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Achtes Kapitel.
Ein Friedensbote

Die Überfahrt war nur kurz. Die Befreiten hatten sich noch nicht aus ihrer Gedankenverwirrung erholt, als man sie schon aufforderte, die Treppe des Königlichen Schiffes zu besteigen.

Kapitän Bignell hatte staunend und überrascht das Näherkommen des Bootes erwartet. Er traute seinen Augen nicht – er sah zwei Damen auf dem kleinen Fahrzeug, das sich mit raschen Ruderschlägen dem Pfeil näherte.

»Damen an Bord eines Königlichen Kriegsschiffes? Ist dieser Howard des Teufels? … Herr Kaplan, überzeugen Sie sich selbst!«

Doktor Werton führte das Glas an die Augen. »Aber sehen Sie denn nicht, wer bei den Damen im Boote sitzt?«

»Heiliger Himmel – Harry Arche, mein erster Leutnant! Wie kommt der an Bord der Gazelle?«

Schon hatte die Pinasse angelegt – Harry half den Damen an Bord des Pfeil. Kaum aber hatte Frau Wyllys das Verdeck des Schiffes betreten, als sie auch schon – die Hand zitternd nach dem Geistlichen ausstreckend – erschüttert ausrief:

»Werton! Der Himmel schütze mich – stehen die Toten wieder auf?«

Der Geistliche hatte gleichfalls einen dumpfen Schrei ausgestoßen. »Meine arme, gnädigste Frau!« sagte er dann, ihr die Hände drückend.

Alle waren von diesem Wiedersehen ergriffen. Da man bemerkte, daß Frau Wyllys einer Ohnmacht nahe war, führte man sie in die Kajüte. Der Schiffskaplan und der Kapitän, Harry und Gertrud folgten.

Endlich kam die Erschöpfte wieder zu sich. »O, welch ein Wiedersehen!« sagte sie gerührt. »Gertrud, in diesem Herrn siehst du den Geistlichen, welcher mich mit dem Manne verband, der einst das Glück und der Stolz meines Daseins war.«

Mit bewegten Worten sprach der Kaplan auf sie ein.

»Ach, warum mußte er so früh sterben!« klagte die Erschöpfte. »Und auch mein Sohn, das einzige Kind, das wir besaßen, mußte dem unerbittlichen Sensenmann zum Opfer fallen.«

Der Geistliche hatte ihre Hände erfaßt. »Arme – arme Frau! Seit jenem schmerzbewegten Briefe, den Sie mir auf meine Mitteilung von dem Untergange des Schiffes, auf dem sich Ihr Söhnchen befand, sandten, war ich ohne jede Nachricht von Ihnen. Ich forschte nach Ihnen – aber niemand vermochte mir Ihren Aufenthaltsort zu nennen.«

Frau Wyllys weinte still vor sich hin. »Als mein Gatte gestorben war – auf dem Felde der Ehre gefallen – und als ich auch noch den Schmerz erleben mußte, mein Kind zu verlieren, da zog ich mich still zurück; ich nahm in einer befreundeten und zugleich verwandten Familie die Stelle einer Erzieherin an. Und den Namen meines Gatten wollte ich nicht mehr tragen, da meine äußeren Verhältnisse nicht gestatteten, seinem Rang entsprechend zu leben.«

»Diese Dame ist die Tochter des verstorbenen Kapitäns Ellington, die Witwe des Sohnes unseres ehemaligen Contre-Admirals de Lacey

»De Lacey!« rief Fräulein Gertrud freudig überrascht.

»Ja, mein Kind, das Gesetz giebt mir ein Recht, mich so zu nennen. Du siehst also in mir nicht nur deine Erzieherin, sondern auch eine nahe Verwandte.«

Die beiden Frauen umarmten und küßten einander.

