Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zweiter Dialog

Teofilo: Es sagte also Fulk Gréville: Mit Vergunst, mein Herr Nolaner, erklären Sie mir, weshalb sie behaupten, daß die Erde sich bewegt! Jener antwortete, er könne ihm solange keinen Beweis geben, als er seine Fassungskraft nicht kenne; solange er nicht wisse, ob er auch verstanden werde, müsse er besorgen, zu handeln wie einer, der seine Meinung vor einer Bildsäule verteidige oder ein Gespräch mit einem Toten führe. Darum möge er (Gréville) zunächst die Güte haben, ihm seine Gründe auseinanderzusetzen, weshalb er das Gegenteil annehme; dann werde er (der Nolaner) nach Maßgabe der Fassungskraft und Einsicht, die sich hierbei bezeugen werde, ihm seine eigenen Gegengründe darlegen. Er fügte hinzu, ihm liege viel daran, die Schwäche der gegnerischen Meinung gerade dadurch zu beweisen, daß er von denselben Ausgangspunkten aus, von denen diese ausgeht, zu ihrem Gegenteil gelange, weshalb es ihm besonderes Vergnügen machen werde, Personen zu finden, die einem solchen Unternehmen für besonders gewachsen gölten, und er würde solchen Personen stets zur Antwort und Erklärung bereit sein. Dem Herrn Fulk Gréville gefiel diese Antwort; er sagte: »Sie erweisen mir einen großen Dienst; ich nehme Ihren Vorschlag an und werde einen Tag bestimmen, an dem Ihnen Personen gegenübertreten sollen, die es vielleicht verstehen werden, Ihnen genügend Stoff und Gelegenheit zu bieten, alle Ihre Truppen ins Feld zu führen. Zum nächsten Mittwoch, dem Aschermittwoch, erlaube ich mir, Sie einzuladen, es werden dann viele vornehme Herren bei mir sein und nach dem Essen werden wir uns über mancherlei schöne Sachen unterhalten.« »Mit größtem Vergnügen,« sagte der Nolaner, »nehme ich Ihre freundliche Einladung an; nicht gerne versäume ich eine gute Gelegenheit, um meine Bekanntschaften und Kenntnisse zu erweitern. Doch darf ich wohl voraussetzen, daß Sie mich nicht mit ungebildeten, unfeinen und in solchen und ähnlichen wissenschaftlichen Fragen unbewanderten Personen zusammenbringen werden!« Er hatte nämlich einigen Grund daran zu zweifeln, da er in England bereits im schriftlichen Verkehre mit gar zu vielen Gelehrten aneinandergeraten war, die mehr die Manieren eines Ochsentreibers, als die eines Gentleman bei solchen Disputationen an den Tag legten. Herr Fulk antwortete, er brauche keine Bedenken zu haben; die Gesellschaft, in die er ihn geladen habe, werde nur aus feingebildeten und hochgelehrten Herren bestehen. So wurde es angenommen. Als nun der Tag gekommen war, o ihr Musen, helft mir, alles zu erzählen!

Frulla: Apostrophe, pathos, invocatio, poetarum more?

Smith: Ich bitte Sie, Herr Prudentio, schweigen Sie still!

Prudentio: Lubentissime.

Teofilo: Der Nolaner hatte bis zum Mittagessen gewartet, und da er bis dahin noch keine Nachricht erhalten hatte, nahm er an, jener Edelmann habe seine Zusage vergessen, es werde ihm etwas anderes dazwischen gekommen sein, und ging etwas spazieren, besuchte auch einige seiner italienischen Freunde und kam erst gegen Sonnenuntergang wieder nach Haus.

Prudentio: Schon hat der flammende Phöbus unserer Halbinsel seinen Rücken gewendet, um mit seinem Strahlenhaupte die Gegenfüßler zu beleuchten.

Frulla: Mit Verlaub, Herr Prudentio, erzählen Sie lieber selbst; denn Ihre Vortragsweise sagt mir ganz besonders zu!

Prudentio: Ja, wenn ich nur die Geschichte wüßte!

Frulla: Dann halten Sie, in des Teufels Namen, Ihren Mund!

Teofilo: Hier traf er am späten Abend vor seiner Tür die Herren Florio und Mr. Guin, die ihn längst überall gesucht hatten und als sie ihn kommen sahen, sagten: »Ah! Entschuldigung! aber wir suchten Sie schon den ganzen Nachmittag; zahlreiche Kavaliere, Gentlemen und Doktoren warten auf Sie, einer unter ihnen, der Ihren eigenen Vornamen hat, wünscht mit Ihnen zu disputieren.« »Nehmen Sie's mir nicht übel«, sagte der Nolaner, »ich war der Meinung, die Angelegenheit solle sich bei Tage erledigen; jetzt erst erfahre ich, daß man beim Kerzenschimmer disputieren will.« Mr. Guin entschuldigte die Verspätung mit einigen Kavalieren, die gern zugegen wären, aber nicht schon zum Frühstück, sondern nur zum Abendessen hätten kommen können. »Gut denn«, sagt der Nolaner, »gehen wir und bitten wir Gott, uns auf diesem späten langen Wege am finsteren Abend durch so wenig sichere Straßen zu begleiten.« Obwohl wir an der direkten Straße wohnten, glaubten wir doch, unseren Weg abkürzen zu können, indem wir durch Seitengassen zur Themse ablenkten, in der Hoffnung, dort einen Kahn zu finden, der uns zum Palaste bringen sollte. Wir kamen so zur Brücke am Palaste des Lord Buckhurst, wo wir mit Rufen und Schreien: Oars d. h. Bootsmann, Gondolier! reichlich so viel Zeit verschwendeten, als erforderlich gewesen wäre, uns zu Fuß mit aller Gemütsruhe, nicht nur zum Ziele zu bringen, sondern dabei auch noch manche Besorgung zu machen. Schließlich antworteten von weitem zwei Kahnführer und »kommst du nicht heute, kommst du morgen«, als ob es sich darum handle, sie aufzuhängen, kamen sie mißtrauisch näher und legten nach vielen Fragen und Antworten, woher, wohin, und warum, wieso, wann und wozu, endlich an der untersten Treppenstufe an. Und siehe, der eine von beiden, der genau so aussah, wie der antike Nachenführer der Unterwelt, reichte dem Nolaner die Hand und der andere, der dessen Sohn zu sein schien, ob er anscheinend gleich mindestens 65 Jahre alt war, nahm die anderen in Empfang, und ohne daß sich unter uns ein Herkules, ein Aeneas oder ein König von Sarza, ein Rodomont befand,

Gemuit sub pondere cymba
Sutilis et multam accepit limosa paludem.

