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Erstes Kapitel.
Der Sklavenhändler

Ein herrlicher Herbstmorgen war angebrochen. Über dem Hafen und der Küste von Newport, einem Seestädtchen des kleinen nordamerikanischen Freistaats Rhode-Island, lachte die Sonne. Das tiefblaue Wasser bot eine spiegelglatte Fläche dar, und die hellleuchtende Sonne sandte ihre warmen, wohlthuenden Strahlen durch die blauschimmernde Luft. Ein farbenprächtiges Bild bot der Hafen an diesem Morgen. Die Schiffsleiber waren größtenteils frisch gestrichen, alles blitzte und blinkte im warmen Sonnenschein, die Decks waren blendend weiß gescheuert, und in dem Messingzeug konnte man sich spiegeln. Die Flaggen der Kauffahrteischiffe, die hier im Hafen von Newport vor Anker lagen, spielten lustig im Winde. Die prachtvollen Segler mit ihren Masten und dem Gewirr von Tauwerk ragten gleich Riesen aus dem Wasser empor.

Zwischen einem derselben – dem majestätischen Dreimaster » Royal Karolina« – und dem Festlande bestand ein besonders lebhafter Verkehr. Das Schiff sollte noch an diesem Tage seinen Anker aufwinden, um nach Charlestown, der Hauptstadt der Provinz Karolina, zu segeln. Daher gab es noch für tausend Hände zu thun, um den Rest der Ladung vollständig einzunehmen. Aber außer den vielen angestrengt arbeitenden Handwerkern und Lastträgern befanden sich auch viele planlos herumschlendernde Müßiggänger am Hafen, die der Abfahrt der Royal Karolina mit zusehen wollten. Denn zu der Zeit, da die vorliegende Erzählung anhebt, – um die Mitte des vorigen Jahrhunderts – war das Absegeln eines größeren Schiffes aus einem amerikanischen Hafen stets ein wichtiges Ereignis.

Unter den Spaziergängern befanden sich drei Seeleute. Sie waren fast gleich gekleidet, aber so verschieden an Haltung, Gang, Miene und Blick, daß alle Vorübergehenden überrascht stehen blieben und dem seltsamen Kleeblatt nachsahen.

Der jüngste von ihnen, der etwa fünfundzwanzig Jahre zählen mochte, schritt seinen beiden Genossen voraus. Er besaß einen schlanken Wuchs und gefälligen Gang; sein Körper verriet sowohl Kraft als Behendigkeit. Er hatte männliche, edle Züge, von Wind und Wetter gebräunte Wangen und große dunkle Augen, aus denen Kühnheit, Geist und Entschlossenheit blitzten.

Seine beiden Begleiter waren nicht nur ihm unähnlich, sondern auch – trotz der gleichen Kleidung – unter sich selbst von gänzlich verschiedenem Aussehen. Denn der eine der Seeleute war ein Neger. Was aber beide gemeinsam besaßen, war die kurze, stämmige Gestalt mit den breiten Schultern und den starken, sehnigen Armen.

Die drei Männer lösten sich aus dem bunten Gewühl am Bollwerk los und schlugen einen Weg ein, der auf eine der, den äußeren Hafen von Newport begrenzenden Anhöhen führte.

Auf einem kleinen Hügel endlich, den ein verwitterter, zum Teil in Trümmern liegender Turm krönte, machte der junge Mann Halt und zog ein kleines Fernglas hervor. Er richtete es aber nicht auf den Innenhafen, dessen Mittelpunkt die Royal Karolina mit ihrem Kranz von Boten und mit ihren langhin, bis an die Schuppen reichenden, dicht bevölkerten Landungsbrücken war, sondern nach einem einsam im Außenhafen vor Anker liegenden Schiff, auf dessen Verdeck kein menschliches Wesen sichtbar war.

