Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Mein Wort darauf, Lotte, ich habe jetzt keine Zeit. Ich werde in Dahlow erwartet, komm doch ein ander Mal wieder, wenn Du mich durchaus sprechen musst. Morgen, übermorgen, wann Du willst. Bloss jetzt halte mich nicht auf. Na, aber wie stehst Du denn da? Wie 'n Klumpen Unglück. So komm doch mit, aber schnell. Fräulein, Sie können zu Hause bleiben. Meine Schwester fährt mit nach Dahlow. Rufen Sie nur einen Taxameter herüber, aber 'n bischen plötzlich.«

»Na, Gott sei Dank –«

Und Lena warf sich ganz erschöpft in das Polster des Wagens, Lotte neben sich niederziehend.

»Anhalter Bahn, Kutscher, was die Pferde laufen können. Es giebt ein Trinkgeld.«

Lotte war ganz betäubt von diesen sich überhastenden Vorgängen. Sie war zu Lena herausgekommen, um ihr zu sagen, dass sie in der allernächsten Zeit die Wohnung in der Zimmerstrasse verlassen müsse. Sie wollte sie um Rat fragen, wie sie das anfangen solle.

Da Lena in letzter Zeit ausschliesslich mit dem Wirt verhandelt hatte, würde sie ihr vielleicht den Gefallen thun, zu versuchen, statt ihrer mit ihm handelseinig zu werden.

Lotte brannte der Boden in der Zimmerstrasse unter den Füssen. Sie zitterte davor, dass irgend jemand ihr ansehen könne, was mit ihr vorgegangen war. Sobald sie die Wohnung los war, wollte sie möglichst weit davon, irgendwo draussen ein Zimmerchen mieten, wo niemand sie kannte. Am liebsten wäre sie ganz fortgegangen von Berlin bis zu ihrer Heirat. Aber davon wollte Gerhart nichts wissen. Tausend Gründe sprachen dagegen. Sie musste doch auch dabei sein, wenn sein Stück aufgeführt wurde, sie seine Muse, sein Modell, sein Weib. War er erst so weit, dann würde auch alles andere gut werden.

Damit vertröstete er sie, sobald sie anfing von der Zukunft zu sprechen.

– Jetzt hielt der Wagen an dem Anhalter Bahnhof. Unterwegs hatte Lena ihrer Schwester keine Zeit gelassen zu sprechen.

»Im Coupé, Lotte. Wir werden wahrscheinlich allein fahren. Strehsen wird wohl schon gleich nach dem Dienst nach Dahlow 'rausgegondelt sein.«

Lena brauchte in der letzten Zeit mit Vorliebe dergleichen burschikose Ausdrücke, die sie von Kurt und andern männlichen Stammgästen ihres Geschäfts aufgeschnappt hatte.

Bornstein war wenig erbaut von dieser saloppen Art. Ueberhaupt fand er jetzt recht häufig an Lena zu tadeln. Seit das Geschäft ihr Gelegenheit gab, fortwährend mit Herren zu verkehren, war Lena entschieden kokett geworden. Sie leugnete es auch gar nicht und lachte ihn aus, wenn er darüber brummte. »Klappern gehört zum Handwerk«, behauptete sie. Er sprach nicht oft darüber, aber er ärgerte sich im Stillen, dass sie nicht mehr den Eindruck der Dame machte wie früher. Heut würde ihm der Gedanke, sie zu heiraten, jedenfalls weit problematischer vorgekommen sein, wie damals in Potsdam, wo er nahe daran gewesen war, sie um ihre Hand zu bitten. Ein wahres Glück, dass er's damals aufgeschoben hatte!

Auch Lotte bemerkte, dass Lena verändert war. Aber da sie sich gegen sie gut und herzlich zeigte, weit herzlicher als in der Uebergangszeit, in der sie einander so fremd geworden waren, fand sie keinen Grund, ihr nicht alles das zu sagen, was sie ihr hatte sagen wollen.

Lena war auch gleich bereit, mit dem Wirt zu sprechen. Sie zweifelte nicht daran, dass er Lotte aus dem Kontrakt lassen würde. Die Wohnung war ja auch wirklich viel zu gross für Lotte. Graue Haare sollte sie sich aber um die Sache ja nicht wachsen lassen. Wollte er nicht, nun dann liess er's eben bleiben. Das mit der Miete würde sie schon weiter in Ordnung bringen.

Ob denn das Geschäft so glänzend gehe?

Lena lachte.

»Glänzend nicht, aber es macht sich. Ich thue was ich kann, und habe eine Masse Kundschaft. Pass' mal auf, was der alte Mehlmann, das ist nämlich Bornsteins Obergärtner, für'n Respekt vor mir hat. Er schämt sich ordentlich ein bischen vor mir. Der hat nämlich geglaubt, ich würde in acht Tagen pleite sein. Nee, so dumm sind wir nicht.«

»Aber, Lena, was Du für Ausdrücke brauchst!«

»Fängst Du auch an zu predigen! Ich rede wie mir der Schnabel gewachsen ist, und das gefällt den Leuten gerade. Nur nicht zimperlich, Lotte, damit kommt man in Berlin nicht weit.«

Lotte stutzte und antwortete nicht. Vielleicht, ja wahrscheinlich hatte Lena recht.

Trotzdem Bornsteins und Lenas Beziehungen entschieden etwas gelockert waren, war es für Bornstein doch ein grosser Tag, als Lena nun endlich nach Dahlow kam.

Er hatte sich ihren ersten Besuch, den er so lange und anfangs so heiss ersehnt hatte, allerdings früher weit anders ausgemalt. Aber wer weiss was noch kam, wenn Dahlow heute ihr Herz, oder besser ihren Sinn für Luxus, Schönheit und Behagen gewann. Mit Lenas Herz hatte Bornstein zu rechnen aufgehört.

Der heutige Besuch war eigentlich ein rein geschäftlicher. Mehlmann, der wirklich einen gewissen Respekt vor dem jungen Mädchen hatte, wollte ihr neue Kulturen zeigen. Ausserdem wollte Lena Zwiebeln und Setzlinge aussuchen und sich über verschiedene Erdmischungen belehren lassen. Trotz dieses geschäftlichen Hintergrundes hatte Bornstein ein förmliches kleines Fest für Lena vorbereitet. Wenn sie nur nicht darauf bestanden hätte, ihr albernes Ladenfräulein als Anstandsdame mitzubringen! Kurt, der schon seit ein Uhr bei ihm herumlag, würde sich schwerlich als Partner für den ganzen übrigen Tag an der Verkäuferin genügen lassen. Dann waren sie wieder zu Dreien, wie so oft, und er hatte so gut wie nichts von Lena.

Schon eine Viertelstunde vor Ankunft des Zuges schritt er ungeduldig mit Kurt auf dem Bahnsteig auf und ab. Endlich fuhren die Wagen ein. Kurt hatte die Schwestern zuerst erspäht,

»Donnerwetter,« rief er, »das ist schneidig.«

Und den jungen Mädchen entgegeneilend, rief er Lena schon von weitem zu:

»Das haben Sie famos gemacht, Fräulein Lena, allen Respekt. Mein Kompliment, Fräulein Lottchen.«

Lena lachte und begrüsste beide Herren mit gleicher Herzlichkeit.

»Es freut mich, dass Sie es mir nicht übel nehmen, dass ich die Lotte mitgebracht habe. Der Wurm wollte mich durchaus sprechen. Da habe ich sie der Einfachheit halber gleich mit aufgepackt.«

»Sehr gescheidt, Lena,« sagte Bornstein, ihr freundschaftlich die Schulter klopfend. »Du hättest gar nichts besseres thun können.«

In der That atmete Bornstein auf. Kurt hatte ihm neulich so viel von Lottes Mondscheinschönheit vorgeschwärmt, dass der leichtsinnige Kourmacher zweifellos für den Rest des Tages besorgt und aufgehoben war.

In der besten Laune fuhren sie durch eine Allee alter Kastanien dem Schlosse zu.

Selbst Lotte wurde durch den Uebermut der andern ein klein wenig aus ihren trübsinnigen Gedanken gerissen. Wer doch auch ein so leichtes Herz haben könnte wie diese drei!

Der Tag verlief völlig programmmässig.

»Erst das Geschäft, dann das Vergnügen,« wie Lena von vornherein angeordnet hatte.

Das Herrenhaus, der weitläufige Park, vor allem aber die wundervollen, im wahrhaft grossen Stil angelegten Gärtnereien – alles viel schöner und vornehmer als ihre Kinderschwärmerei Klockow – entzückten Lena bis zur Begeisterung. Aber sie war viel zu klug, sich ihre staunende Bewunderung anmerken zu lassen. Ihr Freund durfte niemals auf den Gedanken kommen, dass sein prächtiges Besitztum ihr zum Fallstrick werden könnte. Gerade, dass er etwas kühler gegen sie geworden war, ohne sie im geringsten zu vernachlässigen, war Lena ausserordentlich bequem. So konnte sie, da er ihr mehr freie Zeit liess als früher, unbehelligt ihren Geschäftsinteressen nachgehen und im übrigen als unumschränkte Gebieterin in ihrem Hause sich den Luxus gönnen, zu empfangen, wen sie wollte, ohne einer fortdauernden Kontrolle zu unterstehen.

Wahrhaftig, es war alles so gekommen, wie sie es nur in ihren kühnsten Träumen zu hoffen gewagt. Sie verlangte vorerst nach gar nichts anderem, als dies Leben eine Weile ruhig fortsetzen zu können, am liebsten so lange, bis sie gänzlich unabhängige Besitzerin des Geschäfts war. Dann konnte man ja auch am Ende ans Heiraten denken. Für etwas Anderes als für diesen soliden Abschluss ihrer goldenen Freiheit war Lena nach wie vor absolut nicht eingenommen.

Nachdem mit Mehlmann alles besprochen war und Lena erreicht hatte, was ihr notwendig dünkte, führte Bornstein seine Gäste auf die luftige Gartenterrasse. An einer reizend arrangierten Tafel wurde ein spätes Diner mit einer exquisiten Speisenfolge und beinah noch exquisiteren Weinen eingenommen. Dann fuhr ein eleganter Jagdwagen vor, den man in sehr erhöhter Stimmung bestieg. Nur Lotte war über Tisch wieder stiller und sehr blass geworden. Bornstein fuhr selbst. Er wollte Lena gern seine gesamten Ländereien zeigen. Es war doch unmöglich, dass ihr der reiche Besitzstand nicht imponieren sollte. Und wirklich erreichte Bornstein es, dass sie sich jetzt nicht mehr ganz so im Zaume hatte wie vor dem Diner, und öfters in begeisterte Rufe ausbrach. Als sie durch das weitläufige Waldrevier fuhren, that sie ihren Gefühlen sogar nicht den geringsten Zwang mehr an und schien in ihrer lebhaften Bewunderung Bornstein wieder einmal reizender und begehrenswerter denn je zu sein. Als er aber auch nur die leiseste Miene machte, die Situation auszunutzen, wurde sie sofort wieder nüchtern, so dass er verstimmt früher ans Umkehren dachte, als es ursprünglich in seinem Plan gelegen hatte.

.

Auch Kurt, mit Lotte hinter den beiden sitzend, war, wie er Bornstein später anvertraute, »nicht auf seine Kosten gekommen«. Verwünscht vornehm war die blasse Putzmacherin gewesen. Der Deibel mochte wissen, was in diesen kleinen Mädchen steckte.

Bei anbrechender Dunkelheit fuhren sie wieder in den Gutshof ein. Bornstein beurlaubte sich auf ein paar Augenblicke und lud dann seine Gäste noch einmal auf die Gartenterrasse hinaus.

Ein vielstimmiger Ausruf des Entzückens lohnte seine hübsch ausgedachte Ueberraschung.

Der weite Rasenplatz unterhalb der Terrasse mit seinen vielfarbigen Blumenrabatten, der Halbkreis alter, schöner Bäume, der ihn im Hintergrund umstand, war während ihrer Abwesenheit feenhaft erleuchtet worden. Es war wirklich ein wundervoller Anblick, der sich den dreien bot. Nun stieg auch von der Mitte des Rasens noch ein buntes Kugelspiel leuchtender Raketen zu dem sternenhellen Junihimmel auf und zerplatzte knatternd und prasselnd zu unzähligen, weit hinstiebenden Feuerfunken. Dieser letzte grossartige Effekt hatte bei Kurt das Mass der Begeisterung zum Ueberlaufen gebracht.

Mit lauter, überschnappender Stimme brachte er ein Hoch auf den Gutsherrn von Dahlow aus, in das Lena und Lotte aus herzlichster Ueberzeugung einfielen. –

Als Lotte sehr spät und stark übermüdet von dem Bahnhof nach Hause kam, fand sie auf dem Esstisch einen Brief für sie liegen. Die Aufwärterin, die zwei Mal in der Woche die gröbste Arbeit verrichtete, musste ihn wohl mit heraufgebracht haben. Sie glaubte, der Brief sei von Gerhart, den sie heute den ganzen Tag nicht gesehen hatte. Atemlos vor Freude stürzte sie darauf zu. Dann, nachdem sie die Aufschrift überflogen, liess sie das Schreiben enttäuscht wieder auf die Platte gleiten. Nicht Gerhart, sondern Franz Krieger hatte geschrieben. Da Lotte trotz der Müdigkeit zu erregt war, um gleich schlafen zu gehen, nahm sie nach wenigen Augenblicken den Brief wieder auf, erbrach ihn und fing an zu lesen.

Es war ein langes Schreiben und enthielt manches, was sie bewegte und beunruhigte. Franz Krieger zeigte ihr den Tod seiner Mutter an. Sie war nach kurzer Krankheit heimgegangen und hatte ihm ein unerwartet grosses Vermögen hinterlassen, so dass er halb und halb die Absicht hegte, sein nun schuldenfreies Geschäft daheim zu verkaufen und sich wo anders, etwa in Berlin, anzusiedeln. Lotte möge ihm doch Nachricht geben, wie sie darüber denke. Da sie und Lena nicht zurückgekommen wären, sich also vermutlich in der neuen Heimat wohl befänden, sähe er nicht ein, weshalb er nicht auch versuchen sollte, sein Glück in Berlin zu machen.

