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Der Fingerzeig

Eine Geschichte aus Englisch-Indien

Früher war der Binnenstandort Herda bekannt wegen seiner Choleraepidemieen, die Garnison und Eingeborenenviertel gleich heftig heimsuchten (die Größe des Kirchhofs stand außer jedem Verhältnis zu der des Ortes) – neuerdings jedoch gründet sein Ruf sich auf die gute Gelegenheit zur Tiger- und Schwarzwildjagd. Ausgedehnte Wälder umsäumen den Horizont, der Fluß wimmelt von Fischen, und der Ruhm des Herdaer Jagdklubs ist bis nach Bombay gedrungen.

Das kleine Gemeinwesen begann sich bereits zu fühlen, als es einen weiteren Zuwachs an Bedeutsamkeit erhielt: es wurde der Wohnsitz von einem der hübschesten Mädchen in den C. P., eine beliebte Bezeichnung für die Zentralprovinzen.

Fräulein Milly Maxwell, eine Tochter des Garnisonältesten, war vor sechs Monaten aus England angekommen, in dem landesüblichen Gefährt, einem Ochsenwagen, abgeholt und von ihrer Stiefmutter herzlich bewillkommt worden – ließ doch die anziehende Erscheinung des jungen Gastes auf baldige Entführung hoffen. Am nächsten Tage wurde die Neuangekommene feierlich im Klub vorgestellt, angetan mit ihrem schönsten Gefieder – Hut und Boa – und einem schmucken Gewande. Sie machte einen günstigen Eindruck auf die versammelte Damenwelt, die ihr Gesicht für »nicht übel« und ihr Kleid für »stilvoll« erklärte. Was die Herren anbelangt, so ließen mehrere Whist, Pikett und Billard im Stich und drängten sich ins Lesezimmer, um den »neuen Käfer« in Augenschein zu nehmen – und wer sah, war verloren. Das klingt vielleicht ein wenig übertrieben; aber es ist Tatsache, daß dreißig Prozent aller Junggesellen von Herda sich in Fräulein Maxwell verliebten.

»Die Schönheit von Herda«, wie sie bald auswärts genannt wurde, war schlank und mittelgroß, sie hatte braunes Haar, sanfte dunkle Augen und einen Teint wie wilde Rosen; entzückende Grübchen spielten um ihre ein wenig herabgezogenen Mundwinkel. Ja, es war der Mühe wert, Milly Maxwell zum Lächeln zu bringen – und sie lächelte allen gleich freundlich zu; nie sparte sie ihr Lächeln für einen einzigen auf – die Menge war ungefährlich. In dieser Menge ihrer Verehrer traten drei besonders hervor.

Der erste an Umfang und Bedeutung war Doktor Gosse, der Zivilarzt, ein Witwer mit freundlichem Wesen, einer Baßstimme und vielen tausend Rupien. Seine Bewerbung wurde eifrig begünstigt von Frau Maxwell, Millys Stiefmutter; er speiste jeden Sonntag und bei allen festlichen Gelegenheiten in der Familie. Dann kam Rittmeister Hoggens, von den Belgaumer Reitern, ein schwerfälliger, gut aussehender junger Mann, der es jedem unter die Nase rieb, daß er bei den Plaidhusaren gestanden hatte und nur zur Kolonialarmee übergetreten war, weil ihm der Dienst zu streng war. Er hatte die öffentliche Meinung für sich. Der dritte war Müller, ein Forstmann und blonder Junggeselle von fünfunddreißig Jahren mit großen Ohren und merkwürdig plattem Kopf, aber sonst nicht häßlich. Ihm standen seine häufigen Jagdausflüge im Wege, dafür legte er aber auch seiner Angebeteten prächtige Tigerfelle und Pfauenfedern zu Füßen.

Müllers Bewerbung wurde kräftig unterstützt von Oberst Maxwell, einem hageren ältlichen Herrn mit einer Adlernase, der von echt indischer Jagdleidenschaft beseelt war. Jede Stunde, die er dem Dienst abzwacken konnte, verbrachte er auf Jagd in den angrenzenden Dschungeln.

Diese drei waren die Namhaftesten unter Millys Bewerbern – sie hatte noch andre, außen stehende, die der Erwähnung nicht wert sind – und ihnen wurde die Ermutigung der Eltern zu teil; aber was nützte das, so lange die junge Dame selbst sich beharrlich aus dem Spiel hielt. In entlegenen Standorten gewinnen kleine Angelegenheiten – gerade heraus gesagt, andrer Leute Angelegenheiten – unverhältnismäßige Bedeutung. Unter der buntscheckigen Gesellschaft des Herdaer Jagdklubs war nicht einer, der nicht wohlwollenden Anteil für das hübsche Fräulein Maxwell empfunden und neugierig gewesen wäre, wen sie schließlich erhören würde. Denn daß sie ihre Wahl bald treffen müsse, galt für ausgemacht. Sie hatte drei ungeduldige Stiefschwestern, die wie Bohnenstengel in die Höhe schossen, und es war nicht anzunehmen, daß die streitbare, eigenmächtige Frau Maxwell sie noch ein Jahr im Neste dulden würde.

Einstweilen entwickelte Fräulein Milly eine schöne Unparteilichkeit. Wenn sie abends mit Müller getanzt hatte, so ritt sie am Morgen mit Hoggens aus, und trank unter dem Schutz ihrer Mutter nachmittags Tee in des Doktors verlockendem Bungalow.

Wie die meisten hübschen Mädchen in Indien, lebte Fräulein Maxwell herrlich und in Freuden. Sie machte Pferderennen und Schnitzeljagden mit, sie tanzte, spielte Tennis, Croquet, Golf, hatte einen Schwarm von Verehrern, einige aufrichtige Freunde, und nicht einen Feind.

