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Mordanschlag.

 

Steig' auf die Warte dort, die nach dem Feld
Hin steht, und sag' uns, wie die Schlacht sich wendet.

Schiller.

 

Ohne den Zuzug der Bundesgenossen abzuwarten, war Sickingen beim Beginne des Frühjahres in das pfälzische Gebiet eingebrochen, Alles mit Feuer und Schwert verheerend. In der Nähe von Kaiserslautern zog er die einzelnen Abtheilungen zusammen, welche bisher das Land sengend und plündernd durchstreiften, um jene Stadt zu berennen. Die aufsteigenden Rauchsäulen zeugten für das Gelingen des Vorhabens. Nach vollständiger Plünderung und Brandschatzung führte Franz seine Haufen aus der Stadt und lagerte auf der Ebene, die an Kaiserslautern stieß; denn ausgeschickte Späher berichteten das Herannahen des Churfürsten. Der Feldhauptmann bezog eine vortheilhafte Stellung und beschloß, den Feind zu erwarten.

Am Tage des bevorstehenden Kampfes durchzog ein Häuflein Knechte den finsteren Föhrenwald, welcher sich im Rücken des Sickingen'schen Heeres weithin ausdehnte. Vier kräftige Burschen trugen eine Bahre, worauf Heinrich von Windstein lag. Andere belastete des Ritters Rüstung und Waffen. Auf dem stattlichen Streitroß ritt der Astrologe Faust. Am Fuße eines Berges angelangt, befahl der Doktor den Trägern, Halt zu machen. Windstein wurde von der Bahre genommen und so auf dem Boden hingelegt, daß sein Oberkörper an ein bemoostes Felsstück lehnte.

Indeß die Krieger auf der Erde lagerten und von der bestandenen Anstrengung ausruhten, trat Faust zu einem Armbrustschützen, der in geringer Entfernung von Windstein auf dem hingestürzten Stamme einer Fichte saß.

»Nochmals will ich versuchen, jenen Ritter für Deinen Herrn zu gewinnen,« begann der Doktor. »Schlägt's auch diesmal fehl, dann kennst Du Dein Geschäft und Deinen Lohn. – Aber Diether, nimm Dich ja zusammen! Verläßt Dich heute Deine feste Hand und Dein sicherer Blick, – dann wirst Du keinen Bogen mehr spannen.«

»Ha – Stümperei!« machte der Schütze verächtlich. »Euer Ziel läßt sich mit verbundenen Augen treffen.«

»Deine Zuversicht freut mich Diether; sei übrigens nicht zu voreilig,« bedeutete Faust. »Merke die Zeichen Dir genau. Zuerst werde ich ausrufen: »Schlimme Worte – schlimmer Bescheid!« Hier rüste Dich zum Schusse. Siehst Du mich die Mütze abziehen, – dann lege an, – fass' ihn genau! Werfe ich zuletzt die Mütze weg und trete bei Seite, – dann – hörst Du? dann schieße ihn augenblicklich nieder.«

»Schon recht, will mir Eure Winke merken. Nun geht, macht aber nicht viel Wesens, – werft Eure Mütze hin und ich werfe den Jungen nieder, – damit fertig.«

Der Astrologe verscheuchte die Spuren der Mordplane, welche etwa aus der finsteren Seele in das Angesicht emporgestiegen sein mochten, und nahte dem Schlafenden. Er zog ein Fläschchen hervor, das starkduftende Essenzen enthielt, und brachte es an Windsteins Nase. Dieser nieste heftig und erwachte.

»Wo sind wir? Was ist dieß für ein Wald?« fragte der Jüngling, indem er aufsprang und verwundert umherschaute.

»Zuvor entschuldigt meine Vorsicht,« begann Faust, – »in bewußtlosem Zustande Euch hieher gebracht zu haben; denn Eure gestrige Aufregung ließ Alles befürchten. Schwerlich hättet Ihr bei wachen Sinnen die Veste ohne Widerstand verlassen. – Mein Wort wäre somit gelöst. Ich zeigte Euch in der Schloßkapelle den Fleckensteiner und dessen schöne Tochter, – ich zeigte Euch im Hintergrunde der Kirche Ulrich von Hutten, der im Anblicke jenes reizenden Geschöpfes verloren stand.«

»Wahr, – ich sah sie betend knieen; es ist kein Traum!« sprach der Junker, und die letzten Spuren der Betäubung wichen.

