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Die Verschollenen.

 

Kein Blick der Hoffnung heitert mit trübem Licht
Der Seele Dunkel! Nimmer, o nimmer wird
Dein Auge, Laura, meinem Auge
Wieder begegnen, und Liebe sprechen.

Hölty.

 

Nach Sickingens Abzug brach Windstein nicht eher von Trier auf, bis die ausgeschickten Späher berichteten, der Feldhauptmann habe das Heer aufgelöst und in verschiedene Burgen und Festungen vertheilt. Jetzt vermochten keine Bitten und Vorstellungen der Freunde, ihn zum längeren Verweilen zu bestimmen. Da keine weiteren Anfälle Sickingens die Stadt bedrohten, und Windstein seinen Verpflichtungen gegen Kirche und Reich genügt zu haben glaubte, zog es ihn mit unwiderstehlicher Gewalt in die stillen Vogesen. Dieses gegen die Bitten der Freunde rücksichtslose Drängen zur Heimkehr darf wohl durch die Ungewißheit entschuldigt werden, in der sich Herr Heinrich bezüglich des Schicksals der schönen Fleckensteinerin befand.

Am Tage vor der Abreise überreichte die dankbare Bürgerschaft Triers dem heldenmüthigen Junker eine jener berühmten nürnberger Rüstungen, die sowohl durch ihre Festigkeit, wie durch reiche Verzierungen und kostbare Bestandtheile aus edlem Metall ausgezeichnet waren. Nicht minder dankbar bewies sich Churfürst Richard. Nebst anderen Beweisen fürstlicher Huld, hing er dem Ritter eine schwere goldene Kette von hohem Werthe um die Schultern, welche Ceremonie der Erzbischof mit seinem Segen begleitete und durch eine väterliche Umarmung schloß.

Einen rührenden Anblick bot es dar, als Windstein an der Seite des Churfürsten, umgeben vom höchsten Adel des Landes durch die Straßen ritt. Triers ganze Bevölkerung war auf den Beinen. Man wollte noch einmal den jugendlichen Helden sehen, ohne dessen Schutz höchst wahrscheinlich die Stadt und ihre Bewohner den wilden Schaaren Sickingens anheimgefallen wären. Greise mit silbernen Haaren standen entblößten Hauptes da und sahen zu dem erröthenden Jünglinge empor, den ihre Segenswünsche begleiteten. Mütter hielten ihre Kinder auf den Armen und zeigten begeistert den starken Junker. Andere standen ohne Zuruf, in stiller Bewunderung, und manches fromme Weib sprach Gebete für den Retter.

Eine Strecke außerhalb der Stadt nahm der Erzbischof Abschied von seinem tapferen Bundesgenossen, wobei er die Bemerkung fallen ließ, beim Kaiser Fürsprache einlegen zu wollen, um den bisherigen Ritter in einen Stand zu erheben, der seinen Verdiensten für Kirche und Reich angemessen sei. Indeß der Fürst mit seinem Gefolge in die Stadt zurückkehrte, gaben andere Herren noch einige Stunden Weges Windstein das Geleite. Als auch diese endlich sich verabschiedeten und Heinrich dem Zuge der eigenen Gedanken ungestört folgen konnte, wendeten sich dieselben ausschließlich dem Gegenstande zu, der ihn zur schleunigen Abreise aus Trier angespornt.

Die Kenntniß von dem aufgelösten Verhältnisse zwischen dem Fräulein von Fleckenstein und Ulrich von Hutten drängte sich in den Vordergrund seiner Betrachtungen, ihn mit den seligen Gefühlen jener Menschen erfüllend, welche plötzlich Hindernisse entfernt sehen, die sich bisher ihrem Lebensglücke entgegensetzten. In zweiter Reihe kam die lästige Frage, ob der Freiherr oder dessen schöne Tochter sein Hoffen billigen würden? In Bezug auf das Fräulein schlug der junge Edelmann jeden Zweifel sogleich mit Entschiedenheit und fast mit Entrüstung nieder. Von Seite des Fleckensteiners glaubte er abermals keinen Widerspruch erfahren zu müssen, indem der Alte zu wiederholten Malen ihm mit Hochachtung begegnete. – Aber auch peinigende Vermuthungen quälten ihn zuweilen. Wie mochte die Erlösung der Geliebten aus dem berüchtigten Drachenfels verlaufen sein? Welche Unbilden mochte sie dort erduldet haben? Gelang bei der gegenwärtigen Unsicherheit der Wege die Reise nach Fleckenstein ohne Unfall?

In süßen Träumereien versunken oder durch Befürchtungen für die Sicherheit des Edelfräuleins aufgeschreckt, ritt Windstein durch jene waldreichen und gebirgigen Gegenden, deren Einförmigkeit zu dergleichen Betrachtungen gleichsam herausforderten. Kurd folgte in geringer Entfernung mit den übrigen Knechten, und nur selten nahte der schlaue Rottmeister auf einige Schritte, um zu erfahren, ob sein Herr geneigt wäre, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Am ersten Tage der Reise wurde ihm diese Ehre nicht, und da Kurd den Gegenstand kannte, welcher seinen Gebieter beschäftigte, hütete er sich wohl, seine Gesellschaft aufzudringen. Hie und da entfuhr ein derber Fluch aus dem Munde des Rottmeisters beim Anblicke der niedergebrannten, noch rauchenden Trümmer von Dörfern und Weilern. Nicht minder ärgerte ihn das scheue Entfliehen halbnackter Gestalten, welche doch hätten sehen sollen, daß Kurd und dessen Gesellen nicht zu den Sickingischen Mordbrennern gehörten, für die sie gehalten wurden.