Ein eisiger Schrecken war ihr bei dieser Botschaft durch die Glieder gefahren. Franz Krieger in Berlin! Nur das nicht, nein! Nicht eher, als bis sie Gerharts Frau geworden war. Wenn er ahnen, wissen würde, wie es um sie stand, die Schande glaubte sie nicht überleben zu können. Und er würde es wissen, wenn er sie wieder sah, hatte er ihr doch stets jedes kleinste unausgesprochene Leid von der Stirn und aus den Augen gelesen.

Er durfte nicht kommen, nein, und wenn es unerlässlich war, wenn er sich nicht abreden liess, dann musste sie gehen ehe er kam, oder aber sie musste Gerhart zu einem raschen Entschluss zu drängen suchen.

Fröstelnd und schauernd sass sie trotz der warmen Juninacht da und grübelte über diese neue beklemmende Frage, der sie wiederum so gar nicht gewachsen war. Erst als der Morgen zu grauen begann, tastete sie sich unsicheren Schrittes zu ihrer schmalen Bettstatt.

Lena hielt Wort. Sie kam schon nach einigen Tagen, um mit dem Wirt zu sprechen.

Da sie ihn stets um den kleinen Finger gewickelt hatte, ging die Sache zu Lottes grosser Befriedigung glatt ab. Der Hausbesitzer wollte Lotte schon am ersten Juli, also in zehn Tagen aus dem Kontrakt entlassen.

Sie war natürlich sofort bereit, von dieser Vergünstigung Gebrauch zu machen. Gerhart freilich würde dieser schnelle Entschluss verstimmen. Aber das half nun einmal nichts. In diesem Punkte fühlte Lotte, würde sie fest bleiben. Vielleicht wenn er sie dann, schon wegen der grossen Entfernung, die sie zwischen sie zu legen gedachte, mehr entbehren musste, würde er schneller über seine immer neuentstehenden Bedenken gegen eine Ehe fortkommen. Es musste, musste ja doch sein! Immer weniger begriff sie sein Zögern und Zagen.

Auch Lena war befriedigt, dass ihre Mission sich so rasch und glücklich erledigt hatte. Sie hätte zwar Lotte ihr Wort gehalten und sie bei der Zahlung der Miete noch für eine Weile unterstützt, oder dieselbe ganz übernommen, aber es war doch besser so, für Lotte nicht nur, sondern auch für ihre eigene Kasse.

Lena setzte jetzt ihren ganzen Ehrgeiz dafür ein, sich sobald als möglich von Bornstein unabhängig zu machen. Gute Freunde konnten sie ja deswegen doch bleiben, dann erst recht. Nur danken mochte sie auf die Dauer niemandem etwas, am wenigsten einem, der immer wieder den Versuch machte, Ansprüche für sich aus solcher Dankespflicht abzuleiten.

Wie in alten Zeiten sassen die beiden Schwestern eben in Lottes »Atelier« beisammen, nachdem Lena vom Wirt wieder herübergekommen war. Lena plauderte von ihrem Geschäft und Lotte hörte ihr zu, während sie einen billigen Sonntagshut für das Ladenfräulein nebenan aufsteckte. Es kam ihr jetzt so selten Arbeit ins Haus, dass sie schon zufrieden war, wenn sie überhaupt zu thun hatte.

Während Lena sprach, konnte Lotte den Gedanken nicht los werden, dass sie der Schwester noch ganz etwas Besonderes habe sagen wollen. Ihr armer Kopf war ihr von allem Grübeln jetzt oft so schwer, dass sie zuweilen nicht auf das nächstliegende verfiel. Doch richtig, ja, jetzt wusste sie es wieder, sie hatte ihr von Franz Kriegers Brief erzählen wollen. Das einfachste war schon, sie gab ihn Lena zum Lesen. Viel Sprechen war Lottes Sache jetzt weniger denn je.

Nachdem Lena das lange Schriftstück entziffert hatte, sprang sie wie eine kleine Wilde im Zimmer umher.

Das war ja famos! Himmlisch! Natürlich sollte er nach Berlin, der Franz, lieber heute wie morgen! Sie wollte ihm schon zeigen, dass man nicht bloss zum Vergnügen nach der Kaiserstadt gekommen sei, sie wollte ihm schon beweisen, dass man denn doch eine Rolle hier spiele, und die schlechteste nicht. Wenn sie ihn erst durch ihr Geschäft oder ihre Wohnung geführt haben würde, sollte er beschämt eingestehen, dass er sich denn doch gewaltig in Lena geirrt habe und für all seine kleingläubigen Zweifel hübsch demütig Abbitte thun.

Lotte sah ihre Schwester ganz entgeistert an. Daran hatte sie wahrlich zuletzt gedacht, dass Lena etwas für Franz' Pläne übrig haben würde, nachdem sie sich so empört über ihn geäussert hatte.

Aber bei Lena freilich kam eben immer alles anders als man es voraussah. Das hatte sie nun von ihrer Mitteilsamkeit.

Nun würde Lena ihm am Ende noch zureden, nach Berlin zu kommen. Hätte sie ihr doch lieber gar nichts von dem Brief gesagt! Franz hatte ja nur an ihr eigenes Urteil appelliert!

»Aber Lena, ich begreife Dich nicht, Du warst doch so wütend auf ihn!«

Lena lachte.

»Aber nun bin ich's nicht mehr. Franz ist doch jetzt was, und wenn man erst was ist, dann wird man auch gleich ein anderer Kerl mit anderer Einsicht und anderen Anschauungen. Sieh mich doch 'mal an! Bin ich nicht wie ausgewechselt, seitdem ich Ladenbesitzerin bin? Und denk' 'mal, wie fein Lotte, wenn Franz hier ein grosses Geschäft aufmacht – in der Leipzigerstrasse oder vielleicht gar Unter den Linden! So was wie Borchardt in der Französischen Strasse! Famos, was? Dann brauchst Du auch nicht mehr Hungerpfoten zu saugen, Lotte! Dann bestellen wir uns Diners bei ihm, und Sekt, und alle möglichen guten Sachen!«

»Aber Lena –!«

Lena liess sich nicht stören.

»Und weisst Du, das kann einem wahrhaftig kein Mensch übelnehmen, dass es einen kitzelt, jemandem, der eine so schlechte Meinung von einem hat, eine andere beizubringen. Ich könnte vor Vergnügen bis an die Decke springen, wenn ich nur denke, was Franz für Augen machen wird, wenn er mein türkisches Boudoir und mein Speisezimmer zu sehen kriegt.«

Sie umarmte Lotte stürmisch.

»Das Leben ist doch zu hübsch, Lotte! Na, nun muss ich aber nach Hause! Wenn wir uns bis zu Deinem Umzug nicht sehen sollten, schreibst Du mir wohl gleich Deine neue Adresse. Zieh' nur nach dem Westen 'raus. Wenn es auch noch so weit von der Stadt entfernt ist, das ist jetzt chic.«

Und damit war Lena herausgewirbelt wie ein bunter Schmetterling, den man noch eben zu halten glaubt und der, ehe man sich's versieht, schon wieder durch die blaue Luft taumelt. –

Gerhart hatte Lottes Ankündigung, dass sie ihre Wohnung in der Zimmerstrasse aufgegeben habe, ruhiger aufgenommen, als sie es nach früheren Auseinandersetzungen über diesen Punkt hatte erwarten dürfen. Auch Gerhart riet, nach dem Westen herauszuziehen, wo sie mehr freie Luft und Gelegenheit zu gesunder Bewegung habe. Was wollte sie zwischen den Häuserkolossen der inneren Stadt! Sie war wahrhaftig schon blass und elend genug, als dass sie noch notwendig gehabt hätte, verdorbene Luft und betäubenden Strassenlärm eigens aufzusuchen.

Damit war die Angelegenheit vorerst für ihn erledigt gewesen, wenigstens hatte er nicht mehr mit Lotte darüber gesprochen. Dagegen schilderte er ihr immer aufs neue den grossen Eindruck, den auch die zweite Hälfte seines Frühlingsdramas dem Direktor der Freien Bühne gemacht habe. Schon jetzt wollten sie gemeinsam daran gehen, die geeigneten Darsteller zu suchen. Besonders für den Erik und die Helga mussten ungewöhnliche Individualitäten herbeigeschafft werden. Es sei nicht ausgeschlossen, dass er im Laufe des Sommers ab und zu – auf Kosten des Direktors natürlich – in die Provinz gehen müsse, um nach darstellerischen Kräften auszuschauen.

»Schade, dass Du mich nicht begleiten kannst, mein Kleines«, hatte er dann mit zärtlichem Bedauern hinzugefügt. Und sie hatte schmerzlich betroffen still für sich gedacht: »Ich könnte es ja doch am Ende, wenn Du nur wolltest!« –

Nach mancherlei mühseligem Suchen hatte Lotte endlich ein Stübchen und eine Küche weit draussen in Schöneberg gefunden. Die kleine Wohnung lag zwar im vierten Stock, aber sie war sehr billig und hatte den Vorzug, dass man aus den niedern Dachfenstern weit über freie Felder sah und eine gute gesunde Luft atmen konnte.

Von ihren Möbeln konnte Lotte nur den kleinsten Teil in den beiden engen Räumen unterbringen. Ob Gerhart nicht einiges davon für ihre künftige gemeinsame Wohnung aufheben wollte? Es kam bei dem Verkauf von Möbeln immer so schrecklich wenig heraus, das hatte sie zu Haus nach Mutters Tode bei Auflösung des Hausstandes gesehen.

Aber Gerhart wollte nicht. Was sollten sie mit dem alten Kram? Wenn sie sich ein Nest bauten, sollte es weicher und farbenfroher ausgefüttert sein. So liess Lotte schweren Herzens all die netten Sachen, die sie mit Lena vor kaum einem Jahr angeschafft hatte, zum Trödler bringen. Am schwersten wurde es ihr, sich von der Einrichtung ihres Arbeitszimmers zu trennen. Wie viel schöne Hoffnungen hatten sich an den grossen Glasschrank geknüpft, der für ihre Hut-Auslagen bestimmt gewesen war! Wie oft hatte sie ihn im Geiste schon in einem hübschen Geschäftslokal in der Friedrichsstrasse stehen sehen! Und wie freudig hatte sie zuerst an dem grossen Arbeitstisch geschafft! Sie sah ihn noch vor sich, den ersten Hut für Marie Weber, den sie an der schönen geräumigen Platte aufgesteckt hatte. Und doch, mit dieser ersten Arbeit, die den Anforderungen und dem Geschmack der Grossstadt so gar nicht entsprach, hatte sich ihr Schicksal eigentlich schon besiegelt.

Stück für Stück musste sie so dahin geben. Nur das notwendigste behielt sie zurück, und das war bald herausgeschafft in ihr neues ärmliches Heim.

Als Lotte selbst zum letzten Mal über den Hof in der Zimmerstrasse schritt, der ihr mit seinem schattenden Nussbaum, den vielen Fenstern, die hell und freundlich auf ihn hinaussahen, dem grossen Stück Himmelsblau, das sich darüber spannte, im vorigen Herbst so anmutend erschienen war, krampfte sich ihr das Herz zusammen. Hier hatte sie geglaubt, tüchtig und glücklich werden zu können! Weder das eine noch das andere hatte sich erfüllt! Was würde ihr Los in der neuen, dürftigen Heimat sein, die sie so jeder Hoffnung bar betrat? Würde es immer weiter bergab gehen mit ihr, oder würde ein gutes Geschick sie wieder aufwärts tragen? Den Blick starr vor sich hingerichtet, nicht mehr im stande, rechts oder links zu schauen, schritt sie auf die Strasse hinaus. Nie war sie sich so bettelarm vorgekommen, wie in dieser Stunde. Als sie schwer atmend in ihrem Stübchen in Schöneberg angekommen war, sank sie schluchzend vor ihrem notdürftig zusammengeschlagenen Bette in die Knie, und den Kopf in den Händen verbergend, stöhnte sie unter heissen Thränen:

»Mutter, liebste Mutter, wärst Du bei mir!« –

Langsam, sehr langsam gewöhnte Lotte sich in dies völlig neue Leben ein. Sie war oft Tage lang allein, ohne die geringste Ansprache. Die vielen kleinen Leute, welche die Hofseite des grossen Mietskastens bewohnten, hatten anfangs hier und da auf der Treppe ein Gespräch mit ihr gesucht. Das schöne, zarte Mädchen, das zu was besserem geboren schien, als vier Treppen hoch unter dem Dach ein, allem Anschein nach sehr kärgliches Brot mit ihrer Hände Arbeit zu verdienen, hatte ihre Neugier gereizt. Aber da sie niemals sich in ein Gespräch einliess, zwar niemals unfreundlich aber auch niemals recht zugänglich war, liess man sie bald in Ruh. Es war am Ende auch wohl nicht ganz richtig mit ihr und dem jungen brünetten Menschen, der alle Woche einmal die Treppen zu ihr hinaufstürmte. »Komödiantenvolk« meinte die alte Fetter, die als älteste Mieterin eine massgebende Stimme im Hinterhause hatte.