Der junge Leutnant Heriot, ein hübscher, stiller Mensch, war bis über die Ohren in Milly verliebt seit dem Tage, wo sie zum ersten Male das Lesezimmer betreten hatte und er, vom Field aufblickend, durch eine strahlende weiße Erscheinung mit einem malerischen schwarzen Hut geblendet worden war.

So löwenkühn er unter Männern war – tollkühn bisweilen – so schüchtern war er Frauen gegenüber (er hatte nie eine Schwester gehabt). Er wagte daher nicht, seine Liebe auch nur durchblicken zu lassen. In den Augen von Frau Maxwell, die genau über sein Einkommen und seine Aussichten unterrichtet war, kam er überhaupt nicht in Betracht. Nie wurde er zum Mittagessen oder zu erlesenen kleinen Croquetpartieen und romantischen Mondscheinausflügen eingeladen. O nein – nie!

Dennoch glückte es ihm bisweilen, einen oder selbst mehrere Walzer von dem schönen Mädchen zu erlangen, denn er tanzte vorzüglich, während Müller wie ein Bär stampfte.

Er ritt an ihrer Seite bei der Schnitzeljagd – wenn er nicht Fuchs war – und bot alle seine Taktik auf, um in der Kirche einen Platz ihr gegenüber zu erobern, woselbst er dann das Kommando »Augen gradeaus« verkörperte.

Herr Gray von der Salzsteuerabteilung und Major Cramer von den Roostern lehnten in Faulenzern vor dem Klub, eine zerflatterte Nummer des Pioneer zwischen sich. Sie hatten über die neue Grenzwache, den Kurs der Rupie und die Missetaten eines Rennpferdes gesprochen – Major Cramer war Sportsmann – und wandten sich nun näherliegenden Dingen zu.

»Sehen Sie nur Frau Maxwell und Müller an!« rief Major Cramer. »Ich glaube, sie haben jetzt eine Stunde dort auf dem Sofa zusammen getuschelt. Bemerken Sie, wie sie den Kopf wiegt und die Hände hebt? – Da ist was im Werke. Ich wette zehn gegen eins, sie leistet ihm Vorschub.«

»Sie würde jedem Vorschub leisten,« pflichtete Gray bei, »und ich begreife, daß sie bedacht ist ...«

»Fest entschlossen ist,« verbesserte der andre.

»Ganz recht – ihre hübsche Stieftochter zu verheiraten, bevor ihre eigenen häßlichen Küken flügge werden.«

»Nun, ich hoffe nur, daß sie sie nicht an Müller verheiratet. – Sein Gesicht erinnert mich an einen Tiger, und er ist wohl ein ausgezeichneter Kundschafter, aber grausam gegen Tiere und Untergebene.«

»Er ist nicht schlimmer als Hoggens, der seine Leute schindet,« erklärte Gray.

»Nein, aber was meinen Sie zu Gosse? – Der ist sanft wie ein Lamm und reich wie Krösus.«

»Und hat ein Gesicht wie eine Kartoffel, und ist so alt wie ihr Vater.«

»Sie sind, bei Gott, ebenso schwer zufriedenzustellen wie das Mädchen selbst.«

»Das bin ich – ich mag sie gern, und könnte einem Verehrer von ihr einen guten Wink geben, wenn ich wollte, so gut, daß er das Rennen gewänne.«

Heriot, der über ihnen auf der Veranda gestanden und diese kühne Behauptung aufgefangen hatte, schwang sich plötzlich hinunter.

»Ich nehme Sie beim Wort, Major! Geben Sie Ihren Wink gütigst mir!«

Major Cramer war so erstaunt, daß er seine kurzen Säbelbeine niederließ und sich aufrichtete.

»Ihnen, Sie Gelbschnabel!« rief er aus, ihn mit den Blicken messend, »Sie laufen das Rennen ja gar nicht mit.«

»Da geht Ashton, und ich muß zum Whist,« sagte Gray aufstehend. »Kommen Sie, Heriot, nehmen Sie meinen Platz – und den Wink.«

»Ich weiß wohl, daß ich das Rennen nicht mitlaufe,« sagte Heriot, den leeren Sitz einnehmend, »aber ich möchte es für mein Leben gern.«

»Ich wußte nicht, daß Sie überhaupt zum Felde gehörten. – Haben Sie etwa die Stirn, zu glauben, daß eines der hübschesten Mädchen in Indien, mit vierhundert Pfund jährlich, nach Ihnen fragen könnte? – Sie sind ja erst Leutnant.«

»Wohl wahr; aber wenn ich leben bleibe, kann ich Hauptmann werden.«

»Sie haben sich zurückgehalten.«

»Was blieb mir anders übrig? Ich bin kein Damenheld.«

»Haben Sie je mit Fräulein Maxwell gesprochen?«

»Natürlich! – auf Schnitzeljagden, und beim Polo – und – und ...«

»Aber nie Gelegenheit gehabt?«

»Nein, keine halbe.«

»Hm! – Heriot, Sie sind ein guter Junge.«

»Junge!« rief er entrüstet. »Ich bin Siebenundzwanzig.«

»Ich wollte, ich wäre Siebenundzwanzig, wöge hundertvierzig Pfund – und wäre verliebt –«

»Das wünschte ich Ihnen auch. – Aber nun der Wink?«

»Gut, Sie sollen ihn haben, mein Sohn, und wohl bekomm' er Ihnen. – Sie wissen vielleicht, daß Fräulein Maxwells einziger Bruder vor zwei Jahren hier im Dschungel verschwunden ist, und daß man seitdem nie wieder etwas von ihm gehört hat.«

»Ja, ich entsinne mich, daß davon die Rede war.«

»Es war ein schrecklicher Schlag für sie und auch für den Oberst, aber er kam darüber hinweg, als er dem Raipore-Tiger nachstellte. Milly und dieser Bruder waren zusammen bei ihrer Großmutter aufgewachsen. Maxwell hatte sich ein Jahr nach dem Tode der ersten Frau hier unten wieder verheiratet und kannte seine ältesten Kinder so gut wie gar nicht.«

