Hans Dominik
Kautschuk
Hans Dominik

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Noch ehe am nächsten Morgen Fortuyn sich bei Geheimrat Kampendonk melden lassen konnte, bat ihn dessen Privatsekretär, um neun Uhr bei Kampendonk zu erscheinen.

»Ich muß es aufs lebhafteste bedauern, Herr Doktor, daß Sie von der bevorstehenden Neuerung im Werk indirekt durch die Zeitung Kenntnis erhielten. Die Notiz wurde ohne unser Zutun veröffentlicht. Ich bin bereit, Ihnen volle Aufklärung zu geben.«

Fortuyn verneigte sich kurz. »Bitte, Herr Geheimrat . . .«

»Schon vor längerer Zeit erfuhren wir von den Iduna-Werken, unsrer Tochtergesellschaft in Wien, daß man dort einen gewissen Doktor Moran als Mitarbeiter verpflichtet habe, der im Begriff war, sich als Dozent in seiner Heimatstadt Prag zu habilitieren. Seine Forschungen auf dem Gebiet der Chemosynthese des Kautschuks seien vielversprechend. Gelegentlich eines Besuches in Wien nahm unser Direktor Lindenberg von den Moranschen Arbeiten Kenntnis und gab uns einen so glänzenden Bericht, daß wir auch noch Direktor Bünger hinschickten. Auf Grund der übereinstimmend günstigen Gutachten beschloß das Direktorium, nach weiterer genauer Prüfung aller Unterlagen, einem Engagement Doktor Morans näherzutreten. Dieser verhielt sich zunächst ablehnend, wobei rein persönliche Verhältnisse maßgebend waren. Mit Rücksicht auf die größeren Mittel und besseren Forschungsbedingungen in den Rieba-Werken erklärte er sich aber schließlich bereit. Erst vor drei Tagen kam der formelle Vertragsabschluß zustande. Da dies auf den ersten Blick als eine gewisse Desavouierung Ihrer Person erscheinen könnte, war ich sofort entschlossen, Sie darüber zu informieren. Leider hat die voreilige Zeitungsnachricht nun meine Absicht vereitelt. Ich glaube, das dürfte Ihnen genügen?«

»Gewiß, Herr Geheimrat. Es genügt mir vollkommen. Obgleich ich – –«

»Ich weiß: Sie wollen zum Ausdruck bringen, daß, wenn zwar nicht Ihre Person, doch Ihr Verfahren dadurch beeinträchtigt würde. Dem ist nicht so. Sie arbeiten an Ihrer Elektrosynthese ruhig weiter, wenn auch mit verkleinertem Assistentenstab. Was nun das Moransche Verfahren betrifft, so liegt die Sache folgendermaßen: Wir produzieren, ebenso wie viele andere Werke, nun schon seit Jahren nach der Chemosynthese Kautschuk. Angesichts der ungenügenden Rentabiltät der bisherigen Methoden erschien es unbedingt geboten, die Moransche Erfindung, die einen bedeutenden Fortschritt verspricht, uns zu sichern. Dürften wir natürlich in absehbarer Zeit einen guten Enderfolg Ihrer Arbeiten erwarten, so hätten wir vermutlich von Morans Engagement absehen können. Aber Sie werden selbst eingestehen müssen, Herr Doktor, daß vom kaufmännischen Standpunkt aus unser Schritt durchaus verständlich ist. Sobald Ihre Elektrosynthese vollständig entwickelt ist, sind selbstverständlich alle chemosynthetischen Verfahren überholt.«

Fortuyn erhob sich. »Gewiß, Herr Geheimrat – ich gebe das zu. Es lag mir ja nur daran, die Klarheit zu bekommen, die Sie mir in so dankenswerter Weise gaben.«

In seinem Zimmer dann griff Fortuyn zum Telephon. Ein kurzer Gruß flog zur Villa Terlinden

*

Wittebold war nach dem Abendessen zu Schappmanns hinübergegangen. Die gute Luise saß neben dem Ofen in einem Korbstuhl, einen Strickstrumpf in den Händen. Aber die müden Finger wollten nicht recht. Immer wieder nickte sie ein, bis sie es schließlich satt bekam, die verlorenen Maschen aufzunehmen, und den grauen Kopf in das Kissen mit dem »Ruhe sanft!« zurücklehnte.

Wittebold hatte zur Feier seines Dienstantritts ein paar Flaschen Bier mitgebracht. Sie saßen, sprachen. Worüber? Über das Werk. Für Schappmann der einzige Gesprächsstoff.

»Was Sie mir da vorhin sagten, Kollege Wittebold, über einen neuen Herrn Moran aus Wien . . . ja, das ist doch 'ne merkwürdige Sache. Konkurrenz für Herrn Fortuyn oder Nachfolger? – Das is man so mit die Herren Gelehrten. Da hat einer so'n feines Ding gedreht – schon holen se'n her. Aber wie lange dauert die Herrlichkeit, da haben sie wieder 'nen Bessern gefunden. Wie viele Leiter von die Laboratorien hab' ich schon kommen und gehen sehn!«

»Wie lange ist denn Doktor Fortuyn hier?« fragte Wittebold.

»Das kann ich Ihnen ganz genau sagen. Er kam gerade am sechzigsten Geburtstag von meiner Luise – macht also drei Jahre und acht Monate. Sollte mir leid tun um Herrn Fortuyn, wenn er wegmüßte. War 'n kulanter Mann! Na – ich werd' nicht mehr die Ehre haben, unter dem Neuen zu dienen.«

Wittebold schaute nachdenklich dem blauen Rauch seiner Pfeife nach.

