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Eine unerwartete Einladung

»Möbliert zu vermieten, auf Jahre, und zu sehr billigem Preise, ein schönes altes hochherrschaftliches Haus mit zwei Aufgängen, elf Schlafzimmern, sechs Ankleidezimmern, vier Gesellschaftszimmern, Dienstbotengelaß und vollständigem Zubehör, als: Stallung für sechs Pferde, Wagenschuppen u. s. w.«

Mehrere Jahre hindurch tauchte diese Anzeige von Zeit zu Zeit in den Tagesblättern auf. Zuweilen erschien sie acht oder vierzehn Tage hintereinander, als sei sie entschlossen, durch Beharrlichkeit Beachtung zu erzwingen. Dann wieder suchte ich monatelang vergebens danach. Uneingeweihte mochten denken, die Bemühungen des Agenten hätten endlich Erfolg gehabt: das Haus sei vermietet und nicht mehr zu haben.

Ich wußte es besser; ich wußte, daß dieses alte hochherrschaftliche Haus, so lange ein Stein auf dem andern stand, nie einen Mieter finden würde. Ich wußte, daß es als ein hoffnungsloser Fall von Agent zu Agent ging. Ich wußte, daß es nie andre Bewohner haben würde als Ratten – und ich wußte auch warum.

Ich will nicht verraten, in welchem Stadtteil und in welcher Straße dieses Gebäude liegt; das aber kann ich versichern, daß es vorhanden ist, sich in London befindet und immer noch leer steht.

*

Nächste Weihnachten werden es zwanzig Jahre, daß mein Freund Hollyoak – ein Ingenieur – und ich uns mit acht andern Junggesellen in der Nähe von Piccadilly zu einem auserlesenen Herrendiner vereinigten. Als der Sekt zu fließen begann, wurde die Unterhaltung lebhaft. Sie – ich sage absichtlich sie, da ich für meine Person wortkarg bin – redeten über die verschiedenartigsten Gegenstände.

Ich entsinne mich einer langen Erörterung über Steinpilze – Steinpilze, Staatsgeheimnisse, Mordtaten, Rennen, die Cholera. Von der Cholera kamen wir auf plötzliche Todesfälle, von diesen auf Kirchhöfe, und von den Kirchhöfen war natürlich nur noch ein Schritt zu Geistern.

Bei diesem Thema wurde die Diskussion hitzig; denn die Gesellschaft war in zwei Parteien geteilt. Die größere, gegnerische Partei, die mit beißendem Hohn über das bloße Wort »Geister« lachte, führte John Hollyoak; als Haupt der kleineren Partei, die für ihre Ansicht durchs Feuer ging, trat unser Gastgeber auf, ein kahlköpfiger Geschäftsmann, dem ich, wie ich im stillen dachte, mehr Vernunft zugetraut hätte.

Die Anhänger des Geisterglaubens erlangten so weit Gehör, daß sie einige haarsträubende eigene oder fremde Erlebnisse erzählen konnten, die, statt mit schauderndem, ehrfurchtsvollem Schweigen, mit wieherndem Gelächter aufgenommen wurden, begleitet von Anzüglichkeiten, die die Nüchternheit und den Verstand der Abergläubischen in Frage stellten. Die Beweisführung wurde immer hitziger, und der vergnügte Abend schien stürmisch enden zu sollen.

Hollyoak, der Ungläubigste und Spöttischste unter den Geisterleugnern, trieb die Dinge auf die Spitze, indem er erklärte, daß er mit dem größten Vergnügen eine Nacht in einem Spukhause zubringen würde – je verrufener, desto besser.

Unser ziemlich erregter Wirt nahm ihn sogleich beim Wort und versicherte ihm, daß sein Wunsch erfüllt werden und ihm binnen vierundzwanzig Stunden mit Nachtquartier in einem Spukhause gedient werden könne – einem Hause, das so verrufen sei, daß selbst die angrenzenden Häuser leer ständen.