»Das kann ich mir denken. – Aber der wertvolle Wink?«

Der Major hob abwehrend die Hand. »Wenn Sie mich drängen, sag' ich kein Wort weiter. – Milly Maxwell ist nicht hergekommen, um ›versorgt‹ zu werden, wie man zu sagen pflegt, auch nicht, um ihren Vater und ihre liebevolle Stiefmutter zu besuchen. Ich glaube – mehr noch, ich weiß – daß sie nur nach dem Osten gekommen ist, um nach Spuren von ihrem verschwundenen Bruder zu suchen und Gewißheit über dessen Schicksal zu erlangen. Wer ihr solche Kunde bringt, gewinnt einen weiten Vorsprung vor allen andern. – Sehen Sie das ein?«

»Ich sehe es ein,« stimmte Heriot zu. »Ich sehe auch, daß Müller das Rennen gewinnen wird – niemand anders ist in der Bahn. Seine Aussichten sind so günstig als möglich. Er streift ja beständig in den Wäldern und Dschungeln herum, kennt alles Getier und weiß Fährten zu verfolgen wie ein Gonde – und das ganze Forstpersonal steht ihm zu Befehl. Auch spricht er die Gondensprache wie ein Eingeborener. Nein, ich habe keine Aussichten – mit Müller kann ich's nicht aufnehmen.«

»Soviel ich gehört habe, war der junge Maxwell mit Jagdgefährten im Gonarer Dschungel, und sie verloren ihn bei Dunkelwerden aus den Augen und sahen nie wieder etwas von ihm – nicht die geringste Spur. – Seine Schwester betrauert ihn leidenschaftlich und soll erklärt haben, sie wolle nicht eher ruhen, als bis sie sein Grab gefunden habe.«

»Ich fürchte, daß ich ihr dabei nicht viel werde nützen können,« sagte Heriot trübe, »ich bin kein Kundschafter und kann nicht nach Belieben kommen und gehen, wie Müller.«

»Nicht immer gewinnt der Stärkste,« tröstete der andere, »und bis jetzt hat Müller keinen Gebrauch von seinen vorzüglichen Gelegenheiten gemacht. Vielleicht kommt es wie mit dem Hasen und der Schildkröte. Lassen Sie sich zehn Tage Urlaub geben, nehmen Sie den Kundschafter Michael mit, und kehren Sie siegreich heim. Bedenken Sie jeden Augenblick, daß es sich nicht um Keiler handelt, sondern um die Gebeine eines Toten und eines Mädchens ewige – Dankbarkeit.«

»Besten Dank, Herr Major. Ich will Ihren Rat sogleich befolgen und morgen früh um Urlaub einkommen. – Und nicht wahr, die Sache bleibt unter uns?«

»Selbstverständlich,« versicherte der andre. »Ich wünsche Ihnen viel Glück.«

Aber Major Cramers gute Wünsche erwiesen sich leider als eitel. Heriot konnte nicht entbehrt werden – der Batterie fehlte ein Offizier, die Besichtigung stand bevor – und Müller unternahm mittlerweile einen längeren Streifzug nach dem Gonarer Bezirk.

Das Mißgeschick heftete sich noch weiter an Heriots Fersen; er stürzte auf der harten Chaussee von einer störrischen Remonte und brach das Schlüsselbein und den linken Arm. Wochenlang war er an seinen Bungalow gefesselt, und erhielt dann einen Erholungsurlaub nach Leoni, einem kleinen Standort in den Bergen, hundert Meilen nördlich von Herda. Am Abend vor seiner Abreise erlaubte der Arzt, daß er nach dem Poloplatz fuhr, wo der blasse, invalide junge Artillerist viele Augen auf sich zog, darunter auch die Fräulein Maxwells.

»Ich hoffe, es geht Ihnen besser?« sagte sie, zu ihm heranreitend, und sah ihn mit offenem Blick und teilnehmendem Lächeln an. »Es kommt mir ganz merkwürdig vor, daß Sie uns nicht den Rücken decken.«

»Statt dessen hab' ich selbst auf dem Rücken gelegen,« versetzte er, »und das auf der harten Chaussee. Aber nun bin ich wieder ganz gesund – wenn der Doktor es nur einsehen wollte!«

»Ich bin überzeugt, daß er recht hat. – Also Sie gehen nach Leoni – wenn ich doch auch hinkönnte!«

»Das wünsche ich gleichfalls innigst!« pflichtete er bei.

Fräulein Milly wurde purpurrot bei dieser unerwarteten Beteuerung.

»Der Ort ist entzückend,« stammelte sie, »eine kühle Oase über der glühenden Ebene, eine Insel über einem Meere von Wäldern.«

»Sie sollten wirklich hinkommen. – Kann ich nicht Ochsenpost für Sie bestellen?«

»Aber ich reise ja gar nicht hin – mir ist es nicht verordnet.«

»Vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen stets zu Befehl stehe, wenn Sie sich noch anders besinnen sollten.«

»Zu Befehl?« wiederholte sie. »Meine Befehle sind leider sehr schwer zu erfüllen – mir scheint, sie werden überhaupt nie ausgeführt werden.«

»Weshalb nicht? Vielleicht habe ich das Glück, Ihre Wünsche zu erfüllen – wenn Sie mir nur sagen wollten, worin sie bestehen?«

»Ich habe nur einen Wunsch: Nachricht von meinem Bruder Alex.« Ihr Gesicht wurde bleich und herb. »Scheint es nicht unglaublich, daß er innerhalb fünf Meilen von Herda verschwunden ist und spurlos verschwunden blieb, obgleich umfassende Nachforschungen angestellt und hohe Belohnungen für die Eingeborenen ausgesetzt worden sind? Herr Müller tut natürlich sein möglichstes.«

»Sehr begreiflich!« sagte er kurz.

