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Frau van Byl

»Ich glaube, Sie sind die älteste Dame im Hotel, gnädige Frau.«

Der Verkünder dieser etwas überraschenden Vermutung war ein milchbärtiges scharfäugiges Individuum, mit dem ich nur auf dem Grüßfuß stand, und das, wie ich mich dunkel erinnerte, der »junge Tunnycliffe« hieß. Einen Augenblick war ich sprachlos. Ich ließ mein Buch sinken und sah ihn groß an, und ich muß ihm lassen, daß er unter diesem Blicke sehr verlegen wurde. Dann glitten meine Augen langsam über die Terrasse, wo eine Menge Menschen herumsaßen, -standen und -schlenderten, sich die Zeit mit Lesen, Plaudern oder Kartenspielen vertreibend. Ich sah die Backfische, die jungen Frauen, die späten Mädchen über Dreißig, die mittelalterlichen Damen in den Vierzigen – und die traurige Wahrheit traf mich wie ein Stich: ich war wirklich die älteste Dame im Hotel.

»Und wenn ich es wäre?« fragte ich streng, wieder Herrn Tunnycliffe anblickend, der in peinlicher Verlegenheit vor mir stand und sein Taschentuch zwirbelte.

»Sie sehen so gütig aus,« platzte er hervor, »und« – er warf einen Seitenblick auf mein schwarzes Kleid – »ich glaube, Sie haben Kummer erfahren.«

Der kecke Jüngling hatte wieder recht. Ich weilte in diesem berühmten kalifornischen Luftkurort mit dem palastähnlichen Hotel und den Terrassengärten, um mich von monatelanger banger Pflege und einem schmerzlichen Verlust zu erholen. Ich fühlte mich niedergeschlagen und angegriffen und hielt mich fern von dem fröhlichen Treiben um mich her, ganz in der Vergangenheit und in meinen Gedanken lebend. Ich bin eine stille zurückhaltende Natur – und nun kam dieser junge Herr Tunnycliffe, setzte keck über alle Schranken hinweg und sprach von meinem Kummer und meinem Alter.

»Ich habe ein Anliegen an Sie, gnädige Frau,« fuhr er fort.

»Welches?« fragte ich streng.

»Ich – ich möchte Sie um einen großen Gefallen bitten. – Wollen Sie sich nicht ein wenig des Mannes von Frau van Byl annehmen?«

»Himmel!« rief ich in fassungslosem Erstaunen, »ich glaube, Sie wissen nicht, was Sie reden. – Die Frau ist ja Witwe – kein Wunder!« Dabei blickte ich nach dem unteren Ende der Veranda, wo die hübsche Frau van Byl, die Übermütigste von der ganzen Gesellschaft, mit einem Herrn Hirst, einem stämmigen Individuum mit viel Geld und wenig oder gar keinen Grundsätzen, Pikett spielte.

»Noch ist sie nicht Witwe,« sagte mein Gefährte bedeutsam. »Aber sie wird es bald werden. – Es geht rasch bergab mit ihm.«

»Mit ihr desgleichen!« rief ich. »Aber Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß sie hier in diesem Hotel einen kranken Mann habe?«

»Man sollte es nicht für möglich halten, nicht wahr?« fragte er bitter. »Arthur van Byl und ich sind Schulkameraden, und nun befindet er sich hier und ist furchtbar herunter. Ich würde bei ihm bleiben, wenn sie es zuließe, und wenn ich ihm irgend etwas nützen könnte – aber ins Krankenzimmer gehört eine Frau.«

»Seine eigene,« ergänzte ich ernst.

»O, die vernachlässigt ihn auf schmachvolle Weise. Es schneidet mir ins Herz, wenn ich ihn sehe. Er liegt fast immer allein, während sie sich mit den Leichtsinnigsten von der ganzen Gesellschaft herumtreibt. Gestern war sie mit Hirst von Elf bis Sechs unterwegs und dachte nicht an den armen Kranken.«

»Wo leben seine Angehörigen?« fragte ich. »Wissen sie denn nicht, daß er so krank ist?«

»Er hat nur einen Stiefbruder. Ich will Ihnen die ganze Geschichte erzählen,« erklärte Herr Tunnygliffe, plötzlich einen Stuhl heranziehend und sich mit dem Rücken gegen die übrigen setzend. »Also: Arthurs Eltern waren schwindsüchtig und starben früh. Sein Stiefbruder, Hans van Byl, sorgte für ihn und ließ ihn aufs beste erziehen. Er ist sehr reich – die van Bylschen Eisenwerke, wissen Sie. Er übertrug Arthur eine auswärtige Vertretung und schickte ihn nach dem Westen, seiner Gesundheit wegen. In Nashville lernte er sie kennen –« Herr Tunnycliffe wies mit dem Kopf nach der Seite. »Sie ist wirklich hübsch, wie Sie sehen. Sie hieß Waffles und war Ladenmädchen in einem Schuhgeschäft.«

»O!« rief ich; denn die van Byls sind eine sehr gute Familie.