Dann berichtete er kurz über dieses merkwürdige Gebäude. Es war einst der Sitz einer bekannten Adelsfamilie gewesen, die dem Spiel frönte; aber welche Untaten eigentlich darin geschehen waren, davon schwieg die Geschichte.

Nach dem Tode des letzten Besitzers, eines alten Sonderlings, der wie ein richtiger Hexenmeister aussah, war es an einen im Auslande lebenden Verwandten gefallen. Dieser beauftragte seinen Sachwalter, es zu vermieten, wenn er könne – ein bedeutsamer Vorbehalt.

Jahr auf Jahr verging, und noch immer fand sich kein Abnehmer für das »schöne hochherrschaftliche Haus«, obgleich die Miete nach und nach fast bis auf Null herabgesetzt worden war.

Die unheimlichsten Gerüchte gingen, die schrecklichsten Geschichten waren in aller Munde.

Kein Mieter wollte bleiben, nicht einmal umsonst, und während der letzten zehn Jahre hatte das begehrenswerte Haus am Tage den Ratten, und nachts jemand anders zur Wohnung gedient, wie die Nachbarschaft behauptete.

Natürlich war es wie gefunden für John, und dieser nahm denn auch sofort den Handschuh auf, spottete über den schlechten Ruf des Hauses und versprach, es binnen acht Tagen wieder zu Ehren zu bringen.

Umsonst warnte man ihn feierlich, umsonst versicherte ihm einer seiner Mitgäste, nicht für eine Million würde er eine Nacht in dem Hause zubringen – sie würde ihn den Verstand kosten.

»Sie schätzen Ihren Verstand sehr hoch,« versetzte John, sarkastisch lächelnd. »Ich will den meinen unentgeltlich aufs Spiel setzen.«

»Wer zuletzt lacht, lacht am besten,« warf unser Gastgeber ein. »Noch sind Sie nicht über den Berg. Ich fordere Sie alle auf, heute in drei Tagen bei mir zu essen, und wenn unser Freund dann nachweist, daß er den Geistern über gewesen ist, wollen wir zusammen lachen. Einverstanden?«

Sämtliche Anwesende nahmen die Einladung an, und man besprach darauf die Vorkehrungen für Johns Nachtquartier. Ich beteiligte mich nicht an diesen Verhandlungen, stand aber am nächsten Abend Schlag Zehn – denn früher erscheint kein anständiger Geist – als Johns Zeuge vor der Tür des unheimlichen Hauses. Nicht um zu bleiben; der Mietwagen, womit wir gekommen waren, sollte mich nach meiner ehrbaren Wohnung zurückbringen.

Das verrufene Haus war groß und düster, und sein wuchtiges Portal blickte dräuend auf die kahlen Haustüren der Nachbarn herab. Der Verwalter, ein ausgedienter Soldat, bei Tage der Tapferste der Tapferen, wartete vorsichtigerweise draußen auf uns. Er drehte den Schlüssel um und ließ uns in einen weiten, hallenden Flur ein, schwarz wie die Unterwelt und kalt wie eine Gruft. »Meine Frau hat im ersten Vorderzimmer ein Bett überzogen und Feuer angemacht,« sagte er. »Ihre Sachen sind ausgepackt und ... ich wünsche wohl zu ruhen« – sein Ton klang zweifelnd. – »Nein, Herr! Danke, Herr! – Entschuldigen Sie, aber ich möchte lieber nicht mit 'neinkommen. – Gute Nacht.« Damit stolperte er in unziemlicher Hast die Treppe hinab und verschwand.

»Natürlich kommen Sie auch nicht mit hinein,« sagte John. »Es wäre gegen die Abrede, und ich ziehe es vor, ihnen allein gegenüberzutreten,« schloß er mit verächtlichem Lachen, einem Lachen, dessen seltsames Echo mir auffiel. Es klang meckernd und höhnisch zurück.

»Holen Sie mich morgen früh um Acht ab – lebend oder tot,« setzte er hinzu, schob mich hinaus und warf krachend die Tür ins Schloß.

