Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Viertes Kapitel.
Die Neptunstaufe

Das Segelschiff steuerte südwärts. Manche unruhige Nacht verstrich, die sich die Besatzung außerhalb der Hängematten um die Ohren schlagen mußte, aber endlich wurden ruhigere Breiten erreicht.

Friedlich lagen die Gewässer da, überwölbt von dem ewig blauen Himmel. Klar und goldig entstieg der Sonnenball dem Meere, mit seiner satten Strahlenfülle alles überflutend und Millionen von Spiegellichtern in dem azurblauen Meere weckend. Sanft wiegte sich das Schiff auf der glatten Wasserbahn, umschwärmt von unzähligen Scharen fliegender Fische, die in den goldenen Strahlen der Sonne blitzten und funkelten. Über den Spitzen der Masten flatterte der Tropenvogel, und in treuer Anhänglichkeit folgte die Seeschwalbe dem Kielwasser des stolzen Fahrzeugs.

Frau Wyllys und Fräulein Gertrud hatten sich an Bord desselben bald eingewöhnt. Sie hielten das Schiff wirklich für ein der königlichen englischen Marine angehörendes Fahrzeug; die ganze Ausstattung und Bewaffnung des Schiffes schien auch darauf hinzuweisen. Manche Schiffsgebräuche freilich erschienen Frau Wyllys, die durch ihren verstorbenen Gatten über die Einrichtung königlicher Fahrzeuge schon vor langen Jahren unterrichtet worden war, fremd. Sie erklärte sich diese Absonderlichkeiten aber mit den Veränderungen, die im Marinewesen sich im Laufe der Zeit erforderlich gezeigt hatten. Am meisten gab ihr noch die Uniformierung zu denken. Die Offiziere des Schiffes waren mit Dolch und Pistolen bewaffnet, selbst wenn sie sich gerade nicht im Dienst befanden. Auch wies die Uniform der Schildwachen nicht auf eine bestimmte Nation hin. Ein Trupp Marinesoldaten, der sich an Bord befand, wurde von einem wahren Riesen befehligt, welcher den Titel »General« führte. Im näheren Umgang erwiesen sich diese »Offiziere« als recht ungebildete Burschen. Nur der Kapitän des Schiffes machte davon eine Ausnahme. Schon seine Gestalt hatte – wenn sie auch nur mäßig groß war – etwas Vornehmes und Gebietendes. Er trug auf seinen blonden Locken eine schwarzsamtene Kapitänsmütze, die mit einer tief herabhängenden Goldquaste geschmückt war. Sein Oberkörper war in einen blauen mit Gold eingefaßten Rock gehüllt. Auch er ging, wo immer er zu sehen war, stark bewaffnet; außer Dolch und Pistolen trug er noch einen reich mit Brillanten besetzten türkischen Säbel. Kapitän Heidegger – so wurde er von der Mannschaft genannt – genoß großen Respekt bei all seinen Untergebenen. Sein durchdringender Blick überflog aber auch alle Teile des Schiffes, gleichsam als ob er jeden einzelnen musterte; und niemand wagte sich anders als in unterwürfiger, wenn auch stramm militärischer Haltung ihm zu nähern.

Auf dem höchsten Teil des Hinterdecks, der sogenannten Hütte, war den Damen ein angenehmer Platz zum Aufenthalt während schöner Witterung angewiesen worden. Hier fanden sich Gertrud und Frau Wyllys oftmals sorglos und heiter plaudernd ein – ohne von dem Wesen des Schiffes, auf welchem sie sich befanden, die geringste Ahnung zu haben. Wenn ihnen auch gesagt worden war, daß das Schiff den Lauf nach Charlestown nicht unmittelbar einschlagen könne, sondern vorher noch einige andere Häfen anlaufen müsse, so verrieten ihre Augen doch fortgesetzt eine gewisse hoffnungsvolle Fröhlichkeit.

Harry Wilder hatte sich, seitdem sie als Schiffbrüchige an Bord des Schiffes aufgenommen worden waren, nur selten bei den Damen sehen lassen. Um so verwunderter waren die letzteren daher, als sie eines Tages wahrnahmen, daß der vormalige Kapitän der Royal Karolina, ihr Beschützer und Unglücksgenosse, auf diesem Schiffe die Stellung eines ersten Leutnants inne hatte.

In dem zutraulichen Tone, den gemeinsam ausgestandene Gefahren zu erzeugen pflegen, fragte ihn Frau Wyllys daher bei nächster Gelegenheit nach dem Zusammenhang der Dinge.

»Wie war es nur möglich, Herr Wilder, daß man Ihnen, der Sie doch nur, gleich uns, als ein schiffbrüchiger Fremder auf das Schiff kamen, sofort ein so wichtiges Amt anvertraute?«

Wilder antwortete zögernd, die Stelle des ersten Leutnants sei erst vor kurzem durch den Tod ihres früheren Inhabers erledigt worden; Kapitän Heidegger, der sich aus seinen Papieren überzeugt habe, daß er der passende Mann sei, habe ihm daher die Stelle übertragen.

»Ja, haben Sie denn schon früher einmal als Offizier auf einem Kriegsschiffe gedient?« fragte Frau Wyllys weiter.

Wilder bejahte kurz.

Nun wollte die Dame noch ferner wissen, ob es denn auf den königlichen Fahrzeugen gegenwärtig Sitte wäre, daß die Offiziere stets mit Dolchen und Pistolen bewaffnet einhergingen.

Der Leutnant erklärte dies flüchtig mit den feindseligen Beziehungen zwischen England und Frankreich.

