Ich werde immer für Dich da sein. Immer, hörst Du, immer!«

Er nahm sie still in seine Arme und fuhr ihr mit der Hand sanft liebkosend über das krause blonde Haar. Dann schritt er durch die schmale, niedrige Thür hinaus, wortlos, lautlos wie ein Schatten. –

Die Uebersiedelung hatte stattgefunden. Alles war genau nach Frau Wohlgebrechts Programm vor sich gegangen. In der netten Parterrewohnung mit dem friedlichen Gärtchen dahinter, in dem noch jetzt – um die Mitte Oktober – eine Fülle von späten Sommerblumen blühten, war es nicht schwer sich heimisch zu machen.

Lotte war denn auch sehr schnell mit den Einrichtungen für sich und Luischen fertig geworden. Ihr Arbeitsstübchen war zwar lange nicht so geräumig wie das in der Zimmerstrasse, dafür hatte es aber einen hübschen Blick auf die das Städtchen umsäumende bewaldete Hügelkette, und wenn die Thür offen stand, konnte sie in dem kleinen Nebengemach des Kindes Bettchen stehen sehen, seinen Schlummer bewachen, es aufnehmen, wenn es munter wurde und ihr zu Füssen auf einem bunten Deckchen spielen wollte. Welch ein neues, nie gekanntes Glück war das alles für sie!

Nicht so schnell wollte es mit der mühsameren Einrichtung der Leihbibliothek vor sich gehen, trotz der Tüchtigkeit des jungen Gehilfen.

Lotte half, wo immer sie konnte, so auch heut an einem schönen klaren Nachmittag, an dem die Sonne so warm ins Zimmer schien, dass Luischen wohlverwahrt in ihrem Wägelchen, am offenen Fenster spielen durfte.

Nachdem man ein paar Stunden gearbeitet hatte, meinte Frau Wohlgebrecht, es sei nun genug für heut. Bis Ende der Woche würde man ja wohl durchkommen, und wenn sie am Montag das Geschäft eröffnen könnte, sei es Zeit genug. Lotte möge ihr den Gefallen thun und sich einen Packen Bücher herüber bringen lassen, den sie da auf dem Fensterbrett bei Seite gelegt habe. Sie habe so eine Ahnung, als ob das wieder 'mal Makulatur sei, die gar nicht erst eingeräumt zu werden brauche. Es fände sich ja leider unter ihren Beständen ein Wust von Dingen, die für das hiesige Publikum gar nicht in Frage kämen. Zum Beispiel all der übermoderne Kram, in den Gerhart so viel schönes Geld hineingesteckt habe. Hier würde hoffentlich kein Mensch nach solchem Krempel fragen. Lotte möge sich eine Privat-Bibliothek davon anlegen, wenn sie wolle.

Nachdem Luischen zu Bett gebracht war und Lotte sich eben an das Auspacken der Bücher machen wollte, klopfte Frau Wohlgebrecht an die Thür, um Lotte herüber zu holen.

»Das Aussuchen kannst Du nach dem Abendbrod noch besorgen. Jetzt musst Du erst einmal sehen, wie gemütlich es heut drüben bei mir, das heisst bei uns ist, denn Du weisst, das Wohnzimmer gehört uns beiden. Das alte schwarze Rosshaarsofa sieht hier gar nicht so schäbig und altmodisch aus wie in Berlin, und auch die anderen alten Scharteken machen sich hier viel besser. Vielleicht ist auch die wundervolle Abendbeleuchtung daran schuld, dass mir das alles heut so besonders gut gefällt. Sieh nur, wie wunderbar der Himmel gefärbt ist, da drüben links, hinter dem kleinen Buchenberg, so heisst er ja wohl, muss die Sonne gerade untergegangen sein.«

Es war wirklich ein hübscher Anblick, dies altmodische, von dem letzten warmen Licht des Tages erfüllte Zimmer mit dem freien Blick in eine liebliche Landschaft hinaus. Lotte aber hatte das Gefühl, als ob Frau Wohlgebrecht sie nicht um dieses Anblicks willen gerufen, sondern dass sie irgend etwas auf dem Herzen habe und ihre ganzen umständlichen Schilderungen nichts als eine gutmütige Verlegenheit gewesen seien.

