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Sechstes Kapitel.
»Segel ahoi!«

Frau Wyllys hatte sich, noch ganz bewegt von der Erzählung des Matrosen, in die Kajüte verfügt.

Dort kam ihr Gertrud in großer Aufregung entgegen.

»Was bedeutet der Lärm auf dem Schiffe?« fragte das Mädchen. »Ist eine neue Gährung unter den Leuten im Gange?«

Frau Wyllys seufzte schwer auf. »Ein Fahrzeug hat sich in der Ferne blicken lassen; weiß der Himmel, was die Leute hier an Bord erwarten und hoffen.«

»Ein Schiff – hier, ganz außerhalb der Wasserstraße? Ach, beste Frau Wyllys, vielleicht dürfen wir endlich einer Entscheidung entgegensehen.«

»Vielleicht sogar – einer blutigen Entscheidung.«

Gertrud blickte erschrocken auf. »Wie verzagt Sie sind!«

Frau Wyllys führte ihre Schutzbefohlene an das kleine Kajütenfenster. »Siehst du jenen weißleuchtenden Punkt dort in der Ferne?«

Das Mädchen lugte aus und klatschte dann frohlockend in die Hände.

»Juble nicht zu früh!« mahnte Frau Wyllys.

Verwundert blickte Gertrud sie an. »Das ist unsere Rettung – unsere Erlösung! Beste Frau Wyllys – warum preisen Sie nicht mit mir die Güte des Himmels?«

»Angenommen, daß jenes Fahrzeug ein Kauffahrer ist, so werden wir vielleicht Zeugen eines verbrecherischen Kampfes werden, den die Freibeuter mit jenen ehrlichen Seeleuten aufnehmen. Aber die Entscheidung – wie sie auch immer fallen möge – bringt uns keinen Vorteil.«

»Aber wenn die Fremden als Sieger aus dem Kampfe hervorgehen?« gab Gertrud zu bedenken.

»Du vergissest dabei, daß der vorausgehende Kampf jedenfalls ein furchtbarer werden dürfte – und niemand an Bord kann wissen, ob er noch lebend in die Hände des Siegers fällt!«

Nun wurde auch Gertrud nachdenklich. Klopfenden Herzens standen die beiden Frauen in der Kajüte bei einander – bange Blicke nach dem fremden Fahrzeug sendend.

Um so größerer Jubel herrschte dafür bei der gesamten Schiffsmannschaft.

Viele Wochen hindurch hatte man keine Beute mehr gemacht; denn auch die Newporter Royal Karolina, als deren sichere Herren sie sich schon gefühlt hatten, war ihren Händen ja entschlüpft. Wenn das in der Ferne sichtbare Fahrzeug ein reicher Kauffahrer war, so konnte man sich für die Ausfälle der letzten Zeit endlich schadlos halten. Und irgend eine Störung war gleichfalls nicht zu befürchten; denn weit und breit hatte sich in den letzten Tagen kein anderes Fahrzeug sehen lassen.

Die Augen der Mannschaften begannen vor Raublust zu leuchten, und selbst der Kapitän, der sonst nicht leicht aus seiner kalten Ruhe zu bringen war, trug eine freudig erregte Miene zur Schau.

Seit der Meuterei von neulich hatte er sehnsüchtig auf diesen Augenblick gewartet. Denn er wußte aus Erfahrung, daß gerade die mit einem Kampf verbundene hohe Gefahr am besten dazu angethan war, die Mannszucht zu stählen. Blickten doch in solch furchtbaren Momenten die Leute mit einer wahrhaft begeisterten Hingebung zu ihm auf; denn sein Mut und seine großen Schiffahrtskenntnisse hatten das Schiff noch immer zum Siege geführt.

Auf dem Deck fand alsbald ein Rat der Offiziere statt. Alle standen mit Ferngläsern bewaffnet neben dem Kapitän, nach dem fremden Schiffe ausschauend.

Einer der jüngeren Offiziere hatte den kleinen weißen Punkt, der in weiter Ferne sichtbar geworden war, für eine mit ausgebreiteten Flügeln überm Wasser schwebende Möve gehalten.

Der Kapitän lachte darüber. Eifrig lugte man von neuem aus. »Es ist ein Schiff – ein besonders großes Segelschiff sogar!« rief Heidegger endlich in bestimmtem Tone. Die Mehrzahl der übrigen pflichtete ihm nun bei. Nur Wilder verhielt sich schweigend. Mit einem eigenartigen Ausdruck, in dem man fast ein gewisses Bangen wahrnehmen konnte, starrte er in die Ferne.