Frau Wyllys schüttelte den Kopf. Nachdem Quebeck, das Bollwerk von Canada, im vorigen Jahre, – es war das für die Küsten Nordamerikas bedeutungsvolle Jahr 1759 – in die Hände der Engländer gefallen war, hätte man doch hoffen dürfen, daß der lange Krieg zwischen diesen und den Franzosen ein Ende nehmen würde. Denn die Engländer hatten sich überall als die stärkeren erwiesen, und die Franzosen hatten alle ihre bisherigen Kolonien in Nordamerika an sie verloren.

Wilder ließ sich auf keine weiteren Erörterungen ein, sondern verwies die Fragerin kurz und bündig an den Kapitän selbst.

Die Damen waren über das seltsame Gebaren ihres Schicksalsgenossen nicht wenig verwundert. Wilder war scheu und verwirrt, so oft er angesprochen wurde. Ja, Fräulein Gertrud hatte eines Tages die Wahrnehmung gemacht, daß er – im Gegensatz zu seinem schroffen, abweisenden Benehmen gegen andere – mit ein paar gewöhnlichen Matrosen, einem Schwarzen und einem Weißen, in ganz vertraulichem Verkehr stand. Diese Thatsache ließ ihr von jetzt ab den Leutnant noch rätselhafter erscheinen.

Die beiden Matrosen waren niemand anders, als Richard Fid und Scipio Afrikanus. Die treuen Seelen hatten keine geringe Freude geäußert, als sie ihren jungen Herrn wieder in ihrer Nähe sahen. Sie hatten unter der ganz seltsamen Besatzung keine Freunde gefunden, waren daher bis jetzt ziemlich auf sich angewiesen gewesen.

Eines Tages faßte sich Fräulein Gertrud ein Herz und sprach den Kapitän Heidegger – als dieser zufällig auf die Hütte kam – selbst an. Der Schiffsführer zeigte sich als ein in den feineren Umgangsformen wohl bewanderter Mann. Jedem ernsteren, eingehenderen Gesprächsthema wußte er aber mit bewundernswertem Geschick auszuweichen. Er plauderte vielmehr so scherzhaft mit den Damen, als ob er sich mit ihnen in einem Ballsaal befände.

Fräulein Gertrud schmollte ein wenig. »Ich wollte mit Ihnen über den Tag unserer Landung in Charlestown reden, Herr Kapitän, statt dessen speisen Sie mich mit liebenswürdigen Schmeicheleien ab – als ob Sie einen jungen Backfisch vor sich hätten, der zum erstenmal zum Tanze geführt wird.«

»Glauben Sie nicht, gnädiges Fräulein, daß es dem Herzen eines alten Seemanns, der auf dem Wasser mürrisch und grillig geworden ist, wohlthut, einmal in heiterem Geplauder wieder auftauen zu können?«

»Ach ja,« seufzte das junge Mädchen, »das ewige Herumfahren auf der See muß doch trostlos einförmig sein.«

Der Kapitän lächelte. »Sie dürfen nicht annehmen, daß es auf einem Schiffe nur immer den leidigen Dienst und kein einziges Vergnügen zur Abwechslung giebt. Wir haben hier an Bord sogar schon Bälle veranstaltet.«

»Bälle?« lachte das Fräulein.

»Gewiß. Und dann sollten Sie einmal unsere Teerjacken im Ballstaat sehen. So schöne junge Damen haben wir freilich sonst nicht an Bord. Als Tänzerinnen werden aber diejenigen Matrosen angesehen, deren Schnurrbart noch nicht über Gebühr entwickelt ist. Und wieviel Süßholz dann geraspelt wird – Sie glauben es gar nicht.«

»Ja – aber wo wird denn getanzt?« fragte Gertrud, sich auf dem Schiff umsehend, »im Mastkorb etwa?«

Heidegger schüttelte lächelnd seine blonden Locken. »Unser Ballsaal ist das Hinterdeck. Sämtliche Geschütze werden von dort entfernt – als Schirmdach dienen die hoch darüber ausgespannten Sonnensegel – und mit gewähltem Geschmack werden von den geschicktesten Händen aus allerlei Flaggen Vorhänge und schmucke Gewinde in passender Farbenstellung gebildet.«

»Ist es möglich?« rief das Fräulein verwundert.

»Das gelungenste,« fuhr der Kapitän fort, ist aber entschieden ein Springbrunnen, den wir das letztemal zur Ausschmückung unseres Ballsaals – von einer Baumgruppe eingeschlossen – an Bord gehabt haben. Wer den zehn Fuß hohen Strahl, der als feiner Staubregen in das Becken zurückfiel, sah, der ahnte gewiß nicht, daß die Deckwaschbalje und die Feuerspritze unseres Schiffes für diese Wasserkünste hatten herhalten müssen. Denn kunstvoll wurde die prosaische Bestimmung dieser Gegenstände durch einen kleinen Blumenhain verdeckt, den wir aus irgend einem Hafen an Bord hatten bringen lassen.«

Gertrud war ganz entzückt von dem humorvollen Ton, in welchem der Kapitän zu reden wußte.

»Doch da plaudern wir – und ich vergesse ganz, daß meine Leute mich um die Erlaubnis zu einer ähnlichen Lustbarkeit gebeten haben. Es handelt sich nämlich um einige spaßhafte Verkleidungs-Possen, welche die Leute veranstalten wollen.«

»Das ist ja reizend!« rief das junge Mädchen. »Endlich einmal eine kleine Abwechslung!«

»Wilder!« rief Heidegger über das Deck hin. Der Gerufene erschien. »Übernehmen Sie das Kommando der Neptunstaufe!«

Gertrud war erstaunt, daß der Kapitän bei derlei Festlichkeiten den Oberbefehl nicht selbst führte.