Ohne Störung erreichte Windstein nach dreitägigem Ritte den Waasgau, wo auf Bergen und in Thälern seit der Abreise große Veränderungen vorgegangen waren. Der Spätherbst hatte das frische Grün der Wiesen hinweggescheucht und durch die gelichteten Baumkronen zahllose gelbe Blätter gestreut. Viele derselben bedeckten bereits den Boden, andere sanken mit leisem Geräusche nieder, denselben Weg zu gehen, welchen ihre Schwestern durch Jahrtausende gegangen waren, nachdem sie kurze Zeit die Natur geziert, ihren Schöpfer verherrlicht und den Menschen erfreut hatten. In der Nähe des Fleckenstein entließ Heinrich seine Knechte. Von Kurd begleitet, ritt er nach der Burg des Freiherrn, deren graue Thürme bald vor seinem Auge in stolzem Trotze emporstiegen. Wiederholt spähte er nach dem hohen Söller, wo Margareth oft zu stehen pflegte, indeß ihr Blick weit über die Berge schweifte, oder an den Naturschönheiten der umliegenden Gegend sich ergötzte. Das Burgfräulein war jedoch nirgends zu sehen. Ueberhaupt schien das alte Freiherrnschloß wie ausgestorben und verlassen. Nirgends blitzten auf den Mauern Sturmhauben und Brustharnische der wachehaltenden Knechte. Kein Waffenlärm erscholl aus dem Hofe, kein lustiges Zechen aus der Trinkhalle, und die Mückengestalt des Wächters, welcher hoch auf der Zinne des Wartthurmes stand, vermehrte beinahe die Todesstille des grauen Gemäuers. Selbst Kurd schüttelte ahnungsschwer den Kopf, da er hinter seinem Herrn den Schloßberg hinaufritt. Windstein überkamen Bangigkeit und Angst, die noch vermehrt wurden, als jetzt des Thurmwächters Horn in jenen langgezogenen, traurigen Tönen des Ritters Ankunft meldete, wie dies beim Tode des Burgherrn oder bei außerordentlichen Unglücksfällen üblich war.

»Der Fleckenstein schaut gar ernst und düster drein,« brach Kurd das Stillschweigen, als sie vor dem verschlossenen Thore und der aufgezogenen Brücke hielten. »Hab' mir die verzauberten Schlösser immer so vorgestellt, worin minnigliche Fräulein vom einäugigen Riesen vor grauen Jahren bewacht wurden.«

Windstein entgegnete hierauf nichts, mit steigender Ungeduld und Bangigkeit die Oeffnung des Thores erwartend, als jetzt im Innern der Schlüsselbund des Schließers rasselte.

»Nun werden wir den Riesen mit einem Auge zu sehen bekommen,« scherzte Kurd, – »dessen Obhut der alte Fleckensteiner die Burg anvertraute; denn« – setzte der schlaue Rottmeister hinzu, »daheim ist der Freiherr gewiß nicht, – wahrscheinlich sitzt er drunten zu Germersheim beim Bruder; – das holde Töchterlein wird er natürlich auch mitgenommen haben.«

In diesem Augenblicke ging das Thor auf, die Zugbrücke rasselte nieder, und während Heinrich in den Hof ritt, rief ihm der alte Thorhüter entgegen:

»Willkommen, Herr Ritter, – sicherlich bringt Ihr Kunde von unserm lieben Herrn! Seit er von Hohenburg weggeritten, hörten wir keine Sylbe von ihm.«

Schnell umstand den jungen Edelmann ein Kreis bejahrter Krieger, Fleckensteins ehemalige Begleiter in den Mohrenkriegen, jetzt aber die ganze Hut der weitläufigen Burg. Der trübe, kummervolle Ausdruck ihrer vernarbten Gesichter erheiterte sich bei Windsteins Anblick, wahrscheinlich in der Hoffnung, etwas von dem Schicksale ihres verschollenen Herrn zu hören. Als ihnen jedoch der Junker mittheilte, der Freiherr sei aus dem Lager von Trier gegen Drachenfels aufgebrochen, um daselbst seine Tochter abzuholen und er hätte ihn sicher hier zu treffen gehofft, – da verdüsterte tiefe Trauer die Mienen der Knechte.