»Der Gatte der Frau de Lacey,« erklärte der Geistliche den andern, »machte den Krieg gegen Frankreich mit. Bei einer Überfahrt nach Newport nahm er sein junges Weib mit, um in jener anmutigen Küstenstadt ihr ein behagliches Heim zu gründen. Bis zur Fertigstellung des Hauses sollte sie an Bord bleiben. Den Knaben hatte man bei mir zurückgelassen. Eine treue, zuverlässige Wärterin sandte ich dann mit dem Kleinen an Bord eines sicheren Fahrzeugs nach Newport zu seinen Eltern … allein das Schiff hat nie seinen Bestimmungsort erreicht!«

»Und diese Nachricht,« rief Frau de Lacey – oder Wyllys – »erhielt ich gleich nach der schrecklichen Kunde, daß mein Gatte, der Vater des ertrunkenen Kindes, im Kampfe gefallen war!«

Schweigend umstanden die paar Menschen die unglückliche Frau. Endlich riß sich Bignell, den die Erzählung tief ergriffen hatte, aus seiner Versunkenheit heraus und lenkte die Aufmerksamkeit auf ein anderes Gebiet.

»Aber nun sagen Sie mir nur, bester Leutnant Arche, wie kommen Sie an Bord der Gazelle? Sie haben mir ja über den ganzen letzten Teil ihrer Reise noch kein Sterbenswörtchen gesagt?«

»Ich habe Schiffbruch erlitten, Herr Kapitän, seitdem Sie meinen letzten Brief erhalten haben.«

»Ah, ich verstehe – und da wurden Sie an Bord der Gazelle aufgenommen? Und doch wieder: – wie sonderbar! Dieser Herr Howard stellte sich nämlich, als ob er Ihren Namen auf der Schiffsliste zum erstenmal läse!«

»Ich ging unter einem »angenommenen Namen an Bord jenes Schiffes. Die Damen – gleich mir schiffbrüchig – brachte ich als Passagiere der Royal Karolina dahin.«

»Unter einem angenommenen Namen!« rief der Kapitän entrüstet. »Aber wie konnten Sie als Offizier Seiner Majestät an Bord eines Königlichen Kriegsschiffs …«

»Jenes Fahrzeug,« sagte Harry ernst und gelassen, »ist kein Königliches Kriegsschiff.«

»Und sein Kapitän?«

»Ist ein Betrüger!«

»Herr!« schrie der Veteran entsetzt auf.

»Ja, mehr noch – er ist der rote Freibeuter

Bignell zuckte zusammen. Mit großen Schritten eilte er dann an Deck.

Die angebliche Gazelle hatte sich unter zierlichen Manövern um ein beträchtliches von dem Pfeil entfernt. Sofort ließ Bignell volle Segel beisetzen, um das geheimnisvolle Fahrzeug wieder einzuholen.

Harry war seinem Vorgesetzten auf die Kommandobrücke gefolgt. Mit männlichem Ernst setzte er ihm den Zusammenhang der Ereignisse auseinander. Durch seine begütigende Milde gelang es ihm sogar, den aufsteigenden Unwillen des ehrlichen Alten zurückzuhalten.

Ernst und hoch gespannt lauschte dieser der bündigen, aber klaren Erzählung des jungen Mannes. Dessen Schilderung von dem roten Freibeuter machte einen tiefen Eindruck auf ihn.

»Wunderbar!« rief der Veteran aus, »in der That jammerschade, daß ein Mann mit solchen Fähigkeiten und Anlagen so ein Erzspitzbube sein muß! Und wenn man bedenkt – er selbst, der berüchtigte Pirat, hat es gewagt, den Fuß auf mein Schiff zu setzen. Ah, ich weiß nicht, soll ich lachen über seine Komödie, zürnen ob seiner Frechheit – oder soll ich seinen großartigen Mut bewundern! Fürwahr, ein kühner Mann! Und von Ansehen nicht einmal so außerordentlich.«

»Sein Körper ist klein – allein er birgt einen Riesengeist.«

»Also endlich habe ich den Burschen in meiner Nähe gehabt – ich hätte ihn mit meinen Fäusten fassen können – und ich mußte ihn wieder entwischen lassen.«

»Sie haben sein Schiff nicht zum erstenmal vor sich, Herr Kapitän. Es ist dasselbe, mit dem Sie in den vergangenen Nachtgleichen bei dem großen Sturme handgemein wurden.«

»Aber diesmal soll er uns nicht entgehen!« rief der Veteran.

Fast traurig blickte Harry seinen Vorgesetzten an. »Sie sind entschlossen, ihn zu vernichten?«

»Wenn wir ihn nicht mit guten Worten zur Vernunft bewegen können – –«

»Wie, Sie wären bereit, Herr Kapitän, mit ihm zu unterhandeln?« rief der junge Offizier feurig, fast begeistert.