»O, wenn ich nur einen kleinen Fingerzeig hätte – eine Handhabe – so würde ich Ruhe finden. Jedesmal, wenn Herr Müller zurückkehrt, bin ich voll Hoffnung, und jedesmal werde ich enttäuscht – aber vielleicht gelingt es ihm doch noch.«

»Und wenn es ihm gelingt, so werden Sie ihn belohnen!«

»Das habe ich nicht gesagt,« stammelte sie bestürzt.

»Aber Sie haben es auch nicht bestritten,« beharrte er, durch ihr Erröten gereizt.

»Belohnt eine gute Tat sich nicht selbst?«

»Wie die Tugend!« ergänzte er.

»Glauben Sie etwa nicht daran?«

»Nein, so wenig als an Herrn Müllers Uneigennützigkeit.«

»Darf ich fragen, was Sie das angeht?« fragte sie trotzig.

»Sehr viel,« versetzte er keck.

Fräulein Maxwell riß ihren Pony zurück; ihre Augen senkten sich verlegen vor Heriots Augen. Er war ihr immer als ein netter, feiner, gutaussehender junger Mann erschienen, ein vorzüglicher Tänzer und Polospieler – aber so schüchtern!

Jetzt war nichts von Schüchternheit an ihm zu bemerken; seine Blicke redeten die Sprache der Liebe. Auch die Zunge war ihm gelöst.

»Es kommt vor, daß ein Preis auf den Kopf eines Mannes gesetzt wird – es gibt auch Preise für die Hand einer Frau. – Ich hasse Müller, ich möchte seinen Schädel auf einem Torzinken bleichen sehen.«

»Herr Heriot!« stieß Milly hervor, »was soll das heißen? – Sind Sie von Sinnen?«

»Vielleicht. – Verzeihen Sie mir, gnädiges Fräulein,« bat er reuevoll. »Der böse Sturz, der Stoß gegen meinen Schädel, hat mich ganz wirr im Kopfe gemacht. Und nun leben Sie wohl! – Verzeihen Sie mir, bitte, und wünschen Sie mir Glück auf den Weg.«

»Ich verzeihe Ihnen, und wünsche Ihnen Glück,« wiederholte sie gehorsam, dann wandte sie ihren Pony und sprengte davon.

*

Heriots Reise nach Leoni ging in der Byler Tonga vor sich, auf der großen Karawanenstraße, die ganz Indien durchschneidet. Einst war sie ein bevölkerter Weg. – Wie einsam jetzt! – Alle anderthalb Meilen standen frische Ochsen bereit oder sprangen vielmehr meist brüllend um ihren Eigentümer, und alle drei Meilen leuchtete ein schmucker weißer Stationsbungalow hinter Bambusstauden oder Zimtbäumen. Es war ein langsames Vorwärtskommen, und der zweite Abend fand Heriot nebst Treiber, Bettzeug und Gepäck noch unterwegs. Die Sonne ging wie ein Feuerball in Schwefelflammen unter, als die Ochsen dem Dassier Stationsbungalow zuwatschelten.

Während der Khansamah und der Treiber ernsthaft über den Küchenzettel berieten, unternahm Heriot, froh, seine Beine strecken zu können, einen Entdeckungszug rechts vom Rasthause, längs eines Feldwegs, der sich durch hohe Gerste, weißblühende Erbsen und gelben Durio dahinzog.

Dann kam ein Häuflein verstreuter Hütten in Sicht, das sich ein Dorf nannte, mit einigen Läden, wo Kaurimuscheln die Währung und Körbe mit Palmenkohl, wurmstichige Süßigkeiten, Pfeifenköpfe und Perlenschnüre das Lager bildeten. Jenseits des Dorfes sah man ein Ährenmeer und ein paar vereinzelte Hütten, von denen eine bis über das Dach von einer üppigen Melonenstaude umrankt war. Als Heriot sich näherte, trat ein Mann aus dem Gehöft. Er trieb zwei magere Ochsen vor sich her und hinter ihm kam ein noch magrerer Hund – ein Teckel!

Heriot starrte hin. Nein, seine Augen täuschten ihn nicht. So jammervoll elend und unglücklich er auch aussah, war er doch unverkennbar ein rasseechtes europäisches Tier – ein brauner Teckel mit langem Kopf, langem Körper und lächerlich kurzen Beinen. Kaum wurde er Heriots ansichtig, als er mit freudigem Gebell auf ihn losschoß; er wedelte und zappelte um seine Füße, er sprang an ihm in die Höhe, um ihm die Hände zu lecken, kurz er war wie rasend vor Entzücken.

»Der Sahib – der Beschützer der Armen – kommt aus dem Dak-Bungalow?« sagte der alte Mann, sich tief verneigend. Er trug einen zerlumpten roten Turban und einen schmutzigen blauen Baumwollkaftan. »Diese Ochsen sind für den Gebieter, wenn er morgen weiter reist.«

»Wirklich?« meinte Heriot in zweifelndem Tone.

»Sie sind freilich mager, aber sie ziehen gut. – Ich bin sehr arm.«

»Und gehört der Hund Euch? – Er scheint auch arm und sehr mager zu sein.«

»Ja, er gehört mir, Euer Durchlaucht.«

»Ein englischer Hund! – Wie seid Ihr zu ihm gekommen?«

»Er war ein Geschenk, Euer Majestät. – Hierher, Chumachjee!« rief er streng, ihn packend und von Heriot fortreißend. Er schleuderte ihn in die Hütte und warf die Türe hinter ihm zu.

»Holla, Mann, laßt den Hund zufrieden – er hat nichts verbrochen,« sagte Heriot mißbilligend.