»Nun, Herr Leutnant Wilder, wie lautet Ihr Urteil?« hörte er sich plötzlich vom Kapitän angeredet. »Ich sage, es ist sogar ein überaus wertvolles Schiff. Sehen Sie nur die vielen Obersegel – das leuchtet und schimmert ja, wie selten – auf einem Kauffahrer!«

»Ja, es ist ein außergewöhnlich großes Schiff,« erwiderte Wilder. – »Aber ob es gerade ein Kauffahrer ist – das läßt sich jetzt noch nicht entscheiden.«

»Was sollte es denn sonst sein – hier, in diesen Breiten?« rief der »General«, der gleichfalls an der Beratung teilnahm. »Gewiß ist's eine spanische Galione, die von den Goldbergwerken von Potosi kommt. Das wäre ein fetter Bissen. He, Freunde, wie?«

Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Ihr täuscht Euch, General. Warten wir ruhig ab. Ein Glück übrigens, daß wir augenblicklich außer den kleinen Seitensegeln keine Leinwand führen. Wir werden dadurch dem Fremden noch eine längere Weile unsichtbar bleiben.«

»Sie täuschen sich, Kapitän. Die dort drüben besitzen gleichfalls keine schlechten Augen; denn sie haben uns schon entdeckt.«

»Unmöglich!« fuhr der Kapitän auf.

»Ich sehe ganz deutlich, daß der Fremde Signale aushängt!«

Eine Weile setzte jeder für sich schweigend seine Betrachtungen fort. Da sich die Männer aber durchaus nicht über das, was sie sahen, einigen konnten, rief Heidegger endlich den ersten besten Matrosen heran.

Der Angerufene war der schwarze Freund Richard Fids. Er kam eilig näher, machte vor dem Kapitän einen Kratzfuß und setzte dann das ihm von demselben dargereichte Fernglas ans Auge. Im nächsten Augenblick ließ er aber das Instrument schon wieder sinken und starrte den Leutnant Wilder fast entsetzt an.

»Das sein ja Schiff uns …«

Weiter kam er nicht; denn er sah, wie sein Herr erbleichte.

»Nun, was erkennst du? Erkläre dich, Bursche!« drängte der Kapitän. »Was für Signale hast du gesehen?«

»Signale – keine!« sagte der Schwarze. »Nur drei neue Stück Tuch in das große Bramsegel eingenäht sein!«

Der Kapitän nickte zufrieden. »Geh, mein Junge. – Wir werden also noch nicht an Bord des Fremden gesehen!« sagte er dann zu seinen übrigen Untergebenen. Dem Neger rief er darauf noch nach: »Halt, mein Sohn! Sage mir, für wie groß und schwer hältst du das Schiff dort?«

Der Schwarze verzog seinen großen Mund zu einem Lachen. »Siebenhundert und fünfzig Tonnen groß sein.«

Erstaunt sahen die Männer den Neger an. »Foppt uns der Bursche?« riefen sie drohend.

Scipio Afrikanus hatte den zornigen Blick seines Herrn wohl bemerkt. Er sah ein, daß er sich eine Thorheit hatte zu Schulden kommen lassen.

Alle, außer Wilder, stritten sich über die Richtigkeit der Aussage des Gefragten. Wie konnte der Bursche die Größe eines Schiffes so genau bezeichnen wollen – trotzdem der Rumpf desselben noch völlig unter dem Wasser lag!

Sie fragten den ersten Leutnant nach dem Zusammenhang. Harry Wilder entschuldigte die thörichte Bemerkung seines Untergebenen mit dessen Unwissenheit.

Heidegger hatte den Schwarzen scharf ins Auge gefaßt. »Der Bursche weiß mehr über das Schiff, als wir alle glauben. He, Scipio! Wie kommst du dazu, dem Schiffe gerade siebenhundert und fünfzig Tonnen zu geben und nicht achthundert?«

Der Schwarze warf einen kurzen, lauernden Blick auf seinen jungen Herrn, dessen Stirn sich sehr verfinstert hatte; dann fletschte er die Zähne und stammelte: »Ach – armes Neger nur grad sagen, was ihm einfällt!«

Heidegger ließ seinen durchdringenden Blick bald auf seinem ersten Leutnant, bald auf dem fremden Segel und bald auf dem Neger haften. Er nagte unruhig an seinen Lippen. Endlich rief er dem Bootsmann zu: »Heda, Waterbear, schicken Sie mir den Matrosen Richard Fid.«

Der Leutnant war noch blässer geworden – seine Augen rollten unruhig hin und her.

Da wandte sich der Kapitän in beißendem Spott an ihn.