Bignell schritt nachdenklich auf der Brücke auf und nieder. Endlich blieb er vor Harry stehen. »Wollen Sie es übernehmen, junger Freund, der Überbringer meiner Bedingungen zu sein?«

Begeistert bejahte der junge Offizier. »Lassen Sie eine Kanone lösen und die Parlamentärflagge an unserem Hauptmast aufziehen. Ich will mich zu ihm begeben, Ihre Botschaft ausrichten – – ach, vielleicht gelingt es mir doch noch, den seltenen Mann zu einem nützlichen Mitgliede der menschlichen Gesellschaft zu machen.«

»Bei Gott – das wäre eine christliche That!« rief der Kommandeur. »Und ich glaube, man würde auch an Allerhöchster Stelle ein solches Ende des berüchtigten Freibeuters seinem schimpflichen Untergange vorziehen.«

Hastig wurden die Signale gegeben; dieselben ließen keinen Zweifel an den freundschaftlichen Absichten mehr aufkommen.

Bald darauf wurden die Zeichen ebenso erwidert.

Beide Schiffe hielten und legten vor dem Winde bei. Das Boot wurde in die See hinabgelassen und bemannt. Eine weiße Flagge, welche den Waffenstillstand anzeigte, wurde vorn aufgepflanzt.

Noch einmal sprachen die beiden Offiziere alle Punkte der Botschaft durch.

»Sie können ihm Verzeihung für die Vergangenheit zusagen,« schloß der Veteran, »wenn er in meine sämtlichen übrigen Bedingungen einwilligt. In jedem Fall aber können Sie ihm sagen, daß alle mögliche Verwendung geschehen soll, um für seine Person Wiederherstellung zu erwirken. Und nun – Gott erhalte Sie, mein junger Freund! Leben Sie wohl – und einen guten Erfolg!«

Nach diesem kurzen Abschied bestieg Harry das Boot, Richard Fid und Scipio Afrikanus hatten wieder die Plätze auf der Ruderbank inne.

Hastig ließ der junge Offizier ausgreifen. Er befand sich in einer eigentümlichen inneren Bewegung. Wohl sagte er sich, daß er einen gefährlichen Auftrag übernommen habe, doch seine Bewunderung für die Person des Freibeuterkapitäns erstickte jeden ängstlichen Gedanken im Keim.

Schweigend verharrte die Mannschaft an Bord des Delphin. Harry sah lauter wilde, drohende Blicke auf sich gerichtet. Roderich führte ihn nach der Kajüte. Einen Augenblick flog ein Zittern über seine Gestalt, als er durch die Reihen der in ihren Erwartungen getäuschten Seeräuber schritt.

»Herr Leutnant Arche,« sprach der Kapitän ihn an, »es war unklug von Ihnen, hierher zurückzukehren. Der Argwohn meiner Leute ist erwacht und Ihre Person steht in Gefahr.«

»Ich bin unter dem Schutze einer Parlamentärflagge auf Ihr Schiff gekommen und habe Ihnen folgendes zur reiflichen Erwägung vorzulegen: Unter der Bedingung, daß Sie dieses Fahrzeug mit seinen sämtlichen Magazinen und Waffenvorräten unbeschädigt ausliefern, soll Ihnen Pardon gewährt werden – Ihren Leuten aber gestattet sein, auseinanderzugehen und einen anderen Beruf zu ergreifen.«

Der Freibeuter lachte zuerst höhnisch auf. Dann sagte er: »das sind ja außerordentlich milde Bedingungen. Wie kommt Ihr Vorgesetzter zu dieser Güte?«

»Er hat vernommen, wie großmütig Sie an einem seiner Offiziere und an der Tochter und der Witwe zweier ehemaliger Waffenbrüder gehandelt haben.« Nun versuchte Harry, mit bewegten Worten dem Kapitän zuzusprechen. »Bedenken Sie, daß es die Stimme der Freundschaft ist – die Sie hören müssen. Als Ihr Feind bin ich einstmals zu Ihnen gekommen – als Ihr aufrichtiger Freund habe ich heute Ihr Schiff betreten. Denken Sie an jene Nacht nach dem Aufstande Ihrer Leute – wie bewegt Ihr Herz damals war, wie gern bereit Sie sich nannten, das unbefriedigende Leben hier an Bord aufzugeben. Nur den rechten Augenblick sehnten Sie herbei. Sie wollten Ihre Getreuen nicht dem Verderben preisgeben. Nun, der richtige Augenblick ist gekommen. Reichen Sie mir Ihre Hand, Kapitän Heidegger, willigen Sie in den Frieden – ein neues Leben steht vor Ihnen!«

Trübe lächelnd schüttelte der Freibeuter sein Haupt.

