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Zwei Schacherer.

 

Mein' Tochter – mein' Dukaten – o mein Tochter!
Fort mit 'nem Christen – o mein christlicher Dukaten!
Recht und Gericht! Mein' Tochter! Mein' Dukaten!

Kaufmann von Venedig

 

Fleckenstein eilte den schwarzen Berg hinauf und hatte bald dessen Spitze erstiegen. Den Schweiß von der Stirne trocknend, blieb Herr Nikolaus stehen, nach einem Krieger umschauend, an den er seine Frage richten könnte. Im Gegensatze zu dem regen Leben im Lager unten, herrschte nämlich in der Nähe des Feldoberhauptes tiefe Stille. Nirgends gewahrte man lebendige Gruppen von Kriegern, und die beiden Schildwachen vor Sickingens Zelt standen, ehernen Bildsäulen gleich, auf ihre Hellebarden gestützt. Selbst das große Banner, welches am hohen Maste hier aufgepflanzt war, hing schlaff herab, ohne durch die geringste Bewegung der Todesstille einiges Leben zu geben. Diese düstere Ruhe wurde erhöht durch die Feldschlangen, einige Schritte von dem verwunderten Fleckensteiner aufgestellt; denn ihre schwarzen, dräuenden Schlünde gähnten fast unheimlicher gegen die Stadt hinüber, als wenn ihr Donner brüllte und die Geschosse flogen. Auf dem größten dieser Geschütze, welchem die Worte eingegossen waren: ›Nachtigall – 13½ Fuß lang,‹ saß ein Geschützmeister und sah in finsterm Sinnen gegen Thürme und Mauern der Festung hinüber. Ein sanfter Schlag auf die Schulter störte die Betrachtungen des Kriegers.

»Wollt Ihr nicht die Gefälligkeit haben,« sprach Herr Nikolaus, »und mir des Astrologen Zelt zeigen?«

Schweigend deutete der Geschützmeister gegen das Zelt, welches nur wenige Schritte von jenem des Feldherrn lag. Fleckenstein dankte und ging.

Beim Eintritte des Freiherrn saß Faust vor einem dickleibigen Folianten, deren noch mehrere umherlagen. In tiefes Nachdenken versunken, sah der Gelehrte über das Buch weg und schwerlich würde er Fleckensteins Gegenwart bemerkt haben, wäre sein Blick nicht durch den offenen Eingang des Zeltes in weite Fernen gedrungen.

»Ah – seid Ihr endlich da, mein lieber Herr Nikolaus?« rief der Astrologe sich erhebend und in der freundlichsten Weise dem Alten die Hand reichend. »Herzlich willkommen! – Gestern schon erwartete ich Euch mit Bestimmtheit, – gut, daß Ihr endlich da seid.«

»Der Umweg nach Drachenfels verschob mein Eintreffen,« entgegnete der Freiherr.

»Ihr war't zu Drachenfels? Ihr saht Eure Tochter? Ihr habt Doch meinen Rath befolgt?« – rief Faust in einem Athem und zwar mit der innigsten Theilnahme.

»Vollständig befolgte ich Euren klugen Rath,« antwortete Fleckenstein. »Meine Tochter ahnte nichts von Huttens Bubenstreich und ich verließ Drachenfels mit dem Versprechen, sie bald heim zu holen. – Aber – Herr Doktor, zuvor meinen vollen Dank für Eure Botschaft! Rechnet künftig auf mich!«

»Ei was, eine Kleinigkeit!« unterbrach ihn der Gelehrte. »Zufällig kam ich hinter Ulrichs schmachvollen Plan und dachte, höchst unmännlich und ehrwidrig wär's, den Schurken ruhig gewähren zu lassen.«

Während Faust dieses mit vieler Aufrichtigkeit sprach, blickte Fleckenstein bei Seite und der gutmüthige Alte schien sich selbst Vorwürfe ob seiner schlimmen Meinung über den Astrologen zu machen. Der Famulus hatte schnell den Tisch mit Erfrischungen besetzt und der Doktor saß mit der freundlichsten Miene des Gastwirths dem Freiherrn gegenüber.

»Längst konnte ich die Wahl nicht begreifen, die Ihr für Eure Tochter getroffen,« fuhr der Doktor nach kurzem Stillschweigen fort. »Solch ein Kleinod an solchen Fant wegzuwerfen, – unbegreiflich!«

»Verblendung war's, – Verblendung!« sprach Herr Nikolaus. »Kommt öfter vor, daß wir Schelme für ehrliche Leute ansehen und ehrliche Leute für Schelme, – ist mir zum öftern begegnet.«

»Mir dünkt,« sagte Faust mit schlauem Lächeln, »Heinrich von Windstein wäre ganz der Mann für das Fräulein von Fleckenstein; – der tapferste Ritter für die schönste Maid im Reiche. Was sagt Ihr dazu?«

»Ihr habt Recht, Meister Faust! Längst hat der Junker ein Auge auf meine Greth, und ich Thor wies ihn ab.«

»Seid unbesorgt, Alles könnt Ihr wieder gut machen,« sprach Faust. »Gerade Windstein kann und muß Eure Tochter befreien und ich zweifle nicht an seiner Bereitwilligkeit.«

»O wenn er's wüßte! – Aber wie meint Ihr? Soll er nicht mit seinen Lanzen vor den Drachenfels ziehen?«

»Das nicht! Wozu das Fräulein den Schrecken einer Belagerung aussetzen? Und dann – glaubt mir, Hutten ist zu Allem fähig. Während Windstein die Veste umlagert, könnte Hutten im Innern das Schlimmste vollziehen.«