»Wahrhaftig, Herr Leutnant, Ihre Gefährten verraten eine so seltsame genaue Kenntnis von dem fremden Segler, daß es mich danach gelüstet, mich aufs genauste von ihnen belehren zu lassen.«

Wilder erwiderte kein Wort. Die übrigen Anwesenden hatten, aufmerksam werdend, die Köpfe erhoben. Zwar kannten sie die oft wechselnden Launen ihres Herrn – sein Benehmen gegen den ersten Leutnant, der sonst für dessen erklärten Liebling galt, schien ihnen aber doch gar zu eigentümlich.

Gleich darauf erschien Richard Fid. Auf die Aufforderung Heideggers, nach dem fremden Segler auszuspähen, lugte er lange und bedächtig durch das Fernglas.

»Nun – was erblickst du außergewöhnliches an dem Schiff?« fragte der Kapitän. »Hat es Signale ausgehängt?«

»Nein, Herr Kapitän. Drei Stück neue Leinwand hat es in seinem großen Oberbramsegel – freilich, wenn die Sonne auf die Segel fällt, so könnte man diese hellen Flecke irrtümlich für Signale halten.«

Das sichere, unbefangene Auftreten des Matrosen gefiel dem Kapitän und beruhigte ihn. Er schickte die beiden Leute wieder weg und wandte sich dann in ernstem Tone an die Zurückbleibenden. Er sprach zu ihnen als Vorgesetzter, indem er sie zu treuster Pflichterfüllung ermahnte, aber auch als Kamerad, indem er sie versicherte, daß er treu an ihrer Seite und an ihrer Spitze ausharren werde – was auch die Zukunft bringen möge. Zum Schluß richtete er seine Worte an Wilder allein.

»Zum ersten Male werden Sie an Bord unseres Schiffes kämpfen, Herr Leutnant. Und ich kann Ihnen jetzt schon mit Bestimmtheit sagen, daß es ein heißer, vielleicht aufreibender Kampf ist, der uns bevorsteht. Ob Geld und Reichtümer zu erwerben sind, das weiß ich bis zur Minute noch nicht; denn jenes Schiff macht auf mich kaum den Eindruck eines Kauffahrers. Und nun richte ich das Ersuchen an Sie, Herr Wilder, mir ohne Umschweife zu sagen, was Ihre Untergebenen zum Teil schon verraten haben: ob Sie jenes fremde Fahrzeug kennen – und für was sie es halten?«

Harry Wilder atmete tief auf. »Nun denn, Herr Kapitän, – dieses Fahrzeug ist ein großes und starkes Königliches Kriegsschiff!«

Ein Ruf des Erstaunens wurde laut. Schweigend und ziemlich mißvergnügt blickten die meisten Offiziere darauf den Kapitän an.

Der »General« wiegte sein Haupt schlau hin und her. »Ich kann nicht sagen, daß ich eine besondere Freude an einem Wagnis hätte, das keinen Gewinn zu bringen vermag. Aber vielleicht täuschen wir uns dennoch in dem Charakter dieses Fremden. Die Spanier zum Beispiel schicken ihre Goldbarren sehr oft unter der Maske eines Kriegsschiffes nach Hause. Ich denke also, es ist unter allen Umständen immerhin geboten, dem Fremden erst auf den Zahn zu fühlen, ehe wir uns so weit heranwagen, daß er zuschnappen kann. Wenn er sich sofort kampfbereit zeigt, so können wir sicher sein, daß er außer seinen Kanonen keine großen Reichtümer an Bord führt. Dann aber würde ich es für das beste halten, unserm Delphin alle Leinwand beizusetzen, um so schnell als möglich einem unlohnenden, keinen Gewinn bringenden Kampfe auszuweichen. Wenn er aber, wie ich hoffe, Gold an Bord führt, so wird er das bald dadurch verraten, daß er selbst auszukneifen sucht!«

Die Männer waren mit den vernünftigen Ratschlägen des sonst nicht sonderlich beliebten »Generals« zufrieden. Der Kapitän richtete das Ersuchen an sie, der Mannschaft gegenüber noch nicht laut werden zu lassen, was man im Sinne trug, bevor man sich nicht bestimmt entschlossen hatte. Eine halbe Stunde konnte noch immer verstreichen, ehe man den Rumpf des fremden Seglers erblickte. Die Zeit bis dahin aber sollte benützt werden, um nach den Geschützen und der Munition zu sehen.

Als der Kapitän den »Rat« entließ, trat Wilder, in dessen Antlitz eine feste Entschlossenheit lag, vor, seinen Vorgesetzten um eine besondere Unterredung angehend.