»Er ist ein Dämon – ein böser Geist!« versetzte sein Eigentümer wütend.

»Meint Ihr? – Nun, vergeßt nicht, daß ich morgen um sechs Uhr abfahren will. Laßt mich nicht warten.«

Der Ochsenbesitzer kreuzte die Hände über der Brust und verneigte sich tief. Dann blieb er stehen und sah dem großen jungen Engländer nach, bis er in dem hohen Korn verschwunden war.

Heriot war müde; das Stoßen der Tonga hatte ihn angegriffen. Nach dem Essen saß er allein in der dunkeln Veranda, blickte hinaus auf die mondbeschienene Gegend, lauschte dem fernen Dröhnen eines Tamtams und dachte natürlich an sie. Dieser angenehmen Beschäftigung wurde er durch eine weiche, feuchte Substanz entrissen, die seine lässig herabhängende Hand berührte. War es eine Schlange? Er sprang auf und sah sich ängstlich um. Nein, es war nur ein Hund. Wahrhaftig, der Teckel! – Ja, da war er und sah Heriot mit flehenden, traurigen Augen an.

»Armer Kerl!« sagte dieser laut, indem er ihn streichelte, »er ist nur Haut und Knochen. Nun, einmal soll er ordentlich satt zu fressen bekommen.« Er rief seinen schlafenden Treiber wach und bestellte – was? – eine Mahlzeit für einen Hund.

Diese Feringhees waren doch alle miteinander verrückt! – Schließlich erschien indes ein wohlgefüllter Teller; aber merkwürdigerweise fiel der Teckel nicht gierig darüber her. Nein – obgleich er halbverhungert war, suchte er nur Heriots Gesellschaft, Heriots Gunst. Wenn er einen Bissen verschluckt hatte, drehte er sich um und stellte sich wedelnd vor seinen neuen Freund, indem er ihn flehend ansah. Heriot ging ihm tatsächlich über das Futter, so schlecht er auch ernährt war.

Trotz seiner stummen Bitten wurde der vierbeinige Gast unerbittlich fortgejagt, als der Bungalow geschlossen wurde – aber Morgens fand man ihn noch in der Veranda, er hatte sich die ganze Nacht nicht vom Fleck gerührt; und seine Topasaugen sahen Heriot beweglich an, als wolle er sagen: »Wie konntest du mich nur aussperren! Ich möchte immer, immer bei dir bleiben.«

Aber ach, um sechs Uhr verließ der Artillerieoffizier ihn. Alle seine verzweifelten Versuche, die Tonga mit Sturm zu nehmen und Hals über Kopf hineinzuklettern, waren vergeblich. Seine armen kurzen Beinchen richteten nichts aus; sein Herr riß ihn zurück, schlug ihn hart und schleifte ihn trotz seines Sträubens und Heulens an einem alten Turban davon.

Vor der Biegung des endlosen Weges sah Heriot sich um – da stand der Teckel, entschlüpft oder freigelassen – ein winziges Etwas auf der breiten weißen Straße. Er starrte dem entschwindenden Reisenden nach, und seine Haltung drückte Verzweiflung aus.

*

Der Aufenthalt in der kühlen Höhenlage von Leoni tat Wunder an Heriot. Schon nach acht Tagen fühlte er sich kräftig genug, um Tennis und Billard zu spielen. Er wurde als Fremder in dem geselligen kleinen Gemeinwesen viel beachtet, und die Oase war ein Land, wo Milch und Honig floß, ein Land goldener Ähren, herrlicher Rosen und arabischer Gastlichkeit.

Aber obgleich Heriot fühlte, wie seine Gesundheit sich täglich kräftigte und Mattigkeit und Fieber wichen, sehnte sein Herz sich zurück nach Herda – und zu Milly Maxwell. Vielleicht hatte Müller ihr inzwischen Kunde aus dem Dschungel gebracht. Er bohrte bei dem Gedanken seinen Absatz in den unschuldigen Kies.

Die Dankbarkeit ist eine so mächtige Triebfeder in Frauenherzen. – Wenn er sich Milly, die holde Milly mit dem schlanken weißen Halse, den sternenklaren Augen, dem seelenvollen Blick, als die Frau jenes gewöhnlichen Menschen dachte, mit dem Katergesicht und den Gefühlen eines Kalmücken!

Die guten Leute in Leoni machten viel Aufhebens von dem interessanten Kurgast, namentlich die Frauen. Er war so still und bescheiden und war doch derselbe junge Heriot, der im letzten Grenzkriege so schneidig mit seiner Batterie vorgegangen war.

Endlich war Heriots Urlaub zu Ende; wieder trat er seine langwierige Reise an – und als er den Bergpaß hinabfuhr, mit dem Blick auf ein Wäldermeer, flogen seine Gedanken voraus, zu dem Teckel.

Er mochte Hunde gern; sein Gewissen hatte ihm manchen Stich wegen des armen kleinen Verbannten gegeben, dessen Annäherung er so kalt zurückgewiesen hatte. Wie kam er nur in den Dschungel? Er war ebensowenig am Platze in einer Eingeborenenhütte, wie ein Schakal in einem englischen Lehnstuhl. Er hatte sicherlich eine Geschichte – doch der alte Ochsenfuhrmann wollte sie für sich behalten.

Aber Heriot war entschlossen, einen neuen Anlauf zu nehmen und nicht eher zu ruhen, als bis er sie heraus hatte. Am Abend des ersten Reisetages kam er in dem Stationsbungalow an, und am nächsten Morgen erschien derselbe alte Mann mit denselben Ochsen und demselben Hund.

Der Teckel sah verschüchtert, ausgemergelt und jammervoll unglücklich aus.

»Nun, mein Kerlchen, komm her und klag mir dein Leid!« rief Heriot.

Hals über Kopf folgte das Tier den heimatlichen Lauten.