»Ha – Ihr habt recht!« rief Fleckenstein, indeß sein Angesicht glühte und seine Faust sich ballte. »Doch sagt, was soll geschehen?«

»Fragt mich nicht,« that Faust geheimnißvoll. »Mein Rettungsplan soll Euch mitgetheilt werden, sobald ihm keine Hindernisse mehr entgegenstehen. Sogleich will ich gehen, die letzten Vorkehrungen zu treffen. Laßt's Euch indessen wohl schmecken.«

Nicht mit der zufriedensten Miene sah der Freiherr dem Astrologen nach, welcher mit einer leichten Handbewegung sich verabschiedend, durch den hinteren Theil des Zeltes verschwand. Er hatte zwar keinen Grund, dem Doktor zu mißtrauen; denn ohne Faust würde er weder auf einige Zeit der ritterlichen Haft entbunden worden sein, noch von dem Schicksale Margareths Kenntniß erhalten haben. Dessenungeachtet stieg die Unruhe des Freiherrn jeden Augenblick, und obwohl er das Fräulein vor der Hand außer Gefahr für ihre Ehre wußte, quälten den sorgenvollen Vater dennoch tausend Möglichkeiten.

Der Astrologe ging mittlerweile dem Zelte zu, das einige Schritte hinter jenem des Feldherrn aufgerichtet war. Den Haupteingang vermeidend, wo ein Lanzenknecht Schildwache stand, trat Faust durch eine schmale Oeffnung an der Seitenwand ein. Das Innere verrieth sogleich den Aufbewahrungsort jener Gegenstände, welche Sickingen als Beute zufielen. Umfangreiche, mit starkem Tuch umwundene Ballen lagen umher, sorgfältig verschlossene Kisten standen an den Wänden aufgeschichtet. Eine dieser Kisten war an den Tisch in Mitte des Zeltes herangezogen, der Deckel stand offen und im Innern schimmerte das Gold zahlreicher Kirchengefäße. Der Feldhauptmann stand vor dem Tische, ihm gegenüber der Jude Levi, beide in lebhaftem Handel begriffen. Da Faust mit geräuschlosem Tritt hereinkam, gewahrten sie ihn nicht und fuhren im eifrigen Verkehre fort. Der Jude hielt eine kostbare Monstranz in der Hand, fortwährend durch Worte und Mienen sein Erstaunen über den hohen Kaufpreis ausdrückend.

»Vierzig Dukaten, Herr? – Vierzig Dukaten?« rief er. »Um ein Dritt-Theil überschätzt, gnädigster Herr, – fürwahr um ein Dritt-Theil!«

»Du irrst, Levi! Diese Monstranz ist fünfzig Dukaten werth, so gut wie einen Heller; – bin aber gerade in der Laune, billig loszuschlagen, – sollst sie darum für vierzig haben.«

»Unmöglich, ich kann nicht,« rief der Jude seine Hände ausbreitend und den Nacken beugend.

»Gut – stellen wir die Monstranz weg,« sprach Sickingen.

»Haltet, – gnädigster Herr, haltet!« – schrie Levi, mit beiden Händen das Gefäß umklammernd. »Ich gebe zwei und dreißig Dukaten, – ja – zwei und dreißig vollwichtige Dukaten, – also zwei Dukaten über den eigentlichen Werth. Der Gott unserer Väter soll's wissen, – über ihren eigentlichen Werth gebe ich sie, und zwar deshalb, weil Ihr, gnädigster Herr, mir armen Juden schon Manches verkauft habt und ich noch Manches Euch abzukaufen gedenke.«

»Die Monstranz ist mein, Levi, – wir bleiben dennoch Freunde; vierzig Dukaten – nicht anders.«

»Thut sie nicht weg, gnädigster Herr, – thut sie nicht weg! Laßt uns einig werden, schneidet von den vierzig Dukaten sechs ab und wir sind einig! Mehr zahle ich, als recht ist – wahrhaftig! Aber um künftiger Geschäfte willen zahle ich vier und dreißig blanke, unbeschnittene – vollwiegende Dukaten auf den Tisch, – denkt Euch, vier und dreißig Dukaten!«

»Du verstehst zu handeln, Jude,« sprach Franz lächelnd; meinetwegen nimm sie für acht und dreißig Dukaten. Sieh nur dieses reine Gold, – dieses Gewicht, diese Arbeit! Man könnte fürwahr hundert Dukaten daraus schlagen.«

»Gnädigster Herr, seid billig, – nehmt mein Gebot an!«

»Gut, – höre mein letztes Wort: sieben und dreißig Dukaten.«

»Ich kann nicht, gnädigster Herr, – nehmt sie in Gottes Namen hin,« sprach Levi, mit der schmerzlichsten Miene von der Monstranz sich trennend.

»Schlage noch zwei Pfund Heller d'rauf!« sagte Franz, im Begriffe, das Gefäß wegzustellen.

»Zwei Pfund, gnädigster Herr? – Nun, über meine Kräfte: noch ein volles Pfund! Doch weiter treibt mich nicht, – mein Untergang wäre es.«

»Ein Pfund und ein Viertel, – schlag' zu, Jude, – bei Gott, dies ist mein letztes Wort!«

»Die Monstranz ist mein!« sagte Levi, mit seligem Lächeln das Gefäß zu den übrigen, bereits verkauften Gegenständen stellend.

