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Draussen in der Natur hatte sich ein jäher Umschlag vollzogen. Auf die warmen Vorfrühlingstage war wieder Winterkälte gefolgt, und in dem Blumengeschäft von Schmidt, in dem Lena seit ein paar Tagen als Volontärin arbeitete, mussten alle die Vorsichtsmassregeln zur Erhaltung und Verpackung kostbarer Pflanzen wieder angewendet werden, die sonst nur der Höhepunkt des Winters vorzuschreiben pflegt.

Der Einblick, der ihr in das Geschäft gewährt wurde, machte Lena grosse Freude. Zuversichtlich war sie davon überzeugt, dass sie es in dieser Branche zu etwas bringen würde. Selbständig zu sein, frei disponieren zu dürfen, ihrer Vorliebe für alles Schöne, Dekorative die Zügel schiessen lassen zu können, dünkte ihr sichere Gewähr für Erfolg. Bei den kleinen Diensten, die man von ihr verlangte, zeigte sie in der That eine bedeutende Geschicklichkeit, ja mehr als das, ein ausgesprochenes Talent. Die schwere Kunst des Bindens ging ihr bald so geläufig von der Hand, als ob sie sie ihr Lebenlang geübt habe, und in geschmackvollen Zusammenstellungen von Blumenarrangements übertraf sie bald die meisten der seit Jahren angestellten jungen Damen.

Dem Chef des Berliner Hauses Schmidt war es sehr angenehm, seinem langjährigen Kunden schon nach vierzehn Tagen eine ungewöhnlich befriedigende Auskunft über seinen Schützling geben zu können.

»Fräulein Weiss ist förmlich prädestiniert für unsere Kunst«, versicherte er zu wiederholten Malen und fügte hinzu, dass er glücklich sein würde, wenn er eine solche Kraft für sich selbst gewinnen könnte. »Ein wahrer Segen, dass die junge Dame sich draussen im Westen etablieren will. Die Konkurrenz würde uns sonst bange machen können.«

Bornstein klopfte dem verbindlichen Herrn mit protegierender Geste auf die Schulter. Er nahm die Bewunderung auf, wie sie gemeint war, als ein liebenswürdiges Kompliment, aber er konnte es seiner Eitelkeit nicht versagen zu erwidern, dass das Haus Weiss jedem Wettbewerb mit dem Hause Schmidt aus alter Freundschaft aus dem Wege gehen werde.

Gleich in den ersten Tagen des März war in der Potsdamerstrasse zwischen Kurfürsten- und Bülowstrasse, unter Mehlmanns Oberaufsicht ein hübscher Laden mit einem sehr geräumigen Schaufenster und einer behaglichen kleinen Wohnung gemietet worden.

Mehlmann engagierte auch das notwendige Personal und hatte sich anheischig gemacht, am ersten April morgens ein fix und fertig ausgestattetes Geschäftslokal zu übergeben. In dem Schaufenster sollten nur Dahlower Produkte prangen. Bornstein und Lena gaben ihre Zustimmung.

Die Massregeln des Alten mussten respektiert werden, wenn man's nicht mit ihm verderben wollte, und Lena war viel zu klug, um nicht zu wissen, wie nötig sie Mehlmanns Gefälligkeiten noch haben würde. Darum schluckte sie auch den Wunsch herunter, die Blumenarrangements für das Schaufenster selbst zu machen. Um sich aber als zukünftige Prinzipalin nicht ganz hintenan setzen zu lassen, mahnte sie den Alten nachdrücklich bei der bitteren Kälte, die noch immer herrschte, recht vorsichtig bei dem Transport zu sein.

Sie war stolz, bei dieser Gelegenheit ihre, bei Schmidt jüngst erlernte Weisheit an den Mann bringen zu können.

Der Alte murmelte etwas von langem Winter, der ihr bei ihrer Unerfahrenheit teuer zu stehen kommen werde, versprach aber im übrigen alles bestens zu besorgen. –

*

In Frau Wohlgebrechts kleinem Stübchen neben der Leihbibliothek war von den hartnäckigen Winterlaunen, die so manchem zu schaffen machten, nicht viel zu spüren. Der ganze Raum schien wie von Sonnenschein und Rosen durchstrahlt und durchduftet zu sein.

Auf dem schwarzen Rosshaarsofa sass Gerhart und schrieb mit heissen Wangen und flammenden Augen ein Frühlingsdrama, das er schon lange knospend in der Brust getragen, und das nur Lottes Küsse bedurft hatte, um zur Blüte aufzuspringen. Seine ganze Zukunft, so schien es ihm, hing, an diesem Stück. Dieser eine Wurf sollte ihn unter die Ersten reihen, und dazu war Lottes Liebe, ihre völlige Hingabe ihm nötig gewesen.

So wie er sie jetzt besass, war sie ihm Weib, Modell und Muse zugleich. Er bedurfte ihrer steten Nähe, um schaffen zu können. Sobald ihm ein Gedanke, eine Form versagte, riss er sie an sich und berauschte sich an seinen eignen heissen Liebkosungen aufs neue für sein Werk.

Lotte hatte sich anfangs geweigert, den ganzen Tag über bei Gerhart zu sein. Nachdem er ihr aber mit Bitten und Flehen und tausend Liebesbeweisen klar gemacht hatte, dass er nur dann etwas zu leisten im Stande sei, wenn sie an seiner Seite bliebe, seiner Sehnsucht jeden Augenblick erreichbar, nachdem er ihr versichert, dass jedes andere Mädchen, nachdem es sich dem Geliebten in freier Liebe hingegeben, noch zu ganz anderem sich verstehen, ganz zu ihm halten, unter einem Dach mit ihm leben würde, hatte sie endlich nachgegeben.