»Euer Hund gefällt mir, Byle-Wallah,« fuhr Heriot fort. »Wollt Ihr ihn mir verkaufen?«

»Nein, Herr, ich verkaufe ihn nicht, so arm ich auch bin.«

»Warum nicht? – Ihr könnt ihn nicht lieben, sonst würdet Ihr ihn besser füttern.«

»Ich füttere ihn köstlich: Reisbrei und Milch und gekochte Butter. – Kann ich dafür, daß er fast nichts frißt?«

»Er bangt sich wohl nach jemand?«

»Wie kann ich das wissen?« versetzte der Fuhrmann höhnisch. »Er ist nur ein Hund.«

»Jedenfalls könntet Ihr ihn mir verkaufen. – Warum wollt Ihr nicht?«

»Weil ich mit ihm mein Glück verkaufen würde. Er bringt mir Glück.«

»Der arme Schelm sieht selbst nicht sonderlich glücklich aus. – Hört, ich will Euch zwanzig Rupien für ihn geben – wenn das nicht Glück ist!«

Der Mann starrte Heriot an; seine alten Augen funkelten – er seufzte, er zögerte. Der Hund aber drängte sich an den jungen Offizier und winselte, als wisse er, daß sein Schicksal in der Schwebe war.

Endlich schüttelte der Fuhrmann langsam den Kopf.

»Nun, sagen wir dreißig Rupien?«

Wieder seufzte er tief, sah den Himmel, die Erde, den Hund an – und schüttelte den Kopf.

»Fünfzig Rupien!« – Hätte einer von Heriots Bekannten ihn hören können, so würde er ihn ohne Zögern für verrückt erklärt haben.

»Nein, Sahib – nein, König der Zeit, führt mich nicht in Versuchung!« bat der Herr des Hundes, aber seine Stimme war unsicher.

»Hört an!« rief Heriot, »Ihr mögt den Hund nicht, er hängt nicht an Euch, Ihr schlagt ihn und laßt ihn hungern – dahinter steckt ein Geheimnis, und so wahr ich lebe, ich will es herausbekommen.«

»O Sahib, Heger der Armen, welches Geheimnis sollte ich wohl haben? – Ich bin nichts als ein armer Knecht – und er – er war nur ...«

»Nur was?« fragte Heriot scharf.

»Der Hund eines Mannes, den ich nie gekannt habe. Ich schwöre es beim Haupte meines Sohnes. – Sahib, vernehmet mein letztes Wort: ich will hundert Rupien nehmen.«

»Gerechter Gott! Hundert Rupien?«

»Ja – und Ihr nehmet den Hund.«

»Wenn mich jemand sähe, würde er mich für toll erklären,« murmelte der junge Offizier. »Aber wenn ich das arme kleine Geschöpf hier ließe, würde das Nagen des Gewissens schlimmer sein als der Verlust von hundert Rupien. Er hat eine unerklärliche Vorliebe für mich gefaßt, und vielleicht bringt er mir Glück. Ich kann's, weiß Gott, brauchen.«

Die hundert Rupien wurden aufgebracht – aus den vereinten Mitteln Heriots und seines Treibers. Dieser glaubte natürlich, sein Herr sei wahnsinnig geworden: hundert Rupien, den Preis von ein Paar Ochsen, für einen häßlichen gelben Hund zu geben – aber wer kann die Verrücktheit eines englischen Offiziers ermessen! –

Endlich war der Handel im reinen. Chumachjee wurde in die Tonga gehoben und saß dort neben Heriot auf dem Vordersitz, als sei diese Ehre ihm nichts Neues. O ja, er hatte schon früher da gesessen! Er machte seinem Entzücken Luft, indem er alle Leute und Hunde, die ihnen begegneten, triumphierend anbellte.

Die Gegend war eben, aber anmutig. Pfauen und Affen belebten das Bild, und Scharen grüner Papageien flogen durch das Blau. Auf der einen Seite dehnten sich dichte Wälder und Dschungeln, auf der andern gelbe Kornfelder, die der Ernte harrten. So reisten der Teckel und sein neuer Eigentümer Stunde um Stunde in dem langsamen, schaukelnden Schritt, der dem Hornvieh eigen ist; aber alles hat ein Ende, auch eine Fahrt mit der Ochsenpost. Erst kam der Spiegel des Flusses in Sicht, dann tauchte der Kirchturm auf, und je näher sie der Stadt kamen, um so aufgeregter wurde der Hund. Er wedelte wie besessen; er bellte vorübergehende Soldaten und selbst Damen und Herren laut und vertraulich an. – Er, ein verhungerter Teckel mit vorstehenden Rippen, versengtem Fell und einer lächerlichen blauen Perlenschnur um den Hals.

Und jetzt entsann Heriot sich, daß das Tier ein ledernes Halsband umgehabt hatte, als er es zum ersten Male sah. Wo war das Halsband geblieben? Wahrscheinlich trug es den Namen des früheren Eigentümers, und der alte Hunks, der Ochsenfuhrmann, hatte es behalten. So denkend, zerriß er die Perlenschnur und warf sie auf die Straße. Auch ein Hund hatte Anspruch auf eine gewisse Achtung.

Im Klub war der gewohnte Kreis versammelt, als Heriot wieder dort erschien. Einige spielten mit fieberhaftem Eifer Boccia, andre das friedlichere Croquet; eine Anzahl Herren saß rauchend in Faulenzern vor der Tür, und zu ihnen lenkte Heriot seine Schritte.

»Nun, Heriot, da sind Sie ja wieder!« rief Major Cramer, – »und blühen wie eine Rose.«

»Ja, danke, ich bin wieder ganz auf Deck.«

»Was gibt es neues in Leoni?«

»Nichts. – Und hier?« Er blickte rundum, und seine Augen hafteten unruhig auf Müller.