»Ja! – und er verliebte sich Knall und Fall in sie, und sie umgarnte ihn und ließ ihn zwei Jahre lang zappeln. Sein Bruder war außer sich über die Heirat und furchtbar dagegen, aber sie ist eine pfiffige Person und weiß ihren Willen durchzusetzen. Vor vier Monaten heiratete sie den armen Jungen. Dann stellte sein altes Lungenleiden sich wieder ein, und sie kamen hierher. Er ist seitdem fast immer bettlägerig gewesen, während sie herrlich und in Freuden lebt.«

»Ich wüßte nicht, was ich dabei tun könnte,« hob ich an.

»Sie würden es ganz genau wissen, wenn Sie ihn nur einmal gesehen hätten,« entgegnete er nachdrücklich. »Er ist zu gut für diese Welt – und dabei hält er sie für einen Engel.«

»Nun, ein Engel der Barmherzigkeit scheint sie nicht gerade zu sein!« rief ich.

»Nein. Sie ist ein herzloses, schlechtes, schamloses Weib! – Sehen Sie – da geht sie endlich! Sie brauchten jetzt nur durch den Salon zu gehen, dann träfen Sie sie in der Vorhalle – und, o gnädige Frau, Sie fänden gewiß das rechte Wort!«

»Sie würde mich anfahren und sagen, ich solle mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern.«

»Nein, sicher nicht. Bitte, bitte, kommen Sie!« drang er in mich. »Ich kann den Gedanken nicht länger ertragen, daß er so krank und verlassen daliegt.«

In der Vorhalle traf ich richtig Frau van Byl. Sie war eine schöne junge Frau, sehr schick angezogen, schlank und hochgewachsen, mit großen, sanften, etwas weit auseinanderstehenden Augen, wundervollem Teint, kirschroten, schwellenden Lippen und regelmäßigen kleinen Zähnen, die sie beim Lachen zeigte.

Sie lachte fast immer; aber als ich auf sie zutrat, sah sie verdrossen aus, ihr Mund war aufgeworfen, als stehe sie im Begriff, etwas Bitteres hinunterzuschlucken. Sie machte ein etwas erstauntes Gesicht, als ich sie anredete: »Ich höre zu meinem Bedauern, daß es Ihrem Herrn Gemahl so schlecht geht. Ich bin erfahren in der Krankenpflege. Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein, Frau van Byl?«

»Sie sind sehr gütig!« rief sie. »Ich tauge nicht sehr ins Krankenzimmer und habe auch durchaus nicht geheiratet, um Pflegerin zu werden,« setzte sie mit erstaunlicher Offenheit hinzu. »Ich bin überzeugt, Arthur wird sich freuen, wenn Sie sich ein wenig zu ihm setzen. Mich läßt er nicht – er hat Angst, ich könnte auch krank werden, und sagt, ich müsse hinaus und mich amüsieren, weil ich noch so jung sei.« (Und ich war die älteste Dame im Hotel!) »Wollen Sie mit mir kommen? Ich bringe ihm eben sein Essen.«

So sprechend führte sie mich durch eine Reihe von Gängen. Dann öffnete sie eine Tür, und wir traten in ein Zimmer, solch elendes, niedriges Zimmer, eines der billigsten im Hotel. – Nichts, was zum Behagen oder zur Bequemlichkeit des Kranken hätte dienen können! Auf einem schmalen Bette lag ein junger Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren mit kornblumenblauen Augen – klaren, ehrlichen Augen – und treuherzigem Gesicht. Er war nur noch der Schatten seines einstigen hübschen Selbst; seine Züge waren eingefallen, die hektische Röte auf seinen abgezehrten Wangen und sein pfeifender Atem zeigten nur zu deutlich, daß dieses armselige Feldbett sein Sterbelager war.

