Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Widmungsschreiben

an Seine Excellenz Herrn von Mauvissière, Ritter des Königl. Ordens, Wirkl. Geheim-Rat, Kapitän von 50 Gardisten, General-Gouverneur des Desiderius-Ordens, Botschafter Frankreichs in England. Michael de Chatel-neuf, Herr von Mauvissière, 1520 bei Tours geboren, war einer der bedeutendsten Männer, die das damalige Frankreich besaß. Er hatte als Jüngling Italien bereist, mehrere Jahre in Rom verweilt, dann verschiedene Gesandtschaftsposten bekleidet, sich im französischen Bürgerkrieg bei Tarnas und Montacour ausgezeichnet und in hohem Grade das Vertrauen des Königs Heinrich III. erworben. Im Jahre 1575 wurde er von diesem mit dem Gesandtschaftsposten beim englischen Hofe betraut, den er bis zum Jahre 1585 bekleidet hat. Vielleicht die schwierigste Aufgabe, die er als Gesandter zu erfüllen hatte, bildeten die Interventionsversuche zugunsten der unglücklichen Maria Stuart in ihrem tragischen Konflikt mit der Königin Elisabeth. Er verstand es, sich derselben mit solchem diplomatischen Geschick anzunehmen, daß er, obwohl er sich die wärmste Freundschaft der schottischen Königin erwarb, wie der zwischen ihm und ihr geführte Briefwechsel beweist, andererseits dennoch das leicht erregbare Mißtrauen der englischen Königin vermied. Von seinen Töchtern hatte die eine, Elisabeth, die Königin von England, die andere, Maria, deren schottische Gegnerin zur Patin.
Er war ein wissenschaftlich hochgebildeter Mann und hat außer einer französischen Übersetzung des Peter Raums: Traité des façons et coutumes des anciens Gaulois Memoiren hinterlassen.
Mémoires de Michel de Castelnau (par Laboureur, Bruxelles 1731.)
Bruno, der im Jahre 1584 Paris verließ, sei es nun, weil ihm die zunehmenden politischen Unruhen, oder auch der, wie es scheint, überall für ihn unvermeidliche Zwist mit den zünftigen Vertretern der Universität den Aufenthalt dort verleideten, wenn nicht bloße Wanderlust das Motiv war – erhielt von Heinrich III., dessen persönliche Gunst er sich erworben hatte, ein Empfehlungsschreiben an Mauvissière. Die Gastfreundschaft, welche dieser ihm hierauf gewährte, war außerordentlich liebenswürdig. Der Nolaner fand im Hause des Gesandten ein Asyl, ein wahres Heim, in welchem sein Genius sich zur größten Produktivität entfalten konnte. Er nennt Mauvissière die »einzige Zuflucht seiner Musen« und hat ihm außer diesen Dialogen noch drei andere Werke: Die explicatio XXX. sigillorum, das Aschermittwochsmahl, die Dialoge von der Ursache, dem Anfang und dem Einen zugeeignet. Vgl. im übrigen den Nachtrag: »Zur Würdigung des Dialogs des Aschermittwochsmahl«.