»Nicht das Leiseste, außer daß Tom Potters Dienstpferd das Knie gebrochen hat. – Wo zum Kuckuck haben Sie den Hund aufgegabelt?«

»Im Dschungel, bei Dassi.«

»Die reine Röntgenphotographie!« bemerkte einer.

»Kein sonderlicher Fund!« meinte ein andrer. »Er sieht aus wie das Gespenst eines Teckels.«

»Ei!« rief Müller, sich aufrichtend, »ich kenne das Tier. Sie haben ihn ungefähr dreizehn Meilen von hier gefunden. Ich hab' ihn mehrmals dort gesehen; er treibt sich auf der Landstraße herum oder lauert im Dassier Stationsbungalow und versucht, sich an Europäer zu klammern.«

»Stimmt.«

»Und jetzt hat er endlich eine mitleidige Seele gefunden, ha ha! Schon der Gedanke, sich mit so einem Institut sehen zu lassen! Er versuchte es auch bei mir, aber ich gab ihm einen Tritt, daß ihm die Rippen knackten. Er hat mich seitdem nie wieder belästigt.«

»Das glaub' ich!« versetzte Heriot. »Kinder und Hunde machen einen weiten Bogen um Sie.«

Unterdes hatten die Bocciaspieler ihre Partie beendet und kamen an den Rauchern vorbeigeschlendert. Einige blieben stehen und wechselten heitere Begrüßungen mit Heriot. Unter ihnen befand sich auch Fräulein Maxwell.

»Also hat Ihnen Leoni gefallen, und Sie fanden es so schön, wie ich Ihnen sagte?«

»Ja – aber etwas langweilig. Was kann man auch andres von einem Orte erwarten, der so aus der Welt liegt, und wo nichts zu haben ist, nicht einmal ein Siphon ...«

»Wo haben Sie den Hund her?« unterbrach sie ihn, und zeigte mit einem Gesicht, so weiß wie ihr Kleid, auf den Teckel.

»Den hab' ich einem Eingeborenen im Dschungel abgekauft,« erwiderte er leichthin. »Er wollte durchaus mit mir kommen, und ich fühlte mich gleichfalls zu ihm hingezogen. Es war eine Art Sympathie – Liebe auf den ersten Blick.«

»Dan!« rief sie halblaut. Das Tier spitzte sofort die Ohren und sah sich um. »Komm her, Dan!« setzte sie mit erstickter Stimme hinzu. Er kam schüchtern herbei, und sie riß ihn in ihre Arme und trug ihn davon, ihn mit Küssen bedeckend.

»Der offenkundigste Hundediebstahl, der mir je vorgekommen ist!« rief einer der Anwesenden lachend. – Aber Heriot war bereits hinter der Diebin her.

Der Hund suchte sich loszuzappeln. Miß Heriot setzte ihn nieder und sagte, mit tränenfeuchten Augen zu dem jungen Mann aufblickend: »Ich brauche mich nicht zu entschuldigen. Der Hund hat meinem Bruder gehört.«

Heriot hüpfte das Herz. Vielleicht brachte der Teckel auch ihm Glück.

»Wie fanden Sie ihn? – Erzählen Sie mir alles,« bat sie, nach Fassung ringend.

Verschiedene Augenpaare waren Fräulein Maxwell gefolgt, und beobachteten nun, wie sie mit dem jungen Offizier in eifrigem Gespräch auf und ab ging. »Heriot gewinnt,« brummte Major Cramer vor sich hin, und man muß ihm lassen, daß er ein guter Prophet war. Denn noch an demselben Abend speiste Leutnant Heriot im Hause des Garnisonältesten.

*

Acht Tage darauf traf Heriot, der drei Tage Urlaub genommen hatte, abermals in Dassi ein – diesmal in Begleitung von Oberst Maxwell, Fräulein Maxwell und einem Polizeikommissar.

Die Sonne stand noch hoch, als sie der kleinen melonenumrankten Hütte zuschritten. Der Fuhrmann war nicht daheim, und in seiner Behausung war nichts zu erblicken als der übliche Lehmboden, verkohlte Holzscheite, einige Kochtöpfe und ein Haufen Lumpen. Endlich erspähten sie Hunks, der der Hütte zuschlenderte, seine mageren Ochsen vor sich her treibend. Als er die Fremden gewahrte, blieb er mißtrauisch stehen.

»Wir sind von Herda herübergekommen,« erklärte Heriot, »um Nachforschungen wegen des Hundes anzustellen.«

»O, des Dschinns! Ich bereue jeden Tag, daß ich ihn verkauft habe. – Aber was befiehlt der Gebieter?« Er kreuzte die Arme und verneigte sich ehrerbietig vor seinen Gästen, wobei er unruhig von einem zum andern blickte.

»Wir wollen Euch nur bitten, uns zu erzählen, wie Ihr zu dem Hunde gekommen seid,« sagte Heriot in einschmeichelndem Tone. »Das könnt Ihr doch leicht.«

»Da ist nicht viel zu erzählen, Beschützer der Armen. Ich fand ihn verlaufen und halb verhungert im Dschungel – 's ist jetzt zwei Jahre her – und nahm ihn mit nach Hause. Wahrlich, das ist alles,« beteuerte er, die Hände spreizend.

»Unsinn! da steckt mehr dahinter!« rief Oberst Maxwell scharf. – »Wo ist das Halsband?«

»Was weiß ich!« versetzte der Inder, die Schultern hochziehend.

»Jawohl, ein ledernes Halsband mit dem Namen eines Sahibs. Sagt die Wahrheit – Ihr fahrt am besten dabei.«

»Ich bin ein armer, unwissender Mann, o König der Zeit – was soll ich sagen?« Sein Gesicht nahm einen völlig leeren Ausdruck an.