Und sie kam und blieb über alles gern. Lena, die ganz in einem neuen Leben aufging, war ihr fremd und fremder geworden, und was sollte sie allein in ihren vier öden toten Wänden, vor denen ihr graute, seit sie das warme Leben in Gerharts Armen, an Gerharts Herzen kennen gelernt hatte. Heimlich gestand sie sich's, dass sie ihm dankbar sein müsse, dass er nicht auf einem völligen Zusammenleben bestand, denn im tiefsten Innern ihres Herzens fühlte sie, dass sie schwach genug gewesen wäre, es ihm nicht zu weigern.

Was hatte sie auch zu verlieren? Auf wen Rücksicht zu nehmen? Fremd, wie sie nach Berlin gekommen war, war sie geblieben. Niemand ausser Gerhart hatte je nach ihr gefragt. Lena ging ihre eigenen Wege, der Vater kümmerte sich nicht um sie, die einzige, die ihr Gewissen schlagen machte, war die tote Mutter. Und doch, wenn sie aus seligen Gefilden zu ihr niedersehen konnte, abgeklärt und rein, keinen irdischen Vorurteilen mehr unterworfen, gönnte sie ihrem Kinde vielleicht das warme zärtliche Plätzchen am Herzen des geliebten Mannes. Und noch eins gab es für Lotte, das ihr in zaghaften Stunden Mut einflösste. Sie war keine grosse Menschenkennerin, aber so viel sagte sie sich doch: Gerhart war jung, war wandlungsfähig. Der Traum von der freien Liebe, in der allein er heute Heil und Seligkeit sah, würde vorübergehen. Und wenn sie dann beide so viel erworben hatten, dass sie einen Hausstand gründen konnten, würde er sie heiraten und niemanden würde sie mehr zu fürchten und zu scheuen haben.

Selten waren die Stunden, in denen sie so klügelnd sich selber Mut machen musste. Nach der langen Zeit herber Not und zehrender Sorge, unausgesetzten Widerstandes gegen Gerharts Liebeswerben, liess Lotte sich jetzt willenlos dahintragen von den sanft einlullenden Wellen ersten zärtlichen Liebesglücks.

Am ersten April verliess Lena die Wohnung in der Zimmerstrasse, um in die behaglichen Zimmer neben ihrem Geschäftslokal überzusiedeln. Ihren Anteil an der Miete hatte sie Lotte bis auf weiteres bezahlt. Bornstein, der in der letzten Zeit öfter nach der Zimmerstrasse gekommen war, hatte zwar den Vorschlag gemacht, Lotte möge im Guten versuchen, aus dem Kontrakt zu kommen, für sie allein würde ja eine Stube und Küche anderswo am Ende genügen. Gerhart aber, der übrigens absichtlich noch niemals mit Bornstein zusammengetroffen war, wollte davon nichts hören. Lotte sollte in seiner unmittelbaren Nähe bleiben und nicht durch lästige Wohnungsveränderungen aus ihrem Frieden herausgerissen werden. Es würden sich schon Mittel und Wege finden, das nötige Geld aufzubringen.

Einstweilen hatte er freilich Anstalten gemacht, das gerade Gegenteil zu erreichen. Er hatte an Frau Wohlgebrecht geschrieben, dass er zum ersten Oktober aus ihrem Geschäft ausscheiden müsse. Er könne es nicht länger verantworten, seine Zeit und seine Kräfte derartig zu zersplittern. Er würde bis dahin soweit sein, nicht nur auskömmlich, sondern glänzend von seiner Feder leben zu können.

Ursprünglich hatte er der Tante gleichzeitig eine Andeutung über seine und Lottes Beziehungen machen wollen, da er wusste, wie lieb die alte Frau das Mädchen hatte. Dann aber war er davon zurückgekommen. In ihrer bürgerlichen Beschränktheit würde Frau Wohlgebrecht zweifellos gleich von heiraten sprechen, und auf seine Erwiderung, dass die Verhältnisse das nicht gestatteten, in ihrer grenzenlosen Güte und Familienliebe jede denkbare Unterstützung anbieten.

Seine Ablehnung hätte ihn dann leicht undankbar erscheinen lassen können, und das wollte Gerhart der Tante gegenüber nicht sein. Es würde ihr schon wehe genug thun, dass er die Stellung bei ihr aufgeben wollte.

Wirklich lautete auch Frau Wohlgebrechts Brief ganz verzweifelt. Musste Gerhart sie wirklich verlassen? Genügte es nicht, eine bescheidene Hilfskraft zu engagieren, um ihn zu entlasten? Sie selbst könne vorerst gar nicht daran denken, nach Berlin zurückzukehren. Das arme kleine Frauchen sei noch immer so schwach und hinfällig, dass sie sorgsamster Pflege bedürfe. Dazu der Mann und die grosse Wirtschaft, die doch auch nicht ganz vernachlässigt werden dürften. Es sei schon ein Kreuz um das Siechtum. Von ihr und allem, was auf ihren Schultern läge, wolle sie aber gar nicht einmal sprechen, sondern nur von ihm! Er möge es wohl bedenken: Die bescheidene Stellung bei ihr sei doch immer eine Art Auskommen; was wolle er denn anfangen, wenn es wieder nichts würde mit dem Verdienst durch die Feder? Zuletzt kam dann noch die Frage nach Lotte, die in keinem von Frau Wohlgebrechts Briefen fehlte. Das Kind hatte so lange nicht geschrieben, es ging ihm doch leidlich wohl? Seit Ende Februar hatte sie nichts von ihr gehört und jetzt waren sie schon im Mai, von dem man freilich hier oben, so nahe der russischen Grenze, noch nicht viel verspüre.