»Is auch Zeit, daß ich gehe!« fuhr Schappmann fort. »Den ganzen Tag auf die Beine – da wollen die alten Knochen nich mehr. Und wenn denn noch so'n Haufen Ärger dazwischenkommt, da freut man sich, daß jetzt alles ein Ende hat. Na, prost, Kollege Wittebold! Spülen wir den Kummer weg! Es hat mich lange genug gewurmt!«

»Na, was ist Ihnen denn für 'ne Laus über die Leber gelaufen?« fragte Wittebold.

Schappmann strich sich den Schaum aus dem Bart, prustete ein paarmal. »Ja, das war 'n regelrechter Krach, den ich hatte. Mit dem Herrn Hempel vom Tresor. Na, daß Sie's wissen: Das is der, der die ganzen Vorschriften für die medizinische Fabrikation in seinem Geldschrank hat. Der sagte mir doch heute glatt vor den Kopf, ich hätt' so'ne Vorschrift verloren, wo drin steht, wie man den ganzen Deubelskram macht. ›Analyse‹ sagen se auch manchmal. Und das wär' 'ne Bummelei von mir, und das könnt' schweren Skandal geben. Und wie Gott den Schaden besah, war alles nicht wahr. Ich hatte gar nichts verloren!«

»Analysen verlieren«, meinte Wittebold, »das wär' allerdings eine schlimme Sache. Solche Dinge werden doch gehütet wie Gold. Wie war denn das?«

»Das war so, Kollege: Der Herr Doktor Hempel gibt mir 'nen Haufen Papiere, die ich zu Doktor Stange bringen sollte, in die Aspirinabteilung. Ich steck' die in meine Mappe und geh' 'rüber. Leg' alles auf Herrn Stange seinen Schreibtisch und ziehe wieder los. Wie ich nach 'ner halben Stunde gerade bei Doktor Fortuyn bin, kommt einer jeloofen, ich soll mal gleich zu Herrn Hempel kommen. Na, wie ick da 'reinstiefle, krieg' ick doch 'nen Schreck: Fährt der auf mich los, ick hätt' 'ne Betriebsschrift verloren! Unter den Papieren für Doktor Stange wär' sie gewesen, und der hätte sie nich gekriegt. Na, ick blieb ganz ruhig. Machte meine Mappe uff. Die war leer. Sagte: ›Wat Se mir gegeben haben, hab' ick hier 'reingepackt und bei Herrn Doktor Stange auf den Tisch gelegt. Wenn der se nich gekriegt hat, denn is se eben nicht dabeigewesen.‹ – Er guckt mich 'nen Augenblick ganz dämlich an, geht dann an seinen Schrank und sucht. Fängt an zu jammern, er könnt' beschwören, daß er se mir gegeben hätte. Und wenn sie weg wäre, ginge es mir schlecht und ihm schlecht. Na, und wie er noch so mitten drin is, da klingelt's. Er nimmt's Telephon . . . Det hätten Se sehn sollen, det Jesicht! Eben noch wie'n Deibel, und uff eenmal roie'n süßer Engel. Nickt immer ins Telephon. Spricht: ›Jut, jut – Herr Doktor!‹ Und denn zu mir: ›Se is da! Herr Stange hat se! Und nehmen Se't nich übel, Schappmann!‹ Er fingerte so mit seiner Hand 'rum. Aber ich tat, als ob ich's nich sähe, und sagte bloß: ›Na – denn juten Morgen!‹«

»Ein Glück für Sie, daß die Sache so ablief Kollege Schappmann! Glaub' gern, daß er sonst mächtigen Skandal gemacht hätte. Na, prost!«

Schappmann hatte sich eine frische Pfeife gestopft. »War da noch so'ne Geschichte heute . . . Ging mich ja weiter nichts an, aber schön war's nich.«

»So? Na – erzählen Sie mal, Kollege!«

»Wie ick da durch die Unterführung zu Doktor Stange gehe, kommen mir zweie aus der Montageabteilung entgegen. Auf einmal – es war scheußlich anzusehen – knallt der eine auf den Asphalt hin, als ob ihn 'ne Granate umgeschmissen hätte. Zappelt mit den Armen und den Beinen, hat Schaum vorm Mund. Der andere hebt ihm den Kopf hoch, blökt mich an: ›'n Glas Wasser! Schnell – schnell!‹ Ich seh' mich um. Denke: Halt, auf dem Hof is ja der Brunnen! Sause los, mach' den Blechbecher voll und bring' den hin. Und nu preßt der eine Monteur dem Krampfbruder die Zähne auseinander und pumpt ihm den ganzen Becher 'rin. Na – der macht die Augen auf, und denn wurde er ruhiger. Und denn ging ich weiter.«

»Aber wieso? Ging denn das so leicht? Der Becher hängt doch an einer strammen Kette, damit die Lehrjungen keinen Unfug treiben.«

»Nee, Kollege, das ging gar nicht leicht. Mußte 'ne ganze Zeit würgen, eh ich das Ding los hatte.«

»Aber dabei hätte Ihnen am Ende doch was aus der Mappe rutschen können?«

»Nee!« sagte Schappmann, überlegen lächelnd. »Det hatt' ick schon vorher bedacht. Die Mappe nahm ick ja gar nich auf den Hof mit. Die hatt' ick bei die Monteure da an die Wand gestellt.«

Wittebold, der Schappmann stillvergnügt zugehört hatte, wurde plötzlich ernst. »Kannten Sie denn die Monteure?«

»Kann mich nicht erinnern. Die blauen Affen sehn ja einer aus wie der andre. Det heißt, der Krampfbruder, der hatte so 'nen schwarzen Spitzbart.«

Wittebold trank den letzten Rest seiner Bierflasche und wollte gehen.