»Meine Tochter Aujuste oben, was ihre Nachbarin ist, kann davon was erzählen. Janze Stücke üben sie zusammen ein, wenn der Schwarzkopf kommt. Er redt und sie heult. Es soll manchmal ordentlich rührend sein, meint meine Tochter, wenn sie so'n bittenden Ton anschlägt. Die reine Sorma, sagt die Aujuste. Die war nämlich 'mal ins Deutsche, als sie noch bei Veilchenfelds diente. Ja, nee, was die Zeiten sich ändern! Die Aujuste hätte auch was besseres thun können, als sich mit dem langen Karl einlassen. Bei Veilchenfelds hat sie's so jut jehabt. Und was hat sie nun? Alle Jahr 'n Kind und nicht satt zu essen.«

»Jotte doch, Fettern, des Menschen Wille ist sein Himmelreich – er hat sie doch wenigstens jeheiratet, und das kann man nicht von jedem sagen. – Also Komödiantenvolk, meint die Aujuste – na jut, dass man's weiss!«

Damit war Lottes Schicksal im Hause und in der Nachbarschaft besiegelt. Komödiantenvolk! Kein Mensch gönnte ihr mehr ein gutes Wort oder einen freundlichen Blick. Nur ihre nächste Nachbarin, die unfreiwillige Anstifterin ihres bösen Rufes, Frau Auguste Korn, geborene Fetter, liess sich nicht gegen sie aufhetzen. Sie hatte immer einen Sinn fürs Höhere gehabt, und bei Veilchenfelds war man sehr fürs Theatralische gewesen. Und dann – Auguste war eine gescheidte Frau, die nur einmal in ihrem Leben eine Dummheit gemacht, als sie sich mit dem langen Schlosser-Karl eingelassen hatte – wer weiss, was aus der stillen Blassen noch wurde, dachte sie bei sich. Vielleicht eine berühmte Künstlerin mit 'ner horrenden Gage! Dann würde sich das bischen Freundlichkeit schon rentieren, was man jetzt an den armen Wurm verschwendete.

Gerhart kam – genau so wie die Fettern im ganzen Hause herumgesprochen hatte – alle Woche einmal zu Lotte, wenigstens im Anfang. Dann wurden seine Besuche noch seltener, da er wirklich ein paar Mal fortfuhr, um sich im Auftrage des Direktors nach schauspielerischen Kräften umzuschauen.

Er war schon in Brandenburg, Kottbus und Zeitz gewesen, hatte aber noch immer nicht das Richtige gefunden. Nun wollte er morgen, man schrieb jetzt Anfang August, nach Freienwalde fahren. Am dortigen Sommertheater wollten Kunstkenner ein besonders begabtes junges Mädchen für seine Helga entdeckt haben. Gerade so was, was man für eine moderne Zustandskomödie brauchte.

Als Gerhart durch den schwülen Sommerabend zu Lotte hinaus schritt, um ihr für ein paar Tage Lebewohl zu sagen, fiel es ihm eigentlich zum ersten Male auf, wie gut er jetzt ohne sie fertig wurde. Wer ihm das vor ein paar Wochen noch gesagt hätte, den würde er vermutlich einen Wahnsinnigen gescholten, oder verächtlich die Achseln über ihn gezuckt haben. Und doch war es so, er musste sich's eingestehen, Lotte war ihm auf einmal entbehrlich geworden. Je mehr er darüber nachdachte, je mehr erschien es ihm, als sei das schon eine ganze Weile so gewesen. Seit wann doch gleich? Seit er sein Frühlingsdrama beendigt hatte, oder seit ihrem Geständnis im Wald am Müggelsee? Aber da die Daten dieser beiden Ereignisse eng zusammenfielen, nur durch eine einzige Nacht und wenige Tagesstunden getrennt, war es müssig darüber nachzusinnen, seit wann er im stande war ohne Lotte zu leben. Blieb noch, weshalb er es war? Trug der Umstand die Schuld, dass die Arbeit vollendet war, zu der ihre Küsse ihm unentbehrlich waren? War es das Bekenntnis ihrer Mutterschaft, das ihm Lotte durch das Gespenst der im Hintergrunde lauernden Pflichten entfremdet hatte? War es beides? War es eines von beiden nur? War es keines, sondern der natürliche Lauf der Dinge, der ewig neu sich wiederholende Prozess des Blühens, Reifens und Vergehens?

Er zuckte ungeduldig mit den Schultern. Was sollte diese Quälerei? Er hatte jetzt wichtigeres zu thun, als seine Nerven mit dergleichen Selbstanbohrungen auf den Hund zu bringen. Seine ganze Kraft brauchte er, seine volle Energie für die grossen Geschehnisse, die vor ihm lagen. Es war nicht genug ein Bühnenwerk zu schreiben, man musste auch die Kunst verstehen, es wirkungsvoll auf die Bretter zu bringen. Das war jetzt seine Aufgabe, bei der er Lotte ebenso wenig brauchen konnte, wie er sie bei dem ersten Teil seiner Arbeit hatte entbehren können. Jetzt musste er frei sein, wie er damals gebunden sein musste, ganz frei in Kopf und Herzen, um handeln zu können nach seinem Gutdünken. Das Gelingen würde ihr ja dann doch wieder zu gute kommen. Sobald er erst seinen grossen Erfolg hatte, wollte er sich ihr ja gern wieder widmen, gern für sie sorgen. Wer weiss, ob nicht wieder eine Schaffensperiode für ihn kam, in der er sie ebenso nötig hatte, Wie während der Werdezeit des Frühlingsdramas! Nur jetzt durfte nichts, kein Band, keine Pflicht ihn von dem nächsten abziehen und beengen. Nichts durfte fressen an der werdenden That, sie zum Krüppel machen, noch ehe sie geboren ward. Er hasste Missgeburten, körperliche sowie geistige. Er verachtete alles Halbe. Ganz und blühend wie seine Liebeszeit gewesen war, sollte jetzt die Zeit seines Erfolges heranreifen; die abfallenden Blüten des halbverwelkten Liebesbaumes durften die reifende Frucht seines Ruhmes nicht in ihrem Wachstum hemmen.

So gegen den ärgsten Feind, den er jetzt zu besitzen glaubte, gegen Lottes Liebesansprüche gerüstet und gestählt, trat er vor die niedere Thür zu Lottes kleiner Wohnung. Sie war nicht verriegelt, nur eingeklinkt, so dass er ungehört eintreten konnte. Lotte sass an dem schmalen, weitgeöffneten Fenster.

Schwül drang die Sommerabendluft, vermischt mit dem schweren Duft von Levkojen, Heliotrop und Reseda, die auf einem kleinen Blumenbrett vor dem Fenster blühten, in das enge Gemach.

Lotte sass still, fast regungslos da. Die Arbeit lag ihr unberührt im Schoss, schlaff hingen die Arme ihr am Leibe herab, und thränenverdunkelt war der starre, ins Leere gerichtete Blick.

Trotz all seiner eisernen Vorsätze gab es Gerhart doch einen Stich ins Herz, als er sie so sitzen sah, ein Bild stummer, zerbrochener Verzweiflung. Einen Augenblick blieb er auf der Schwelle stehen, zögernd wie ein Unberufener. Dann trat er ein paar Schritte auf sie zu und rief zärtlich ihren Namen.

Müde, ohne sich zu rühren, sah sie zu ihm auf.

»Du bist's, Gerhart? Kommst Du endlich einmal!«

Ein schwacher Schimmer der Freude zog über ihr abgehärmtes Gesicht. Er zog ihren Kopf an seine Brust und streichelte ihr wirres goldbraunes Haar.

»Kleines, was machst Du mir für Geschichten? Du siehst ja erbärmlich aus!«

Sie antwortete nicht, sondern sah ihn nur immer tieftraurig an. Dann nach einer kleinen Weile sagte sie tonlos:

»Wann wird Dein Stück aufgeführt, Gerhart? Es ist höchste Zeit. Ich – sei mir nicht böse – ich fühle mich totkrank und ich ertrüge es nicht, wenn jemand – O Du weisst ja was ich meine. Gerhart, schweige doch nicht so unbarmherzig – ich will ja nichts, nichts von Dir – ich will mich selbst durchs Leben schlagen. Du sollst frei sein von mir – nur heirate mich, heirate mich!«

Ehe er es hatte hindern können, war sie zu seinen Füssen niedergestürzt, und seine Knie umklammernd, stöhnte sie auf wie ein waidwundes Tier.

Er hob sie auf und legte sie auf ihr kleines weisses Bett. Sie war blass wie eine Tote und auch aus seinem Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen. Das hatte er nicht erwartet! Was musste sie leiden, gelitten haben, dass ihre sanfte zärtliche Natur bis zu einem solchen Ausbruch sich verirren konnte!

Und doch sie musste es tragen, musste es erdulden wie so viele tausende von armen Mädchen es vor ihr getragen hatten, es nach ihr tragen und erdulden würden. Er beugte sich zu ihr nieder, um sie zu küssen. Sie rührte sich nicht. Reglos mit geschlossenen Augen lag sie da. Wie schön sie waren, diese Märtyrerinnen der freien Liebe, wie rührend schön!

Wenn er es recht bedachte, lag doch eigentlich kein Grund zu dergleichen Verzweiflungsscenen vor, die sie alle früher oder später aufführten.

War es nicht zu tausend Malen poetischer, von der Höhe des Liebesglücks ins Nichts, ins Dunkel zurückzusinken, als die hohe Flut der Leidenschaft im flachen Eheleben verebben, langsam und stetig vergehen zu sehen, wie ein Gewandstück, das man philisterhaft bis zu Ende trägt, nur weil man es einmal besitzt, so lange trägt, bis die Nähte von selbst zerfallen und der Stoff morsch und brüchig wird!

Thörichte Mädchen, die ihr jammert um das allzu jähe Ende! Klebt ihr so fest an der eklen Erdenscholle? Habt ihr so gar keinen Schwung, euch für ein Ikarusschicksal zu begeistern? Auf zur Sonne, und dann mit jähem Sturz herab in die Tiefe, ins ewige Vergessen!

Und er küsste sie leidenschaftlich. Und so ganz durchdrungen war er von seinen unsinnigen eiteln Phantastereien, dass er dies zerbrochene Geschöpf um seine eigenen Küsse beneidete. –

Am nächsten Morgen traf Lotte Frau Korn auf der Treppe. Die gutmütige Person hatte sich eine ganze Weile hinter ihr hergeschlichen, ehe sie sich das Herz gefasst hatte, Lotte anzureden. Dann aber hatte sie nicht länger an sich gehalten. Das Fräulein sah auch heute gar zu miserabel aus. Kein Wunder freilich nach der Scene mit dem Schwarzkopf gestern Abend. Dass dies keine Theaterscene, sondern ein Wirklichkeitsdrama gewesen war, hatte die brave Schlossersfrau allerdings bemerkt; dieser Umstand aber hatte ihre Sympathie für das arme blasse Wurm nicht im geringsten herabgemindert. Im Gegenteil, Auguste hatte sich fest vorgenommen, was an ihr lag, dem armen Dinge beizustehen, auch wenn sie keine berühmte Schauspielerin zu werden versprach. Erst der Mensch, und dann 's Metier. Das war ihre Maxime. Dass sie noch vor kurzem weniger human gedacht hatte, daran waren die Nachklänge aus dem Hause Veilchenfeld schuld gewesen, die noch immer ab und zu bei ihr herumspukten.

Auf der steilen hohen Treppe hatten die beiden nur ein paar flüchtige Worte gewechselt. Erst oben vor Lottes Thür fand Auguste den Mut, ihr volles Herz auszuschütten.

»Entschuldigen Sie nur, Fräulein – es sieht vielleicht unbescheiden aus – – aber wenn ich einen Augenblick bei Ihnen eintreten dürfte, ich hätte Ihnen was zu sagen, Fräulein!«

Lotte war ein wenig verwundert, aber sie dachte nicht weiter über das seltsame Ansinnen der Schlossersfrau nach. Sie hatte es sich allgemach abgewöhnt, zu denken. Ihr Kopf war zu müde und schwer dazu, und seit gestern Abend gar lag es wie dichter Nebel über ihrer Denkkraft.

Sie öffnete die Thür und schritt der robusten Frau voran, ihr einen Stuhl anzubieten.

»Bitte, setzen Sie sich doch, Frau Korn, wenn Sie mir etwas zu sagen haben –«

Auguste schüttelte den Kopf und sah sich in dem kleinen Zimmer um. Wie nett es hier aussah! Ganz anders wie sonst bei Leuten, die für dürftigen Tageslohn arbeiten. Man sah doch gleich, dass das Fräulein aus gutem Hause war. Das arme junge Ding! Frau Korn brannte darauf, ihr mit ihrer reiferen Erfahrung gegen den wüsten Schwarzkopf zu Hilfe zu kommen.

Sie setzte sich nun doch, denn so schnell würde sie mit dem was sie vorhatte, nicht zu stande kommen. Ihre Zunge war nicht so flink wie die ihrer Mutter. Der Fettern that es nicht leicht eine gleich.

»Also, Fräulein, wenn Sie 's mir nicht übelnehmen möchten, das kann so mit Ihnen nicht weiter gehen, Fräulein. Nee, genieren müssen Sie sich nicht vor mir – ich bin 'ne alte Frau gegen Sie, Fräulein, und so was wie Sie hab' ich auch durchgemacht, ehe ich meinen Karl geheiratet habe. – Aber wenn Sie 's beruhigt – im Haus, da weiss niemand davon als ich – und ich halte reinen Mund. Sehen Sie 'mal, Fräuleinchen, so aufregen wie gestern Abend, das sollten Sie nicht thun, und auch nicht den ganzen Tag hier oben in dem engen Loch hocken, und immer alleine, da wird der Mensch ja ganz dämlich bei, und für Ihren Zustand ist es das reine Gift. Ordentlich an die frische Luft gehen sollten Sie und mit Gesellschaft! Meine, na, die kann ich Ihnen ja freilich nicht anbieten, habe auch nicht viel Zeit übrig für ins Freie bei die Menge Gören, aber da hat Sie doch neulich so 'ne hübsche, junge, schwarze Dame besucht, die Ihnen all die schönen Blumenstöcke da 'rauf gebracht hat, wie wär's denn mit der?«

Lotte sass mit abgewandtem Antlitz da. Die Scham drohte sie zu ersticken. Und doch hatte sie nicht das Herz, die Freundlichkeit der braven Frau zurückzuweisen, aus deren Worten sichtbarlich keine müssige Neugier sondern echte Anteilnahme sprach.

Jetzt fühlte sie die breite Hand Augustes auf ihrer Schulter. Ihr warmer gesunder Atem streifte sie.