Am nächsten Morgen war ich pünktlich zur Stelle, in Gesellschaft des alten Soldaten, der bei Hollyoaks Erscheinen dessen sichere, gleichmütige Haltung ehrfurchtsvoll anstaunte.

»Also war es natürlich alles Unsinn,« sagte ich, während er seinen Arm unter den meinen schob und mit mir unserm Klub zuwanderte.

»Sie sollen alles erfahren, wenn wir gegessen haben werden,« entgegnete er etwas nervös. »Der Bericht hat Zeit bis nach dem Frühstück. Ich komme um vor Hunger.«

Während wir unserm gebackenen Fisch und Eierkuchen zusprachen, bemerkte ich, daß Hollyoak ungewöhnlich ernst aussah, und daß seine Gedanken öfters abzuschweifen schienen. Als er sich eine Zigarre angezündet hatte, sagte er: »Ich sehe, Sie brennen darauf, meine Erlebnisse zu erfahren, und will Sie nicht länger zappeln lassen. Mit einem Wort: ich habe sie gesehen.«

Ich bin, wie gesagt, wortkarg. Ich sah ihn nur mit großen Augen an.

Ich glaube, ich tue am besten, wenn ich John Hollyoaks Erzählung mit seinen eigenen Worten wiederzugeben versuche. Soviel ich mich entsinne, lautete sie wie folgt:

»Nachdem ich Sie ausgesperrt hatte, ging ich beim Scheine eines Zündhölzchens die Treppe hinan und fand leicht das Vorderzimmer, da es halb offen stand und durch ein lustig knatterndes Feuer und zwei Wachskerzen erhellt wurde. Es war ein behaglicher Raum mit dem üblichen Himmelbett und altmodischen Möbeln. Verschiedene Türen erwiesen sich als Wandschränke, und nachdem ich diese Behälter alle gründlich untersucht und verschlossen, das Bett von allen Seiten besichtigt, die Wände beklopft und die Tür verriegelt hatte, setzte ich mich an den Kamin, zündete mir eine Zigarre an, nahm ein Buch zur Hand und fühlte mich bald ungemein behaglich. Mein Roman erwies sich als spannend; begierig las ich Kapitel um Kapitel und war so hingenommen und belustigt – denn es war ein humoristisches Buch – daß ich tatsächlich blind für meine Umgebung wurde und dachte, ich wäre zu Hause. Kein Laut war zu hören, nicht einmal eine Maus im Getäfel. Nur das Fallen der Asche unterbrach hin und wieder die Stille – da schlug eine nahe Kirchenuhr Zwölf.

»›Die Geisterstunde!‹ sagte ich mir. Dann schürte ich das Feuer und fing ein neues Kapitel an; aber ich hatte noch keine drei Seiten gelesen, als ich innehielt und lauschte. Was war das für ein Geräusch, das da näher und näher kam? ›Natürlich Ratten,‹ sagte die Vernunft; es war das richtige Haus für Geziefer. Dann eine Weile Stille. Wieder Geräusch, ein Trippeln, als kämen viele Füße den Gang herunter, das Klappern von Stöckelschuhen, das Rascheln seidener Schleppen. Natürlich war es Einbildung, hielt ich mir vor – oder Ratten. Ratten konnten solch unglaubliche Geräusche machen.

»Dann wieder Totenstille. Kein Laut, als das Fallen der Asche und das Ticken meiner Uhr, die auf dem Tische lag.

»Ich kehrte zu meiner Lektüre zurück, etwas beschämt, weil ich sie unterbrochen hatte, und tat die Störung ab als Ratten – nichts als Ratten.