»He, Richard Fid!« rief der junge Seemann seinem Begleiter zu – und zwar dem Weißen, der mit dem Neger etwas abseits stehen geblieben war, – »kannst du dir erklären, weshalb der Kapitän jenes Seglers sein Schiff dort draußen ankern läßt? Wind und Wetter ist es dort preisgegeben – im Innenhafen aber läge es so sicher, wie in einem Mühlenteich.«

Der Weiße wechselte mit dem Neger einen Blick des Einverständnisses. »Herr,« sagte er dann langsam und mit wichtiger Miene, »ich sowohl als Scipio Afrikanus, mein schwarzer Freund – sind der Ansicht, daß der Besitzer jenes Fahrzeugs seine ganz besonderen Gründe haben muß, die Nähe der Hafenbatterie zu meiden.«

»Still!« warnte in diesem Augenblick der Neger, auf eine Gestalt deutend, die lautlos hinter der Turmruine aufgetaucht war.

Erschreckt wandte sich Richard Fid um. Ein etwas abenteuerlich gekleideter Mann stand hinter ihnen, der die drei Seeleute aufmerksam, fast herausfordernd musterte. Er verfügte nur über Mittelgröße, dennoch verriet seine Gestalt große Muskelkraft. Seine Mienen waren ernst und ruhig, aus seinen Augen sprühte aber ein seltsames Feuer. Er war mit einem hellgrünen Reitrock und rohledernen Beinkleidern angethan; seine Füße staken in Stulpstiefeln mit Sporen, auf seinem nicht unschönen Haupte saß ein hoher, runder Hut, unter dem eine üppige Fülle hellblonder Locken hervorquoll.

Der jüngste der drei Seeleute warf dem Fremden einen neugierigen Blick zu. Fragend hob er dann an: »Mein Herr, ist Ihnen vielleicht bekannt, was für ein Schiff dieser einsam im Außenhafen ankernde Segler sein mag?«

Ein eigentümliches Lächeln spielte um die Lippen des Fremden. »Es ist ein Sklavenhändler, soviel ich weiß!« erwiderte er höflich mit wohlklingender Stimme.

»Hm, ein Sklavenhändler!« murmelte der junge Seemann.

Etwas vertraulicher näherte sich der Fremde. »Sie sind wohl stellungslos, mein Herr, und suchen nach einem tüchtigen Schiff, dessen Kapitän Sie Ihre Dienste anbieten können?«

Der junge Seemann antwortete ausweichend. Ziemlich mißtrauisch musterte er den Fremden, als er dann sagte: »Und wenn ich nun stellungslos wäre – Sie, als Stadtmensch, wenn Ihre Kleidung nicht trügt, dürften doch wohl kaum in der Lage sein, mir einen geeigneten neuen Wirkungskreis zu verschaffen.«

Der Fremde kniff das rechte Auge zusammen und warf dem Sprecher einen durchdringenden Blick zu. »Wer weiß!« sagte er kurz. »Doch gestatten Sie, daß ich Ihnen meinen Namen nenne. Ich bin Doktor Sunder von der Universität Oxford!«

» Wilder – so lautet mein Name!« stellte sich der junge Seemann vor.

Schweigend betrachteten beide hierauf den im Außenhafen liegenden Sklavenhändler.

»Ein prächtiges Fahrzeug! Es sieht aus fast wie ein Kriegsschiff,« sagte der Doktor Sunder endlich. »Meinen Sie nicht auch, Herr Wilder?«

»Für eine Landratte ein merkwürdig zutreffendes Urteil!« lachte Wilder. »Wahrhaftig – ich wüßte nicht leicht ein anderes Schiff zu nennen, auf dem ich lieber Dienste annähme.«

»Wie?!« entfuhr es den Lippen des Doktors. Immer aufmerksamer musterte er den jungen Mann. »Sie gefallen mir, Herr Wilder! Wahrhaftig, Sie gefallen mir! So etwas Freies und Offenes haben Sie in Ihrem Blick und in Ihrer Sprache – es wäre mir eine aufrichtige Freude, Ihnen mit meinem Rat und meiner Erfahrung zur Seite stehen zu dürfen.«

