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Sickingens Tod.

 

Als dieser Körper einen Geist enthielt,
War ihm ein Königreich zu enge Schranke;
Nun sind zwei Schritte der gemeinsten Erde
Ihm Raum genug.

König Heinrich IV.

 

Das plötzliche Schweigen der Geschütze hatte seinen Grund in Landstuhls Uebergabe. Das Gefühl des heranschleichenden Todes beugte zwar Sickingens trotzigen Sinn keineswegs nieder; allein er wollte die Waffengenossen in seinen Fall nicht verwickeln und übergab die Veste gegen Zusicherung ritterlicher Gefangenschaft und gegenseitiger Lösung der Gefangenen.

Während die Fürsten, von glänzendem Gefolge umgeben, den Schloßberg heraufstiegen, lag der todeskranke Ritter in dem erwähnten Gewölbe auf seinem Lager ausgestreckt, weniger durch körperliche Leiden, als durch Seelenkämpfe gefoltert. Die Augen halb geschlossen, mit Todesblässe das Gesicht überzogen, für Alles außer ihm gleichgiltig, stritt Franz gegen beängstigende Anfechtungen, welche im Gefühle naher Auflösung ihn bestürmten. Sein thatenreiches, bewegtes Leben trat in lebhaften Bildern vor die erschreckte Seele, und zwar mit solcher Genauigkeit der Umstände, als sollte er auf Erden schon alle Handlungen erwägend durchlaufen, worüber die ewige Gerechtigkeit ihn bald richten werde. Volle Schweißtropfen traten ihm auf die Stirne, krampfhaft ballte sich die Hand über dem Bette und seinem Munde entfuhren schwere, angstvolle Seufzer. Von Allen verlassen, die im Leben und Glanze irdischer Macht um seine Freundschaft gebuhlt, fand der Leidende in dieser schrecklichen Stunde nirgends Trost. Der einzige Schauenberg lehnte bewegungslos und gebeugten Hauptes an der Felswand, den Tod Seckhendorfs, der im letzten Kampfe gefallen war, nicht minder betrauernd, als den unheilvollen Ausgang des Krieges.

»Laßt doch die Todten in Ruhe, Franz!« – sprach Melchior, als Sickingen wiederholt den Namen seines Weibes nannte. »Laßt den Muth nicht sinken, – und sollt's auch ein Ende nehmen mit Euch, vertraut auf Gottes Barmherzigkeit.«

»Würde gerne zu Eurem Beistande einen Mönch rufen,« fuhr Melchior fort, als der Verwundete schmerzlich stöhnte. »Allein Bucer ist mit Faust davongelaufen, – der Schuft, was könnte der abtrünnige Pfaff Euch auch helfen? Das Gebet dieses Verräthers würde nur den Teufel an Euer Lager beschwören.«

Die vorige Todesstille trat wieder ein, bis sie durch Sickingens bewegte, hinsterbende Stimme unterbrochen wurde.

»O Philipp, – Philipp!« seufzte er. »Deine Warnungen, – deine Befürchtungen, wie genau trafen sie ein! – Die feigen Verräther, – meine getreuen Freunde, wo sind sie nun? Die Schweizer, – Jener von der Mark, – die Grafen und Herren? Blinde Thoren, die auf Menschenhilfe sich verlassen. – Was könnten sie mir jetzt auch nützen? Hinweg ihr nagenden Gedanken, – hinweg blutige Schreckbilder! Still – geißelndes Bewußtsein der Schuld, lebe fort mit mir – hinüber in die Welt der Vergeltung, aber laßt mich ruhig sterben. – O Philipp, wärest du mir nahe, einziger Freund, – ahntest du meine Leiden!«

Der Schmerz erstickte seine Stimme und mit weit aufgerissenen Augen starrte er an die Decke des Gewölbes. Da öffnete sich geräuschlos die angelehnte Thüre und eine leichte Gestalt schwebte herein. Sickingen fühlte seine Hand erfaßt, an eine glühende Stirne gedrückt und mit Thränen benetzt. Der edle Domsänger Philipp von Flersheim kniete am Lager des sterbenden Freundes.