»Ich hatte eine Zeitlang in ruhiger und höchst ungläubiger Gemütsverfassung gelesen und geraucht, als ich durch ein lautes Klopfen an meiner Tür erschreckt wurde. Ich ließ es unberücksichtigt, legte aber mein Buch nieder und setzte mich aufrecht. Ein zweites, noch herrischeres Klopfen. Ich überlegte einen Augenblick, dann stand ich auf, bewaffnete mich mit dem Schüreisen und riß heftig die Tür auf, bereit, einer Armee von Ratten die Köpfe zu zerschmettern. Zu meinem Erstaunen erblickte ich einen großen gepuderten Bedienten in scharlachroter Livree, der sich gemessen verneigte und meine Verblüffung steigerte, indem er sagte: ›Es ist angerichtet.‹

»›Ich komme nicht,‹ versetzte ich kurz, warf ihm die Tür vor der Nase zu, schob den Riegel vor und setzte mich wieder; aber das Lesen war Hohn, atemlos lauschte ich auf das nächste Geräusch.

»Es kam bald – schnelle Schritte treppauf, und wieder ein einziges Klopfen. Ich ging zur Tür und fand abermals den großen Bedienten davor stehen. Er machte mir eine gedrechselte Verbeugung und wiederholte: ›Es ist angerichtet, und die Herrschaften warten.‹

»›Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich nicht komme. Scheren Sie sich zum Teufel!‹ rief ich und warf die Tür wieder zu.

»Diesmal tat ich gar nicht, als ob ich läse, sondern saß und wartete auf das nächste Geräusch.

»Ich hatte nicht lange zu warten. Ein drittes lautes Klopfen erschallte. Ich riß die Tür auf. Da war wieder der Lakai mit seinem Geplapper.

»›Es ist angerichtet, die Herrschaften warten, und der gnädige Herr sagt, Sie müssen kommen.‹

»›Nun denn, ich komme,‹ erwiderte ich, plötzlich von dem Verlangen ergriffen, der Sache auf den Grund zu gehen.

»Der Bediente ging voran die Treppe hinab, und ich folgte ihm durch die jetzt strahlend erleuchteten Vorräume, in denen andere Diener hin und her eilten. Im Gehen bemerkte ich die goldenen Knöpfe an seiner Livree und seine stattlichen Waden, und mein Ohr vernahm, wohl aus der Gegend des Eßzimmers her, Stimmengewirr, lautes Gelächter und das Klappern von Messern und Gabeln. Ich hatte indes nicht viel Zeit zu Beobachtungen, denn gleich darauf stand ich drinnen, und mein Begleiter meldete mich mit schallender Stimme als ›Mr. Hollyoak‹.

»Ich traute kaum meinen Augen, als ich einen Kreis von einigen zwanzig Personen in der Tracht des achtzehnten Jahrhunderts vor mir sah. Die Tafel, woran sie saßen, war mit silbernem und goldenem Geschirr bedeckt und von strahlenden Wachskerzen erleuchtet.

»Bei meinem Eintreten erhob sich ein älterer Herr mit lederfarbenem Gesicht und stechenden schwarzen Augen, der an der Spitze der Tafel saß. Er trug eine Perücke und einen hochroten, mit Silber verbrämten Rock. Nachdem er mir die schönste Verbeugung gemacht hatte, die ich je empfangen habe, wies er mit einer höflichen Schwenkung seiner aristokratischen Hand auf meinen Platz, einen leeren Stuhl zwischen zwei gepuderten Schönen mit diamantfunkelnden Hälsen und üppigen weißen Schultern.

»Anfangs war ich fest überzeugt, daß die ganze Sache ein famos ausgeführter Scherz sei. Alles sah so wirklich, so leibhaftig, so vollständig aus – aber vergebens schaute ich mich nach bekannten Gesichtern um.

»Ich sah junge und alte, hübsche und häßliche. Alle zeigten denselben Ausdruck: frechen, starren Trotz und noch etwas andres, wovor ich schauderte, das ich aber nicht in Worte fassen konnte.