»Ja, haben denn Sie – ein Lehrer an der Universität – irgend welche Beziehungen zum Seehandwerk?«

»Vielleicht!« lächelte der Fremde. »Frisch auf, junger Mann, statten Sie diesem prächtigen Schiffe Ihren Besuch ab. Der Kapitän müßte ja ein Narr sein, wenn er einen thatkräftigen, frischen jungen Mann, wie Sie, abwiese.«

Wilder schien zu überlegen. »Kennen Sie den Kapitän des Sklavenhändlers?« fragte er dann.

Der Doktor antwortete verneinend. »Soviel ist mir aber genau bekannt,« fuhr er fort, »daß das Schiff noch heute absegelt.«

»Heute schon?« entfuhr es überrascht den Lippen des jungen Seemanns. Dann ließ er seinen Blick über den rätselhaften Fremden und von da über das größte vor Newport verankerte Schiff gleiten. »Eigentümlich! Heute segelt auch die Royal Karolina ab – und dicht in ihrem Kielwasser wird also jenes geheimnisvolle Sklavenschiff …?«

Während Wilder sinnend dastand, unternahm der Doktor einen kleinen Rundgang um den Turm herum, betrat dann das Innere der Ruine und stieg zur Plattform empor.

»Holla, was ist das?« rief er plötzlich aus. »Wahrhaftig, dieser alte Bau da erhält außer uns noch mehr Besuch. Ein paar Damen unternehmen den Aufstieg – und sehen Sie nur, Herr Wilder, welch reizendes junges Mädchen sich dabei befindet!«

Doktor Sunder sprach in so begeistertem Ton, daß der junge Seemann neugierig wurde. Er betrat also gleichfalls die Treppe, die in dem halbverfallenen Bau emporführte; ein paar Augenblicke später stand er neben dem Fremden.

Drei Damen waren es, begleitet von einer schwarzen Dienerin, die der junge Mann erblickte – eine würdige, vornehm gekleidete Matrone, dann eine Frau von etwa fünfzig Jahren, auf deren Antlitz sich Milde mit Entschlossenheit zu paaren schien, und ein außergewöhnlich schönes junges Mädchen. Als die Damen weiter heraufkamen, vernahm man auch ihre Unterhaltung.

»Wie schön die Aussicht von hier oben ist!« rief die jüngste der Damen entzückt aus. »Der Innen- und der Außenhafen sind von hier aus zu übersehen – und wie malerisch da unten Newport liegt!«

»Und dort liegt die Royal Karolina!« rief jetzt auch die Matrone, aufs Wasser hinzeigend. »Möge sie euch sicher nach Charlestown bringen – dich, meine liebe Nichte Gertrud, und unsere gute Frau Wyllys

Ein Schatten huschte über das Antlitz der jungen Dame. »Das also wird tagelang – vielleicht wochenlang mein Kerker sein! Wie bange mir vor dieser Fahrt ist.«

»Bange – dir?« lachte die Matrone. »Wenn dich dein Onkel de Lacey, mein verstorbener Vetter, hörte! Er als ehedem berühmter Kontre-Admiral müßte sich ja einer so seescheuen Nichte schämen. Übrigens hat Herr Bale, der Eigentümer des Schiffes, mir versprochen, daß er dir und deiner Erzieherin, unserer guten Frau Wyllys, die beste Kajüte des ganzen Fahrzeuges aussuchen werde.«

Fräulein Gertrud schien aber von dem Gedanken an die lange Seefahrt gleichwohl nicht sonderlich erbaut. »Die vielen Gefahren!« sagte sie kleinmütig, während ein Beben ihre Gestalt erschütterte. »Da ist auf der einen Seite das furchtbare Hanlopen mit seinen Sandbänken und Schiffbrüchen und auf der anderen der wilde Golfstrom mit seinen entsetzlichen Stürmen!«