»Wir werden unseren guten Herrn nimmer sehen,« klagte der alte Christoffel mit fast weinerlicher Stimme, die sehr im Widerspruche stand mit dessen harten, verwitterten Zügen. »Wer weiß, in welchem Thurmverließ unser armer Herr liegt und verderben muß.«

»So schlimm dürft Ihr von Sickingen doch nicht denken, Gesellen!« sprach Kurd mit einem besorgten Seitenblicke auf seinen Herrn. »Franz hat wohl manchen Fehler und auch manches Blut auf dem Gewissen, das durch seine Schuld und Hand vergossen wurde; dermaßen schlecht und ehrlos ist aber der Franz doch nicht, daß er 'nen alten, wehrlosen Mann sollte in's Verließ werfen.«

»Du kennst weder diesen Franz, noch seine Spießgesellen!« entgegnete Christoffel. »Sie verstehen sich d'rauf, ihre Mäuler voll zu nehmen, wenn's gilt, mit Ritterehre zu prahlen und gegen Fürstenschaft und Pfaffheit loszufahren, – aber gerade sie sind die Schinder des Adels. Wie haben sie nicht den armen Grafen von Waldeck zugerichtet! Nackt und bloß, an allen Gliedern gelähmt und halb todt, setzten sie diesen armen Herrn auf der coburger Haide aus, – hab' ihn selber gesehen. Hätte der junge Graf Waldeck nicht achttausend Goldgulden dem Berlichinger Götz und dessen Gesellen bezahlt, würden die Schufte den alten Grafen gar haben verhungern und verfaulen lassen. Buchholz. Ferdinand I. B. II. Blg. S. 463. Was unserm Herrn bevorsteht, weiß Gott!«

»Seid nur keine jüdischen Klageweiber!« schalt Kurd. »Sucht Euren Herrn auf und ich will ein ausgesprungener Mönch sein, wenn sie ihn nicht gegen schweres Lösegeld freigeben.«

»Ist längst geschehen! erwiederte Hennel. Sickingen will von unserm Herrn nichts wissen, – war selber bei ihm und als ich die zweite Frage stellte, zog er gar finster die Brauen zusammen und drohte mit Stock und Peitsche, wenn ich nicht ginge. Auch nach Germersheim schickten wir auf Kundschaft, – wir fragten zu Landau, nirgends sichere Nachricht. Wo sollen wir jetzt suchen? Die Burgen der Bündischen sind verriegelt und verrammelt, – lassen keine Maus hinein, am wenigsten die Knechte des ehrsamen Fleckensteiners, welcher mit der Empörung nichts will zu schaffen haben.«

»Ja,« – versetzte der Thorwächter, »wäre unsers Herrn Geldkiste und Rüstkammer den Bündischen offen gestanden, – hätte er dem Geschwätz des Hutten Gehör geschenkt, dann müßte er jetzt nicht unter ihren Fußtritten sich krümmen.«

»Und dazu unser schönes Fräulein!« klagte Christoffel. »Alle Heiligen stehen ihr bei, wenn sie dem abscheulichen Hutten in die Klauen fällt.«

Windstein folgte bisher dem Gespräche in der Haltung eines Menschen, welchen der zerschmetternde Schlag des Unglücks bis zur Theilnahmslosigkeit niederbeugte. Als nun Margareths Erwähnung geschah, richtete er sich plötzlich auf und fragte in beinahe drohendem Tone und mit blitzendem Auge nach Sickingens gegenwärtigem Aufenthalte.

»Der Schurke ist auf und davon,« antwortete Hennel. »Zuerst hat er die Abtei Stürzelbronn ausgeraubt und ausgebrannt, darauf ist er über den Rhein geritten.«

»Stürzelbronn ausgebrannt?« rief Windstein. »Und im ganzen Waasgau keine Lanze, solchem schändlichen Verfahren zu begegnen?«

»Begegnen?« sprach der Thorwächter. »Ja, Hände genug für's Zugreifen, aber keine zum Begegnen. Haben doch die ausgesprungenen Mönche gerade am meisten gehetzt und geschürt, bis jenes ehrwürdige Haus in Flammen aufging, das St. Disibod erbaute, als er in dieser Gegend den Heiden das Evangelium predigte.«

In düsterem, unmuthsvollem Schweigen sah der Ritter nach der Gegend hin, wo noch einzelne dünne Rauchsäulen aus dem Schutte des zerstörten Klosters emporstiegen. Die Theilnahme für das Geschick jener Abtei, welche seit grauen Jahren unter dem Schutze der Windsteiner gestanden und von ihnen mit Gütern reichlich bedacht worden, währte indessen nur einige Augenblicke.

»Erhaltet Ihr Kunde von Eurem Herrn,« sprach er zu den Knechten, – »laßt's mich nur gleich wissen; ich selber werde keine Mühe sparen, seinen Aufenthalt zu entdecken!«

»Wollt Ihr keinen Imbiß annehmen?« fragte Hennel, als Heinrich sein Pferd gegen das Thor hinlenkte.

Der Junker machte eine verneinende Bewegung, warf nochmals einen wehmüthigen Blick nach den obern Gemächern der Burg und verließ sogleich einen Ort, der seine trübe Stimmung nur vermehren konnte.