»Frau Beaumont ist mitgekommen, um dich zu besuchen,« erklärte seine Frau. »Sie versteht sehr viel von Krankenpflege und wird bei dir bleiben, während ich ausreite.«

»O, Sie sind zu freundlich,« keuchte er mit schwacher Stimme. »Ich möchte wirklich nicht, daß jemand sich meinetwegen hier einsperrt. Ich schicke Lindy so viel als möglich hinaus; sie darf nicht auch krank werden, nicht wahr?« – Seine blauen Augen ruhten mit herzbewegendem Entzücken auf ihr.

»Ich bin so durstig,« murmelte er. »Der faule Neger hat mir meine Limonade nicht gebracht.«

»Ach! – nun, ich besorge sie dir nachher; aber zuerst mußt du essen.« Und Frau van Byl brachte einen Topf halbgaren Reis herbei, ein höchst unappetitliches Gericht. Aber der arme Junge mußte es hinunterwürgen, so gut es gehen wollte. Dann nahm sie ihm den Topf ab und sagte: »Ich komme am Anrichtezimmer vorbei und will dir die Limonade heraufschicken.«

»Ich möchte so gern ein Glas Milchpunsch haben,« keuchte er. »Der Doktor hat gesagt ...«

»Gleichviel, was er gesagt hat,« unterbrach sie ihn. »Milchpunsch ist dir nicht zuträglich, Liebster – und der Doktor braucht ihn nicht zu bezahlen.« Sie nickte bedeutsam und schritt mit dem Topf in der Hand hinaus, den Kranken meiner Fürsorge überlassend.

»Armes Kind!« rief dieser, als die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte. »Es ist schrecklich hart für sie; sie ist noch so jung, und ich brach so bald zusammen. – Aber wenn ich nur dieses entsetzliche Gefühl von Leere in der Brust und diese Unruhe und Beklemmung los werden könnte, würde ich so gesund wie nur je sein.« Seine dunkelblauen Augen glänzten in der Zuversicht der Schwindsüchtigen.

Ich fing nun an, aufzuräumen, indem ich einen Stoß Modenblätter, einen billigen Roman und ein Paket Kerzen beseitigte. Dann holte ich einen Fächer, eine Flasche Kölnisches Wasser und ein Körbchen Apfelsinen, und nach kurzer Zeit verkehrten der Kranke und ich wie alte Bekannte miteinander. Er erzählte mir von seiner Mutter und seinem Stiefbruder, dem Millionär, der so sehr gegen die Heirat gewesen sei, weil er Lindy nie gesehen habe. Sonst wäre es natürlich anders gewesen. Er sprach lange, eifrig, begeistert von ihr. Wie war es dieser schlechten Frau nur gelungen, diesen gerechten Mann so zu verblenden!

Ihr Lob war auf seinen Lippen, sein rasselnder Atem hauchte zärtlich ihren Namen, als ich ihn verließ. Es war sieben Uhr, und sie war noch nicht heimgekehrt.

Mit der Zeit wurde Frau van Byl der Skandal und das Gespräch des Hotels, und ich wurde Herrn van Byls Krankenwärterin. Nie in meinem langen Leben ist mir ein Wesen begegnet, das so kraß selbstsüchtig und so völlig gleichgültig gegen die Meinung der andern gewesen wäre, als Frau van Byl. Sie kokettierte, rauchte, spielte Poker und Billard, und vergnügte sich so ausgiebig, als sei sie noch Lindy Waffles und habe keinen kranken Mann, der ihrer Pflege bedurfte und nach ihrer Nähe schmachtete. Sie wußte, daß sie in Arthurs Augen nichts Unrechtes tun konnte, was auch die »alten Eulen und Vogelscheuchen« – so nannte sie die andern Frauen – denken und sagen mochten, und daß eine Liebkosung und ein paar Schmeichelnamen ihn reichlich für die grausame Vernachlässigung eines ganzen Tages entschädigten. Er war ein prächtiger Mensch, eine freimütige, sanfte, selbstlose Kinderseele, und ich fühlte mich sogleich zu ihm hingezogen. Als wir näher bekannt wurden, öffnete er mir sein Herz, und ich fand darin nichts als gute, reine Gedanken, und Lindy, Lindy im Heiligenschein der Liebe. Er erzählte von seiner Werbung und ihrer Beständigkeit – wie ärgerlich ihre Angehörigen gewesen seien, als sein Bruder sie nicht anerkennen wollte, und wie sie anfänglich geglaubt hätten, er sei der reiche van Byl. Statt dessen sei er arm, und diese seine Krankheit sei eine große und unvorhergesehene Ausgabe.