»Na«, sagte Schappmann, »wenn Sie morgen mit auf die Kegelbahn kommen, denn werden Sie woll eenen ausgeben müssen. Vom Packer bis zum Laboratoriumsdiener – det is en mächt'ger Sprung!«

»Wird gemacht, Kollege!«

Wittebold ging in sein Zimmer. Lange konnte er keinen Schlaf finden. Grübelte über Dinge, die ihn doch eigentlich nichts angingen. Denn was hatte sich ein Laboratoriumsdiener um den Verbleib einer Aspirinanalyse zu kümmern?

*

Am nächsten Mittag, kurz vor Beginn der Nachmittagsschicht, ging Wittebold in die Packerei, wo er bis vorgestern gearbeitet hatte, und suchte seinen früheren Kollegen Embacher auf. Nach Beendigung der deutschen Rennsaison fanden sich in Rieba noch genug unverbesserliche Wettratten, die ihr Geld in Auslandswetten weiter riskierten. Als Mittelsmann diente Embacher. Doch Wittebold hegte einen sonderbaren Verdacht, um deswillen ihn seine Kollegen wohl ausgelacht hätten. Er war überzeugt, daß Embacher die Wetten manchmal selber verrechnete; denn er hatte schon ein paarmal Gewinne ausgezahlt, die auf postalischem Wege so schnell gar nicht von Paris nach Rieba gelangt sein konnten.

»Schnell, Embacher! Haben Sie Ihre Aufträge abgeschlossen? Ist der Brief nach Paris schon weg?«

»Noch nicht. Was wollen Sie denn wetten?«

»Fünf Mark auf ›Le Prince‹. Wie ich hörte, soll der jetzt endlich kommen!«

Embacher nickte, griff in die Tasche und holte einen Brief heraus. Aus dem schon fertig adressierten Umschlag zog er einen Bogen, auf dem eine Reihe von Wettaufträgen verzeichnet war. Schrieb die neue Wette unten an.

Wittebold deutete auf die Fabrikuhr. »Ist aber höchste Zeit, daß er wegkommt! Soll ich ihn gleich mitnehmen?«

Embacher klebte den Brief zu und gab ihn Wittebold. »Ja. Stecken Sie ihn in den Kasten!« Und beim Weggehen rief er ihm noch nach: »Heut abend! Alle neune! Nicht vergessen!«

Wittebold begab sich zum Hauptgebäude, wo ein Briefkasten hing, und machte sich an der Einwurfsöffnung zu schaffen. Ging dann weiter in seinen Dienst. –

Am selben Abend machten sich Schappmann und Wittebold schon ziemlich früh auf den Weg nach ihrem Stammlokal bei Max Nestler. Als sie eintraten, saß dort bereits Embacher mit einem Fremden zusammen. Der erhob sich beim Erscheinen der zwei und verschwand.

Wittebold und Schappmann setzten sich an Embachers Tisch. »Ein bißchen früh heut abend«, sagte der. »Vor 'ner halben Stunde wird's wohl nicht losgehn. Eh se alle zusammen sind . . .«

»Spielen wir 'nen kleinen Skat!« schlug Schappmann vor. »Max, bring mal die Karten!« Er nahm das Spiel und begann zu mischen. »Embacher schreibt – das hat er 'raus!«

Der Packer griff in die Brusttasche, zog allerhand Papiere heraus und suchte nach einem brauchbaren Blatt.

Schappmann legte ihm den Haufen zum Abheben hin. »Du hast da so'n schönes, großes Kuvert! Nimm doch das! So lange spielen wir ja doch nich!«

Embacher nahm den Inhalt aus dem Kuvert und schob ihn mit den anderen Papieren wieder in die Tasche. Wittebold, der gegenübersaß, hatte das Gesicht scheinbar zu Schappmann gewendet, hielt aber den Blick scharf auf Embachers Hände gerichtet. So sah er, wie der Inhalt des Kuverts, den Embacher schnell wegsteckte, wieder ein Umschlag war, auf dem eine französische Briefmarke klebte.

Allmählich kamen die anderen Kegelbrüder. Embacher rechnete aus: »Wittebold hat dreißig Pfennig verloren!« Und riß das Kuvert, worauf er geschrieben, in Stücke, die er unter den Tisch warf.

Während sich alle auf der Kegelbahn versammelten, ging Wittebold noch einmal zurück. Sagte zum Wirt: »Hab' meinen Bleistift vorhin verloren!« Er beugte sich unter den Tisch und nahm unbemerkt die Teile des zerrissenen Umschlags auf. Schlenderte dann wieder nach hinten.

Von kräftigen Fäusten gesetzt, donnerten die Kugeln über die Bahn. Das Beförderungsfäßchen von Wittebold trug nicht wenig zur Hebung der Stimmung bei. Embacher war, wie immer, der Matador. Keiner schob so viele Neunen wie er. Um sich's bequemer zu machen, legte er jetzt, wie die meisten seiner Kameraden auch, seinen Rock ab, hängte ihn an die Hinterwand des Zimmers und kegelte in Hemdsärmeln weiter. Wittebold folgte seinem Beispiel und hängte seinen Rock daneben.

Als Embacher mal hinausgegangen war, machte sich Wittebold an seinem Rock zu schaffen. Dabei glitten seine Finger verstohlen in die Nachbartasche. Bald hatten sie das Kuvert mit der französischen Marke erfaßt. Flink bugsierte Wittebold den fremden Brief in seine eigene Tasche, warf den Rock über und verließ ebenfalls den Raum.

Er schloß sich in der Toilette ein, öffnete den Brief und las den Inhalt, indem er gleichzeitig die Worte auf ein Stück Papier stenographierte. Dann eilte er zurück und hängte seinen Rock an die alte Stelle; der Brief wanderte wieder unbemerkt in Embachers Tasche. Wittebold trat gerade zurück, als Schappmann seinen Namen zum Kegeln aufrief.