Die Ueberraschung Sickingens beim Anblicke des Schwagers war außerordentlich. Während er nach Fassung rang, verharrte Philipp in der knieenden Lage, noch immer sein Angesicht in Sickingens Hand verbergend.

»So müssen wir uns wieder finden!« begann der Verwundete mit zitternder Stimme. »Ich – am Rande des Grabes, vielleicht am schwarzen Abgrunde ewiger Verdammniß, aus der die zischenden Schlangenhäupter meiner Thaten gierig gegen mich aufstehen.«

»Getrost Franz, – verzage nicht!« sprach Flersheim, sich beherrschend. »Reue und Bußgesinnung versöhnen den strengen Wäger unserer Handlungen.«

»Reue und Bußgesinnung – freilich! doch dürfen sie nicht durch Todesschrecken erzwungen sein; – nur freiwillige Entscheidung für des Allerhöchsten Gesetz – – nur Reue in jenen Augenblicken kann den Himmel versöhnen, wann die freie Wahl uns noch anheimgegeben ist. – Mir aber, Philipp, – bleibt keine Wahl, in wenigen Stunden kann ich über den eigenen Leib nicht mehr verfügen.«

»Täuschungen, mein Franz! So lange Du athmest, ist Dein Wille frei, und gerade jetzt kannst Du wahre Seelengröße bewähren durch freiwillige Ergebung in Deinen Sturz.«

»Ha, – mein Sturz!« sprach Sickingen mit hohler Stimme, des Sängers Hand fahren lassend.

»O Freund!« bat Philipp. »Beuge doch jetzt Dein trotziges Gemüth, – Reue und Zerknirschung über unsere Vergehen müssen uns Gottes strafende Hand küssen lehren. Franz, – verurtheile mich nicht zu dem schrecklichen Bewußtsein, Du seist unversöhnt mit Gott aus dieser Welt gegangen. Franz, – gönne mir das Glück,« – fuhr er mit thränendem Auge und innig bewegter Stimme fort, »meine priesterliche Gewalt, zu binden und zu lösen, Dir anbieten zu dürfen, – Dir, den ich liebe, wie mein eigenes Leben.«

»Christlich gesprochen!« meinte Schauenberg. »Franz, folgt ihm, – gut meint er's. Ja, möchte in meinem letzten Stündlein mir solch' ein Priester hilfreich zur Seite stehen!«

Sickingen versank in Schweigen, das wiederholt durch schwere Seufzer unterbrochen ward. »Philipp!« sprach er tief bewegt, »Dein Rath ist gut, – ich folge ihm.« Er faltete die Hände und begann das nach katholischem Ritus vorgeschriebene Sündenbekenntniß abzulegen. Jenen, welche am öffentlichen Bekennntnisse Anstoß nehmen, diene zur Nachricht, daß Franz von Sickingen, vielleicht aus überwältigendem Reue- und Schuldgefühl, geschichtlich ein öffentliches Sündenbekenntniß ablegte.

»Diese lange Reihe ungerechter Handlungen,« schloß er in reuigem Tone, »befleckte meinen Lebenslauf, seitdem Hoffart und Ehrsucht, diese Schlangen, – meine Plane vergiften. – Ja, tief und schimpflich ist mein Fall, – Gott helfe mir, daß ich ihn ergeben trage zur Sühne des verübten Unrechts.«

»Mit Pünktlichkeit will ich Deine Aufträge erfüllen, lieber Freund, und aus Deinem Vermögen das fremde Gut ersetzen. Aber Franz,« – fuhr der Priester mit einer vor Rührung zitternden Stimme fort, – »laß Dein Bekenntniß offen sein, verhehle nichts, damit die letzte Schuld aus des Allwissenden großem Schuldenbuche schwinde. Franz, – belastet Deine Seele nicht das Bewußtsein, die Lehren unserer heiligen Kirche mit Lügen und Irrthümern des sächsischen Mönches vertauscht zu haben?«