Gerhart hatte den Brief zusammengefaltet und in seine Brusttasche gesteckt. Er wollte ihn morgen Lotte zeigen. Heut Abend würden sie sich, zum erstenmal seit sie einander angehörten, nicht mehr sehen. Gerhart wollte um sieben an der Sitzung einer freien literarischen Vereinigung teilnehmen, der ein geselliges Beisammensein in einem Gartenlokal folgen sollte. Lotte hatte sich standhaft geweigert, ihn zu begleiten. Mit ihm allein gab es keine Skrupel mehr für sie. Aber eine Gesellschaft mit ihm besuchen, sich dort, der Sitte dieser Kreise folgend, als seine Freundin einführen lassen, das brachte sie nicht zu Wege.

Gerhart war anfangs sehr verstimmt über diese Entscheidung gewesen. Er hatte Lotte mit Vorwürfen überhäuft dafür, dass sie noch immer an Vorurteile sich klammere, die er nun endlich überwunden wähnte; aber gerade dies scheue, keusche Zurückweichen vor der Oeffentlichkeit hatte ihn dann wieder entzückt und gewonnen. Dies Kleinod für sich allein zu besitzen, war es am Ende schon wert, thörichten Vorurteilen nachzugeben. Wer weiss, ob in dieser Gemeinde, in der alles der freien Liebe huldigte, nicht am Ende auch andere Augen sich auf Lottes unvergleichlich knospende Anmut gerichtet hätten? Und statt erneuter Vorwürfe, die sie erwartet hatte, hatte er sie so leidenschaftlich an seine Brust gepresst, als ob es schon jetzt gelte, sie einem andern zu entwinden.

Lotte hatte den Abend dazu benutzt, um zu Lena herauszugehen. Erst einmal hatte sie der Schwester einen flüchtigen Besuch gemacht und weder von ihrem Geschäft noch von den angrenzenden Wohnräumen einen Eindruck empfangen.

Nun war sie völlig überrascht von dem, was sie zu sehen bekam. Wahrlich, trotz manchen Grolls, den sie gegen Lena auf dem Herzen hatte, ihr Platz war wirklich in Berlin, sie war zur Grossstädterin geboren.

Schon das Schaufenster mit seinen geschickt angebrachten elektrischen Flammen, die durch das Arrangement der Blumenauslagen zu förmlich malerischen Effekten gesteigert wurden, machte auf Lotte einen ausserordentlichen Eindruck. Darüber das Schild, das in grossen, weithin leuchtenden Buchstaben den Namen Lena Weiss trug. Welch eine Fülle von Erinnerungen rief dies Schild an jene Stunden in ihr wach, in der sie selbst, das Herz und den Kopf überall von Hoffnungen und Plänen, zuerst vor das eigene bescheidene Porzellanplättchen, das ihren Namen trug, getreten war. Was war von all den Hoffnungen und Entwürfen übrig geblieben, die sie damals beseelt hatten?

Nichts als die Erkenntnis, dass sie nicht dazu geschaffen sei, mitzukämpfen in dem heissen Kampf ums Dasein. Dass sie kein moderner Mensch, keine zielbewusste Kraftnatur sei, die ihr Leben auf eigene Hand zurecht zu zimmern weiss, keine Persönlichkeit wie die Grossstadt sie braucht und zum Dank dafür auf ihre starken Schultern nimmt. Nichts war sie, als eines jener vielen armen Mädchen, zu nichts geschaffen als zu lieben und geliebt zu werden, sich hinzugeben, hinzuopfern vielleicht für ihre Liebe. – Und seltsam, was ihr bisher als das höchste Glück, als die Ausfüllung ihres ganzen jetzigen und zukünftigen Daseins erschienen war, ihr Liebesleben mit Gerhart, kam ihr, der Position Lenas gegenüber, auf einmal nur wie eine flüchtige Episode vor, die ein Windhauch verwehen konnte. Der Boden schien ihr plötzlich unter den Füssen zu schwanken. Alles was sie gefestigt und abgeschlossen geglaubt, war ihr ins Wanken geraten, und zum erstenmal wieder seit langen Zeiten schlugen ihr jene erbarmungslosen Worte ans Ohr, die sie so ahnungsvoll durchschauert hatten:

»Ja, jede Grossstadt ist ein Zwinger,
Der rot von Blut und Thränen dampft!
Drum hütet Euch, ihr armen Dinger,
Denn diese Welt hat schmutz'ge Finger,
Weh, wem sie sie ins Herzfleisch krampft!«

Ihre Lippen hatten es, ohne dass sie selbst es wusste, vor sich hin geflüstert, während sie vor dem glänzend erleuchteten Schaufenster ihrer Schwester stand. Wie war diese seltsame Stimmung nur so plötzlich über sie gekommen? Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. Was war das nur mit ihr? Wie im Fieber bebend stand sie da. So konnte sie unmöglich bei Lena eintreten.

Langsam fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn, wie Gerhart es ihr zu thun pflegte, wenn sie erregt war. Dann, ohne zu beachten, wie viel dreiste Blicke ihr folgten, schritt sie ein paar Mal vor dem Hause auf und nieder. So, nun war sie wieder die alte, nun konnte sie Lena begrüssen.

Vorn in dem geräumigen Ladenraum hantierte ein junges Mädchen in einer hellen Blouse mit stark eingeschnürter Taille. Sie spritzte die gebundenen Sträusse und die losen, in malerischer Unordnung umherliegenden abgeschnittenen Blumen an. Ein süsser, betäubender Duft von Veilchen, Maiblumen, Rosen und Tuberosen schlug Lotte entgegen. Als sie das Mädchen nach ihrer Schwester fragte, zeigte dieses mit der Hand nach rückwärts, wo in einem mit Palmen fast verstellten Raum Stimmen laut wurden.