»Aber die Royal Karolina ist ja allgemein als festes Schiff bekannt!« beruhigte die Erzieherin in mildem Tone. »Und bedenke, Gertrud, es soll dich doch in die Arme deines Vaters führen, der sich so unendlich nach deiner Rückkehr sehnt!«

»Ach, wäre ich doch schon wieder bei ihm!« rief das Mädchen aus, »wäre nur die endlose Fahrt überstanden! Denkt nur, die alte Negerin sagte mir, der rote Seeräuber, dieses Ungeheuer, soll sich schon wieder an der atlantischen Küste gezeigt haben. Und grausame Thaten erzählte sie mir von ihm – Dinge, welche mir das Haar sträuben machten.«

Kopfschüttelnd versuchten die beiden älteren Damen dem jungen Mädchen seine Furcht auszureden. Nach kurzem Aufenthalt auf der Anhöhe, am Fuße des Turmes, schlugen sie wieder den Weg nach der Stadt ein, an den beiden Seeleuten, den Genossen Wilders, vorbeikommend, die sich am Abhang des Hügels im warmen Sonnenschein gelagert hatten.

Die beiden Herren hatten sich die ganze Zeit über oben auf der Plattform des Turmes ruhig verhalten, um das Gespräch der Damen nicht zu stören. Wilder blickte den letzteren noch eine Weile traumverloren nach.

»Gestehen Sie's ruhig ein, junger Mann,« lachte der Grünrock, »das Wesen jenes anmutigen Mädchens hat Sie bezaubert! Ihre Zaghaftigkeit – so verächtlich sie bei einem Manne wäre – so rührend ist sie bei diesem reizenden Geschöpf.«

»Nicht die junge Dame allein hat einen so tiefen Eindruck auf mich ausgeübt. Die dritte Dame, diejenige, welche Wyllys genannt wurde und welche die Erzieherin des Mädchens zu sein scheint, – woher sie wohl stammt und welchem Lande sie angehört? Es lag etwas ganz Außergewöhnliches, etwas Inniges, Herzrührendes, das ich gar nicht beschreiben kann, in ihrer Stimme.«

Eine Pause trat ein. Endlich begab sich der Grünrock an die Brüstung der Plattform und deutete auf das Sklavenschiff im äußeren Hafen. »Ihre Teilnahme für jenes Schiff ist wohl bedeutend abgeschwächt, seitdem Sie vernommen haben, daß so herrliche Wesen, wie jene junge und jene ältere Dame, sich der Royal Karolina anvertrauen?«

Es zuckte seltsam über das Antlitz Wilders. »Im Gegenteil,« sagte er dann, »mein Interesse für jenes geheimnisvolle Sklavenschiff hat sich dadurch eher vermehrt! Doch weshalb richten Sie so eigentümliche Fragen an mich?«

Der Doktor Sunder trat hart an den jungen Seemann heran.

»Wenn ich ein Admiral wäre,« raunte er ihm mit ganz besonderer Betonung zu, »so würde ich Sie zu meinem Flaggenkapitän machen; statten Sie dem Kapitän jenes Schiffes einen Besuch ab, grüßen Sie ihn von mir – und vielleicht befördert er Sie wenigstens zu seinem Leutnant!«

Nach diesen Worten verschwand der Doktor Sunder durch die Luke, die den Eingang zur Treppe bildete. Wilder sah ihm sprachlos und erstaunt nach. Dann trat er gleichfalls den Abstieg an. Unten war keine Spur von dem rätselhaften Fremden mehr zu entdecken.

Aufgeregt begab sich der junge Seemann zu seinen beiden Genossen, die unterdessen eingeschlafen waren, bei seinem Näherkommen aber erwachten und hastig aufsprangen.

