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Max Bornstein war länger in Dahlow festgehalten worden, als er vorausgesehen hatte. Freilich war die Jagd mehr als die Geschäfte an diesem Aufschub Schuld gewesen. So kam es, dass am Sonntag Abend der Orchideenstrauss für Lena, statt durch ihn selbst, durch einen Expressboten in der Zimmerstrasse abgegeben werden musste.

Lena machte zunächst ein verdriessliches Gesicht. Sie war schon so verwöhnt durch Bornsteins Aufmerksamkeiten, fühlte sich so ganz Herrin der Situation, dass sein Fernbleiben sie schwer verdross. Es kränkte ihre Eitelkeit, und dann war es wirklich kein Vergnügen, mit der trübseligen Lotte, die kaum von ihrem Buch aufsah, den ganzen Sonntag Abend allein zu Haus zu sitzen. Wo aber sollte sie hin? Mit Marie Weber war sie seit der Freundschaft mit Strehsens ganz auseinander. Die Jugendfreundin hatte einmal über Clementine und Elisabeth abfällige Aeusserungen gemacht, ja sich sogar so weit verstiegen, Lena ihre Beziehungen zu Herrn Bornstein vorzuwerfen. Seitdem war sie mit Marie Weber fertig gewesen. Sie war und blieb eben eine Pute vom Lande, mit der es nicht lohnte, sich weiter abzugeben.

Um zu Strehsens hinauszufahren, war es zu spät geworden. Wenn Bornstein schon nicht selbst kam, so hätte er den Strauss mit der Absage wenigstens früher schicken können! Zu dumm, den ganzen freien Sonntag Abend hier in den langweiligen vier Wänden sitzen zu sollen! Schliesslich kam sie auf den Gedanken, Lotte aufzufordern, mit ihr zu Frau Wohlgebrecht zu gehen.

Die Frau war das letzte Mal ja ganz nett zu ihr gewesen und wer weiss, ob sich mit dem bleichen Dichterjüngling nicht doch am Ende was anstellen liess! Pour passer le temps war er am Ende gut genug.

Als Lena Lotte diesen Vorschlag machte, lehnte diese gegen ihre Gewohnheit sehr schroff ab.

»Frau Wohlgebrecht ist verreist«, sagte sie kurz.

Sie wollte um nichts in der Welt mit Lena in ein Gespräch über ihre besten Freunde geraten.

»So komm, lass uns in ein Restaurant gehen, es ist sterbenslangweilig, hier allein zu sitzen, besonders wenn Du den ganzen Abend nichts thust als lesen!«

Lotte schob das Buch bei Seite und sah Lena ernsthaft an.

»Wir haben kein Geld, Lena, um in ein Restaurant zu gehen. Ich habe Dir bis jetzt nichts davon gesagt, um Dir Deine frohe Laune nicht zu verderben, aber einmal muss es doch sein – wir müssen uns sehr, sehr einschränken, liebe Lena. Ich bin am Ersten in grosse Verlegenheit geraten – ich habe unsern letzten Notgroschen angreifen müssen –« Sie legte die Hand auf Lenas Arm.

»Du darfst mir nicht böse sein, Lena, aber nicht wahr, – in diesem Monat wirst Du von Deinen Tagegeldern so viel als möglich für den Haushalt sparen? Ich selbst werde mir sicherlich die erdenklichste Mühe gehen, mehr zu verdienen und viel, viel weniger zu gebrauchen.«

Lena zog ihre brummigste Miene auf. Auch das noch! Statt eines fidelen Abends mit Bornstein eine Predigt von Lotte. Noch mehr einschränken sollten sie sich und das bischen, was sie verdiente, auch noch für den Haushalt hergeben? – brrr!

Nur um etwas zu sagen und der Sache rasch ein Ende zu machen, gab sie ein hastiges, oberflächliches Versprechen.

Mein Gott, Lotte that ihr ja auch leid, aber das war doch ein grässliches Leben!

Dann drehte sie den kostbaren Strauss, den sie noch immer in der Hand hielt, hin und her. Mit einem halb belustigten, halb ironischen Lächeln sah sie auf die wundervollen Blüten.

»Was der wohl wert ist, Lotte? Zehnmal könnten wir uns dafür mindestens satt essen und noch dazu in einem feinen Restaurant.«

Sie dehnte und reckte sich nach hinten zu über die Stuhllehne hinüber.

»Was das für eine Misere ist, jeden Groschen zehnmal herumdrehen zu müssen – ich glaube wirklich, Lotte, Du bist zu penibel, man ist doch nur einmal jung und hat doch auch sein Recht auf Glück.«

Lotte blieb die Antwort in der Kehle stecken, als sie jetzt von Lena denselben Ausdruck hörte, den Gerhart gestern gebraucht hatte. Es musste doch etwas daran sein, an diesem Recht auf Glück. Sie wollte es ja auch jedem andern gern zugestehen, nur sich selbst nicht, wenn es nur auf den verworrenen Wegen zu erreichen war, die Gerhart sie ahnen liess.

Da Lotte nicht antwortete, fuhr Lena fort: »Weisst Du, Lotte, ich hätte eigentlich Lust umzusatteln –«

Lotte sah die Schwester ganz entgeistert an.

»Was denn, jetzt, nachdem Du die Anstellung endlich hast? Um Gottes willen nur das nicht. Deine feste Anstellung ist das Einzige was uns rettet.«

»Pah! Wenn ich mich nun verbessern kann? Das ewige an den Dienst angeknüppelt sein, gefällt mir nicht mehr. Bei dem kleinsten Vergehen sich 'runterputzen lassen müssen wie ein dummes Schulmädchen, das passt mir nicht! Und dann ist noch eins. Regelmässige Einnahmen sind ja ganz gut, aber mich kann so was auf die Dauer nicht reizen und befriedigen. Ob ich am Apparat gut oder schlecht arbeite, ist, so lange man mich überhaupt behält, für meine Einnahmen ganz egal. Ich muss meine bestimmten Jahre absitzen, ohne mich verbessern zu können. In jeder andern selbständigen Branche ist mir doch wenigstens die Möglichkeit gegeben, mehr zu verdienen, sobald ich mehr und besser arbeite. –«

»Ja, aber Lena, denk' doch blos an mich!«

Lena lächelte gutmütig, aber doch ein wenig überlegen.