»Fräulein sind da drinne«, sagte sie in unverfälschtem berlinerisch, und ohne sich weiter um die Eingetretene zu kümmern, setzte sie ihre Spritze wieder in Bewegung.

Lotte suchte sich den Weg zwischen den Palmen hindurch bis in das anstossende Gemach.

Halb erschreckt, halb verwundert, prallte sie einen Augenblick vor dem Anblick zurück, der sich ihr so unerwartet bot.

In einem kleinen, ganz in türkischem Geschmack eingerichteten Raum sass auf einem niederen Polster Lena, eine Cigarette zwischen den Lippen, ihr gegenüber lehnte ein junger Offizier mit beiden Armen auf einem kostbar eingelegten Tisch, und während er blaue Ringe in die Luft blies, erzählte er Lena eine, allem Anschein nach überaus lustige Geschichte. Lottes unerwarteter Eintritt schien die beiden nicht im geringsten zu genieren.

Lena sprang auf und umarmte ihre Schwester, und während sie den Arm noch um Lottes Taille geschlungen hielt, stellte sie ihr den Offizier als Leutnant von Strehsen, Clotildes und Elisabeths Bruder, vor.

»Die freilich nichts mehr von mir wissen wollen«, fügte sie lachend hinzu. »Der Herr Leutnant hat mir eben die Kriegserklärung seiner Familie überbracht.«

.

»Unfreiwillig, gnädiges Fräulein, gänzlich unfreiwillig«, fiel Kurt näselnd ein.

»Wie Sie sehen, lege ich's Ihnen nicht zur Last«, sagte Lena, ihm die Hand reichend, die er nach Lottes Ansicht unnötig lange in der seinen behielt. »Aber Herr Bornstein wird böse sein, sehr böse sogar, darauf können Sie sich gefasst machen.«

Kurt machte ein verblüfftes Gesicht. Daran hatte er noch gar nicht gedacht. Das konnte eklig werden!

»Auf mich auch? Meinen Sie, Fräulein Lena?«

Lena verstand ihn sofort. Der arme Junge sass schon wieder 'mal in der Klemme und brauchte Bornsteins offene Hand.

»Na lassen Sie gut sein, Herr Leutnant. Ich werde das schon machen. Schliesslich, was können Sie dafür, wenn Ihre Mutter und Ihre Schwester so be–«

»Sprechen Sie es ruhig aus, so beschränkt sind.«

Lena lachte.

»Ja, das wollt' ich wirklich sagen. Ob man ein Telephon bedient oder Blumen verkauft, bleibt sich doch wahrhaftig gleich –«

Da weder Lotte noch Kurt antwortete, fuhr sie fort:

»Na ja, ich sehe ja ein, dass ich das alles einstweilen von Herrn Bornstein annehme, mag ihnen nicht passend erscheinen – aber schliesslich sind sie doch nicht meine Richter – und dann in einem Jahr wird das alles schon anders aussehen. Ich denke doch selbst nicht daran, mich Herrn Bornstein so sehr zu verpflichten.«

Dabei sah sie, schon wieder heiter, den Leutnant schelmisch von der Seite an, als ob sie sagen wollte: machst Du's denn besser? Und hast nicht 'mal Aussicht, Dich Deiner Verpflichtungen zu entledigen? Und das wissen sie ganz gut und geben doch ihren Segen dazu!

Aber sie sprach es nicht aus. Der gute Junge that ihr leid. Dass Strehsens den Unsinn begangen hatten, ohne einen Groschen Vermögen alle ihre Söhne Offiziere werden zu lassen, sollte ihm nicht zur Last gelegt werden.

Sie gönnte es ihm gern, dass Bornstein ihn über Wasser hielt.

Sie streckte dem Leutnant ihre Hand entgegen.

»Also, Herr Leutnant, auf Wiedersehen. Bornstein können Sie heut nicht mehr erwarten. Der ist in Karlshorst und speist dann im Klub. Bitte, sagen Sie Ihrer Frau Mutter und Ihren Schwestern, dass ich trotz ihrer Verachtung und ihres Zorns einstweilen noch recht vergnügt am Leben sei.«

Kurt nahm nun endlich, und zwar recht widerwillig seine Mütze. Das war eine Verabschiedung sans phrase. Er wusste nicht recht, ob er sie seiner Botschaft oder der Gegenwart der kleinen Schwester zu verdanken hatte. Jedenfalls war er für den Augenblick entlassen. Bei seiner Verehrung für Lena ein fataler Moment, der ihm indess noch Stimmung liess zu bemerken, dass Lenas Schwester gleichfalls ein »reizender kleiner Käfer« sei, beinahe noch hübscher als seine gute Freundin, die Extelephonistin.

Und die »Gigerlkönigin« pfeifend schritt der Leutnant durch den Laden in dem erhebenden Bewusstsein, dass Berlin doch »ein jöttliches Pflaster« und Kurt von Strehsen einer seiner beneidenswertesten Treter sei.

Nachdem der Leutnant gegangen war, sah Lotte sich in dem kostbar eingerichteten Raum um, dann, immer ohne ein Wort zu sprechen, blickte sie lange auf ihre Schwester.

Lena wurde dies Schweigen endlich unbehaglich.