»Nein, Philipp, nein! Hierin bin ich rein, wie ein neugebornes Kind. Luthers Lehre und Partei sollten nur meinen ehrgeizigen Planen dienen. Doch, – setzte er nach augenblicklichem Schweigen bei, »regte sich in mir lebendiger Haß gegen das hoffärtige Streben unserer Prälaten. Hätte die Vorsehung meine Tage nicht verkürzt, sollte mein Schwert, zum Heil und Nutzen unserer Kirche, die schnöden Auswüchse jener falschen Hirten beschnitten haben. – Nun verzeihe mir Gott, – und Ihr, ehrwürdiger Vater, erlaßt mir alle Schuld an des Allmächtigen Stelle!«

Die ohnedieß würdevolle Gestalt des Sängers richtete sich jetzt mit dem Ausdrucke unaussprechlicher Hoheit empor. Feierlicher Ernst umleuchtete seine edlen Züge, so daß es schien, die erhabene Würde des Priesters habe augenblicklich jede Spur jener Schwäche unserer Natur weggeräumt, die beim Anblicke des hinsterbenden Leibes vor Schmerz und Bitterkeit das Heil des ewig fortlebenden Geistes vergißt. Segnend breitete er seine Hand über den Sterbenden, und indem das seelenvolle Auge zum düster umwölkten Himmel empor sah, öffneten sich seine Lippen zu jenem Gebete, welches der eigentlichen Absolution vorausgeht. In diesem Augenblicke brach die Sonne durch die Wolken, des Priesters hohe Gestalt und Sickingens zerknirschte, fahle Züge mit mildem Glanze umleuchtend. Durch den zum Gewölbe führenden Gang zog ein feierliches Rauschen, leichte Tritte nahten, die Thüre ging auf und herein traten in ernstem Schweigen die Fürsten des Reiches, – voraus die beiden Churfürsten von Pfalz und Trier im blendenden Glanze ihrer reichen fürstlichen Gewänder. Ihnen folgte Landgraf Philipp und die Herzoge Otto und Wolfgang. Schweigend umstanden sie im Kreise Sickingens Lager, wobei ihre fürstliche Pracht lebhaft gegen die Aermlichkeit des Gewölbes und den Mann mit diesen gelben Todeszügen, den tiefliegenden hohlen Augen und den blau umzogenen Lippen abstach. Als endlich der Priester mit erhobener, feierlicher Stimme jene gewaltigen Worte sprach, die zum Himmel dringen und selbst im Buche der göttlichen Gerechtigkeit des Menschen Schuld lösen, da beugten die Fürsten Haupt und Knie.

»Gott im Himmel hat Dir vergeben, – mögen es auch Deine Feinde, wenn sie dereinst Verzeihung hoffen,« schloß der Sänger, mit einem bittenden Seitenblicke auf die Fürsten.

Kaum bemerkte jetzt Sickingen die Anwesenden, als er sich mit großer Anstrengung aufrichtete. In dem erloschenen Blicke flammte das ehemalige Feuer wieder auf, seine Stirne überzogen finstere Falten des Trotzes und der unbeugsame Sinn des sieggewohnten Helden schien beim Anblicke der triumphirenden Feinde schwere Versuchungen bestehen zu müssen. Er sprach kein Wort, fortwährend die Mienen der Fürsten mit scharfem Auge prüfend, ob er vielleicht ein höhnisches, triumphirendes Lächeln erspähen könnte. Allein die Empfindungen der Sieger waren ernster und erschütternder Art, indem sie die hilflose Lage eines Mannes betrachteten, dessen Namen und Thatkraft lange Zeit die Grundfeste des Reiches erschüttert hatte, – ein schreiender Mahnruf für die Eitelkeit und Vergänglichkeit irdischer Größe.

Sickingens aufsteigender Trotz war entwaffnet, da er statt Hohn und Verachtung nur Trauer und Betrübniß in den Zügen der Feinde las.

»Gnädiger Herr Landgraf!« sprach er, das Barett abziehend und die um Vergebung bittende Rechte ausstreckend.

Des Landgrafen Angesicht wurde finster bei Erinnerung der schweren Leiden, mit denen Sickingen ehedem ihn und seine Lande heimgesucht. Augenblicklich zog der Verwundete die Hand zurück, bedeckte das Haupt und sank auf das Lager, als der Hesse zögerte.