Heidegger schüttelte ernst den Kopf. »Ein junger Mann, wie Wilder, vergiebt sich weniger, wenn er bei solchen Späßen mitwirkt, als ein älterer Mann.«

Der Leutnant erwies seine Ehrenbezeugung; dann schickte er zu dem Bootsmann Waterbear, damit dieser seinen »Zauberruf« ertönen lasse.

Bald darauf erschien der Bootsmann – ein rauher, breitschulteriger Geselle, über dessen Gesicht mehrere schlechtgeheilte Narben hinliefen – an Deck. Wilder gab ihm seine Befehle. Der Bootsmann ging zur Luke, ließ aus seiner silbernen Pfeife einen gellenden Pfiff ertönen und rief:

»Alle Mann auf – ahoi! Zur Neptunstaufe!«

Sofort wurde es lebendig an Deck. Von allen Seiten liefen die Matrosen zusammen – aus dem Tauwerk, von den Masten und Spieren kletterten sie herab. Etwas zögernder erschienen die Marinesoldaten, sich um ihren »General« scharend. Aus den Blicken, die zwischen den Matrosen und den Soldaten gewechselt wurden, konnte man entnehmen, daß das Einvernehmen zwischen diesen beiden Truppen nicht eben das beste war.

Nach einigem Harren begann endlich der Spektakel.

Eine tiefe Stimme erklang von unten – wie aus dem Meere herauf. Sie begrüßte das Schiff mit rauhen, fast brüllenden Lauten.

Wilder, der – ganz gegen seinen Willen – den Oberbefehl hatte übernehmen müssen, antwortete: »Heda – wer ist's, der dem Delphin seinen Gruß sendet?«

»Ich bin's – der Vater Neptun!« klang's zurück.

»Sei uns willkommen, Gott Neptun! Womit kann unser Schiff dir dienen?«

»Ich habe vernommen, daß einige Fremdlinge mein Gebiet betreten haben. Ich will an Bord kommen, um die Taufe an den Eindringlingen zu vollziehen!«

Großer Beifallslärm wurde laut. Namentlich die Matrosen klatschten ausgelassen in die Hände und schielten nach einigen Marinesoldaten hinüber, die etwas argwöhnisch sich im Hintergrunde hielten.

Bald erschien nun der Gott Neptun in höchst eigener Person. Wilder erkannte sofort den Bootsmann Waterbear in der abenteuerlich vermummten Gestalt. Derselbe hatte in aller Eile eine Art Krone auf den Kopf gesetzt, die aus Seegras und beteerten Baumwollenquasten zusammengeflochten war. Aus demselben Stoffe bestand auch das von Meerwasser triefende Haar, sowie der lange, weiße Bart, der fast bis zu den Knieen hinabreichte. Ein seltsames mantelartiges Kleidungsstück hing über seinen Schultern. In der Hand trug er einen mächtigen Dreizack, das Sinnbild der Meeresgottheit.

Neptun schritt – unter dem Jubel der Anwesenden, und gefolgt von einer großen Anzahl gleich ihm vermummter Gestalten – mit würdevoller Miene über das Deck. Vor den Damen machte er einen tiefen Kratzfuß, ebenso vor den Offizieren. Dann wandte er sich an Wilder. »Heda, junger Kapitän, wie lange befindet sich Euer Schiff wieder in meinem Bereich?«

»Seit einer Woche ungefähr, Gott Neptun!« erwiderte Wilder, dem die Sache Spaß zu bereiten anfing.

»Ich dachte mir's wohl, daß Ihr noch nicht länger unterwegs seid. Wenigstens sind einige Neulinge bei Euch an Bord, die auf der Fahrt noch nicht einmal das Gehen und Stehen gelernt zu haben scheinen. Wer ist zum Beispiel dieser steife Herr da, der sich so schüchtern an die Besanwand drückt? Wohl auch so ein Kiek-in-die-Welt, wie?«

Der Gott Neptun wies mit seinem Dreizack herausfordernd auf den »General«. Dieser schnitt ein grimmiges Gesicht, ebenso die übrigen Seesoldaten – während die Matrosen in ein brüllendes Gelächter ausbrachen.

Wilder befürchtete, daß Ärgernis entstehen könnte, wenn er zugab, daß der General beleidigt wurde.

»Eure Majestät wollen sich lieber an jüngeres Volk machen – der Herr General ist ein altgedienter Seemann und hat, soviel ich weiß, dem Gott Neptun schon manches Opfer dargebracht!«

Es wurde gelacht – und damit war die Eintracht vorläufig wieder hergestellt.

Nun wandte sich der Gott Neptun mit einem besonders tiefen Kratzfuß an die Damen, sie nach ihrer Herkunft, der Dauer ihrer Seereise u. s. w. ausfragend. Auch von ihnen wollte Wilder den neugierigen Gott fortdrängen. Diesmal blieb aber der Weißbärtige standhaft.

»Sie, mein junges Fräulein,« sagte er höflich zu Gertrud, »sind zwar schön genug, um in meinem Reiche geboren sein zu können – gleichwohl möchte ich Sie aber bitten, mir genau anzugeben, in welchen Breiten Sie schon früher einmal meine Taufe empfangen haben?«

Die junge Dame war nicht auf den Mund gefallen. »Die seemännischen Ausdrücke,« sagte sie keck, »sind mir nicht geläufig genug, um die betreffende Stelle Eurer Majestät genau bezeichnen zu können. Vielleicht genügt Ihnen aber ein Händedruck als Bekräftigung meiner Versicherung.« Sie ließ in die Hand des plumpen Gesellen ein Goldstück fallen.

