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Die Umlagerung.

 

Was hat der Hauptmann dieser Stadt beschlossen?
Wir lassen kein Gespräch nach diesem zu,
Darum ergebt euch uns'rer besten Gnade.

König Heinrich V..

 

Nach der unheilvollen Schlacht bei Kaiserslautern warf Sickingen seine Streitmacht in die Veste Landstuhl, um den Zuzug der Bundesgenossen abzuwarten. – Genannte Stadt umgaben tiefe Gräben und hohe Mauern, deren Seiten durch starke Thürme beherrscht wurden. Franz hatte vor Ausbruch des Krieges die Festungswerke genauer Prüfung unterworfen, schadhafte Stellen ausgebessert, die Wälle erhöht und konnte sorglos der heftigsten Berennung entgegensehen. Dazu trotzte auf dem über der Stadt emporsteigenden Berge die unbezwingliche Burg, ringsum die Gegend beherrschend, und durch ihre Wurfmaschinen und Feldschlangen dem Anstürmen des kühnen Feindes in der Ferne schon außerordentliche Schwierigkeiten bereitend. Sendboten eilten zum Herzoge von Bouillon, zu den Schweizern, zu Robert von der Mark, zu den Grafen von Fürstenberg und anderen Bundesgenossen Sickingens, ungesäumten Zuzug fordernd.

Mittlerweile nahte Pfalz mit seiner Streitkraft von Kaiserslautern her, mit ihm vereint Herzog Otto und Herzog Wolfgang von Bayern, die ihm einige Hundert vom tapfern Bayernvolke zuführten. Zu gleicher Zeit zog Churfürst Richard von Rockenhausen heran, und Landgraf Philipp führte seine Hessen von Heisenheim herüber, – beide mit starker Heeresmacht. Neben althergebrachten Kriegs- und Belagerungsmaschinen, führten die Fürsten Stücke von bisher unerhörter Größe und zerstörender Kraft mit sich. Besonderes Aufsehen erregte »der pfälzische Leu« und »die böse Else,« – sechszehn Fuß lange Feldschlangen, deren furchtbaren Rachen kein Bollwerk widerstehen zu können schien. Diese gewaltigen Rüstungen zeugten sowohl für die Tapferkeit des zu bekämpfenden Feindes, als von der Wichtigkeit und Tragweite, welche man der Adelsverschwörung beilegte.

Bevor die Fürsten, nach Aufstellung ihrer Stücke, das Beschießen begannen, ließen sie Franz zur Uebergabe auffordern. Herr Eberhard, Schenk von Erbach, Graf Isenburg und Königsstein nebst anderen Herren, an ihrer Spitze der Ehrenhold in prächtigem Wappenrock, ritten zur festgesetzten Stunde den Schloßberg hinauf. Sickingen kam ihnen bis an das herabgelassene Fallgitter entgegen, umgeben von einigen tapfern Waffenbrüdern. Nachdem die Herren in geringer Entfernung vom Burgthore von den Pferden gestiegen, traten sie heran, nur durch den Wallgraben von den Belagerten getrennt. Nach kalter Begrüßung, welche die Ritter innerhalb des Gitters in gemessenem Trotze entgegneten, als fürchteten sie, ihr Gegengruß möchte wärmer sein, als jener des Feindes, begann der Schenk von Erbach, ein kriegerischer, strenger Herr:

»Euch, Franziskus von Sickingen und Jenen, die gegen Fug, Recht und Satzungen des Reiches mit Euch zum Schwerte griffen, bringen wir Gnade und Schonung Eures Lebens, – vielleicht auch Eurer Habe, so Ihr die Veste den Reichsfürsten öffnet und Euren Trotz vor den Vollstreckern der Reichsacht beugt. Widrigenfalls sind wir gesonnen, nicht eher unseren Stücken Schweigen zu gebieten, bis Eure Mauern niedersinken und Ihr sammt Euren Waffengenossen mit Leben und Habe fürstlicher Gnade verfallen seid.«

Lautes Murren entstand bei diesen Worten unter Sickingens Umgebung; die Edelleute warfen sich gegenseitig glühende, streitsüchtige Blicke zu und kaum vermochte sie der Zwang des Kriegsbrauches, von derben Schmähungen und Feindseligkeiten abzuhalten. Sickingen allein blieb kalt und ruhig, aber man sah dieser Ruhe an, daß sie nur stolzer Trotz, der sich nichts vergeben will, erzwang.