»Franz,« – begann dieser, nicht ohne Vorwurf in Ton und Miene, »weßhalb hast Du in meinen unmündigen Tagen mich überzogen mit Raub und Plünderung? Stand ich doch niemals in Deiner Schuld, gab Dir niemals Veranlassung zu jenen Verwüstungen, woran mein Land heute noch blutet.«

»Gnädigster Herr Landgraf,« entgegnete Sickingen, »Mancher führt eine Sache in der Meinung, sie werde ihm wohl ersprießen und fehlt ihm dennoch. Meine Zeit will's jetzt nicht gestatten, viel davon zu berichten.«

»Und wo liegen die dreißigtausend Gulden sammt der Verschreibung, welche Du den Meinen zu Darmstadt erpreßt hast?« fuhr der Hesse fort.

»Herr Landgraf,« – antwortete jener mit bitterem Lächeln, »wie schimpflich Gold und Gut uns im Stiche läßt, erseht Ihr an mir, – möge mein Geschick Euch belehren. Doch soll Alles erstattet werden.«

Philipp von Hessen empfand lebhaft den berührten wunden Fleck seines Charakters. Nicht unbekannt war sein Geiz, der ihn später unter dem Vorwande, die Kirche vom Gräuel der Reliquien-Verehrung zu reinigen, sogar veranlaßte, die Gebeine seiner Ahnfrau, der heiligen Elisabeth, dem Grabe zu entreißen, um in den Besitz der etwa vorhandenen Kleinodien zu gelangen. Stud. und Skizz. z. Gesch. d. Reform. S. 8. – Nicht mit der versöhnlichsten Miene trat er jetzt vom Lager Sickingens zurück.

»Franz bleib' liegen und setz' wieder auf!« sprach Churfürst Ludwig, als der Verwundete das Barett gegen ihn abzog. »Deine frühere Treue gegen mich und jene Deiner Ahnen gegen mein Haus lassen mich doppelt schmerzlich solchen traurigen Ausgang empfinden. Indessen,« – schloß der Fürst bewegt und ihm die Hand reichend, »sei Dir vergeben!«

Beim Anblicke Richards, der nun herantrat, überflog Sickingens Angesicht ein leises Roth. Bewegungslos blieb er liegen, ohne dem Churfürsten mit den geringsten Zeichen der Ehrerbietung zu begegnen.

»Franz,« begann der Trierer, »was hat Dich bewogen, meine armen Leute und mich zu überziehen und zu beschädigen?«

»Davon wäre viel zu reden. Nichts ohne Ursache,« entgegnete er trotzig.

»Solcher unbeugsame Sinn steht dem Sterbenden schlecht an,« tadelte Philipp von Hessen. »Eure Bitte um Vergebung wäre eher am Platze, als solches störrige Entgegnen.«

»Herr Landgraf,« sprach Sickingen, »greift in die eigene Brust! Lebt dort nicht das Bewußtsein, den Adel geknechtet und gedrückt zu haben? Wozu deßhalb Euer Vorwurf, wenn der Adel für seine Freiheit sich erhob? Seid Ihr dazu frei von anderen ehrsüchtigen Gelüsten und dem besten Willen, die reichen Kirchengüter Eurer Geldlust zu opfern, – dann mögt Ihr mich verdammen. – Meine gnädigen Herren,« setzt er entschuldigend bei, »laßt Euch diese offene Sprache nicht verdrießen. Hier, wo ich stehe, – hier an den Grenzen der Ewigkeit, schweigt alle Heuchelei, und Wahrheit führt ihr freies Wort. – Laßt mich, – hab' nun mit einem größeren Herrn zu reden,« schloß er mit abwehrender Handbewegung.

Langsam und schweigend verließen die Fürsten das Gewölbe. Flersheim eilte in die Pfarrkirche hinab, das heilige Sakrament abzuholen. Indessen lag Sickingen mit gefalteten Händen und tief gebrochenen Augen. Das vorige qualvolle Seufzen und Stöhnen war ergebener Ruhe gewichen. Seine Lippen bewegten sich im leisen Gebete, hie und da den Namen unserer Lieben Frau oder eines anderen Heiligen flüsternd und ihren Beistand im Augenblicke des Hinganges in eine Welt erflehend, deren vergeltende Gerechtigkeit die Brust des Muthvollsten mit Zagen erfüllt.