In tiefster Niedergeschlagenheit über die Unheil bedeutende Abwesenheit des Freiherrn und Margareths, und gepeinigt durch allerlei düstere Vorstellungen über das Geschick der Verschwundenen, ritt Heinrich langsam über die fahle Haide, welche sich von dem Fleckenstein bis an jenes Thal erstreckte, das gegen Windstein hinzieht. Die schreckhaftesten Bilder folterten hiebei des Jünglings aufgeregte Einbildungskraft. Bald sah er das Fräulein in schaurigen Gewölben an der Seite ihres Vaters, bald erblickte er sie, – wenn Huttens unheilvolle Gestalt an seinem geistigen Auge vorüberschwebte, in verzweifeltem Ringen in den Armen der Gewaltthat. Aus weiter Ferne glaubte er der Jungfrau Nothschrei und dazwischen Ulrichs wüstes Gelächter zu vernehmen. Krampfhafte Bewegungen durchzuckten dann die eiserne Gestalt Windsteins, sein Auge glühte, und endlich sah der umdüsterte Blick hilfesuchend gegen Himmel. Zugleich geißelten ihn die bittersten Vorwürfe wegen seines thatlosen Verhaltens. Sein Ritt gegen Drachenfels würde die innig Geliebte befreit und gerettet haben. Und so sehr umwölkte der Schmerz sein klares Bewußtsein, daß er sehnlichst den Augenblick der Entscheidung zurückwünschte, und hätte auch, in Folge des Rittes nach Drachenfels, Churfürst Richard im Sturme untergehen müssen.

Kurd theilte möglichst die Niedergeschlagenheit seines Herrn. Oftmals blickte der getreue Reitknecht in dessen bleiche, kummervolle Züge, vergeblich Mittel ersinnend, welche die Leiden des Gequälten mildern konnten. Kurd kannte zwar die Ursache von Windsteins Trübsinn, er würdigte auch die Vorzüge des schönen Fräuleins von Fleckenstein in dem Maße, daß selbst sein Herr um dieser Jungfrau willen betrübt sein dürfte, ohne Rittersinn und Mannhaftigkeit zu schaden; – dennoch entdeckte der kluge Rottmeister, trotz alles Nachsinnens, kein Mittel, des Junkers trübes Hinbrüten zu beseitigen oder auch nur zu unterbrechen. Wiederholt knüpfte er Gespräche an und zwar solche, von denen er wußte, daß sie gewöhnlich ergötzten und zerstreuten. Er sprach von Schlachten, von erfochtenen Siegen, von eroberten Burgen, – aber Windstein verharrte in seiner Teilnahmslosigkeit und schien kaum den wackern Rottmeister zu verstehen.

»Was den Fleckensteiner und seine schöne Tochter angeht,« – hob dieser in einem Anfluge von Verzweiflung über den schlechten Erfolg seiner Bemühungen wieder an, gerade den Gegenstand berührend, welcher Heinrichs Zustand am wenigsten heilsam wäre, wie er meinte, – »so glaube ich, daß beide in sicherem, aber ritterlichen Gewahrsam gehalten werden. Sickingen liebt bekanntermaßen das Geld; er wird sich lieber ein Stück vom Finger schneiden lassen, als eine hohe Lösung verlieren. Gerade deßhalb legte er zum Vater noch die Tochter in Haft, obwohl es ein ganz unerhört Ding ist, für Frauen Lösegeld zu fordern.«

Die schnelle Wirkung der diesmaligen Anrede überraschte Kurd so sehr, daß er im Uebermaß der Freude den Schnurrbart strich; denn sein Herr erhob das Haupt und würdigte ihn sogar einer Entgegnung.

»Du irrst. Hat Sickingen nicht selber erklärt, Fleckenstein befinde sich nicht in seiner Haft?«

»Freilich erklärte er das; – aber wem erklärte er's? Dem Hennel, und dies ist gerade nicht zu verwundern; denn Sickingens Majestät würde eher einen gemeinen Knecht mit Fußtritten heimschicken, als mit ihm wegen der Lösung eines Edelmannes unterhandeln. Wartet nur erst die Zeit ab, und ich will ein Schuft sein, wenn Sickingen nicht zur Zeit mit des Freiherrn Bruder über die Auslösung unterhandelt.«

»Zur Zeit, sagst du? Man könnte glauben, Du wärest bei irgend einem Raubritter in Diensten gestanden, so bestimmt sprichst Du von Dingen, wovon ich nichts verstehe.«

»Ja Herr – zur Zeit! Bei allen Stegreifrittern ist's nämlich Brauch, ihre Beute so lange hinter Schloß und Riegel zu halten, bis sie ihnen ein tüchtiges Lösegeld herauspressen können. Darum läßt auch Franz den Freiherrn die Haft erst recht satt werden, bevor er ihm die Lösung anbietet.«

»Nicht unvernünftig gesprochen! sagte Windstein. Sollen wir aber die Gefangenen auf diese Folter der Habsucht spannen lassen? Wäre es nicht möglich, die Opfer des geldsüchtigen Franz zu befreien?«

»Hm – möglich wär's schon! Vor Allem hätten wir den Aufenthaltsort der Fleckensteiner zu erspähen, und dies ist gerade keine halsbrecherische Arbeit, denk' ich.«

»Wäre die Burg aus Marmor und Granit erbaut, läge sie auf unzugänglichen Felsen, deren Zacken in die Wolken ragen, – sie müßte ihre Beute herausgeben,« rief der jugendliche Held.