»Euer Ansinnen, bester Schenk, lautet höchst schimpflich und ehrwidrig,« begann er. »Die Fürsten beurtheilen den Zustand der Mauern Landstuhls ebenso falsch, wie den Zustand der Mauern des Reiches, für deren Schirm wir das Schwert gezogen. – Es ist zwar nicht an Ort und Zeit, meine liebwerthen Standesgenossen, ein wohlgemeintes Wort zu sprechen, da Ihr als Feinde uns gegenübersteht. Mein Fehler ist's aber, jederzeit – unbekümmert um Lage und Verhältnisse, die derbe Wahrheit zu sagen. Und hiernach, meine Herren, wirft es ein gar übles Licht auf Eure Adelsbriefe, die eigene Sache aufzugeben, gegen eigenes Blut das Schwert zu führen, – mit unsinnigem Geiste die eigenen Rechte und Freiheiten niederzutreten im Solde unserer Henker, und gegen Eure Brüder aufzustehen, die zur Rettung und Wahrung adlicher Freiheit sich erhoben. Wir streben keineswegs nach Eurer Hilfe und wünschen nicht Euren Abzug aus dem Fürstenlager zu dessen Schwächung, – nein! Aber wir wünschen, diese edlen, altberühmten Namen: Isenburg, Erbach, Königstein, Wartenberg,« – und er sah mit eindringlichem Blicke die Träger dieser Namen an; »möchten auf jener Verrätherliste nicht stehen, welche dereinst der Nachwelt zur Verurtheilung vorliegt.«

»Wir sind nicht hergeritten, Eure guten Rathschläge anzuhören,« sprach der Schenk. – »Meldet kurz Euren Bescheid, auf der Fürsten gnädiges Ersuchen.«

»Gnädiges Ersuchen!« – wiederholte Franz nicht ohne Spott. »Fast vermeinen wir, das Pfeifen einer kriechenden Kammerratte zu hören. Doch immerhin! Entgegnet den Fürsten in meinem Namen also: »Wir seien zwar ihrer churfürstlichen und fürstlichen Gnaden Ankunft nicht allzuhoch erfreut, doch sollten sie nicht vorschnell triumphiren und keinen hängen, bevor sie ihn erst haben. Auch hätten wir neue Mauern und sie neu Geschütz, dasselbe wollten wir erst hören. Franz von Sickingen sei dafür bereit, von seiner Armuth fürstlichen Gnaden Brod und Wein mitzutheilen, bevor sie abzögen, – Streiche und Püffe hätte übrigens er und seine Gesellen im Uebermaße, was fürstliche Gnaden und fürstliche Söldner bald verspüren sollen.«

»Nur gemach, Herr Franz!« zürnte der Schenk. – »Dieser Spott soll Euch übel bekommen.«

»Sagt dem langen Philipp,« rief Schauenberg, – »ein ächter Edelmann fordere ihn zum Waffengang, – mit Schwert, Lanze oder Streithammer, – gleichviel! Schimpf und Feigheit über ihn, so er die Herausforderung verschmäht.«

Nach gegenseitigen herausfordernden Reden, mit Spott und Hohn übermäßig gewürzt, ritten die Abgesandten davon.

Von allen Seiten öffnete nun das Geschütz seinen unheilbergenden Schooß und furchtbar hallte das Donnern und Krachen an Bergen, in Thälern und Felsklüften wieder. Die Sickingischen Schützenmeister antworteten mit gleichem Nachdrucke, manches aufgeworfene Werk der Feinde zerstörend und vielfachen Tod unter den Kriegsleuten verbreitend. Mehrere Tage vergingen und trotz der starken Rüstungs- und Zerstörungswerkzeuge, konnten sich die Fürsten keines Erfolges von Bedeutung rühmen. – Dagegen hatten sie vielfache Gelegenheit, der Belagerten unbändigen Muth zu bewundern, welche, unterstützt durch das Feuer ihrer Stücke, täglich verheerende Ausfälle wagten, hiebei manches Geschütz zum Schweigen brachten und Edelleute, wie Kriegsknechte als Gefangene mitführten.