Schauenberg lehnte in trübem Sinnen am niedrigen Fenster und schaute in den Burghof hinab. Unfähig, den sterbenden Waffenbruder zu verlassen, vermied er dessen häufigen Anblick, welcher die Bekümmerniß seiner rauhen Züge vermehrte und die Lippen schmerzlich zittern machte.

Ungewöhnlicher Lärm im Burghofe unterbrach die bisherige Stille, welche trotz der Gegenwart so vieler Krieger, aus Achtung für Sickingens Sterbelager herrschte. Einige Bewaffnete brachten einen Verwundeten herein und legten ihn unmittelbar vor dem Fenster nieder, wo Schauenberg stand. Kaum erkannte dieser in dem Verwundeten den Astrologen Faust, so stieß er eine Verwünschung aus und rannte aus dem Gewölbe.

»Wie kam dieser schurkische Verräther in Euere Hände? Wer hat ihn dermaßen zugerichtet?« fragte Melchior.

»Heinrich von Windstein schoß nach einem Wolf und traf Meister Faust, der in jener Höhle versteckt lag,« lautete die Antwort.

»Gott Lob, er traf den ächten Wolf, – ja, den schändlichsten aller Wölfe! Packt ihn Gesellen, – und folgt mir!« befahl Schauenberg, den Knechten zum Gewölbe vorangehend.

»Franz,« rief Herr Melchior beim Eintritte, – »Franz, stirb noch nicht, laß den Tod noch eine Weile warten! – Sieh' hier den verruchten Schwarzkünstler, welchen Du vorhin wegen seiner Hexenkünste verfluchtest.«

Sickingen heftete das starre Todesauge auf den Astrologen.

»Elender Betrüger!« sprach er. »Dahin führten also Deine Künste? – Mit Krone und Reichsscepter schmeicheltest Du meinem Stolze, – triebst meinen Ehrgeiz an, – und das Ende von Allem ist nun – ein schimpflicher Ausgang.«

»Euer Ende ist schmachvoll, – ganz Eurer Thorheit werth!« entgegnete Faust grinsend. »Selbst den Ruhm verdient Ihr nicht, unwissend das große Werk gefördert zu haben, welches Kirche und Reich, Aberglauben und Knechtschaft zerstören wird. Kommende Jahrhunderte werden zwar Franz von Sickingen unter jene Ritter vom Geiste zählen, deren Kraft und Erkenntniß die faulen Dämme mönchischer Thorheit und fürstlichen Zwanges durchbrach, – aber mit Unrecht! Sickingen war nur das blöde Werkzeug in des Meisters leitender Hand, – ein kopfloser Stier, dem man rothes Gold und lockende Purpurlappen vorhielt, damit sein starker Nacken den verderbten Boden reinige für die freie Geistessaat.«

»Still, – elender, stinkender Hund! – oder ich zertrete Dich,« – brach Schauenberg los.

»Tritt zu, – zottiger, dummer Bär! Unsterblich lebt Faust kommenden Geschlechtern, wenn auch ein hirnloser Fant den zerfallenden Leib der ewigen Materie zuwirft.«

»Schwätzer, – Narr, – viehischer Heide!« zürnte Schauenberg, den Fuß gegen den Astrologen erhebend. »Doch nein, – der Fuß eines Ritters soll mit Deinem schmutzigen Gehirn den Boden nicht besudeln. – Franz, – befiehl, was soll mit ihm geschehen? Durch welche Schießscharte sollen wir ihn hinaus hängen?«

In diesem Augenblicke betrat Herr Nikolaus mit Windstein und mehreren Edlen das Gewölbe. Trauer und Theilnahme stand den Zügen dieser Herren eingeschrieben, besonders lebhaft aber trat des Freiherrn Schmerz hervor. Thränen rollten ihm über den wallenden Bart herab und mit zitternder Rechter ergriff er Sickingens Hand.