Hiermit biete ich Ihnen, mein Herr, keineswegs ein himmlisches Mahl von Nektar und Ambrosia, auch kein Lucullisches, freilich auch kein so sakrilegisches, wie das des Tantalus oder Thyestes; auch kein Platonisches, auch kein Mahl, wie Diogenes es bieten würde, noch weniger ein solches, wie der Erzbischof von Apulien oder der Lichtzieher Bonifaz in meiner Komödie es gab. Dieses Gastmahl ist vielmehr gleichermaßen so himmlisch, so lehrreich, so gottlos, so religiös, so lustig, so verdrießlich, so mager und so fett, so zynisch und sardanapalisch, daß ich zuversichtlich glaube, Sie werden dabei abwechselnd gläubig und ungläubig, heiter und traurig werden, sich als Sophist mit Aristoteles und als Philosoph mit Plato empfinden, mit Demokrit lachen und mit Heraklit weinen. Ich meine, wenn Sie hier mit den Peripatetikern und Pythagoräern gegessen und mit den Stoikern getrunken haben werden, werden Sie zum Schluß auch noch mit jenem lachen können, der beim Lachen seinen Mund vom einen Ohr bis zum andern Ohr aufreißt. Wollen Sie schließlich gar das Mark aus den Knochen nehmen, so werden Sie hier Sachen finden, die selbst den heiligen Colombinus, jenen Patriarchen der Jesuiten, heiter stimmen und das Schweigen eines Kirchhofs brechen. Sie werden mich fragen: Was für ein Gelage, was für ein Gastmahl dies sei? Nun es ist ein Aschermittwochmahl! Was soll das bedeuten? Will ich damit etwa sagen: Cinerem tanquam panem manducabam? Ich aß Asche statt Brot. Nein, es handelt sich um ein wirkliches Gastmahl, das nach Sonnenuntergang am ersten Mittwoch der Fastenzeit, an jenem Tage stattgefunden hat, den die Priester Aschermittwoch, vielfach auch den Tag des Gedächtnisses nennen. Bei seiner Schilderung ziele ich nicht auf die Persönlichkeit des vornehmen und feingebildeten Herrn Fulk Gréville, in dessen angesehenem Hause man zusammenkam, oder auf die Sitten und Gebräuche jener vornehmen Herren, die als Zuhörer und Zuschauer daran teilnehmen, sondern ausschließlich gegen jene beiden eingebildeten Schulmeister, die sich beide an derselben ihr Gedächtnis auffrischen und ihre topographischen, teils auch geometrischen, teils logischen, teils moralischen, teils metaphysischen, teils mathematischen, teils naturwissenschaftlichen Kenntnisse daraus bereichern können.

Der erste Dialog handelt zunächst von diesen beiden Personen, deren Namen Sie erraten werden, feiert alsdann die Bedeutung der Zweizahl, handelt an dritter Stelle von der Lage der wiedergebornen und neuentdeckten Naturphilosophie, an vierter von den Verdiensten des Kopernikus, an fünfter von den Früchten der Philosophie des Nolaners und dem Unterschiede dieser Philosophie von anderen Anschauungsweisen.

Im zweiten Dialog werden Sie die Veranlassung des Gastmahls, danach eine Schilderung verschiedener Wege und Irrfahrten finden, welch letztere vielleicht mehr für poetisch und sinnbildlich als historisch genommen werden wird; danach verirrt sich der Verfasser ziemlich unbegreiflicherweise in einer moralischen Topographie, indem er im Vorbeigehen mit wahren Lynkeus-Augen bald hier, bald dort hin blickt, ohne darum seinen Weg zu unterbrechen, es bleibt ihm dabei kein Steinchen, keine Kleinigkeit verborgen; er macht es eben, wie ein Maler, der nicht nur auf die großen Züge seines Gegenstandes, sondern, um das Bild auszufüllen, auch auf den Hintergrund alle Sorgfalt verwendet, Felsen, Berge, Bäume, hier ein Stückchen Himmel, wo auf der einen Seite die Sonne aufgeht, dort einen Wald anbringt, ja sogar einen Vogel, einen Hirsch, einen Esel, ein Pferd, wenn er auch vom einen nur den Kopf, vom andern das Geweih, vom dritten die Ohren, vom vierten das Hinterteil sehen läßt.