Endlich gelang es, eine Strecke Mauer von fünfundzwanzig Fuß Länge niederzuwerfen und den Sturm hiedurch zu ermöglichen. Im Kriegsrathe der Fürsten schienen aber jene Stimmen das Uebergewicht erhalten zu haben, welche für das fortgesetzte Beschießen sprachen, den Sturm hinausschiebend, bis an verschiedenen Stellen weite Mauerstrecken darnieder lägen. Die zerstörende Wirksamkeit der Geschütze schritt in furchterregender Weise voran, seitdem die Feldschlangen, nach des kriegskundigen Rönneburg Weisung, auf dem der Burg gegenüberliegenden Berge, aufgepflanzt worden waren. Fast alle Thürme waren schadhaft, viele zusammengestürzt und lange Mauerstrecken lagen in Trümmern. Dabei überschüttete die feindliche Bergbatterie die Stadt mit glühenden Kugeln, welche die Gebäude in Brand steckten und große Verheerung unter den Kriegsleuten anrichteten, so daß täglich die Lage der Sickingischen verzweifelter wurde.

Finsteren Blickes stand Franz vor der Schießscharte eines kugelfesten Gewölbes, auf die Anhöhe hinüberschauend, wo die Stücke mit unerhörter Wuth, zwischen Feuer und Flammen, Tod und Verderben herüberspieen.

»Solch' unchristlich Schießen hab' ich meiner Lebtag nicht vernommen,« sprach er. – »Ziehen die Freunde nicht bald heran, werden sie von Landstuhl nur mehr einen Trümmerhaufen finden.«

»Alle Teufel!« fluchte Oberstein, welcher gegen Landstuhl hinabsah. »Nun haben die Schufte gar den blauen Thurm zusammengeschossen; – Kreuz und Hagel, seht nur, – die Mauern wanken und stürzen, als wären sie aus Holz und Stroh zusammengeleimt.«

»Sollen wir uns länger noch auf solches Mauererbackwerk verlassen?« rief der eben hereinstürmende Schauenberg. »Wollen wir uns endlich ritterlich durchhauen, oder gleich Füchsen in der eigenen Höhle umkommen?«

»Schimpflich wär's, aus dem eigenen Hause zu laufen,« entgegnete Franz. »Fester als Thurm und Mauern steht unser Wille, die Ankunft der Waffenbrüder abzuwarten, um die Churfürsten, Herzöge sammt ihren Söldnern davonzupeitschen.«

»Ha – die Elenden!« zürnte Melchior. »Wißt Ihr noch nicht, daß Leiningen, Fürstenberg, von der Mark und Solms ihre Absage gemeldet haben? – Da kommt ja der Bote dieser hundsföttischen Verräther,« – schloß er mit einem verächtlichen Blicke auf die Sendboten, welche eben mit Wurtlingen hereinkamen.

»Prächtige Freunde, – ehrsame Ritter!« sprach Sickingen mit finsterer Stirne, den überreichten Brief lesend. »Die gewissenhaften Herren bedauern, ihr Wort nicht halten zu können, weil wir des Bundes Streitkraft zu persönlichen Zwecken mißbrauchen, – weil – ha lächerlich! – weil ihre Eidespflicht gegen Kaiser und Reich ihnen jede fernere Theilnahme am Kampfe verbiete, – weil sie endlich keinen Religionskrieg wollen, sondern die Befreiung des Adels aus Fürstenknechtschaft. – Unterschrieben und besiegelt von Leiningen, – Fürstenberg, – Solms, – von der Mark – und Hohengeroldseck.«

»Da habt Ihr's, – und bei St. Melchior, meinem Patron, die Grafen haben nicht ganz unrecht,« rief Schauenberg. »Wurmte mich längst schon, daß Ihr die verdammten Prediger des Wittenberger Pfaffen überall hin mitführt, und die Knechte zu schmählichen Thaten hetzen und schüren laßt. Bei allen Heiligen, – säßet Ihr nicht in der Klemme und wär's nicht schimpflich, 'nen hart bedrängten Waffenbruder im Stiche zu lassen, auch ich würde sagen, was die Grafen geschrieben haben und davon reiten.«

»Wenn Ihr etwas lauter schreit, Herr Melchior,« entgegnete Franz mit erzwungenem Lächeln, »wird Eure Stimme das lustige Gebrüll der Stücke übertönen.«

In der That nahm das Donnern der Geschütze immer zu, furchtbar Thürme und Mauern der Veste umbrausend und Kugeln herüberschleudernd, welche Mauerstücke der innern Burg wegrissen, Fenstergesimse zerschmetterten und in tödtlich kreisendem Tanze durch den Hof sausten. Inmitten dieser fürchterlichen Zerstörungsgewalten der jungen Kriegskunst, welche selbst dem unerschrockenen Schauenberg ein banges Kopfschütteln erzwangen, stand der Burgherr kälter und unbeugsamer, als der trotzigste Thurm seiner Veste.

