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Das stolze Mädchen

Eine Skizze in Schwarz und Weiß

Das erste Mal sah ich Miß Sheene an einem Sonnabend nachmittag in Hurlingham. Der Anlaß war denkwürdig für mich und ist mir daher im Gedächtnis geblieben; denn ich war noch nie im Klub gewesen, und es war mein achtzehnter Geburtstag. Offen gestanden, ging ich noch nicht in Gesellschaft, sondern war nur ein linkisches Cheltenhamer Schulmädchen, und verbrachte meine Ferien bei einer lebenslustigen Tante, die dabei blieb, mich als kleines Kind zu behandeln. Ich wurde daher auch niemand von den liebenswürdigen Herren und Damen vorgestellt, die Tante Sophie begrüßten und sich neben uns am Rande des Poloplatzes niederließen. Glücklicherweise störte das Gefühl, kaltgestellt zu sein, mich durchaus nicht, ja meine stumme Rolle war mir lieber, da sie mir Zeit ließ, mich umzusehen und das neue, aufregende Schauspiel zu erfassen. Die heranbrausenden Poloponies, deren Hufe ich mit heimlichem Entzücken gegen die Schranke dröhnen hörte – die Zurufe der Reiter – die wilden Weisen der Zigeunerkapelle – und nicht zum wenigsten die geschniegelte Menge. Während sie an mir vorüberflutete, unterhielt ich mich damit, mir Geschichten zu einzelnen Gesichtern auszudenken. So beschäftigte ich mich lebhaft mit einem stattlichen Paare: der Mann so stramm, sonnengebräunt und soldatisch, das Mädchen mit einem Gesicht wie eine wilde Rose. Noch fesselnder erschien mir eine andre Erscheinung, eine schlanke Elfe von biegsamer Gestalt, deren Gang die Anmut selbst war; ein Paar blaue Märchenaugen waren die Hauptschönheit des blassen, etwas hochmütigen Gesichts, das von einer Fülle weichen Goldhaares umgeben war; und selbst ich Hinterwäldlerin sah, daß das duftige weiße Schleppkleid und der Federhut aus Paris stammten. Die Trägerin sah nach etwas aus, und ich taufte sie bei mir »das stolze Mädchen«.

Das stolze Mädchen stand unter dem Schutze einer beleibten älteren Dame ohne Hals und von anmaßendem Ausdruck; aber ein hochmütiger Kopf verliert alle seine Schrecken, wenn er auf einem würfligen Rumpfe sitzt. Die Dame trug ein gesticktes Kleid von gedämpfter Pracht, und ich war überzeugt, daß sie am liebsten den Preis aufgedruckt gehabt hätte – jedenfalls machte der Anzug einen äußerst kostbaren Eindruck. An der Seite des Mädchens ging ein gebräunter, gut aussehender Mann von mittlerem Alter, und ich sah, wie er untertänige, fast demütige Versuche machte, sie zu unterhalten und ihr zu gefallen, während sie ihm kaum zuhörte und seine vergeblichen Bemühungen mit hochmütiger Nachsicht duldete. Allmählich steuerten Tante Sophie und ich dem Hause zu, um uns auf dem Rasenplatz mit Tee und Erdbeeren zu erfrischen. Wir saßen am Tische einer Lady Bexhill, die einige zwanzig Personen um sich versammelt hatte. Unter diesen entdeckte ich zu meiner Freude das stolze Mädchen und ihre Begleiter. Ich kam neben sie zu sitzen, eine Zuckerschale vermittelte die Bekanntschaft, und ein gemeinsames Mißgeschick führte uns näher zusammen. Ein eiliger Kellner warf einen Topf mit Sahne um, dessen Inhalt sich unparteiisch über ihr und mein Kleid ergoß. Es entstand ein kleiner Aufruhr; man gab Ratschläge, wischte, bedauerte uns. Ich war dem Weinen nahe; mein bestes Sommerkleid war verdorben – Sahne macht solche Flecken, und der zarte Foulard war hin. Meine Leidensgefährtin benahm sich wie eine Heldin, ja, sie zog die Sache sogar ins Scherzhafte, ließ sich von ihrem Sklaven beispringen und nahm seine Dienste mit einer Herablassung entgegen, die mich mit Bewunderung und Nacheifer erfüllte. Würde ich es je wagen, einen Herrn zu behandeln, als ob er ein Diener wäre? – Als wir dann zusammen nach dem Poloplatze zurückgingen, erzählte sie mir, daß dies nicht ihr erster Besuch in Hurlingham sei; sie gehe bereits den dritten Sommer in Gesellschaft und mache viel mit.