Als der Nolaner diese unheimliche Musik vernahm, sagte er: »Gebe Gott, daß dies nicht der Kahn des Charon ist! Ich glaube, diese Barke ist eine Nachahmerin des ewigen Lichts, gewiß kann sie es an ehrwürdigem Alter mit der Arche Noah aufnehmen; meiner Treu, sie ist gewiß ein Überbleibsel aus der Zeit der Sündflut. Die Teile dieser Barke antworten ja stöhnend auf jede Berührung, und bei der geringsten Bewegung ächzt der ganze Bau!« »Jetzt glaube ich«, sagte der Nolaner, »daß es keine Fabel ist, daß die Mauern Thebens, wie man erzählt, mit Stimmen begabt gewesen sind und oft eine Art Musik haben ertönen lassen. Wer's nicht glaubt, höre nur auf die Laute dieses Kahns, der, so oft das Wasser durch seine Spalten und Risse eintritt, die seltsamsten Zisch- und Pfifflaute von sich gibt.« Wir lachten, aber weiß Gott, mehr wie Hannibal, als er das Verderben gegen sein Vaterland herannahen sah, zwischen seinen traurigen und weinenden Landsleuten.

Prudentio: Risus sardonicus!

Teofilo: Von so schönen Harmonien angeregt, stimmten wir Lieder an, über Liebe, Scherze und Jahreszeiten. Herr Florio, stets seines Schätzchens gedenkend, sang das:

»Wohin gehst Du, süßes Leben,
Ohne mich, ja ohne mich?«

Und der Nolaner stimmte dagegen an: » Il Saracen dolente, oh femminil ingegno«, und so weiter. Inzwischen bewegt sich das wurmstichige alte Boot mit seinem festina lente weiter, als wäre es von Blei und die Arme der beiden alten Kerle machten, so lang sie auch waren, gleichwohl mit den Rudern möglichst kurze Schläge.

Prudentio: Optime descriptum illud festina, in Ansehung des geschäftigen Rückens der Schiffsleute, lente in Ansehung der Ruderstöße, vergleichbar schlechten Arbeitern des Gartengotts im Weinberge des Herrn! Vgl. N. 86. Derartige zweideutige Anspielungen gehörten in jener Zeit, wie vor allem Shakespeares Dramen beweisen und die ganze Literatur der Renaissance bestätigt, gewissermaßen zum Konversationston. Nichts wäre ungerechter, als gerade Bruno zum besonderen Liebhaber solcher, unserem gesitteteren Zeitalter unerträglicher Obszönitäten zu stempeln. Jeder Kenner der mittelalterlichen und auch der Renaissance-Literatur weiß, wie sehr die damalige Gesellschaft dieses Genre liebte und wie sogar Könige, Kardinäle (Bembo) und Prinzessinnen (Erzählungen der Prinzessin v. Navarra) in schlüpfrigen und zweideutigen Poesien sich auszuzeichnen suchten.

Teofilo: Nachdem wir soviel Zeit auf eine geringe Wegesstrecke verwandt und kaum den dritten Teil unseres Weges zurückgelegt hatten, nähern jene Schiffsleute plötzlich, anstatt sich zu beeilen, das Fahrzeug dem Ufer. »Was wollen sie?« fragte der Nolaner, »doch nicht etwa Atem schöpfen?« Da wird ihm bedeutet, daß jene nicht weiter fahren wollen, weil hier ihre Wohnung lag. Man bittet, man bittet nochmals, um so schlimmer; es war eine Art von Kerlen, in deren Busen lediglich die Pfeile des Liebesgotts des Hauptstadtpöbels dringen konnten.

Prudentio: Principio omni rusticorum generi hoc est a natura tributum, ut nihil virtutis amore faciant, et vix quicquam formidine poenae.

Frulla: Ein anderes Sprichwort sagt von solchem Pöbel:

Rogatus tumet,
Pulsatus rogat,
Pugnis concisus adorat.
Von Anfang an liegt es in der Bauernart, nichts aus Liebe zur Tugend, kaum irgend etwas aus Furcht vor Strafe zu tun.
Bittest Du ihn, so schwillt sein Kamm.
Schlägst Du ihn, so wird er höflich.
Prügelst Du ihn gründlich durch, so wird er
Dich anbeten!

Teofilo: Kurz, sie setzten uns dort aus, und nachdem wir sie bezahlt und ihnen unseren Dank ausgesprochen hatten, da uns bei allem Unrecht, das diese Kanaille uns tat, nichts anderes übrig blieb, zeigten sie uns den direkten Weg zur Hauptstraße.

Möchtest Du nun, o süße Mafelina, Du Muse der Merlin Coccajo, mir beistehen! Der Weg begann in einer Sackgasse, die weder für gewöhnlich noch bei günstigen Zufällen einen Ausgang hatte. Der Nolaner aber, der mehr studiert hatte, als wir und in den Schulen größerer Erfahrung besitzt, sagte: »Ich glaube, eine Schweinefährte zu sehen, folgt mir!« Und kaum hatte er dies gesagt, so stak er auch schon so tief im Miste, daß er die Beine nicht herausziehen konnte. So stampften wir, einer dem andern helfend, weiter, in der Hoffnung, daß dieses Purgatorium nicht allzulange dauern möge. Aber bald befanden wir uns, dank einer ihm und uns feindseligen Schicksalslose, in einem engen schlüpfrigen Kanale, der, als wäre er der berühmte Garten der Eifersucht oder die Grotte des Entzückens, Vgl. N. 105. hüben und drüben von starken Wänden begrenzt war, und jeder Beleuchtung ermangelte, die uns zum führen hätte dienen können. Schließlich wußten wir nicht mehr, wo aus noch ein, bis zu den Knien durch schlüpfrigen Schlamm watend in tiefster Finsternis. Keiner konnte dem anderen raten; nur gelegentliches wütendes Zischen, Stöhnen und verstohlene Flüche unterbrachen das allseitige Schweigen, die Füße dienten als blinde Wegleiter, – wie wenn:

Qual uom, che giace e piange lungamente
Sul duro letto il pigro andar de l'ore
Or pietre, or carme, or polve et or liquore
Spera ch'uccida il grave mal, che sente;
Ma poi ch'a lungo andar vede il dolente,
Ch'ogni rimedio è vinto dal dolore,
Disperando s'acqueta, e se den more,
Sdegna, ch'a sua salute altro si tente:
Gleich einem Menschen, der schon allzulange
Auf harter Bettstatt' leidend den trägen Gang der Stunden
Bejammert und bald von seltenen Steinen, bald von Zaubersprüchen, bald von Pulvern und Tropfen
Erlösung des Leidens erhofft, das ihn quält,
Schließlich aber, wenn er auf jedes Heilmittel verzichtend
Vom Schmerze überwältigt wird,
Sich mit Verzweiflung drein ergibt und weil er gerne stirbt,
Jede weitere Bemühung verschmäht, die andere noch für ihn versuchen.
(Mir ist die Quelle des Zitats unbekannt.)

so wir; nach vielfachen vorwärts und rückwärts gaben wir jede Hoffnung auf und schritten entschlossen in jener flüssigen Kotgasse weiter, die ihren langsamen Ausfluß nach der Schleuse hatte.

Prudentio: O schöner Schlußsatz!

Teofilo: Jeder von uns tröstete sich mit dem Entschluß des blinden Tragikers Epikurs:

Dov' il fatal destin mi guida cieco,
Lasciami andar, e dove il piè mi porta,
Nè per pietà di me venir più meco!
Trovarò forse un fosso, un speco, un sasso
Piatoso a tramri fuor di tanta guerra,
Precipitando in loco cavo e basso.
»Wohin immer das Schicksal mich Blinden führt,
Laß mich gehen, und wohin mein Fuß mich trägt,
Laß Dein Mitleid Dich nicht bestimmen, mich zu begleiten!
Vielleicht find' ich einen Graben, eine Kluft, einen Felsen,
Der mir die Gnade bezeugt, mich von solchem Kampf zu erlösen,
Indem ich mich in einen Abgrund stürze.«
(Quelle des Zitats mir ebenfalls nicht bekannt.)

Aber durch die Gnade der Götter – denn wie Aristoteles sagt, in der Wirklichkeit hat jedes Ding ein Ende – fanden wir uns am Ende eines Sumpfes, der uns, obwohl immer noch sehr sparsam mit seinem Rande, immerhin die Höflichkeit einer schmalen Seitenpflasterung darbot, auf der wir unsere Füße ins Trockene setzen konnten, freilich um darauf stets zu stolpern, wie Trunkene, nicht ohne Gefahr, Hals und Beine zu brechen.

Prudentio: Conclusio, conclusio!

Teofilo: Um also zu schließen, endlich erreichen wir fröhliche Gefilde. Uns wenigstens schienen es elysäische zu sein, als wir auf die große und gewöhnliche Straße kamen und dort alsbald feststellten, daß wir ungefähr an derselben Stelle waren, von der wir zu Anfang in ein schmales Seitengäßchen abgebogen waren, um die Ruderer zu finden, ganz nah bei der Wohnung des Nolaners. O, Ihr verschiedenen Dialektiker, Ihr knotigen Zweifel, Ihr unangebrachten Sophismen, Ihr dunklen Rätsel, Ihr verwickelten Labyrinthe, Ihr verteufelten Sphinxe der Philosophie, löst Euch auf oder laßt Euch auflösen!

In questo bivio, in questo dubbio passo,
Che debbo far, che debbo dir, ahi lasso!
»Vor diesem Kreuzweg, an dieser zweifelhaften Stelle,
Was soll ich tun, was sagen? Ach! ich Armer!«

Von dort winkte uns mein Logis; denn Meister Kot hatte uns tatsächlich solche Dreckstiefel gemacht, daß wir kaum die Füße von der Stelle bringen konnten. Überdies verbot uns jede Regel der Odomantie (Geruchsdeutung), unseren Weg so fortzusetzen.

Die Sterne, die sich ganz mit dem Mantel der Dunkelheit verhüllten und uns in dem dicken Nebel in Stich ließen, rieten zur Einkehr. Andrerseits riet die Zeit, weiter zu eilen. Die Nähe meiner Wohnung, die Gelegenheit, die uns jetzt fast wie ein glücklicher Zufall erschien, der uns zu ihr zurückführte, endlich unsere Ermüdung zog uns nach rechts. Nach links aber mahnten so viele überstandene Strapazen, die nicht umsonst ertragen sein wollten; aber der Wurm des Gewissens sprach: Wenn dieser kurze Weg – keine 25 Schritte waren es – uns schon soviel gekostet hat, was wird uns noch bevorstehen? Mejor es perder, que mas perder. Spanisches Sprichwort: »Besser sich in einen Verlust finden, als noch mehr zu verlieren!« Auf der einen Seite mahnte uns der allgemeine Wunsch, die Erwartung so vieler Ritter und vornehmer Persönlichkeiten, die wir nicht täuschen durften; auf der anderen Seite bäumte sich dagegen der eigensinnige Stolz und Vorwurf, warum jene nicht einmal Sorge dafür getragen hätten, um Gentlemen von unserer Art zu so später Zeit durch einen Wagen oder Nachen abzuholen und uns vielmehr zumuteten, zu Fuß zu kommen. Von jener Seite würden wir schließlich der Unhöflichkeit beschuldigt werden, und zwar von Leuten, die viel auf Äußerlichkeiten geben, die die Dinge sehr nach Rang und Verdienst beurteilen, die sichs zur Ehre rechnen, mehr Höflichkeiten zu empfangen, als zu erwidern, die, wie Ungebildete und Unedle, in diesem Punkte lieber besiegt sein wollen, als siegen; wir würden beschuldigt werden, wo das Ansehen größer ist als die Vernunft. Besonders zog uns nach dorthin auch das persönliche Interesse des Nolaners, der sein Wort gegeben hatte, der, wenn er es brach, von ich weiß nicht wem, hinterrücks verleumdet werden konnte, der auch von dem Wunsche beseelt war, bei dieser Gelegenheit unsere Sitten, unsere hervorragendsten Geister kennen zu lernen, womöglich auch, sich um eine neue Wahrheit zu bereichern; andrerseits hielt uns der gemeinsame Ekel und ich weiß nicht, was für ein Geist zurück, der einige Gründe vorbrachte, die mehr wahr als würdig sind, berichtet zu werden. Wer sollte diesen Zwiespalt der Beweggründe schlichten? Wer triumphieren über diese Wahl und Qual des freien Willens? Wer den Grund erkennen, der den Beifall des Fatums hatte? Was wollte dieses Fatum, das mittelst des Verstandes der Einsicht die Tür öffnet, das von innen die freie Wahl lenkt, – ob es die Zustimmung zur Fortsetzung des Weges versagte? O passi graviora, wurde uns gesagt, o ihr Kleingläubigen, ihr schwankenden Seelen, ihr Menschen ungewissen Geistes und Mutes!