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte der Gott schmunzelnd, »Sie sprechen eine ebenso edle als deutliche Sprache!«

Unter dem Lachen des Schiffsvolks zog er weiter. Auch Frau Wyllys mußte dem Gotte ein solches Geldopfer bringen. Dankend machte der Weißbart eine tiefe Verbeugung und begann seinen Rundgang über das Schiff. Die übrigen Vermummten folgten ihm in einem langen Zuge. Sie bliesen in die Muscheln, die sie als Musikinstrumente mit sich führten, und vollführten einen Höllenspektakel. Die Matrosen bejubelten diese Kraftäußerung der Lungen mit nicht endenwollendem Beifallklatschen.

Die einzigen, die sich von der lärmenden Feier zurückhielten, waren die Marinesoldaten. Einzelne Äußerungen von Matrosen hatten sie mißtrauisch gemacht.

Nachdem das Höllenkonzert zu Ende war, schritt der Meeresgott geradeswegs auf sie zu. Im Halbkreis sahen sich die Seesoldaten von dem ausgelassenen Volk umringt. Die Matrosen kletterten in das Takelwerk, um das Schauspiel besser sehen zu können, denn sie ahnten, daß jetzt der Hauptspaß kommen werde. Denn das war für sie die Taufe derjenigen Grünen und Neulinge, die sich nicht durch ein Goldstück loskaufen konnten.

Der Meeresgott gab Befehl, daß ein riesiges Wasserfaß herbeigeschafft werde. Dutzende von Händen beeilten sich, das Faß mit Seewasser voll zu pumpen. Dann wurden grobe Teertücher herbeigeschleppt und auf dem Boden ausgebreitet. Die »Täuflinge« wurden nämlich zuerst wiederholt in das Wasserfaß getaucht, manchmal auch über Gebühr unterm Wasser festgehalten, und schließlich – wenn die Armen vor Erschöpfung willenlos geworden waren – gleich Wickelkindern in die Tücher eingebunden. Damit diese ungeschlachten Täuflinge nach dem Bade auch gleich etwas zu essen bekämen, schaffte man einen mächtigen Kochtopf herein, unter dem man Feuer anzündete. Nicht gerade die schönsten Dinge – alte Schuhe, Knochen, Speisereste, viel Salz und Pfeffer, Lumpen und Pulver – wurden nun in Essig zu einem abscheulichen Gericht, dem sogenannten Kindsbrei, mit einem mächtigen Rührlöffel durcheinander gequirlt.

Die Matrosen hatten sich über das ganze Deck hin – an allen Luken und Treppen und in dem Tauwerk – derart aufgestellt, daß an ein Entwischen der unglücklichen Opfer nicht zu denken war. Geheime Freude leuchtete aus allen Gesichtern der Seeleute, als jetzt der Meeresgott anhub:

»Jene steifen Helden dort scheinen mir am meisten nach dem Lande zu riechen! Bringt sie vor meinen hohen Richterstuhl, damit ich die Taufe an ihnen vollziehen kann.«

Der Gott Neptun hatte mit seinem Dreizack die Marinesoldaten bezeichnet. Die jüngsten unter denselben, die der Taufe gewärtig sein mußten, ballten die Fäuste und blickten den Meeresgott herausfordernd an.

Schon aber fielen einige der handfestesten Matrosen über sie her, um sie zum Taufbecken zu schleppen.

Die Rekruten setzten sich tapfer zur Wehr. Sie teilten Püffe und Schläge nach allen Seiten aus. Dabei fielen Schimpfreden und zornige Ausrufe.

Als Neptun sah, daß die ausgesandten Häscher mit den widerspenstigen Täuflingen nicht fertig wurden, schickte er seine ganze Rotte zur Verstärkung.

»Alle zu Hauf!« befahl er. »Bringt mir die Meuterer her! Keiner soll sich meinem Machtspruch widersetzen!«

Noch ehe aber die bunten Gestalten dem Befehl nachgekommen waren, sprang der »General« mitten aus der Schar seiner Leute heraus und pflanzte sich schützend vor ihnen auf. »Was soll dieses unmilitärische Verfahren?« rief er zornbebend. »Glaubt ihr, ich würde zugeben, daß man meine Leute beschimpft? Es sind lauter ehrenwerte Soldaten – niemand soll es wagen, Hand an sie zu legen! Ihr aber, Leute,« – so wandte er sich an seine Untergebenen, – »weicht nicht und seid eingedenk, was die Soldatenehre erheischt. Und wenn euch auch nur eine Hand berühren sollte, so vergeßt nicht, mit der Faust oder mit eurem Schwerte dem Beleidiger zu antworten!«

Lauter Widerspruch von seiten der Matrosen folgte diesen Worten. »Meuterei gegen den Meeresgott!« schrieen sie wild durcheinander.

»Laßt uns ungeschoren – mit eurem kindischen Mummenschanz und euern Narrheiten!«

»Hört! hört!« schrie der Meeresgott erbost. »Drauf und dran! Haut sie nieder – die feigen Schurken!«

Seiner göttlichen Würde vergessend, sprang er selbst auf den nächsten der Seesoldaten los, den Dreizack zum Schlag erhebend. In demselben Augenblick traf seinen Mund und seine Nase eine Faust mit solcher Kraft, daß er blutüberströmt zurückwich.

Eine allgemeine Prügelei entwickelte sich. Die Fetzen flogen von den Vermummungen, die Bärte und Perücken wurden abgerissen. Die Matrosen, die sich in der Überzahl befanden, schienen aber doch als Sieger aus diesem Kampf hervorzugehen. Immer enger sahen sich die Seesoldaten von ihren Gegnern umschlossen. Als keine andere Rettung mehr übrig blieb, griff der »General« nach seinem Schwerte, das er blitzend durch die Luft sausen ließ.