Wittebold warf so ungeschickt, daß Schappmann, zu dessen Partei er gehörte, ihm einen grollenden Blick zuschleuderte. »Na – nu sind wir verratzt! Det hat uns gerade noch gefehlt: zwei Holz schmeißt der Mensch!«

Und noch öfter im Laufe des Abends mußte Schappmann seinem Mieter den Vorwurf machen, er kegle ja unter aller Sau . . .

Als sie beide dann zusammen nach Hause gingen, kamen sie am Werk vorbei. Schappmann deutete nach Fortuyns Zimmer. »Na – ist der aber fleißig heut abend! Hat ja noch Licht da oben. Will sich wohl jetzt doppelt auf die Hosen setzen? Von wegen die Konkurrenz?« –

Fortuyn war mit Fräulein Dr. Gerland beschäftigt, eine Reihe von Schriftstücken in einer großen Ledertasche zusammenzupacken. »So, das wäre wohl alles«, sagte er. »Diese Sachen da«, – er deutete auf einen Stoß, den Tilly vor sich hatte – »müssen leider hierbleiben, da sie im Labor doch hin und wieder verlangt werden könnten. Ich möchte es, wie gesagt, vorläufig vermeiden, von unsern verstärkten Hausarbeiten viel bekanntwerden zu lassen.«

»Wie steht es denn mit den bestellten Apparaten und Generatoren?« fragte Tilly.

»Zum Teil sind sie schon unterwegs; zum Teil kommen sie gegen Ende der Woche. Ich werde mich dann gleich an die Aufstellung machen, brauche dazu allerdings eine Hilfskraft.«

»Vielleicht frag' ich mal unsern Diener Wittebold. Als ordentlicher, fleißiger Mann wird der sich gern ein paar Groschen nebenbei verdienen.«

»Kein übler Gedanke, Tilly . . . Verzeihung –: Fräulein Gerland! Ich gerate in den Laboratoriumsjargon.«

Tilly wandte den Kopf zur Seite. Eine leichte Röte – Verlegenheit, Freude – huschte über ihr Antlitz. Dann sprudelte sie vergnügt los: »Ach, Herr Doktor, genieren Sie sich, bitte, nicht! Ich muß sagen, das ›Fräulein Doktor Gerland‹ kommt mir selber so fremd vor . . . Die Kollegen alle – –«

»Na, wenn Sie's gerne möchten –? ›Tilly‹ ist natürlich schneller gesagt. Ich mache also von Ihrer gütigen Erlaubnis Gebrauch und werde Sie auch so nennen, solange wir unter uns sind.«

Mit frohem Gesicht und glänzenden Augen nickte sie ihm zu. Fortuyns Blick ging noch mal in die Runde. »So hätten wir denn alles, was wir brauchen. Es trifft sich günstig, daß ich mit meinen rechnerischen Vorbereitungen in der Hauptsache fertig bin. Und auf die praktische Arbeit daheim, wo ich mich ganz ungestört mit den Versuchen beschäftigen kann, freu' ich mich jetzt schon. Das im Labor verarbeitete Material ist umfangreicher, als mancher glaubt. Ich habe mich bei meinen gelegentlichen Exposés an das Direktorium immer sehr zurückhaltend ausgedrückt, um keine vorzeitigen Hoffnungen zu erwecken. Als heute morgen Kampendonk andeutete, daß ein Abschluß meiner Forschungen wohl noch im weiten Felde stünde, lag es mir auf der Zunge, ihn eines Besseren zu belehren. Aber ich unterdrückte es, und das war gut. Jedenfalls darf ich auch künftig weiter auf Ihre mir wertvolle Hilfe rechnen, Tilly – nicht wahr? Schicken Sie mir, bitte, morgen mittag diese Sachen durch Wittebold in meine Wohnung! Gute Nacht – und herzlichen Dank!«

Als Tilly die Treppen zu ihrer Behausung hinaufstieg, sah sie in Schappmanns Zimmer noch Licht. Na – die Alten schlafen doch schon längst, dachte sie; wird also wohl ihr Mieter Wittebold sein . . .

Der hockte an einem Tisch, den Wettauftrag für Paris vor sich; und neben sich verschiedene Fläschchen und eine brennende Kerze.

»Geht nicht – geht alles nicht!« Er nahm wieder das kleine, starke Mikroskop zur Hand, hielt den Bogen prüfend darunter. »Der Teufel soll mich holen, wenn hier nicht noch ganz was anderes draufsteht als Wettaufträge!«

Er legte das Mikroskop zurück und überlegte. Sollte er die Chemikalien anwenden, um die vermutete, mit synthetischer Tinte geschriebene geheime Mitteilung sichtbar zu machen? Nur im äußersten Notfall durfte er es tun. Mußte doch das Papier dabei so angegriffen werden, daß es unmöglich wäre, den Brief nach Paris weiterzuschicken.

Hm – vielleicht ging es mit Schrägbeleuchtung? Er nahm seine Taschenlampe und fing an zu probieren. Holte schließlich auch noch eine Lupe zu Hilfe – und endlich war's geschafft! Mit Büchern und allem möglichen Schreibgerät befestigte er Lampe und Lupe so, daß er sich bequem vor das Papier setzen konnte. Immer deutlicher, je mehr sich sein Auge gewöhnte, wurden jetzt Schriftzeichen zwischen den Zeilen der Wettaufträge sichtbar. Doch der Sinn blieb ihm unklar; denn es war Chiffreschrift. Er mußte sich einstweilen damit begnügen, auf einem weißen Bogen die Geheimbuchstaben möglichst genau nachzumalen.

»Da gibt's noch 'ne harte Nuß zu knacken, eh in dies Kauderwelsch Sinn gebracht ist. Aber gelingen muß es!« Er steckte den Wettzettel in den Umschlag, verschloß ihn und trug ihn eilig zur Post.