»Nun laßt Eure Entscheidung hören!« fuhr der Doktor fort. »Gestern habt Ihr zwar, in unbegreiflicher Engherzigkeit und mit dem Vorgeben heiliger Pflichten gegen Kirche und Reich, für das Unglück Margareths Euch entschieden und gewiß auch für Euer eigenes; denn schwer müßte das Bewußtsein Euch belasten, jenes Fräulein an Hutten weggeworfen zu haben. Doch sei die gestrige Entscheidung Eurer außerordentlichen Aufregung zugeschrieben, – heute bei kaltem Blute entscheidet besser. Greift zu den Waffen für Erlösung des Adels aus dem Drucke fürstlicher Tyrannei, kämpft unter Sickingens Fahnen, die eben stolz und sieggewohnt den Pfälzern entgegentrotzen. – Hört Ihr!«

Aus der Ferne drang Trompetengeschmetter und durch die himmelanstrebenden Wipfel der Tannen rauschte verworrener Waffenlärm. Trüber, schmerzlicher Ernst lag über Heinrichs Angesicht und die Unmöglichkeit, in das gestellte Ansinnen einzuwilligen, sprach schon aus seinen Zügen, bevor sein Mund sich zur Erklärung öffnete.

In diesem Augenblicke ertönte plötzlich ganz in der Nähe der helle Ton eines Hornes. Die überraschten Krieger sprangen empor, wurden aber sogleich von einer Schaar jener leichtfüßigen Krieger niedergeworfen, welche die Wälder zu durchstreifen pflegen, um den etwa verborgenen Hinterhalt aufzuspüren. Faust wurde ebenfalls angefallen und gleich den Uebrigen geknebelt, wobei des Doktors Flüche und Verwünschungen mit noch kräftigeren Ausdrücken erwiedert wurden.

Drei kräftige und flinke Gesellen stürzten auf Heinrich in der Absicht los, um ihn niederzuwerfen und zu fesseln. Mit Blitzesschnelligkeit hingen sie an Brust, Hals und Armen Windsteins, – muthigen Hunden ähnlich, die einen Eber anfallen. Der Junker wankte augenblicklich; sogleich aber stand er wieder fest und die einzige Bewegung zur Vertheidigung bestand nun darin, daß er die drei zumal fest gegen seine Brust preßte. Diese lieblose Umarmung machte die Krieger ächzen und stöhnen, die Augen traten ihnen weit vor die Höhlen und selbst ihr Hilferuf erstarb. Hätte das Zusammenpressen nur einige Augenblicke länger gewährt, die Gewürgten würden ohne Zweifel ihm todt zu Füßen gesunken sein. Dahin ging jedoch Heinrichs Absicht nicht. Er öffnete die eisernen Arme, die Krieger taumelten wie Betrunkene zurück und fielen betäubt nieder. Jetzt aber sah Windstein Pfeile und Bolzen gegen seine unbeschützte Brust gerichtet.

»Pfui ihr Memmen, – schämt Euch, auf die wehrlose Brust eines Einzigen die Armbrust anzulegen;« rief er voll Entrüstung. »Bei Gott, Ihr verdient an die Sehnen der eigenen Bogen aufgehängt zu werden.«

Diese furchtlose Sprache rettete ihn. Beschämt setzten die Schützen ab, indes ihr Anführer hervortrat.

»Säße Euch der Teufel nicht in den Armen, wollten wir uns schon miteinander herumbalgen,« sprach er. »Hab' jedoch keine Lust, mich erwürgen zu lassen und Ihr müßt Euch gutwillig gefangen geben.«

»Wie?« rief Heinrich. »Ein deutscher Armbrustschütze stellt solches Ansinnen an einen Edelmann? Fort – packe Dich zu den Welschen, entehre unsere Nation nicht länger durch Deine feige, niedrige Gesinnung!«

»Muß gestehen, Eure Sprache gefällt mir! Möchte fast die Ehre haben, von solchem Kämpen erschlagen zu werden.«

»Gut, – laß mich die Rüstung anlegen und rücke mit Deinen Waffengenossen heran! Hoffe aber nicht, Heinrich von Windstein lebendig in Deine Gewalt zu bekommen.«

»Wer seid Ihr?« rief der Krieger voll Staunen. »Windstein seid Ihr, – Windstein, welcher vor Trier die ganze Sickingen'sche Macht wie 'ne Heerde Füchse vor sich her trieb?«

»Nun, – so arg war's gerade nicht!« entgegnete Heinrich, diese Uebertreibung belächelnd. »Seid Ihr aber Sickingens Feinde, wie es scheint, weshalb fallt Ihr einen Edelmann an, der sein gutes Schwert jederzeit gegen die Empörer zu ziehen bereit ist?«