Ein jäher Aufschrei pflanzte sich über das Verdeck fort. Sämtliche Soldaten folgten dem Beispiel ihres Anführers. Betroffen waren die Matrosen für einen Augenblick zurückgewichen.

Wilder erbleichte. Die blanken Waffen in den Händen dieser zügellosen Schaar –? Zu welchen Greuelscenen mußte es kommen!

»Zurück!« schrie er mit Donnerstimme. Gleichzeitig warf er sich, gewaltsam Bahn brechend, mitten unter den aufgeregten Haufen. Zornig sah er den Meeresgott und dessen johlende Truppe an. »Schämt ihr euch nicht eurer Feigheit – in dreifacher Überzahl dies Häuflein anzugreifen? Und Sie, Herr,« wandte er sich an den Anführer der Soldaten, »wer ermächtigt Sie, wegen einer kindischen Rauferei zur blanken Waffe zu greifen?«

Sofort trat tiefe Stille ein. Die Matrosen wichen erschrocken vor dem zornglühenden Blick des ersten Leutnants zurück. Der »General« steckte seinen Degen ein und befahl seinen Leuten, dasselbe zu thun.

Aber nur einen Augenblick währte diese Bestürzung. Aus dem Haufen der Matrosen ließen sich wilde Drohreden vernehmen. »Was will dieser Grünschnabel? Was erfrecht er sich, altgediente Leute zu maßregeln? Wir kennen ihn nicht! Wo hat er unser Handwerk gelernt, he?«

»Ja, ein Pfuscher ist er, der unser Handwerk nur verdirbt!« schrie ein anderer. »Wo ist der Newporter Kauffahrer, den er uns ins Garn jagen sollte, he?«

Wilder sah sich erschreckt nach den Damen um – diese hatten aber bei Ausbruch des Streites das Deck geräumt. Sie befanden sich augenblicklich bei dem Kapitän in dessen Kajüte.

»Ein Verräter ist er – ein Verräter!« schrieen die aufgeregten Burschen durcheinander.

»Über Bord mit ihm!« brüllten die wildesten.

Schon streckten sich so und so viel Fäuste nach ihm aus. – Wilder hatte kaum noch Zeit gehabt, nach seiner Pistole zu greifen – da sprangen mit Blitzesschnelle zwei Gestalten aus dem Tauwerk auf das Deck herab. Es waren Richard Fid und Scipio Afrikanus, die sich mit geballten Fäusten kampfbereit neben ihrem jungen Herrn aufpflanzten.

Mit einem Knüppel schlug der getreue Fid auf die zudringlichsten ein. Der Neger hatte inzwischen den wie toll sich gebärdenden Meeresgott am Wams gepackt, frei in der Luft geschüttelt und ihn dann zu Boden geschmettert.

In energischem Tone rief Wilder seine beiden Genossen zu sich. »Zurück, sage ich! Ich werde mich mit den Burschen schon allein abfinden!«

Alle drei sahen sich jetzt von Knüppeln und Tauen und blanken Waffen bedroht.

»Ins Wasser mit ihnen – mit allen dreien!« ließen sich neue Rufe vernehmen. Waterbear war der ärgste der Schreier.

In diesem Augenblick höchster Gefahr erschien der Kapitän, den die beiden Damen voller Angst herbeigerufen hatten, an Deck. Mit einem einzigen Blick hatte er die ganze Sachlage überschaut. Seine Augen nahmen einen starren, unheimlichen Ausdruck an. Seine Stirnader schwoll mächtig an. Im ganzen Antlitz war er totenbleich. Aber der Ton, in dem er sprach, war seltsam ruhig.

»Offne Meuterei an Bord? Burschen – seid ihr eures Lebens müde? Wer wagt, mir zu trotzen? Du, Waterbear, oder du – oder du? Sprecht – hebt einen Finger auf – blinzelt mit dem Auge – oder verzieht nur eine Miene … und ihr wißt, welchen Loses ihr sicher seid!«

Stumm senkten alle die Blicke. Keiner wagte, sich von seinem Platze zu rühren – ja, nur die Haltung des Körpers zu verändern.

Nach einigen Augenblicken banger Spannung bei den Matrosen und Seesoldaten ließ sich der Kapitän wieder vernehmen:

»Die Vernunft ist euch also wiedergekehrt. Burschen, reizt mich aber kein zweitesmal mehr! – Herr Wilder, geben Sie den Befehl: »Auf die Posten.« Ich will ohne Verzug eine große Musterung abhalten, um zu sehen, ob ich eine gehorsame Mannschaft befehlige oder einen Haufen Meuterer!«

Der Kapitän verschwand. Niemand wagte noch vorläufig den Blick zu erheben.

Da rasselte Trommelschlag. Wie der Blitz fuhr's den Leuten in die Glieder. Jeder lief mit Sturmeseile zu seinem Posten. Die Matrosen enterten in das Tauwerk – die Seesoldaten nahmen Aufstellung bei den Geschützen. Wie reingefegt war gleich darauf das Deck.

Eine scharfe Musterung wurde vorgenommen. Genau nach der Dienstordnung der Königlichen Marine standen die Posten unterm Gewehr, die Enterer senkten vor dem vorüberschreitenden Kapitän ihre Picken und Äxte. Die Mannschaft, in deren Händen noch eben die Messer wie blutige Mordwaffen ausgesehen hatten, stand in ihrer reichen Ausrüstung wie zur Parade da.

Bis in die kleinste Kleinigkeit musterte der Kapitän das Schiff, ließ auch sofort die schwierigsten Segelmanöver ausführen – endlich fand er sich wieder befriedigt auf dem Vorderdeck ein. Hier ließ er sich von seinem ersten Leutnant genau Bericht erstatten über den Ausbruch der Streitigkeiten.