»Ich bin nicht mehr mein eigener Herr!« sagte er dann ernst. »Ihren ungefährdeten Abzug vom Schiff werde ich noch erzwingen können – ich selbst käme nicht mehr lebend vom Deck! Meine Leute sind in ihren Erwartungen getäuscht – sie erwarten Beute oder den Tod!«

»Es ist der Untergang Ihrer Getreuen!« sagte Harry mit bebender Stimme. »Widerstand ist hoffnungslos – jetzt kennen Sie ja die Kräfte des Pfeil.«

»Und ich beneide das Schiff nur um einen einzigen seiner Offiziere!« sagte Heidegger warm. Doch gleich darauf wurden seine Gesichtszüge wieder hart und finster. »Gehen Sie, Freund. Unsere Wege scheiden sich – müssen sich scheiden!«

... Es war kaum eine halbe Stunde später. Kapitän Bignell beugte sich weit über die Brüstung des Schiffes hinaus. »Was bringen Sie, Leutnant Arche? Die Unterwerfung des Piraten?«

»Nein – seinen Trotz!« sagte der junge Offizier schwer aufatmend.

»Allmächtiger Himmel, der Bursche wagt zu trotzen?« schrie der Kapitän. »Nun denn, so soll er vor mir auf den Knieen um Gnade winseln! … Alle Mann an Deck! Das Schiff kampffertig gemacht!«

Ein Trommelwirbel erklang. Nichts rührte sich – denn ein Jeder befand sich bereits auf seinem Posten.

Bis jetzt war der Himmel wolkenlos gewesen. Allein – gleichsam als zürnte die Natur ob des blutigen Vorhabens der Seeleute – plötzlich verwischte eine finster drohende Nebelmasse die Umrisse des Himmels und Ozeans, so daß beide miteinander zu verschwimmen schienen.

Beide Schiffe setzten sich wieder in Bewegung. Unter dem mächtigen Druck der Segel wurde der Pfeil an die Luvseite seines Gegners gebracht. Nun ließ der Veteran eine Kanone auf der Luvseite lösen. Der Delphin nahm keine Notiz davon. Ein zweiter, ein dritter Schuß machte das Schiff erzittern – der Freibeuter segelte unverdrossen vor dem immer mehr anschwellenden Winde dahin.

Den nächsten Schuß feuerte Richard Fid, der in der ersten Batterie stand, ab. In der Luft umhergeschleuderte Fetzen verkündeten, daß das Geschoß durch das Segelwerk des Delphin gegangen war.

Plötzlich verschwand ein langer Streifen von milchweißer Leinwand, der bisher längs der Linie der Kanonenpforten künstlich ausgespannt war; ein breiter, blutroter Gürtel ward sichtbar, aus dem die Kanonenschlünde des Schiffes hervorragten. Zugleich flatterte die Flagge des roten Freibeuters zur Gaffelspitze empor.

Aus der ganzen Linie längs der Bordwände des Delphin brach ein leuchtendes Feuermeer hervor. Ein furchtbarer Knall machte die Luft erzittern. Es rauschte eine Sekunde lang über dem Wasser – dann folgte ein schrecklicher Krach, vermischt mit Menschengestöhn, und das Umherfliegen von tausend Hölzern, Tauen und Blöcken verkündigte, mit welcher verhängnisvollen Genauigkeit die volle Lage gezielt war.

Eine regelmäßige Kanonade schloß sich an. Auf dem Pfeil begleitete jeden Schuß ein lautes, ermunterndes Geschrei – die Mannschaft des roten Freibeuters setzte ihr mörderisches Werk dagegen mit der Totenstille der Verzweiflung fort.

Die weißlichgrauen Rauchwolken, welche bis jetzt die beiden Schiffe umwirbelt hatten, flossen ineinander. Nichts blieb von den Schiffen sichtbar, als die Spieren, und auch diese in häufig durchbrochenen Linien.