»Was siehst Du mich denn so merkwürdig an, Lotte? Ach so –« und sie blickte an sich herunter auf das chike helle Frühjahrskleid, das sie trug – »Du wunderst Dich, dass ich die Trauer abgelegt habe? Bornstein mochte das nicht. Er sagt, Trauerkleider, das macht einen schlechten Eindruck in einem jungen Geschäft, noch dazu in einem Blumengeschäft, wo alles bunt und heiter sein soll!«

»Und Du thust alles, was Herr Bornstein wünscht?«

Lena lachte laut auf.

»Das fehlte noch! Aber hier im Geschäft, weisst Du, muss ich mich schon ein bischen nach ihm richten, weil er mir doch alles Geld dafür vorgestreckt hat!«

Lotte sah ihre Schwester nachdenklich an.

»Freilich da hat er viel für Dich gethan, und ich meine immer, wenn jemand so viel für einen thut –« und sie sah missbilligend auf den Platz, auf dem der Leutnant zuvor in breiter Behaglichkeit gesessen hatte.

Lena verstand sie sofort.

»Nein, Lotte, Du bist zu komisch. Ich glaube wirklich, Du bildest Dir ein, Bornstein und ich wären Liebesleute und er hätte ein Recht auf mich.« Sie knipste den Nagel des Daumens und des dritten Fingers zusammen.

»Noch nicht so viel ist zwischen uns. Gute Freunde sind wir, weiter nichts. Schön dumm wäre ich, wenn ich mich auf was Anderes einliesse. Heiraten thut er mich ja doch nicht – und was hab' ich nachher?«

Lotte war totenblass geworden. Wie die Posaunen des jüngsten Gerichts tönten ihr Lenas leicht und fröhlich hingeworfene Worte im Ohr.

»Heiraten thut er mich ja doch nicht – und was hab' ich nachher?«

»Herrgott, Lotte, was ist denn mit Dir? Du siehst ja kreideweiss aus!«

Lena nahm die Halbohnmächtige erschreckt in den Arm.

»Fräulein, Fräulein – schnell holen Sie den Portwein vom Büffet. Meiner Schwester ist nicht gut.«

Halbtot, mit geschlossenen Augen lag Lotte in Lenas Arm. Erst nachdem sie ein paar Tropfen von dem schweren Wein getrunken hatte, kam wieder Leben in ihr blasses Gesicht und ihre eiskalten Hände.

Lena streichelte sie und überredete sie gutmütig, nach vorn mit ihr in den Laden zu gehen.

»Die Luft ist nicht gut hier in dem kleinen türkischen Loch«, sagte sie, sich zum Scherz zwingend, denn Lottes Zustand flösste ihr ernsthafte Besorgnis ein. »Komm, wir gehen in den Laden. Die Thür nach der Strasse ist auf, da bekommst Du frische Luft. Du setzt Dich in ein Eckchen und ich thue derweil meine Arbeit.«

Lotte folgte ihr mechanisch. Nach und nach wurde ihr wirklich besser, Lenas muntere Thätigkeit brachte sie auf andere Gedanken. Wie sie die Schwester so heiter hantieren sah, musste sie daran denken, wie recht der Vater und Franz Krieger gehabt, dass sie für ein Mädchen wie Lena keine Gefahr darin sahen, in Berlin einen Beruf zu suchen.

Lena hatte wirklich das frische »Zugreifsche«, auf das der Vater seine Hoffnung für sie gesetzt hatte.

Wie Lotte so nach Haus zurückdachte, fiel ihr gleichzeitig ein, wie lange sie nichts von der Heimat gehört und wie viel länger noch sie selbst nicht geschrieben hatte. Ein letzter, gutherzig fürsorglicher Brief von Franz Krieger lag noch immer unbeantwortet zwischen ihren Geschäftsbüchern. Mein Gott, wenn er wüsste! Er, der sie noch immer lieb zu haben schien, der sich noch immer um sie sorgte! Nein, sie konnte ihm jetzt nicht schreiben, gerade ihm nicht. Um nichts in der Welt! – –

Gerharts Frühlingsdrama machte ungeheure Fortschritte. Er arbeitete mit einem Schwung, als ob ihm Flügel gewachsen wären. Eine merkwürdige, fast krankhafte Ausdauer war über den unstäten Menschen gekommen, der sich sonst von jeder Stimmung, von jeder Laune hatte treiben lassen. Seine ganze Seele war bei dieser Arbeit, in der er ein Stück ureignen Wesens niederlegte. Sein ganzes heisses Liebesleben mit Lotte strömte er in dieser Dichtung aus, und wenn ihm einmal die Kraft versagte, griff er zu seiner alten Praxis und berauschte sich immer aufs neue an der Glut seiner eigenen Leidenschaft.

Wenn Lotte dann, was ihr noch immer geschah, scheu von ihm zurückwich, rief er seine Muse, seine Göttin in ihr an. Mit tausend Eiden schwur er ihr immer aufs neue, dass ihre Liebe ihm für seine Arbeit so notwendig sei, wie dem Verschmachtenden ein Tropfen Wasser zum Leben.

Er nannte sie seine Laura, seine Friederike, und immer wieder besiegt, sank das schwache zärtliche Geschöpf in seine sehnsüchtig ausgestreckten Arme.

Seit jenem Abend bei Lena hatte Lotte sich's vorgesetzt, mit Gerhart über ihre Zukunft zu sprechen. Ehrlich und aufrichtig wollte sie ihm sagen, dass sie, trotz all ihrer Liebe zu ihm, nicht über das hinfort käme, was er »eingefleischte bürgerliche Vorurteile« nannte. Dass sie die freie Liebe für einen sündigen Rausch halte, dem ein Ende gesetzt werden müsse. Dass sie sich trennen wollten, bis die Mittel zur Heirat gefunden seien. Aber sie kam nicht dazu. So weit hatte sie in seinem Umgang doch schon einen freieren Blick gewonnen, dass sie einsah, seine Arbeit konnte nur von einer wilden, freien Leidenschaft getragen gedeihen. Er konnte sich jetzt nicht von ihr trennen, wollte er seine Arbeit nicht aufs Spiel setzen, noch weniger aber konnte er gerade jetzt seiner Ansicht nach »spiessbürgerliche Entschlüsse« fassen.