»Ach, liebes Fräulein, nee, das müssen Sie nicht! So dasitzen wie tot und verstorben! Sehen Sie so, weinen Sie man und erleichtern Sie sich. Thränen sind immer was Gutes!«

Langsam wandte sich Lotte vollends zu der Sprechenden um und reichte ihr die Hand.

»Ich fühl' es, ja,. Sie meinen es gut mit mir, und wenn ich erst verheiratet bin –«

»Ach, darum machen Sie sich keine Sorge, Fräuleinchen – aber gut, dass Sie mich darauf bringen. Sehen Sie, mit dem Heiraten, das ist so 'ne Sache. Thuts der Mann nicht in unserer Lage, dann denkt man, die Welt soll untergehen, und thut er's, na, dann is es in den meisten Fällen auch man so. Und wenn dann ein Kind nach dem andern kommt und Schmalhans Küchenmeister bleibt, dann verwünscht man die ganze Heiraterei oft genug und sagt sich: wärst Du man lieber mit dem Ersten allein geblieben! Eins füttert sich, auch ohne Mann, leichter durch, als 'n halbes Dutzend in der Ehe. Nee, liebes Fräulein, glauben Sie mir, die Welt geht noch lange nicht darüber zu Grunde, wenn so n' Mann nicht mit uns aufs Standesamt geht, da bin ich schon längst dahinter gekommen. Heut sind Sie vielleicht noch anderer Ansicht, aber die Zeit wird auch kommen, wo Sie sagen: die dumme unjebildete Schlossersfrau, die Korn, die hat doch so Unrecht nicht gehabt und Du hättest Dir nicht die Augen drum blind heulen sollen und ihn womöglich auf den Knien ums Heiraten anflehen! Aber der gute Ruf, werden Sie sagen! – Na ja – das ist ja eine ganz schöne Sache, wenn auch noch nie einer satt davon geworden ist. Und das Kind! An das denken wir ja immer zuerst, wir Frauen. Aber ich sage Ihnen was: ob so 'n armer Wurm 'nen Vater hat, der's nicht ernähren kann, oder gar keinen, das bleibt sich auch am Ende gleich. Na, nichts für ungut, Fräulein, das wars, was ich Ihnen hatte sagen wollen, weil ich Ihren Jammer nicht länger mitansehen kann. Und nun, wenn Sie mich brauchen können oder eins von den Kleinen zum Zeitvertreib, oder meinen langen Karl, den ich ja nun doch 'mal für Lebenszeit auf dem Halse habe, wenn Sie vielleicht irgend was zu basteln haben, dann klopfen Sie man ruhig bei Korns an. Und besuchen Sie auch die hübsche schwarze Dame mit den schönen Blumen bald 'mal – ja? Die hat so lustige Augen, die werden Ihnen gut thun – Na, und was er ist – wenn ich mir einen Rat erlauben dürfte – stellen Sie ihn 'n bischen kalt oder thun Sie, als ob Sie sich nischt draus machten, das ist noch das Einzige womit man die Männer 'rumkriegt.«

An der Thür kehrte Frau Korn noch einmal um.

»Liebes Fräulein, ich hätte noch eine Bitte. Nächste Woche ist Mutters Geburtstag. Sie braucht 'ne neue Haube, die hab ich ihr schon lange versprochen. Hätten Sie wohl Zeit, mir eine anzufertigen? Einfach aber nett. Zwei bis drei Märker kann sie schon kosten.«

Und fort war sie, und ehe Lotte noch Zeit gefunden hatte, eine Antwort zu geben, hörte sie nebenan die Thür schon zugeschlagen und das Geschrei der kleinen wilden Schar, die die Mutter begrüsste. –

Die gutgemeinten Vorstellungen der Schlossersfrau waren auf Lotte nicht ohne Wirkung geblieben. In ihrer grenzenlosen inneren Verlassenheit klammerte sie sich an manches Wort der schlichten Frau, wie an einen letzten rettenden Strohhalm an. Frau Korns Hauptargument freilich, dass es vielleicht besser sei, wenn Gerhart sie nicht heiratete und sie mit dem Kinde allein bliebe, wies sie mit leidenschaftlichem Widerstand zurück. Alles in ihr bäumte sich schon gegen den blossen Gedanken auf. Mutter und Mädchen zu sein, dünkte ihr ein unauslöschliches Brandmal der Schande, das höchstens der Tod zu tilgen im stande war. Und da sie den freiwilligen Tod nicht suchen durfte, um ihres Kindes willen, musste Gerhart ihr seinen Namen geben.

Im Uebrigen that Lotte wirklich nach Augustes Worten. Ihrer anschmiegenden unselbständigen Natur wurde das nicht einmal schwer. Sie war so sehr daran gewöhnt, sich leiten und bestimmen zu lassen – von des Vaters Eigenwillen früher, von Lenas Launen und Gerharts Wünschen, seit sie in Berlin war – dass es ihr beinahe zur zweiten Natur geworden, nach dem Willen eines anderen zu handeln.

Sie ging jetzt regelmässig an die Luft, öfters begleitet von einigen der Kornschen Kinder, die in der Umgegend gut Bescheid wussten. Die muntere kleine Gesellschaft führte Lotte so weit ihre müden Füsse sie tragen konnten, feldeinwärts nach Friedenau hinaus oder auf die Schöneberger Kirchhöfe, die Lotte in diesen schwülen Sommertagen am liebsten aufsuchte. Die tiefe Stille um sie her, der sanfte Duft, der dem reichen Blumenschmuck der Gräber entströmte, der Anblick der wenigen langsam dahinschreitenden ernsten Gestalten thaten ihrem wunden Gemüt unendlich wohl. Sie schickte dann die Kinder fort und verlor sich, auf einem still verborgenen Plätzchen sitzend, tief in Gedanken, die sich am Ende jedesmal in dem einen sehnsüchtigen auflösten: Wer doch auch hier liegen könnte und schlafen, schlafen mit Blumen bedeckt, von rauschenden Zweigen sanft umsungen!

Etwa vierzehn Tage nach dem Gespräch mit Frau Korn entschloss Lotte sich auch endlich einmal wieder Lena aufzusuchen. Sie traf nur das Ladenfräulein mit der gebrannten Lockenfrisur, der geschnürten Taille und dem dreisten Mundwerk an. In ihrer schnoddrigen Art teilte das Mädchen Lotte mit, dass das Fräulein gestern abgereist wäre, an die See mit einer adeligen Dame, der Schwester von dem Herrn Leutnant, der so oft hier sei. Da wäre auch ein Brief, den sie heut Abend mit ein paar frischen Blumentöpfen habe zu ihr hinausbringen sollen. Um so besser, dass sie den Weg und die vier Treppen sich nun sparen könnte! –

Lotte nahm dem Mädchen den Brief wortlos aus der Hand. Am liebsten wäre sie gleich wieder gegangen und hätte erst zu Haus gelesen was Lena schrieb, aber sie fühlte sich zu matt dazu. So bat sie das blonde Mädchen schüchtern um die Erlaubnis, sich ein Viertelstündchen in dem türkischen Boudoir ihrer Schwester verweilen zu dürfen.

Lena schrieb:

 

»Liebes Lottchen, wenn Du diesen Brief bekommst, bin ich schon weit von Dir entfernt – das heisst eigentlich nicht weit, sondern nur vier Stunden von Berlin, in dem schönen Heringsdorf. Du wirst Dich wundern, dass ich so plötzlich verreist bin, aber das kam so. Die Hitze hier war und ist, wie Du weisst, kaum noch zum Aushalten. (Du armer Wurm da oben unter Deinem Dach!) Das Geschäft ging schlecht. Wie sollte es auch nicht, jetzt in der Sauregurkenzeit. Da machte mir Herr Bornstein den Vorschlag, mit ihm an die See zu gehen. Du weisst ja, die See war immer mein grösster Wunsch, aber mit Bornstein – so dumm! Da brachte Herr von Strehsen mich auf die gute Idee, seine Schwester Elisabeth nach Heringsdorf mitzunehmen. Elisabeth sei immer verständiger als die Mutter und Clementine gewesen und habe nicht so alberne Vorurteile. Na, Du weisst ja weswegen, und ich weiss, dass Du sie auch hast, aber Dir verdenk' ich das auch gar nicht, Lotte. Alles kam wirklich, wie Strehsen gesagt hatte. Ich brauche nur zu winken, dann käme sie, Elisabeth nämlich, und zwar mit Wonne, denn sie hätte im Grunde immer zu mir und gegen die andern gehalten, behauptete sie. – Wir wollen eine nette, kleine, bescheidene Wohnung nehmen, wie es deren dort geben soll. Jetzt besonders in der zweiten Saison soll man ganz billig leben können. In acht Tagen kommen Bornstein und Kurt nach. Die werden dann natürlich als Grossprotzen im Kurhaus wohnen. Ich freue mich unbändig und wünschte, Du könntest mit. Schreibe mir doch bald eine Zeile, wie es Dir geht.

Deine Dich liebende Schwester
Lena

 

Lotte legte den Brief vor sich auf die eingelegte Tischplatte und stützte den schweren müden Kopf in die Hand. Es war recht gut, dass sie Lena nicht gefunden hatte. Lena war so glücklich, weshalb sollte sie ihr durch ihr eigenes Leid das Leben verbittern? Wirklich helfen konnte sie ihr ja doch nicht. Bis Lena zurück war – das blonde Mädchen hatte von vier Wochen gesprochen – würde sich vielleicht schon so manches geklärt und verändert haben. Vielleicht war sie bis dahin verheiratet oder fort von Berlin, Frau Korn, mit der sie jetzt alles besprach, wollte von dem letzten Plan freilich absolut nichts wissen.

»Das fehlte blos, unter fremde Menschen gehen, allein und verlassen sein in der schweren Stunde, und dafür noch sauer verdientes Geld bezahlen – daraus wird nichts. Hier bleiben Sie. Ich werde Sie schon pflegen, ich versteh' mich d'rauf. Wenn man sieben gehabt hat, lernt sich das.«

Widersprochen hatte Lotte nicht, aber zugestimmt noch weniger. Sie hatte über alles dies ihre eigenen Gedanken. –

Jetzt steckte sie Lenas Brief in die Tasche und machte sich zum Gehen bereit.

Als sie in den Laden zurücktrat, fragte das Ladenfräulein in seiner kurzen schnippischen Art, ob sie die Blumen etwa doch noch 'rausbringen solle, oder ob es nun nicht mehr nötig sei.

Lotte dankte und nahm sich vor, in Lenas Abwesenheit den Laden nicht mehr zu betreten.

Die dreiste Art dieses Mädchens war ihr äusserst unbehaglich. Sie begriff nicht, wie Lena es mit solch einem Geschöpf aushalten konnte. Aber Lena hielt es nicht nur mit ihr aus, sondern war sogar sehr zufrieden mit ihrer Angestellten, von der sie behauptete, dass sie ihr Geschäft ausgezeichnet verstehe. Möglich, dass Lena recht hatte und sie selbst im Unrecht war, wie zumeist in solchen Dingen. Der Schiffbruch, den sie selbst erlitten, bewies ja zur Genüge, dass sie nicht im geringsten das Zeug dazu hatte, sich in Berlin über Wasser zu halten. Lena und dieses Mädchen verstanden es jedenfalls schon heut viel besser, als sie es jemals lernen würde.

Viel müder und trübsinniger als sonst von ihren Spaziergängen, kam Lotte heut zu Hause an. Natur und Stille thaten ihr wohl, Menschen konnte sie nicht mehr ertragen. Das beste war schon, sie vermied sie ganz.

In dem kleinen Kasten an ihrer Thür steckten eine Postkarte und ein Brief.

Nachdem sie die Lampe angezündet hatte, nahm sie zuerst die Postkarte zur Hand. Sie war von Gerhart aus Freienwald«. Er hatte erst einmal kurz geschrieben, dass er sehr befriedigt von dem Talent der ihm empfohlenen Schauspielerin sei, und dass er hoffe, es würde eine ausgezeichnete Helga aus ihr werden. Heute teilte er ihr wieder nur in aller Kürze mit, dass er fürs erste noch in Freienwalde bleiben müsse. Fräulein Berte bedürfe bei dem Studium der Helga, trotz allen Talentes, doch sehr seiner leitenden Hand, und da sie nicht aus dem Engagement könne, müsse er eben dort zur Stelle sein. Es könne noch gut und gern ein paar Wochen dauern. In den nächsten Tagen würde er ausführlich über alles schreiben. Heut nur noch, dass er von Tante Wohlgebrecht, die vor Neujahr schwerlich wieder nach Berlin kommen werde, Nachricht habe, und dass der junge Mensch, ein stellenloser Buchhandlungsgehülfe, den er statt seiner ins Geschäft gesetzt, seine Sache ganz ordentlich zu machen scheine. Er sei froh, dass er den unwürdigen Krempel 'mal auf eine Weile los sei.

Lotte schob die Karte, die ihr so wenig Tröstliches sagte, bei Seite und erbrach den Brief.

Er kam von Franz Krieger und war scheinbar in einer sehr trüben Stimmung geschrieben. Es schien dem Jugendfreund nahe gegangen zu sein, dass Lotte seinen letzten Brief nicht selbst beantwortet hatte. Lena habe die Frage: ob sie ihm rate nach Berlin zu übersiedeln, ja am Ende für sie beide bejaht, aber das sei doch schliesslich nicht dasselbe, wenigstens nicht für ihn. Lena habe auch geschrieben, dass sie, Lottchen, nicht ganz auf dem Posten sei, sie möge ihm doch mitteilen, wie es ihr gehe. Mit dem Wiedersehen würde es leider vorerst nichts werden, denn nach genauer Ueberlegung könne er ohne Verlust seine Zelte vor Ende März nächsten Jahres nicht abbrechen. Dem Vater ginge es gut. Er liesse grüssen. Er pflege sich bei Karsten ordentlich heraus. Er liesse auch anfragen, ob seine Mädchen ihn denn nicht 'mal besuchen wollten, oder ob es dazu noch nicht langte? Zum Schluss wünschte Franz Lotte noch alles Gute für ihren Gesundheitszustand und bat noch einmal, ihm recht bald ein Wort zukommen zu lassen.