»Da fällt mir so eine List ein, die an's Ziel führen könnte, sagte Kurd. Wie wär's, wenn ich mich in irgendeine Verkleidung steckte, und die Vesten des Sickingers besuchte? Müßte keine zwei Heller werth sein, könnt' ich nicht der Hut alle Geheimnisse entlocken, die sie zu bewachen hat. – Nicht so leicht ist's aber, die Verkleidung herauszufinden, in welcher die Entdeckungsreise zu machen wäre.«

»Der Einfall ist nicht übel; – was sagst Du zu einem wandernden Krämer? sprach Heinrich. Leute dieses Schlages sind mit ihrem Trödel gerne auf Burgen gesehen.«

»Schon wahr; aber ich fürchte, Herr, bald würde der wandernde Krämer nichts mehr zu verkaufen haben, indem die Sickingischen Knechte das Langfingern im Brauch' haben und meine gute Waare höchstens mit einigen Püffen bezahlen würden. – Da gefiele mir die Kutte eines lutherischen Predigers besser. Diese Schelme stehen bei den Bündischen in Ansehen und da es ihre Aufgabe ist, das lautere Evangelium zu verbreiten, so wäre die Frage ganz am Platze, ob sie nicht einige verstockte Papisten in Haft hätten, deren arme Seele dem Teufel zu entreißen wäre.«

»Der Prediger gefällt mir nicht, entgegnete Windstein; selbst Deine erprobte Klugheit möchte Dich hier im Stiche lassen.«

»Sorgt nicht, Herr, – will das lautere Evangelium so gut predigen, wie Meister Kunz der Schuhmacher, oder Meister Fritz der Schneider. Ich predige den Knechten, was ihnen gefällt, – schimpfe gegen Papst und Kaiser, – preise Wein und Weiber, – verfluche Fasten, Beten und Casteien, – verdrehe dazu die Augen, schäume mit dem Munde, – stampfe mit den Füßen, und ich schwöre, daß sie mich für 'nen ausgemachten Reformator halten.«

»Die Rolle ist widerwärtig!« sagte der Junker. »Selbst im Scherze soll man das gottlose Treiben jener Schelme nicht nachahmen.«

Kurd strich eben mit listigem Sinnen den röthlichen Schnurrbart, als ein Blitzstrahl die Luft durchzuckte, begleitet von einem so schweren Donnerschlag, daß die Pferde erschrocken stehen blieben.

»Wir werden schlimmes Wetter bekommen!« sprach der Reitknecht, zum schwarzen Gewölke emporsehend, welches die hereinbrechende Nacht noch finsterer erscheinen ließ. »Schon lange rumort's hinter den Bergen, – wären wir daheim! Sonderbar, – zu dieser Jahreszeit solche Schwüle und solche Donnerschläge. Potz und Krach,« – rief er, als schnell aufeinanderfolgende Donner durch die Wälder brausten und der Regen in Strömen herabzufallen begann.

Sie trieben die Pferde an, welche trotz aller Bemühungen der Reiter nicht zum schnellern Schritt zu bringen waren, sondern jeden Augenblick stehen blieben und verzagt die Köpfe hingen. Indessen wälzte sich immer schwärzeres Gewölke über das Thal herein, die Wassergüsse rauschten immer heftiger nieder, ohne Unterlaß durchzuckten Blitze die Luft und das Donnerwetter nahm jenen furchterregenden Ausdruck an, wie er selbst in Gebirgsgegenden nur selten vorkommt.

»Heilige Mutter Gottes!« rief Kurd sich bekreuzend, da ganz in der Nähe mit entsetzlichem Krachen ein Blitzstrahl niederfuhr und die brennenden Splitter einer Eiche umherwarf. »Heiliger Conrad, – mein gnädiger Schutzpatron, steh' uns bei! Wir sind verloren, Herr, – schlägt uns auch nicht der Blitz zusammen, müssen wir sicherlich in der Fluth ersaufen.«

»Schäme Dich!« tadelte Windstein. »Hat die Vorsehung unseren Tod beschlossen, müssen wir zufrieden sein; aber selbst der unwiderstehliche Wetterstrahl darf ächte christliche Ritter nicht zu jammernden Weibern machen.«

»Hört Ihr, eben brechen die Gewässer von den Bergen los! Wie es rauscht und tobt, – wie die Felsblöcke niederstürzen! Gott sei uns gnädig,« – schloß der Rottmeister, ohne das Schweigen abermals zu brechen, welches ihm der Schrecken aufnöthigte.

Der Junker war abgestiegen, das Pferd, welches nicht mehr von der Stelle wollte, am Zaume nach sich ziehend. Da der Regen wolkenbruchartig niederströmte und das Thal in einen See zu verwandeln drohte, blickte er Schutz suchend zu dem Berge empor, wo die Blitze eine hoch aufgethürmte Felsenwand beleuchteten.

»Wir können im Thale nicht weiter, ohne weggeschwemmt zu werden,« sprach er. »Steige ab Kurd und folge mir in die Drachenstuben. Diese liegen ziemlich hoch und können vom Gewässer nicht erreicht werden.«

Der Reisige gehorchte, indessen Heinrich den bisherigen Weg verließ und einen allmälig emporsteigenden Pfad einschlug, der sie nach kurzer Zeit in die Drachenstuben führte.

Die senkrecht emporsteigenden Felsenmassen boten mit ihren feurigen Zacken und dunklen Schluchten keinen freundlichen Anblick dar, gewährten aber Schutz gegen den Regen. Am Fuße bildeten sie nämlich mehrere tiefe Höhlen, die geräumigen Hallen glichen und dem Gestein den Namen »Drachenstuben« verliehen. Die Reiter banden ihre Pferde an Bäume fest und zogen sich in eine dieser Höhlen zurück, welche oft von Hirten und Reisenden unter ähnlichen Verhältnissen benutzt wurden.