»Nimm mir's nicht übel, Lotte, Du bist ja eine zehntausendmal bessere Seele als ich, aber ich bin dafür aus anderem Holz geschnitten. Wenn's gilt, wenn ich meinen ganzen Willen einsetzen kann für eine Sache, die mich freut, kann ich auch was leisten. Und ich wüsste schon eine, die mich freuen würde! Sieh 'mal –« und sie hielt Lotte den Orchideenstrauss, der zwischen den Schwestern auf dem Tisch gelegen hatte, entgegen – »dabei ist mir der Gedanke gekommen – an ein Blumengeschäft nämlich. – Horrend teuer sind die frischen Blumen in Berlin – wenn man da irgend was fände, woher man billig beziehen könnte, ohne selbst draussen einen Garten anlegen zu müssen – vielleicht aus Klockow durch Vater oder Franz Krieger – könnte man ein grosses Geschäft machen. Und Geld haben will ich, viel Geld und bald! Hier in Berlin ist ein Leben ohne Geld unerträglich. Mit Geld müsste es das Paradies sein!«

Lena sprang lebhaft auf, strich sich die schwarzen widerspenstigen Haare von den Schläfen, dann lief sie mit grossen Schritten in dem kleinen Zimmer hin und her.

Mit beredten Worten entwickelte sie Lotte ein Bild des Lebens, das sie führen würde, wenn sie so oder so zu Geld käme. Es war in diesem Bilde nichts von dem zu sehen, was Lotte erträumt hatte, als sie zuerst nach Berlin gekommen war, ganz im Anfang, als sie noch gehofft hatte, es zu einem blühenden Geschäft zu bringen. Vater und Schwester spielten in Lenas Plänen keine Rolle.

Auch kein zukünftiger Gatte, mit dem sie ohne Ansehen von Geld und Gut würde leben und glücklich sein können, weil sie selbst genug erwarb, um mit ihm zu teilen.

Immer mehr und mehr redete Lena sich in ein Zukunftsbild hinein, das wohl erst kürzlich durch den Verkehr mit Bornstein so bestimmte Gestalt angenommen haben musste.

Gesellschaften, glänzende Diners und Soupers, elegante Toiletten, Reisen und was sonst noch alles zu dem Luxus der oberen Zehntausend gehört, schilderte sie Lotte in glühenden Farben. Sie sprach sich in einen förmlichen Rausch, aus dem sie mit glühenden Backen und glänzenden Augen erst wieder zu sich kam, als Lotte ein paar dünne Scheiben Schlackwurst und ein paar Stücke trockenen Schwarzbrots auftrug. Essbutter hatte Lotte seit dem Ersten gestrichen.

Lena sah empört auf den kargen Imbiss.

»Ist denn von Franz Kriegers Weihnachtssendung nichts mehr da?« fragte sie vorwurfsvoll.

»Doch, Lena, aber wir müssen sparsam damit umgehen. Für Essen und Trinken darf ich in diesem Monat nur das Allernotwendigste noch ausgeben.«

Lena zuckte die Achseln. Dann, nachdem sie das Brot mit der dünnen Schlackwurstscheibe ein paar Mal hin- und hergedreht hatte, entschloss sie sich kurz und biss mit ihren prachtvollen Zähnen kräftig hinein.

*

Auf den Berliner Telephonämtern ging es an einem Tage um die Mitte Februar zur Börsenzeit heiss her. Eine neue, über Nacht hereingebrochene politische Konstellation liess plötzlich alle Werte schwanken. Eine lange nicht dagewesene allgemeine Baisse trat ein, und das Telephon hatte stundenlang nichts Anderes zu thun, als unwillkommene Botschaften, zweifelnde Fragen und noch zweifelndere Antworten hin und her zu befördern.

Auch auf dem Amt, auf dem Lena arbeitete, herrschte fieberhafte Thätigkeit.

Sämtliche Beamtinnen waren mit Eifer und Hingebung auf ihrem Posten und liessen sich Mühe und Anstrengung nicht verdriessen.

Sie wussten ja, dass es heute keiner ihrer Berliner Kolleginnen anders ging und dass dies Arbeitstempo naturgemäss nicht lange andauern konnte. Nach Börsenschluss musste es ruhiger werden.

Selbst Lena, die während der letzten Tage immer lässiger in ihrer Arbeit geworden war, nahm sich heute zusammen. Es war beinahe, als ob sie wisse, dass man sie seitens der Aufsichtsbeamten heute besonders scharf aufs Korn genommen habe.

Gegen Mittag liess der fieberhafte Betrieb nach. Es war eine verhältnismässige Stille eingetreten. Eine besänftigende Ruhe nach dem Sturm. An einem der mit grünem Tuch bezogenen Tische, an denen die Aufsichtsdamen sich zeitweise zu schriftlichen Arbeiten niederlassen, trat der oberste Aufsichtsbeamte heran.

Er beugte sieh ein wenig zu einer älteren Dame mit schlichtem grauem Scheitel nieder und sagte halblaut: »Nun, Fräulein Löffler, wie steht es mit Fräulein Weiss?«

Das ältliche Fräulein zuckte mit den Schultern und machte ein betrübtes Gesicht.

»Immer dieselbe Geschichte, Herr Strömer. Unaufmerksam und flüchtig. Augenblicklich nimmt sie sich ja zusammen. Schade um das nette, begabte Mädchen. Ich fürchte, wir werden sie zum Ersten entlassen müssen.«

»Wenn es nur nicht Knall und Fall sein muss! Mir scheint, wir kommen nicht darum, so leid es mir thäte. Das Betragen des Mädchens ausser dem Dienst –«

»Ist da auch etwas vorgefallen?« fragte Fräulein Löffler ganz bestürzt.

Der Beamte rieb sich mit dem Zeigefinger ein paar Mal über den stark geröteten Nasenrücken, ehe er antwortete.

»Hm, Fräulein, ja, das ist so eine Sache. So 'ne hübsche junge Person. Man kann es ihr ja im Grunde nicht verdenken. 'N bischen Plaisier will der Mensch auch haben. Soll sich da so was angebandelt haben mit einem jungen Bankier. – Na und das darf doch nu 'mal nicht sein!«

»Wissen Sie das bestimmt, Herr Strömer? Vielleicht ist es nichts als eine der vielen Klatschereien, die die Mädchen untereinander aushecken.«

»Das dachte ich anfangs auch.« Und Herr Strömer rieb immer stärker auf seinem Nasenrücken herum. »Aber leider ist es nicht so. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, Fräulein Löffler, wie leid es mir thut. Es ist wirklich was dran an der Geschichte. Das heisst – Sie müssen nicht gleich das Schlimmste denken.«

Fräulein Löffler wandte sich schamhaft ab.