Faust beobachtete nicht ohne Interesse das Schachern der Beiden und brummte nach abgeschlossenem Kaufe in den Bart:

»Welcher von Beiden ist wohl der größte Jude, – der Beschnittene oder Unbeschnittene?«

»Sieh' hier diese Silberplatte,« – fuhr der Feldhauptmann fort, eine jener kostbaren Platten aus der Kiste nehmend, wie solche bei Pontifikalämtern während des Lavabo gebraucht werden. »Wie hoch schlägst du sie an?«

»Wie hoch?« – und Levi wägte und befühlte wiederholt das Metall. »Fordert, gnädigster Herr – fordert! Doch bedenkt, Silber ist's und kein Gold.«

»Nun – sechs Goldgulden!«

Eine flüchtige Bewegung freudigen Staunens auf Levi's Angesicht sagte, daß der Preis viel zu nieder gestellt war.

»Ihr seid heute genau, gnädigster Herr, – doch fünf Goldgulden und ein Pfund Heller will ich geben.«

»Schlage noch dreißig Hellerstücke d'rauf!«

»Die Platte ist mein, gnädigster Herr!«

»Aber hier ist etwas Kostbares Jude,« und Sickingen zog zwei goldene Meßkännlein hervor. »Siehe nur, welche Arbeit, – welches Gewicht!«

Levi betrachtete mit Kennerblick die Gefäße, zog einen Stein hervor, träufelte aus einem Fläschchen helle Tropfen darauf und rieb das Metall.

»Kein Gold, Herr, – leider kein Gold! Schade, – nur vergoldetes Kupfer. Dennoch zahle ich einen Dukaten dafür.«

»Beim Teufel, daß die Pfaffen solchen Betrug spielten!« that Sickingen ärgerlich. »Nimm sie!«

»Gnädigster Herr, – für heute kann ich nichts mehr kaufen. Mein Säckel enthält nur zweihundert vierzig Dukaten und die sind Euer,« sprach Levi und zählte die Goldstücke auf den Tisch.

Franz prüfte vorsichtig das Geld, ließ manche Stücke wiederholt klingen und strich die Summe ein.

Der Jude verbarg die goldenen Gefäße sorgfältig in die weiten Taschen seines langen Oberkleides und begann nach schlauem Lächeln:

»All' dies Gold wiegt kaum die Nachricht auf, welche ich Euch heute brachte, gnädigster Herr! Soll der arme Jude dafür keinen Lohn erhalten?«

»Meinen ganzen Dank, Levi! Allerdings hinterbrachtest du wichtige, längst ersehnte Botschaft, – sollst dafür das Goldgeräthe der Cathedrale kaufen dürfen.«

»Habt Ihr Euch den Dom vorbehalten, gnädigster Herr? Ganz recht, dort liegen die meisten Schätze!«

»Nach Fug und Recht gehört natürlich die reichste Kirche dem Feldhauptmann, antwortete Franz; die Herren und Knechte werden in den übrigen Kirchen Beute genug finden.«

»Nun, – gnädigster Herr, für meine Botschaft erhalte ich nichts, – gar nichts?«

»Bist doch ein rechter Bettler, – da nimm hier diese güld'nen Borten; – sind wohl zwei rheinische Gulden werth,« – und er warf dem Juden ein Stück Goldborten hin, wie solche an reichen Kirchengewändern sich befinden.

Nach wiederholtem Dank und tiefen Bücklingen verließ Levi das Zelt. Faust trat jetzt mit der ganzen Würde hervor, die er seinem Aeußern zu geben verstand. Er wußte, dem trotzigen Sickingen gegenüber konnten nur Ernst und das geheimnißvolle Gewand der Astrologie sein Ansehen wahren.

»Ah – Meister Faust! Ihr kommt gerade recht – morgen fällt Trier, – die Besatzung des Nolanerthurmes, lauter Freunde, öffnen das Thor. Diesmal kann es nicht mißlingen. – Hab' schon die Feldobristen zum Kriegsrathe berufen.«

»Triers Fall ist unvermeidlich, sobald ihn Eure glänzende Laufbahn fordert, – und sie scheint ihn zu fordern; denn auch Fleckenstein ist eben eingetroffen.«

»Fleckenstein? Wo ist er eingetroffen?«

»In Eurem Lager und zwar auf mein Geheiß.«

»Faust! Dazu mißbraucht Ihr mein Siegel?«

»Niemals wurde Euer Siegel besser angewendet, – Fleckenstein rief ich her, Euren mächtigsten Feind wegzurufen.«

»Wen meint Ihr?«

»Jenen meine ich, dessen Planet Euch nicht feindlich entgegen treten darf, wenn Ihr siegen wollt: – Heinrich von Windstein.«

»Was sagt Ihr?« rief Sickingen erschrocken.

»Heute zog der rothe Schlächter in Trier ein und es bedarf eines kleinen Kunstgriffes, ihn wieder weg zu bringen.«

»Tod und Hölle, – der Windsteiner, mein böses Gestirn! Besser gefiele mir die Kunde, dem Bischof seien zehntausend Lanzen zu Hilfe geeilt. – Der Windstein! – Und in diesem Augenblicke, wo der vernichtende Streich gegen Trier fallen soll!« fuhr Sickingen fort, in finsterem Mißmuth das Zelt durchschreitend.

»Bedankt Euch abermals bei Hutten für diese unheilverkündende Verwicklung,« sagte Faust, der nie unterließ, gelegenheitlich vergiftete Pfeile gegen Ulrich abzudrücken. »Er allein scheuchte Windstein von Euerer Seite, er vertrieb Fleckenstein und wird noch manchen Herrn vertreiben.«

»Es ist wahr, dieser Tollkopf schadet unseren Planen mehr, als er ihnen Nutzen bringt, zürnte Franz. Die Tochter dieses einflußreichen Edelmanns entführen, – welcher Unsinn! Und im Augenblicke, wo uns die Gunst des Adels Alles gilt; – wir müssen entschieden mit Hutten brechen. – Nun, Herr Doktor,« veränderte Sickingen seine Stimme plötzlich in einen befehlenden Ton, indem er vor Faust stehen blieb und ihn fest in's Auge faßte; »macht Eurer erprobten Klugheit Ehre, – wie ist der Unfall abzuwenden?«

»Durch Windsteins Entfernung, – er darf morgen nicht kämpfen,« antwortete Faust ruhig.