Prudentio: Exaggeratio concinna!

Teofilo: Wenn auch schwierig, unmöglich ist dieses Unternehmen nicht! Die Schwierigkeit hat nur die Bestimmung, Memmen rückwärts zu treiben. Gewöhnliche und leichte Aufgaben sind für die Menge und für gewöhnliche Menschen; seltene, heroische und göttliche Menschen beschreiten auch den schwierigsten Pfad, um schließlich selbst die Notwendigkeit zu zwingen, ihnen die Palme der Unsterblichkeit zu reichen. Hierzu kommt noch, daß selbst, wenn es unmöglich ist, zum Ziele zu gelangen und den Kampfpreis zu erringen, es doch ehrenvoll ist, nur gelaufen zu sein und Widerstand geleistet zu haben bis zum letzten Atemzuge! Nicht nur der verdient Lob, der den Sieg davon trägt, sondern auch, wer auf der Strecke bleibt, wenn er nur nicht als Feigling und eitler Prahlhans stirbt. Er wirft die Schuld seiner Niederlage und seines Todes auf das Schicksal und beweist der Welt, daß er nicht durch seine Schuld, sondern durch die Ungerechtigkeit des Schicksals ein solches Ende erleidet. Nicht nur der eine, der den Kranz davon trägt, ist der Ehre würdig, sondern auch der und jener, der so gut gelaufen ist, daß er wert erschien, ihn davon zu tragen, auch wenn er nicht Sieger wird; Tadel verdienen nur die, welche mitten in der Laufbahn verzweifelt stehen bleiben und nicht, wenn auch mit aller Kraft und Schnelligkeit, die ihnen möglich ist, weiterrennen und wenn auch als letzte ans Ziel zu kommen. Es siege also die Beharrlichkeit!

Denn wenn die Arbeit so groß ist, kann die Belohnung nicht gering sein. Alle wertvollen Dinge sind in der Schwierigkeit gelegen! Schmal und steil ist der Weg, der zur Seligkeit führt; Großes verheißt dafür vielleicht der Himmel:

Pater ipse colendi
Haud facilem esse viam voluit, primusque per artem
Movit agros, curis acuens mortalia corda,
Nec torpere gravi passus sua regna veterno.
Der himmlische Vater hat es nicht gewollt,
Daß der Weg der Kultur leicht sei.
Er wollte die Herzen der Sterblichen durch Sorgen stählen,
Nicht duldend, daß sein Reich in untätiger
Schlafsucht hindämmere.

Prudentio: Das scheint mir eine allzu pathetische Abschweifung zu sein, die eher eines Gegenstandes von größerer Bedeutung würdig wäre.

Frulla: Es ist erlaubt und liegt in der Macht der Fürsten, was niedrig ist, zu erhöhen; ihre Taten werden sogar um so mehr gefeiert, wenn sie dies tun, als wenn sie die Großen noch größer machen; denn wenn sie letzteres tun, werden diese nur sagen, es sei ihnen nicht nach Gnade und großmütiger Huld, sondern nach Verdienst und Recht geschehen. So zeichnen denn die Fürsten in der Regel nicht die Würdigen und Tüchtigen aus, weil sie glauben, daß diese ihnen nicht so dankbar sein werden, wie irgend ein aus der Hefe emporgehobener Nichtsnutz. Überdies sind sie klug genug, zu beweisen, daß das Glück, dessen blinder Majestät sie selbst so sehr verpflichtet sind, mehr vermag als die Tüchtigkeit, und selbst, wenn sie zuweilen einen Mann von Verdienst auszeichnen, tun sie es selten, ohne ihm zugleich einen minder Würdigen voranzustellen, um ersterem vor Augen zu halten, wie hoch die Macht und Autorität über den Verdiensten steht und daß letztere nur genau soviel wert sind, als erstere ihnen an Wert zuerkennen. Nun werden Sie verstehen, warum Teofilo diesen Gegenstand so übertreibt, der, wie alltäglich er Ihnen auch vorkommt, immer noch eher es verdient als Sauce, Petersilie, Floh, Fliege, Nuß und andere Stoffe der alten Schriftsteller und derjenigen modernen, die den Pfahl, den Splitter, den Blasebalg, die Wurzel, die Kerze, die Bettwärme, den Feigenbaum, die Kirsche und andere Dinge verherrlichen, von denen einige nicht nur gemein, sondern sogar widerlich sind. Bruno spielt an auf eine zu seiner Zeit in Italien beliebte sonderbare Gattung der Poesie, die man nach ihrem Hauptvertreter Francesco Berni ( Opere, Milano 1888, bei Ed. Sozogno, 1 Lira) als Poesia Bernesca bezeichnet. Die von Bruno genannten Dinge sind Titelüberschriften von Gedichten dieses Berni. Der Haupterfolg dieser Poesie, sagt ein italienischer Literaturhistoriker, beruhte darauf, Vergleiche zwischen den entferntesten Gegenständen zu suchen, in feierlichster Form oft auf die lächerlichsten Ereignisse anzuspielen und wiederum bei Schilderung kleinlichster Dinge Bemerkungen von großem Scharfsinn und tiefer Weltkenntnis zu machen. Zu dieser Schule gehörte auch der oben S. 69 erwähnte Merlin Coccajo (Teofilo Folengo). Endlich vor allem Molza, der Verfasser des unsagbar zweideutigen Gedichts Ficheis (Feigengedicht), welches von Annibal Caro mit einem unzweideutigen aber höchst gelehrten Kommentar versehen wurde. Vgl. Caro Annibale (Milano 1863) in der Biblioteca rara.