»Wie man in Berlin sagt – »sie geht mit ihm«. Er trifft sie an irgend einer Ecke abends, wenn sie vom Dienst kommt, dann gehen sie in ein Restaurant oder, wenn's mit der Zeit so passt, ins Theater. Da ist ja nun an und für sich am Ende nichts weiter dran, tausende von Mädchen machen es so und bleiben dabei ganz anständig – aber als Königliche Beamtin, da geht das doch nicht, da geht das doch nicht!«

Herr Strömer stiess das Letztere förmlich jammernd heraus. Er war in seinem Privatleben niemals das Urbild der Tugend gewesen und dabei doch ein tüchtiger Beamter geblieben. Es wurmte ihn, dass man hier so streng mit den armen jungen Dingern ins Gericht ging.

Das Fräulein war aufgestanden, um einen neuen Rundgang zu beginnen.

Sie dachte zwar weit strenger über den Fall als Herr Strömer, aber sie wollte Lena ebenso ungern plötzlich preisgeben.

»Reden Sie doch dem Mädchen 'mal ordentlich ins Gewissen, Herr Strömer, eh' man's an die grosse Glocke hängen muss. Sie kann ja, wenn sie will. Sehen Sie nur, –« und sie zeigte auf den nicht allzu entfernten Schrank, an dem Lena eifrig arbeitete – »wie sie heut auf dem Posten ist.«

»Schade, schade«, brummte Herr Strömer und schritt, eifrig und nachdenklich an seiner roten Nase herumreibend, in sein Bureau zurück.

Nach Schluss ihrer Dienststunden liess er Fräulein Weiss zu sich kommen.

Lena war sich vollkommen klar darüber, was ihrer wartete. Sie kannte das Reglement und wusste, dass auf schlechtes Betragen, auch ausser dem Dienst, sofortige Entlassung stand. Sie hatte sich zwar nichts weiter zu Schulden kommen lassen, als dass sie sich ein paar Mal mit Bornstein köstlich amüsiert und sich an guten Dingen gründlich satt gegessen hatte, aber sie wusste auch genau, dass das genügte, um sie ihrer Anstellung sofort verlustig gehen zu lassen.

Mit vollem Bewusstsein dessen, was sie aufs Spiel setzte, hatte sie sich mit Bornstein vergnügt. Sie musste nun die Folgen tragen, allerdings früher, als sie erwartet und auch gewünscht hatte. Gern wäre sie geblieben, bis ihre Pläne mit dem Blumengeschäft weiter gediehen waren, bis sie wenigstens mit Bornstein sich darüber beraten hatte. Vor allem um Lottes willen, die der Verlust ihrer Stellung doppelt schwer treffen würde, so lange ein Ersatz dafür nur in der Luft schwebte.

Herr Strömer hatte Lena eine ganze Weile in das hübsche Gesicht gesehen, bevor er zu sprechen begann. Das Mädchen sah ganz und gar nicht wie eine Schuldige aus.

Aber dennoch – und er murmelte mit heftigem Nasenreiben wieder sein monoton tragisches: »Schade! Schade!«

»Leider« – er räusperte sich – »leider, Fräulein, muss ich Ihnen sagen, dass man – hm – auf dem Amt nicht zufrieden mit Ihnen ist. Sie haben in letzter Zeit oft nachlässig gearbeitet – aber hm – schade – das ist nicht die Hauptsache – das heisst, ich meine der Hauptgrund, aus dem ich Sie kommen liess. Nämlich, Fräulein« – Herr Strömer sah Lena mit einer künstlich sittenstrengen Miene an – »Ihr Betragen ausser dem Dienst – Sie sollen – Sie haben – mit einem hiesigen bekannten Bankier – Was haben Sie dazu zu sagen, Fräulein?«

Lena zuckte die Achseln.

»Nichts, Herr Strömer – es wird wohl so sein!«

»So, hm, ja! Sie gestehen es also zu? Schade! Schade!«

»Ich gestehe zu, dass der bekannte Bankier, wir können ihn ja auch der Einfachheit halber gleich beim Namen nennen, also dass Herr Bornstein mich mehrmals abends nach dem Dienst erwartet hat und mit mir in ein Restaurant oder ein Theater gegangen ist.«

»So – und –?«

»Was und?«

»Na, ich meine, Fräulein Weiss, was denken Sie sich dabei?«

»Gar nichts.«

»Sie verstehen mich nicht. – Ich meine, sind Sie die Verlobte des Herrn – hat er Ihnen ein Heiratsversprechen gegeben?«

Lena lachte hell heraus.

»Das glauben Sie doch selber nicht, dass es Herrn Bornstein einfallen würde, ein bettelarmes, halbgebildetes Mädchen zu heiraten. –«

»So – und das sagen Sie so ganz kaltblütig? Sie wissen, der Herr wird Sie nicht heiraten und trotzdem gehen Sie allein mit ihm aus und lassen sich vor aller Welt mit ihm sehen?«

Herr Strömer ereiferte sich förmlich.

Lena zuckte hochmütig die Achseln.

»Eine Anstandsdame habe ich nicht zur Verfügung – und ob es anständiger ist, mich mit Herrn Bornstein heimlich, irgendwo im Verborgenen zu treffen –«

Strömer, dessen Interesse an dem Mädchen immer wärmer wurde, unterbrach sie eilig.

»Um Gottes willen, fangen Sie so etwas nicht an! Halten Sie sich brav, Fräulein Weiss – um Ihrer selbst willen. Amüsement ist am Ende noch keine Sünde, wenn man jung ist – aber darüber – nicht wahr, Fräulein Weiss – darüber werden Sie nicht gehen!«

Lena sah ihren Vorgesetzten sehr erstaunt an. Sie wusste einen Augenblick gar nicht, wo er hinaus wollte. Dann schien ihr dunkel aufzudämmern, was er meinte.

Sie wurde ein wenig rot und schüttelte dann sehr energisch den Kopf. Antworten that sie nicht, aber Herr Stromer verlangte es auch nicht. Er hatte sie auch so verstanden.

Nach einer kleinen verlegenen Pause sagte Lena:

»Also dann bin ich wohl aus dem Dienst entlassen?«

Herr Strömer bearbeitete seinen Nasenrücken mit Furor und sagte kleinlaut:

»Eigentlich ja – aber hm – wenn Sie versprechen, sich die kommenden vierzehn Tage zusammenzunehmen, möchte ich Sie bis zum ersten März behalten. Eine so plötzliche Entlassung könnte Ihnen sehr schaden, Fräulein Weiss, und dazu beitragen, dass Ihre Zukunft vielleicht gänzlich ruiniert wird –«

Lena unterbrach ihn.

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Strömer – sehr. Wir sind sehr arm, und meine Schwester würde über das Ausbleiben der Tagegelder in diesem Monat schon sehr unglücklich sein. Zum 1. April würde ich übrigens selbst um meine Entlassung gebeten haben.«

»So, so. Haben Sie etwas anderes vor?«

»Ja – ich will ein Geschäft etablieren!«

»Darf man fragen – –?«

»Nein, das ist noch Geheimnis!«

Herr Strömer lächelte. Dann stand er auf zum Zeichen, dass Lena entlassen sei.