Der gute Mensch! Was hätte sie darum gegeben, ihn hier zu haben, wenn alles anders gewesen wäre! So wie die Dinge lagen, war es ihr ein Stein von der Seele, dass Franz erst in mehr als einem halben Jahr an seine Uebersiedelung denken konnte. Manchmal schien es fast so, als ob der liebe Gott es doch noch gut mit ihr meine.

Nach alle dem, was sie eben erfahren hatte, schien er ihr die Schmach ersparen zu wollen, Franz und Frau Wohlgebrecht wieder zu sehen, ehe sie Gerharts Frau geworden war. –

Ueber Berlin brütete noch immer die gleiche Sommerhitze, obgleich man sich schon am Ende des September nahte und die meisten der Reisenden längst aus ihren Sommerquartieren heimgekehrt waren. Man merkte es überall auf den Strassen und in den Geschäften, dass Berlin wieder so ziemlich vollzählig beisammen war und seiner gewohnten Lebensweise nachging. – Lena hatte noch nichts davon hören lassen, dass sie an eine Rückkehr dachte. Sie schien sich in Heringsdorf äusserst wohl zu befinden und ihren geschäftlichen Ehrgeiz auf eine Weile an den Nagel gehängt zu haben. Bornstein und Herr von Strehsen dagegen hatte das Badeleben auf eine so lange Dauer nicht behagt. Wie Lena schrieb, hatten die Herren schon vor vierzehn Tagen einen Abstecher nach Schweden gemacht, von dem sie noch immer nicht zurückgekehrt waren, ein Umstand, der Lenas Begeisterung für Heringsdorf und die übrige Badegesellschaft indes nicht im geringsten zu beeinträchtigen schien. Auf ihren flüchtig hingeworfenen Karten schwirrte es von vornehmen und reichen Familiennamen, deren Bekanntschaft sie gemacht hatte, und von denen sie sich in Berlin ausserordentliche geschäftliche und gesellige Vorteile versprach. Es war staunenerregend für die einfache Lotte, welche Weltsicherheit Lena sich in der kurzen Zeit ihres Berliner Lebens angeeignet hatte. Wohl ihr, wenn sie dauernd ihr Glück darin fand.

Gerhart hatte Lottes letzte dringliche Briefe nicht beantwortet, aber Lotte hatte nicht, wie sonst wohl bei dergleichen Gelegenheiten, diesen Umstand schwer und trübe genommen. Ihr noch immer zärtlich vertrauendes Herz sah nichts Anderes darin, als ein Anzeichen seiner nahen Rückkehr. Weshalb sollte er noch schreiben, wenn er ihr so bald würde alles erzählen können? Vermutlich hatte er auch sonst mehr als genug mit Schreiben zu thun, jetzt, wo er so nahe vor dem letzten Ziel stand, ein berühmter Mann zu werden!

Das Herz klopfte ihr höher, wenn sie daran dachte. Wie stolz sie dann auf ihn sein würde, wie überselig bei jedem neuen Erfolg! Gewiss, sie würde ihn niemals stören, niemals seine Zeit beanspruchen, sie und das Kleine nicht. Er sollte ganz für sich leben, ganz nach seiner Weise, seinem Behagen, ganz so wie es ihm für seine Arbeit notwendig erschien. O, sie wollte ihn schon heilen von seinen grausamen Vorurteilen gegen die Ehe, die er einen Kerker, eine Sklavenkette zu nennen pflegte, er sollte es bei ihr schon lernen, der Ehe vor der freien Liebe den Vorzug zu geben. Die mochte ja ganz schön für die moderne Dichtung sein, für das wirkliche Leben aber war die Ehe doch ein anderes Ding.

Während bis vor kurzem noch jeder Gedanke an die Zukunft Lottes Gemüt umdüstert hatte, war seit wenigen Tagen ein völliger Stimmungswechsel bei ihr eingetreten. Je mehr sie sich in die Zukunft versetzte, um so heiterer wurde sie. So auffällig war dieser Stimmungswechsel, dass sie selbst davon betroffen wurde. Es hatte sich doch nichts, gar nichts zum Guten verändert! Vielleicht war es auch vorher nicht so düster um sie gewesen als sie es zu sehen vermeinte, vielleicht war nur ihr körperlicher Zustand daran Schuld gewesen, dass sie während der letzten Monate die ganze Welt für ein Jammerthal angesehen hatte und sich selbst für die bedauernswerteste der Pilgerinnen, die es zu durchwandern haben.

Frau Korn hatte ganz recht, die Welt war gerade so wie man sie ansah. Zeigte man ihr ein ewig trübes Gesicht, so konnte man auch nicht von ihr verlangen, dass sie einem ein heiteres wies. Lotte wollte sich diese späte Erkenntnis zur Lehre dienen lassen und der Welt und Gerhart fortab ein heiteres Antlitz zeigen. Eine Art freudiger Anspornung, eine Erhöhung aller Kräfte war ganz plötzlich über sie gekommen. Fühlte sie sich aus diesem Grunde körperlich um so vieles wohler, oder hatte ihre Gemütsstimmung sich gestärkt und erhoben, weil es ihr um so viel besser ging? Sie wusste es nicht, was Ursache, was Wirkung war, sie fragte auch nicht danach, aber sie fühlte sich wie eine plötzlich Erlöste.

Frau Korn schmunzelte. Von dem Schwarzkopf konnte diese Wirkung nicht kommen, der hatte nichts von sich sehen, und wie sie wusste, auch nichts von sich hören lassen. Also musste es wohl ihre Kur sein, die kräftig angeschlagen hatte.

In diese gehobene Stimmung Lottes stürmte Gerhart an einem der ersten Oktobertage hinein. Unangemeldet, unerwartet kam er. Lotte war so überwältigt von der Freude ihn wiederzusehen, dass sie sich zuerst von ihrem Sitz kaum zu erheben vermochte.

Dann sprang sie auf wie emporgeschnellt, und stürzte ihm mit einem Freudenschrei in die Arme. Er liess ihre unsinnigen Zärtlichkeitsausbrüche mehr über sich ergehen, als dass er sie wie sonst hervorgerufen hätte. Nach einer Weile drückte er sie mit gelassener Freundlichkeit auf ihren Sitz am offenen Fenster nieder.

»Ruhig, Lottchen, ruhig! Du darfst Dich nicht so aufregen. Ganz vernünftig sein – so.«

Und er zog sich einen Stuhl auf die entgegengesetzte Seite des Arbeitstischchens, an dem Fenster ihr gegenüber. Sie sah ihn ein klein wenig verwundert an, aber sie sagte nichts. Sie wollte ihm ja ein freudiges, heiteres Gesicht zeigen. Und weit zu ihm hinübergebeugt, fragte sie atemlos:

»Nun, erzähle, wie war's?«

Eine heisse Blutwelle stieg in seinem« blassen Gesicht auf, und wie ein Blitz zuckte es darüber hin, einen Augenblick nur, dann sagte er mit gemachter Gleichgültigkeit:

»O, alles in Ordnung, Kind. Die Berté hat ihre Helga endlich intus, und der Erik wird auch werden. Wir haben gestern die erste Probe gehabt.«

»Gestern warst Du schon hier, Gerhart?« fragte Lotte enttäuscht.

Wieder zuckte es über sein Gesicht, diesmal von verhaltener Ungeduld.

»Ich hatte zu thun«, sagte er kurz.

Sie nahm sich zusammen, um ihrem Vorsatz treu zu bleiben.

»Wann wird die erste Aufführung sein?«

»Am fünfzehnten.«

»So bald schon, o, das ist herrlich. Da kann ich noch dabei sein.«

Gerhart streifte sie flüchtig mit den Blicken und zuckte die Achseln.

»Wie Du meinst, ich würde es für richtiger halten, Du gingest der Aufführung aus dem Wege. Es kann Dir nur schaden.«

»Das ist doch gar nicht so aufregend«, sagte sie gutmütig, in dem Wunsch, ihn über sich zu beruhigen.

Er sprang auf und stiess den Stuhl heftig hinter sich fort.

»Red' doch nicht solchen Unsinn, Lotte. Da sieht man wieder, dass Du im Grunde keine Ahnung hast, was eine Erstaufführung in Berlin bedeutet, noch dazu bei einer freien Bühne. Von diesem Abend hängt Tod oder Leben für mich ab, und das nennst Du nicht aufregend! Alles, alles kommt darauf an, wie das Frühlingsdrama aufgenommen wird. Ich will nicht mehr leben, wenn es versagt; ich kann es nicht! Wieder zurück in die Dunkelheit, ich ertrag's nicht, ich will's nicht! Lange genug hab' ich daringesteckt, während andere sich am goldenen Licht des Ruhmes sonnen durften. Endlich, endlich will ich zu ihnen gehören.

Höre, Lotte«, und er packte das Mädchen beim Arm, dass sie die Zähne zusammenbeissen musste, um nicht laut aufzuschreien.

»Du sollst nicht dabei sein, hörst Du, Du sollst nicht. Ich will nicht abgezogen werden an diesem Tage durch andere Dinge! Ich will nur Gedanken haben für mein Werk, für die Künstler, die es vor das Publikum bringen, für das Publikum selbst, dem ich mich endlich offenbaren will. Hörst Du, Lotte? Ich will nichts Anderes, nichts! Ich bitt' Dich, sprich nicht mehr davon, und auch – von den andern nicht. Ich brauche für den Tag meine ganze Kraft. Alles Uebrige ausser dem Frühlingsdrama muss bis dahin tot für mich sein. Sage, hast Du mich verstanden?«

Lotte sass da mit grossen, entgeisterten Augen, bleich bis in die Lippen, aber sie verzog das Gesicht zu einem krampfhaften Lächeln, und mit dem Kopfe nickend, wie eine Pagode, sagte sie mit heiserer Stimme »Ja, ja!«

Er war es zufrieden und wurde wieder ruhiger.

»Ich denke, ich kann mich auf Dich verlassen«, sagte er.

»Sieh 'mal, mein Kind, Du musst da schon meiner besseren Einsicht ganz vertrauen. Nicht nur mein Werk allein, das Werk eines Einzelnen steht auf dem Spiel, sondern eine ganze Richtung, so zu sagen die gesamte Moderne. Das Frühlingsdrama ist der zusammengefasste Ausdruck für diese Richtung. Versagt es, erleidet unsere ganze moderne Schule, Meister und Jünger, eine empfindliche Schlappe. Du verstehst das nicht, und das ist auch nicht von Dir zu verlangen. Es mag Dir genügen, wenn ich Dir sage: es steht Ungeheures auf dem Spiel. Denn unsere Niederlage, die Niederlage der Moderne würde einen Triumph der lächerlich antiquierten Philisterpartei bedeuten, die wir zu vernichten ausgezogen sind mit Stumpf und Stiel. Nicht auszudenken ist es, wenn die Moser, Schönthan und Konsorten noch einmal den Sieg gewinnen sollten gegen die Hauptmann und Schnitzler. Ich glaube, ich würde verrückt darüber.«

Hätte Gerhart Schmittlein Lottes Herzen nicht so nahe gestanden, sie würde ihn jetzt schon dafür gehalten haben, so rasend geberdete er sich. Aber da sie ihn noch immer zärtlich liebte, flösste ihr sein Wesen weit mehr Besorgnis als Schrecken ein.

Er war nach seinen letzten Worten erschöpft und gebrochen auf den Stuhl ihr gegenüber zusammengesunken.

Langsam erhob sie sich und trat zu ihm. Sanft strich sie ihm mit der Hand über die erhitzte Stirn und zog seinen dunklen Kopf an ihre Brust.

»Lass nur gut sein, Gerhart, Ihr werdet schon siegen gegen die andern – und ich – ich werde Dir gewiss nicht im Wege sein.«

Sie beugte sich zu ihm nieder und küsste ihn zärtlich auf Stirn und Mund und Wange. Er liess den Kopf an ihrer Brust ruhen ohne sich zu regen. Es war, als ob er ihre Küsse gar nicht gefühlt habe.

Heisse Thränen stiegen in ihren Augen auf, aber sie kämpfte sie tapfer hinunter. Sie wollte ihm ja ein heiteres Gesicht zeigen! –

Eine Stunde später sass Gerhart in dem Stammlokal der jüngsten Modernen. Ein paar kaum den Schuljahren entwachsene Theaterkritiker und einige Kollegen Gerharts hatten sich schon vor ihm eingefunden. Er wurde mit lauten Zurufen begrüsst und das bevorstehende Ereignis in allen Tonarten gefeiert.

Nach dem dritten Schoppen gab Gerhart auf allgemeinen Anruf der Tafelrunde, wie das so unter ihnen üblich, das Erlebnis zum besten, das den Stoff zu seinem Frühlingsdrama hergegeben hatte. Er enthüllte sein und Lottes intimstes Liebesleben.

Im Vergleich zu den meisten andern Anwesenden hatte sich Gerhart noch ein gut Teil Schamhaftigkeit und Zartsinn bewahrt. Er nannte weder Namen noch Stand der Geliebten, die ihm Modell gesessen hatte. Sonst pflegte solche Diskretion bei der Clique, der er angehörte, nicht üblich zu sein. Die jungen Leute machten einen förmlichen Sport daraus, bei einer Erstaufführung oder einer Vorlesung einander ganz ungeniert die jeweilige »Märtyrerin der freien Liebe« zu zeigen, mit der sie ihren Stoff erlebt, nach der sie ihn gebildet hatten. Es fiel Niemandem von ihnen ein, dass dies Gebahren eine schamlose Preisgabe ihres Liebeslebens sei. Im Gegenteil, es verlieh dem Werke einen erhöhten Wert, dass einer vom andern wusste: die und die hat mir dazu Modell gestanden. Wofür waren sie denn Naturalisten, Wirklichkeitsdichter und keine idealen Schönfärber wie die alte Schule? Sie mussten einander doch beweisen, wie genau sie den Schmutz des Lebens kannten, und auf den Centimeter angeben können, wie tief sie in diesem Schmutz herum gewatet waren. Hätten sie sonst das Recht gehabt, sich Naturalisten zu nennen?