»Habt Ihr ein zweites Heer, den Schlächter vom Kampfe abzuhalten?« rief Sickingen lebhaft.

»Wenn Ihr wollt – ja! Windstein wird der Macht nicht widerstehen, die ich gegen ihn in's Feld schicke,« entgegnete der Astrologe.

Beide wurden hier durch den Eintritt eines Dieners unterbrochen, welcher die Ankunft des Grafen Nüenar meldete. Dieser Edelmann verhandelte im Namen seines Herrn, des Churfürsten von Cöln, seit einiger Zeit wegen Beilegung des Kampfes gegen Trier. Obwohl es in Sickingens Absicht nicht lag, den Verhandlungen Folge zu geben, brach er dieselben aus Rücksichten der Klugheit doch nicht ab.

»Der Graf soll warten, – komme gleich!« warf der Feldhauptmann dem abtretenden Diener hin. – »Ich begreife Euch nicht Doktor, – was versteht Ihr unter Eurer Macht?«

»Die Liebe!«

»Und dies spricht Faust, – der kalte, einsichtsvolle Faust?« rief Sickingen im Tone vorwurfsvollen Staunens. »Erblickt Ihr in meinem gefährlichsten Feinde einen weibersüchtigen, tändelnden, schwärmerischen Hutten?«

»Das nicht, – aber Windstein liebt wahrer, – ich möchte sagen idealer, als Hutten. Ulrich liebt nur das Fleisch, – Windstein liebt Leib und Seele, um so heftiger seine Liebe. Macht die Probe: laßt den Jungen wissen, Margareth von Fleckenstein sei entführt, ihre Ehre schwebe in Gefahr, dringende Hilfe thue Noth, – ein Stümper will ich sein, wenn er allen Schlachtenruhm nicht im Stiche läßt und zur Stelle mit seinen Lanzen aufbricht, die bezaubernde Schöne zu retten.«

»Ziemlich geschickt ausgedacht, – einen irrenden, liebenden Ritter zu fangen,« sagte Franz nicht ohne Spott.

»Ich kenne einen Mann,« entgegnete Faust, »der längst die Jahre jugendlicher Leidenschaft zurückgelegt, und dennoch weint der Mann nicht selten bei Erwähnung seines verstorbenen Weibes.«

Sickingen gerieth in Aufregung, welche er durch einen Gang durch das Zelt zu verbergen suchte.

»Dies führte ich blos an,« fuhr der Astrologe entschuldigend fort, »um meinen Vorschlag in vortheilhafteres Licht zu stellen. Jene Macht, welche Männer bewegt, muß auf Jünglinge desto stärkeren Einfluß üben, – besonders unter solchen Umständen.«

»Ihr habt meine Einwilligung,« sprach Franz. »Die Ausführung sei Euch überlassen. Gebt dem Alten einen Trompeter mit und schickt ihn sogleich hinüber. Doch hört, laßt Euch von Fleckenstein das Ehrenwort geben, sogleich zurückzukehren, sobald er den Auftrag vollzogen.«

Der Doktor nickte bejahend und verließ das Zelt.

Kaum setzte der Doktor seinen Fuß außerhalb des Zeltes, so fühlte er sich beim Arme gefaßt und bei Seite gezogen, – der Reformator Bucer stand vor ihm. Beide Doktoren übertrafen an Geist und Wissen Alle, die in engerem Kreise Sickingen umgaben und mit dessen Planen vertraut waren. Obwohl sie ganz verschiedenen Grundsätzen huldigten, und aus verschiedenen Absichten Sickingens Laufbahn folgten, hielten sie doch enge zusammen und tauschten bei wichtigeren Vorfällen ihre gegenseitigen Meinungen aus. Auch diesmal schien Bucer aus Gründen von Bedeutung den Astrologen aufgesucht zu haben; denn über seinem düstern Angesicht lagen noch dunklere Schatten, als gewöhnlich. Nach flüchtigem Gruße begann er:

»Wichtige Botschaft, – Faust! Eben trafen zu Trier Eilboten mit der Nachricht ein, daß die Einungsfürsten mit starker Macht heranziehen. Bedeutende Reiterhaufen sollen nur eine Tagreise weit von hier entfernt sein und die Hauptmacht soll nach vier Tagen eintreffen.«

»Weiß er schon davon?« fragte Faust mit einer Kopfbewegung gegen Sickingens Zelt.