»Also ich darf morgen wiederkommen? Nochmals vielen, vielen Dank.«

Lena nahm sich während der zwei folgenden Wochen in und ausser dem Dienst sehr energisch zusammen. Sie arbeitete so tüchtig, wie in der ersten Zeit, so dass Herr Strömer täglich mehr als zehnmal sein melancholisches »Schade, Schade« wiederholen konnte.

Mit Bornstein kam sie in dieser Zeit kein einziges Mal zusammen. In vierzehn Tagen war sie frei, dann konnte sie machen was sie wollte.

Da Lenas Herz bei der ganzen Sache sehr wenig beteiligt war, dünkte ihr die Trennung wohl langweilig, wurde ihr aber, von der Gemütsseite aus betrachtet, nicht im geringsten schwer.

Bornstein hingegen wurde viel tiefer davon betroffen. Je öfter er mit Lena zusammenkam, je verliebter wurde er in das lustige frische Ding mit dem hellen Verstande, der in seinen Augen die fehlende Bildung reichlich ersetzte. Ihre Zurückhaltung machte ihm den Verkehr mit ihr nur noch reizvoller. Er war übersättigt von alledem, was ihm um seines Reichtums willen jahrelang mühelos in den Schoss gefallen war. Dass Lena eine ausgemachte kleine Egoistin war, störte ihn durchaus nicht. Ganz im Gegenteil. Ihre im Grunde harmlose Genusssucht befriedigen zu können, freute ihn. Ihm selbst war schon als Kind gelehrt worden, dass ohne einen gesunden Egoismus heut niemand mehr durch die Welt komme. Und sein Lehrmeister war kein grauer Theoretiker, sondern ein tüchtiger Praktiker gewesen, jener Grossvater, der selbst noch hinter dem Ladentisch gestanden und den Grund zu dem bedeutenden Wohlstande der Familie gelegt hatte.

Lotte erfuhr vorerst kein Wort von Lenas Kündigung. Wozu das arme Ding, das sich das ganze Leben mit Nahrungssorgen verdarb, vor der Zeit ängstigen? Sie würde das alles noch früh genug erfahren.

Der ungeduldig ersehnte März kam endlich heran. Lena war frei.

Draussen schien die Sonne so warm und hell, als wäre man schon mitten darinnen im lebenspendenden Frühling gewesen.

Lena stiess die Fenster ihrer engen Schlafkammer auf und steckte den Kopf weit hinaus in den Sonnenschein und die warme Luft.

Alles was sie sonst bekrittelt hatte, gefiel ihr heut. Der Hof mit dem noch kahlen Nussbaum, auf dem die Spatzen lustig zwitscherten, die schmalen Seitenflügel mit ihren vielen Fenstern, die heute an dem ersten schönen Tage des Jahres alle weit geöffnet standen, die lustig im Morgenwind flatternden Gardinen, die sie wie wehende Fahnen grüssten.

Lena zog sich gleich fix und fertig an, obwohl sie nichts zu thun und den ganzen köstlichen Tag zur freien Verfügung vor sich hatte.

Als Lena zum Frühstück kam, das Lotte schon längst für sie bereit gestellt hatte, fand sie neben ihrer Tasse einen Brief von Bornstein.

Sie liess sich Zeit mit dem Oeffnen. Erst nachdem sie mit Lotte geplaudert und ihr Frühstück beendigt hatte, nahm sie eine Nadel aus dem vollen Haarknoten und schnitt den Umschlag damit auf. Bornstein schrieb:

 

»Liebste Lena, Dir und mir allerbesten Glückwunsch zur wiedergewonnenen Freiheit! Wenn es Dir recht ist, wollen wir diesen ersten März feierlich begehen. Hoffentlich ist der Himmel uns gnädig –«

 

Lena lachte und blickte über Lottes über die Arbeit gesenkten Kopf hinweg in den Sonnenschein.

 

»Wenn es nicht gerade in Strömen giesst – in diesem Fall erhältst Du bis zehn andere Nachricht – wollen wir uns Punkt elf Bahnhof Friedrichstrasse unter der Uhr treffen. Fürchte nicht, dass ich Dich nach Dahlow entführen will, so gern ich es thäte. Dein Eigensinn – pardon Kleine – Deine Willensstärke ist ja leider! unbesiegbar. Wir wollen nach Wannsee oder Potsdam fahren, was Dir lieber ist, ein gutes Diner einnehmen, wogegen Du doch vermutlich nichts haben wirst, gegen Abend zurückkommen und in ein Theater gehen. Ich schlage Dir Central-Theater vor, Thomas soll in der neuen Posse zum Brüllen komisch sein. – Danach – na, das magst Du bestimmen.

Also auf Wiedersehen Punkt elf unter der Uhr. B.«

 

Nachdem sie gelesen, fragte sie Lottchen, was es wohl an der Zeit sei.

»Neun vorbei«, gab sie, die schon seit dem frühesten über der Arbeit sass, mit einem ganz kleinen Vorwurf zurück.

Lena stand auf und küsste sie. Die Schwester that ihr in diesem Augenblick unbeschreiblich leid. Nun würde sie wieder den ganzen schönen Tag lang hier sitzen und sticheln um elenden Hungerlohn, während sie draussen in vollen Zügen das himmlische Leben geniessen würde.

Auch ein wenig Gewissensbisse hatte sie. War es nicht eigentlich ihre Pflicht, Lotte endlich zu sagen, dass sie ausser Stellung sei, es ihr zu sagen, ehe sie für den ganzen Tag das Haus verliess?

Nachdenklich blickte Lena ein paar Augenblicke in den Sonnenschein hinaus. Draussen im Nussbaum zwitscherten noch immer die Spatzen und aus den offenen Nachbarfenstern tönte ein lustiges Lied.

Nein heute nicht – morgen, – morgen bestimmt. Heute wollte sie einmal einen rechten, echten Feiertag haben, durch keine Sorgen, keine Vorwürfe getrübt.

Es drängte sie aber doch, Lotte durch irgend etwas ihre mitleidige Zuneigung zu beweisen. Sie legte die Arme von rückwärts um den Hals der Schwester.

»Du Lotte, kann ich Dir nicht ein bischen helfen? Ich brauche erst um halb elf fort.«

Lotte sah mit einem herzlichen Blick zu Lena auf.

»Ich danke Dir, liebe Lena – aber es ist wirklich nichts zu thun. Mit dem Mittagbrot hat es noch lange Zeit, und eingeholt ist schon alles.«

Nun fiel Lena ein, dass sie der Schwester doch wenigstens sagen musste, dass sie heut nicht zu Tisch kommen würde.