Und ihn um selbstsüchtiger Gründe willen um das Glück des Schaffens, um die Hoffnung auf Erfolg bringen, das brachte Lotte nicht über ihr gutes, nachgiebiges Herz. –

In einem freien, literarischen Verein, der grosse Hoffnungen auf Gerhart setzte, hatte er kürzlich die beiden ersten vollendeten Akte seines Werkes gelesen. Lotte war nicht dabei gewesen, aber sie hatte nicht nur von Gerhart gehört, dass das Frühlingsdrama, selbst in dieser noch unfertigen Gestalt einen Sturm des Entzückens erregt hatte. Der anwesende Direktor einer freien Bühne hatte Gerhart die Aufführung im Herbst zugesichert, ja man hatte einen Vorschuss aufgebracht, um sich das Stück zu sichern und Gerhart Schmittlein die Arbeitszeit zu erleichtern.

Dieser Erfolg hatte Gerhart, wenn das möglich war, einen noch erhöhten Schwung für seine Arbeit gegeben. Im Juni hoffte er fertig zu sein. Dann wollten sie ein paar Ferientage irgendwo in der Nähe verbringen. Auch Lotte würde es nötig haben. Gerhart fiel es, trotzdem er ganz in seiner Arbeit lebte, doch auf, dass sie in der letzten Zeit nicht zum besten aussah. Aber wenn er sie fragte, wich sie ihm aus. Sie wusste selbst nicht, was ihr fehlte.

An einem schwülen Junitage wurde das Frühlingsdrama vollendet. Am Abend las Gerhart es Lotte in einem Zuge vor.

So sehr ihr die erste Hälfte gefallen hatte, so tief es sie gerührt hatte, unzählige feine Züge aus ihrem und Gerharts Liebesleben förmlich portraitähnlich darin wieder zu finden, so wenig befriedigte sie der zweite Teil. Die ungeklärt bleibenden Verhältnisse ängstigten sie, und Gerharts Antwort, als sie ihn nach dem Warum fragte, bedrückte sie mehr, als dass sie sie beruhigt hätte. Wenn so, wie er meinte, das wirkliche Leben aussah, wenn so, unausgeglichen und verworren, es verklang, was hatte sie dann zu erwarten? Und doch war es ihr von Tag zu Tag gewisser geworden, dass eine Klärung eintreten müsse. Etwas, das sie seit kurzem mit geheimnisvoll süssem Schauer ganz erfüllte, drängte übermächtig dazu. Noch hatte sie keine Gewissheit, aber ihr ganzes Wesen schien ihr selbst wie von einem heiligen Wunder durchsetzt zu sein. In der ersten ruhigen Stunde wollte sie's Gerhart vertrauen, dann musste ja Klarheit werden. An die Möglichkeit, dass dieser fanatische Wirklichkeitsdichter hinter sein eigenes Leben, hinter das ihre und vielleicht das eines Dritten ein Fragezeichen, eine unlösbare Ziffer setzen könnte, um sich selbst treu zu bleiben, dachte sie nicht. So weit hatte ihre gesunde Natur sich von seiner krankhaften noch nicht verwirren lassen.

Am nächsten Morgen fuhren sie nach Friedrichshagen hinaus. Der Tag war warm, aber nicht so schwül, als der vergangene, die Luft rein und etwas bewegt. Die Fahrt wurde ziemlich schweigsam zurückgelegt.

Gerhart war abgespannt von der fieberhaften Thätigkeit der letzten Wochen. Jetzt, nach der Vollendung seines Werkes, trat der natürliche Rückschlag ein. Auch beherrschte ihn eine leichte Verstimmung gegen Lotte, ihrer Auffassung der letzten Akte wegen. Wenn er es auch nicht allzu schwer nahm – ein ernsthaftes Urteil konnte er ja am Ende nicht von ihr verlangen – so hatte es ihn doch peinlich berührt, dass der Schluss des Frühlingsdramas eine so geringe Wirkung auf sie ausgeübt hatte.

Lotte machte keinen Versuch, Gerharts Schweigsamkeit zu unterbrechen. Sie war in einer weichen, müden, ihr selbst rätselvollen Stimmung. Träumerisch lag sie gegen die Bank zurückgelehnt und blickte beinahe gedankenlos in den lichtblauen Himmel, auf die Felder, Gärten und Ortschaften hinaus, an denen der Zug sie vorüberführte.

Gerhart liess verstohlen die Blicke zu ihr hinüberschweifen. Er hatte sie selten so reizend gesehen wie heut. Sie hatte auf seinen Wunsch für diesen Tag die Trauer abgelegt und trug ein einfaches weisses, zierliches Waschkleid, ohne jeden Aufputz, ohne jede Farbe. Den Hut hatte sie abgelegt. Das krause goldblonde Haar fiel ihr in feinen Löckchen in die Stirn. Mit einer ihr selbst unbewussten Sehnsucht, mit einer tastenden Frage blickten ihre tiefen graublauen Augen ins Weite. Ueber ihrem ganzen Wesen lag ein eigentümlicher, blumenhafter Zauber: etwas geheimnisvoll Werdendes, etwas Reifendes und doch unendlich Keusches, wie die Frucht, die aus der kaum erschlossenen Blüte drängt.