Ich meinerseits sah nicht, worin diese Ausgabe bestand. Er hatte keinen Arzt und nichts von Erquickungen – bis ich mich seiner annahm. Seine Wünsche waren in der Tat rührend bescheiden. Ich erfüllte sie mit Freuden, und erzählte ihm dreiste Lügen, bei denen seine Frau schamrot wurde, und die mir der Himmel vergeben möge.

Der junge Herr Tunnycliffe und ich hatten manche wichtige Unterredung miteinander. Er wollte durchaus das Seine tun und platzte mit einem Anerbieten von Geld heraus.

»Denn ich weiß, daß sie ihn wirklich knapp hält,« sagte er.

»Ich versichere Ihnen, daß es ihm an nichts fehlt.«

»O, ich weiß wohl, Sie sind reich und sehen's nicht darauf an,« erwiderte er; »aber ich bin sein alter Freund.«

»Nun, ich bin alt und Freund,« versetzte ich, »und Sie müssen mich schon mein möglichstes tun lassen; denn ich versichere Ihnen, daß ich es als ein Vorrecht betrachte, ihn pflegen zu dürfen.«

»Es wird nicht mehr lange dauern, nicht wahr?« stammelte er.

»Ich glaube nicht, aber man kann nie wissen, und er ist so hoffnungsvoll. Er spricht davon, was er alles diesen Herbst unternehmen will, wenn's ihm wieder besser geht.«

Es war seltsam, daß mir, die ich noch vor wenigen Wochen Arthur van Byl völlig fremd war, die Aufgabe zufiel, ihn auf sein nahendes Ende vorzubereiten. Mir diktierte er einen Brief an seinen Bruder, worin er diesen beschwor, sich Lindys anzunehmen und um seinetwillen gut gegen sie zu sein. »Bald,« so fügte er hinzu, »wirst Du sie um ihrer selbst willen lieben. Sie ist die beste, treueste, aufopferndste der Frauen.« – Als ich diese unwahren Worte niederschrieb, zitterte mir die Hand vor Wut. Ich wußte, daß die beste der Frauen in diesem Augenblick unermüdlich im großen Saal herumwirbelte, die Tollste in dem tollen Schwarm – und daß die Bitte, deren Übermittlerin ich war, die Zukunft des nichtswürdigen Weibes sicherte.

Nur einmal habe ich es erlebt, daß Lindy nicht ganz vollkommen in ihres Gatten Augen war. Als ich eines Nachmittags ins Krankenzimmer trat, stand Frau van Byl in einem neuen schwarzen Kleide vor dem Spiegel; ein offener Karton und mehrere Papiere lagen auf dem Fußboden. Sie strich an sich hinunter und sagte, den Kopf nach mir hinwendend: »Sehen Sie, liebe Frau Beaumont, sitzt es nicht vorzüglich?«

Mich überlief es kalt.

»O Lindy!« rief Arthur in vorwurfsvollem Tone, »laß das heute! Bald werde ich nicht mehr sein, und du wirst Zeit genug haben, dir deine Trauerkleider zu besorgen.«

Sie hatte eine schöne Gestalt, die durch das Kleid vortrefflich zur Geltung gebracht wurde. »Reg dich doch nicht auf, du törichter Junge,« widersprach sie leichthin, »es ist nur mein neues Winterkleid.« Dann raffte sie den Karton und die Papiere zusammen, und ich hörte, wie sie murmelte: »Schwarz stand mir immer gut.« Dann verschwand sie eilig mit ihren Habseligkeiten.

Eines Abends, als er besonders matt war und nach Atem rang, drang er mit all seiner schwachen Kraft in mich, ich möge nach seinem Bruder Hans telegraphieren.

»Ich möchte ihn so gern noch einmal sehen, bevor ich scheide,« sagte er, »und er wird sich meiner armen Lindy annehmen.«

Als die Botschaft abgegangen war, hatte er nur noch den einen Wunsch, so lange zu leben, bis sein Bruder käme. Um ihn zu beruhigen, nahm ich den Fahrplan vor und ermittelte Strecke und Dauer der Reise.