Nachdem er Wilder bis zu Ende angehört hatte, ließ er den Bootsmann rufen. Wilder war nicht so erbittert über den plumpen Gesellen, daß er nicht ein gutes Wort für ihn eingelegt hätte.

»Waterbear – welche Strafe habt ihr verdient?« fragte der Kapitän.

Der Bootsmann schwieg zerknirscht.

»Gesteht Ihr ein, daß Ihr der Anstifter der Meuterei waret?«

»Nur die leidige Ursache!« stellte Waterbear vor. »Meutern wollte keiner von uns; nur erbost waren wir über den Herrn Wilder, weil er uns doch neulich die Royal Karolina nicht, wie wir hofften …«

Der Kapitän schüttelte ungeduldig sein Haupt. »Der Newporter Kauffahrer war nicht das einzige Opfer, welches der Sturm in jener Nacht gefordert hat. Und wenn ich nicht über eine willige, treue Schiffsmannschaft verfügt hätte, so hätte all mein Wissen und meine langjährige reiche Erfahrung unser Fahrzeug gleichfalls nicht vor dem Untergang bewahren können. Ich muß mich daher auf meine Leute verlassen können, Waterbear. Ungetreue trifft das Todesurteil! Merkt Euch, daß Ihr Euer Leben für diesmal nur der Fürsprache des ersten Leutnants verdankt. Und nun geht, Waterbear!«

Eilig verschwand der Gemaßregelte, froh, so heiler Haut davongekommen zu sein.

Wilder mußte dem Kapitän seine ungeheuchelte Anerkennung ob des großen Ansehens, das er bei seiner Mannschaft genoß, zollen.

»Solche Scenen dürfen sich aber nie mehr wiederholen!« erwiderte Heidegger ernst. »Denn schon einmal ist etwas Ähnliches vorgekommen – und ein drittesmal würde es noch furchtbarer enden müssen als damals.«

Fragend sah Wilder den Kapitän an.

»Es war an einem Abend – das Schiff ankerte dicht am Lande – als ich von einer Küstenspazierfahrt auf meinem kleinen Boot an Bord zurückkehrte. Auch damals hatte sich ein großsprecherischer Halunke gefunden, der die Mannschaft aufzuhetzen wußte. Ein Dutzend dieser Kerle traf ich in meiner Kajüte. Sie ließen sich den Wein gut schmecken – die Offiziere hatten sie, an Händen und Füßen gebunden, in dem vordern Schiffsraum eingeschlossen. Ich kam ganz allein in die Kajüte – mitten unter die Aufrührer.«

»Und wie stellten Sie die Ordnung wieder her? Brachten Sie die Burschen zur Vernunft?«

»Es hat keiner von ihnen je wieder das Licht des Tages gesehen!« sagte Heidegger dumpf.

Lange saßen die Männer darauf schweigend bei einander, jeder in düstere Gedanken versunken.

Spät am Abend – als Wilder gerade wieder das Kommando an Deck übernehmen sollte – fand er den Kapitän an einer nicht erleuchteten Stelle des Schiffs. Heidegger hatte sich über die Bordwand gebeugt, ins Wasser hinabstarrend.

Eine menschliche Gestalt schwang sich unten an einem Tau ums Schiff herum und kletterte an demselben einer Katze gleich zum Deck empor.

»Ah, Davis – du bist's?« rief der Kapitän mit gedämpfter Stimme. »Man hat dich doch nicht gesehen? Sprich!«

Die Gestalt wies auf den im Dunkel stehenden Wilder. Heidegger wandte sich um und winkte seinem Leutnant näher zu treten.

»Sprich also,« fuhr der Kapitän fort, »wie steht's unten bei den Leuten?«

»Die Mehrzahl schläft, Herr.«

»Und die nicht schlafen?«

»Würden für den Herrn Kapitän durchs Feuer gehen. Der Bootsmann ist der einzige, der sich noch nicht ganz zufrieden gegeben zu haben scheint.«

»Wagt er es etwa, die Leute von neuem aufzureizen?« fragte Heidegger, die Brauen finster zusammenziehend.

»O nein, Herr!« erwiderte der Spion. »Aber der Herr Kapitän kennen ja die schweigende, finstere, ewig grollende Art Waterbears. Es wäre nur von Vorteil für die übrige Mannschaft, wenn dieser Herr einmal einen übermäßig steifen Grog oder ein anderes Tränklein schlucken müßte – oder so ganz aus Versehen während einer Mitternachtswache das Gleichgewicht verlöre und die nähere Bekanntschaft mit einem Haifisch machte.«

Der Kapitän runzelte die Stirn. »Schweig!« rief er schroff. Nachdenklich fügte er hinzu: »Aber ich will auf den Burschen acht haben.«

Heidegger griff in die Tasche und händigte dem Boten zur Belohnung für seinen gefährlichen Dienst ein Goldstück ein. Davis verschwand auf dieselbe Weise, wie er gekommen.

Die beiden Offiziere nahmen darauf ihren Spaziergang wieder auf.

