Autorenseite

 << zurück 

Ein Nachspiel

Viele Jahre waren seitdem ins Land gegangen.

Der Name des roten Freibeuters gehörte beinahe schon der Sage an. Neue Ereignisse hatten die Erinnerung an seine Person verdrängt. Nur den Kindern erzählte man noch Märchen von seinen Heldenthaten, und die alten Seeleute, die während der langen, eintönigen Nachtwachen an Bord von ihren eigenen Erlebnissen bei den Kämpfen mit dem berüchtigten Seeräuber berichten konnten, starben allmählich aus.

Wie es immer im Leben geht: das Gerücht, die Sage und Fabeln verfehlten nicht, die tollkühnen Thaten des roten Freibeuters noch auf alle erdenkliche Weise auszuschmücken und zu entstellen.

Neue große Ereignisse drängten die Erinnerung daran zurück.

Die englischen Kolonieen, lange genug vom Mutterlande sklavisch abhängig, empörten sich gegen die Königliche Regierung. Ein lang andauernder Krieg entspann sich. Das schöne Seestädtchen Newport mußte die mannigfachsten Schicksale über sich ergehen lassen. Bald wurde es von den Truppen des Königs von England, bald von denen der Aufständischen und ihren Verbündeten besetzt. Der Hafen mußte bald die eigenen, bald die fremden Flotten beherbergen – und die friedlichen Landhäuser erzitterten oft unter dem Kriegsruf der freiheitsdurstigen, begeisterten Jugend.

Über zwanzig Jahre waren seit dem Tage verstrichen, da die Royal Karolina unter der Führung ihres blutjungen Kapitäns ausgezogen war, um ein Opfer der wütenden Elemente zu werden.

Ganz Newport befand sich heute wie damals in fröhlichster Stimmung. Heute aber feierte man ein viel größeres Fest als damals: durfte man doch hoffen, endlich völlige Freiheit und Unabhängigkeit errungen zu haben. Die verbündeten Truppen hatten durch Geschicklichkeit und Übermacht einen der kühnsten Generale der Engländer gezwungen, sich und seine Armee gefangen zu geben.

Man glaubte, der Krieg sei zu Ende.

Unter den Fahrzeugen der siegreichen Flotte befand sich eine stattliche Fregatte, welche die bunten, heiteren Farben der Verbündeten – die glanzreiche, buntgestreifte Flagge mit ihrem blauen Felde aufgehender Sterne, das Panier der Vereinigten Staaten von Nordamerika – am lustigsten im Winde flattern ließ.

Den ganzen Tag über hatte man im Hafen von Newport und in der Seestadt selbst seiner Freude über den Waffenerfolg lauten Ausdruck gegeben. Mit dem sinkenden Tage nahmen auch die Lustbarkeiten ein Ende, und auch auf dem Wasser, inmitten der heute früh eingelaufenen Flotte, wurde es stiller.

Da stieß von der Fregatte ein Boot ab, das – von der Flut getragen und von den Armen sechs stämmiger Männer gerudert – dem Ankerplatz am Bollwerk zusteuerte.

Etwas abseits von dem Menschengewühl, das auch jetzt noch am Hafenufer herrschte, landete das Boot.

In einiger Entfernung stand ein ernst dreinblickender Mann. Er hatte die Bewegungen der Ruderer genau beobachtet; er unterschied, daß die Männer eine mit Vorhängen verhüllte Tragbahre ans Land setzten. Der Beobachter trat näher und flüsterte einige Worte.

»Du bist's – Roderich?« ließ sich eine hohle, dumpfe Stimme aus dem Innern der Tragbahre vernehmen.

Der näher herangekommene Mann bejahte.

Die Seeleute hoben die Bahre auf und traten den Weg nach der Stadt an. Roderich schritt voraus. Bei den ersten Häusern begegnete der Zug einem armen, zerlumpten Krüppel.

»He, guter Freund,« sprach der Vorausschreitende den Alten an, »könnt Ihr mir sagen, ob Kapitän Harry de Lacey, von der Kontinental-Marine – will sagen, den Seetruppen der Vereinigten Staaten Nordamerikas – ein Haus hier in Newport besitzt?«

»Gewiß, Freund, – dort auf der Anhöhe wohnt er mit seiner Frau, der mildthätigen Gertrud de Lacey. Ihr kommt zur guten Stunde, denn gestern hättet Ihr ihn noch auf offenem Meere suchen müssen.«

Roderich steckte dem Alten eine Silbermünze zu. »Wollt Ihr uns nach dem Hause führen?« fragte er ihn dabei.