»Und tun Sie es gern?« fragte ich etwas schüchtern; denn ich fühlte mich durch die Beachtung dieser schönen, hochmütigen Prinzessin sehr geehrt.

»O ja, es geht an,« sagte sie schleppend. »Es ist zwar eine ziemliche Frone, bei dieser Hitze abends in zwei oder drei Gesellschaften zu gehen, nachdem man tagüber in Sandown oder auf der Themse gewesen ist. Tantchen,« sie zeigte auf die dicke Dame, die vor uns watschelte, »findet an allem Vergnügen. – Wie alt sind Sie?« fragte sie dann unvermittelt.

»Achtzehn. Heute geworden.«

»Und Sie machen noch nichts mit?«

»Nein,« gestand ich beschämt zu. »Aber ich gehe jetzt bald zu meinem Vater nach Indien. Dort werde ich in die Gesellschaft eingeführt werden.«

»Ist das Ihr erster Besuch im prangenden Orient?«

»Nein, ich bin dort geboren.«

»Ich auch,« verkündete das stolze Mädchen lachend. – »Warum sehen Sie so erstaunt aus?« fuhr sie hochmütig fort.

»Ich weiß nicht,« stotterte ich. »Sie sehen so – ich weiß nicht, wie ich sagen soll – so zart – so englisch aus.«

»Dachten Sie vielleicht, ich müsse schwarz sein, weil ich im Orient geboren bin?« fragte sie merkwürdig gereizt.

»O nein, ich bin selbst nicht schwarz,« versetzte ich, »und die Eingeborenen sind, soviel ich mich entsinne, hellbraun oder auch nur gelb.«

»Schwarz oder hellbraun, oder auch nur gelb – 's ist alles einerlei! – Ich habe einen unüberwindlichen Abscheu vor Farbigen und schwarzem Blut. Sahen Sie den Herrn, der so vor mir kriecht? Er ist ein Kubaner und ungeheuer reich. – Aber er hat irgendwo eine rothäutige Großmutter sitzen – und wenn seine Hand mich berührt, überläuft es mich kalt. – Ach, da schauen Bekannte nach mir aus,« unterbrach sie sich, stehen bleibend. »Nun, lassen Sie sich's gut gehen in Indien. Adieu!« Ein leises Lächeln, eine Verbeugung, und ich stand allein, mit den Gefühlen einer Untertanin, die vom Angesicht einer Königin entlassen ist.

Als meine Tante und ich eine Stunde darauf nach Parsons Green zur Untergrundbahn stiefelten, wurden wir von einem prächtigen Landauer überholt, worin das stolze Mädchen und ihre Verwandte saßen. Meine neue Bekannte nickte mir freundlich zu, während die Räder ihres Wagens uns mit Staub überschütteten.

»Oh, das sind ja die Leute, mit denen wir beim Tee zusammensaßen,« bemerkte meine Tante. »Ungeheuer reich! Das Mädchen tut, als ob sie eine Prinzessin wäre, und man sagt, daß Mrs. Tappadge nach einer Grafenkrone für sie ausschaut, während sie sich nur zu einem Herzog herablassen will. Sie ist die Pflegetochter der alten Dame, und natürlich deren sämtlichen Verwandten ein Dorn im Auge. Es war allerdings ziemlich hart für diese, als die reiche Tante ein kleines fremdes Balg herbrachte und zu ihrer Erbin einsetzte.«

*

Monate waren seit meinem achtzehnten Geburtstag vergangen, und ich befand mich an Bord der »Socotra« auf dem Wege nach Indien, versehen mit unzähligen guten Ratschlägen, einer angemessenen Ausstattung (worin Reitkleid und Sattel nicht fehlten), einer Menge Pakete für Bekannte von Bekannten und den Hoffnungen und Segenswünschen meiner Verwandten. Ich stand im Begriff, im Hause meines Vaters, eines hohen indischen Verwaltungsbeamten, den verantwortlichen Posten der Herrin zu übernehmen.

Die »Socotra« erwies sich als ziemlich schwach besetzt, doch waren eine Anzahl Beamte und Offiziere, die vom Urlaub zurückkehrten, und etwa vierzig Damen an Bord. Unter diesen erblickte ich zu meinem Erstaunen das stolze Mädchen. Sie sah auffallend blaß, schlank und zart aus, und war in tiefe Trauer gekleidet.