»Herr Kapitän,« sagte Wilder endlich, »wie ist es nur möglich, daß ein Mann wie Sie, der einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besitzt, dessen edlere Stimmen in seinem Innern also noch nicht zum Schweigen gekommen sind, – seine Tage inmitten solcher Gefahren, von einem rohen Verbrechervolk umgeben, abspinnt?«

Heidegger warf dem kühnen Sprecher einen blitzenden Blick zu. »O, teurer Freund, ist Ihre Abenteuerlust schon so gedämpft? Sollte ich mich in Ihnen getäuscht haben?«

»Der Gefahr, in der wir uns heute früh befanden,« erwiderte Wilder, »habe ich nicht zum erstenmal nahegestanden. Auf der Royal Karolina entbrannte ein Aufruhr, aus dem ich nur gerade das nackte Leben rettete. – Doch wer bürgt Ihnen dafür, Herr Kapitän, daß der Aufruhr unter Ihren Leuten sich nicht erneuert? Bedenken Sie, daß eine abermalige Meuterei in einem Augenblick ausbrechen könnte, in welchem Sie sich vielleicht in der gefährlichen Nähe eines englischen Kriegsschiffes befinden!«

»Die Schlauheit verbietet dies den Burschen!« erwiderte der Kapitän. »Denn sie würden den eigenen Kopf daransetzen – alle, ohne Ausnahme!«

»Aber finden Sie denn Befriedigung an diesem Leben?« rief Wilder außer sich.

Heidegger starrte finster vor sich nieder. »Wenn Sie des Aufenthalts an Bord meines Schiffes schon überdrüssig sind, so steht es Ihnen frei, noch in dieser Nacht zu entfliehen. Noch bevor die Sonne im Osten aufsteigt, werden wir in die Nähe des Landes kommen. Ich gebe Ihnen ein Boot, in welchem Sie mit Hilfe Ihrer beiden Diener entkommen können. Noch waren Sie ja an keiner That beteiligt, die vor dem Gesetz der Menschen strafbar wäre. Ihr Gewissen ist also noch frei von Schuld.«

»Ja, gewiß – gern würde ich dieses Schiff wieder verlassen. Aber nicht allein – sondern nur von meinen Freunden begleitet. Sie, Herr Kapitän Heidegger, möchte ich bei mir sehen!«

Erstaunt maß der rote Freibeuter den Sprecher mit seinen Blicken.

»Lassen Sie mich Ihnen gestehen, was mein Herz bewegt!« rief Wilder, in dessen Stimme eine edle Begeisterung zitterte. »Als ich an Bord kam, um auf Ihrem Schiffe einen Dienst anzunehmen, da leiteten mich Beweggründe ganz seltener Art. Lassen Sie mich darüber schweigen – denn damals kannte ich Sie eben nicht.«

»Nun, ich denke, Sie kamen – abenteuerlustig, nach Thaten und Ruhm dürstend?«

Wilder atmete schwer auf. »Ich hielt Sie – kurz heraus gesagt – für einen gemeinen Seeräuber, einen Mordbuben – –«

Der Kapitän richtete sich hoch auf. »Sehen Sie mir ins Antlitz, Wilder,« sagte er mit unendlicher Bitterkeit. »Sehe ich aus wie das Ungeheuer, das der Ruf und die Kindermärchen aus mir gemacht haben? Wo sind die Teufelshörner und der Pferdefuß? Und riecht die Luft um mich herum nach Pech und Schwefel? Bin ich wirklich der Beelzebub?«

Der Leutnant schüttelte den Kopf. »Die Thatsache steht fest, daß Sie ein ganz anderer sind, als die Gerüchte Sie mir geschildert haben, – daß Sie grundverschieden von jenen Freibeutern sind, welche dieses Meer unsicher zu machen gewohnt sind. Aber ich frage mich immerzu, wie nur in aller Welt sind Sie dazu gekommen, dieses entsetzliche Handwerk zu ergreifen?«

Heidegger versank in finsteres Hinbrüten. »Ich glaube Ihnen gern, daß sie mich nicht verstehen. Sie wissen nicht, was mich dereinst zur Verzweiflung getrieben hat. Aber wenn Sie es wüßten, Freund, – würden Sie mir verzeihen.«

»O, reden Sie, reden Sie!« drängte Harry Wilder.

Abermals trat eine Pause ein. Der Kapitän schritt ein paarmal, eine große innere Bewegung gewaltsam niederkämpfend, auf und ab. Endlich blieb er dicht vor seinem Leutnant stehen und sagte: »Herr Wilder, als ich Ihnen am Tage Ihres Diensteintritts meine Flaggen zeigte, erblickten Sie die Zeichen aller seefahrenden Nationen – nur eine einzige fehlte. Wissen Sie weshalb diese allein fehlte? – Weil selbst der rote Freibeuter, dieser Auswurf der Menschheit, sich ihrer schämte. Es war die Flagge der amerikanischen Kolonien

Wilder blickte ihn verwundert an. »Und doch sagt mir Ihre Sprache, ja viele Ihrer Sitten und Gebräuche verraten mir's, daß Sie selbst ein Amerikaner sind?!«

»Gewiß – auch ich bin in diesem Lande geboren. Aber was sind denn meine Landsleute, was gelten sie?« Eine Zornesfalte grub sich tief zwischen seine Augenbrauen, als er fortfuhr: »Die Mietlinge eines ausländischen Fürsten sind sie.« Mit großer Wärme rief er dann aus: »Ach, Freund, und wie könnte man dieses Land lieben, dieses schöne, reiche Land! Sahen Sie die herrlichen Ströme, die sich längs der Küste von Nordamerika in den atlantischen Ozean ergießen? Sahen Sie die großartigen Häfen, welche die Kolonien bieten? Sahen Sie den Wald von Masten, alle bemannt von Leuten, welche das Licht der Welt in Amerika erblickten? … Und haben Sie diese Männer nicht im Grunde der Seele verachtet? Ja, verachtet – denn sie lassen sich von den Hofschranzen eines ausländischen Fürsten mit Füßen treten! O, gäbe es ein freies Land Amerika, gäbe es eine Flagge eines freien Landes Amerika – mein Herzblut wollte ich hingeben, mein Ruhm und Stolz sollte es sein, sie zu verteidigen!«

Wilder blickte den begeistert redenden Mann voll aufrichtiger Bewunderung an. »O, ich wußte es ja,« rief er aus, »daß es auch Heiligtümer für Ihre Seele giebt!«

»Heiligtümer – die man besudelt hat!« murmelte Heidegger.