Der Krüppel nickte und humpelte auf seinem Stelzfuße voraus. Die Seeleute folgten den beiden mit der Tragbahre.

Neugierig blieb der Alte von Zeit zu Zeit stehen, sich nach dem seltsamen Beschluß des von ihm angeführten kleinen Zuges umblickend. Man vernahm aus dem Innern der Bahre wohl tiefe, dumpfe Seufzer – der Wegweiser konnte aber nicht herausbringen, was für ein menschliches Wesen sich darinnen befand. Auf all seine Fragen hüllten sich die rätselvollen Fremden, die – einigen Anzeichen der Kleidung nach – zur Kontinental-Marine gehörten, in düsteres Schweigen.

So gelangte der Trupp zu einem schmucken Landhause, dessen äußere Umrisse aber in der vorgeschrittenen Dämmerung nur noch verschwommen erkennbar waren.

In tiefem Schweigen hielt die Gruppe vor der Hausthüre. Bevor man die Klingel zog, wurde der Alte abgelohnt und fortgeschickt.

Auf das Läuten öffnete sich dann die Thüre. Die Erscheinung des Öffnenden war nicht gerade die vertrauenerweckendste. Bei dem spärlichen Lichtschein wurde ein breitschultriger Seemann sichtbar, dessen Gesichtszüge etwas Absprechendes, Düsteres, ja Wildes hatten.

»Was giebt's?« fragte er grob.

»Ein verwundeter Seemann bittet um die Gastfreundschaft seines alten Kriegsgenossen Harry de Lacey.« Roderich hatte in so herzlichem Tone gesprochen, daß das Herz des alten Seebären auf der Stelle erweicht wurde.

»Ich müßte nicht Richard Fid sein, wenn ich Euch nicht sogleich meinem gnädigsten Herrn melden würde!« brummte er gutmütig.

Da gesellte sich ein schlanker, junger Mann, der die Uniform eines Seekadetten trug, zu dem alten Seemann. Er war der älteste Sohn des Kapitäns Harry de Lacey.

»He, Master Paul, wollen Sie die Botschaft ausrichten? Inzwischen führe ich den Besuch in einen schicklichen Raum.«

Der junge Mann nickte freundlich und verschwand. Richard Fid führte die kleine Schar in ein Wohnzimmer. Nachdem die Träger die Bahre niedergesetzt hatten, wurden sie von Roderich entlassen.

Da der alte Matrose den seltsamen Gästen – namentlich wegen der geheimnisvollen Tragbahre – nicht recht traute, machte er sich, bis der Hausherr eintrat, allerlei im Zimmer zu schaffen, putzte die Lichter, legte frisches Holz auf das hellflackernde Feuer und brummte kopfschüttelnd vor sich hin.

Endlich öffnete sich die Thür und der junge de Lacey führte seine Eltern und seine Großmutter ins Zimmer.

Harry, jetzt ein Mann in mittleren Jahren, in der schmucken Uniform eines Schiffskapitäns der neuen Staaten, war noch immer eine Heldengestalt zu nennen. Sein Blick war ruhig – sein Schritt fest, wenn auch die Last der Jahre und die vielen erlittenen Strapazen seinem Haupthaar schon die Mischung von Grau gegeben hatten. Den einen Arm trug er in der Binde, denn er war in dem letzten Seetreffen verwundet worden. Den andern Arm hatte er um sein Weib geschlungen, dessen klare, freundliche Augen trotz der Jahre große Wärme ausstrahlten. Dem Paare folgte eine Greisin mit friedlichem, ruhigem Antlitz.

Alle drei blickten den Fremden und die auf dem Boden ruhende Last verwundert an. Roderich zuckte in schmerzlicher Erinnerung zusammen, als er die Eintretenden wiedererkannte, und sagte in ernstem Tone:

»Verzeihung für unser Eindringen! Gern hätte ich Ihnen dieses Wiedersehen erspart. Doch der, dessen Wille mir Gesetz ist, wollte hierhergebracht sein.«

»Wiedersehen?« fragte Harry erstaunt, der den Fremden noch immer nicht erkannte. »Und was – was wünscht Ihr rätselvoller Begleiter?«

»Er will hier sterben!« flüsterte Roderich in tiefer Bewegung.