»Oh!« rief sie, auf mich zuschlendernd, »ich sehe, Sie sind starr, mich auf diesem Schiffe anzutreffen, doch Ihre Überraschung ist nichts gegen die meine. Ich freue mich sehr, ein bekanntes Gesicht zu sehen!«

»Sind Sie allein?« fragte ich verdutzt.

»Ja, ich reise im Schutze des Kapitäns. – Und Sie?«

»Ich bin Mrs. Charnock, einer Bekannten meines Vaters, anvertraut. – Ich sehe leider, daß Sie in Trauer sind,« fügte ich mit einem Blick auf ihr schwarzes Kleid hinzu.

»Ich trauere um Mrs. Tappadge, meine Pflegemutter. – Übrigens möchte ich Ihnen meinen Namen nennen: ich heiße Sheene, Lilias Sheene. Sobald ich mich eingerichtet habe, wollen wir ordentlich plaudern, und ich will Ihnen meine ganze Lebensgeschichte erzählen.« Mit dieser unerwarteten Verheißung nickte sie mir zu und verschwand in einer Kabine.

Miß Sheenes Einrichtung schien ein umständliches Verfahren zu sein; denn es vergingen zwei Tage, bevor ich sie wiedersah.

Es war ein schöner mondheller Abend, und die »Socotra« bahnte sich ihren Weg durch stille, glatte See, als Miß Sheene neben mir auftauchte und Besitz von meinem Arm und meiner Gesellschaft ergriff.

»Also Sie gehen zu Ihrem Vater?« begann sie ohne weitere Förmlichkeiten.

»Ja – ich habe ihn über fünf Jahre nicht gesehen ...« ich seufzte unwillkürlich.

»Warum so trübselig, Herzenskind?«

»Fünf Jahre sind eine so lange Zeit. Ich bin herangewachsen, habe mich verändert – und fürchte ...«

»Ihr Äußeres könnte ihm mißfallen,« unterbrach sie mich lachend. »Machen Sie sich darum keine Sorgen, Liebste. Ihr altmodisches Gesichtchen ist unverändert geblieben, seit Sie im Kniekleidchen gingen. – Ich habe meine Angehörigen zwanzig Jahre nicht gesehen – denken Sie sich! – Nun, hoffentlich werden sie nicht von mir enttäuscht sein – oder ich von ihnen,« fügte sie halb für sich hinzu.

»Zwanzig Jahre?« wiederholte ich verdutzt. »Das ist ja, als fingen Sie ein neues Leben an.«

»Ja, und nun will ich Ihnen die ganze Geschichte erzählen; denn ich bin in gesprächiger Laune und möchte nicht gerne dem Kapitän damit zur Last fallen. Ich bin sehr launenhaft, müssen Sie wissen. – Sind Sie denn eine gute Zuhörerin?«

»Ja,« erwiderte ich, »ich höre viel lieber zu, als daß ich rede.«

»Welche Seltenheit! Nun also! Vor Jahren lebte Mrs. Tappadge an demselben abgelegenen Ort wie meine Eltern. Ihr Mann hatte sich mit Indigo ein riesiges Vermögen erworben und war in Geschäften herübergekommen, aber er und ihr Töchterchen starben binnen wenigen Stunden an der Cholera, und Mrs. Tappadge blieb trostlos und halb von Sinnen zurück. Nach guter, alter indischer Art nahm meine Mutter sie zu sich und tat ihr möglichstes, um sie zu trösten, aber das einzige, worin die arme Frau Trost fand, war ich. Ich war genau so alt wie ihre verstorbene Tochter, und sie behauptete immer, ich sähe ihr wunderbar ähnlich – ja, sie scheint sich zuweilen eingeredet zu haben, ich sei ihr eigenes Kind. Sie ließ mich keinen Augenblick von sich und erbot sich schließlich, mich zu adoptieren und als ihre Tochter zu erziehen.«

»Und was sagten Ihre Eltern dazu?« fragte ich.