Unterdessen hatte das Unwetter den höchsten Grad erreicht. Das Gewölk hing auf die Berggipfel herab, fortwährend aus seinem feurigen Schooße jene zackigen Blitzstrahlen entsendend, welche den Heiden den donnernden Gott Jupiter so furchtbar machten. Dabei rollte der Donner unablässig fort und hatte jenes grausenerregende dumpfe Brausen angenommen, welches dem Wetter den Anschein eines furchtbaren Ungethüms gibt, das Lust zeigt, mit unwiderstehlicher Gewalt Alles niederzuschmettern, wenn keine allmächtige Hand seinem Rasen Grenzen setzte. Dazwischen zuckten zuweilen durch das stete Feuermeer hellere, blendende Strahlen, denen Donnerschläge folgten, welche die Erde zu spalten drohten.

Windstein sah mit Ruhe, fast mit stiller Befriedigung in das furchtbare Tosen der entfesselten Elemente. Den Muthigsten mußte diese wilde Empörung der Natur mit einigem Zagen erfüllen, auf Windstein machte sie aber sonderbarer Weise den Eindruck eines angenehmen Schauspiels. Je schrecklicher die Donner krachten und die Blitze um das Gestein flammten, desto mehr heiterten sich die trüben Züge des Jünglings auf, – abermals ein Beweis, daß die Eindrücke der Gegenstände außer uns größtentheils dem inneren Seelenleben entsprechen. Selbst die Seligkeiten des Himmels vermöchten Jenen nicht zu beglücken, dessen Geist das Bewußtsein schwerer Vergehen drückt. Ebenso könnten selbst die Schrecken der Hölle Jenen nicht erschüttern und quälen, in dessen Seele der Frieden und das Bewußtsein wohnt, unter schweren Kämpfen den Willen nach jenen Gesetzen gelenkt zu haben, welche ein allmächtiges Wesen in unerforschlicher Weisheit vorschrieb. Dem Ritter erschien nun beim Anblicke der schrecklichen Nachtscene sein augenblickliches Schwanken höchst kleinlich, ob dem unabänderlichen Willen Jenes zu gehorchen sei, dessen Finger den Wetterstrahl leitet und die Erde beben macht, oder ob er nur den sehnlichen Wünschen der eigenen Neigungen nachzugeben habe. Indem Heinrich diese Gedanken verfolgte, wunderte es ihn, wie seine klare Einsicht erst kurz vorher dermaßen so getrübt werden konnte, daß sein Urtheil ganz entgegengesetzt sich zu gestalten gedroht hatte, und ihn sogar der Wunsch beschlichen, mit Verletzung heiliger Pflichten jenem Ziele näher zu kommen, welches er für das ihn beseligendste auf Erden hielt.

Inzwischen traf von Zeit zu Zeit Windsteins Ohr ein klägliches Wimmern und Stöhnen, welches aus der Höhle dicht neben ihm hervordrang. Bisher hielt er diese Laute für das Aechzen der im Sturme sich beugenden Bäume. Da er aber jetzt ganz deutlich menschliches Klagegestöhn unterschied, erhob sich der Junker und trat in die nebenan liegende, von der ersteren nur durch eine Steinwand getrennte Höhle. Hier sah er nun einen Menschen flach auf dem Boden liegen, das Angesicht der Erde zugekehrt und fortwährend jammernd, was bei heftigern Donnerschlägen mit erhöhter Stimme geschah und von krampfhaften Zuckungen des Körpers begleitet war. Zu dem Unbekannten niedergebeugt, glaubte Windstein, so viel die Kleidung im Lichte des Blitzes verrieth, den Edelmann zu erkennen. Die kurzen Stoßgebete aber, von lateinischen Wörtern untermischt und in der höchsten Seelenangst ausgestoßen, schienen den vermutheten Stand des Fremden nicht zu bestätigen.

»Erbarmen Herr, – Erbarmen!« stöhnte er. »Mein Vergehen schwebt vor meinem Angesichte, – miserere mei Domine – miserere! Wehe mir Elenden, wehe mir, – heiliger Bernhard bitte für mich, – alle Heiligen stehet mir bei! De profundis clamavi ad te Domine, aus der Tiefe meiner Schuld rufe ich zu dir, o Herr, – gehe nicht mit mir in's Gericht!«

»Wie mögt Ihr so kläglich jammern!« rief der Junker, seinen Mund hart an das Haupt des Unbekannten legend und ihn am Arme schüttelnd. »Steht auf! – Ihr beleidigt eher die Gottheit durch Euer verzweifeltes Gestöhn, als Ihr sie hiedurch versöhnt.«

Der Fremde verwandelte sein lautes Klagegeschrei in ein leises Wimmern, ohne sich jedoch vom Boden zu erheben.

»Was hilft Euch diese Lage?« rief der junge Edelmann, nicht ohne Aerger über die Feigheit des Unbekannten. »Wird Euch der Wetterstrahl weniger treffen, im Falle ihn Gott auf Euch schleudern will? Auf – erhebt Euch!«

Diese Ermunterung begleitete er mit einiger Anstrengung, den Hingestreckten emporzurichten, und als derselbe mit aufgerichtetem Oberkörper vor ihm saß, glaubte er das fahle Schreckensgesicht zu erkennen.