»He, Robert Fid – Scipio, hört mir zu!« sprach er sie hastig an. Die beiden schwiegen und sahen ihm aufmerksam ins Gesicht. Wilder richtete seine Rede aber nicht unmittelbar an sie, sondern murmelte nachdenklich vor sich hin: »Heute noch soll es also absegeln, dieses geheimnisvolle Sklavenschiff, – wie ein Raubvogel hinter einer Taube, so wird jener unheimliche Segler hinter der Royal Karolina einherschießen. Und an Bord derselben befinden sich – –«

Er schüttelte den Kopf und atmete tief auf.

»Freunde,« sagte er dann leise, »jetzt ist's Zeit, daß ich euch in einen Plan einweihe, der zwar mit höchster Gefahr verbunden ist, der aber unserm Schicksal eine neue hoffnungsreiche Wendung geben soll. Wir sind seit mehr als zwanzig Jahren Schiffsgenossen, – war ich doch ein hilfloses Kind, als ihr mich zu eurem Schiffspatron brachtet. Seit jenem Tage habt ihr treu zu mir gestanden in Not und in Gefahr. Heute aber muß ich euch bitten, euch noch einmal ernstlich zu prüfen und zu erwägen, ob ihr mich nicht lieber verlassen möchtet, denn – –«

»Euch verlassen?!« riefen die beiden Seeleute, der Schwarze und der Weiße, wie aus einem Munde aus. »O, Herr – nie, niemals!«

»So hört zu Ende!« erwiderte der junge Herr. »Ich bin im Begriff, einen verzweifelten Handel einzugehen, – Tod und Verderben können daraus entspringen, aber auch viel hohe Ehre!«

Richard Fid streckte seinem jungen Freunde treuherzig die Hand hin. »Was bedarf's der Worte, Herr Harry! Ich gehe mit Euch durch dick und dünn – bis ans Ende der Welt und Scipio Afrikanus …«

»Armen Schwarzen nur wohl sein, wenn bei seinem Herrn bleiben darf!« fiel der Neger ängstlich ein.

Gerührt blickte Harry Wilder seine beiden Begleiter an. »Ich wußte es, Freunde, daß ihr mich in dieser entscheidenden Stunde nicht verlassen würdet.«

Er winkte ihnen zu, sich niederzukauern. Dann spähte er nach allen Seiten aus. Als er sich unbeobachtet sah, ließ er sich gleichfalls nieder. Lange und geheimnisvoll sprach er mit den beiden. Die Seeleute folgten seinen Worten mit gespannter Aufmerksamkeit. Oft entfuhr auch dem einen oder andern ein Ausruf der Überraschung. Wilde Freude blitzte aber aus beider Antlitz.

Endlich erhob sich der junge Mann. Mit fester Stimme rief er: »Vorwärts nun – nach dem Sklavenschiff!«

Willig folgten ihm die Seeleute. Rüstigen Schrittes kehrte das Kleeblatt nach dem Hafen zurück. Dort mietete Wilder ein Boot. Wenige Augenblicke später saßen alle drei auf den Bänken, und die beiden Matrosen griffen nach den Rudern.

An riesigen Schiffsleibern vorbei, durch lange Straßen von Schiffen und Booten gelangte der Kahn in den Außenhafen. Geradeswegs ließ Harry Wilder auf das Sklavenschiff lossteuern.

Schon auf Büchsenschußweite hörten sich die Insassen des Bootes angerufen. Wilder blickte auf und sah in einer Schiffsluke einen Schützen im Anschlag liegen. Erschrocken gebot er den Ruderern einzuhalten.

»Melde mich deinem Kapitän!« rief Wilder in einem Tone, dem man anmerkte, daß er das Befehlen gewohnt war. »Sag ihm: Doktor Sunder sende mich!«

Der Schütze blieb nach wie vor im Anschlag liegen. »Doktor Sunder? Was faselt Er da? Zurück, wenn Ihm sein Leben lieb ist!«

»Die Flinte weg!« rief nun Harry Wilder gebieterisch.

Unwillkürlich gehorchte der Posten.