Nicht gerade fliessend kam das Bekenntnis heraus. Aber Lotte schien über diese Nachricht nicht sonderlich beunruhigt zu sein. Entweder sie war wie gewöhnlich mit ihren Gedanken wieder weit ab, oder sie glaubte, dass Lena bei Strehsens essen würde, wie dies schon öfter vorgekommen war.

Ohne von der Arbeit aufzublicken, sagte sie gleichmütig nichts als: »Bist Du zum Abend zurück?«

Und als Lena jetzt selbst etwas von Strehsens murmelte und meinte, es könne Mitternacht werden und sie möge nur ja nicht auf sie warten, schwieg Lotte ganz.

Sie würde auch geschwiegen haben, wenn sie die Wahrheit gekannt hätte. Ihr eigenes Gewissen war so schwer belastet, dass sie sich innerlich gar nicht berechtigt fühlte, Lena Vorhaltungen zu machen.

Lena, der man im Grunde keinen besonderen Hang zur Pünktlichkeit nachrühmen konnte, war heute auf die Minute zur Stelle.

Gleich nach ihr kam Bornstein, ein paar prachtvolle Marechal-Niel-Rosen in der Hand.

Das war eine Wiedersehensfreude! Selbst Lena, die nicht das geringste Talent für Zärtlichkeiten hatte, wurde ganz warm. Wenn sie sich nicht gerade mitten im Getümmel der Friedrichstrasse begegnet wären, hätte Bornstein heut aus Lenas übermütiger Freude heraus vielleicht seinen ersten Kuss bekommen.

Sie bestiegen ein schon halb besetztes Coupé zweiter Klasse und fuhren nach kurzer Debatte bis nach Potsdam hinaus.

Lena war anfangs mehr für Wannsee gewesen, das ihre Kolleginnen ihr stets in den blühendsten Farben geschildert hatten, aber Bornsteins feierliche Versicherung, dass man um diese Jahreszeit in Potsdam jedenfalls besser essen und trinken würde, hatte schliesslich, den Ausschlag gegeben.

Es war ein völlig sommerwarmer Tag, dieser erste März. Ein reiner wolkenloser Himmel blaute über den kahlen Feldern, den Kiefernwaldungen und langgestreckten Ortschaften, durch die sie dahin fuhren.

Lena war in den fünf Monaten, in denen sie in Berlin war, noch nicht über Charlottenburg hinausgekommen, und auch das hatte sie nur von der Berliner Seite aus besucht. So machte ihr schon die Eisenbahnfahrt einen Riesenspass. Die Sport-Etablissements auf dem Kurfürstendamm, Charlottenburg von einer Seite, von der sie es noch gar nicht kannte, das auf dem Amt so viel besprochene Halensee, der Grunewald mit seinen prächtigen Seen, die heut im Sonnenschein, umstanden von ihrem immergrünen Kiefernkranz, einen fast hochsommerlichen Eindruck machten, alles entzückte sie.

Grosse Pläne schmiedete sie während der Fahrt für den Sommer. Jede Woche mindestens einen Ausflug in den Grunewald und die Potsdamer Gegend, und Sonntags! Ach, Sonntags erst! Sonntags würde sie dann frei sein, ganz frei, vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht.

Bornstein hatte seine streitbare Miene aufgesetzt. Mit dem Grunewald solle sie ihn nur gefälligst in Ruhe lassen. Das sei alles nichts gegen Dahlow. Sie würde ja sehen, wenn sie sich endlich entschlösse.

Lena sah ihren Begleiter einen Augenblick lang halb nachdenklich, halb schelmisch von der Seite an. Dann sagte sie zögernder, als es sonst ihre sicher zugreifende Art war:

»Ueber Dahlow möchte ich bei Tisch was mit Ihnen bereden, Herr Bornstein –«

Bornstein zwinkerte vergnügt zu ihr hinüber und sagte nichts weiter, als »hm, hm«. Bei sich dachte er:

»Na, hoffentlich wird die kleine Krabbe endlich 'mal Vernunft annehmen!«

Auf dem Bahnhof in Potsdam liessen sie sich einen kleinen Imbiss geben, dann wurden in einem Fiaker die Stadt und die königlichen Gärten, so weit sie für Fuhrwerk zugänglich waren, durchfahren.

Sanssouci, auf das Lena sehr gespannt war, wollte Bornstein ihr absolut nicht zeigen, damit wollten sie warten, bis es wirklich Frühjahr war und der Flieder blühte.

Lena verzog den Mund, aber sie fügte sich. Bornstein war ein zu liebenswürdiger Kavalier und meinte es zu gut mit ihr, als dass sie einer solchen Kleinigkeit wegen hätte ihren Kopf aufsetzen sollen.

Bei ihrer Vorliebe für grosse Wasserflächen, die ihr auch den Wunsch, Wannsee aufzusuchen, so besonders rege gemacht hatte, wurde sie bei dem Anblick, der sich ihr auf der Glienicker Brücke bot, für das versagte Sanssouci vollauf entschädigt. Nein, wie das schön war! Und wie viel man von diesem herrlichen Punkt aus übersah! Da lag ja auch Babelsberg, wo der alte Kaiser Wilhelm gewohnt hatte. Tief grün leuchtete die breite Rasenfläche bis zur Schlossrampe hinauf.

Lena erinnerte sich des alten Kaisers noch ganz gut von einem Kaisermanöver in der Nähe von Gross-Klockow her. Der Vater hatte sie und Lotte auf einem alten Jagdwagen des Barons mit in das Manövergelände genommen, und ein glücklicher Zufall hatte sie ganz nahe zu der Stelle gebracht, wo der alte Kaiser mit seinem Stabe hielt.

Sie erzählte Bornstein die kleine Episode; dabei gingen ihre strahlenden Augen lebhaft über das schöne Landschaftsbild hin und her, das von der Sonne goldhell beschienen vor ihnen lag.

Bornstein musste ihr alles erklären.

Schloss Glienicke – Babelsberg gegenüber – das früher Prinz Karl, der Bruder des Kaisers, bewohnt hatte. In schräger Richtung davon, auf dem anderen Havelufer, Sakrow. Vor ihnen, wenn sie den Weg am Ufer links hinunter verfolgten, die kaiserliche Matrosenstation; drüben, wiederum weiter nach links, von der Havel aus landeinwärts, die Türme des Pfingstberges.

Lena hätte am liebsten all diese Punkte noch heute besucht, aber Bornstein trieb zu Tisch. Als er sie daran erinnerte, dass es Essenszeit sei, verspürte auch sie starken Appetit. So schlenderten sie Arm in Arm zu dem offenen Wagen zurück, der diesseits der Glienicker Brücke nächst der Haltestelle der Pferdebahn auf sie wartete.