*

Dolly Farley hatte den dringenden Wunsch, sich in ihrer neuen Pariser Robe Headstone zu zeigen. Als geeigneten Schauplatz dafür wählte sie den Fünfuhrtee eines vornehmen Hotelrestaurants, wo die letzte Kreation des Pariser Meisters auch noch andere Augen auf sich lenken mußte.

Kurz nach Dollys Anruf wurde Headstone von Brooker angeklingelt. Der brauchte ihn zu einer dringenden Unterredung und war recht ärgerlich, als Headstone ihm sagte: »Unmöglich, Brooker! Wenn ich heute Dolly sitzenließe, würde ich's erst in Wochen wiedergutmachen können. Sie verstehen mich?«

»Nun – dann komm' ich eben auch hin!« hatte Brooker geknurrt. »In den Kampfpausen werden wir unsre Sache wohl besprechen können.« –

Headstone war an diesem Abend in bester Stimmung. Er hätte gern dem französischen Meister seine Anerkennung ausgesprochen. Was aus Dolly zu machen war, hatte der fertiggebracht. Und das wollte etwas heißen! Der Mann mußte später sein Hoflieferant werden.

Seine Komplimente klangen daher heute so überzeugend, daß die zeitweise etwas mißtrauische Dolly ihnen glatt unterlag. Während er mit einem Geschick, um das ihn ein berufsmäßiger Eintänzer hätte beneiden können, ihre massige Gestalt durch die Tanzenden dirigierte, eroberte er eine Position nach der anderen bei ihr.

Schon wollte er zum letzten Sturm ansetzen, da begegnete er letztem Widerstand. Der kaufmännische Geist ihres Vaters mußte wohl aus ihr sprechen, als sie ihm in kühlem Geschäftston sagte, es sei üblich, in gewissen Zeitabständen, besonders vor wichtigen neuen Unternehmungen, die Bilanz zu ziehen, einen Strich zu machen.

Er hatte sich schnell gefaßt, meinte lächelnd: »Selbstverständlich, teure Dolly! Sollte ein Konto noch nicht ganz abgebucht sein, so werde ich den kleinen Rest alsbald in Ordnung bringen.«

Zum nächsten Tanz befahl Dolly sich einen Eintänzer. Brooker nutzte die Gelegenheit, um Headstone beiseitezuziehen. »Halten Sie die Wiener Sache jetzt für sicher?« raunte er hastig.

Headstone zuckte die Achseln. »Der Anfang ist vielversprechend. Was draus wird – wer weiß? Jedenfalls werde ich trotzdem noch andere Wege im Auge behalten.«

Das Gespräch wandte sich dann anderen Fragen zu. Headstone warf hin und wieder einen Blick nach Dolly, um bereit zu sein, wenn sie nach ihm Ausschau hielt. Doch sie tanzte immer noch mit ihrem Eintänzer. Er war ja auch ein hübscher junger Mann mit den Allüren eines Prinzen von Geblüt.

Als sie endlich müde war, wünschte sie, von Headstone nach Hause gebracht zu werden. Im Wagen versuchte er noch einige kleine Angriffe, doch vergeblich. Dollys Gedanken schienen noch beim Tanztee zu weilen.

Buchen wir also das letzte Konto ab! sagte sich Headstone, als er allein weiterfuhr. In Gedanken sah er Juliette vor sich. Gewiß: ihr Verhältnis zueinander war im Lauf der letzten Zeit lockerer geworden. Aber der Entschluß, ganz mit ihr zu brechen, ward ihm nicht leicht. Wie oft war er, wenn geschäftlicher Ärger ihn drückte, zu ihr geeilt! Und ihre muntere Laune half ihm über manche graue Stunde hinweg.

Gewohnt, alles in Zahlen auszudrücken, überschlug er, welche Mittel nötig wären, um Juliettes Zukunft sicherzustellen. Machte einen Kalkül nach dem andern. Begann mit sich selbst zu handeln. Legte zu, zog wieder ab, nannte sich schließlich eine Summe, die ihm durchaus fair vorkam.

Nun blieb noch die Frage: Wohin mit ihr? Aus New York jedenfalls mußte sie fort. Andere Städtenamen schwirrten ihm durch den Kopf. Das Ausland . . . Deutschland? Ja – Deutschland natürlich, ihre Heimat! Das heißt, wenn sie wollte. Zwingen konnte er sie natürlich nicht.

Und es war auch billiger. Was würde sie aber dort anfangen? »Ah!« raunte er plötzlich. Ein neuer Einfall – seine Stirn krauste sich. Ja, wenn das gelänge: zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, und in der Hauptsache auf Kosten der United Chemical . . .

Der Gedanke, daß dies die beste Lösung sei, beherrschte ihn so völlig, daß er nicht an die Schwierigkeiten der Durchführung dachte, als er die Treppe zu Juliettes Wohnung emporstieg.

Es war ein guter Tag heute für Headstone. Zunächst zwar nahm die Szene die erwartete tragische Wendung. Juliette vergoß viele Tränen, als er von Scheiden und Meiden sprach. Doch überließ sie sich willig den Liebkosungen, mit denen er sie zu trösten versuchte.

Auch der zweite Teil seines Schlachtplans traf anfänglich auf starken Widerstand. Doch auch der erlahmte, als Headstone in blendenden Farben ausmalte, welch angenehmes und abwechslungsreiches Leben ihrer harrte: unbeschränkte Mittel zu ihrer Verfügung . . . Berlin, Paris, London – häufige Reisen – beste Hotels . . .

In Juliettes Gedanken schlichen sich Bilder, Träume ein, die schon ziemlich feste Gestalt gewonnen, als sie endlich mit einem gutgespielten Seufzer Headstones Wünschen nachgab.