»Nein! Außer uns Beiden weiß im ganzen Lager Niemand davon, ich selbst verließ nicht ohne Lebensgefahr eben die Stadt. – Nun fragt es sich, in welcher Fassung ihm die Botschaft beigebracht werden muß. Wie Euch bekannt, ist die Art und Weise der Darstellung bei Franz von Gewicht. Soll die Neuigkeit leicht oder schwer aufgenommen werden?«

»Jedenfalls stellt ihm die Sache von solcher Seite dar, daß Eile Noth thut,« entgegnete Faust; »übertreibt die Heeresmacht der Fürsten um das Doppelte, – Franz muß morgen stürmen.«

»Zweifelt Ihr daran, daß er will?«

»Windstein traf heute ein und diesen fürchtet Franz mehr, als die Macht der Einungsfürsten, – leicht möglich, daß unser Feldhauptmann trotz aller Einladung und offenen Thore den Einzug verschmähen würde. Also drängt und treibt!«

»Euer Rath ist nicht ganz klug, Faust! Angenommen der Angriff mißlingt, würde die übertriebene Schilderung von der Heeresmacht der Einungsfürsten Franz nicht bewegen, das Lager abzubrechen und davon zu ziehen?«

»Wie Ihr doch immer den Feinen spielen wollt!« neckte der Astrologe. »Mein Rath ist klug und setzt Ihr auch das feinste Messer Eurer Distinktionskunst daran.«

»Im vorausgesetzten Fall ist er's nicht!«

»Gut, – dann setzt Euren Fall auf Triers Fall.«

»Auf welche Bürgschaft?«

»Auf meine Berechnung!«

»Diesmal könntet Ihr falsch gerechnet haben, – meine Ahnungen sind trübe!«

»Ei was« – spöttelte Faust; »denkt an Euer schmuckes Weiblein, – vergeßt dazu die fette Pfründe nicht, die Bischofsmütze im neuen Reich! Dies sollte Euren Trübsinn vertreiben, dächte ich.«

»Recht bissig, Faust! – Doch es sei, – ich will mich Eurer Meinung unterwerfen.«

»So geht, sagt mir den Erfolg, – ich habe Eile. Mein Gastfreund Fleckenstein wird indessen auf glühenden Kohlen gesessen haben.«

»Wer? Nikolaus von Fleckenstein?«

»Eben Der.«

»Was will er?«

»Meine Hilfe.«

»Der Alte hat sich um die gute Sache gerade nicht verdient gemacht,« sprach Bucer finster, wahrscheinlich bei Erinnerung des Vorfalles zu Fleckenstein.

»Getrost Freund!« entgegnete der Astrologe mit schadenfrohem Lächeln. »Bin nicht gesonnen, dem Alten Ursache zum Dank zu geben; höchst wahrscheinlich wird er mich dereinst verfluchen; – nur so eine Falle, – weiter nichts.«

Damit eilte Faust davon, und Bucer schickte sich zum Besuche des Feldhauptmannes an.

Sickingen hatte indessen die Unterhandlungen mit dem Grafen Nüenar begonnen und mit solchem Eifer fortgesetzt, als hege er wirklich die Absicht, auf dem Wege des Vergleiches sich abzufinden.

»Bin endlich diese Unterhandlungen müde, Herr Graf!« sprach Franz und stieß die Papiere auf dem Tische zurück, vor dem sie saßen. »Richard ist unbeweglich und bei Gott, – des Bischofs Unbeugsamkeit soll uns nicht beschämen; kein Haarbreit weiche ich von den Forderungen. Dieses Tintengekleckse zieht mir sogar des Heeres Murren zu; die eifrigsten Verfechter der guten Sache werden an mir irre und fast scheint es, als lasse ich mit Gold und guten Worten mich abspeisen.«

»Wolltet Ihr das flüchtige Gerede der Menge beachten, träfe Euch weit schwererer Tadel,« sprach der Graf.

»Und dies wäre?«

»Nun ja, – es ist eben nur Gerede!« antwortete Nüenar, dem folgenden Vorwurfe die verletzende Spitze zu benehmen. »Ihr wißt ja, im ganzen Reiche redet man vom Papste Luther und vom Kaiser Franz.«

»Ah so! Längst säße ja Kaiser Franz an des Spaniers Carl Stelle, – ohne mein Verhindern. Ich war jedoch der Meinung, der halbwelsche Carl verdiene vor dem ganz welschen Franz den Vorzug. Darum zwang ich, an der Spitze von fünfzehntausend Lanzen, die frankfurter Herren, dem Spanier die Krone des Reiches zu geben. Fast gereut mich jener Zwang; denn Carl hält sein Versprechen schlecht. – Aber zur Sache, Herr Graf.«

»Churfürst Richard darf also nicht das geringste Hinderniß durch Wort oder That der Bewegung im Reiche entgegenstellen.«

»Und muß dies Gelöbniß durch Geißeln bekräftigen!«

»Die Verkündiger des neuen Evangeliums muß er ungehindert in seinen Landen predigen lassen, – muß die geforderten Kriegsgelder zahlen.«

»Und zwar zweimalhunderttausend Dukaten,« ergänzte Sickingen.

»Schwere Bedingungen, – sehr schwere Bedingungen, kaum mit fürstlicher Würde vereinbar,« versetzte Nüenar, die Stirne in finstere Falten ziehend.

»So schwierig findet Ihr den Vergleich? Seht, mein lieber Graf, es gab eine Zeit, – und die ist nicht lange verstrichen, wo Euer Herr, der cölner Churfürst, Eures Dienstes Euch enthoben hätte, wofern Ihr meine Forderungen schwierig gefunden. – Cöln verlor seine Ueberzeugung nicht, deß bin ich gewiß; nur einschüchtern hat es sich lassen durch Roms Drohbriefe. Meine Achtung wäre größer, wenn es sich nicht hätte einschüchtern lassen.«

»Es gibt eben Verhältnisse, die manches zu verschieben zwingen,« entgegnete Nüenar. »Verschobene Plane sind aber keine aufgehobene.«

»Pah, – der Mann darf sich nicht verschieben lassen! Festigkeit in gefaßten Entschlüssen, allen Widerwärtigkeiten zum Trotz, das ist des Mannes Stolz. Der Churfürst hätte nicht nach des Papstes Pfeife tanzen sollen. – Was mischt sich Rom in unsere Händel? Wie lange soll das deutsche Reich der Tummelplatz römischer Herrschsucht sein?« erhitzte sich der Feldhauptmann. »Bedürfen wir Roms Vormundschaft? Sollen wir gleich Schulbuben von den Welschen uns schulmeistern lassen? Bei St. Georg, – zum Eckel satt haben wir diese Schmach!«