»Gott verzeihe uns den Irrthum!« versetzte der Anführer. »Eure unbändige Stärke hätte uns freilich sagen sollen, daß der rothe Schlächter vor uns steht. Allein Ihr befandet Euch unter diesem Raubgesindel, und darum hielten wir Euch, vergebt uns das Versehen, für 'nen Bündischen. Auch hätte ich an der Rüstung Euch erkennen sollen; denn ich sah diese Rüstung einmal im Gemetzel, und wer sie dort gesehen, vergißt sie seiner Lebtag nicht mehr. – Aber Herr Junker, weßhalb liegt Ihr in Wäldern auf der faulen Haut, indeß keine Stunde von hier das Schlachten bald losgehen wird?«

»Wir wollen noch rechtzeitig kommen und Du, guter Bursche, könntest mir den Weg zu des Churfürsten Truppen zeigen,« erwiederte Heinrich, indem er anfing, die Rüstung anzulegen.

»Von Herzen gerne!« entgegnete der Armbrustschütze. »Unser Geschäft hat ohnedies ein Ende, und beinahe hätten wir die Wälder vergebens durchstöbert.«

»Was ist dies nur für ein seltsamer Vogel?« sprach ein Krieger, indem er den gebundenen Astrologen verwundert betrachtete. »Hätt' er den langen Bart nicht, wollte schwören, er sei Einer von jenen Hetzern, die man Reformatoren heißt, und welche die Sickingen'schen Knechte zu Mord und Brand anstiften.«

»Wollte Gott, versetzte ein Anderer, er wäre so ein Papistenwürger. Keine hundert Gulden nähm' ich d'rum, den Erzschuft an diesen Baum aufzuknüpfen.«

Mittlerweile wartete Faust den günstigen Augenblick ab, Windsteins Schutz anzurufen. Dieser schien gekommen, als Heinrich vollständig gewappnet dastand und sich in den Sattel schwingen wollte.

»Herr Ritter!« rief ihm Faust zu. »Ich erwarte von Eurem Edelmuth, daß Ihr Euch meiner annehmt. Euretwillen kam ich an diesen Ort, Euretwillen trage ich diese Bande.«

»Ah – verzeiht, Meister Faust!« – Hier wichen die abergläubigen Krieger mit solcher Scheu von des Astrologen Seite, als befände sich der Teufel in höchst eigener Gestalt vor ihnen. »Gebt diesen Mann frei, oder verlangt ein Lösegeld, das ich selbst erlegen will.«

»Hm,« – meinte der Anführer, »wir wollen Euch Geld und gute Worte dazu geben, wenn Ihr diesen Teufelskünstler aus unserer Nähe schafft.«

Von Windsteins Dolch durchschnitten, fielen die Bande zu des Astrologen Füßen.

»Herr – Herr!« rief jetzt der gefesselte Famulus dem befreiten Faust zu. »Um Gottes Willen löst mich! Gedenkt meiner treuen Dienste und bewahrt mich vor dem Stricke.«

»Fahre zur Hölle, – Du und die ganze Welt mit Dir!« fluchte Faust und ging davon.

»Laß ihn nur gehen!« sprach Heinrich, indem er den Famulus bei Seite zog. »Höre Bursche, Du trägst Dein Lösegeld in der Tasche, im Falle Du offen gegen mich bist. Du weißt, daß mir die Augen verbunden wurden, als wir gestern frühe in die Nähe jener Burg kamen, auf welcher Fleckenstein in Haft liegt. Nenne mir den Namen jener Veste und Du bist frei.«

»Ein höchst billiges Lösegeld; denn einem Herrn, der mir selber keine Treue hält, bin ich zur Treue auch nicht verbunden. Wißt also, jenes Schloß heißt Dachsburg.«

»Ueberlaßt mir diesen Burschen,« rief Windstein dem Anführer zu; »will Euch ein Dutzend Sickingen'sche dafür geben.«

Nach erhaltener Zustimmung durchschnitt der Junker des Famulus Bande.

»Du bist frei und ledig und kannst Deinem alten Herrn wieder folgen, wenn Du magst!«

»Behüte Gott!« entgegnete der Famulus. »Jener Elende ließ mich im Stiche, Ihr habt mir das Leben gerettet, Euch will ich folgen.«

Der Ritter sprang in den Sattel, und gleich darauf verschwand der Haufen hinter den Baumstämmen des Hochwaldes.

Mißvergnügt über das Mißlingen des Mordanschlages und von jenen finsteren Gefühlen gequält, welche der Bösewicht beim Siege der Tugend über die Leidenschaft empfindet, erstieg Faust den Berg, dessen Fuß an den Föhrenwald stieß. Auf dem Gipfel angelangt, traf er die Reformatoren Bucer, Aquila und Schwebel, nebst anderen Predigern, die sich vor Beginn des Kampfes hieher zurückgezogen hatten.