Heidegger sah ihn erstaunt an. »Sie wissen noch mehr über jenes fremde Schiff?«

»Ja, Herr Kapitän. Und ich will Ihnen auch sagen, daß die Hoffnungen Ihrer Untergebenen auf Goldbarren schnöde getäuscht werden – Sie wissen nun, mit wem Sie es zu thun haben. Sehen Sie sich vor.«

»O – freuen sollte mich's, wenn Sie die Wahrheit sprächen, Wilder!« rief der Kapitän blitzenden Auges. »Wenn jenes Schiff dort wirklich die Kriegsflagge von England führt – dann wird der rote Freibeuter Farbe bekennen!«

»Es wäre eine Tollkühnheit; denn jenes Kriegsschiff ist Ihrem Fahrzeug bei weitem überlegen.«

Der Kapitän lächelte geringschätzig. »Überlegen – unserem Delphin? Sie täuschen sich. Und wenn selbst … ich würde seiner Flagge wenigstens Hohn sprechen!«

»Um dann die Flucht zu ergreifen?« fragte Wilder.

Heidegger starrte finster zu Boden. »Aber wenn wir dem Burschen auch nur halb gewachsen wären – ein Hochgenuß sollte es für mich sein, die Flagge mit dem Bildnis des heiligen Georg mit Füßen treten zu können!«

»Seit wann sucht der rote Freibeuter seine Befriedigung darin, für die Ehre – nicht für Gold und Güter zu kämpfen?«

Der Kapitän richtete sich hoch und stolz auf. »Der rote Freibeuter kämpft auch für seinen Haß! All die Lords des Königs Georg und seine sonstigen Kreaturen möchte ich zu meinen Füßen um Gnade winseln sehen. Ihre Schätze würde ich ihnen lassen – aber demütigen müßten sie sich.«

Wilder zuckte die Achsel. »Der Wille des Menschen ist sein Schicksal.« Damit wollte er sich vom Deck entfernen. Noch einmal wandte er sich dann zurück. »Jedes Schiff aus der Königlichen Flotte mag Ihrem Haß unterliegen – jenes dort nicht

»Herr Wilder – so genau kennen Sie es?«

»Allerdings. Ich habe es erst vor drei Monaten – selbst verlassen.«

»Ah!« schrie der Kapitän auf.

»Bei näherer Anschauung werden Sie finden, daß es besser für Sie gewesen wäre, ihm aus dem Wege zu gehen.«

»So sagen Sie mir: wie groß ist das Schiff?«

»Mein schwarzer Begleiter sagte es Ihnen bereits.«

»Wie – die beiden Burschen waren, gleich Ihnen, an Bord jenes Schiffes?« rief der Kapitän erstaunt. – »Nun, und sagen Sie vollends: wieviel Geschütze zählt das Schiff?«

»Zwei Batterien mehr als das unsrige.«

»Und die Geschütze haben stärkeres Kaliber?«

Wilder bejahte.

»Beim Teufel – das Schiff muß mein werden!« rief Heidegger. Als der Leutnant hierauf schwieg, fuhr er fort: »Wilder – Sie kennen meine Mannschaft. Sie wissen, daß die Burschen den Teufel im Leibe haben. Es sind die verwegensten und tapfersten Leute aus aller Herren Länder. Und Sie wissen, daß meine Untergebenen nicht für einen fremden Fürsten kämpfen – für einen König, den sie nie von Angesicht geschaut haben, – sondern daß sie sich durch ihr Schwert allein vor der Schlinge zu retten vermögen, die man ihnen, wenn wir unterliegen, um den Hals legen würde. Bedenken Sie die Wut, die Verzweiflung, die Verwegenheit meiner Leute, und dann wägen Sie unsere Streitkräfte ab: zweifeln Sie noch immer daran, daß der Sieg sich auf unsere Seite neigen wird?« Funkelnden Blickes starrte der Kapitän den jungen Mann an.

»Ich zweifle noch immer daran!« sagte dieser fest.

Heidegger zuckte zusammen. Er wollte gerade einen neuen Befehl von der Kommandobrücke aufs Deck hinabrufen, als der Bootsmann mit der Meldung erschien:

»Wir sind entdeckt, Herr Kapitän!«

Heidegger griff nach dem Fernglas. Ja, es war kein Zweifel: das fremde Schiff näherte sich sehr rasch. Es mußte einen guten Lugaus halten. Nachdem es den Delphin gesehen, hatte es sofort gewendet. Allmählich war der winzig kleine Punkt, den jener Offizier zuerst für eine auf dem Gipfel einer Woge schwimmende Möve gehalten hatte, in die Höhe gestiegen, immer breitere Massen von Leinwand wurden sichtbar – und schon erhob sich ein majestätischer Bau von Segeln über dem Wasser.