»Seid Ihr nicht der Cisterzienser Albert?« fragte der Junker.

Der Angeredete bejahte die Frage durch eine Beugung des Hauptes.

»Aber wie kommt Ihr hieher und dazu in solcher Tracht?«

»Gott sei mir gnädig!« seufzte Albert. »Ich habe mein Gelübde gebrochen, – bin aus der Kutte gesprungen, – darum ist die Hand des Herrn furchtbar über mich ausgestreckt. Miserere – propitius esto mihi peccatori,« schloß er, mit vieler Zerknirschung auf die Brust schlagend.

»Allerdings ein schlimmer Schritt,« sprach der Jüngling. »Doch wird Euch noch Zeit zur Buße bleiben, um den Himmel zu versöhnen.«

»Ja – Buße will ich thun! Kyrie eleison,« – fügte er bei, als eben wieder ein fürchterliches Krachen durch die Luft brauste. »O Herr, gönne mir Zeit zur Buße, ich will in mein Kloster zurückkehren und müßte ich es eigenhändig wieder aufbauen, – verfluchen und vermaledeien will ich die Irrlehre, die mich zum Fall brachte.«

In dieser Weise fuhr der zitternde Mönch fort, bald in den heiligsten Betheuerungen seine Besserung versprechend, bald die Lehren des lauteren Evangeliums verwünschend. Heinrich sparte inzwischen keine Trostgründe, den Gefolterten zu beruhigen, was ihm jedoch erst vollständig gelang, als der Donner in der Ferne rollte und die Scheibe des Mondes am klaren Himmel stand.

»Gewiß hat auch Euch das Wetter überrascht und an diesen unheimlichen Ort getrieben,« sprach Windstein.

»Allerdings! Nach Aufhebung des Klosters verweilte ich noch mehrere Tage bei meinem Oheim und wollte heute noch zu Hause eintreffen. Aber mir geschieht ganz recht, – so geht's, wenn man Andere lieber hat, als sich selbst; denn nur die Sehnsucht nach meiner Liese verleitete mich, bei Nacht und Wind davon zu reiten.«

»Ihr habt doch nicht bei der Zerstörung des Klosters mitgeholfen?«

»Freilich! Warum auch nicht? Ehedem sorgte das Kloster für meinen Unterhalt, jetzt muß ich selber dafür sorgen. Aber mein Geld, – wo ist mein Geld?« rief er voll Unruhe aus, die Taschen durchstöbernd, bis er einen angefüllten ledernen Beutel in der Hand hielt.

»Seht, Herr Ritter, das ist Alles, was ich mit vieler Mühe von dem filzigen Sickingen erpressen konnte, – fünfzig lausige Gulden!«

»Schande über Euch,« rief der Junker voll Unwillen, »daß Ihr an jenem Hause, in welchem Ihr mit heiligem Eide die Ordensgelübde abgelegt habt, zum Räuber geworden.«

»Ich hielt nur am heutigen Brauche der Welt!« entgegnete Albert. »Stürzelbronns Untergang stand unwiderruflich fest und ein Narr müßte ich gewesen sein, aus diesem nothwendigen Untergang keinen Nutzen zu ziehen.«

»Schlechte Entschuldigung!« sprach der Gewappnete finster. »Ihr seid ein so guter Räuber an geheiligtem Gut, wie Sickingen und die übrigen Ehrlosen.«

»Mit Verlaub, Herr Eisenmann, – das Klosterplündern ist keineswegs ehrlos, sondern ehrenvoll und durch das unverdunkelte Evangelium befohlen.«

»Wie?« – rief der Junker entrüstet aus. »Ihr wagt es, auf Lehren Euch zu berufen, die Ihr eben erst verflucht und verdammt habt?«

»Dieß that ich allerdings im Zustande des Schreckens, – möchte sagen, des Wahnsinns,« entgegnete der entsprungene Mönch. »Der Wahnsinnige darf aber nicht gehalten werden, Versprechen zu erfüllen, die er in seiner Tollheit gethan.«

Der Unwille über solch treulose Doppelzüngigkeit machte den Junker verstummen. Der Mönch stand ebenfalls schweigend vor ihm, noch immer den Geldbeutel in der Linken haltend. Ein verlegenes Lächeln schwebte über seinem Gesichte, – durch die matten Lichtstrahlen des Mondes, welche durch das Geäst der Bäume fielen, zum häßlichen Grinsen verzerrt. Zu gleicher Zeit tauchte im Dunkel der Höhle ein bleiches finsteres Gesicht auf, und da die Finsterniß den übrigen Theil des Körpers verbarg, schien dieses höhnisch lachende Gesicht im freien Raum zu schweben und einem bösen Geiste anzugehören, der aus dem Schooße der Erde emporstieg.

»Meine Entschuldigung scheint Euch nicht befriedigt zu haben,« unterbrach Albert das Stillschweigen. »Ich war freilich gesonnen, wieder ein guter Mönch zu werden, – aber die Gefahr ist vorbei und damit auch mein Entschluß. Die Schrift behält hier abermals Recht: der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.«

»Dies paßt ganz besonders auf Euch,« meinte Kurd; »denn Ihr habt weit mehr Fleisch, als Geist. Seid Ihr nicht auf der Hut, wird das übermächtige Fleisch Euer bischen Geist vollständig auffressen.«

»Ihr habt da einen vorlauten Knecht, Herr Ritter,« sprach Albert beleidigt.