»Aber glauben Sie denn nicht, Herr Kapitän,« nahm Wilder wieder auf, »daß es außer Ihnen noch manche edle Männer giebt, die von einem freien Amerika träumen?«

»Ja gewiß, teurer Freund,« fiel der andere aufatmend ein, »so sicher als auf die heutige Nacht der morgende Tag folgt, so sicher wird auch einst der Tag erscheinen, wo Amerika das Joch des verhaßten England abschütteln und seine eigene freie Flagge führen wird!«

»Herr Kapitän, welch glühender Haß gegen England und seine Flagge lodert aus ihren Worten?!«

Heidegger seufzte schwer auf! »Nun denn, Herr Wilder, ich will's Ihnen sagen: ich habe selbst unter der Flagge Englands gedient. Meine ganze Jugendzeit habe ich, ein amerikanischer Kolonist auf einem englischen Kriegsschiffe zugebracht. Aber eines Tages wagte es ein Kommandeur, den Namen meines Vaterlandes zu beschimpfen! Wäre mir und meinen Landsleuten diese Schmach nicht angethan worden – noch heute wäre ich vielleicht thöricht – oder selbstlos genug, jedem fremden Lande als pflichtgetreuer Unterthan zu dienen. Jedenfalls hätte kein Mensch den Namen des roten Freibeuters mit Schrecken nennen hören!«

»Und jene Beschimpfung war imstande, einen so ungeheuerlichen Entschluß in Ihnen – –«

Heidegger unterbrach ihn. »Der Beleidiger wiederholte seine Dreistigkeit nie wieder – – denn er fiel noch in derselben Stunde von der Hand des ärmlichen Kolonisten!«

Wilder wich entsetzt zurück.

»Jawohl!« rief der Kapitän flammenden Blickes aus, »ich erkühnte mich, meine Hand gegen einen Eingeborenen des geheiligten England – sogar gegen einen seiner Aristokratensöhne – aufzuheben. Und ich sollte diese Unthat büßen. Lassen Sie mich über das darauf Folgende schweigen. Der König sprach – und sein Urteil brachte einen bisher treuen Unterthan zur Verzweiflung.«

»Diese Härte hat der König alle Ursache, tief zu bereuen!« sagte Harry Wilder ernst. Sich aufraffend fuhr er dann fort: »Aber einmal, Herr Kapitän, muß doch Ihr Rachedurst gestillt sein! Und wer weiß, ob Ihnen ein ruhiges Leben an einem stillen, gesegneten Fleckchen Erde nicht größere innere Befriedigung gewähren würde, als dieses Dasein voller Gefahren. O, hören Sie doch auf meine Stimme! Noch ist's Zeit für Sie, in andere Bahnen einzulenken. Heute – noch in dieser Nacht machen Sie ein Ende. Der Gedanke, daß Sie, in dem so viel Gutes und Edles schlummert, dereinst der irdischen Gerechtigkeit verfallen könnten – – verfallen müßten … bringt mich zur Verzweiflung!«

Trübe lächelnd schüttelte Heidegger das Haupt.

»Das Land ist nicht mehr weit entfernt,« fuhr Wilder fort, »ein Boot ist schnell in aller Heimlichkeit losgemacht. Wir könnten uns das Dunkel der Nacht zu nutze machen – noch lange, bevor die Schiffsmannschaft unsere Flucht wahrgenommen hätte, wären wir auf dem Festlande in Sicherheit.«

»Wir zwei allein sollten entfliehen?« rief Heidegger entsetzt aus, während er den Sprecher mit furchtbaren Blicken maß.

»Nun – wer uns sonst noch teuer ist, sollte an der Flucht teilnehmen!« sagte der Leutnant, während eine flammende Röte sein Gesicht überflog.

Der Kapitän nagte an seinen Lippen. Endlich entfuhr es ihm in heftigem Zorn: »Nun denn, Herr Wilder, das wäre nichts anderes als feiger, schimpflicher Verrat!«

Harry Wilder zuckte zusammen. »Herr Kapitän!« rief er fast drohend.

»Ich wäre nichtswürdig, wenn ich Ihren Vorschlag annähme! Diese Leute haben ihre einzige Zuversicht in meine Treue gesetzt. Was wären sie ohne mich – ohne meinen Rat und meinen Schutz? In den Augen der Welt mag ich gesetzlos erscheinen – in den Augen meiner Mannschaft möchte ich nie und nimmermehr ein Verräter sein!«

»Und so denken Sie überhaupt nicht daran, je einmal Ihr entsetzliches Gewerbe aufzugeben?«

»Die Stunde, da die Menschen, deren ganze Welt jetzt dieses Schiff ist, auseinander gehen – sie wird unzweifelhaft einst schlagen. Und wenn sie früher schlägt, als ich es noch vor einer Woche geglaubt, so trugen nicht zum wenigsten Ihre warmen, bewegten Worte dazu bei. Aber diese Trennung soll nicht feig und hinterrücks vollzogen werden – offen, ehrlich und manneswürdig soll sie geschehen!«

Damit wandte sich der Kapitän hastig ab und verschwand durch die Thür, die zu seiner Kajüte führte.

Wilder aber blickte in düsteren Gedanken in die Nacht hinaus. Er rang mit sich selbst – in einem geheimnisvollen, schmerzlichen Seelenkampf.


 << zurück weiter >>