Der dritte Dialog zerfällt in 5 Teile, nach den Behauptungen des Dr. Nundinius: 1) die Notwendigkeit der einen oder anderen Sprache, 2) die wahre Ansicht des Kopernikus, Lösung eines wichtigen Zweifels über die Himmelserscheinungen, Nichtigkeit gewisser perspektivischer und optischer Einwendungen, eine bestimmte und klare Lehre über letztere, 3) Zusammensetzung der Weltkörper, Unendlichkeit des Weltalls, kein Mittelpunkt derselben, 4) Gleichheit des Stoffes auf dieser Welt und den Sternenwelten, es ist kindisch, etwas anderes anzunehmen; die Weltkörper sind Organismen, 5) bei Gelegenheit eines Einwurfs des Nundinius wird die Nichtigkeit zweier Gründe dargetan, die den Aristoteles und andere zur Leugnung der Bewegung der Erde verleitet haben, dabei werden viel Geheimnisse der Natur enthüllt, die bislang verborgen waren.

Zu Anfang des vierten Dialogs werden theologische Bedenken beseitigt und wird die Vereinbarkeit der neuen Naturanschauung mit der wahren Theologie dargetan. Zum Schluß sieht man, wie einer, der nicht zu disputieren versteht, unverschämt wird und den Unwissenden als gelehrter erscheint, als der Dr. Nundinius. Aber man sieht, daß alle Pressen der Welt aus seinen Phrasen noch nicht ein Tröpflein quetschen könnten, um einem Smith Gelegenheit zu einer Frage, einem Teofilo Gelegenheit zu einer Antwort zu geben, es bietet sich nur Stoff für die Übertreibungen eines Prudentio und die Grobheiten eines Frulla.

Ein fünfter Dialog ist nur hinzugefügt, um dieses Gastmahl nicht so nüchtern zu beschließen. Es wird gezeigt, daß der Fixsternhimmel, den man die achte Sphäre nennt, in Wahrheit kein anderer Himmel ist, als der von Körpern, die nur scheinbar gleich weit vom Mittelpunkt entfernt sind; die Fixsterne sind ebenfalls beweglich, es handelt sich um die sog. Aethra der alten Philosophen d. h. sie sind Reisige des Weltalls, ihre Bewegung entspringt einem inneren Prinzip, ihrer eigenen Natur und Seele; durch diese Wahrheit werden viele Träume zerstreut, sowohl über den Mond, wie über das Wasser und andere Arten von Feuchtigkeit; es werden auch die Zweifel erledigt, die auf einer albernen Ansicht über Schwere und Leichtigkeit beruhen; zuletzt wird gezeigt, daß diese Erde ebenso wie ähnliche Weltkörper mehr als eine Bewegung hat, daß ihre Bewegung sich aus mindestens vier einfachen Bewegungen zusammensetzt, die Art dieser Bewegungen wird an der Erde dargestellt. Schließlich wird versprochen, daß andere Dialoge diese Weltanschauung vervollständigen sollen, er endet mit einer Ermahnung des Prudentio.

Sie werden erstaunt sein, so große Dinge so kurz und doch so ausreichend entwickelt zu sehen. Wenn sich dabei einige weniger ernste Sachen einmengen, die die strenge Zensur eines Cato nicht vertragen, so wird Sie dies nicht bedenklich machen; solche Catone sind zumeist blind und unfähig, die Kostbarkeiten zu erkennen, die zwischen solchem Stroh verborgen sind.