Wie es oft bei Gerhart Schmittlein zu geschehen pflegte, so auch heute. Er that dasselbe, was die andern thaten, aber wie er es that, wich so gewaltig von der Art der andern ab, dass auch die Wirkung eine ganz andere war.

Als er geendet hatte, trat eine tiefe Stille ein. Was und vor allem wie er gesprochen, hatte eine gewaltige Wirkung geübt.

Erst nach einer langen stummen Pause ergriff Gerharts Nachbar zur Linken das Wort. Er war ein blasser, blonder Mensch, ein Lehrerssohn aus der Mark, den ehrliche Begeisterung und echtes Streben an die neue literarische Richtung knüpfte, die hier verkündet wurde. Gerhart Schmittlein schien ihm der Messias dieser neuen Lehre zu sein.

»Darf ich mir eine Frage gestatten, Schmittlein?«

»Zehn für eine.«

»Ich will nicht indiskret sein, ich hoffe, Sie wissen auch, dass ich nicht neugierig bin. Es interessiert mich nur vom rein psychologischen Standpunkte aus. – Als das Frühlingsdrama vollendet war – als Sie das Modell nicht mehr brauchten, haben Sie da für das Weib noch viel übrig gehabt?«

Gerhart schüttelte sehr energisch den schwarzen Kopf.

.

»Nichts als ein wenig Mitleid. Meine Leidenschaft gehört –« hier unterbrach er sich.

Dass Lotte durch dies Geständnis nicht kompromittiert werden konnte, wusste er. Niemand kannte sie, niemand in diesem Kreise würde sie jemals kennen, und so würde niemals jemand erfahren, wer ihm zu der Helga Modell gesessen habe. Wenn er aber jetzt eingestand, dass seit dem Zeitpunkt der Vollendung des Werkes seine Leidenschaft nur noch der gehörte, die es ihm verkörpern sollte, würde ein jeder wissen müssen, dass niemand anders als die Berté damit gemeint sein konnte. Er hatte das Gefühl, schon mit seinem abgebrochenen Wort zu viel gesagt zu haben. Sehr unbehaglich war ihm dies Gefühl. So lange er mitten in einem Verhältnis stand, liebte er es, im Gegensatz zu allen andern nicht, es glossiert zu wissen. Er zog die Uhr aus der Tasche. Gleich elf. Es war die höchste Zeit zu gehen. Erna Berté würde ihn schon seit einer Stunde erwarten. Ihn selbst peinigte eine glühende Sehnsucht nach dem schönen, temperamentvollen Geschöpf. So empfahl er sich kurz, ohne sich von irgend einem der Anwesenden im einzelnen zu verabschieden.

»Immer originell«, klang es ihm nach.

»Ein Genie«, behauptete eine zweite Gruppe.

»Ein arroganter Phantast«, die dritte, die bei weitem in der Mehrzahl war. –

Der vorherbestimmte Zeitpunkt für die Aufführung des Frühlingsdramas war festgehalten worden.

Mit grossen Lettern auf gelbem Grunde stand es am Morgen des feuchtkalten fünfzehnten Oktober an den Anschlagsäulen zu lesen:

 

Freie Bühne.
Zum ersten Mal
Ein Frühlingsdrama.
Geschehnis in vier Aufzügen
von
Gerhart Schmittlein.

 

Lotte, der es in den letzten Tagen wieder recht schlecht gegangen war, hatte sich ganz früh schon auf die Strasse geschleppt, um wenigstens die Anzeige zu lesen.

Ja, da stand es: Frühlingsdrama von Gerhart Schmittlein! Was sie seit jenem Weihnachtsabend in der »Versunkenen Glocke« für Gerhart erträumt hatte, heute sollte es sich erfüllen. Sie aber, die ihn, wie er ihr tausendfach unter glühenden Küssen zugeschworen hatte, einzig zu dem Werke begeistert, sie, ohne die er es niemals hätte schaffen können, sie, die sich ihm hingegeben dafür mit Leib und Seele, die ihr Mädchentum, ihre Ehre dafür hingeopfert hatte, sie stand heute abseits, allein und verlassen.

Heisse Thränen stürzten ihr aus den Augen. Heut, wo er sie nicht sah, mochten die bitteren Tropfen ungehindert fliessen. Was that es ihr, dass fremde Menschen sie anstarrten mit Mitleid oder mit Schadenfreude? Was ihr vor Monaten noch unerträglich erschienen wäre, andere ihr Leid schauen zu lassen, heut war es ihr gleichgültig geworden, wie so vieles, wie das meiste um sie her. Was konnte ihr das alles anhaben, seit sie sich eingestehen musste, dass Gerhart ihr verloren war. Seit jenem Tage des Wiedersehens wusste sie es: er war ihr verloren, unwiderruflich! Er würde vielleicht noch seine Pflicht an ihr erfüllen, mehr aber nicht, nicht heut, nicht morgen, denn er liebte sie nicht mehr.

Eiskalt durchschauerte es sie bei dem Bewusstsein, dass der Gerhart, dessen Name dort in weithin leuchtenden Lettern auf dem grossen grellfarbigen Plakat gedruckt stand, der Gerhart nicht mehr war, in dessen Armen sie sich selbst und ihre Ehre vergessen hatte, und doch dabei so grenzenlos, so unsinnig glücklich gewesen war. Nein, er war es nicht mehr, er war ein anderer geworden und ob sie auch seine Frau würde, sein Herz würde sie niemals wieder besitzen.

Fester zog sie den leichten Schulterkragen um die Brust. Die Kälte drang ihr durch Mark und Bein. Kam diese eisige Kälte von innen heraus, oder war es der scharfe Herbstwind, der sie erschauern machte wie im Fieber, sie wusste es nicht. Dazu stellten sich plötzlich unerträgliche Schmerzen in allen Gliedern ein, vor den Augen tanzten ihr rote, grüne und gelbe Punkte, kaum war sie noch im Stande, sich die vier steilen Treppen hinaufzuschleppen. Stöhnend warf sie sich auf ihr Bett. Stundenlang lag sie so allein, ohne zu wissen was mit ihr vorging. Sie hätte fortwährend schreien mögen und doch unterdrückte sie instinktiv jeden Ausbruch des Schmerzes, indem sie sich leise ächzend in das Bettzeug einbiss. Endlich glaubte sie es nicht länger ertragen zu können und schleppte sich zu Frau Korn hinüber.

Auguste war zu Haus und bei der Arbeit. Die brave Frau machte nicht viel Worte. Auf den ersten Blick sah sie was los war. Sie lächelte nur und dachte: »Wir scheinen uns also verrechnet zu haben.«

Dann führte sie Lotte wieder in ihre Wohnung hinüber, liess durch ihre Aelteste alles Notwendige besorgen und blieb auch, nachdem eine geschäftige, rundliche Frau aus der Nachbarschaft zur Hilfeleistung herbeigeholt worden war, an Lottes Seite, bis sie um die achte Stunde, gerade als in der »Freien Bühne« der Vorhang zu Gerharts Frühlingsdrama aufrollte, einem zarten, zierlichen Mädchen das Leben gab.

Die rundliche Frau konstatierte, dass das Kind zwei Monate zu früh auf die Welt gekommen sei, sich aber trotzdem sehen lassen könne.

Lotte empfand, als das Kind glücklich auf der Welt war und mit einem gesunden Aufschrei die vier engen Wände seiner Geburtsstätte begrüsste, nicht das geringste von jener hohen, heiligen Mutterfreude, die die ausgestandenen Schmerzen mit einem Schlage vergessen macht.

Als Frau Korn ihr die Kleine reichte, küsste sie sie flüchtig auf die braunrote Stirn.

Das Kind, Gerhart, die Schande, die ihr nun doch nicht erspart geblieben war, alles war ihr gleichgültig. Nur das Gefühl einer grenzenlosen Schwäche lebte in ihr, ein alles bezwingendes Bedürfnis nach Ruhe.

Frau Korn that ihr möglichstes dazu, Lotte diese Ruhe zu verschaffen, obgleich sie selbst, trotz ihrer sieben nie ein ähnliches Bedürfnis empfunden hatte. Sie benachrichtigte nicht einmal den »Schwarzkopf« von dem überraschend eingetretenen Ereignis, denn sie sagte sich mit Recht, dass er der letzte gewesen wäre, Lotte Ruhe zu bringen. Lotte fragte im übrigen auch gar nicht nach ihm, und Auguste war der Ansicht, dass er schon von selber kommen würde, wenn auch nur, um seinen Triumph auszuposaunen und sich von dem armen schwachen Wurm da seinen Extralorbeer zu holen. Frau Korn, die aus dem Hause Veilchenfeld einen so starken Theaterenthusiasmus mitgebracht hatte, dass er in ihrer jetzt siebenjährigen Ehe noch immer nicht ganz erstorben war, hatte unter den Theaternachrichten, die sie tagtäglich im Vorwärts nachschlug, gelesen, dass das Frühlingsdrama des Schwarzkopfs einen rauschenden Erfolg gehabt habe.

Da Lotte nicht danach fragte, erzählte sie ihr nichts davon; zu ihrem Manne aber hatte sie gesagt: »Nun wird der Schwarzkopf wohl gänzlich überschnappen.«

Eine andere Aufregung – wenn es eine für Lotte war – konnte Frau Korn ihr indes nicht ersparen. Die hilfreiche Frau drang darauf, dass der kleine Schreihals am dritten Tage beim Standesamt angemeldet werden müsse. Es sei so Polizeivorschrift und nichts dabei zu wollen. Lotte musste sich also für einen Namen entscheiden.

Wie im Traum war es ihr, dass irgendwo und irgendwann – die Sonne hatte geschienen, das Wasser gerauscht, und würzige Waldluft sie umströmt – Gerhart für das Kind den Namen Helga gewünscht hatte, wenn es ein Mädchen würde. Sie aber hatte nicht gewollt.

In dem Halbschlaf, in dem sie fast dauernd lag, war es ihr so, als ob sie schon damals Gerhart gebeten habe, es nach der Mutter Luise nennen zu dürfen. Ja, Luise sollte es heissen. Auch Frau Korn war durchaus dafür. »Mutters Name bringt allemal Segen«, behauptete sie. Und Helga, nee, das roch ja förmlich nach Roman und Komödie. Das war ganz schön in Büchern und auf dem Theater, aber fürs gewöhnliche – nee. – Und so auffallend wie das klang!

In Lottchens Lage – Frau Korn nannte ihren Schützling jetzt schlankweg Lottchen – musste man alles auffallende vermeiden.

So wurde das Kleine auf den Namen Luise Weiss angemeldet.

»Armes Mädchen, armes Mädchen«, murmelte Lotte vor sich hin. »Wieder eins mehr auf der Welt.«

»Papperlapapp«, unterbrach sie Frau Korn. »Wer weiss denn, was aus dem Mädel mal wird, nette kleine Krabbe die es ist. Luise Weiss ist ein ganz guter Name, und wenn es so grosses Verlangen nach dem Namen des Schwarzkopfs haben sollte – na, am Ende ist ja auch noch nicht aller Tage Abend. Wie ist es denn, Lottchen? Am Ende ist es doch unsere Pflicht, es ihm anzuzeigen? –«

Lotte faltete die blassen, schmalen Hände und sah angstvoll zu Auguste auf, die neben ihrem Bett stand.

»Bitte nein, liebe Frau Korn, warten Sie noch ein paar Tage. Ich könnte es jetzt noch nicht ertragen.«

Frau Korn war es sehr recht so.

»Wie Sie wollen. Aber ängstigen Sie sich nur nicht so. Sie thun ja gerade, als ob er das Recht hätte, Ihnen was zu thun? Gar kein Recht hat er. Berappen soll er und sich was schämen.«

Ehe Frau Korn Gerhart eine Nachricht zukommen liess, wollte sie jedenfalls auf Lottes Wunsch zu Lena gehen, die Anfang Oktober aus Heringsdorf zurückgekommen war.

Lotte wusste zwar nicht, wie Lena das Geschehene aufnehmen würde, aber lieber wollte sie ihren Unwillen und schlimmeres vielleicht ertragen, als das Ereignis vor ihr verschweigen.

Dazu stand ihr die Schwester trotz alledem doch zu nahe, als dass sie sich hätte vorstellen können, dass sie ein Kindchen hätte haben sollen, ohne dass Lena darum wusste.

Frau Korn und Lena würden sich auch ganz gut verstehen, davon war Lotte überzeugt. Sie hatte zwar recht wenig Menschenkenntnis, aber dass beide auf einem gesunden realistischen Boden standen, leuchtete ihr doch ein.

Immer mehr drängte auch ihre ganze äussere Lage dazu, Lena ins Vertrauen zu ziehen. Lottes Mittel waren nicht nur erschöpft, sondern Frau Korn hatte schon von dem Ihren zuschiessen müssen. Es war höchste Zeit, dass sie selbst wieder an die Arbeit kam. Was sollte sonst aus dem Würmchen werden?

Frau Auguste wollte von alledem nichts hören. »Erst gesund werden und wieder zu Kräften kommen. Das andere findet sich nachher«, predigte sie tagaus, tagein, und schnitt, wo immer sie konnte, der Kranken die Rede ab.