Der Pfeil fing an, unter der gehabten Havarie zu leiden; das Fahrzeug ließ sich nicht mehr mit der früheren Leichtigkeit lenken. Zum Glück aber schwieg das mörderische Feuer von drüben endlich auf kurze Zeit. Nun verzogen sich auch die Rauchwolken. Gleichzeitig erhob sich aber eine Bö, die den erfahrenen Seeleuten gefährlich zu werden schien.

Der Himmel lag jetzt schwarz und finster über dem Wasser. Die Wogen taumelten hin und her, da zwei Windströmungen noch miteinander im Kampfe lagen. Da begann sich auch die Artillerie des Himmels in das Gefecht zu mischen. Der Donner krachte – zischend fuhren die Blitze ins Wasser – das Piratenschiff aber lief leicht und behende mit eingezogenen Segeln vor einer frischen Kühlte dahin, und die Mannschaften waren ohne Zweifel damit beschäftigt, die in dem Kampfe erlittene Havarie auszubessern. Sofort kam Bignell dem Beispiel des Freibeuters nach.

Da sich der drohende Sturm bereits in den weißschaumigen Häuptern der Wogen ankündigte, war der Kapitän zunächst darauf bedacht, alle Segel zu streichen. Nicht der kleinste Fetzen Leinwand durfte mehr vor der Bö flattern. Ohne Unterlaß ermunterten Bignell und Harry Arche die Matrosen zu unermüdlicher Arbeit. Gefahr war im Verzuge. Der Sturm war mit solcher Schnelligkeit aufgesprungen, daß das hohe, überladene Spierenwerk, von den bei der Kanonade geborstenen Tauen nicht mehr festgehalten, ins Schwanken geriet. Kaum waren die Matrosen von ihrem gefährlichen Aufenthalte in dem Takelwerk zurückgekehrt, als auch schon eine Stange nach der andern auf den Schiffsrumpf herniederfiel.

Bangen Blicks stierte der Veteran auf die Verwüstungen. »Ah, die Hand Gottes straft uns!« rief er mit heiserer Stimme. »Hören Sie, Harry Arche,« wandte er sich dann an den Leutnant, »ich werde stets beteuern, daß es nicht die Kanonen des Freibeuters waren, die uns so jammervoll zugerichtet haben!«

Der junge Offizier war weniger geneigt, sich mit einem so armseligen Troste zufrieden zu geben. Er strengte sich vielmehr an, so weit die Umstände es erlaubten, den Schaden auszubessern, – ihn wieder gut zu machen, lag freilich außer dem Bereich der Möglichkeit. Seinem Antrieb war es zumeist zuzuschreiben, daß inmitten des Sturmgeheuls und des Donnergekrachs die Mannschaft des englischen Kriegsschiffs ihrem alten Rufe treu blieb – und das unter den erschwerendsten Umständen. Bald wurde die Scene grell von einem Blitz erleuchtet, bald wieder von der dichten Finsternis des aufsteigenden Dunstes eingehüllt – und dabei blieb die entsetzliche Wirkung des Gefechts den Leuten frisch und gräßlich vor Augen.

Auch Bignell erwachte sofort wieder aus seiner Betäubung. Seine Stimme und die seiner Offiziere durchdrangen das Heulen des Sturmes. Bald hörte man seine kurzen, scharfen Befehle, bald vernahm man seine kernigen Aufmunterungen und Ermahnungen.

Der Kampf der Naturgewalten war glücklicherweise nur von kurzer Dauer. Die Bö strich über jenen Fleck Meeres bald dahin – und die Passatwinde konnten wieder in ihren früheren Strich zurückkehren.

Nachdem nun die nächste von der Witterung drohende Gefahr beseitigt schien, wandten sich die Blicke der Mannschaft zu einer fast ebenso furchtbaren.

Der Delphin nahte wieder!

Harry verbannte aus seiner Brust alle Erinnerungen an ehemalige Gunstbezeugungen, jegliches Gefühl der Dankbarkeit – der gewaltige Seemannsstolz war in ihm erwacht.

Da sah er das Freibeuterschiff wieder vor sich – seine Spieren unversehrt und in schönstem Ebenmaße, seine Betakelung in vollkommenster Ordnung.

Ja, schützte denn ein Zauber dieses Schiff? Welche übernatürliche Macht war dabei thätig gewesen, diesen Segler auch in der Wut dieses zweiten Sturmes unbeschädigt zu erhalten?