*

Jener Berliner Zeitungsartikel über die Berufung Dr. Morans nach Rieba hatte den Streit zwischen dem mit dem Namen Fortuyn verbundenen Elektroverfahren und der älteren, rein chemischen Kautschuksynthese wiederaufleben lassen. Der lauteste Rufer im Kampf für Fortuyn war Professor Bauer in Aachen, während der alte Kämpe Professor Janzen in Berlin die chemische Synthese und speziell das neue Moran-Verfahren vertrat. Nicht allein daß er dabei beharrte, das Fortuynsche Verfahren sei noch nicht einmal theoretisch fundiert, eröffnete er dem Moranschen Verfahren die glänzendsten Aussichten. Er legte sich zwar nicht darauf fest, daß das Moransche Produkt dem Plantagenkautschuk überlegen sein würde, hielt dies aber bei weiterem Ausbau und der zu erwartenden Vervollkommnung für durchaus möglich.

Allmählich griff der Gelehrtenstreit auch auf das Ausland über; denn die Frage war ja wirtschaftlich von ungeheurer Bedeutung. Geringe Schwankungen der Kautschukbörse wurden teilweise mit den Entdeckungen Morans in Zusammenhang gebracht. Janzen hatte in Wien öfters Besprechungen mit ihm. Auch jetzt war er wieder dort und hatte, im Kaffeehaus, eine lange Unterredung hinter sich.

»Gewiß«, meinte Janzen, »diese Mitteilungen werden mir bei der Verteidigung Ihres Verfahrens sehr nützlich sein. Aber mir fehlen leider die Unterlagen, um Bauers Beweisführung für die Vorzüge der Fortuynschen Methode genügend zu entkräften.«

Moran überlegte eine Weile, sagte dann lachend: »Nun ja, von Fortuyn selber können Sie natürlich keine Informationen erwarten! Aber vielleicht haben Sie Freunde in Rieba, die Ihnen Material zur Verfügung stellen? Selbstverständlich in diskreten Grenzen?«

»Freunde in Rieba, Herr Doktor? Mehr, als Sie denken! Da fällt mir gleich einer ein, der mir sicher gern behilflich ist: Direktor Düsterloh, mit dem ich von meiner Riebaer Zeit her noch befreundet bin. An den werde ich schreiben. Er kommt nächste Woche sowieso nach Berlin zu einer Tagung der Chemisch-Technischen Gesellschaft. Dann kann er mir das Geeignete gleich mitbringen.«

»Nun, verehrtester Professor, dann darf man wohl schon im voraus gratulieren!«

Hochbefriedigt stieg Janzen in seinen Berliner Zug. –

Am Nachbartisch im Café war schon seit Stunden ein lebhaftes Tarock im Gange. Bald, nachdem Moran und Janzen gegangen waren, sagte einer der Teilnehmer, trotz des Widerspruchs der anderen, das letzte Spiel an.

Das war beendet, ausgerechnet, bezahlt. Der es so eilig hatte, stand auf, verabschiedete sich. »Ich muß heim. Keine Zeit mehr!«

Auf der Straße schlug er den Weg zum nächsten Postamt ein und schrieb dort ein Telegramm: »Morris Boffin, Berlin, Kurfürstendamm 77. – Direktor Düsterloh ankommt nächste Woche; bringt gewünschtes Material an Professor Janzen.«

Noch ehe Janzen die Lichter von Wien aus der Sicht verlor, erreichte das Telegramm des Tarockspielers jenen Boffin in Berlin. Und als Janzens Zug am nächsten Morgen in den Anhalter Bahnhof einrollte, verließ dessen Halle ein Postzug in der Richtung Rieba, der eine Kiste amerikanischer Zigaretten mit sich führte. Absender dieser Kiste war M. Boffin, Berlin; Adressat Herr Kantinier Richard Meyer, Rieba-Werke, Kantine 4.

Die Kiste wurde in Rieba von Franz Meyer, dem Bruder des Kantiniers, der dort als Büfettier tätig war, in Empfang genommen und ausgepackt. Unter den vielen Einzelpackungen erregte eine Schachtel sein besonderes Interesse, obwohl sie sich anscheinend von den anderen äußerlich in nichts unterschied. Franz Meyer steckte sie in die Tasche.

Während der Mittagspause öffnete er den Karton, nahm die oberste Lage Zigaretten heraus. Den darunter befindlichen Kontrollzettel hielt er gegen das Licht. Außer der, wie üblich, perforierten Kontrollnummer waren auch noch einzelne Buchstaben der gedruckten Firmenmitteilung mit Löchern versehen. In einer bestimmten Reihenfolge gelesen, ergaben diese Buchstaben folgenden Text: »Umgehend Nachricht, wann Direktor Düsterloh nach Berlin kommt.«

Der Büfettier zerriß den Zettel in kleine Stückchen und warf sie fort. Drei Tage später ging er in der Mittagspause zur Postanstalt und gab eine kurze Depesche auf: »D. kommt heute abend.«

Mit diesem D. war Düsterloh gemeint, der gerade aus seinem Büro trat, auch ein Telegramm in der Hand. Wittebold, der ihm zufällig in den Weg lief, erhielt den Auftrag, es sofort zum Postamt im Werk zu bringen. Düsterloh schlug den Weg zum Archiv ein.

Ehe man von Rieba aus mit Moran in Verbindung trat, hatte man von Fortuyn ein Exposé über seine Arbeiten eingefordert. War es Überlegung, war es ein instinktives Gefühl: Fortuyn hatte das Exposé natürlich gegeben, es jedoch peinlich vermieden, mit Zahlen und positiven Angaben über das unbedingt Notwendige hinauszugehen. Ein Exemplar dieses Exposés wollte Düsterloh für seinen Freund Janzen mitnehmen. Er konnte sich zwar einiger Bedenken nicht erwehren. Aber er durfte zu dem Professor das unbedingte Vertrauen haben, daß der keinen Mißbrauch damit trieb; außerdem hatte er mit Janzen verabredet, daß er ihm das Material persönlich bringen und es am nächsten Tage wieder abholen würde.