Sie hatte einen Höllenrespekt davor, dass das arme Ding nun, da sie anfing, sich ein bischen zu erholen und aus ihrer stumpfen Gleichgültigkeit zu erwachen, aufs neue in einen ihrer wilden Verzweiflungsausbrüche darüber verfallen würde, dass das Gefürchtete nun doch eingetreten war, ehe sie die Frau des Schwarzkopfs geworden. Zu Frau Korns grosser Erleichterung blieb Lotte, soviel sie sich auch um ihre und des Kindes nächste Zukunft sorgte, auf diesem Kardinalpunkt ganz ruhig. Das heisst, sie brachte nicht ein einziges Mal die Rede darauf. Frau Korn zerbrach sich den schwerfälligen Kopf darüber, was diese unnatürliche Gefasstheit zu bedeuten haben könne. Hatte Lotte verzichtet und sich darein gefunden? Die brave Frau hätte Gott dafür gedankt, denn es wäre in ihren Augen das einzig Verständige gewesen. Aber sie konnte nicht recht daran glauben. Es sah ihrem Schützling so wenig ähnlich.

In Wahrheit stand es so, dass Lotte nun, da das Kind einmal vor der Ehe zur Welt gekommen war, Selbsterhaltungstrieb genug besass, sich ungefähr zu sagen: »Es ist nun doch einmal geschehen. Du kannst Dir Zeit lassen, ehe Du von neuem einen Kampf beginnst, dem Du jetzt noch nicht gewachsen bist.« Es war vielleicht mehr Mutterinstinkt als Ueberzeugung, dass Lotte so empfand. Sie fühlte, dass sie sich für das Kind erhalten musste, das vorerst nichts wie sie auf der Welt besass. Das gab den Ausschlag. Damit waren auch die Todesgedanken verbannt, mit denen sie sich in letzter Zeit getragen hatte. Die Schande war nun einmal über sie gekommen. Würde die Sünde, die sie begangen, dadurch gut gemacht werden, dass sie den Platz freiwillig verliess, an den sie gestellt worden war? Der liebe Gott hatte es sichtbarlich gut mit ihr gemeint und war ihrer Schwachheit zu Hilfe gekommen. Wäre das Kindchen nicht so unerwartet früh zur Welt gekommen, hätte sie vorher gewusst, dass ihre schwere Stunde so nahe bevorstehe, sie hätte schwerlich die Kraft gehabt, einer Verzweiflungsthat aus dem Wege zu gehen.

Zehn Tage nach der Geburt der kleinen Luise machte Frau Korn sich zu Lena auf den Weg.

Vor der resoluten Art der Schlossersfrau hatte das lockengebrannte Ladenmädchen jedenfalls bedeutend mehr Respekt als vor Lottes vornehm zurückhaltendem Wesen. Ohne die geringsten Umstände und Nebenbemerkungen meldete sie Frau Korn der Prinzipalin, trotzdem diese gerade Besuch hatte. Bornstein und Kurt waren anwesend. Sie hatten, wie jetzt öfter, bei Lena gespeist. Rauchend und plaudernd sass man noch im Esszimmer zusammen, als Lena hörte, dass jemand da sei, der sie im Auftrag ihrer Schwester zu sprechen wünsche. Sie schickte ohne Umstände die Herren in das türkische Boudoir und liess Frau Korn zu sich bitten.

Ueber die Freude, die hübsche Person mit den lustigen Augen wiederzusehen, die sie oben auf der Treppe zu Lottes Wohnung so sehr bewundert hatte, vergass Frau Korn für ein paar Augenblicke, dass sie hierhergekommen sei, um einen zum mindesten sehr delikaten Auftrag auszurichten. Als sie sich aber wieder darauf besonnen hatte, machte die entschlossene Frau keine lange Vorrede mehr, sondern fiel so zu sagen mit der Thür ins Haus.

Lena war bei der plötzlichen Eröffnung glutrot und so verlegen geworden, wie sie es selbst nicht für möglich gehalten hatte.

»Um Gotteswillen, liebe Frau«, stotterte sie, »was Sie da sagen, das ist ja doch ganz unmöglich – Lotte – die ruhige, prüde Lotte –? Unmöglich!«

Frau Korn schüttelte gutmütig den grossen Kopf mit der altmodischen Frisur und dem noch altmodischeren Hut darüber.

»Unmöglich, Fräulein, ist nichts auf der Welt – und in der Liebe nun schon gar nicht.«

»Aber dies – nein – ganz schrecklich finde ich das – gar nicht zu sagen, wie ich das von meiner Schwester finde.

Warum haben sie denn nicht geheiratet? Gott im Himmel, wie kann man nur eine solche Dummheit machen!«

Frau Korn sah sich mit einem humoristisch-ironischen Ausdruck in ihren kleinen klugen Augen in dem geschmackvoll eingerichteten Raum, auf der Tafel, auf der noch ein Teil des eleganten Geschirrs und des kostbaren Krystalls mit schwerflüssigen Weinresten stand, um.

»Es trifft's nicht jedes alleinstehende Mädchen so gut wie Sie, Fräulein. Es hat nicht jede das Talent wie Sie, sich in diesem gotteslästerlichen Berlin über Wasser zu halten, und mehr als das! Mädchen wie Ihre Schwester, die immer an andere und nie an sich selber denken, fallen am ehesten 'rein. Ich hab's meiner Zeit auch nicht besser gemacht, bloss dass mein Karl mich geheiratet hat, was ich, ehrlich gestanden, von dem Schwarz – von dem Herrn Gerhart nicht glaube.«

Lena machte ein entsetztes Gesicht; Auguste aber schüttelte sehr energisch ihren runden, dicken Kopf.

»Das ist noch lange das schlimmste nicht, Fräulein. Ihre Schwester muss sich natürlich von dem Kinde trennen – übrigens ein reizender Balg, wir haben es Luise genannt, nach der verstorbenen Frau Mutter – da beisst keine Maus den Faden ab. Ich hab' mir das schon alles zurechtgelegt. Wir geben die Kleine bei meiner Freundin in Schmargendorf in Kost. Das ist eine ordentliche Person, die ihre Schuldigkeit an dem Kinde schon thun wird. Sie hat selber nur eins; der Mann, der Tischler ist, hat sein anständiges Auskommen. Kommt nun noch das Kostgeld für das Kleine hinzu, wird's ihnen an nichts fehlen. Die Hauptsache, Fräulein, ist nun die: Was wollen Sie Ihrer Schwester monatlich geben? Denn unterstützt muss das arme Ding werden, das steht fest. Mit dem bischen Putzmachen – unter uns gesagt, ist nicht viel damit los, die Haube für Muttern sah aus wie 'ne Fledermaus – kann sie sich und das kleine Ding nicht durchbringen. Na, und auf den Vater, Fräulein, ist doch in solchen Fällen am wenigsten zu rechnen. Entweder er heiratet die Mutter seines Kindes, na, dann sind wir beide ja überflüssig, oder aber er drückt sich und dann nicht zu knapp. Lieber Gott, das kennen wir doch alles. Das ist uns doch nichts neues!«

Lena war von alledem peinlich berührt. Lotte allmonatlich eine kleine Unterstützung zu geben, darauf kam es ihr nicht an. Wenn nur die Sache nicht ruchbar wurde! Sie war gerade im Begriff, sich in ihrer gesellschaftlichen Stellung mächtig zu lancieren, Heringsdorf hatte das seine dazu gethan, mit Strehsens war sie wieder völlig ausgesöhnt, und nun kam so etwas! Das war denn doch etwas anderes als die dummen Vorurteile, die sie selbst so gern verspottete. So etwas durfte einem anständigen Mädchen nicht passieren!

Auch Lena gehörte, bis zu einem gewissen Grade, ohne dass sie sich darüber auch nur im geringsten klar gewesen wäre, zu jener in den Grossstädten weit verbreiteten Kategorie von Frauen und Mädchen, die ohne Skrupel bis an eine sehr weit gezogene moralische Grenze gehen. Darüber aber keinen Schritt. Weniger aus sittlichen Bedenken als aus kluger Berechnung. Das dieser Moralkodex bei weitem verwerflicher ist, als die sogenannte Unsittlichkeit eines Mädchens, das aus Liebe fällt, würden diese Mädchen und Frauen niemals zugeben. Niemand kann ihnen etwas Positives nachsagen. Ihr Vorleben wird dem Eingehen einer soliden Ehe, ihr nach aussen hin korrektes Eheleben der Aufrechterhaltung einer einmal geschlossenen Verbindung niemals hinderlich werden können, und damit ist für sie alles gesagt. –

Frau Korn hatte eine geraume Weile auf Lenas Antwort warten müssen. Nach einer langen, nachdenklichen Pause erst sagte sie: »Ich will meine Schwester gern unterstützen. Würden zehn Mark im Monat genügen?«

Frau Korn bejahte.

»Gut, ich erkläre mich dazu bereit. Ich bitte aber meine Schwester sehr nachdrücklich – wollen Sie ihr das sagen, bis ich es ihr selbst sagen kann – die ganze Angelegenheit so geheim als irgend möglich zu halten. Sorgen Sie, bitte, dafür, dass das Kind lieber heut als morgen fortkommt! In Ihrem Hause weiss man natürlich alles?«

Frau Korn schüttelte wieder einmal sehr energisch den Kopf.

»Man munkelt, aber man weiss nichts gewisses. Wir beide wohnen da oben ja gänzlich solo unterm Dach, und mein Karl, der hält reinen Mund. Ist das Kind aus dem Hause und Ihre Schwester wieder auf den Beinen, fragt kein Mensch mehr danach. Bei unsereinem ist das nicht so was Rares und lange hält sich keiner bei so was auf, selbst wenn er 'nen blauen Dunst davon hat, dazu haben wir alle zu viel Arbeit und Sorgen auf dem Buckel!«

Frau Korn stand auf.

»Na, dann wäre ja wohl soweit alles in Ordnung, und ich kann nun gehen. Wenn's Ihnen recht ist, kassiere ich allemal am Letzten das Geld bei Ihnen ein. Na, und heute? Wir haben freilich erst den fünfundzwanzigsten, aber es war schwere Zeit!« Auguste streckte bittend die Hand gegen Lena aus.

»Die Kleine ist zu nett. Sie werden sie schon lieb gewinnen, wenn Sie sie erst gesehen haben! Tante muss doch was für das erste Nichtchen thun!«

Lena hatte längst ihr Portemonnaie aus der Tasche gezogen. Jetzt legte sie ein Zwanzigmarkstück in Frau Korns ausgestreckte Hand.

»Die Hälfte für Lotte, die andere Hälfte für Luischen«, sagte sie mit einem halben Lächeln.

Frau Korn strich das Geld lächelnd ein.

»Das ist brav von Ihnen, Fräulein. Der liebe Gott wird's Ihnen lohnen. Sie werden ihn auch schon noch 'mal nötig haben im Leben. Na, und einen Gruss an die Schwester krieg' ich doch auch noch mit? Wenn eine, so ist sie unschuldig zu dem Malheur gekommen.«

Lena lächelte jetzt über das ganze Gesicht, ohne dass sie es wollte. Die Frau gefiel ihr.

»Sie sind ein Quälgeist«, sagte sie und klopfte Auguste auf den breiten Rücken.

»Meinetwegen nehmen Sie meiner Schwester einen herzlichen Gruss mit und hier die Veilchen für das Krankenzimmer.«

.

Sie hatte die Veilchen von dem Tisch genommen, dessen Mitte sie geschmückt hatten. Frau Korn steckte ihre kräftig gebaute Nase hinein.

»Hm, wie das duftet! Schönen Dank, Fräulein, das können wir brauchen nach all dem Karbol- und Krankenzimmergeruch. Na, adieu, Fräulein, und wenn Sie uns nicht vorher 'mal beehren, auf Wiedersehen am dreissigsten November.«

Lena fuhr sich ein paarmal über das heisse Gesicht, ehe sie zu den Herren hinüberging. Die da drüben durften um nichts in der Welt ahnen, um was es sich gehandelt hatte.

»Donnerwetter«, rief Bornstein, »das war ja eine endlose Sitzung. Was gab es denn?«

Lena zog eine möglichst gleichgültige Miene auf.

»Sie haben ja gehört, dass die Frau im Auftrage meiner Schwester kam. Lotte ist nicht ganz wohl –«

Kurt machte ein teilnehmendes Gesicht. Er hatte das stille blasse Mädchen trotz ihrer abweisenden Haltung in Dahlow wirklich ein bischen in sein geräumiges Herz geschlossen.

»Doch nichts ernstes?« fragte er.

»Gar nicht. Ein bischen Bleichsucht. Das ist bei Lotte schon hundertmal vorgekommen.«

»Sie sah schlecht aus in der letzten Zeit«, bemerkte Bornstein.

Sollte er etwas Anzügliches damit gemeint haben? Bornstein sah nicht danach aus. Es schien in der That eine ganz harmlose Bemerkung gewesen zu sein.

»Da ist es denn natürlich mit dem Geschäft nicht besonders gegangen, und wie das so kommt – –«

»Lotte hat Dich anpumpen lassen, Lena – nicht wahr?«

»Stimmt auffallend, mein Herr«, sagte sie lachend, und sich umwendend gab sie Bornstein, der in einer Anwandlung von Zärtlichkeit hinter sie getreten war, einen Nasenstüber. Dann sprang sie lebhaft auf.

»Und nun erkläre ich auch diese Sitzung für aufgehoben, meine Herren. Ich habe zu thun.«

Aber Bornstein wollte davon nichts wissen.

Er bestürmte Lena, die Arbeit für heute zu lassen und wie in früheren Zeiten einmal wieder ein Theater mit ihm zu besuchen und nachher soupieren zu gehen. Sie aber schüttelte energisch den Kopf.

»Ich hab' es wirklich besser gehabt, als Du noch Telephonistin warst«, brummte Bornstein verstimmt.

Lena war heute wieder so verführerisch pikant, dass er innerlich wütend über ihre Ablehnung war, aber er hatte es längst aufgegeben, ihr eine Scene zu machen. Sobald er sie ernsthaft über ihre Launenhaftigkeit zur Rede stellte, oder gar, heftig werdend, seine Ansprüche an sie betonte, war gar nichts mehr mit ihr aufzustellen. Sie war im stande, ihn dann wochenlang antichambrieren zu lassen und inzwischen ungeniert andere Besucher zu empfangen. Bornstein aber fürchtete nichts so sehr als eine solche Blamage.