»Waren sie eine geheime Gesellschaft? Einbrecher oder Falschmünzer? Aber nein, ich sah sofort, daß sie zu den oberen Schichten der Gesellschaft gehörten – der Gesellschaft von ehedem! Das Geschwirr war einen Augenblick verstummt, und der Wirt rief, auf den Tisch klopfend, mit sonderbar schnarrender Stimme: ›Meine Damen und Herren! Gestatten Sie mir, eine Gesundheit auszubringen. Auf das Wohl unseres Gastes!‹ Dabei starrte er mich mit seinen funkelnden kohlschwarzen Augen an.

»Alle Gläser erhoben sich, alle Gesichter wandten sich mir zu – da kam mir zum Glück eine plötzliche Eingebung. Ich sprang auf und sagte: ›Meine Damen und Herren! Ich danke Ihnen für Ihre Gastfreundschaft, aber bevor ich davon Gebrauch mache, gestatten Sie mir, das Tischgebet zu sprechen.‹

»Ohne auf Erlaubnis zu warten, sprach ich hastig einen lateinischen Segen. Noch ehe die letzte Silbe heraus war, erloschen die Lichter unter furchtbarem Aufruhr; es gab ein Stöhnen und Fluchen, ein Kreischen und Durcheinanderrennen – dann trat Totenstille ein. Ich stand allein vor einem großen Mahagonitisch beim trüben Schimmer einer Laterne, die ihre schwachen Strahlen von der andern Seite der Straße in das große leere Zimmer warf. Ja, der Raum war unheimlich leer und totenstill. Ich muß gestehen, daß dieser plötzliche Umschlag von Licht zu Finsternis, von lärmender Gesellschaft zu völliger Stille und Einsamkeit meine Nerven erschütterte. Ich blieb einen Augenblick stehen und versuchte, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Ich rieb mir die Augen, um mich zu vergewissern, daß ich wachte, und legte dann diese Zigarrentasche hier auf den Tisch, als Wahrzeichen, daß ich unten gewesen war – ich fand sie heute früh auf der nämlichen Stelle. Dann tastete ich mich durch die beklemmende Finsternis nach meinem Zimmer zurück.

»Ich traf auf kein Hindernis, ich sah niemand – aber als ich meine Tür doppelt verschloß, hörte ich von der andern Seite des Schlüssellochs deutlich ein leises Lachen, eine Art halblauten, boshaften Kicherns, das mich wütend machte.

»Ich öffnete sofort die Tür, aber es war nichts zu sehen. Ich wartete und lauschte – es war nichts zu hören. Dann zog ich mich aus und ging zu Bett, mit dem Vorsatz, daß ein Regiment Bediente mich nicht wieder zu diesem Festmahl bringen sollten. Ich war entschlossen, allen Geistern zum Trotz meine Nachtruhe zu behaupten.

»Ich entsinne mich, daß ich im Einschlafen eine Kirchenuhr Zwei schlagen hörte. Es war der letzte Ton, den ich vernahm; das Haus war jetzt so still wie ein Grab. Ich versank in festen Schlaf und erwachte erst, als die Droschken und Milchwagen ihre Morgenlaufbahn begannen.

»Dann stand ich auf, zog mich gemächlich an und sah Sie, mein getreuer Freund, besorgt vor der Tür auf mich warten.

»Aber das kann ich Ihnen sagen: ich bin noch nicht fertig mit dem Hause. Ich will ergründen, wer diese Leute sind, und woher sie kommen. Ich werde nächste Nacht wieder dort schlafen – ich und Crib, mein Bullenbeißer, und Sie sollen sehen, daß ich morgen früh Bescheid wissen werde – das heißt, wenn ich noch am Leben bin,« setzte er lachend hinzu.

Umsonst versuchte ich, ihn davon abzubringen. Ich bat, flehte, beschwor. Ich sagte ihm, daß Verwegenheit nicht Mut sei, daß er genug gesehen habe, daß ich, der ich die Sache nur vom Hörensagen kennte, überzeugt wäre, daß diese alte Spielhölle mit Recht verrufen sei.

Ich hätte ebensogut zum Tisch reden können. Widerstrebend begleitete ich Hollyoak abermals nach seinem vorigen Nachtquartier, sah ihn abermals in dem finsteren, hallenden Flur verschwinden.