»Sie waren natürlich vernünftig und sagten ja; denn ich hatte sechs Geschwister, und mein Vater war – und ist – wenig bemittelt. Ich denke mir, daß meine Mutter Einwendungen gemacht haben wird, denn ich war die Jüngste, das Nesthäkchen, und nach Mrs. Tappadges Schilderung ein wahrer Engel mit veilchenblauen Augen und goldenem Haar, das reine Weihnachtskartenkind. – Nun, Mrs. Tappadge nahm mich also mit nach England und stellte mich ihren Verwandten als ihre Adoptivtochter vor. Sie können sich deren Entzücken denken! Sie hätschelte und verwöhnte mich, gab mir eine ausgezeichnete Erziehung und war so nachsichtig als möglich gegen mich. Nur in einem Punkte war sie streng und hart. Sie duldete nicht, daß ich auch nur den geringsten Verkehr mit meinen Angehörigen unterhielt – sie sagte, so sei die Abmachung, zwar ungeschrieben, aber bindend. Ich habe nie von ihnen gehört bis vor einem Jahr, wo ich so lange flehte, bettelte, weinte, bis ich die Erlaubnis erhielt, einmal zu Weihnachten zu schreiben, und sie – schrieben mir dann wieder.«

Sie verstummte, und wir setzten unsern Deckspaziergang in nachdenklichem Schweigen fort; jedenfalls stellte Miß Sheene Betrachtungen über diese Briefe an. Wir gingen dreimal auf und ab, ehe ich zu sprechen wagte.

»Und jetzt, wo Mrs. Tappadge tot ist, gehen Sie heim? – Sie kehren zu Ihren Angehörigen zurück?«

»Ja,« erwiderte sie, leicht zusammenfahrend. »Meine gute, nachsichtige Pflegemutter starb an einem Schlaganfall – ihr Testament war nicht unterzeichnet. Ich habe keine gesetzlichen Ansprüche, und statt Hunderttausende zu besitzen, kehre ich als eine fein erzogene, wohlgekleidete Bettlerin mit Prinzessinnengewohnheiten zu meinen Angehörigen zurück. Trotz dessen bin ich seelenvergnügt; denn schließlich geht doch nichts über die Bande des Blutes.«

»Wissen Sie, wie Ihre Angehörigen aussehen? Haben sie ihre Bilder geschickt?«

»Nein, ich habe nicht die leiseste Vorstellung von ihrem Äußeren. Gesellschaftlich gehören sie zum Mittelstande. Mein Vater hat eine Anstellung bei der Bahn, eine meiner Schwestern ist verheiratet, eine ist Krankenpflegerin und zwei sind zu Hause, ebenso meine beiden Brüder. Ihre Briefe klingen sehr herzlich. Natürlich,« sagte sie mit einem etwas ungeduldigen Seufzer, »haben sie nicht meine Erziehung gehabt. Ich bin in Paris und Wien und fast in allen deutschen Bädern gewesen, ich habe die Welt gesehen, ich bin bei Hof vorgestellt worden: ich habe in Europa meine Jugend genossen, wie man es nennt, und hoffe, das nun in Asien fortzusetzen. Im Grunde freue ich mich auf die Rückkehr – wie Kiplings Soldat ›hör' ich den Osten rufen‹, und fühle, daß es heimgeht. O, ich kann Ihnen nicht sagen, wie ich mich danach sehne, meine Mutter zu sehen!«

»Sie Glückliche!« rief ich. »Meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben. – Wie ich Sie beneide!«

»Wirklich? Und doch werden Sie gesellschaftlich weit über mir stehen. Sie sind die Tochter eines hohen indischen Beamten. Mein Vater dagegen nimmt keinerlei gesellschaftliche Stellung ein. Sie werden den Vortritt haben vor Frauen, die Ihre Großmutter sein könnten. Ich aber werde weit, weit hinten unter dem nachzottelnden Pöbel sein. – Wie merkwürdig mir das vorkommen wird!« Und sie lachte, als belustige der Gedanke sie.

Ja, sehr merkwürdig, äußerst merkwürdig, daß ich unscheinbares, unbeholfenes Gör als meines Vaters Tochter obenan unter den »Spitzen« thronen sollte, während das stolze Mädchen im Dunkeln schmachtete!

»Ich werde meine Schwestern unterrichten und sie mich,« hob Miß Sheene nach einer Pause wieder an. »Ich habe noch eine Menge zu lernen.«

»Was denn?«

»Nun, mich frisieren, Knöpfe annähen, Handschuhe ausbessern – künftig gibt es keine Kammerjungfern und französische Schneiderinnen mehr für mich. Immerhin glaube ich, daß Armut, die schreckliche schäbige Armut, die keine Stiefelhölzer und keine neuen Bücher hat, im indischen Mittelstande unbekannt ist. Ich werde jedenfalls eine Aja haben, die mir die Kleider und das Haar bürstet, und Mutter hat sicher Fuhrwerk.«

»Ohne Zweifel,« pflichtete ich bei.