»Nun gut,« sagte der Kapitän, »so soll der Bursche dort drüben auch unsere Segel kennen lernen. – He, Waterbear, setzen Sie sofort alle Leinwand bei!«

Der Bootsmann ließ einen kurzen, gellenden Pfiff ertönen. Gleich darauf entwickelte sich eine rege Thätigkeit an Bord des Delphin. Kommandorufe wurden laut, die Matrosen rannten in scheinbar unentwirrbarem Durcheinander über das Deck, in dem Takelwerk ward's lebendig – und mit einem Male erfüllte ein mächtiges Rauschen und Brausen die Luft. Ungeheure Massen schneeweißer Leinwand wurden an den Tauen entlang gezogen – eine Rahe nach der andern füllte sich mit dem faltigen Segel, und immer höher, bis zur Spitze des Mastes, rauschte es flatternd empor. Nur wenige Minuten hatte es gedauert, bis sämtliche Spieren mit Segeln bekleidet waren.

Das fremde Schiff war inzwischen bis auf eine halbe Seemeile herangekommen. Der Rumpf tauchte aus den Wogen auf – und nun vermochte Heidegger, der unbeweglich auf der Kommandobrücke stand, mit bloßem Auge sogar die gelbe, mit schwarzen Punkten bezeichnete Linie wahrzunehmen, die sich über die ganze Länge des Schiffes hinzog. Dies waren die Batterien des Fremden – Geschütz reihte sich an Geschütz. Eine musterhafte Ordnung schien in dem Takelwerk zu herrschen – scharf deckte sich die Richtung der Taue, Spieren und Rahen an den einzelnen Masten.

Gleich nachdem an Bord des Delphin die Segel gehißt worden waren, füllten sich die faltigen Massen mit Wind. Immer straffer und glatter wurde die Leinwand – das Schiff machte zwei, drei Schwenkungen; dann grub sich das Vorderteil tief in die Wogen, jäh schäumte es auf in zwei von Gischt und weißem Schaume bezeichneten Bahnen – und dann flog der Delphin vor dem Winde her.

In gleicher Richtung segelten jetzt die beiden Schiffe dahin. Ihre Bewegungen waren rasch und sehr gleichmäßig, so daß nach einer Viertelstunde die Entfernung zwischen ihnen sich noch um kein Haarbreit vergrößert oder vermindert zu haben schien.

Plötzlich winkte Heidegger seinen ersten Leutnant zu sich heran.

»Hören Sie, Wilder, – mir ist, als hätte ich diesen Fremden schon früher einmal gesehen. Sagen Sie, waren Sie während der letzten Frühjahrsnachtgleiche an Bord dieses Seglers?«

Wilder bejahte.

»Erinnern Sie sich nicht, bei einem furchtbaren Sturme um Mitternacht mit einem feindlichen Schiffe ins Treffen geraten zu sein?«

»Allerdings!« erwiderte der andere. »Es war in einer schrecklichen Nacht. Die See brüllte und tobte – und zischend sausten die Geschosse hinüber und herüber. Wir glaubten einen Franzosen vor uns zu haben, bis plötzlich – –«

Erstarrend schwieg Harry Wilder.

»Nun?« fiel Heidegger mit einem stolzen Augenaufschlag ein. »Bis plötzlich der Fremde seine Flagge aufhißte!«

»Seine furchtbare Flagge!« wiederholte Wilder düster. »Der Orkan trieb die beiden Schiffe auseinander; sonst hätte sich ein Kampf auf Leben und Tod entsponnen.

»Darf man denn fragen, welche Flagge es war, die einem Königlichen Fahrzeuge so ›furchtbar‹ erscheinen konnte?« ließ sich in diesem Augenblick die klangvolle, aber etwas bebende Stimme der Frau Wyllys vernehmen.

Erschrocken wandten sich die beiden Männer um. Sie sahen in das forschende Auge der Dame. Sofort hatte sich der Kapitän wieder gefaßt. »Nach unserer Flagge fragen Sie, gnädige Frau? O, ich bemerke erst jetzt, daß wir unserem Nachbar noch nicht einmal Farbe bekannt haben. Ich danke Ihnen, beste Frau Wyllys, für die Mahnung!«

Während Frau Wyllys fortfuhr, ihn durchdringend anzublicken, wandte er sich an den Bootsmann. »He, Waterbear, zwei Mann zum Flaggenkästchen!«

Wilder hatte, die peinliche Pause ausfüllend, nach dem fremden Segler Ausschau gehalten. »Bis jetzt hat sich unser Nachbar auch noch nicht so höflich gezeigt, seine nackte Gaffel mit einer Flagge zu bekleiden.«

»Thut nichts, so machen wir den Anfang,« sagte Heidegger. »Den Holländer empor!« befahl er gleich darauf den Matrosen.