Die vom Walde entblößte Anhöhe gewährte freie Uebersicht über jene Ebene, auf der eine für das deutsche Reich folgenschwere Schlacht geliefert werde sollte. Der weithin sich dehnende Moorgrund erstreckte die graue Fläche bis unweit Kaiserslautern. In dichten Massen stürzte der Rauch der brennenden Stadt auf die umliegenden Berge und Thäler, die Gegend mit schwarzem Rauchgewölk umhüllend, indeß ein scharfer Nordwest die Ebene freihielt. Im Vordergrunde der gebrandschatzten Stadt sah man in langen Reihen die fürstlichen Truppen aufgestellt, deren Fahnen und Waffen, vom Widerscheine der Flammen geröthet, gegen die Sickingischen Schaaren herüberdrohten. Franz hatte eine niedere, die Ebene fast völlig durchschneidende Anhöhe besetzt, deren äußerste Spitze an den unwegsamsten Theil des Moorgrundes stieß. Gelang Sickingen die wahrscheinliche Absicht, den Feind in jenen Morast hineinzudrängen, was die mit voller Wucht von der Anhöhe niederstürzende Reiterei vorzüglich begünstigte, so entschied sich ohne Zweifel das Glück des Tages für ihn. Allein die Bewegungen des Feindes und die allmälige Entfaltung seiner Schlachtlinien, schienen Sickingens Plan vereiteln zu wollen. Den Raum hingegen, worauf der Kampf allem Anschein nach statt fand, konnte man von der Bergesspitze nicht übersehen, indem der von Franz besetzte Hügel ihn verdeckte.

Jetzt sah man die fürstlichen Reihen gegen den Hügel sich in Bewegung setzen und hinter dessen Rücken verschwinden. Bald darauf erhoben die Sickingischen ein wildes Kriegsgeschrei und stürmten die Anhöhe hinab. Furchtbar widerhallten die schmetternden Pauken- und Trompetentöne in den nahen Wäldern, dazwischen krachten vereinzelte Donner der Feldschlangen, aber gräßlicher und unheimlicher erscholl das verworrene Toben der Schlacht.

Als Faust zu Bucer herantrat, welcher von den Uebrigen getrennt, an der schwarzbemoosten Seite eines Felsenstückes lehnte und fortwährend in die Ebene hinabsah, hatte der Kampf schon längere Zeit gewährt.

»Läge nur jener verfluchte Hügel in der Meerestiefe,« sprach der Astrologe; »er verdeckt uns alle Aussicht.«

»Nun, die Entscheidung kann uns nicht lange verborgen bleiben,« entgegnete Bucer. »Jedenfalls gewährt die Veste Landstuhl Schutz, im Falle Sickingens Gestirn erbleichen sollte.«

»Bis wir den Schutzherrn gewechselt haben,« setzte Faust bei. »Ja – die schlaue Vorsicht, womit der Landgraf von Hessen unseren Planen entgegenkommt, – die lüsternen Blicke, welche der habsüchtige Fürst auf die Kirchengüter wirft, und seine Empfänglichkeit für die freien Grundsätze des lauteren Evangeliums, werden uns den Sickingen hinreichend ersetzen.«

»Jehova verleihe Sieg dem Heere Israels und vernichte in seinem Zorne die Reihen der Gottlosen,« sprach der Prediger Fröschlein, der mit mehreren Standesgenossen herzutrat.

Bucers Ewiederung, an den zunächst diese Ansprache gerichtet war, bestand in einer kalten, jedoch bejahenden Bewegung des Hauptes.

»Vielleicht würdet Ihr gut thun, Bruder Fröschlein, Eure Hände segnend über die Kämpfenden auszustrecken, wie ehedem Moses gethan,« sagte der Prediger Kettenbach, welcher des Predigers Fanatismus zuweilen verspottete.

»Wißt Ihr nicht, Bruder Heinz,« entgegnete Fröschlein in verweisendem Ernste, »daß Segnen und Händeausstrecken zum Popanz der in Tollheit und Raserei ersoffenen Bischöfe gehört? Geziemt es dem Evangelisten Jehovas, jene blinden Klötze und Larven nachzuahmen?«

»Gewiß nicht, – Eure heilige Würde müßte hiedurch befleckt werden,« bestätigte Kettenbach.