»Ich theile Eure Entrüstung, – möchten die letzten Pfeiler römischer Gewalt hinstürzen,« sagte der Graf. »Doch zweifle ich am glücklichen Erfolg Eurer Plane, – Ihr seid zu vorschnell. Ihr hättet die Gemüther, welche im alten Wesen noch sehr befangen sind, erst vertraut werden lassen sollen mit diesen neuen ungewöhnlichen Anschauungsweisen, – Ihr hättet vorerst die Zahl Eurer Freunde mehren und dann mit eiserner Faust das alte, faule Wesen umstürzen sollen.«

»Mit falschen Augen seht Ihr, Graf! Jetzt oder nimmer wird der entscheidende Schlag geführt. Das ist nicht vorschnell in den Wind gesprochen, – es ist reiflich überlegt. – Aber genug hievon! Ihr kennt meinen Willen für den trierer Richard. Kündigt den Verlust von Thron und Lehen – ihm sammt allen Anhängern welscher Tyrannei, wofern er den kleinsten Punkt unserer Forderungen verwirft. – Heute noch muß der Entscheid gegeben werden, – kommt nicht wieder mit Winkelzügen, sondern mit Ja – oder Nein!«

Hierauf entließ er den Grafen mit freundlichem Handschlag.

»Er wird doch Mann bleiben und diese schmählichen Bedingungen verwerfen?« sprach Sickingen vor sich hin. »Hätte die Forderungen höher schrauben sollen. – Aber konnten sie lästiger, konnten sie empfindlicher sein? – Was denk' ich, hätte der stolze Richard auch zweimalhunderttausend Dukaten in der Kasse, eher würde sich der Trotzkopf in ebenso viele Stücke reißen lassen, als die Artikel annehmen.« – »Ah, Meister Bucer!« sprach Sickingen mit lächelnder Miene, als dieser würdige Mann eben eintrat. »Meinen Dank, Herr Doktor, Ihr habt drüben tüchtig gearbeitet!«

»Alles zur Förderung unserer heiligen Sache,« entgegnete Bucer mit andächtiger Miene; sogleich aber verdrängte diesen Ausdruck seines Gesichtes jener der Furcht, als er das Nahen der Einungsfürsten meldete.

Sickingen hob trotzig das Haupt. »Nun sollten wir morgen nicht stürmen, – sollten Pfalz und Hessen mit Trier sich vereinigen lassen, mit einem Schlage alle drei vernichten!«

»Gnädiger Herr!« – sprach Bucer in bescheidenem Tone. »Eure Kriegskunst wird allerdings das ersetzen, was unserem Heere, der ungeheuren Uebermacht gegenüber abgeht, – doch meine ich, es wäre klug, den Feind getrennt zu schlagen.«

»Klüger wohl, als tapfer!« entgegnete Franz.

»Ihr wißt, gnädiger Herr, daß beide Eigenschaften müssen verbunden sein,« fuhr der Reformator mit der Miene des bescheidenen Rathgebers fort. »Tapferkeit ohne Klugheit wäre tolle Raserei und des großen Feldherrn unwürdig. Angenommen auch, – Ihr laßt die Einungsfürsten ungehindert sich vereinigen und schlagt deren Macht auf's Haupt, glaubt mir, die Geschichtschreiber Eurer Thaten werden selbst diesen großartigen Sieg Euch nicht verzeihen, – es fehlte ihm die hergebrachte Klugheitsmaßregel, – den getrennten Feind zu überwinden.«

»Ihr könnt Recht haben!«

»Vermehrt wird aber dieser Verstoß gegen kluge Vorsicht durch den Umstand, daß Ihr die Stütze des lauteren Evangeliums seid. Euer Fall, – Gott möge ihn verhüten!« setzte Bucer mit emporgerichtetem Auge hinzu, »würde die Feinde Gottes und des Reiches triumphiren lassen; – der Adel schmachtete neuerdings unter dem Drucke der Fürstenschaft, – Roms Tyrannei würde die junge Saat des reinen Gotteswortes zertreten und das hinstürzende Reich deutscher Nation würde durch Euren starken Geist und Arm nicht zur alten Größe erhoben.«

»Euer Rath hat Kopf und Sinn, Doktor!« sprach Sickingen, mit sichtlichem Wohlgefallen über den hohen Beruf, welchen der schlaue Reformator ihm unterschob. »Wir stürmen morgen, – Gottes Finger spricht zu deutlich aus den Umständen! Doch hätt' ich lieber die Drei zugleich am Schopf gefaßt.«

»Ganz des Löwen Art, dessen Brust von Kampfeslust schwillt, je stärkere und zahlreichere Feinde ihm entgegenstehen,« sprach Bucer feierlich ernst. »Mir aber, der ängstlich bebt bei wachsender Gefahr, wälzt Euer Wort, morgen Richards Macht zu vernichten, eine schwere Last von der Seele.«

»Ihr habt es – ja! Und vielen Dank, Herr Doktor, für Eure Botschaft. Hat Franziskus von Sickingen die Höhe endlich erklommen, wohin das Himmels Wille ihn beruft, dann wird er seiner Freunde gedenken,« schloß Sickingen zu verstehen gebend, daß er allein zu sein wünschte.

Der Reformator machte eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung und ging.