Pfeilschnell schwang sich die holländische Flagge zur Gaffel des Delphin empor. Der Kapitän sah seinen ersten Leutnant lachend an. »Wollen sehen, was Ihr alter Freund zu dem schwerfälligen Holländer sagt.«

Aber der fremde Segler nahm keine Notiz von der Bewimpelung.

»Ein unhöflicher Geselle, dieser Kapitän des Nachbarschiffes!« sagte Frau Wyllys.

Heidegger zuckte die Achsel. »Ich werde ihm die Antwort nicht schuldig bleiben, gnädige Frau!«

Er verzerrte sein Gesicht zu einem so grausamen Lachen, daß Frau Wyllys entsetzt zurückwich.

Als sich der Kapitän von ihr unbelauscht wußte, fragte er seinen Leutnant: »Herr Wilder, Sie haben nur den Namen jenes – unheimlichen Gesellen noch nicht genannt. Wie heißt das Schiff, das wir vor uns haben?«

»Es ist der Königliche Kreuzer Pfeil!« kam es kurz von den Lippen des jungen Mannes.

»Ah!« fuhr Heidegger auf, »also Kapitän Bignell führt das Schiff?«

»Sie kennen den Kapitän?« fragte Wilder verwundert.

»Ich führe ein genaues Register der Königlichen Kriegsschiffe und deren Kommandeure.«

»Aber wozu – aus welchem Grunde?«

»Vielleicht nur aus Liebhaberei,« lachte der Kapitän, »vielleicht aber auch – aus Klugheit. O, ich kenne sogar Alter, Charakter und Abstammung der einzelnen Offiziere. Im Verkehr mit den Herren Kapitäns ist mir diese Kenntnis schon oft sehr zu statten gekommen.«

»Sie verkehren mit – –«

Heidegger nickte. »Ich habe mich schon mit manchem Schiffsführer der Königlichen Flotte aufs angenehmste unterhalten. Freilich habe ich mich ihnen stets als einen treuen Unterthan Seiner Majestät vorgestellt.«

»Wie haben Sie eine solche Komödie nur durchführen können?!«

»Es wird mir auch im vorliegenden Falle nichts anderes übrigbleiben.«

»Ja, mein Himmel, aber wie wollen Sie es denn anstellen, für den Kapitän eines Königlichen Kriegsschiffes gehalten zu werden?«

»Ganz einfach. Ich taufe mein Schiff zum Beispiel ›Gazelle‹ – und mich selbst nenne ich Kapitän ›Howard‹.«

Wilder sann nach. »Mir ist, als hätte ich diese Namen noch niemals gehört.«

»Das glaube ich wohl,« erwiderte Heidegger, »die wahre Gazelle nämlich ist erst vor einem Jahre von Stapel gelaufen.«

»Aber wie kommen Sie gerade auf dieses Schiff?«

»Der Delphin hat mit ihm gleiche Größe, ähnelt auch sonst der Gazelle – und weder ein Matrose noch ein Offizier des Pfeil kann die Gazelle je gesehen haben.«

»Und warum nicht?« fragte Wilder.

»Nun, weil der Pfeil in den letzten Jahren überhaupt nicht in Europa gewesen ist, sondern sich stets auf den fernsten Meeren herumgetrieben hat.«

Die Mannschaften an Bord des Delphin blickten unruhig zur Kommandobrücke empor. Heidegger sah herausfordernd zu dem Fremden hinüber. »Der Bursche soll nicht glauben, mich so bald einholen zu können; jedenfalls will ich ihm zeigen, daß ich es an Geschwindigkeit mit ihm aufnehme.«

Der Gesichtsausdruck Wilders wurde immer ernster, fast drohend. »Der Pfeil ist ein Schnellsegler ersten Ranges. Wären Sie ihm, solange es noch Zeit war, ausgewichen, Herr Kapitän, – Sie hätten sich und Ihrer Mannschaft manche Gefahr erspart.«

»Ich fürchte ihn nicht – und wäre er mir zehnmal überlegen!« sagte der Kapitän selbstbewußt. Gleich darauf sah er seinen ersten Leutnant scharf an. »Aber ich habe es schon von Anfang an mißfällig bemerkt, daß gerade Sie, Herr Wilder, sich so geflissentlich davor sträuben, mit Ihrem alten Bekannten wieder in Berührung zu kommen. Aber merken Sie sich: hier an Bord bin ich Herr, und mein Wille allein ist maßgebend.«

Wilder biß sich auf die Lippen und zog sich zurück. Aber in seinen Augen flammte ein seltsames Feuer – und es zuckte oftmals jäh über sein Antlitz.