Bevor Düsterloh sich zum Bahnhof begab, fuhr er noch zur Villa Terlinden, um dort die Stunden bis zu seiner Abreise zu verbringen.

»Die gnädige Frau ist beim Herrn«, sagte ihm der Diener.

Düsterloh ging ins Krankenzimmer. Als naher Verwandter Clemens Terlindens wartete er eine Anmeldung nicht ab. Doch seine gewohnte Art, den Kranken mit polternden Scherzen aufzuheitern, fand heute wenig Anklang. Clemens lag apathisch, den Kopf zur Seite gedreht, in den Kissen. Kaum, daß er von Düsterloh Notiz nahm. Mehr denn je fiel die erschreckende Blässe seiner eingefallenen Wangen auf.

Düsterloh sah Johanna bedeutsam an. »Na, Kopf hoch, Clemens! Muß leider heut noch nach Berlin. Wenn ich wiederkomme, treff' ich dich sicher wieder wohl.«

Sie gingen ins Herrenzimmer. »War der Arzt heute hier, Johanna?«

»Ja. Er äußerte sich unbestimmt, wollte sich nicht festlegen.«

»Nun, das klingt wenig vertrauenerweckend.« Düsterloh führte Johanna zu einem Stuhl, setzte sich neben sie. »Ohne dir weh tun zu wollen, Johanna: Du mußt dich mit dem Gedanken vertraut machen, daß Clemens' Tage gezählt sind und du dann allein bist.«

Er neigte sich zu ihr, suchte ihren Blick festzuhalten. Johanna sah zur Seite. »Ich fürchte, du hast recht, Onkel Franz«, sagte sie mit ruhiger Stimme. »Der Gedanke ist mir leider nicht mehr fremd. Aber trotzdem: Sollte es zum Schlimmsten kommen, es würde mich tief erschüttern.«

»Tröste dich, Johanna! Ihm wäre ja nur wohl. Was war das für ein Leben für ihn – und für dich? Nimm mir's nicht übel, wenn ich offen zu dir spreche! Man wird allgemein Clemens' Tod ohne großes Bedauern hinnehmen. Schon längst hat sich die Teilnahme ganz dir zugewandt. Und du kannst gewiß sein, daß niemand mehr an deinem traurigen Geschick teilnimmt als ich.« Er ergriff ihre Hand, drückte sie. »Und, Johanna, wenn meine Gefühle für dich dabei immer wärmer geworden sind, so verzeih mir das! Laß mich dir versichern, daß du keinen treueren Freund hast als mich – daß du stets auf mich zählen darfst!«

Er beugte sich zu ihr, um ihr Gesicht zu sehen. Da erhob sie sich unwillig. »Laß mich, Onkel Franz! Ich bin die letzten Tage kaum aus dem Krankenzimmer herausgekommen. Das greift die Nerven an.« Sie wandte sich zur Tür.

Düsterloh mochte sich wohl sagen, daß er keinen Schritt weiter gehen dürfe, ohne alles zu gefährden. Schnell war er neben ihr, klopfte ihr beruhigend auf die Schultern. »Verzeih mir, liebe Johanna! Ich kann deine Stimmung verstehen. Du solltest dich mehr schonen! Wenn es bis morgen nicht besser wird, sorge ich dafür, daß eine Krankenschwester herkommt. Das kann ich nicht länger mitansehen, wie du dich hier aufreibst!«

Sie waren inzwischen auf den Korridor getreten. Johanna vermied es, das Licht anzuzünden. Ohne den Druck seiner Hand zu erwidern, wandte sie sich mit leisem Gruß zurück.

*

Am Hause Kurfürstendamm 77 in Berlin ein Schildchen: »Morris Boffin, Universal Provider, II. Etage.«

In der Tat: es gab nichts, dessen An- und Verkauf Mister Boffin zu vermitteln nicht bereit war. In einem wechselvollen Leben hatte er alle Branchen des Kaufmanns durchgemacht und sich diejenige Universalität erworben, mit der er da auf seinem Schild prangte. Das kleine, quecksilbrige Männchen war ein Katalog für alle Waren der Welt, und sein Geschäft mußte nicht schlecht gehen. Wohl ein Dutzend Angestellter arbeitete in den Büroräumen des Hintergebäudes.

Wer nicht unmittelbar mit ihm zu tun hatte, hätte niemals hinter seinem unscheinbaren Äußeren den gerissenen Geschäftsmann vermutet, der in ihm steckte. Wenn er trotz aller Geschicklichkeit in seinem Leben wohl schon hundertmal Fiasko gemacht hatte, so hatte das nicht an ihm gelegen, sondern an der ungeschickten Gesetzgebung seines amerikanischen Vaterlandes. Jetzt war seine Position fester. Eine mächtige Hand, von drüben her über den Ozean gestreckt, zügelte etwaige allzu bewegte Eskapaden.

In einem wohlausgestatteten Privatkontor des Vorderhauses stand Boffin am Hörer. Der Ausdruck seiner Züge wechselte kaleidoskopartig. Seine Sekretärin, Fräulein Collins, brach schließlich in ein helles Gelächter aus, das keinen übermäßigen Respekt vor dem Chef verriet. Und allerdings: dies Gesicht, der kleine Kopf mit der dicken Nase, dem schwarzen Schopf, den großen Ohren und dem goldenen Kneifer, der nie fest saß, boten einen so komischen Anblick, daß es schwer war, ernst zu bleiben.

Da legte er den Hörer hin. »Das hat gerade noch gefehlt!« Ein Schwall amerikanischer Flüche, die Boffin aus langjähriger Gewohnheit den deutschen vorzog, prasselte auf Fräulein Collins' Haupt hernieder.