»Franz, – Alles sei vergessen und vergeben! – Komm' her Heinrich, reiche ihm versöhnend Deine Hand! Ihr dürft nicht als Feinde von einander scheiden.«

»Heinrich, – jenem Gestirne hätte ich folgen sollen, das Deine Handlungen leitet,« sprach Sickingen mit schwacher Stimme. »Ich wäre der Ritterschaft ein Helfer und Retter gewesen!«

»Sei getrost Franz, Dein Herz war immer voll Biederkeit,« sagte Fleckenstein. »Aber die abtrünnigen Pfaffen haben es verdorben, besonders jener elende, lügenhafte Sterngucker – der Faust. Diese Schufte haben Dich mißleitet und verführt. – Sprich, Du ausbündiger Wicht,« – wandte sich der Freiherr gegen Faust, »weßhalb legtest Du diesem Jünglinge solche Schlingen? Hast Du auch ihn mit Deinen Künsten umstricken und verderben wollen?«

»Alter Gauch!« höhnte Faust. »Frage nicht nach Dingen, welche Dein stumpfer Verstand nicht begreift. – Gib Deine Greth nur jenem weichen Jungen. Sprößlinge werden sie treiben, die ihnen gleichen, – verkörperte Narren des Aberglaubens.«

»Ha – der Bösewicht! Unmöglich kann ihm Gott gnädig sein,« sprach Fleckenstein, voll Abscheu in des Astrologen gräßlich grinsendes Gesicht schauend.

Ein silberhelles Klingen außerhalb des Gewölbes verkündete das Nahen des heiligen Sakramentes, und sogleich sah man durch die offene Thüre den feierlichen Zug langsam den Gang herabkommen. Voran schritt der Sakristan, von Zeit zu Zeit durch das harmonische Klingen einiger Schellen, an die geheimnißvolle Gegenwart des Allerhöchsten erinnernd und zur Anbetung mahnend. Ihm folgten, mit brennenden Kerzen in geschmackvoller Kirchenkleidung, zwei schöne Knaben mit blonden Lockenköpfchen, – gesenkten Blickes und wegen ihrer Unschuld in den Zügen und des ihre Lippen umschwebenden milden Lächelns, zwei Engeln nicht unähnlich. Zwischen ihnen, das Angesicht gegen das Sakrament gekehrt, ging ein Knabe mit dem Rauchfaß, fortwährend dasselbe gegen das Allerheiligste schwenkend und mit wohlriechendem Dufte umhüllend. Des Sängers Angesicht war feierlich ernst über das leuchtende Gefäß herabgebeugt, welches den Leib des Herrn umschloß. Eine reiche, goldgestickte Kappa umhüllte seine würdevolle Gestalt, und darunter sah man das blendend weiße faltige Chorgewand nebst der glänzenden Stola hervorschauen. Der unmittelbar ihm folgende Sakristan trug ein kleines, aber prächtiges Baldachin mit silbernen Fransen und goldenen Quasten geziert, welche das heil. Sakrament und den Priester überschattete. An den Sakristan schlossen sich Edle und Reisige, mit entblößten Häuptern und andächtigem Schweigen dem Allerheiligsten folgend.

Als Flersheim das Gewölbe betrat, knieten die Anwesenden gläubig nieder; Faust aber stieß ein höhnisches Lachen aus. Die feierliche Stille, des Glaubens heilige Sprache auf den ernsten Gesichtern der Männer, und das geheimnißvolle Regen und Leben der ganzen Handlung, machte den Astrologen knirschen. Den Verband von der Wunde reißend, ließ er sein Blut hervorströmen, um durch den Tod dem Anblicke der Feierlichkeit und dem Anhören der Gebete zu entgehen, welche der Sänger vorsprach und in welche der tiefe Chor der Männer einfiel.

Den Leib des Herrn über dem Ciborium haltend, trat jetzt der Priester zum Sterbenden heran. Sickingen heftete sein mattes Auge auf das Geheimniß, stilles Gebet umschwebte seine Lippen, die er nicht mehr zum Empfange öffnete; – denn als sich des Priesters segnende Hand erhob, hauchte der Ritter seinen Geist aus.