Einige Minuten später kehrte er an seinen Platz zurück und rief dem jungen Seemann zu: »Kommt näher, Herr. Der Kapitän erwartet Euch!«

Das Boot wurde herangerudert. Ein Tau wurde herabgeworfen, erfaßt und strammgezogen. Gleich darauf befand sich Wilder an Bord des Sklavenschiffes. Nach allen Seiten hielt er Ausschau. Die Ordnung an Deck war musterhaft. Die ganze Einrichtung des Seglers glich aufs Haar der eines Kriegsschiffes. Zu beiden Seiten des Verdecks befanden sich Batterien, die je ein Dutzend Geschütze zählten. Von der Bemannung oder der lebendigen Ware, die man doch an Bord eines Sklavenschiffes hätte sehen müssen, entdeckte Wilder keine Spur. Totenstille herrschte auf dem Segler.

Der Posten, ein finster dreinblickender, bärtiger Geselle, nahm den Ankömmling in Empfang und führte ihn durch einen schmalen Gang in eine geräumige Kajüte. Die Einrichtung derselben zeugte von einem großen Reichtum des Besitzers; verwunderlich war aber der Umstand, daß die Übereinstimmung der zahlreichen Prunkstücke durchaus fehlte. Von der Decke schwebte eine aus gediegenem Silber gefertigte Lampe herab. Durch ihren Bau, ihre Zierraten und die Heiligenbilder auf dem farbigen Schirm verriet sie, daß sie in früheren Zeiten zu einem kirchlichen Gebrauch – als Altarlampe – gedient hatte. Schwere silberne Leuchter, die daneben auf einem Mahagonitischchen standen, zeugten von derselben Abstammung. Auch die vergoldeten Klauenfüße des Tisches und die als Tischbeine dienenden gerippten Säulen bewiesen, daß seine ursprüngliche Bestimmung nicht einer Schiffskajüte gegolten hatte. Ein kunstvoll geschnitztes Bett mit einer schweren Samtdecke befand sich an der Längswand. Gegenüber stand ein mit blauer Seide überzogener Diwan; Form und Stoff seiner Kissenwülste wiesen auf orientalische Abstammung hin. Jedes Stück schien aus einer andern Gegend hergebracht; keines glich an Gestalt oder Stil einem anderen. So war es auch mit der übrigen Ausstattung dieser Staatskajüte. Die Kupferstiche, geschliffenen Gläser, Rahmen, Spiegel, das Silberzeug, sogar die Tapeten und Gardinen waren zwar sehr kostbar, paßten aber durchaus nicht zu einander. Man merkte sofort, daß in der Wahl und Zusammenstellung der Einrichtung mehr auf Pracht und Kostbarkeit gesehen worden, als auf Geschmack, und daß hier alles nur die Bestimmung hatte, einer augenblicklichen Laune des Besitzers zu dienen.

Noch seltsamer wurde das Innere der Kajüte durch einen zweiten Teil ihrer Ausstattung – drohendes, furchtbares Kriegsgerät, das sich in buntem Durcheinander mit den Kunstgegenständen mengte. Vier weitrohrige Kanonen standen in der Kajüte, die mit solcher Bewehrung innerhalb weniger Minuten – trotz der vielen Prunkstücke – in einen Geschützraum umgewandelt werden konnte. Auch die Pistolen, Säbel, Dolche und Streitäxte, die wie zum Schmuck die Wände bedeckten, deuteten auf diese ernstere Bestimmung hin. Rund um den Mast war ein Kreis von Gewehren gebildet. Starke, hölzerne Riegel, die zu beiden Seiten der Thüre zu sehen waren, schienen offenbar dazu bestimmt zu sein, die Thüre im Notfalle fest zu verrammeln. Alles wies darauf hin, daß man bei Einrichtung der Kajüte den Zweck im Auge gehabt hatte, für den Fall der Gefahr die Schotten als Bollwerk benützen und die Kajüte zur Feste des Schiffes machen zu können. Eine Lukenklappe, die sich in der Wand befand und mit den Kojen der unteren Offiziere zusammenhing, gewiß auch den Zugang zu den Pulver- und Lebensmittel-Vorratsräumen ermöglichte, verriet diese Absicht noch deutlicher.