Die sah ihn freundlich fragend an. Als die Flut abgeebbt war, sagte sie lächelnd: »Das war wieder mal sehr schön! Aber nun los! Was gibt's denn eigentlich?«

»Was es gibt? Dieser Lorrison muß ausgerechnet gestern abend mit seinem Auto in Hamburg einen Alleebaum rammen. Kann nicht kommen! Gesicht total zerschunden. Was weiß ich, was ihm sonst noch passiert ist . . .«

»Schade!« unterbrach ihn Fräulein Collins in bedauerndem Ton. »Lorrison war ein so hübscher Mensch – hatte ein interessantes Gesicht. Ich würde es sehr bedauern, wenn seine Schönheit Schaden gelitten hätte.«

Boffin warf ihr einen wütenden Blick zu. »Mag seine Fratze für immer zum Teufel sein! Woher aber krieg' ich Ersatz? Einen Mann wie ihn: gut bekannt mit diesem Direktor Düsterloh – – gewandt – nett – liebenswürdig . . .« Er flatterte wie ein angefahrenes Huhn aufgeregt durchs Zimmer. »Ich muß einen finden!« Er schlug sich mit den Fäusten vor den Kopf. »Muß!«

»Kann ich heute nachmittag einen kleinen Ausflug machen, Herr Boffin?« kam es mit gemachter Gleichgültigkeit von Fräulein Collins' Lippen.

Mit einem Ruck war Boffin stehengeblieben. Er wußte aus langjähriger Erfahrung, daß hinter solchen plötzlichen Urlaubsbitten etwas Besonderes steckte. »Ja, ja! Laufen Sie, wohin Sie wollen! Aber erst 'raus mit der Sprache! Sie wissen was! Kenne doch Ihre Tricks.«

»Gut, Herr Boffin! Ich werde also um zwölf das Büro verlassen – –«

»Collins! Mädel! Sie sollen sagen, was Sie wissen!«

»Im Frühjahr, Herr Boffin, war unser Herr Bosfeld aus Leipzig hier. Ich habe mit ihm soupiert. Er erzählte mir viel Nettes. Bosfeld ist Junggeselle und auch Jäger. Schade, daß Sie kein Jäger sind, Herr Boffin! Denn Bosfeld sagte, auf dem Umweg über die Jagd könne man Bekanntschaften machen, die sonst sehr schwer zu deichseln wären.«

Ein Tintenlöscher aus Boffins Hand flog dicht an Fräulein Collins vorbei. Sie erwies dem Wurfgeschoß eine graziöse Reverenz und sprach weiter: »Bosfeld hat es verstanden, auf solche Art mit Herrn Düsterloh bekannt zu werden; denn der ist ein großer Nimrod vor dem Herrn. Von der Jagd selbst hat er mir natürlich weniger erzählt. Viel mehr von den Jagdessen, die sich daran anschließen. Und das war sehr interessant. Da waren auch Damen bei und . . .« Fräulein Collins blickte, wie in Erinnerung versunken, nachdenklich vor sich hin.

Boffin war längst an den Apparat geeilt und meldete ein dringendes Ferngespräch nach Leipzig an . . .

Am nächsten Abend dann saß er mit Herrn Bosfeld in einem eleganten Restaurant des Kurfürstendamms.

»Ich kann Ihnen versichern, Herr Bosfeld – ich weiß, Sie sind ein Frauenverehrer –: es wird Ihnen nicht leid tun, die betreffende Dame kennenzulernen. An ihrer Seite werden Sie in den feinsten Gaststätten Berlins Furore machen.«

»Nun mal langsam, lieber Boffin! Nicht übertreiben! Auf jeden Fall bin ich neugierig, diese Göttin zu sehen. Wie war ihr Name?«

»Sie heißt – hm – Frau Alice Johnson . . . beziehungsweise: unter diesem Namen werden Sie sie Düsterloh vorstellen. Sie ist Witwe eines englischen Majors, der – hm! – im Burenkrieg fiel.«

»Dann dürfte sie einige fünfzig Jahre alt sein – stark passée.«

»Pardon – ich versprach mich –: im Weltkrieg fiel.«

»Nun, das läßt sich hören. Da könnte man sich ja amüsieren.«

»Um Gottes willen! Amüsement Ihrerseits?! Gänzlich ausgeschlossen! Tabu! Vollkommen tabu!« Boffin bekreuzigte sich fast. »Ich verlange von Ihnen unbedingt das Benehmen eines Kavaliers.« In Boffins Ohren klangen die Worte Headstones: ›Ich ersuche, Frau Juliette Hartlaub mit größter Delikatesse zu begegnen, und werde jeden Verstoß unnachsichtlich ahnden.‹

In diesem Augenblick ging die Tür. Eine junge Dame in elegantestem Abendkleid, einen schweren Pelzmantel um die Schulter, trat ein, sah sich suchend um.

Schon war Boffin ihr entgegengeeilt. »Ah, gnädige Frau!« Er küßte ihr die Hand, nahm ihr den Pelz ab, begleitete sie, unaufhörlich dienernd, zu seinem Tisch.

Es wurde ein vergnügter Abend. Alice Johnsons Fröhlichkeit steckte bisweilen die ganze Nachbarschaft an. Und Bosfeld ließ alle Register seines Humors spielen. Eine Schnurre folgte der anderen. Boffin prustete vor Lachen. Tränen rollten über seine ausgedörrten Backen; seine dicke Nase wackelte mit den Ohren um die Wette. Der bedauernswerte Kneifer wurde nur aufgesetzt, um sofort wieder herunterzufallen.

Als Juliette dann in ihrem Hotel angekommen war, legte sie sich befriedigt in die Kissen. Ihre Bedenken vor dem nächsten Abend, an dem ihr Debüt stattfinden sollte, waren geschwunden.

*


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