»Nichts ohne Ursache,« bemerkte der schlaue Rottmeister. »Seht, mein Herr verliert die Sprache, sobald ihm ehrlose, pflichtvergessene Schelme unter die Augen kommen, und da muß ich für ihn reden.«

»Die Pest über Dich, frecher Fant!« schalt der ehemalige Cisterzienser.

»Und über Euch ein Fünklein Verstand,« entgegnete Kurd, »damit Ihr einseht, welch' ein Tropf Ihr seid.«

»Schon gut – warte nur!« knirschte Albert. »Bald soll mir Gelegenheit werden, Dich zu züchtigen, loser Bube; denn wisse, zwölf vom Adel umlagern die Burg Deines Herrn und beinahe wäre ich versucht, ihre Zahl zu vermehren, um Dich Gauch beim Schopf zu fassen.«

»Ei, das könnt Ihr gleich hier thun!« lachte Kurd.

Albert nahm jedoch die Herausforderung nicht an, sondern schritt den Berg hinab, von Zeit zu Zeit nach Faust, dem Astrologen, rufend.

»Was meinte nun der Schuft?« sprach Kurd. »Sollten sie uns wirklich die Heimkehr abgeschnitten haben?«

»Wird sich bald zeigen,« entgegnete Windstein. »Gehe, binde die Pferde los.«

Der Edelmann griff nach Lanze und Schwert, die am Felsen lehnten und wollte eben den Ort verlassen, als er seinen Namen nennen hörte. Er wendete sich um und der Astrologe Faust trat aus dem Innern der Höhle hervor. Nach kurzem Gruße, welchen der Junker aus Verwunderung über das plötzliche Erscheinen des Alchymisten zu erwiedern vergaß, begann Faust das Gespräch mit jenem geheimnißvollen Lächeln, das ihr gegenwärtiges Zusammentreffen nicht als bloßen Zufall darstellen sollte.

»Verzeiht, Herr Ritter, wenn Faust von einer Zusammenkunft Gebrauch macht, die nicht freiwillig ist, sondern durch die Schrecken der Natur herbeigeführt wurde.«

»Nun ist's klar, woher dieses Höllenwetter kam!« murmelte Kurd, als er den Astrologen gewahrte. »Gewiß hat der Hexenmeister die ganze Teufelssippschaft heraufbeschworen, um solches Heulen, Krachen und Rasen in der Luft fertig zu bringen. – Was will er mit meinem Herrn? Kurd – sei auf der Hut und fürchte selbst den Teufel nicht,« – und der abergläubische Rottmeister griff zur Hellebarde und beobachtete jede Bewegung des Astrologen, um augenblicklich herbeieilen zu können, wenn jener etwa Lust zeigte, mit seinem Herrn durch die Luft davon zu fliegen.

Kurd schien übrigens nicht ganz im Unrecht, wenn er dem unheimlichen Doktor solche geheime Künste zuschrieb, wodurch feste Entschlüsse schnell erschüttert und das äußere Verhalten plötzlich in das Gegentheil verwandelt wird. Kaum hatte nämlich der Junker einige Worte mit dem Alchymisten gewechselt, als sein voriges ruhiges Benehmen in leidenschaftliche Ausbrüche überging, in denen er Dinge sagte, die sich mit seinem gewöhnlichen Denken nicht vertrugen. Die Worte des Gelehrten konnte aber der Rottmeister nicht verstehen, obwohl er das Gehör über alle Maßen anstrengte. Jedenfalls mußten diese von außerordentlicher Wichtigkeit, oder gar Zaubersprüche sein, wie Kurd meinte, da sein Herr grobe Flüche und Verwünschungen ausstieß, was er sonst nie that und wozu ihn nur Hexenkünste verleiten mochten.

»Alle übrigen Versuche sind vergeblich,« sprach jetzt Faust in erhöhtem Tone. »Diese einzige Bedingung kann sie retten und von Euch hängt die Entscheidung ab. Hutten verdient allerdings die tiefste Verachtung; gerade deshalb sollt Ihr aber keinen Augenblick zaudern, die unnatürliche Verbindung zwischen einem Engel und einem Teufel zu verhindern. – Von Sickingen bitte ich besser zu denken, Herr Ritter! Verdient auch sein Plan den höchsten Grad Eures Mißfallens, dürftet doch selbst Ihr einige Entschuldigung in dem Umstande finden, daß Franz gegründete Ursache hat, Eure Freundschaft zu erzwingen. Ohne Euren Arm läge Churfürst Richard unter den Trümmern seines Thrones begraben und Sickingen könnte bis Frühjahr den Krieg unter weit günstigeren Auspicien beginnen, ohne dazu den Winter hindurch zu Schweinfurt zu sitzen und Herren von schwerer Fassungskraft die Nothstände des Adels darlegen zu müssen, um ihre Beisteuer zum Kriege zu erbetteln. – Doch für jetzt lebt wohl, – Ihr habt Bedenkzeit bis ich wiederkomme.«

Faust reichte dem Junker die Hand, dessen vorige Aufregung tiefer Niedergeschlagenheit gewichen war, und sogleich verschwand der Astrologe hinter dem Schatten der nächsten Tannen.



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