»Ich habe gehört, daß in Indien selbst die Unteroffiziersfrauen Ponywagen haben; niemand geht zu Fuß, was ein Glück für mich ist. Ich bin grundfaul – nichts als ein faules, mittelloses, unnützes Ding, mit allen kostspieligen Neigungen einer verwöhnten Tochter des Reichtums.«

»Aber Mrs. Tappadges Verwandte haben Ihnen doch gewiß eine Rente ausgesetzt?«

»Bewahre! – Sie finden, daß sie sich äußerst freigebig und wahrhaft christlich benommen haben, indem sie mir das Geld zur Überfahrt, meine eigenen Kleider und Schmucksachen und fünfzig Pfund gaben, die ich, nebenbei bemerkt, sofort in Geschenken für meine Mutter und meine Schwestern angelegt habe.«

»Was bringen Sie ihnen denn mit?« fragte ich, etwas zerknirscht in dem Bewußtsein, daß meine einzige Gabe für meinen Vater in einem Paar Pantoffeln bestand.

»Für Mutter habe ich ein entzückendes Pariser Teekleid gekauft, höchst elegant und doch so bequem – ganz feenhaft!«

»Aber woher wußten Sie denn ihr Maß?« wandte ich ein. »Wenn es nun nicht paßt?«

»O es wird schon passen; ich habe das Gefühl, daß wir einander ziemlich ähnlich sind, daß ich überhaupt nach ihr arte. Jedenfalls hab' ich das Teekleid gewagt! – es ist so duftig, ganz aus Crêpe de Chine und Spitzen. Ich hab' auch eine bildschöne Gürtelkette für meine verheiratete Schwester aufgetrieben.«

»Sie haben wohl nie daran gedacht, sich zu verheiraten?« platzte ich heraus.

»Himmel, welche Gewissensfrage! – Nein, aber man hat daran gedacht, mich zu heiraten. Ich galt ja für eine Erbin.«

»O, ich bin überzeugt, daß es nicht Ihres Geldes wegen geschah,« widersprach ich eifrig.

»Das kann man nie wissen; aber ich gebe zu, daß unter den Bewerbern auch einige uneigennützige waren.«

»Zum Beispiel der braune Herr in Hurlingham,« wagte ich zu bemerken.

»Sie meinen den Grafen de Hortos,« versetzte sie sehr von oben herab. »Er war liebenswürdig, gebildet und – nun ja – anziehend, aber unmöglich.«

»Warum unmöglich?« forschte ich kühn.

»Einfach, weil er, wie Sie eben sagten, ein brauner Herr war. Ich habe einen Abscheu gegen Farbige. – Und nun hab' ich Sie halb tot geredet und schlage vor, daß wir hinuntergehen.«

Während der übrigen Reise nahm Miß Sheene mich unter ihren Schutz, und ich muß gestehen, daß ich mich durch ihre Beachtung sehr geschmeichelt fühlte. Wir hatten viel Gemeinsames: wir standen uns im Alter nahe, waren beide in Indien geboren, liebten die Musik und reisten einer unbekannten Heimat zu. Meine Bewunderung für sie war schrankenlos. Ich richtete alle ihre Bestellungen aus. Obgleich die Tochter eines »kleinen Zinngottes«, fühlte ich mich doch tief unter dieser großen, blonden, schönen jungen Dame mit den geschmackvollen Kleidern, der reichen Erfahrung, der kecken Sicherheit, den starken Vorurteilen. Ich war klein, brünett und unansehnlich, und ach, die Kunst der Toilette war mir ein Buch mit sieben Siegeln; auch war ich unsicher und schüchtern. Miß Sheene dagegen hatte ein unbedingtes Selbstvertrauen, die Sicherheit eines Diplomaten und den Mut eines Zulukriegers. Ich bin Zeuge gewesen, wie sie Mrs. Charnock, meine Kabinengefährtin, abtrumpfte – eine standhafte kleine Dame, die Tiger geschossen hatte –, sie abtrumpfte, bis sie einen kläglichen Rückzug antrat. Ebenso trumpfte sie alle Herren ab, die sie bewundern wollten. Ein einziger entging diesem Schicksal, weil er ebenso kühl und unnahbar war wie sie.