»Wenn ich nur nicht sterbe, bevor er kommt,« hauchte er. »O Frau Beaumont, glauben Sie, daß ich noch zwei Tage leben kann?«

»Gewiß, lieber Freund, gewiß!« sagte ich, als der junge Tunnycliffe mich abzulösen kam, und ich ihm gute Nacht wünschte. »Und morgen früh komme ich gleich, um nach Ihnen zu sehen.«

Aber als ich am andern Morgen kam, fand ich, daß der arme Junge bei Tagesanbruch entschlafen war. Er hatte nicht länger warten können. Er sah fast schön aus, wie er so still und friedlich dalag. – Ich hätte nicht gedacht, daß ich noch einmal um jemand weinen könnte, am wenigsten um den Mann der widerwärtigen Frau van Byl; aber es kommt oft anders als man denkt. Als ich das Sterbezimmer verließ, traf ich im Gange den jungen Tunnycliffe mit einem Arm voll Lilien. Seine Augen waren gerötet.

»Er ist sanft eingeschlafen,« sagte er. »Ich war bis zuletzt bei ihm.«

»Wo ist sie?« fragte ich stirnrunzelnd.

»Mit dem Kerl, dem Hirst, spazieren gegangen. Ich hoffe, sie wird noch einmal gestraft werden. O, sie ist niederträchtig! Denken Sie sich, daß sie diese Nacht Billard gespielt hat, während ihr Mann seinen letzten Seufzer aushauchte. Sie war ärgerlich auf ihn, weil es ihm schlecht ging, und ließ es ihn büßen.«

»Nun, jedenfalls hat er bis zuletzt an sie geglaubt,« sagte ich. »Ich hörte, wie er sie bat, spazieren zu gehen. Er war so in Angst, sie möchte umkippen.«

»Das war das Letzte, was er zu befürchten hatte!« schnob der entrüstete Freund. »Nun, morgen kommt sein Bruder und wird gewiß alles bestimmen.«

Am nächsten Nachmittag traf eine Depesche an Frau van Byl ein, worauf diese eine Spazierfahrt zu zweien absagte und sich in ihr Zimmer zurückzog, um sich in Gram und Krepp zu hüllen.

Gleich nach seiner Ankunft ließ Hans van Byl, der Millionär, sich bei mir melden. Er war ein kräftiger Fünfziger mit kleinen, scharfen Augen und groben Zügen. Er trug einen Flor um den Arm, und ich muß ihm lassen, daß der Tod seines Bruders ihm nahe zu gehen schien. Ich übergab ihm dessen letzten Brief und sah, wie seine dicke Unterlippe zuckte, während er ihn überflog.

»Wollen Sie mich zu ihr führen?« bat er bewegt, und ich geleitete ihn nach Frau van Byls Wohnzimmer. Weder Spielkarten, noch französische Romane waren zu erblicken – nichts als ein schönes, verzweifeltes junges Weib, die ihren reichen Verwandten mit einem Schmerzensausbruch empfing.

O, welch eine Schauspielerin war an Lindy van Byl verloren! Sie sah wunderbar schön aus in ihren Tränen – und dem neuen schwarzen Kleid – so berückend, als sie herzlos war. Ich vermute, daß sie sich bitterlich über die Härte und Teilnahmlosigkeit der Damen im Hotel beklagte und sich rückhaltlos dem Schutz und Beistand des Verwandten ihres heißgeliebten Mannes anvertraute. Am folgenden Morgen wurde Arthur van Byls Leiche fortgebracht, um neben seinen Angehörigen beerdigt zu werden; die trauernde Witwe begleitete sie. Dicht verschleiert fegte sie, auf den Arm ihres Schwagers gelehnt, in ihren schwarzen Gewändern durch die Vorhalle – ein tiefergreifender Anblick! Der kläglich genarrte Millionär ahnte nichts von dem Getuschel, den spöttischen Blicken, dem höhnischen Grinsen, womit Lindys bisherige Hausgenossen zusahen, wie er sie in den Wagen hob, der sie unsern Blicken für immer entrückte.

*

Nach überraschend kurzer Zeit trat Frau van Byl mit dem Stiefbruder ihres verstorbenen Mannes vor den Traualtar. Er hält sie für die gemütvollste Frau der Welt, und die Gesellschaft hält sie, aller Wahrscheinlichkeit nach, für eine der feschesten Frauen der Vereinigten Staaten.


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