»Na also, Kurt, kommen Sie, die Klügeren geben nach.«

Sie erhoben sich beide, steckten sich jeder noch eine Cigarette an und küssten ihr die Hand zum Abschied. Bornstein machte Anstalten, ihr noch etwas zu sagen, aber sie sah so unnahbar aus, dass er es lieber unterliess.

Lena atmete auf, als sie allein war. Es wollte heute mit dem Komödiespielen nicht recht gehen. Lottes Schicksal war ihr denn doch zu nahe gegangen. So wenig Lena auf Familienbande gab, gegen das Mitempfinden konnte sie sich in diesem Falle nicht wehren, so gern sie es gethan hätte. –

Auguste sorgte, wie sie es Lena versprochen hatte, dafür, dass die Kleine noch vor Ablauf des Monats nach Schmargendorf zu ihrer Freundin kam. Die Tage waren wieder milder geworden, die kurze Fahrt mit der Dampfbahn konnte dem Kinde nichts schaden. Auch Lotte sah am Ende ein, dass es so am besten war. Das Kind war ihr noch nicht so innig ans Herz gewachsen, dass es ihr allzu viel gekostet hätte es fortzugeben. Sie wusste ja, es würde gut aufgehoben sein, sie würde, wenn sie danach verlangte, es täglich, stündlich sehen können. Ehe nicht das letzte Wort zwischen ihr und Gerhart gesprochen war, betrachtete sie die Kleine überhaupt nur als ein geliehenes Gut, über dessen endgültige Besitznahme die Entscheidung noch ausstand.

Trotzdem küsste sie das Kind zärtlich, und die Thränen traten ihr in die Augen, als sie Auguste mit dem kleinen Bündel davongehen sah. Wenn es vielleicht auch ihr ganzes Leben vernichtet hatte, es blieb doch immer ein Stück von ihm und ihr.

Lotte war erst wenige Tage ausser Bett und fühlte sich noch recht schwach, aber es ging doch rascher vorwärts als sie bei ihrer zarten Natur hatte erwarten dürfen. Auch Frau Korn war zufrieden mit den Fortschritten der Genesung, daran hielt Lotte sich. Was Auguste sagte, war jetzt ihr Evangelium. Sie konnte gar nicht daran denken, was aus ihr geworden wäre, was noch aus ihr werden würde, wenn sie die treffliche Frau Korn nicht gehabt hätte.

Sie wollte die Gute damit überraschen, dass sie sich heut zum erstenmal wieder ein wenig hübsch machte. Schon ein paarmal hatte Auguste davon gesprochen, wie froh sie sein würde, wenn Lotte erst wieder nett und adrett einherginge. Sie hatte noch von Haus her ihr Sonntagskleid, ein hübsches dunkelblaues Wollkleid, das der Trauer wegen liegen geblieben war. Das suchte sie heraus, band den weissen Kragen und die Klappstulpen darüber, die Lena sich voriges Jahr für den Weihnachtsabend bei Strehsens gekauft und ihr hinterlassen hatte und freute sich auf die Ueberraschung, die sie Auguste damit bereiten würde. Blass und schmalwangig genug sah sie noch aus, aber das würde sich bald geben. Sie hoffte nun im Umsehen wieder auf den Beinen zu sein.

Als sie eben die letzte Hand an ihre bescheidene Toilette gelegt hatte, wurde die Klingel an ihrer Stubenthür gezogen.

Frau Korn konnte doch nicht schon wieder von Schmargendorf zurück sein? Auch pflegte sie nicht zu klingeln, ebensowenig der Briefbote. Blieb noch Lena übrig, deren Besuch Lotte kaum schon erwarten durfte.

An Gerhart wagte Lotte gar nicht zu denken, und vor einem Fremden scheute sie sich beinahe noch mehr als vor ihm. Mit zögernden Schritten ging sie zur Thür, die sie zaghaft nur zu einem Spalt öffnete. Sie war so ängstlich nervös geworden in dieser letzten Zeit.

Ein merkwürdiger Laut rang sich von ihren Lippen, als sie Gerhart draussen auf dem dunklen Treppenflur vor sich stehen sah. Ein Laut halb der Freude, des Vorwurfs halb, halb der Angst. Dies fühlte sie, würde die Stunde der Entscheidung sein, zugleich aber auch empfand sie mit unbeirrbarer Sicherheit, dass sie der Wucht derselben nicht gewachsen war.

Gerhart, der sich sonst ziemlich nachlässig zu tragen pflegte, war heut beinahe stutzerhaft gekleidet. Etwas seltsam Fremdes schien ihr von ihm auszugehen, noch ehe sie ein einziges Wort mit einander gewechselt hatten.

Während sie so befangen war, als ob sie eine schwere Schuld vor ihm zu verbergen hätte, trat er sehr selbstbewusst bei ihr ein und warf sich, ohne zuvor recht nach ihr hingesehen zu haben, nachlässig auf den nächstbesten Stuhl.

»Du wirst es mir hoffentlich hoch anrechnen, dass ich zu Dir komme, Lotte, nachdem Du es nicht einmal der Mühe wert gehalten hast, mir zu dem grossen Erfolg des Frühlingsdramas zu gratulieren.«

Jetzt erst, wie um seinem Vorwurf besonderen Nachdruck zu verleihen, sah er ihr, die in gedrückter Haltung vor ihm stand, voll ins Gesicht. Dann sprang er auf und fasste sie bei den Schultern.

»Ja, um Gotteswillen, was ist denn mit Dir geschehen? Hast Du Unglück gehabt?« Sie schüttelte sanft den Kopf und etwas wie ein Lächeln huschte über ihr blasses Gesicht.

»Ich weiss nicht, ob Du es ein Unglück nennst.«

Und während eine schwache Röte ihr in die Wangen und über die Stirn bis an das goldbraune Kraushaar aufstieg, fügte sie halblaut hinzu:

»Am fünfzehnten Oktober ist uns ein kleines Mädchen geboren worden.«

Er taumelte zurück als ob er einen Schlag bekommen hätte. Dann fasste er sich schnell. So roh durfte er nicht sein, ihr in diesem Augenblick weh zu thun.

Wortlos beugte er sich zu ihr nieder und küsste sie auf die Stirn.

Alles in ihr drängte dazu, ihn mit ihren Armen zu umfangen, sich an seine Brust zu schmiegen, aber sie hielt sich zurück. Sie empfand es nur zu deutlich, dass der Kuss, den er ihr gegeben, nur ein Kuss der Dankbarkeit, vielleicht des Mitleids gewesen war.

Langsam liess sie sich auf den Stuhl niedersinken, den er ihr hingeschoben hatte, als er fühlte, dass sie zu wanken begann. Langsam liess er sich ihr gegenüber nieder. Was würde nun kommen? Kleines, Enges, Niedriges, Erbärmliches, das ihn aus all seinen Himmeln, in denen er seit dem Erfolg seines Dramas geschwelgt hatte, wieder zur Erde riss!

Keines von ihnen sprach ein Wort. Jeder wartete auf das, was der andere sagen würde. So still war es zwischen ihnen, dass jedes den Atem zu hören meinte, der sich aus des andern Brust rang.

Gerhart dünkte die Stille endlich unerträglich zu sein.

»Hast Du schwer gelitten?« fragte er stockend.

»Ich glaube nein. Frau Korn meinte, es sei alles in Ordnung gewesen.«

»Lebt das Kind?«

»Frau Korn hat es eben nach Schmargendorf in Kost gebracht.« Sie sagte das alles ganz mechanisch, während ihr das Herz gegen die Brust hämmerte, als ob es den ganzen zarten Körper zertrümmern wollte.

»Das ist gut«, sagte er. Dann kramte er in seinen Taschen. »Brauchst Du – hast Du – Das heisst für den Augenblick – weiss der Himmel, wo das ganze Geld wieder geblieben ist!

Dann sah er befriedigt an sich herab.

»Ich konnte in meinem alten Zeug unmöglich länger umherlaufen bei all den festlichen Gelegenheiten, die es jetzt gab. Du glaubst nicht, Lotte, wie man mich gefeiert hat. Ich konnte gar nicht zu mir selbst kommen, sonst wäre ich schon früher bei Dir gewesen, obgleich ich eigentlich ein wenig verletzt war – jetzt freilich –«

Als er stockte, erwartete sie atemlos, was nun kommen würde. Endlich musste er doch von ihrer Zusammengehörigkeit durch dies neue enge Band, von ihrer gemeinsamen Zukunft sprechen. Aber er sprach nicht weiter, sondern nahm seinen vorigen Gedankengang wieder auf.

»Es war aber auch wirklich ein Bombenerfolg, ich darf das selbst ruhig behaupten, da alle Welt es thut. Ein Triumph nicht nur für mich allein sondern für die ganze Moderne. Unsere Partei ist überglücklich über diesen Sieg. Die alten Schönfärber, die greisen Romantiker schäumen.«

Nur um auch einmal etwas zu sagen, fragte Lotte, kaum vernehmlich, ob die Aufführung ihn befriedigt habe.

Ein Leuchten ging über sein Gesicht. Aber als er ihre Augen so forschend auf sich gerichtet sah, suchte Gerhart schnell sich in seinen vorherigen Ausdruck zurückzufinden.

»Im Ganzen war alles recht gelungen«, meinte er gleichmütig.

»Und die Helga?« Während Lotte es sagte, dachte sie nur daran, dass er noch nicht einmal danach gefragt hatte, ob sie die Kleine Helga genannt habe. So entging es ihr, dass in seinem Gesicht wieder dies wundersame Leuchten aufstieg, und er sich jetzt weniger Mühe gab, es zu unterdrücken.

»O, Helga! Sie war eben Helga, das sagt alles. Ganz Liebe, ganz Hingebung, ein Frühlingsgedicht ohne gleichen.«

Er sprach nicht weiter, wenigstens nicht mit den Lippen, nur seine Augen sprachen fort, dieselbe Sprache, die sie einst gesprochen, da er um ihre Liebe geworben, als er sie dann besessen hatte.

Gerade so, mit diesem halbträumerischen, halb begehrlichen Ausdruck hatten sie geblickt, als ihre Liebe ihm das Frühlingsdrama schaffen half.

Ihre Aufgabe war beendet. Was sie begonnen, eine andere setzte es fort, bis eine dritte und vierte kommen würde, und so weiter ohne Ende. Einer jeden würde er den Laufpass geben, sobald sie seinen Zwecken nicht mehr diente, gewissenlos, erbarmungslos wie ihr. Und niemals, niemals würde er zu dem Bewusstsein dessen kommen, was er eigentlich that. Niemals würde es ihm klar werden, dass er Opfer um Opfer niedermachte, dass er über Leichen schritt, um selbst in die Höhe zu steigen. Er würde stets die Rechtfertigung sich und andern gegenüber haben, dass er gerade diese Leidenschaft zur Erreichung dieser Staffel nötig gehabt habe. Er und sie alle, die sich an dem Blutgeruch ihrer Opfer zu neuen Thaten berauschten, weil sie ohne diesen Rausch armselige Stümper sein und bleiben mussten.

Wie ein grauer, schwerer, vom Sturmwind gejagter Nebel zog diese Erkenntnis durch Lottes Seele. Nicht klar gegliedert und bewusst, mehr empfunden als gedacht, aber dennoch unabweisbar, nie wieder zu bezweifeln. Er war ihr verloren, ganz und für immer, auch für seine Pflicht an ihr und dem Kinde. Dies war das letzte. Sie wusste es, und sie ertrug es, so lange er bei ihr war.

Mit eiskalten, verschränkten Händen, bleich bis in die Lippen, sass sie da. Nur wie durch einen Nebel sah und hörte sie ihn. Alles kam ihr weit, weit entrückt vor, und sie selbst sich wie eine Gestorbene, die aus irgend einer grauen Ferne verdammt ist, Irdisches zu hören und zu sehen.

Gerhart sprach fortwährend mit einem fieberhaft glücklichen Ausdruck. Er sprach von seinem Erfolge und von Helga, immer nur von ihr. Auch für ihn schien Lotte schon entrückt zu sein in eine andere entferntere Welt, er wandte sich gar nicht mehr an sie, sondern immer dem leeren Raum zu, immer mit demselben leuchtenden, verzückten Blick. Keins von beiden wusste, wie lange die Zusammenkunft gewährt hatte. Endlich, Lotte dünkte es eine unermessliche Spanne Zeit, dass er hier gesessen, stand Gerhart auf.

In dem Zwielicht, das in dem engen Raum schon herrschte, konnte er nicht sehen, wie weiss ihr Gesicht war und einen wie seltsamen Ausdruck ihre Augen hatten. Nur dass ihre Hände eisig waren, fühlte er, als er sie jetzt mit kaum merklichem Druck berührte.

»Wie Du kalt bist, Du musst besser heizen lassen. Das ist keine Temperatur für eine Rekonvalescentin. Na, leb' wohl und erhole Dich weiter so gut, und sobald ich etwas habe –«

Sie unterbrach ihn mit einer seltsam harten Stimme.

»Ich brauche nichts. Lena sorgt schon für mich.«

»Wie Du willst. Wenn ich Zeit habe, komme ich wieder herauf.« '

Sie wollte auch jetzt etwas Ablehnendes erwidern, aber sie brachte es nicht mehr über die Lippen.

Auf der Schwelle wandte sich Gerhart noch einmal um. Es fiel ihm ein, dass es am Ende richtig sei, ein Wort für das Kind zu hinterlassen.

»Wenn Du das Kleine besuchst, gib ihm einen Kuss von mir, Lotte.«

Sie antwortete nicht, und er wartete auch eine Antwort gar nicht ab, sondern zog hastig die Thür hinter sich zu.

Auf dem zweiten Treppenabsatz blieb er hoch aufatmend stehen. »Gott sei Dank, sie war verständiger, als ich gedacht. Sie hat kein Wort von Heiraten gesprochen. Da hat man sich wieder 'mal umsonst gesorgt.«

Und leichtfüssig sprang er den letzten Teil der steilen Treppe hinunter.

* * *

 


 << zurück weiter >>