»Schön!« versetzte Oberst Maxwell zornig. »Tut, was Ihr wollt, aber das sage ich Euch: der Hund gehörte meinem Sohne. Vor zwei Jahren verschwand er in diesem Dschungel, und ich bin überzeugt, daß der Hund ihn nicht verließ, solange er lebte. – Wollt Ihr es darauf ankommen lassen, wegen Mordes angeklagt zu werden?«

»O, ich bitte Euch, sagt uns alles, was Ihr wißt!« flehte Milly. »Ihr sollt reich belohnt werden. Er war mein Bruder – mein einziger Bruder.«

»Dann will ich der Herrin alles ehrlich sagen, aber Ihr dürft mich nicht vor den Richter führen und einkerkern und strafen; denn – beim Haupte meines Sohnes – meine Hände sind rein von Blut.«

»Sprecht!« sagte Oberst Maxwell heiser.– »Milly, setze dich dort auf den Block.«

Der Fuhrmann stützte sich auf seinen Stab, blickte seine Zuhörer scharf an und erzählte: »Diesen Herbst werden es zwei Jahre, da hatte ich ein Reisfeld dreiviertel Meilen von hier, am Waldsaum. Ich war oft dort, um die Hirsche und Schweine zu verscheuchen, und wie ich eines Tages bei Sonnenuntergang nach Hause ging, hörte ich einen Hund bellen und bellen. Den Abend war ich müde und achtete nicht weiter darauf. – Am nächsten Tage hörten wir dasselbe Bellen, immer aus einer Richtung, aber schwächer und matter. – Am dritten Tage endlich ging mein Sohn, der jung und vorwitzig ist, dem Bellen nach, um zu sehen, was es bedeute. Dann kam er verstört zu mir gelaufen und holte mich. – Beschützer der Sklaven, ich will die Wahrheit sagen. – Ich fand im Walde einen toten Sahib, tot seit einigen Tagen – und neben ihm den braunen Hund ganz erschöpft. Er konnte nicht mehr bellen, nicht einmal stehen.«

»Weiter,« sagte Oberst Maxwell tonlos.

»Der Sahib war von einem Büffel verwundet worden – sie sind schrecklich in ihrer Wut – war über einen Bach entkommen und dann umgesunken. Sein Gewand war mit Blut bedeckt – er war gespießt worden – er kann nicht mehr lange gelebt haben –« Der Erzähler hielt inne und heftete seine funkelnden Augen auf den Polizeikommissar.

»Wir waren sehr erschrocken, mein Sohn und ich – unsre Herzen waren wie Wasser, weil wir wußten, wie schlecht die Menschen sind und wie leicht sie unschuldige Leute verdächtigen. Darum pflogen wir Rat und beschlossen, den Toten zu begraben – und zu schweigen. Wir holten unsre Hacken und gruben ein Grab noch dieselbe Nacht – es war Mondschein – und legten den Sahib hinein, wie er war, aber vorher nahm ich ihm dreißig Rupien, eine Uhr, eine Flinte – wahrlich, ich verhehle den Gebietern nichts – auch die Stiefel und Gamaschen und ein kleines Buch.«

»Und was habt Ihr damit getan?«

»Die Flinte und das Buch habe ich noch, für die dreißig Rupien kaufte ich ein Joch Ochsen; die Uhr verkaufte ich an den Krämer drüben im Dorf und sagte, ich hätte sie auf der Landstraße gefunden.«

»Bringt die Flinte und das Buch her,« gebot Oberst Maxwell.

Sie waren schlau zwischen dem Dach und der Mauer versteckt. Der Fuhrmann holte sie hervor und zeigte sie. Es war ein gutes, nur etwas verrostetes Lee-Metfordgewehr und ein kleines Notizbuch, dessen Blätter mit Blut verklebt waren. Auf dem letzten standen – unter der Aufzeichnung: »vier Keiler, eine Bache, vier Pfauen« – ein paar mühsam gekritzelte Zeilen (einige Worte waren verwischt und fast unleserlich): »Ich sterbe – ein Büffel hat mich gespießt – wer mich findet ... Gruß an Milly ... Dan wird ...«

»Welch ein schrecklicher Tod!« rief Milly unter Tränen. »Und ganz allein!«

»Er hatte Dan,« versetzte ihr Vater, nach Trostgründen suchend. »Er hatte den Hund.«

»Wohl wahr, Beschützer der Armen,« bestätigte der Inder. »Der Hund blieb bei ihm bis zuletzt, und als er begraben war, lag er viele, viele Tage auf der Stelle. Er vergißt nicht – er ist kein gewöhnlicher Hund – er ist ein Dschinn. Mir graute vor ihm, aber ich wagte nicht, ihn zu töten. Es war, als lauere er auf der Landstraße, um andern Sahibs, Freunden seines Herrn, die Kunde zu erzählen. Aber keiner hörte auf ihn, bis der große junge Sahib mit dem Arm in der Binde kam. Ja, ich fürchtete mich vor dem Hunde – arm sein ist eine Sorge; aber besitzen ist hundert Sorgen.«

Alex Maxwells Leiche wurde nach dem großen Herdaer Kirchhof gebracht und feierlich bestattet. Nicht lange nach dem Begräbnis – und eine gute Weile, bevor das zweite Fräulein Maxwell fällig war – fand im Hause des Garnisonältesten eine fröhliche Hochzeit statt. Vier Batterieschimmel, geritten von den Kameraden des Bräutigams, waren vor den einzigen Landauer des Ortes gespannt, und dieses Gefährt erschien ihnen gegen ein Geschütz als ein solches Spielzeug, daß sie die erste halbe Meile mit dem jungen Paare durchgingen. Leutnant Heriot und seine Frau waren begleitet von einem zufriedenen Hunde, der, geschmückt mit einer weißseidenen Schleife, auf dem Bock saß. – Es bedarf wohl keiner Erwähnung, daß sein Name Dan war.


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