»Friede sei mit ihm!

»Friede sei mit ihm!« unterbrach Fleckenstein die Todesstille, dem Hingeschiedenen das Auge zudrückend. »Nochmals: Franz war tapfer und biedergesinnt. Was Schlimmes an ihm war, gehörte nicht ihm, – von schlimmen Freunden kam es her. – Ruhe in Frieden armer Franz,« – und Thränen rollten über die Wangen des bewegten Freiherrn.

»Ehrwürdiger Vater!« bat Windstein Philipp von Flersheim, welcher das Ciborium auf den bedeckten Tisch niedergestellt hatte, vor dem er kniete, – alle Kraft aufbietend, den herben Schmerz zu beherrschen. »Ehrwürdiger Vater, versagt Eure Hülfe dort jenem Sterbenden nicht, dessen Seele schwere Schuld belasten mag; denn sein Todesringen ist fürchterlich.«

Flersheim folgte Heinrich in den Hintergrund des Gewölbes, wo Faust, auf dem Boden ausgestreckt und in seinem Blute schwimmend, mit dem Tode rang. Stöhnend wälzte er sich hin und her, schlug die blutigen Hände gegen die Felswand, mit hohler, unheimlicher Stimme furchtbare Flüche und Verwünschungen ausstoßend. Hiebei rollten ihm gräßlich die stieren Augen in den Höhlen, und wenn er mit den Zähnen knirschte und den Körper krampfhaft bog und krümmte, flammte aus seinen Blicken abschreckende, höllische Bosheit.

»Hinweg Pfaff!« schrie er dem Sänger entgegen, welcher bei dem grausenhaften Anblick beinahe den Hingang des unglücklichen Schwagers vergaß. »Fort – hinweg; mit Dir hab' ich nichts zu schaffen. Ha, Faust kann sterben ohne Gebet und Absolution eines tollen Priesters.«

»Unseliger, mit dem Bannfluche unserer heiligen Kirche belasteter Mann,« sprach Philipp in mitleidsvollem Ernste; »besinne Dich wohl, meine Hülfe zurückzuweisen! Widerrufe vielmehr Deine Gotteslästerungen, Deinen Glaubensabfall, bereue Deine schweren Vergehen, – vor Allem Deine fluchwürdige Schuld am Untergange Deines edlen Beschützers, und,« fügte er beim Gedanken an des Astrologen Verschulden gegen Sickingen, nicht ohne Selbstüberwindung bei, »ich will dennoch in dieser, für eine Ewigkeit entscheidenden Stunde, Dein Retter sein.«

»Ha – ha!« lachte Faust wild auf. »Deiner Kirche Fluch verachtete ich Jahre lang. Sie fluchte mir, die faule, hinsiechende Macht, – aber ihr Fluch fiel auf sie zurück; denn Faust beschwor Geister gegen sie, die ihn furchtbar rächen werden. Toller Pfaff – komme nach hundert Jahren, lese die Trümmer Deiner Kirche zusammen und gedenke hiebei an des gebannten Astrologen Rache.«

»Spart alle Mühe an ihm, – längst gehört er dem Teufel und es wäre vergebliche Arbeit, dem Teufel solchen Höllenhund aus den Krallen zu reißen,« meinte Schauenberg.

»Unglücklicher,« warnte Flersheim; »willst Du mit solchen Gedanken vor Deinen göttlichen Richter treten?«

»Still Unsinn, still Aberglaube, aus meinen Augen, peinigender Anblick!« schäumte Faust, mit dem Fuße nach dem Priester stoßend. »Wisse, – ich trotze Deinem göttlichen Richter – ha seine Hölle soll mein Haupt nicht beugen! Ja – dort will ich ihm ewig – fluchen!«

Ein wildes, rasendes Lachen, dann ein jäher Schrei, und der Gotteslästerer hauchte seine schwarze Seele aus.

»Seht nur, welch' ein Gesicht! Solche Fratzen kann nur der Teufel selber malen,« sagte Schauenberg, voll Abscheu auf die im Tode noch grinsenden, hämisch lachenden Züge des Astrologen hinweisend. »Laßt mich das Aas hinausschaffen,« – und er packte den Todten an den Beinen, schleifte ihn aus dem Gewölbe über den Burghof und schleuderte den Leichnam über die Mauer.