Wissen wir übrigens nicht, daß der Sohn des Kis, Saul, als er ausging, um seine Esel zu suchen, für würdig befunden wurde, zum König der Juden ernannt zu werden? Gehen Sie, lesen Sie das I. Buch Samuel, wie diese bedeutende Persönlichkeit viel mehr Wert darauf legte, die Esel zu finden, als zum König ernannt zu werden. Es scheint sogar, daß er sich wenig aus dem Königreiche gemacht hätte, wenn er nicht doch noch die Esel gefunden hätte. Denn jedesmal, wenn Samuel davon spricht, daß er ihn krönen will, antwortet er: Aber wo sind meine Esel? Meine Esel, wo sind sie? Mein Vater hat mich fortgeschickt, die Esel wieder zu suchen! – wollt Ihr etwa nicht, daß ich meine Esel wiederfinde? Kurz, er würde sich nimmer beruhigt haben, wenn ihm der Prophet nicht zugeschworen hätte, daß die Esel gefunden seien; vielleicht soll damit angedeutet werden, daß jener bereits ein Königreich besaß, dessen Untertanen soviel wert waren wie seine Esel und noch viel mehr! So geht man manchmal aus, etwas ganz anderes zu suchen, als dasjenige, was man findet, und ein tiefer Sinn mag darin liegen, daß der Aufseher seiner Esel ein Königreich gewinnt. Großes also möge auch uns der Himmel verheißen! Aber fahren Sie, Herr Teofilo, fort in Ihrem Vortrage! Erzählen Sie uns die Erfolge der Suche, die der Nolaner anstellte. Lassen Sie uns die übrigen Erlebnisse dieser Irrfahrt vernehmen!

Prudentio: Bene est, probene est, prosequere, Theophile!

Smith: Beeilen Sie sich aber etwas; denn die Stunde der Abendmahlzeitnaht! Sagen Sie kurz, was noch passierte, nachdem sie sich entschlossen hatten, lieber den langen und verdrießlichen Weg wieder anzutreten, als nach Hause zu gehen!

Teofilo: Erhebe Deine Fittiche, o Teofilo, doch wisse, daß sich Dir zur Zeit keine Gelegenheit bietet, von den höchsten Dingen dieser Welt zu reden! Hier hast Du keinen Anlaß, von jener Gottheit auf Erden zu sprechen, von jener einzigen und ausgezeichneten Dame, die von diesem kalten Himmelsstriche aus, der nahe dem nördlichen Kreise ist, über den ganzen Erdball so helles Licht verbreitet, Elisabeth meine ich, sie, die an königlicher Würde keinem Könige auf der ganzen Welt nachsteht! An Urteilskraft, Weisheit und Herrschertakt steht sie gewiß keinem nach, der je auf dieser Erde ein Szepter führte; in der Kenntnis der Wissenschaften und im Verständnis aller schönen Künste, in der Beherrschung aller Sprachen, die in Europa von gelehrten und ungelehrten Personen gesprochen werden, übertrifft sie sicherlich alle anderen Fürsten. Wenn die Herrschaft des Glückes gleich käme der Herrschaft des adligsten Geistes und Verstandes, so müßte diese große Amphitrite die Falten ihres Gewandes öffnen und dessen Umfang so weit ausdehnen, daß er, wie er jetzt Britannien und Irland umfaßt, einen ganzen Erdkreis umsäumte, so daß eine allgemeine Universalmonarchie unter ihrem Schutze stände! Du hast keine Veranlassung, von dem so reifen, weitsichtigen und voraussehenden Herrscherverstande zu reden, mit dem dieser Heldengeist schon seit mehr als 25 Jahren mit einem Winke ihrer Augen inmitten der Stürme eines Meeres von Widerwärtigkeiten Frieden und Ruhe erhält, aufrecht erhält mitten zwischen diesen stürmischen Fluten und brausenden Wogen, mit denen der übermütige Ozean sie von allen Seiten umtost!

Hier, da ich als einfacher Privatmann nicht die Ehre habe, sie zu kennen und auch kaum den Gedanken hege, sie kennen zu lernen, wage ich nur die edelsten und ausgezeichnetsten ihrer Ritter zu nennen, den Großschatzmeister ihres Königreichs, Robert Dudley, den Grafen von Leicester, deren edelste Menschlichkeit in der ganzen Welt bekannt sind und gleichzeitig mit dem Ruhme der Königin, die mit ganz besonderer Huld jeden Ausländer aufnimmt, der sich nicht völlig unwürdig solcher Vergünstigung erweist, in allen Nachbarländern gepriesen wird.