»Interesse – nichts als Interesse!« sprach der Feldhauptmann mit überschlagenen Armen das Zelt durchschreitend. »Seitdem Faust diesem gelehrten Doktor den Köder einer reichen Pfründe vorhielt, thut er fast mehr für uns, als wir selbst.«

Schweigend setzte er seinen Gang fort und die Gedankenfolge schien, aus den düsteren Falten der Stirne zu schließen, eine immer unangenehmere Richtung zu verfolgen.

»Der Windsteiner – ha der Windsteiner! Wie schlimme Ahnung legt es sich auf meinen Geist. – Faust täuscht sich, – um eines schönen Frauengesichtes willen stößt der rothe Schlächter das Schwert nicht in die Scheide, – seine Ehre verbietet es ihm und Richards Kunst und List wird dazu den etwa Schwankenden zum Bleiben bestimmen. – Nein – tausendmal Nein! Windstein ist kein Hutten; – in der größten Noth den Fürsten verlassen, – Ehre und Ruhm der Liebe opfern – nimmermehr! Faust täuscht sich – und morgen liegt der Mann gegen uns im Felde, der allein im Stande ist, meine glänzende Laufbahn zu hemmen. – Doch sei's, – er komme, – auch mit ihm nehme ich's auf – selbst – ja selbst den Planeten zum Trotz!«

Dies sprach Sickingen im Zustande außerordentlicher Aufregung, und kaum waren ihm die letzten Worte entfahren, als er betroffen einhielt.

»Verzeiht mir, allgebietende Mächte,« setzte er in bittendem Tone hinzu. »Nicht mit Ueberzeugung, – in der Hitze der Leidenschaft war dies gesprochen. Leitet Euren Liebling wie bisher, – nur zwingt mich nicht, Eurem Willen entgegen zu handeln.«

Nach dieser demüthigen Abbitte kehrte des Feldhauptmanns ruhiger Ernst zurück. Sein Blick fiel auf die vor ihm stehende Uhr und im Tone der Verwunderung rief er aus:

»Wie, – zwei Stunden schon über die angesetzte Zeit? He – ihr da draußen!«

Ein reich gekleideter Diener eilte herein.

»Wo bleiben die Feldobristen?«

»Die Herren sind ausgeritten, werden aber bei ihrer Rückkehr sogleich erscheinen,« antwortete der Diener.

In diesem Augenblicke entstand vor dem Zelte Tumult und Gepolter, vermischt mit Fluchen und Waffengeklirr. Sickingen hob den Vorhang weg, welcher den Zelteingang verdeckte und sah Melchior von Schauenberg mit Ungestüm die beiden Wachen anfallen. Den Einen hatte Melchior um den Leib gefaßt und weit weggeschleudert, so daß er mit gelähmten oder zerbrochenen Gliedern wie todt liegen blieb. Der Andere fiel mit seiner Hellebarde den Edelmann an, allein dieser fing die Waffe auf, zerbrach sie in Stücke und warf dieselbe dem Lanzenknechte vor die Füße. Dieses Alles geschah mit solcher Schnelligkeit, daß der erstaunte Feldhauptmann zu spät dazwischen trat.

»Nur herein, Herr Nikolaus!« rief Schauenberg dem Freiherrn von Fleckenstein zu, der, in Schweiß gebadet, bei Seite stand. »Nur herein, – alle Teufel – mir den Eingang sperren wollen?«

»Was soll dies heißen?« sprach Sickingen mit gerunzelter Stirne. »Diese Knechte handelten nach meinem Befehle, – und wer hat hier sonst noch zu befehlen?«

»So – nach Eurem Befehle!« knurrte Schauenberg. »Donnerwetter – Ihr schließt Euch ein, wie der türkische Kaiser, – laßt solchen Schwank bei Seite, Franz! Hab' ein Wort mit Euch zu reden, und ich will sehen, wer mich hindert, mit Meinesgleichen Rücksprache zu nehmen.«

Diese Rede verletzte offenbar Sickingens Stolz und es kostete ihm einige Mühe, die äußerliche Ruhe zu bewahren; denn Schauenbergs persönliche Tapferkeit und großer Anhang unter dem Adel reichten hin, den klugen Feldherrn Vieles übersehen zu lassen.

»Franz,« – fuhr Melchior in aufgeregter Stimmung fort; »wir haben einen Schuft unter uns und dieser Schuft ist Euer Busenfreund – der Hutten. Dieser Hutten ließ die Tochter dieses Freiherrn zu schändlichen Zwecken entführen und ich sage nur dieses: – tragt Ihr nicht Sorge, daß dem Fleckensteiner zu Recht verholfen und daß der ehrlose Hutten aus dem Lager gepeitscht wird, – dann ziehe ich und manche Andere vom Adel mit unsern Lanzen davon. Buben sollen nicht unsere Waffenbrüder sein!«

»Zum Ersten, hab' ich mit Ulrichs verkehrten Streichen nichts zu schaffen, – zum Zweiten, wäre auch ohne Euer Einmischen diesem Herrn sein Recht geworden,« sprach Sickingen in angemessenem Ernste und wandte sich an Fleckenstein. – »Ihr seid schnell, Herr Nikolaus; – schon aus Trier zurück?«

»Ich gab mein Ehrenwort, keine Minute länger zu verweilen, als zur Lösung des Handels nothwendig ist.«

»Nun, was sprach der Junge?«

»Nichts sprach er anfangs, – die Erzählung des Bubenstückes machte ihn stumm. Als ihm aber die Sprache wieder kam, tobte er durch die Halle, rief nach seinen Waffen und wollte sogleich gegen Drachenfels aufbrechen.«

»Bei unserer lieben Frau, Windstein ist ebenso edel gesinnt wie tapfer!« lobte Franz. – »Wir erwarteten dies von ihm. Weßhalb saß er nicht sogleich auf?«

»Hört nur! – Wie der Junker gar so unbändig tobte und seine starke Stimme durch die Gänge des Schlosses schallte, indem er nach Waffen und Knechten rief, da kam der Churfürst.«

»Ha – der Churfürst!« wiederholte Sickingen und sein Angesicht wurde finster.