»Ich begreife nicht, was Sie an dem gräßlichen Halbblutmädchen finden?« redete Mrs. Charnock mich eines Tages in der Einsamkeit unsrer Kabine an. »Ich bin überzeugt, daß Ihr Herr Vater einen solchen Verkehr nie dulden würde. Jetzt, wo wir uns der indischen Küste nähern, müssen Sie an Ihre Stellung denken.«

»Ich habe keine Ahnung, wen Sie meinen, Mrs. Charnock. Ich habe nie in meinem Leben ein Halbblutmädchen gesehen,« versicherte ich erstaunt.

»Nun – und Miß Sheene?« fragte sie erregt.

»Sie ist englischer Abkunft und hat einen krankhaften Widerwillen gegen Eurasier.«

»Allerdings krankhaft, da sie selbst eine Eurasierin ist! Sie brauchen nur an einem kühlen Morgen auf ihre Finger zu achten, und Sie werden sehen, daß die Haut unter den Nägeln blau ist – ein ganz untrügliches Zeichen!«

»Wir haben jetzt keine kühlen Morgen,« entgegnete ich, »und selbst wenn Ihr Beweis zuträfe, bin ich vollkommen sicher, daß Miß Sheene eine reinblütige Europäerin ist.«

»Ich gebe zu, daß sie sich vorzüglich anzuziehen versteht und eine unglaubliche Dreistigkeit besitzt, auch ist sie schön gewachsen und schlank wie eine Binse – jetzt noch! In zehn Jahren wird sie eine kolossale Boa constrictor sein. Diese Eurasierinnen fließen alle auseinander. – Ich finde es ja sehr anerkennenswert, liebes Kind, daß Sie für Ihren Schützling eintreten« (wenn Mrs. Charnock gewußt hätte, daß das Verhältnis umgekehrt war!), »aber ich bin zur Strafe meiner Sünden fünfzehn Jahre in Indien gewesen, und Sie müssen mir wirklich erlauben, einen Mischling zu erkennen, wenn ich ihn sehe. Ich habe Miß Sheenes Geschichte gehört: ein angenommenes Kind, das im Testament übergangen wurde – es ist schmählich. – Anderseits ist sie gräßlich anmaßend, redet über Wagner und Ibsen, über Inkunabeln und erste Ausgaben und dergleichen. Ihre Kleider sind entzückend; aber diese Eurasierinnen geben alle viel auf Kleidung. Ein Mädchen, das in einem reichen englischen Hause, umgeben von jeder Verfeinerung, aufgewachsen ist, zurückgestoßen in das Gekrabbel einer schmutzigen armen Eurasierfamilie – o welch eine Hölle erwartet sie! Ihr ärgster Feind könnte über ihr Schicksal weinen ...«

»Mrs. Charnock,« fiel ich erregt ein, »Sie kennen Miß Sheene nicht, wie ich sie kenne, und wenn Sie noch ein Wort weiter sagen, werde ich ...« Doch ach, da brach ich in Tränen aus.

Ich, die Tochter eines hohen Beamten in ihres Mannes Provinz, wagte nicht, Mrs. Charnock zu trotzen – wenigstens jetzt noch nicht.

»Nun, weinen Sie nur nicht,« sagte sie, mir über das Haar streichend, »wir wollen den Gegenstand fallen lassen und jeder bei seiner Meinung bleiben – aber eines Tages werden Sie schon sehen, daß ich recht habe.«

An dem Abend sah ich mir Miß Sheene auf Mrs. Charnocks gräßliche Behauptung hin an. Sie trug ein weißes Kleid (wir waren bereits in den Tropen) und sah so zart und hold aus, wie ihre Namensschwester, die Lilie – kurz, wenn ich die Sache unparteiisch betrachtete, kam ich zu der demütigenden Überzeugung, daß ich weit eher für eine Eurasierin gehalten werden könne. Als Miß Sheene und ich später zusammen in einer Ecke des Musikzimmers saßen, sagte sie träumerisch: »In wenigen Tagen müssen wir scheiden. Wie unser Leben sich wohl gestalten wird? – Wollen Sie mir schreiben, wenn ich Ihnen meine Adresse gebe – oder werden Sie mich in acht Tagen vergessen haben?«

»Nie! – Ich werde Sie nie vergessen!« beteuerte ich. »Und ich will Ihnen alle acht Tage schreiben, wenn Ihnen etwas an meinen Briefen liegt.«

»Sachte, sachte!« rief sie, »Sie müssen keine vorschnellen Versprechungen machen, Sie ungestümes Kind. Sie haben noch keinen Begriff von der Stellung Ihres Vaters – unsre Lebenswege gehen weit auseinander. Ich ziehe nach Norden, Sie nach Süden. Ich gehöre Kreisen an, die tief unter Ihnen stehen.«

Ich lachte und wies statt aller Antwort auf unsre Spiegelbilder gegenüber.