In Friedrichshagen suchten sie eine Gastwirtschaft dicht am Wasser auf. Am Ufer ihnen gegenüber zogen sich in sanften grünen Linien die Müggelberge hin, von dem schlanken Aussichtsturm gekrönt. Die Luft war ganz still geworden. Wie ein grosser klarer Spiegel lag das Wasser vor ihnen da. Träumerisch blickte Lotte in die leise auf dem Strand verrinnende Flut. Dieses einfache Landschaftsbild erfüllte sie mit unendlicher wehmütiger Freude. Es erinnerte sie an die waldumsäumten Seen ihrer Heimat und mit der Heimat an die Mutter.

.

Leise stahl sie sich in Gerharts Arm und blickte mit grossen zärtlichen Augen zu ihm auf. Er war ja nun ihr Alles, ihre Heimat, ihre Familie!

Er drückte Lotte an sich und wies mit der Hand nach dem jenseitigen Ufer.

»Nach dem Essen fahren wir hinüber in den Wald. Dort sind wir allein, ganz allein.«

Ein kleiner befreiender Seufzer hob Lottes Brust. Sie fühlte, dort würde sie endlich sprechen können.

Die Mahlzeit, zu der der Kellner jetzt rief, war einfach und bald verzehrt. Sie mussten sich sehr einrichten, wenn sie keine Schulden machen wollten. Von dem Vorschuss war nicht viel mehr übrig. Kleinere Skizzen, die Gerhart jetzt schnell hätte verwerten können, seit er offiziell zu der Clique der Modernen gehörte, hatte er während der Arbeit an dem Frühlingsdrama nicht geschrieben; Lottes Verdienst aber reichte nur gerade aus, um das Notwendigste in ihrer jetzt mehr als einfachen, ja kümmerlichen Wirtschaft zu bezahlen. Wenn Lena es nicht übernommen hätte, während des laufenden Vierteljahrs noch für die Miete aufzukommen, Lotte wäre die Not über dem Kopf zusammengeschlagen.

Nach dem Essen nahmen sie ein Boot und liessen sich bis an den Wald hinüberrudern.

Gegen Mittag war es nun doch bedeutend wärmer geworden, und auf dem Wasser hatte die Sonne so heiss gebrannt, dass sie keine rechte Freude an der Ueberfahrt gehabt hatten. Erst im Walde atmeten sie wieder auf. Wie gut das that, sich hinstrecken zu können im Schatten der grossen Kiefern und zu dem blauen, hochgewölbten Himmel aufzusehen!

Gerhart hatte sich's zuerst bequem gemacht. Die Hände unter dem Kopf gefaltet, hatte er sich platt auf den sonnendurchwärmten Waldboden geworfen. Ein paar Augenblicke hatte er mit geschlossenen Lidern fast regungslos dagelegen, dann hatte er nach Lotte gerufen, die um ein paar Schritte weiter auf einem niederen Moosrücken sass und einen Grashalm sinnend durch die Finger gleiten liess. Sie kam sogleich zu ihm und kniete neben ihm nieder.

»Küss' mich doch!« sagte er ein wenig ungeduldig, ohne die Augen aufzuschlagen. »Wozu sind wir denn hier?«

Lotte küsste ihn sanft auf die Stirn und die geschlossenen Augen. Er aber nahm den rechten Arm unter dem Kopf hervor und zog sie heftig an sich.

»Weib, Weib«, flüsterte er wild.

»Gerhart!«

Es lag etwas so banges in ihrem Ausruf, dass er sie augenblicklich los liess und sich aufrichtend ihr ins Gesicht sah.

»Mein Gott, was ist denn nur mit Dir, Du siehst ja schon wieder totenbleich aus!«

Sie drückte sich schluchzend an seine Brust.

»Gerhart – ich – o – ich ängstige mich so sehr –«

»Du ängstigst Dich? Ja, wo vor denn?«

Er verstand sie ganz und gar nicht.

Dann plötzlich stieg eine dunkle Ahnung in ihm auf. Er fasste nach ihrer Hand und sah ihr tief in die Augen.

Und stammelnd, unter Schluchzen und Jubeln rang sich ihr das selbst noch kaum eingestandene Geheimnis aus der Brust.

Einen Augenblick lang sprach Gerhart kein Wort. Totenstille war zwischen ihnen.

Lotte drohte der Atem stille zu stehen.

Nun zog er sie fester an sich und sagte bewegt:

»Also doch, ich dachte es fast. Du warst so seltsam in der letzten Zeit.«

Dann richtete er sich fest in den Schultern auf und sagte mit lächelnder Genugthuung:

»Es wird ein schönes, begabtes Kind werden, dies Kind der freien Liebe.«

Lotte sah sprachlos zu ihm hin. Ein stolzes Lächeln lag auf seinem Gesicht.

»– Ja, Gerhart – aber nun – ist es doch selbstverständlich, dass wir sobald als möglich –«

Er hörte gar nicht auf sie.

»Wenn es ein Knabe ist, und ich hoffe zuversichtlich, es wird einer sein, wollen wir ihn Erik nennen, wie den Helden meines Frühlingsdramas. Ist es ein Mädchen, mag sie Helga heissen.«

»Nicht Luise, wie mein Mütterchen?« wandte Lotte schüchtern ein.

