Paula Dehmel
Das liebe Nest
Paula Dehmel

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Mutter Hule

(nach einer alten Volksdichtung)

          Die alte Mutter Hule
kann reisen ohne Geld:
sie setzt sich auf den Gänserich
und reitet durch die Welt.

Die alte Mutter Hule,
die hat im Wald ein Haus;
der Uhu sitzt als Wächter davor,
läßt niemand 'rein und 'raus.

Frau Hulens Sohn heißt Michel,
der ist nicht grad, nicht krumm;
am Sonntag ist er manchmal klug
und Montags manchmal dumm.

Sie schickte ihn zum Markte,
da kauft er sich 'ne Gans;
die flatterte und schnatterte
und wippte mit dem Schwanz.

Frau Hule holt den Ganter;
wie liebten sie sich gleich!
Sie fraßen zusammen aus einem Napf
und schwammen in einem Teich.

Des Morgens in der Frühe
fand Michel ein großes Ei;
das hatte die liebe Gans gelegt,
der Gänserich stand dabei.

Der Michel lief zur Hule:
guck, was ich dir gebracht,
ein goldnes Ei. Die Hule sagt:
das hast du brav gemacht.

Der Michel trug's zu Markte,
drei Dukaten wollt er haben;
der Jud wollt bloß die Hälfte geben,
da schmiß er ihn in'n Graben.

Er ging am Schloß vorüber,
da stand ein Fräulein lilienschön;
dem Michel schwoll das Herze,
er blieb ein bißchen bei ihr stehn.

Der Jude und ein Ritter
fielen über Michel her
von vorne und von hinten,
da schrie der Michel sehr.

Die alte Mutter Hule
flog über Prag und Wien,
verwandelt ihren Michel
schnell in einen Harlekin.

Und auch das Fräulein rührte
sie mit ihrem Flederwisch,
da stand ein Kolombinchen
da mit Backen rot und frisch.

Wo blieb das goldne Ei, huchjee?
Das rollte weit ins Meer.
Der Michel zog die Stiefel aus
und sockte hinterher.

Die alte Mutter Hule
sattelt hui die große Gans
und flog damit zum roten Mond,
denn da war Fastnachtstanz.


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