Freilich, bei nüchternem und vorurteilslosem Nachdenken mußte der junge Offizier sich doch eingestehen, daß er den Grund dieser eigentümlichen Erscheinung kannte: Kapitän Bignell, so tapfer, so sicher er sich ihm noch stets als Seemann gezeigt hatte, das Genie des roten Freibeuters in der wunderbaren Handhabung der Segel erreichte er doch nicht! Mit seiner Wachsamkeit, seinen weisen Vorkehrungen lenkte der unheimliche Pirat nicht bloß das Schiff, sondern auch dessen Schicksale.

Doch Harry hatte nicht Zeit, jetzt solchen Betrachtungen nachzuhängen. Er strengte sich vielmehr an, das, was seinem alten Vorgesetzten an Einsicht und Klugheit fehlte, durch seine Entschlossenheit zu ersetzen. Hin und her grübelte er, um den Sieg des Feindes zu vereiteln.

Der Delphin entfaltete schon wieder zahlreiche große Segeltücher. Immer schneller und unausweichbar sah die Besatzung des englischen Kriegsschiffes den Freibeuter auf sich zustoßen.

Bignell, der an der vom Delphin eingeschlagenen Richtung wohl erkannte, daß der rote Freibeuter es auf ein abermaliges Treffen abgesehen hatte, rief: »Wahrhaftig, das Glück ficht heute nur auf der Seite des Unrechts. Wir werden einen neuen Strauß mit dem Spitzbuben zu bestehen haben. Leutnant Arche – schicken Sie die Leute wieder an die Posten und lassen Sie die Kanonen lösen!«

Der junge Offizier verschwand vom Deck.

Gleich darauf schleuderte der Pfeil dem Freibeuter von neuem eine volle Lage entgegen. Hatte der Korsar bis jetzt noch eine großmütige Schonung bewiesen – dieser Augenblick mußte jede edlere Regung auf feindlicher Seite vernichten.

Das Freibeuterschiff war im Heransegeln begriffen, als es den eisernen Gruß empfing. Sofort lenkte es mit Leichtigkeit aus dem Strich – und zwar in einer Weise, daß ein zweiter solch verderblicher Hagel es nicht überschütten konnte.

Dann jagte der Delphin dicht an den Pfeil heran.

»Streicht die Flagge!« erscholl von drüben her dumpf der Befehl.

Bignell war außer sich. »Heran, ihr Schurken, – thut's mit eignen Händen!«

Salve auf Salve folgte – aus immer dichterer Nähe. Mit einemmal machte ein furchtbarer Krach das Schiff bis zu seinen letzten Fugen erzittern. Das Fahrzeug war geentert! Gegen fünfzig wilde Burschen sprangen über die Brüstung und erfüllten das Verdeck des Pfeil mit ihren Siegesrufen. Ein blutiges Gemetzel begann. Die Batterien entleerten sich; die Mannschaft stürmte an Deck, sich um Bignell und den ersten Leutnant in zwei kriegerischen Haufen scharend.

Da plötzlich drang von der Seite des Delphin durch eine leere Stückpforte des Pfeil hindurch ein flammender Blitz. Hundert tödliche Geschosse durchbrachen die Reihen der Kämpfenden. Bignell focht todesmutig – aber bald sank auch er getroffen mit einem markerschütternden Schrei zu Boden.

Sofort scharte Harry die übriggebliebenen Genossen um sich. Aber Mann um Mann fiel an seiner Seite. Schrittweise ließ sich die endlich verzagende Besatzung über das Deck zurücktreiben, bis an den äußersten Rand des Schiffes.

»Tod allen Verrätern!« knirschte da die rohe Stimme Waterbears. Der Bootsmann drang mit einer Keule auf den ihm verhaßten Offizier ein.

Richard Fid und Scipio pflanzten sich schützend vor ihrem Herrn auf. Besonders der Neger teilte Schwerthiebe und Stöße nach allen Seiten aus. Plötzlich aber ließ der »General«, der halb im Rücken des Schwarzen Aufstellung genommen hatte, einen Streich auf den Hinterschädel des Negers niedersausen. Lautlos brach Scipio Afrikanus zusammen.