Erregt und beunruhigt kehrte ich heim, und statt nach meiner Gewohnheit wie ein Murmeltier zu schlafen, warf ich mich stundenlang wach umher, ein Raub der unsinnigsten Befürchtungen, über die ich bei Tage gelacht hätte. Diese Vorstellungen wurden so lebhaft, daß ich einmal John Hollyoak verzweifelt nach mir rufen zu hören glaubte. Ich richtete mich auf und lauschte. Natürlich war es nur Einbildung, denn als ich das tat, vernahm ich nichts mehr.

Beim ersten Grauen des Wintermorgens stand ich auf, zog mich an, verscheuchte die Wahngebilde der Nacht durch eine Tasse starken Kaffee und machte mich in meinem dicksten Überzieher auf den Weg zu John Hollyoak. Trotz der frühen Stunde – es war erst halb Acht – war der alte Soldat schon da, und das Gesicht, mit dem er vor der Tür auf und ab ging, hätte ein vortreffliches Titelbild zu Burtons »Anatomy of Melancholy« abgegeben; es war das Gegenteil von vergnügt.

Ich mochte nicht bis Acht warten; denn ich war zu beunruhigt und zu gespannt auf weitere Nachrichten von der Tafelrunde. So klopfte und klingelte ich denn aus Leibeskräften.

Kein Laut drinnen, keine Antwort; aber John hatte immer einen festen Schlaf gehabt. Ich war entschlossen, ihn aufzuwecken, und klopfte und klingelte, und klingelte und klopfte wohl eine Viertelstunde ununterbrochen.

Dann sah ich durchs Schlüsselloch, so lange, bis ich mich an die Dunkelheit gewöhnt hatte – und da war es mir, als ob ein andres Auge, ein seltsames, glühendes Auge, mich von drinnen anstarre.

Nun brachte ich den Mund ans Schlüsselloch und schrie mit aller Kraft meiner Lungen – es war mir einerlei, ob die Vorübergehenden mich für einen entsprungenen Tollhäusler hielten –: »John Hollyoak! John Hollyoak!«

Wie sein Name in dem großen, leeren Hause widerhallte! »Das muß er hören,« dachte ich, legte das Ohr ans Schloß und lauschte in bebender Erwartung.

Kaum war mein Ruf verhallt, als ich, so wahr ich lebe, deutlich ein kicherndes Hohngelächter hörte – das war die einzige Antwort – das! – und Grabesstille.

Ich war jetzt außer mir. In wahnsinniger Ungeduld rüttelte ich an der Tür. Ich stemmte mich mit aller Kraft dagegen, ich zerriß die Klingel; kurz, ich betrug mich so, daß ich die Aufmerksamkeit eines Schutzmannes erregte. Er kam über die Straße und erkundigte sich, was los sei.

»Ich will hinein!« keuchte ich.

»Sie täten besser, zu bleiben, wo Sie sind,« sprach der Mann des Gesetzes. »Die Außenseite dieses Hauses ist das Beste daran. Man erzählt sich schreckliche Geschichten ...«

»Aber drinnen ist ein Herr!« unterbrach ich ihn ungeduldig. »Er hat diese Nacht da geschlafen, und ich kann ihn nicht aufwecken. Er hat den Schlüssel.«

»So? – Sie können ihn nicht aufwecken,« sagte der Schutzmann ernst. »Dann müssen wir einen Schlosser kommen lassen.«

Aber der vorsorgliche alte Soldat hatte das bereits getan, und neugierige Zuschauer begannen sich anzusammeln.

Nach – für mich endlosen – fünf Minuten drehte die schwere Tür sich langsam in den Angeln, und ich stürmte hinein, gefolgt von dem Schutzmann und dem alten Soldaten – die sich Zeit ließen.

Ich hatte nicht weit nach John Hollyoak zu suchen. Er und sein Hund lagen tot am Fuße der Treppe! –


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