Lange noch zeigte man das bleiche Gerippe des Doktors Faust unten im Thale, und Jedermann floh den fluchbeladenen Ort, bis der letzte Knochen und mit ihm die nähere Bezeichnung der unheimlichen Stelle verschwunden war.

»Herr Melchior!« redete Fleckenstein diesen Edelmann an, als er in das Gewölbe zurückkehren wollte. »Ihr habt mir vor Trier großen Dienst erwiesen, wofür ich Euer Schuldner bin. Wißt also, daß auf Windsteins Fürsprache, Churfürst Richard Euch die ritterliche Haft erläßt. Frei und ledig seid Ihr!«

Schauenberg vernahm hängenden Kopfes die unverhoffte Ankündigung seiner Freiheit, und es schien zweifelhaft, ob er nicht, aus Trauer über den unglücklichen Ausgang des Befreiungskampfes, ewige Gefangenschaft der Freiheit würde vorgezogen haben.

»Sagt dem Trierer meinen Dank,« sprach er endlich. »Kehrt mir der alte Muth zurück, will ich mit ihm Bruderschaft trinken zum Trutz gegen Jedermann;« – damit verschwand seine riesige Gestalt unter dem Eingange des Gewölbes.

Fleckenstein kehrte in das Gemach zurück, wo die Fürsten sich befanden, sichtbar ergriffen, bei der Nachricht von Sickingens Tod. In diesem Augenblicke erhob die Todtenglocke ihre Trauerstimme, in abgemessenen dumpfen Schlägen weithin des Ritters Tod verkündend. Die Fürsten entblößten ihre Häupter und auf den Boden hinknieend, beteten sie ein Pater und Ave für des Hingeschiedenen Seelenruhe.

Mit ungemeiner Schnelligkeit verbreitete sich im weiten Reiche die Kunde von Sickingens Fall. »Der Afterkaiser ist todt, – bald wird auch der Afterpapst todt sein,« – sprach das Volk, bezeichnend für die weittragenden Plane jenes bedeutungsvollen Mannes.

Ulrich von Hutten irrte indeß umher, von Vielen gefürchtet und gehaßt, von Keinem geliebt, – von seiner Familie verstoßen, verkommen und zerfallen an Leib und Seele. Wenige Monate nach Sickingen starb er auf der Insel Ufnau in der Schweiz, an jener eckelhaften Krankheit, die sein ausschweifendes Leben ihm zugezogen.

Von der feierlichen und glänzenden Vermählung Heinrichs von Windstein mit der schönen Fleckensteinerin ist noch zu berichten, daß sie im alten Münster zu Speyer statt fand, verherrlicht durch die Gegenwart der Churfürsten von Trier und Pfalz. Bei dieser Gelegenheit überreichte Churfürst Richard dem glücklichen Bräutigam ein kaiserliches Handschreiben und zugleich ein Pergament mit silberner Siegelkapsel, wodurch der bisherige Edelmann, zur Anerkennung seiner Verdienste für Kirche und Reich, in den Reichsgrafenstand erhoben wurde. Der alte Freiherr kam während jener feierlichen Tage fast gar nicht zur Besinnung, schwelgend in Freude und Wonne. Noch viele Jahre theilte er das Glück der jungen Eheleute, welches nur selten durch unangenehme Zwischenfälle getrübt wurde, von denen der Wandel des Glücklichsten hienieden nicht verschont bleibt.

Martin Bucer und die übrigen Reformatoren wurden in Sickingens Fall nicht verwickelt, geschützt durch fürstliche Gönner, die aus politischen Gründen dem freien Evangelium sich zuneigten. An verschiedenen Orten des Reiches streuten sie den Saamen jener Lehre aus, in deren Verbreitung Doktor Faust nicht mit Unrecht den Zerfall, wenn je möglich, die Vernichtung des deutschen Reiches, der christlichen Kirche und das üppige Gedeihen des Humanismus und alles religiösen Unglaubens erkannt hatte.


 


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