Diese beiden sind es, die zusammen mit Seiner Excellenz dem Herrn Franz Walsingham, dem Großsekretär des Königlichen Rats, als die nächsten am königlichen Throne mit dem Glanze ihrer großen Leutseligkeit jedwedes Dunkel erhellen und durch ihre liebenswürdige Höflichkeit alle Roheiten und Taktlosigkeiten wett machen, auf die man nicht nur bei Briten, sondern auch bei Skythen, Arabern, Tataren, Kannibalen und Anthropophagen stoßen kann. Erinnere Dich nur des ehrenvollen Umgangs und der Leutseligkeit so vieler Bürger dieses Königreichs, der Du schon in Mailand und Frankreich begegnet warest, die Du aber vor allem später in ihrer Heimat kennen gelernt hast, vorzüglich im Hause des hochedlen Ritters Herrn Philipp Sidney, dessen reicher Geist, dessen rühmlichst anerkannte vornehme Gesinnung nicht so leicht ihres Gleichen im Auslande, auch in Italien nicht finden dürfte! Aber leider sehr ungelegen kommt mir hier ein großer Teil des Volkes in den Weg, der geradezu eine Art von Hefe bildet, deren übler Geruch, würde er nicht so sehr von den Bessern unterdrückt, den Namen des ganzen Volkes in Mitleidenschaft ziehen müßte. Denn leider kann England sich eines Mobs rühmen, der an Respektlosigkeit, Roheit und Wildheit keinem anderen Pöbel etwas nachgibt, den irgend ein Land beherbergt. Muß ich also so manche Person, die in diesem Lande jeder Ehre sich würdig bezeugt, beiseite lassen, so tritt mir vor die Augen eine Menschenklasse, die bei Gott, wenn sie eines Fremden ansichtig wird, aus ebensoviel Wölfen und Bären zu bestehen scheint, die ihm mit einem so gräßlichen Blicke entgegentreten, wie ein Schwein, dem man seinen Futtertrog wegzieht. Diese gemeine Menschenklasse ist aus zwei Menschenklassen zusammengesetzt. –

Prudentio: Omnis divisio debet esse bimembris, vel reducibilis ad bimembrem. »Jede Einteilung soll zweigliedrig sein oder wenigstens zurückführbar auf eine zweigliedrige.«

Teofilo: Die eine ist die der Handwerker und Krämer, die, sobald sie einen als Ausländer erkennen, ihm eine Nase drehen, ihn auslachen, ihm die Zunge zeigen, ihn in ihrer Sprache einen Hund, einen Verräter, einen foreigner schimpfen, und gerade letzteres dünkt ihnen bezeichnenderweise das schlimmste Schimpfwort zu sein, ein Titel, der sie ermächtigt, ihm jedes nur denkbare Unrecht der Welt zuzufügen, einerlei, ob der betreffende jung oder alt, Bürgers- oder Kriegsmann, adlig oder bürgerlich ist.

Fügt es ein böser Zufall, daß Du zufällig einen berührst oder die Hand an den Degen legen mußt, so wirst Du in einem Augenblicke, so lang die Straße ist, Dich umringt sehen von einem Heere von Raufbolden, die schneller als im Gedichte die Drachenzähne des Jason mit ihren Waffen um Dich herum auftauchen; es scheint fast, sie kommen aus der Erde, in Wirklichkeit kommen sie aus den Kneipen und Kramläden; sie bilden Dir sofort ein höchst ehrenvolles Spalier mit Knüppeln, langen Lanzen, Hellebarden, Partisanen und zinkigen Forken, die sie, wenngleich ihnen ihr Herr sie ihnen zu einem besseren Zwecke anvertraut haben mag, für diese und ähnliche Gelegenheiten immer bereit halten. Diese wirst Du alsbald mit bäurischer Wut über dich herfallen sehen, ohne zu beachten, wem es gilt, weshalb, wo und wie, ohne daß einer sich um den anderen kümmert; nur der natürliche Haß, den jeder gegen den Ausländer hat, lenkt jedem die eigene Hand; wenn ihn nicht das Gedränge und der Tritt des anderen hindert, den ein gleicher Gedanke vorwärts treibt, und Du Dich nicht bei Zeiten in Sicherheit zu bringen weißt, werden sie nicht nur das Maß Deines Überrockes, sondern auch der Mütze auf Deinem Kopfe nehmen. Sollte auch zufällig irgend ein Mann von Rang und Stand, sei es selbst ein Graf oder Herzog, Dein Begleiter sein, – dieser Pöbel kennt keinen Respekt, wenn er in bewaffneten Haufen auftritt, – ihm würde nichts übrig bleiben, als sich bei Seite zu drücken und das Ende abzuwarten. Würdest Du aber selbst schließlich loskommen und den Chirurgen aufsuchen, damit er Deine übel mißhandelte Haut zusammenflicke, würdest Du hier bald ebensoviele Schergen und Häscher finden, welche, wenn sie sich nur irgendwie einbilden können, Du habest ein british Subject beleidigt, Dir dermaßen den Buckel verarbeiten, daß Dir zu Mute sein wird, als habest Du den Pegasus oder den Renner des Perseus oder den Hippogryphen des Astolf geritten oder auch ein Dromedar aus Medien oder gar eine der Giraffen der drei Magier; sie werden Dich mit solchen Faustschlägen in Trab bringen, daß es Dir besser wäre, statt dessen mit den Hufen der Esel und Maultiere zu tun zu haben, bis sie Dich endlich in ein Gefängnis gebracht haben werden, ex qua me tibi commendo.

Prudentio: A fulgore et tempestate, ab ira et indignatione, malitia, tentatione, et furia rusticorum

Frulla: Libera nos, domine! ex qua me tibi commendo, »von wo aus ich mich Dir empfehle«.
Et fulgure usw.: »Von Blitz und Gewitter, von Zorn und Entrüstung, von Bosheit, von Versuchung, und von der Wut des Pöbels –
Libera nos domine – »erlöse uns, Herr!«

Teofilo: Die zweite Sorte ist die der Diener. Ich spreche hier nicht von denen der ersten Klasse, welche aus Gentlemen und Baronen besteht, und die für gewöhnlich keine Wappenzeichen und Merkzeichen tragen, es sei denn aus allzugroßer Eitelkeit oder aus Schmeichelei für die Herren; unter diesen findet man noch etwas Bildung.

Prudentio: Omnis regula exceptionem patitur.