All diese Einrichtungen wichen von dem, was der junge Seemann bisher auf anderen Schiffen gesehen hatte, auffallend ab. Wilder hätte sich gar zu gern recht gründlich in dem seltsamen Raume umgesehen. Die Einrichtung eines Wohnraumes giebt für gewöhnlich ein ungefähres Bild von dem Charakter und Wesen seines Inhabers, und so wollte sich auch der junge Seemann schon im vorhinein seine Ansicht über den Kapitän des Sklavenschiffes bilden. Er hatte aber kaum Zeit, die Pracht auch nur anzustaunen. Gleich nach seinem Eintritt in die Kajüte wurde eine Tapetenthür der gegenüberliegenden Wand geöffnet und eine Männergestalt schob sich flink herein.

Der junge Seemann stieß einen Ruf der Überraschung aus. Vor ihm stand kein anderer als – Doktor Sunder.

Schweigend musterten sich die beiden. Endlich sagte der Grünrock: »Mein junger Freund – ich freue mich, Sie bei mir begrüßen zu können. Denn ich gestehe Ihnen, daß ich großen Gefallen an Ihnen gefunden habe.«

» Sie sind also der Besitzer dieses Schiffes?«

»Ja. Und ich nehme an, daß Sie gekommen sind, um eine Anstellung bei mir zu suchen.«

»Allerdings!« erwiderte Wilder, tief aufatmend.

»Haben Sie denn auch über den eigentlichen Charakter dieses Schiffes nachgedacht?«

»Es ist ein Sklavenschiff!« sagte der junge Seemann, sein Gegenüber scharf anblickend.

Der Grünrock lächelte geringschätzig. »Meine Aufgabe ist eine verantwortlichere. Ich führe ein Kaperschiff.«

Eine lange Pause trat ein. Wilder schien zu schwanken. Er umklammerte mit seiner zitternden Hand die Lehne eines Stuhles. Er war totenbleich geworden.

»Junger Mann!« sagte der Grünrock in rauhem Tone, »die Geschäfte, die ich treibe, sind sehr gefährlicher Natur. Ja – man könnte sie sogar ungesetzlich nennen. Aber kühne, große Naturen haben noch immer ihr Glück bei mir gemacht. Und nicht allein Ihr Blick, Ihre freie Sprache, Ihre ganze Haltung haben mich überzeugt, daß Sie der rechte Mann für mich sein können – ich habe andere Beweise, daß Sie schon seit Monden darauf ausgehen, an Bord dieses Schiffes zu gelangen.«

»Sie wissen – –« Wilder hielt ein und starrte den Kapitän des Kaperschiffes erschrocken an.

»Sie haben in Boston, in Newport, in allen Seestädten längs der Küste nach Schiffen meiner Art geforscht. Zuverlässige Boten haben mir darüber berichtet.«

»Und was schlossen Sie daraus?« fragte der junge Seemann in atemloser Spannung.

Der Grünrock lächelte. »Erst hielt ich Sie für einen Polizeispion. Darum legte ich mich hier vor Anker und ging selbst an Land, um Sie zu studieren. Nun weiß ich, was Sie suchen.«

»Nun?« fragte Harry mit bebender Stimme.

»Sie suchen Ruhm und Ehre, Reichtum und Ansehen. Sie suchen kühne Abenteuer, in denen Sie Ihre Jugendkraft und Ihren Mut beweisen können. Hab ich's erraten?«

»Ja!« erwiderte Wilder.