»Mein Lebtag vergesse ich die heißen Bitten des Erzbischofs nicht, – und wie er gar vor dem Jungen auf das Knie niederfiel! Alles half nichts – und mir schlichen Thränen aus den Augen, als ich den Fürsten, auf die Knie hingesunken, gar so jämmerlich bitten hörte. Fing selber an, dem Erzbischof beizustehen und sprach: Heinrich bleib' da! Für meine Greth wird's schon noch Hilfe geben, – bleib' da, – verlaß den Herrn nicht in seiner Noth! – Allein der Ritter war nicht zu erweichen.«

»Ganz natürlich; denn gegen Ehre wär's, in solchem Fall' einen Augenblick mit der Hilfe zu zögern, – und Windstein nimmt es im Punkte der Ehre genau,« meinte Franz.

»Freilich, – doch schwerlich dachte er an seine Ehre, – die Liebe zu meiner Greth ließ ihn nicht dazu kommen,« versetzte der eitle Vater.

»Ein zweifacher Grund also, den Churfürsten zu verlassen,« sprach Sickingen.

»Zufällig steht aber dem Junker Etwas anderes höher, als Ehre und Liebe, – und was meint Ihr?« fragte Fleckenstein, nicht ohne schneidende Betonung.

»Hm – was könnte dies sein?«

»Die Pflicht, – hört Ihr, – die Pflicht gegen Kirche und Reich, – die Pflicht, wie selbe jedem ächten Ritter zukommt,« sprach der Freiherr mit Wärme. – »Mein Leben ist mir nicht theurer, als die Erfahrung, daß ächter Adel noch nicht ausgestorben ist, – jener Adel, der sein Höchstes d'ran setzt, Recht und Wahrheit zu schirmen. Bei Gott, den Jungen liebe ich seitdem mehr, als mich selbst, ja – fast mehr, als meine Greth.«

»Keine Umschweife, – zur Sache!«

»Nun ja!« warf Fleckenstein bedeutungsvoll hin, »dies sei zur Lehre für Manchen gesagt, dem Ehrsucht höher steht, als Pflicht und Gewissen. – Mein Heinrich also wurde leichenblaß, da ihm Fürst Richard die schwere Pflicht vorhielt, gegen Reichs- und Kirchenfeinde kämpfen zu müssen, – als er ihm sagte, daß besonders ihn diese Pflicht binde, da er von der Vorsehung auserlesen sei, wie ein zweiter David die stolzen Philister zu schlagen.«

»Schöne Benennungen, – prächtige Titel! Und Windstein?«

»Ah – dieser Heldenjunge! »Mein Fürst,« sprach er zum Erzbischof, – »ich bleibe! Doch leichter fiele es mir diesmal, das Leben doppelt hinzugeben, als der unerbittlichen Pflicht zu gehorchen. – Was er noch hinzu setzte, braucht Ihr nicht zu hören, Franz, – werdet's schon erfahren.«

»O, wir fürchten Euren Heldenjungen nicht, – er komme! Gegen Eure Gefälligkeit für den Erzbischof muß ich aber eine gleiche setzen; seht zu, wie Ihr zur Tochter kommt.«

»Seid unbesorgt!« entgegnete Fleckenstein. »Der Adel besitzt noch Rittersinn genug, einen bedrängten Vater nicht im Stiche zu lassen.«

»Ihr liegt in Haft, – ohne meine Zustimmung könnt Ihr keinen Schritt thun,« sagte Franz mit finsterer Stirne.

»Verweigert Ihr den Ritt nach Drachenfels?«

»Laßt's ihn nur verweigern,« rief Schauenberg, da Sickingen zögerte. »Ich und meine Gesellen wollen Euch schon zur Tochter verhelfen, – heute noch sitzen wir auf. Kommt nur.«

»Langsam, Melchior! Fleckenstein mag gegen Drachenfels reiten gegen das Versprechen, sogleich nach Befreiung seiner Greth wieder in die Haft zurückzukehren.«

»Ihr seid sehr gnädig, – doch soll's geschehen!« entgegnete Herr Nikolaus mit schmerzlichem Lächeln. »Möge es Eurer Gnade endlich auch gefallen, mein Lösegeld zu bestimmen.«

»Melchior – laßt das Geleite nicht zu stark sein,« sprach der Feldhauptmann; »Eure Lanzen dürfen im nahen Kampfe nicht fehlen.«

»Das sind meine Sachen, – kommt!« entgegnete Schauenberg barsch, griff Fleckenstein am Arme und zog ihn aus dem Zelte.

Kaum ließ sich Herr Nikolaus Zeit, Melchiors Gastfreundschaft zu genießen, der mittlerweile von Drachenfels den nothwendigen Befehl an die Besatzung seiner Burg, auf Auslieferung des Fräuleins lautend, erwirkt hatte. In Begleitung von sechs Reisigen verließ Fleckenstein das Lager. Hutten lachte hämisch, als der kleine Troß an seinem Zelte vorbeiritt; denn seine Knechte waren besser beritten und hatten bereits einen bedeutenden Vorsprung gewonnen, weßhalb sich das Zuspätkommen des Freiherrn mit Gewißheit annehmen ließ.



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