Teofilo: Aber, mit Ausnahme einiger weniger von diesen, die dieses Prädikat nicht verdienen, spreche ich von anderen Klassen der Diener; zunächst von solchen zweiten Ranges, welche sämtlich ein angeschnalltes Abzeichen auf dem Rücken tragen. Andere endlich bilden die dritte Klasse, deren Herren nicht vornehm genug sind, um sie mit einer Livree auszustatten, oder die selber nicht einmal für würdig befunden werden, eine solche zu tragen. Noch andere bilden eine vierte Klasse, nämlich Diener jener Diener, die ein Wappen führen oder auch keines.

Prudentio: Servus servorum non est malus titulus usquequaque. »Knecht der Knechte ist auf keinen Fall ein übler Titel.«

Teofilo: Jene von der ersten Klasse sind arme und bedürftige Gentlemen, welche, um sich Unterhalt und Gunst zu verschaffen, sich unter den Schutz eines Großen begeben haben. Diese führen großenteils ihren eigenen Haushalt und bilden nur manchmal das Gefolge ihres Mylords ohne jede Einbuße an eigener Würde, sie werden von jenen hochgeschätzt und begünstigt. Die Bedientenschar, zweiten Ranges setzt sich zusammen aus bankrotten Kaufleuten oder Handwerkern oder anderen gescheiterten Existenzen, z. B. solchen, die ohne Erfolg Lesen und Schreiben gelernt oder irgend eine Kunst studiert haben, irgendwo von der Schule gejagt, aus einem Geschäfte oder einer Werkstatt ausgewiesen sind. Die dritte Klasse besteht aus Tagedieben, die aus Arbeitsscheu jeden ehrlichen Beruf meiden; teils sind es verlaufene Seeleute, teils auch Landratten, entlaufene Ackerknechte und ähnliches Gesindel. Die schlimmste und vierte Klasse ist ein Gemisch von wahren Desperados, Landstreichern, Verbrechern; manche unter ihnen sind entflohene Sträflinge, Bauernfänger, die jeden Dummen, der ihnen in den Weg läuft, betrügen. Sie lassen sich dingen unter den Säulen der Börse oder an der Kirchentür von St. Paul. Ähnliches Gesindel findet man in Paris an den Toren mancher Paläste, in Neapel an den Treppenstufen des San Paolo, in Venedig auf dem Rialto, in Rom auf dem Campo di Flora. Die Angehörigen der drei letzten Klassen gehen überall nur darauf aus, zu beweisen, daß sie verwegene Kerle, brauchbare Raufknechte sind und alle Welt verachten. Jedem, der ihnen nicht weit aus dem Wege geht, geben sie einen Stoß, wie wenn sie den Sporn eines Kriegsschiffes darstellen möchten, um zu beweisen, wie stark und kräftig sie sind. Ist es gar ein Ausländer, der ihnen in den Weg kommt, so nützt diesem auch das respektvollste Ausweichen nichts sie wollen an ihm beweisen, was ein Cäsar, Hannibal oder Hektor oder richtiger ein stoßender Büffel vermag. Sie benehmen sich dann nicht wie die Esel, die, zumal, wenn sie Lasten tragen, zufrieden sind, wenn sie ihren geraden Weg verfolgen können, sondern sie machen es, wie die Wasserträger, die sich einem, der die Augen nicht offen hat und ihnen im Wege steht, mit der eisernen Nase des Eimerträgers bemerkbar machen. So machen es auch die Bier- oder Ale-Träger, die, wenn sie auf ihrem Wege einen zerstreuten Menschen antreffen, diesen gar zu gern mit ihrer Last bekannt machen, und die nicht nur große Bürden auf ihren Schultern schleppen, sondern auch unter Umständen ein Haustor einrennen oder auch einen Lastwagen fortschieben können. Diese freilich sind auf Grund der Würde, die ihnen ihre Bürde verleiht, immerhin zu entschuldigen; denn sie haben mehr vom Esel, Pferd oder Maultier, als vom Menschen. Allein die anderen, die doch ein Quentchen Verstand besitzen sollten und mehr als jene nach dem Bilde und zur Ähnlichkeit des Menschen gestaltet sind, kann ich nicht freisprechen, zumal, wenn sie einem erst noch »guten Tag« oder »guten Abend« sagen und freundlich ansehen, als sei man ein guter Bekannter, und einem dann unversehens einen bestialischen Stoß versetzen. Ganz besonders solche muß ich hier anklagen, die sich so anstellen, als müßten sie flüchten oder einen Flüchtenden verfolgen oder sonst eiligst ein Geschäft besorgen, und die so aus einem Laden oder einer Krambude hervorstürzen, einem nachrennen, ihn darnach überrennen und ihm einen Ochsenstoß versetzen, wie dies noch vor kurzem dem armen Herrn Alessandro Citolino geschah, dem sie so unter großem Gelächter und Gejohle des ganzen Platzes einen Armbruch verursachten, wobei dann alle Beschwerden bei der Polizei nachher umsonst gewesen sind. Hüte Dich also, Fremder, in London ohne dringliche Ursache, das Haus zu verlassen, vor allem denke nicht daran, zu Deinem Vergnügen in dieser Stadt spazieren gehen zu können! Versuchst Du's dennoch, so mach' vorher ja das Zeichen des heiligen Kreuzes, wappne Dich mit dem Panzer der Geduld und nimm Dir vor, lieber eine kleinere Unbill freiwillig hinzunehmen, als das Schlimmere durch Gewalt zu erleiden! Aber worüber beklagst Du Dich, Unseliger! Scheint Dir ein stoßendes Ungeheuer etwas unedles zu sein? Erinnerst Du Dich nicht, o Nolaner, was geschrieben steht in Deinem eigenen Buche: Die Arche Noah? Vgl. S. 7, 8. Als sich hier ein Streit der Tiere über den Rang und Vortritt erhob, stand da nicht der Esel in Gefahr, seinen Ehrenplatz auf dem Hinterteile der Arche einzubüßen, weil er bloß ein Huftier, kein Hornvieh war? Durch was für Geschöpfe wird sich auch am Tage des jüngsten Gerichts der Adel des Menschengeschlechts versinnbildlichen, wenn nicht durch Widder und Böcke? Erstere sind die männlichen, mutigen und beherzten Geschöpfe, die nicht wie Schafe von den Böcken getrennt werden, sondern als ehrwürdiger, stoßender, als Väter der Lämmer von den Vätern der Zicklein gesondert werden! Daß diese im himmlischen Hofe einen höheren Rang einnehmen, als letztere, kann Euch ein Blick nach oben auf die Rangliste der Himmelszeichen zeigen. Denn wer ist es, der mit stoßkräftigen Hörnern das Jahr eröffnet?