»Luise ist so altmodisch, Kleines. Uebrigens passt der Name auch nicht in den Rahmen Eurer Zukunft.«

»Eurer Zukunft?«

»Nun ja, Deiner und des Kindes. Ich sehe sie ganz deutlich vor mir erstehen. An einem stillen Ort, nicht allzuweit von hier, ein kleines weinumsponnenes Häuschen, davor ein Gärtchen mit bunten Blumen. In dem Gärtchen Du und das Kind, beide in weissen, leichten Gewändern. An den Festtagen meines Lebens, wenn mir ein grosser Wurf gelungen, oder aber wenn ich müde geworden bin nach langer Arbeit, komme ich zu Euch hinaus und suche Trost und Frieden und neue, heisse Liebe in Eurem Schoss.«

Lotte hatte die Hände über dem Knie gefaltet und blickte still zu Boden, damit er die Thränen nicht sehen sollte, die ihr im Auge standen. Er meinte es ja gewiss gut mit dem was er sprach, aber sie hörte aus alledem nur das Eine heraus, dass er nicht immer bei ihr sein werde. Der Mann nicht bei seiner Frau! Der Vater nicht bei seinem Kind!

Er aber sagte ganz arglos:

»Nun, Kleines, wie gefällt Dir mein Plan?«

Und als sie nicht antwortete, hob er ihr Gesicht zu sich auf und sah die Thränen über ihre Wangen fliessen.

»Weshalb weinst Du denn?« fragte er ein wenig ungeduldig. »Aengstigst Du Dich so sehr? Aber Kleines, Mutter werden ist doch etwas Natürliches; Milliarden Frauen und Mädchen machen es durch.«

Sie schüttelte sanft den Kopf, dass das wirre Lockenhaar in der seitlich durch die Stämme fallenden Sonne aufblitzte.

»O nein, ich ängstige mich gar nicht. Es ist nur, dass Du so selten bei mir sein willst – ein Mann gehört doch nun einmal zu seiner Frau.«

Sie hatte das Letzte nur ganz leise und verschüchtert hervorgebracht. Eine Ahnung sagte ihr plötzlich, dass er, der Priester und Verkünder der freien Liebe, am Ende etwas ganz Anderes gemeint habe als eine Ehe.

Ein kurzer, halb gepfiffener, halb gehauchter Laut kam von seinen Lippen. So also stand es. Das erwartete sie!

Einen Augenblick schwankte er, ob er ihr nicht gleich die volle Wahrheit sagen, sie gar nicht erst im Zweifel darüber lassen solle, dass er niemals daran denken würde, sie zu heiraten. Aber als er sie so vor sich sitzen sah in ihrer rührenden Schönheit, ein Bild hingebender, vertrauender Liebe, brachte er's nicht übers Herz. Er wollte sie langsam an den Gedanken gewöhnen. In dieser Stunde, da sie ihm eben erst ihre Hoffnung gestanden hatte, wäre es brutal gewesen, mit einem einzigen Schlage ihr die Zukunft zu zertrümmern.

So stand er auf und fuhr ihr liebkosend über das Haar.

»Sei Du nur ruhig, mein Kleines, und rege Dich nicht auf. Ich werde schon Mittel und Wege finden, alles nach Deinen Wünschen einzurichten. Und jetzt komm! Wir wollen auf die Höhe steigen.« Er zog sie empor. Mit stiller Glückseligkeit hing sie sich an seinen Arm. Seine nichtssagenden Worte hatten sie völlig beruhigt. –

In den nächsten Tagen kam Lotte naturgemäss bei jeder Gelegenheit auf den Heiratsplan zurück, um so dringender, je schlechter sie sich jetzt zu befinden begann. Gerhart war mehrmals daran, seine zusammengekünstelte Fassung zu verlieren und ihr die Wahrheit ins Gesicht zu sagen.

Im Grunde war ihm selbst bei der ganzen Angelegenheit übel genug zu Sinn. Trotzdem er die freie Liebe sich zum Lebensprinzip gemacht hatte, ging es ihm doch nahe, dass gerade Lotte ihr zum Opfer fallen sollte. Gerade weil er wusste, dass sie niemals ernstlich auf einer Erfüllung seiner Pflichten gegen sie bestehen würde, dass sie nicht zu jener Kategorie von Mädchen gehörte, die mit dem Revolver in der Hand sich ihr Recht zu wahren wissen, gerade darum that es ihm doppelt weh. Und doch kam er nicht auf den Gedanken, sie zu heiraten, des Lebens volle Bürde auf sich zu nehmen, Pflichten zu üben, wo er sich bisher nur Rechte angemasst hatte. Zum ersten Male aber dämmerte ihm in stillen Stunden die Erkenntnis auf, dass es am Ende doch, ins Praktische übertragen, ein eigen Ding um die freie Liebe sei, und dass der Traum von ihr bedenklich in Gefahr schwebe, an der Wirklichkeit zu zerschellen.

Immer wieder stand diese aufkeimende Erkenntnis vor Gerhart auf, und immer wies er sie zurück. Mit Ungeduld erst, mit Wut und Zorn am Ende. Sollte er und die ganze Schule der Modernen im Unrecht sein gegen einen alten Zopf? Sollten am Ende aller Enden wirklich die Philister recht behalten mit ihrer Behauptung, dass die vielverspottete Ehe eine unentbehrliche Institution sei, sie, die Feinde der Ehe aber keine modernen Wirklichkeitsmenschen, wie sie selbst so stolz sich nannten, sondern verträumte Romantiker, deren erbitterter Krieg gegen die Familie mit einem kläglichen Fiasko enden musste?

Nein, tausend und abertausend Mal nein. Er wollte nichts hören, nichts wissen von solcher Philisterweisheit. Nochmals und abermals ein Pereat der Ehe, der Familie, ein donnerndes Vivat aber der Jugend, dem Glück, der freien Liebe! – – –

* * *

 


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