Sie beschlossen, irgendwo im Freien zu speisen und lobten diesen Märztag, der ihnen mit seinem Sonnenschein die Stunden zu echten Festtagsstunden machte.

Der Kutscher fuhr sie zu einem Restaurant, in dem man, wie er versicherte, sehr fein und auch im Freien speisen könne. Er würde so noblen Herrschaften doch ganz gewiss nur das Beste empfehlen.

Im Freien sassen sie zwar, aber das Diner war nicht das, was Max Bornstein für Lena gewünscht hätte. Ihre heitere Laune liessen die beiden sich aber dadurch nicht stören. Es wäre auch schwer gewesen, heute in Lenas Gesellschaft nicht heiter zu sein.

Allerliebst sah sie aus in ihrer weissen Wollblouse und dem kurzen schwarzen Rock, dem kecken schwarzweissen Hütchen und den chiken Stiefeletten. Dabei hatte sie eine Art zu plaudern und zu lachen, die Bornstein vollends den Kopf verdrehte. Das war so die Freundin, wie er sie sich immer gewünscht, aber trotz seines tollen Lebens noch niemals gefunden hatte, halb Dame, halb Grisette. Donnerwetter, mit der würde er es sein ganzes Leben lang aushalten. Was besseres wünschte er sich gar nicht. Fast niemals launisch und immer fidel, mehr pikant als schön, nie langweilig, und gesund vom Scheitel bis zur Sohle, gesund auch in ihren schlechten Eigenschaften, in ihrem Egoismus und ihrem Eigensinn.

Wahrhaftig, Bornstein hätte in dieser Stunde nicht übel Lust gehabt, Lena um ihre Hand zu bitten.

Es ging niemand Andern etwas an, wen er heiratete, und für seine Lebensanschauung wäre sie die beste Frau der Welt gewesen. Auf Bildung pfiff er. Er wusste am besten, dass es mit seiner eigenen auch nicht weit her war.

Und um ihn direkt zu blamieren, dazu war der kleine Racker viel zu klug.

Na aber, es brauchte ja nicht gleich heute zu sein. Ein bischen überlegen konnte man ja die Sache noch. So ganz ohne Bedenken war sie am Ende doch nicht. Dabei fiel ihm ein, dass Lena über Dahlow hatte mit ihm sprechen wollen. Donnerwetter, das hätte er beinahe vergessen! Noch besser, eine Konjunktur zu verschlafen, auf die man so lange gewartet hatte! –

Indem er sein Sektglas gegen sie aufhob, sagte er schmeichelnd:

»Na, Kätzchen, Du wolltest mich doch bei Tisch was fragen, Dahlow betreffend. Hast Du Dir das schon wieder anders überlegt?«

Lena schüttelte lebhaft mit dem Kopf. Dann sagte sie unvermittelt:

»Kommt Ihr Gärtner manchmal nach Berlin, Herr Bornstein?«

»Willst Du wieder Blumen haben, Mieze? Dann komm nur und hol' sie Dir selbst.«

»Darum handelt es sich nicht –« und Lena steckte, wie Bornstein es nannte, ihre Geschäftsmiene auf.

»Es handelt sich um etwas sehr Ernstes. Ich habe nämlich einen grossen Plan vor, Herr Bornstein –«

»Um Himmelswillen, Lena, Du willst Dich doch nicht schon wieder in eine Stellung begeben? Ich danke Gott, dass Du endlich frei bist!«

»In eine Stellung nicht, – aber arbeiten muss ich doch, wovon soll ich denn leben?«

Er wollte ihr sagen, dass sie nur den Mund aufzuthun brauche, um nie wieder im Leben eine Hand zu rühren, aber weiss der Himmel, wie es kam, er hatte nicht recht den Mut dazu. Dieses kleine Frauenzimmer hielt ihn noch immer in Schach. Aergerlich über sich selbst, sagte er gereizt:

»Na also, was ist es denn?«

»Etwas, wozu ich Ihren Rat und Ihre Hilfe gebrauche, Herr Bornstein!«

»Wenn Du was von mir willst, könntest Du doch wenigstens Max und Du zu mir sagen«, stiess er brummend heraus.

»Ich mag das nicht. Es hat auch gar keinen Sinn. Wir sind doch bis jetzt auch so ganz gut fertig geworden.«

»Na also«, brummte er zum zweiten Mal.

»Ich möchte gern ein Blumengeschäft etablieren, Herr Bornstein, aber ich habe nichts dazu als kolossale Lust –«

»Hm, ein bischen wenig.«

Obgleich ihm diese Idee gar nicht übel passte, – er hatte längst daran gedacht, ihr ein nettes kleines Geschäft zu kaufen – wollte er sie doch ein bischen zappeln lassen. Vielleicht konnte dieser Plan ihr zur Falle werden, in der sie sich endlich verfing.

Lena war einigermassen erstaunt, Bornstein so wenig entgegenkommend zu finden. Er las ihr doch sonst jeden Wunsch von den Augen ab, und gar auf einen ausgesprochenen einzugehen, hatte er noch niemals auch nur einen Augenblick gezögert.

»Da möchte ich mir vor allen Dingen Rat bei Ihrem Gärtner holen.«

Er hatte es auf der Zunge, ihr zum so und sovielten Male zu sagen: »Fahr doch nach Dahlow, wenn Du was willst.« Aber er bezwang sich und gab das Versprechen, ihr den Gärtner hereinzuschicken.

Sie war ganz glücklich bei dem Gedanken. Unwillkürlich musste er über sie lachen.

Frauen bleiben doch stets kurzsichtige Kindsköpfe, selbst die gescheitesten.

»Nun, und was ist mit dem Rat meines Gärtners gross erreicht? Sei doch nicht so dumm, Mieze, und thue Deinen Mund auf. Du weisst ja, ich geb' Dir das Geld gern, wenn Du Dich durchaus etablieren willst. Blumen sind noch längst nicht das schlechteste.«

Und nun fing er auf einmal an, selbst für den Plan Feuer zu fangen, immer mit dem Hintergedanken freilich, dass Lena von Dahlow würde ihre Ware beziehen müssen, und dass es sich dann von selbst ergeben würde, dass sie öfter hinauskam.

Er zog sein Notizbuch aus der Tasche und fing an, mit seinem kostbar getriebenen silbernen Stift Zahlen zu notieren. Dann hielt er ihr einen langen Vortrag, wie alles gemacht werden müsse. Gleich in den nächsten Tagen wollten sie einen netten Laden in der Potsdamer Gegend mieten. Schon zum ersten April natürlich. Auch Mehlmann, sein Obergärtner, sollte allerbaldigst hereinkommen, um Rat zu geben, was sie für Personal brauchen würde und so weiter. Sie selbst würde während dieser vier Wochen wohl oder übel in ein grosses Blumengeschäft hineingucken müssen, um doch wenigstens etwas von der Branche zu verstehen.