»Zum Andern,« fuhr Fröschlein fort, »ließ Jehova im Geiste mich erkennen, daß er seine Engelschaaren Gedeons Schwert zu Hilfe sendet. Frohlockt deßhalb im Herrn, meine Brüder; – denn unser ist Sieg und Glorie, – den Papisten aber Untergang und Vernichtung.«

»Weshalb verschwiegt Ihr bisher diese glückliche Offenbarung?« fragte Kettenbach. »Mancher peinigende Zweifel würde uns hiedurch erspart worden sein.«

»Des Zweifels Pein quält mit Recht die Kleingläubigen,« tadelte Fröschlein; – »der Glaube allein kann Berge versetzen.«

»Ah – von Bergen wollten wir nicht sprechen,« sagte Prediger Meinhard. »Hättet Ihr nur die Gnade, jenen Hügel dort wegzuschaffen, damit wir das Blut der Gottlosen könnten fließen sehen.«

»Ueberflüssiges Verlangen, Bruder! Siehe, – dort fliegen Boten des Sieges heran,« – entgegnete Fröschlein in die Ebene deutend, wo man einige Reiter gegen den Berg heran sprengen sah. »Abermals ging in Erfüllung Jehova's Verheißung: ich will legen Deine Feinde zum Schemel Deiner Füße,« – fuhr er mit feurigem Blick zum Himmel fort. »Bald wird auch die Verheißung vollkommen erfüllt sein, wenn alle Sodomshöhlen in dem Schwefelfeuer untergegangen sind, welches der Herr durch seiner Knechte Hände regnen läßt.«

»Aha, jetzt begreife ich,« rief Schwebel, »weßhalb Ihr die Klöster immer mit Schwefel anzündet und dermaßen tobt, wenn die Knechte mit Pechkränzen kommen. Muß gestehen, – Ihr seid die leibhaftige Bibel!«

»Dennoch hat er die Bibelstelle falsch verstanden,« eiferte Aquila, dem das vernommene Lob unerträglich war. »Meister Luther bezieht jene Stellen auf sich selber und nicht auf Sickingen. Er allein ist der Christus, – der Gesalbte, dem alle Papstesel müssen zu Füßen liegen.«

»Wie ehedem St. Paul gethan, – so thue ich jetzt dem Martin Luther,« versetzte Fröschlein im Gefühle beleidigter Würde. »Straks sag' ich ihm in's Angesicht: Du lügst!«

»Sagt Euch dies selber,« zürnte Aquila. »Wäret Ihr beim Leisten geblieben, hättet Ihr nicht das Zimmermannsbeil mit der Bibel vertauscht, käme solche freche Rede nicht aus Eurem ungewaschenen Munde.«

»Still Du Sohn Belials, – still Du Junge des sächsischen Leviathan!« schrie Fröschlein, drohend die gewichtige Zimmermannsfaust erhebend. »Wisse, Du eingeschrumpfter Holzwurm, – wisse, der mich berief zum Evangelisten seines Wortes, schlug mit Blindheit den Maulhelden von Wittenberg. Gehe hin, – frage die Kinder Israels, – frage sie, wer ihnen das Wort rein und lauter predigt, ich – Gottes wahrer und erleuchteter Evangelist, – oder Du, Luthers Schooßkind, genährt mit Lügen, auferzogen mit Lügen, und ersoffen in Lügen.«

Wurtlingens Ankunft, der mit verhängten Zügeln dahersprengte, machte dem Streite der Reformatoren ein Ende. Die eilige Hast und Bestürzung des Edelmanns ließ keine frohe Botschaft erwarten und erklärte das jetzt in der Ferne sichtbare Flüchten der Krieger in die umliegenden Wälder.

»Fort – flieht!« rief Wurtlingen vorübersprengend. »Flieht, – Alles verloren! Der rothe Schlächter metzelt und würgt grausenhaft, – alle Teufel stehen ihm bei.«

»Schon wieder dieser rothe Schlächter!« murmelte Faust. »Glaube nun fast selber, daß Gestirne prophezeihen können.«

Schrecken malte sich in den Zügen der Reformatoren und Prediger, – Bucer ausgenommen, der in Begleitung des Astrologen sogleich den Weg nach Landstuhl einschlug. Fröschlein stürmte den Berg hinab, fortwährend Flüche und Verwünschungen gegen die Söhne Moabs ausstoßend.

»Bruder Fröschlein, – seid Ihr bei Sinnen?« rief ihm Kettenbach zu. »Wollt Ihr den Wölfen in den Rachen laufen?«

»Laßt ihn nur,« – entgegnete Aquila. »Der Lügenprophet versteckte dort unten im Gebüsch seinen Sack mit Kleinodien, den er so wenig im Stiche läßt, als seinen verrückten Kopf.«



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