Stellenweise werden Sie freilich weniger den Eindruck einer wissenschaftlichen Untersuchung als vielmehr einer Komödie oder Tragödie erhalten, wo Poesie, wo Beredsamkeit, wo Tadel und Lob gespendet wird. Auch der gelehrte Inhalt ist bald physisch, bald mathematisch, bald moralisch, bald logisch, – jede Wissenschaft ist hier in einzelnen Bruchstücken vertreten. Aber bedenken Sie, mein Herr, daß es sich um einen historischen Dialog handelt, wo im Verlauf der Unterhaltung alle diese Dinge, wie der Gang des Gesprächs zwischen vier Personen es mit sich brachte, auftauchten. Bedenken Sie auch, daß kein Wort ganz müßig ist, daß oft gerade da, wo es am wenigsten den Anschein hat, wertvolle Gedanken zu ernten sind. Was die Oberfläche betrifft, so können die, welche uns den Anlaß zu diesem Dialog geboten haben, freilich argwöhnisch werden, wenn sie die Menschen mit der Elle messen und die Charaktere auf die Goldwage legen. Die aber, welche sich getroffen fühlen, werden vielleicht ihre Armseligkeit und Erbärmlichkeit erkennen und mögen sich entweder bessern oder voll Scham verhüllen, wenn sie nicht gestehen wollen. Wenn Teofilo und Frulla Ihnen allzu streng mit solchen Subjekten ins Geschirr zu gehen scheinen, bedenken Sie, mein Herr, daß jene ein dickes Fell haben; auch wenn die ihnen beigebrachten Schläge hundertmal so stark wären, würden sie sich wenig daraus machen. Hoffentlich erachten Sie mich nicht für tadelnswert, weil ich solche Albernheiten, wie diese Doktoren sie zu Tage gefördert haben, mit einem so würdigen Gegenstande in Verbindung setze; die Fundamente müssen zwar der Größe und Bedeutung eines Gebäudes angepaßt sein, aber die Zutaten und Gelegenheiten können sehr mannigfaltig sein, und oft sind kleine und unbedeutende Dinge Samen großer und bedeutsamer, Dummheiten und Bosheiten können große Entschlüsse und Entdeckungen zeitigen. Irrtümer und Vergehen haben oftmals Gelegenheit zur Entdeckung bedeutender Regeln der Gerechtigkeit und Güte gegeben.

Sollte Ihnen Zeichnung und Farbengebung nicht vollkommen wahrheitsgetreu erscheinen, so bedenken Sie, daß der Maler die Porträts nicht mit der erforderlichen Ruhe und mit der wünschenswerten Entfernung aufnehmen konnte, er saß zu nahe, er konnte sich nicht ohne den Sprung, den der Sohn des berühmten Verteidigers von Troja machte, nach der einen oder anderen Seite von ihnen entfernen. Nehmen Sie dies Gemälde an, wie viele andere, die Sie darum nicht verachten, weil sie Dinge darstellen, die Sie im Leben genauer kennen. Sehen Sie vor allem mehr auf die Gesinnung des Gebers, als auf die Gabe! Ihnen, meinem huldreichsten Gönner, überreiche ich diese Gabe in einem Lande, wo der gewissenlose Kaufmann leicht zum Krösus wird, der Tüchtige aber, wenn er kein Geld hat, als Diogenes gilt, der Sie den Nolaner unter ihrem Dache, und zwar im höchsten Stockwerk Ihres Hauses beherbergen. Hierher würden, wenn dieses Land an Stelle der tausend plumpen Riesen, die es hervorbringt, ebensoviel Männer von der Natur eines Alexanders des Großen hervorgebracht hätte, mehr als 500 emporsteigen, um Ihrem Gaste einen Huldigungsbesuch zu machen. Allein die Gunst der Sterne fügt es, daß Sie der Einzige sind, der ihm manchmal im Lichte steht, wenn nicht jenes Ihnen wohl bekannte Fensterchen einen direkten oder reflektierten Strahl einläßt, um den zynischen Habenichts nicht noch ärmer zu machen. Ihnen ist diese Gabe gewidmet, der Sie in diesem Britannien die Majestät eines so großherzigen, großen und mächtigen Königs vertreten, der vom Herzen Europas aus die äußersten Enden des Erdkreises mit seinem Ruhme erfüllt, der, wenn er sich zürnend erhebt, wie ein Löwe aus tiefer Höhle alle Sterblichen und alle anderen mächtigen Bewohner dieser Wälder mit Schrecken erfüllt, wenn er aber der Ruhe pflegt und Frieden hält, nicht nur die Tropenwelt durch die Glut seiner freigebigen und ritterlichen Liebe entflammt, sondern selbst den eisigen Bären erwärmt und das Eis der arktischen Wüsten schmilzt, die sich unter der ewigen Wache des wilden Bootes befinden. Vale!


 << zurück weiter >>