Da erklang ein jäher Pfiff, der den Schwertern und übrigen Mordwaffen der Freibeuter Einhalt gebot. Der Freibeuterkapitän hatte das Schiff betreten. Furchtbar war seine Erscheinung. Seine Augen blitzten wild unter dem ledernen Helme hervor. Er hatte die Flagge des Kriegsschiffes mit eigener Hand heruntergezerrt und mit Füßen getreten.

Eine lange Pause war eingetreten. Die Verwundeten erhoben matt die Köpfe, entsetzt den roten Freibeuter erkennend.

Waterbear war dicht an seinen Herrn herangetreten. »Herr! Liefere uns die Verräter aus! Wir fordern ihren Tod durch Henkershand!«

»Das Urteil,« sagte Heidegger dumpf, »sei euch überlassen.«

Sofort wurde Harry und dessen beide Genossen ergriffen und von der Menge des rohen Seeräubervolks fortgeschleppt.

»An die Raanocke!« schrie die Mannschaft.

Teuflische Freude sprach aus den grimmigen Zügen der Seeräuber. Voll Ekel und Abscheu wandte Harry seinen Blick von diesen Bestien in Menschengestalt ab. Er wußte, was ihm und seinen Genossen bevorstand: man wollte eine regelrechte Hinrichtung vornehmen.

»Einen Priester herbei!« brüllten mehrere, die den Kaplan an Bord gesehen hatten. Sofort stimmten die andern in diesen Ruf ein.

Unter dem wilden Gelächter der Freibeuter wurde der Geistliche zu den Gefangenen gebracht.

»Heda, Kaplan – sagt Eure Sprüchlein auf! Die letzte Stunde hat diesen Burschen geschlagen!«

Der Geistliche warf dem Freibeuter einen ernsten, forschenden Blick zu. »Sprechen diese Mordgesellen die Wahrheit?«

Heidegger gab den Blick trotzig zurück. »Ja – die letzte Stunde hat ihnen geschlagen!«

Der Kaplan erhob flehend und warnend zugleich seine Hände. »Man sagt mir, das Gefühl für Ihre Nebenmenschen sei nur halb in Ihnen erstickt. Der Same edlerer Grundsätze, der in besseren Tagen in Ihr Herz gepflanzt wurde, mag unterdrückt sein, allein noch ist er vorhanden. Geben Sie also Ihrer inneren Stimme Gehör –«

»Thun Sie Ihre Pflicht! Wer noch ein Wort der Widerrede wagt, ist ein Kind des Todes!«

Da fühlte sich Heidegger von einer zitternden Hand am Arm berührt. Er wandte sich um und erkannte Frau Wyllys.

»Nun denn – ich wage es, für diese Unglücklichen zu bitten. Ich biete Ihnen Lösegeld – nennen Sie den Preis – – ich selbst verbürge mich mit meinem Leben, denn in mir lebt eine Ahnung – –« Der Freibeuterkapitän hatte sie mit rauhem Lachen unterbrochen. »Kann euch Gold zufriedenstellen, Leute? Kann man euch mit Gold das Leben dieser Männer abkaufen?«

»Nein! Nein!« schrie es durcheinander. Die Mordgier blitzte aus den Augen der wilden Gesellen.

Eine kaum merkliche Handbewegung Heideggers – dann stürzte sich die Bande gleich einer wilden Meute auf ihre Opfer. Man schlang ihnen Stricke um den Hals und wollte sie nach der Raanocke führen – dem Ende einer Raa, an dem man die zum Tode Verurteilten aufhing. Doch der Körper des Negers, den man hastig vom Boden emporgerissen hatte, sank wieder schwerfällig zurück.

»Wollt Ihr nicht wenigstens dem Sterbenden Gnade schenken?« rief Harry entsetzt, auf seinen schwarzen Gefährten weisend.

»Halsband abnehmen – Halsband!« stammelte der Neger. Er hatte sein brechendes Auge nach seinem Offizier hingewendet. Mit einer krampfhaften Bewegung schwang sich der herkulische Arm empor, die Hand tastete zitternd durch die Luft.

»Halt!« schrie der Kaplan, sich zwischen den Sterbenden und dessen Mörder drängend. »Gewährt noch einen einzigen Augenblick Gnadenfrist! He, – armer, sterbender Freund, was bedeuten diese Worte, die ich hier lese? ›Arche von Lynnhaven‹!«

»Das Halsband – das Halsband!« murmelte der Schwarze und sank tot zurück.