Die Zuhörer schraken zusammen. Der Kapitän trat an die Bahre und zog sanft den Vorhang beiseite.

Ja – ein Sterbender befand sich hier. Müde und hinfällig war sein Körper, bleich und starr sein Antlitz – das einzige, was noch an ihm zu leben schien, war sein Auge. Glänzend und glühend, voller Bewußtsein, ja fast strahlend schweiften die Blicke des Sterbenden über die kleine Gruppe.

Eine lange, feierliche Pause trat ein. Während die Umherstehenden, von der Nähe des Todes ergriffen, schwiegen, fragte Harry de Lacey endlich in sanftem, schonendem Tone:

»Können wir Ihnen helfen, armer Mann, – zu Ihrem Trost beitragen? Haben Sie irgend einen Wunsch, den Menschenwille Ihnen zu erfüllen vermag?«

Das Lächeln des Sterbenden hatte etwas Gespenstisches, und doch war in dem Ausdruck desselben Zärtlichkeit mit Schmerz gepaart. Er antwortete nicht – sein Blick schweifte langsam von einem Antlitz zum andern.

Mit einemmal beugte sich die Greisin zu dem Sterbenden vor, streckte die zitternde Hand nach ihm aus und rief: »Harry – Gertrud, dieses Antlitz ist uns nicht fremd! Seht ihr denn nicht die traurigen Trümmer von einem, den ihr zugleich liebtet und fürchtetet?«

Ein hohles Stöhnen drang aus der Brust des Fremden. Mit leiser, aber tiefer und deutlicher Stimme sagte er:

»Harry Wilder, ich bin gekommen, mir den letzten Dienst von Ihnen zu erbitten.«

»Kapitän Heidegger!« schrie der Offizier auf.

»Der rote Freibeuter!« sprach zitternd und erschreckt Frau Gertrud, unwillkürlich vor der unheimlichen Erscheinung zurückweichend.

Einen Augenblick lang herrschte tiefe Ergriffenheit. Richard Fid, der sich die ganze Zeit über mit dem Kaminfeuer zu schaffen gemacht hatte, um das Zimmer nicht verlassen zu müssen, trat nun gleichfalls näher. »Hm – also endlich abgetakelt!« brummte er.

Der Sterbende richtete sich mühsam ein wenig empor. Seine letzten Kräfte aufbietend, sagte er: »Lange Jahre lebte ich in tiefer Abgeschiedenheit von der Welt, der Reue hingegeben. Doch als nun mein Vaterland rief, da ergriff ich müder, alter Mann mit neu erwachender Kraft wieder das Schwert. Harry – unser Vaterland brauchte uns beide, und beide hat es gehabt. Ich habe von Ihren Thaten gehört – Ihren Namen rief man bewundernd von Schiff zu Schiff. Ich focht unter fremdem Namen – mein Blut gab ich für die heilige Sache des Vaterlandes hin. Wenn die Welt mich einst verdammen will wegen meiner schlechten Thaten – so suchet ihr Urteil zu lindern durch Erwähnung des Guten, das ich in letzter Stunde zu thun trachtete. Und ihr, meine Freunde, verzeihet mir!«

Alle Hände falteten sich – wie zum Gebet.

Der Sterbende las die Verzeihung aus den thränenumschleierten Augen der Anwesenden. Ein seliges Lächeln kam über sein Antlitz. Mit übernatürlicher Kraft hob er seinen hinfälligen Körper dann empor. Er hielt in seinen zitternden Händen eine Flagge, die er langsam entrollte.

Es war die strahlende, buntgestreifte Flagge der Vereinigten Staaten von Nordamerika mit ihrem blauen Felde voll aufgehender Sterne.

Die Glut hohen Triumphs leuchtete aus seinen Zügen – wie nie zuvor in seinen stolzesten Tagen.

»Harry, mein Freund, – – wir haben gesiegt!« kam es fast jubelnd von den bleichen Lippen.

Erstarrt sank Heidegger zurück. Es zuckte noch einmal über seine Gestalt – dann nahm der Tod Besitz von dem müden Leibe des Seefahrers.

Ergriffen blickten die Anwesenden vor sich nieder. Harry de Lacey drückte dem Toten die Augen zu und breitete über seinem Haupte das sternbesäte Banner aus.

»Er ruhe in Frieden!« sagte er dabei leise.

.


 << zurück