Übermütig rief Heidegger dem Bootsmann zu: »He, Waterbear, zeigt dem ungeschliffenen Engländer eine Flagge, auf die er endlich einmal antworten muß: das weiße Feld Frankreichs in die Höhe!«

Rasch sank die holländische Flagge auf das Deck nieder. Gleich darauf ward das Zeichen der Franzosen aufgehißt.

Eine atemlose Stille herrschte auf dem Delphin. Gespannt blickte man zu dem fremden Segler hinüber. Im Nu flog drüben das breite, glänzend bemalte Wappen Englands mit dem heiligen Georg zur Gaffelspitze empor. Gleichzeitig sah man es auch im Geschützraum aufblitzen, eine Rauchsäule wirbelte aus der Geschützpforte – dann rollte der Knall eines Kanonenschusses über das Wasser.

»Das Zeichen der Herausforderung!« schrie Fräulein Gertrud entsetzt auf, die bisher schweigend am Kajütenfenster den fremden Segler betrachtet hatte.

Frau Wyllys, bebend am ganzen Körper, trat in diesem Augenblick in den untern Schiffsraum ein. In den Mienen der beiden Damen lag der Ausdruck größter Bangigkeit.

Roderich war Frau Wyllys auf dem Fuße gefolgt. »Der Kapitän läßt den Damen mitteilen, daß durchaus kein ernstlicher Kampf stattfinden werde. Nur läßt er Sie bitten, während der nächsten halben Stunde das Verdeck nicht zu betreten.«

Staunend sahen die Damen den Knaben an, der sich nach Erledigung seines Auftrags wieder an Deck begab.

Trotz der Versicherung des Kapitäns vernahm man von drüben her Trommelschlag. Dieses Signal wies die Mannschaft an die Geschütze.

Sofort wurde auf dem Delphin erwidert. Ein kurzer Befehl Heideggers – dann schossen die Gruppen, die sich zwanglos an Deck gebildet hatten, mit Blitzesschnelle auseinander. Jeder lief an seinen Posten – einige Augenblicke später herrschte schon wieder die tiefste Stille.

Sämtliche Leute standen an den Geschützen; neben jedem derselben lag eine hinreichende Menge Munition. Die Leute blickten ernst und finster drein. Die Offiziere überzeugten sich von dem tadellosen Zustande ihrer Batterien; dann traten sie in die Luken, in gespannter Erwartung den Kapitän anblickend.

Heidegger hatte sich inzwischen selbst zum Kampfe gerüstet. Er hatte seine Kapitänsmütze abgenommen und einen ledernen Helm aufgesetzt, der seinem Antlitz ein furchtbar kriegerisches, fast grausames Aussehen verlieh.

Harry Wilder war der einzige, dessen Auge nicht kampflustig, wie das der übrigen dreinblickte. Unstät und wie unschlüssig sprang sein Blick vom Delphin zum Pfeil hinüber. Seine Lippen waren bleich – die Haltung des Körpers aber noch immer stramm und fest.

Scharf blickte der Kapitän nach ihm hin. »Wilder!« raunte er ihm plötzlich zu, »und wenn es nun wirklich zum Kampfe käme, – würden Sie es über sich gewinnen, den Befehl zur ersten Salve zu geben?«

Der Leutnant schwieg. Er schien einen heftigen inneren Kampf mit sich auszufechten.

»Wilder – warum haben Sie jenes Schiff verlassen?«

»Um – zu Ihnen zu gehen!« sagte er mit bebenden Lippen.

»Ah, ich verstehe! Man hat auch Sie, wie mich, einstmals beschimpft! Man hat auch Sie als ein Wesen geringerer Klasse behandelt – weil Sie, wie ich, nur aus einer Kolonie jenes Landes herstammten? Und man ließ es Sie ebenfalls bei jeder Gelegenheit fühlen, daß nicht das Mutterland, sondern nur das mißhandelte Amerika Ihr Vaterland ist?«

Wilder antwortete nicht.

Heidegger nickte langsam mit dem Kopfe. Dann sagte er in mildem, fast teilnehmendem Tone: »O, ich begreife wohl, was in Ihnen vorgeht. Gewiß sind Sie auf diesem Schiffe tief gekränkt worden – denn sonst hätten Sie es nicht verlassen – aber Sie denken in diesem Augenblicke daran, daß nicht alle, sondern vielleicht nur einige wenige Sie beleidigt haben. Ist es so? Reden Sie! Sagen Sie offen: Sie würden es lieber sehen, wenn der Kampf mit dem Pfeil vermieden würde?«

»Dazu – ist's zu spät!« sagte Wilder tief aufatmend.

Heidegger wandte sich rasch ab. Ein kurzer Befehl – und ein abermaliger Flaggenwechsel fand statt. Die englische Flagge mit dem heiligen Georg wurde aufgehißt – und im Nu entspann sich zwischen den beiden Schiffen ein lebhafter Austausch von Signalen.