Der Kaplan hatte die in den Arm des Negers eingegrabenen Worte erspäht. Händeringend beschwor er die Freibeuter, noch einen Augenblick mit der Vollstreckung des furchtbaren Urteils zu zögern.

Richard Fid teilte dem Geistlichen in aller Eile mit, welche Bewandtnis es mit diesem Namen hatte.

»Arche von Lynnhaven – hieß so das Schiff, auf welchem – –«

Frau Wyllys rief diese Worte, während ihr Blick sich immer starrer in die Augen Harrys bohrte.

»Nein,« erwiderte der Kaplan, »es war der Name eines Landguts, das einem guten Freund von mir angehörte. Dort verbrachte ich mit dem Knaben die letzten Wochen, bevor ich ihn in der Gesellschaft der Wärterin jene unglückselige Fahrt zu Ihnen, ärmste Frau, antreten ließ.«

Auf den Toten zeigend, rief Frau Wyllys – oder vielmehr de Lacey –, während ihre Züge immer mehr ihre Starrheit verloren: »Aber sagt – was ist's nun mit dem Halsband, von dem der Tote sprach?«

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Scipio Afrikanus hatte das Halsband, welches die Schiffbrüchigen damals an dem halbverhungerten Hunde gefunden, als Amulett stets auf der Brust getragen.

Mit bebender Hand nahm es Frau de Lacey aus der Rechten des Matrosen und reichte es dem Geistlichen. Der hatte kaum die deutliche Aufschrift auf der messingnen Platte gelesen, als er auch schon ausrief:

»Herr im Himmel! Was sehe ich? – – – Die Buchstaben › P. d. L.‹ sind hier zu lesen. Sie bedeuten nichts anderes als – – Paul de Lacey!«

Die erregte Dame that einen lauten Schrei, dann stürmte sie auf Harry zu, in erschütternden Tönen ausrufend:

»Mein Kind! – Harry – mein Kind!«

Ja, es verhielt sich so, wie sie es längst geahnt hatte. Die Stimme der Natur war es gewesen, welche die beiden Menschen einander teuer und wert gemacht hatte. In fliegender Eile besprach man noch einmal alle Einzelheiten. Es war kein Zweifel mehr: Harry war der Knabe gewesen, den der Kaplan in Gemeinschaft der Wärterin auf dem Schiffe Neptun nach Newport zu seiner Mutter hatte senden wollen!

Aber lange konnten sich die Armen nicht der Wiedersehensfreude hingeben – denn schon verlangten die wilden Freibeuter ihr Recht.

Herzzerreißend begann die arme Mutter zu weinen. Sie sank vor den wilden Gesellen in die Kniee und rief: »Ich will den Himmel mit Gebeten für euch ermüden – aber laßt mir meinen Sohn! Auch ihr seid Menschen – auch ihr habt eine zärtlich liebende Mutter gehabt – gebt einer verzweifelnden Frau ihr Kind zurück! Alles will ich euch geben, was ich besitze – doch laßt mir meinen Sohn! Er stammt aus einem edeln Geschlecht, dessen ruhmreicher Name auf allen Meeren bekannt ist! Die Witwe de Laceys fleht um Gnade! Eine Mutter liegt im Staub vor euch und bettelt um das Leben ihres Kindes! Übt Gnade – habt Erbarmen!«

Tiefes Schweigen herrschte ringsum, als die Arme geendet. Zögernd sahen die wilden Freibeuter einander an – es schien, als ob doch ein besseres Gefühl sie ergriffe. Dennoch hatte die Sehnsucht nach Rache zu tiefe Wurzeln in ihre Gemüter geschlagen. Sie blickten finster und schweigend ihren Kapitän an.

Heidegger hatte in atemloser Spannung dagestanden. Wild und verwirrt war sein Auge – sein Antlitz bleich, wie das der bittenden Mutter selbst. Mit einer stolzen Bewegung erhob er die Hand und sagte in dumpfem, ergriffenem Tone:

»Geht auseinander, Freunde! – – Meinen Willen sollt ihr morgen erfahren!«

Niemand wagte zu widersprechen. Der rote Freibeuter besaß in diesem Augenblicke etwas Majestätisches, das unbedingte Unterwerfung gebot.


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