»O ja,« meinte sie, sich langsam fächelnd, »ich sehe sehr zart und fein und prinzessinnenhaft aus. Ich bin im Schoße des Überflusses aufgepäppelt – und Sie sind nur ein wohlerzogenes, schlichtes kleines Mädchen, unbekannt mit der Pracht und Eitelkeit dieser argen Welt. Doch im Hafen von Bombay tauschen wir die Rollen. Da holt Ihr Vater Sie mit einem halben Dutzend rot und goldener Läufer in einem prächtigen Wagen ab, während ich von niemand bewillkommt werde. Es ist eine weite, teure Reise bis zur Küste. Nun, ich werde meinen Weg schon ganz gut allein finden; es wird mir gar nicht wie ein fremdes Land sein.«

»Und doch erinnern Sie sich an nichts mehr?«

»An gar nichts als ein buntes hölzernes Spielzeug, eine Puppe mit gelbem Turban und einem roten Rock mit goldenen Punkten. Ist es nicht merkwürdig, wie ein Kind solchen Tand im Gedächtnis behält, während es sich des Gesichts seiner Mutter nicht erinnern kann?«

*

In Bombay holte mein Vater mich ab. Er kam an Bord, sobald der Hafenarzt fort war, und schien aufrichtig erfreut, mich wiederzusehen. Er war ein ernster, zurückhaltender Mann, vor dem ich immer große Scheu gehabt hatte: die Scheu vor dem Unbekannten. Er küßte mich zärtlich und hieß mich in Indien willkommen. – Miß Sheene wurde, wie sie vorausgesagt hatte, von niemand abgeholt; daher stellte ich sie Vater als meine Freundin vor, und wir nahmen sie mit nach unserm Hotel, wo sie sich herbeiließ, bis zu unsrer Abfahrt mein Wohnzimmer zu teilen. Nach Tisch fuhr mein Vater nach Malabar Hill, wo er wichtige Geschäfte mit dem Gouverneur hatte, und Miß Sheene und ich blieben allein. Ich schrieb eine Karte, die mit dem nächsten Postdampfer abgehen sollte, und trug sie selbst hinunter, um mir im Kontor Marken zu kaufen. Während ich dort wartete, trat eine unförmlich dicke alte Frau in die Vorhalle. Sie war sehr dunkelfarbig, sehr erhitzt und schien förmlich geschwollen von unterdrückter Aufregung. Sie trug einen rosenbedeckten schwarzen Sammethut und ein staubbedecktes schwarzes Kleid. In der einen Hand hielt sie ein Paar gelbe Zwirnhandschuhe, und in der andern ein schmutziges, grobes Taschentuch, womit sie sich beständig über das Gesicht fuhr.

»Sagen Sie, Miß,« redete sie mich eifrig an, »sind Sie eben mit der ›Socotra‹ aus England gekommen?«

Ich bejahte diese Frage.

»O, dann ist's gut,« fuhr sie fort. Sie sprach mit sonderbar gebrochenem fremdländischen Akzent.

»Meine Tochter« – sie sprach es Tachter aus – »ist auch mit der ›Socotra‹ gefahren – Sie sind natürlich mit ihr zusammengetroffen.«

Ich schüttelte den Kopf mit ungewohntem Hochmut – dem neuerworbenen Selbstgefühl der Tochter eines »kleinen Zinngottes«.

»Doch doch! – sie wollte erster Klasse reisen – haben Sie denn nicht Miß Sheene kennen gelernt?« Und sie schwenkte gebieterisch ihre Handschuhe.

»Miß Sheene? Ist das Ihre Tochter?« stieß ich hervor, und mir war, als schwankte der Boden unter meinen Füßen.

»Nu ja – warum nicht? – Sie ist in England erzogen worden – eine Freundin von mir hatte sie mitgenommen – und jetzt kommt sie nach Hause und wir freuen uns alle so sehr, obgleich wir keine reichen, vornehmen Leute sind. Mein Mann hat bloß vierhundert Rupien den Monat, aber wir sind eine sehr liebevolle Famillje und haben Platz genug für Lilias. – Gott, was sehn' ich mich, sie zu sehen! Lieber Gott, wenn ich an meine Kleine denke!«

Ihre Stimme hatte einen weichen, klagenden Ton, und – verhaßte Entdeckung! – ihre grauen Augen erinnerten an die von Lilias.