Sie legte den Arm zärtlich um die Schulter der kleinen Frau, und sich ein wenig zu ihr niederbeugend, sagte sie:

»Du hast mir was zu sagen, nicht wahr, Tantchen?«

Die Alte schüttelte zuerst den Kopf, dann nickte sie und fasste in ihre Tasche.

»Wenn Du mir versprichst, Dich nicht zu ärgern oder gar zu betrüben – es – es handelt sich um Gerhart.«

Lotte lächelte.

»Das versprech' ich Dir gern. Du weisst ja, was Gerhart betrifft, giebt es nichts mehr, das mich erregen könnte.«

Frau Wohlgebrecht sah Lottchen einen Augenblick prüfend an, als ob sie ihren Worten keinen rechten Glauben schenke. Als sie bemerkte, dass das Mädchen wirklich ganz ruhig blieb und nicht einmal die Farbe wechselte, zog sie ein stark zerknittertes Zeitungsblatt aus der Tasche. Dann setzte sie sich ans Fenster und strich den Bogen umständlich auf den Knieen glatt.

»Dies ist mir von Berlin aus nachgeschickt worden. Es war ans Geschäft adressiert. Wahrscheinlich eine Bosheit von einem lieben Kollegen. Gerhart selbst würde schwerlich eine solche Kritik über sich schicken.« Frau Wohlgebrecht tätschelte liebkosend Lottes Hand.

»Du wirst Dich schon drein finden müssen, mein Schäfchen, der Ruhm, für den Du Dich geopfert hast, hat nicht lange vorgehalten. Ich dacht's mir wohl. Das ist immer 'ne windige Sache, wenn der Mensch erst einen andern niedertreten muss, um in die Höhe zu kommen. Na, nun hör' 'mal zu, was da geschrieben steht in der Münchener Allgemeinen nämlich. Es ist sehr gelehrt. Allzuviel versteh' ich nicht davon und Du vielleicht auch nicht, aber immerhin ist es doch gut, wenn man so ungefähr darüber Bescheid weiss, was von dem Jungen zu erwarten ist.«

Frau Wohlgebrecht rückte ihre Brille zurecht und las:

 

»Gestern Abend ging im Theater der Intimen, nachdem das Hoftheater, das Schauspielhaus und das Gärtnerplatztheater das Stück zurückgewiesen hatten, Gerhart Schmittleins dreiaktige Lebenskomödie: ›Die Seelenfresser‹ in Scene. Um es von vornherein festzustellen: die Seelenfresser waren eine grosse literarische Enttäuschung, die nicht ohne tiefere Bedeutung ist. Schmittlein, der erfolgreiche Dichter des ›Frühlingsdramas‹, scheint nach dem gänzlichen literarischen Fiasko seiner ›Seelenfresser‹ auch jener weitverbreiteten Species der jungdeutschen ›Moderne‹ zugezählt werden zu müssen, die, wenn ihr sehr bescheidenes Können sich mit dem Zufall eines stark individuellen Empfindens paart, es zu einem glücklichen Wurf zu bringen pflegt, ohne diese massgebenden Faktoren aber niemals wieder einen literarischen Höhepunkt erreicht. Wenn dabei der Dichter nur für seine eigene Person zu Schaden käme, würde die Sache belanglos sein. Dem ist aber leider nicht so. Wir haben es wiederholt erlebt, dass diese modernen Jünglingsdichter mit dem rauschenden Erstlingserfolg geradezu zum Krebsschaden für die Entwicklung unserer dramatischen Literatur werden, denn sie sind es zumeist, die sich für ihre Retter – anfangs die anerkannten, dann die verkannten – halten und gefährliche Schule machen.