Lena war überglücklich und mit Bornsteins sämtlichen Vorschlägen dankbarlichst einverstanden. Nur über die Vorstreckung und Verzinsung des Kapitals konnten sie nicht einig werden.

Was Bornstein ihr da vorrechnete, sah trotz ihrer mangelnden Erfahrung beinahe wie ein Geschenk aus. Und das wollte Lena nicht. Um keinen Preis. Ein solches Abhängigkeitsverhältnis widerstrebte ihrer Erziehung und ihren Anschauungen, vor alledem aber auch ihrem ungestümen Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung. Sie wollte in dieser Sache ihr eigener Herr sein, sich unter keiner Bedingung Bornstein gegenüber zu etwas verpflichten. Instinktiv scheute sie den ersten Schritt. Er sollte keine anderen Rechte über sie gewinnen, als die eines freien, heiteren Verkehrs. Was darüber ging, das war vom Uebel.

So viel hatte ihr kluger Kopf in den wenigen Monaten in Berlin schon gelernt.

So beschäftigt waren die beiden mit ihren Plänen, dass sie stundenlang in dem Restaurant sitzen blieben. Nach Tisch waren sie in ein behagliches Zimmer übergesiedelt, in dem sie ihren Kaffee tranken. Bornstein liess sich Absynth dazu geben. Dann zeichneten und rechneten sie weiter an ihren Wohnungs- und Ladenplänen, engagierten Personal und arrangierten Schaufenster, bis es für das Theater viel zu spät geworden war.

Lena war nicht sonderlich betrübt darüber. Sie ging schon ganz in ihren neuen Ideen auf.

Zwischen acht und neun kamen sie in Berlin an. Sie bummelten noch ein bischen Unter den Linden herum und blieben wohl über eine halbe Stunde an dem Blumenfenster von Schmidt stehen.

Plötzlich kam Bornstein ein guter Gedanke.

»Weisst Du was, Mieze? Ich melde Dich gleich morgen hier als Volontärin an. Der Chef kennt mich und verdient genug an mir, um mir diesen kleinen Gefallen thun zu können.«

Lena war natürlich vollkommen einverstanden.

Dann gingen sie in einen der modernen Bierpaläste in der Friedrichstrasse. In den Weinstuben, die sie im Grunde vorzogen, pflegte Bornstein mehr Bekannte zu finden als ihm bequem war.

Beim Abendbrot bat Lena, falls er morgen nach der Zimmerstrasse hinauf kommen sollte, Lotte noch nichts von all' diesen neuen Plänen zu erzählen. Die Arme sei so nervös und überarbeitet, dass sie in allem Neuen nur ein neues Schrecknis, einen neuen, drohenden Schicksalsschlag sähe. Jedenfalls müsse sie ihr erst beibringen, dass sie ihre Stellung als Telephonistin endgültig aufgegeben habe.

Bornstein fand das sehr rücksichtsvoll von Lena gedacht, ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit. Er sprach es auch aus und freute sich, als sie ihm die Antwort gab:

»Wenn man selbst glücklich ist, möchte man andern doch wenigstens ihre schwierige Lage einigermassen leicht machen.«

Er streichelte statt jeder Erwiderung die neben der seinen auf dem Tisch liegende Hand Lenas mit zärtlichem Respekt.

Dann sagte er ihr, dass er morgen überhaupt nicht nach der Zimmerstrasse kommen würde. Er wolle bei Schmidt sein Heil versuchen und dann nach Dahlow hinausfahren, um alles Notwendige mit Mehlmann zu besprechen.

»Uebermorgen kann er dann hereinkommen und uns einen passenden Laden draussen im Westen suchen helfen.« –

Der nächstfolgende Tag liess sich noch wärmer an als der vorhergegangene.

Gegen Mittag wurde es förmlich schwül, und Lena, die von einem kurzen Gang von ihrer Schneiderin nach Hause kam, meinte lachend, dass heut sicherlich noch ein Wunder geschehen und ein Gewitter aufziehen würde. Falb habe jedenfalls wieder einen kritischen Tag prophezeit.

Lotte arbeitete an neuen Schulhüten für die drei Mädchen der Lehrerfrau. Sie war so ziemlich die einzige Kundin, die ihr von Frau Wohlgebrechts Empfehlungen übrig geblieben war. Da ihr aber Lena gestern ihre Tagegelder vom Februar mit einem ganz geringen Abzug eingehändigt hatte, sah Lotte die Dinge ausnahmsweise nicht ganz so schwarz wie gewöhnlich an. Heut Abend würde sie mit Gerhart zusammenkommen. Dann wollte sie sich noch einmal mit ihm besprechen, ob man die Dinge bis zum Sommer so weiter laufen lassen könne, oder ob sie versuchen solle, den Wirt zu bitten, sie aus dem Kontrakt zu entlassen.

Trug Lena ferner so regelmässig wie im Februar zum Hausstande bei, so würde es, angesichts einer auch nur kleinen Kundschaft für Frühjahrs- und Sommerhüte, bei der grössten Sparsamkeit wohl angehen, die Wirtschaft noch ein Weilchen aufrecht zu erhalten.

Als Lena heut so bald von ihrem kurzen Gang zurückkam, war Lotte sehr erfreut. Die grosse Einsamkeit lastete jetzt doppelt schwer auf ihr. Einigermassen staunte sie freilich, als sie hörte, dass Lena wiederum den ganzen Tag über frei sei, ebenso wie gestern. Das würde doch nichts Uebles zu bedeuten haben?

Lena redete der Schwester einstweilen alle Bedenken aus. Sie wollte erst kurz vor dem Schlafengehen beichten. Lotte den ganzen Tag über mit einem vorwurfsvollen, verweinten Gesicht umhergehen zu sehen, das konnte sie nicht ertragen.

Eigentlich wunderte sie sich selbst darüber, dass Lotte noch nicht hinter die Wahrheit gekommen war. Es war nur dadurch erklärlich, dass Lena die Schwester nur unvollständig in das Dienstreglement eingeweiht hatte, und Lotte seit Weihnachten so verträumt war, dass sie Lenas Kommen und Gehen kaum mehr beobachtet hatte.