Gleich darauf ließ der Kapitän die Mehrzahl der Segel streichen. Der Kapitän des Pfeil folgte seinem Beispiel. Heidegger gab Befehl, das Vorderteil des Schiffes auf den bisherigen Gegner zu richten. Ein paar Schwenkungen – und der Delphin lag in nächster Nähe des zweiten Schiffes, ihm langsam wieder seine Breitseite zuwendend. Wenige Minuten später fielen die letzten Segel auf beiden Fahrzeugen. – Die Schiffe hielten.

Atemlose Stille herrschte an Bord des Delphin. Die Mannschaft wartete gespannt, was nun folgen werde.

Durchs Sprachrohr vernahm man von drüben her die Aufforderung an den Delphin, Namen und Befehlshaber des Schiffes zu nennen.

Der Freibeuter setzte sofort das Sprachrohr an seine Lippen und rief: »Hier Seiner Majestät Fregatte Gazelle, Kapitän Howard!«

»Seiner Majestät Kreuzer Pfeil, Kapitän Bignell!« klang's von drüben herüber. Daran wurde die Aufforderung an den Kapitän der Gazelle geknüpft, an Bord des Pfeil zu erscheinen.

Heidegger erwiderte durch das Sprachrohr, daß er unverzüglich der Einladung nachkommen werde.

Drüben wurde nun der Befehl »Rückzug von den Posten« gegeben. Der Freibeuter ließ das Kommando auch auf seinem Schiffe ausführen. Dann nickte er seinem ersten Leutnant lächelnd zu und verschwand in seiner Kajüte.

Wilder folgte ihm in atemloser Spannung.

»Kapitän, Sie wagen es – jetzt, nachdem Bignell schon längst argwöhnisch geworden sein muß – sich in die Höhle des Löwen zu begeben?«

Der Freibeuter zuckte die Achsel. »Was bleibt dem jungen Kapitän Howard anderes übrig, als der freundlichen Aufforderung seines älteren Kameraden Folge zu leisten?«

»Das ist – Wahnwitz!« rief Wilder außer sich.

»Sie würden sich also fürchten, Herr Leutnant, mich an Bord des Pfeil zu begleiten?« fragte der Kapitän fast spöttisch.

»Fürchten?!« rief der junge Seemann, während eine flammende Röte über sein Antlitz schoß. »Nein, Herr Kapitän, Furcht und Feigheit sind mir fremd.«

Heidegger sah ihm frei ins Gesicht. »Wahrhaftig, ich glaube es Ihnen. Und ich sehe auch ein, daß Sie mich nicht begleiten können – denn man kennt Sie ja viel zu genau auf dem Pfeil. Selbst die beste Verkleidung würde Ihnen nichts helfen. Den roten Freibeuter aber dürfte niemand in der Gestalt vermuten, die sich nachher an Bord des Königlichen Kreuzers wagen wird!«

Innerhalb weniger Minuten hatte Heidegger die große Umwandlung vollzogen. Er hatte sich in die Uniform eines englischen Fregattenkapitäns geworfen. Die Kleidungsstücke waren ganz vorschriftsmäßig angefertigt; nicht das geringste Abzeichen der Kapitänswürde fehlte. Im übrigen hatte sich der Freibeuter aber wie ein vornehmer englischer Stutzer herausgeputzt.

»Nun, wie finden Sie mich?« fragte der Kapitän, »ich glaube diesen Herrn ziemlich naturgetreu darzustellen. Wissen Sie, Howard ist nämlich einer von den bevorzugten Sterblichen – weil sein Vater mit Mylord angeredet wird. Es ist zu schade, lieber Wilder, daß Sie der Komödie nicht beiwohnen können, die ich jetzt mit dem guten alten Kapitän Bignell aufführen werde. Sie wird sehr amüsant werden, glaube ich.«

»Herr Kapitän Heidegger,« sagte Wilder tonlos, »Sie treiben ein gefährliches Spiel!«

Noch einmal überflogen die Blicke des Freibeuters alle Punkte seines Schiffes – dann übergab er das Kommando seinem ersten Leutnant.

Mehrere Ruderer hatten inzwischen das Boot flott gemacht. Es waren finster dreinblickende, verwegene Burschen, die ähnliche gefahrvolle Sendungen schon mitgemacht zu haben schienen. Mit jugendlichem Feuer sprang der Kapitän in das Boot. Dann wurde abgestoßen und auf den Pfeil losgesteuert.

Unter den einem Königlichen Kapitän gebührenden Ehrenbezeugungen wurde der rote Freibeuter an Bord des englischen Kriegsschiffes empfangen.


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