»Wo ist sie?« fuhr Mrs. Sheene gebieterisch fort. Offenbar betrachtete sie mich als ihrer Tochter Hüterin.

»Sie ist oben, in Nummer zweiunddreißig – aber warten Sie einen Augenblick,« bat ich verstört. Dann eilte ich zum Lift, ließ mich aufwärts wirbeln, raste den Korridor entlang, und riß atemlos die Tür unsres Zimmers auf.

Miß Sheene lag, ohne eine Ahnung von ihrem Verhängnis, auf dem Sofa, in ein weiß und goldenes Büchlein vertieft. Sie trug ein weißes Kleid, goldene Armbänder und Ohrgehänge und eine Perlenkette – die gewöhnliche Kleidung einer indischen feinen jungen Dame. O, welch einen Gegensatz bildete sie zu der Frau, die ihr das Leben gegeben hatte, und deren schwerer, eiliger Schritt schon hinter mir her kam. Ich mußte um jeden Preis Lilias vorbereiten, obgleich mir die Kehle wie zugeschnürt war vor Mitleid und Entsetzen.

»Nun, was gibt's, Sie kleiner Wirbelwind?« fragte sie nachlässig. »Haben Sie vielleicht eine Klapperschlange gesehen?«

»Nein, nein,« stotterte ich hervor, »ich bin nur hergelaufen, um Ihnen zu sagen, daß ...« ich hielt inne; die Ankündigung wollte nicht über meine Lippen. »Daß ... daß ...«

»Daß – daß,« spottete sie mir nach, »seine Exzellenz der Gouverneur unten ist und nach Miß Lathom fragt.«

»Nein – aber Ihre Mutter!« keuchte ich. »Sie ist hier – sie kommt schon herauf.«

Miß Sheene warf das Buch auf den Tisch und fuhr in die Höhe. Sie war bis in die Lippen erbleicht. »Meine Mutter hier, um mich zu holen!« rief sie halb schluchzend.

»Sie ist nicht – sie ist –« hob ich verzweifelt an; aber die schweren Schritte waren jetzt deutlich hörbar, und ein breiter Schatten erschien auf der Schwelle. Ich fuhr zurück, als ich des riesigen Hutes ansichtig wurde.

»Dies ist Nummer zweiunddreißig,« sagte eine Stimme – und dann riß ich eine gegenüberliegende Tür auf und floh. Ich zitterte an allen Gliedern in dem Gefühl, als müsse sich hinter mir etwas Entsetzliches ereignen. Mir war, als flöhe ich vom Schauplatz eines Mordes. Eine volle Stunde ging ich in meinem Schlafzimmer auf und ab, so erregt, daß ich einer ernsten Erkrankung nahe war. Endlich faßte ich Mut, ging gerade auf die Tür zu und klopfte schüchtern. Keine Antwort. Ich klinkte auf und trat klopfenden Herzens ein. Aber meine Befürchtungen waren umsonst: das Zimmer war leer. Miß Sheenes Buch lag auf dem Tische, ein schmutziger gelber Zwirnhandschuh lag am Boden, es roch durchdringend nach Kokosnußöl und – das war alles.

Ich eilte ins Kontor und erfuhr, daß »die junge Dame und ihre Dienerin« das Hotel vor etwa zehn Minuten verlassen hatten – die Dame habe für Mitbenützung des Wohnzimmers bezahlt und keine Bestellung – auch keine Adresse hinterlassen.

Leider waren wir eilig: die Zeit eines indischen Würdenträgers, der die Fäden vieler Schicksale hält, ist kostbar – sonst würde ich meinen Vater gebeten haben, noch einen oder wenigstens einen halben Tag in Bombay bleiben zu dürfen, um Nachforschungen über den Verbleib meiner Reisegefährtin anzustellen. Aber schon wartete eine Regierungskarosse mit rot und goldenen Läufern, um uns zur Bahn zu bringen – es war kein Augenblick zu verlieren. Und bis auf den heutigen Tag – der Zeitraum umfaßt Jahre – habe ich trotz meiner eifrigen Bemühungen und des Beistandes der Behörden keine Spur von Lilias Sheene entdecken können.


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