Sie speisten schlecht und recht, aber ganz heiter bei offenen Fenstern, und da das von Lena angekündigte Frühlingsgewitter noch keine Anstalten machte heraufzukommen, machten sie nachmittags einen Spaziergang miteinander. Abends setzte Lotte das Abendbrot um eine Stunde früher als sonst auf, zum grossen Unbehagen Lenas, denn nun musste sie endlich sprechen, besonders da Lotte, wie sie ihr sagte, gleich nach dem Abendessen noch einen Gang vorhatte. –

Heut, wo die Schwestern so vertraut mit einander waren, wie seit lange nicht, würde Lotte, wenn Lena danach gefragt hätte, ihr sicherlich die beabsichtigte Zusammenkunft mit Gerhart Schmittlein nicht verheimlicht haben. Aber Lena fragte nicht, sondern druckste, während sie widerwillig an ihrem Wurstbrot herumkaute, daran herum, wie sie Lotte die peinliche Angelegenheit am schnellsten beibringen könne.

Lotte gab endlich ganz arglos selbst die Handhabe dazu, indem sie sagte:

»Wann hast Du morgen Dienst, Lena? Doch wahrscheinlich sehr früh nach diesen zwei freien Tagen?«

Jetzt oder nie, dachte Lena und platzte mit einem:

»Gar nicht – ich bin entlassen« heraus.

Lotte starrte sie erst mit grossen Augen, die vor zorniger Erregung ganz dunkel waren, an. Dann brach sie wie gefällt zusammen, und laut schluchzend fiel sie mit dem Kopf vornüber auf den Tisch.

Lena sprang hinzu, aber Lotte wehrte sie heftig ab. »Lass, lass, nun ist alles aus – das ist das Letzte«, wimmerte sie.

Und einen solchen Zorn hatte das sanfte, zärtliche Geschöpf in diesem Augenblick auf die Schwester, die ihr so kaltblütig den Verlust der letzten wirtschaftlichen Grundlage ankündigte, dass sie so, wie sie da war, aus dem Zimmer hinaus und über den Hof ins Freie lief, um sich zu dem einzigen Halt, den sie nun noch besass, zu Gerhart Schmittlein zu flüchten.

Ais sie auf die Strasse kam, fielen die ersten Regentropfen auf ihr wirres Haar. Ein schwüler, schwerer Wind schlug ihr in das heisse Gesicht, und von fern her grollte der erste Donner.

Lotte lief mehr als sie ging an den wenigen Häusern vorüber bis zu der kleinen Leihbibliothek.

Dichter fiel der Regen, und die leichte weisse Hausblouse, die sie trug, war schon fast völlig durchnässt, als sie die niedere Ladenthür aufstiess, dass die Glocke laut und schrill anschlug.

In demselben Augenblick zuckte der erste fahlblaue Blitz durch das offene Fenster.

Gerhart war allein im Laden, als Lotte so plötzlich eintrat. Die Hand über die Augen gelegt, hatte er in Gedanken verloren dagesessen. Jetzt sprang er auf und streckte ihr die Hände über den Ladentisch entgegen. Auf den ersten Blick sah er, dass irgend etwas Besonderes mit ihr vorgegangen sein müsse.

»Geh hinein, Lotte, die Lampe brennt schon. Ich lasse den Laden sofort schliessen. Minna mag das besorgen.«

In wenigen Minuten war er bei ihr.

Sie sass zusammengekauert in dem hochbeinigen Lehnstuhl der Tante und hielt das Gesicht in den Händen vergraben. Er kniete neben ihr nieder wie das letzte Mal, als sie am Tage der Abreise von Frau Wohlgebrecht bei ihm gewesen war, und ihre Hände küssend, die ihr eiskalt im Schoss lagen, bat er zärtlich:

»Lotte, liebes Kleines, was ist denn geschehen?«

Stockend und schluchzend erzählte sie ihm alles. Sie hatte kein Geheimnis mehr vor ihm. Dass Lena ihre Stellung verloren, dass sie nun nicht wüsste, wovon sie leben sollten, und zuletzt leise, sich über ihn beugend, flüsterte sie ihm ins Ohr, was sie sich bisher selbst nicht eingestanden, die dunkle Angst um Lena und Bornstein.

Er tröstete sie so gut er konnte.

Er strich ihr das feuchte, wirre Haar aus der Stirn und küsste sie, sich übermächtig beherrschend, sanft auf den Mund.

»Lass nur, mein Kleines, ich arbeite schon für Dich mit – wenn Du nur manchmal bei mir bist.«

»Und Lena?«

»Lass doch Lena, die ist aus anderem Holz geschnitzt, die wird schon durchs Leben kommen. Die klammert sich an ihr Recht auf Glück. Glaube mir, die ist nicht so zaghaft wie Du.«

Lotte war aufgesprungen und ans Fenster getreten. Erst ein plötzlicher greller Blitzstrahl und gleich darauf ein heftiger Donnerschlag scheuchten sie zu Gerhart zurück. Er stand mitten im Zimmer und sah mit einem ihr rätselhaften Ausdruck zu ihr hin.

O, mein Gott, wenn sie ihn doch nur ganz verstanden hätte! Wenn sie ihm hätte ganz vertrauen können, ihm, dem einzigen, der sie wirklich lieb hatte auf der Welt, das letzte Herz, das sie besass!

Warum hatte sie niemand, der ihr sagte, was Recht und Unrecht war in dieser Wirrnis ahnungsschwerer Gedanken und Gefühle? Wenn die Mutter gelebt hätte, dass sie sie hätte fragen können: »Darf ich ihn lieben, wie er geliebt sein will, darf ich ihm vertrauen?« Aber die Mutter gab keine Antwort mehr auf ihre verzweifelten Fragen, sie war verstummt auf ewig.

Niemand konnte ihr raten als ihr eigenes Herz, und das schlug ihm in brennender Zärtlichkeit entgegen.

Er sah es ihr an, was in ihr vorging, aber er rührte sich nicht. Mit heissen, hungrigen Augen folgte er jeder ihrer Bewegungen. Erst als sie nun einen Schritt auf ihn zu machte, öffnete er weit und sehnsüchtig die Arme. Kampfesmüde stürzte sie an seine Brust, und während er sie heiss und immer heisser umschlang und ihr Hals und Antlitz mit glühenden Küssen bedeckte, stammelte sie halb besinnungslos: »Ich liebe Dich, ich liebe Dich – thu' mit mir, was Du willst.«

Mit geschlossenen Augen lag sie in seinen Armen. Und die Wellen seiner lang zurückgedrängten Leidenschaft brachen über ihr zusammen, und in dem lodernden Wonnebrand, den er geträumt hatte, hielt er die Geliebte umschlungen zu überseligem Rausch.

Draussen aber tobte der Sturm, prasselte der Regen gegen die niederen Fenster, krachte der Donner, und die grellblauen Blitze des Frühlingsgewitters erhellten die Liebesnacht der endlich Ueberwundenen.

* * *

 


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