Prudentio: Aries primo, post ipse taurus. »Erst der Widder, darnach der Stier.«

Teofilo: Erst hinter diesen beiden Horntieren kommen die beiden schönen Pagen: die zwei Ganymede, die Zwillinge. So sieht man, wie diese Art sogar ganz anderswo als innerhalb einer durchnäßten Arche den Vorrang behauptet!

Frulla: Ich wüßte übrigens zwischen diesen beiden Tierarten keinen anderen Unterschied als diesen: die einen stoßen bloß mit dem Kopfe die anderen auch mit der Schulter. Aber lassen Sie diese ewigen Abschweifungen, und kommen Sie endlich auf die Erzählung dessen zurück, was noch auf dem Wege an diesem Abend sich ereignete!

Teofilo: Nachdem also der Nolaner etwa zwanzig solche Stöße empfangen hatte, erhielt er in der Nähe der Pyramide vor dem Palaste in dem Vereinigungspunkte dreier Straßen noch einen, der so gut gemeint war, daß er für zehn gelten konnte, so daß er selbst wider die Mauer stieß und sich hier eine Erschütterung holte, die wieder für zehn weitere gelten konnte. Der Nolaner sagte: Thank ye master! Ich glaube, er wollte damit seinen Dank dafür aussprechen, daß jener ihm bloß einen Schubs gegeben und ihn nicht gerade mit dem Nabel des Schildes, den er trug, oder mit der Spitze seines Helmes angerannt hatte.

Teofilo: Dies war der letzte Stoß; denn dank dem heiligen Fortunius waren wir endlich, nach Durchquerung so vieler Gassen, Durchwatung solcher Ströme, Überwindung solcher Küsten und schlammiger Sümpfe, so holperiger Klippen und gefährlicher Pässe lebendig im Hafen d. h. am Tor, das nach einigem Klopfen geöffnet wurde. Wir traten ein und trafen auf dem Korridor viele verschiedene Persönlichkeiten, zahlreiche Diener, die ohne uns Platz zu machen oder gar sich zu verbeugen, ohne irgend ein Zeichen höflichen Empfanges, vielmehr unter deutlicher Bezeugung ihrer Geringschätzung in Ausdruck und Gebärden, sich schließlich herabließen, uns die Tür zum Saale zu öffnen. Wir traten ein und fanden hier, daß man sich, nachdem man uns so lange vergeblich erwartet hatte, bereits zu Tisch gesetzt hatte. Nach gegenseitigen Vorstellungen und einigen anderen Zeremonien, unter denen eine besonderes Gelächter hervorrief, da einer von uns, dem der unterste Platz angewiesen wurde, in der falschen Annahme, es sei der oberste, sich weigerte, diesen anzunehmen und oben an der Tafel Platz nehmen wollte, und so eine Zeitlang eine gegenseitige Komplimentierung stattfand zwischen dem einen, der mit ausgesuchter Höflichkeit bat, zu unterst Platz zu nehmen, und dem anderen, der aus allzugroßer Bescheidenheit obenan sitzen wollte, nahm schließlich Mr. Florio einem Ritter gegenüber Platz, der an der Spitze der Tafel saß, Herr Folco rechts von Mr. Florio, der Doktor Torquatus links vom Nolaner, der Doktor Nundinius gegenüber dem Nolaner. Glücklicherweise brauchte ich hier die Unsitte des Zutrinkens aus einem großen Pokale nicht mitzumachen, aus einem Trinkhorne oder großem Glase, das an der Tafel von Hand zu Hand geht, von oben nach unten, von links nach rechts oder umgekehrt, ohne eine andere Reihenfolge und ohne weitere Regel als derjenigen der Bekanntschaft und Höflichkeit des Bauernvolks, worin dann von dem einen, der gerade einen guten Bissen zum Munde geführt hat, ein ganzer Fettrand, von seinem Nachfolger im Trunke etwa eine Brotkrume, vom folgenden gar eine Fleischfaser gelassen wird; dieser trinkt und läßt gar ein Barthaar drin zurück, kurz, keiner ist so schlecht erzogen, daß er nicht aus Höflichkeit einige Überreste des Mahles, die er am Schnauzbart führt, darin läßt. Wenn aber einer, weil er keinen Appetit hat, oder sich zu hoch dünkt, um Bescheid zu tun, nicht trinken will, so genügt es auch, daß er wenigstens eine Spur am Rande vom Abdruck seiner Lippen darauf drückt. Diese Schlußzeremonie, den Mund an denselben gemeinsamen Pokal zu pressen, fast wie wenn viele Wölfe denselben Kadaver anbeißen, gilt als besonderes Zeichen der Brüderlichkeit und Geselligkeit, eine Krankheit, ein Herz, ein Magen, eine Kehle und ein Mund! Man begeht sie in der Tat mit einer gewissen liebenswürdigen Heiterkeit und hält es bei dieser schönen Komödie für einen besonders tragikomischen Vorfall, wenn dabei ein Edelmann in der Mitte sitzt, der aus Furcht, unhöflich zu erscheinen, mit sichtbarem Ekel mitzutrinken gezwungen wird; denn in diesem Zutrinken und Bescheidtun besteht geradezu der Gipfel der gesellschaftlichen Courtoisie. Da aber glücklicherweise selbst in England dieser Brauch nur noch an weniger vornehmen Tafeln geübt wird, an besseren nur bei besonders verzeihlichen Anlässen, so wollen wir sie weiter essen lassen und morgen erzählen, wer nach Tisch sich weigerte.

Smith: Auf Wiedersehen!

Frulla: Adieu!

Prudentio: Valete!


 << zurück weiter >>