Die ›Seelenfresser‹ behandeln, man könnte sagen selbstverständlich, wie das Frühlingsdrama, das Hohelied der jungdeutschen Schule, die freie Liebe. Aber der Stoff wollte gestern nicht zünden. Trug einzig die mangelhafte Arbeit schuld? Ist man des Themas schon überdrüssig geworden, oder gewinnt selbst in den Kreisen dieses mehr als angekränkelten Publikums die gesunde Erkenntnis Raum, dass der erbitterte Kampf der freien Liebe gegen die Ehe am Ende aller Enden ein ebenso lächerlicher als vergeblicher ist? Gerade der weibliche Teil des Publikums, der mit frenetischem Beifall das Stück zu halten suchte, sollte sich's endlich gesagt sein lassen, wie sehr er sich mit dieser Identifizierung der Theorie von der freien Liebe ins eigene Fleisch schneidet. Wenn die Institution der Ehe nicht existierte, sie müsste geradezu erfunden werden, und zwar vor allem zum Schutz für diese freien Liebespriesterinnen. Ich möchte wohl wissen, wie viele dieser frenetischen Beifallsklatscherinnen nicht nach dem Standesamt schreien würden, sobald sie die Folgen dieser verlockenden freien Liebe an sich selbst erfahren müssten. Und diese Verherrlichung des Undurchführbaren, diese blasse, niemals in eine gesunde Praxis umzusetzende Theorie, nennt sich das moderne Wirklichkeitsdrama!«

 

Frau Wohlgebrecht legte die Zeitung ebenso umständlich zusammen, wie sie sie auseinandergefaltet hatte.

Dann stand sie auf und küsste Lottchen, die noch immer mit dem Rücken gegen das Fenster gelehnt stand.

»Weisst Du Kind, so weit ich es verstehe, hat der Mann, der das geschrieben hat, recht. Aber am Ende, es giebt auch Ausnahmen, Lottchen, die nicht nach dem Standesamt schreien und gut daran thun.«

Sie drückte ihr noch einmal die Hand und ging dann geräuschlos aus dem Zimmer.

Eine Weile blickte Lotte noch nachdenklich vor sich hin. Dann verliess auch sie den inzwischen dämmerig gewordenen Raum und ging hinüber an ihre Arbeit.

Das erste, was ihr entgegenfiel, als sie das Buchpacket öffnete, war der Gedichtband, den Gerhart ihr am ersten Abend ihrer Bekanntschaft aus der Bibliothek mitgegeben hatte.

Sie schlug die Verse auf, die sie damals so schwer bedrückt und geängstigt hatten, die ihr dann noch einmal an einem schwülen Sommerabend vor Lenas Blumenfenster so wirr durch den Kopf geflogen waren, und las die grausame Prophezeihung still für sich:

»Die Not im löch'rigen Gewande,
Zertritt die Perle der Moral;
Das Los der Armut ist die Schande,
Das Los der Schande das Spital!
Ja, jede Grossstadt ist ein Zwinger,
Der rot von Blut und Thränen dampft,
Drum hütet Euch, ihr armen Dinger,
Denn diese Welt hat schmutz'ge Finger,
Weh', wem sie sie ins Herzfleisch krampft.«

Dann stand sie auf und trat leise an das Bett ihres Kindes. Sie beugte sich über den kleinen blonden Lockenkopf und küsste ihn, und langsam, langsam sank sie neben dem kleinen Bettchen in die Kniee.

»Ich bin gerettet worden«, flüsterte sie, »ehe ich ganz verloren gegangen. Dich aber will ich halten, dass Du keiner Rettung bedarfst. Das sei die Sühne für meine Schuld.«

Und erhobenen Hauptes schritt sie von dem Kinde fort an ihre Arbeit zurück.

* * *

 


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