Der Kapitän führte seinen Besuch zu einer Truhe, deren Deckel er öffnete. »Hier sehen Sie die Flaggen, unter denen ich schon reiche Siege erfochten habe – England, Frankreich, Spanien, Dänemark, Schweden, die Türkei – alle seefahrenden Völker sind vertreten. Die wichtigste aber und die gefürchtetste ist diese hier!« Der Grünrock zog eine schwere Tuchrolle hervor, die er langsam entfaltete und dann mit siegessicherem Lächeln in die Höhe hob.

Wilder sah ein blutrotes Feld ohne Bild und Wappen – eine breite blutige Fläche ohne irgend ein Abzeichen. »Das ist – die Farbe des roten Freibeuters!« flüsterte er mit gepreßt klingender Stimme, ohne jedoch nur einen Schritt vor dem unheimlichen Zeichen oder seinem Inhaber zurückzuweichen.

»Junger Freund,« sagte der rote Freibeuter, »die Wahl, zu gehen oder zu bleiben, steht Ihnen vollkommen frei. Bleiben Sie, so soll unser heutiges Zusammentreffen der Anfang einer langen und dauernden Freundschaft sein, denn nur der Tod soll uns dann trennen!« Unheimlich – fast drohend blickte der Kapitän den jungen Seemann an.

Nach einer spannungsvollen Pause erwiderte Wilder mit fester Stimme: »Nun denn, ich bleibe, Herr Kapitän!«

Der rote Freibeuter ergriff seine Hand. »Sie sollen von dieser Stunde an der erste nach mir an Bord sein; unverzüglich soll die Mannschaft davon benachrichtigt werden. Hier überreiche ich Ihnen die Schiffsartikel – die Gesetze, nach denen ich das Schiff regiere.«

Nach diesen Worten schlug der Kapitän an eine Gong, eine Glocke, die einen tiefen Ton von sich gab. Ein schlanker Knabe erschien.

» Roderich,« sprach ihn der Freibeuter an, »du wirst für die weiteren Bedürfnisse des neuen Herrn Leutnants Sorge tragen.«

Gehorsam verbeugte sich der Diener.

Nachdem die Thür sich hinter dem Knaben wieder geschlossen hatte, sagte der Kapitän: »Sobald die Royal Karolina die Anker gelichtet hat, segeln auch wir von Newport ab. Sie verstehen.«

Harry Wilder verstand allerdings. Er preßte die Zähne aufeinander. Soviel stand bei ihm fest, daß der Freibeuter die Absicht hatte, die Royal Karolina zu kapern, um sich deren reichen Inhalt anzueignen. Damit wurden aber auch jene beiden Damen – die Frau Wyllys, die einen solch außerordentlichen Eindruck auf ihn gemacht hatte, und ihr Mündel, Fräulein Gertrud Grayson – seine Beute und zugleich die Gefangenen seines gewiß rohen Schiffsvolks. Wie ein Blitz schoß ihm dieser quälende Gedanke durchs Hirn.

»Herr Kapitän,« sagte Wilder plötzlich, »bevor ich mich völlig bei Ihnen einrichte, habe ich noch einige Geschäfte am Lande zu besorgen. Sie werden mir also gestatten, mich auf einige Stunden ans Land –«

»Was wollen Sie dort?« fiel ihm der Freibeuter in die Rede. »Wären Sie doch nicht der, für den ich Sie hielt? Wilder, wenn Sie mich verrieten – –!«

»Nun bestehe ich erst recht darauf, daß Sie mich beurlauben, Herr Kapitän. Ich will sehen, ob Sie mir vertrauen. Doch als lebendes Pfand lasse ich Ihnen meine beiden Diener zurück. Es sind gute, geübte Seeleute, die mich seit meiner Kindheit nicht verlassen haben.«

»Sie sind treu, die Burschen?« fragte der Kapitän.

»Sie würden für mich durchs Feuer gehen!«

Noch einen prüfenden Blick warf der Kapitän seinem neuen Untergebenen zu; dann entließ er ihn.

Harry Wilder bestieg das Boot und ruderte allein, ohne jeden Gehilfen, nach dem Festlande zurück.


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