»Sagt den Herren,« sprach er zum Boten, »sie könnten nach Belieben Knechte der Fürsten sein, – Franziskus von Sickingen halte sie hiezu vollkommen tauglich; – nur hätten sie Feigheit und Wortbrüchigkeit besser bedecken sollen. – Geht, – aber geht nicht ohne Imbiß,« schloß er, den Boten entlassend.

»Und Ihr, – kommt Ihr mit gleicher Botschaft?« wandte sich Franz mit einer Miene an den zweiten Boten, deren Trotz die ganze Welt herausforderte.

»Gruß zuvor von meinem gnädigen Herrn, dem Herzog von Bouillon!« begann jener, ein versiegeltes Schreiben überreichend.

»Und was der Inhalt dieses langen Schreibens? Wir haben keine Zeit, dermaßen lange Briefe zu lesen.«

»Mein Herr beklagt die Unmöglichkeit der gegebenen Zusage, – die Marken seiner eigenen Lande werden von Feinden bedroht, auch fürchtet er, vor Herbst keine Hilfe leisten zu können.«

»Etwas besser bemäntelt!« sprach Franz. »Sagt Eurem Herzog schönen Dank für den guten Willen, – Franziskus von Sickingen würde zur Zeit der Lösung seines Wortes eingedenk sein.«

»Wollt Ihr nun meinen Vorschlag annehmen?« sprach Melchior, nach Entfernung des Boten. »Wollen wir, mit dem Schwert in der Faust, uns ritterlich durchschlagen, oder länger noch hinter Schloß und Riegel uns verkriechen?«

»Da kein Entsatz mehr zu hoffen, stimme ich Melchiors Ansinnen bei,« bestätigte Oberstein.

»Noch bleibt zu melden,« sagte Wurtlingen, »daß Windstein die Dachsburg erstürmte und mit seinen Lanzen gegen Landstuhl aufgebrochen ist.«

»Immer besser, – der Rothe fehlt noch, unsere Lage angenehm zu machen,« sprach Sickingen in trotziger Laune. – »Aber still, Melchior, – schweig' mit Deinem Durchbrechen! Ausfälle kannst Du machen nach Herzenslust, – doch aus den eigenen Mauern flüchten? Nein, – bei St. Hubert, in alle Ewigkeit nicht!«

Ein dumpfes Krachen und dann ein Sturz, welcher die Burg wanken und die Erde beben machte, unterbrach Schauenbergs Gegenrede. Das feindliche Geschütz schwieg und das stürmische Triumphgeschrei der Belagerer mischte sich unter die Schreckensrufe der Besatzung. Auf die Edelleute machte der vernommene Einsturz eines Bollwerks, – denn nur diesem Unheil konnte die furchtbare Erschütterung zugeschrieben werden, – solchen Eindruck, daß sie schweigend das Gewölbe verließen und in den Burghof eilten. Hier bot sich ihnen der traurigste Anblick dar. Der Hauptthurm lag in Trümmern, Geschütze und Besatzung unter seinem Schutte begrabend. Selbst die ihn umgebenden Befestigungswerke hatte sein Sturz stark beschädigt oder weggerissen. Die herbeigeeilten Krieger starrten in stummem Verzagen auf die Verwüstung, und ihre hoffnungslosen Blicke auf den Burgherrn verriethen ihre hinschwindende Zuversicht für die fernere Verteidigung.

»Vorwärts Gesellen, – wappnet Euch zum Ausfall!« rief Melchiors weithinschallende Stimme. »Lächerlich wär's, länger noch durch Mauern sich beschützen zu lassen, die ebenso fest sind, wie der Herzog von Bouillon und die bedächtigen Grafen. Auf, – folgt mir, mitten durch das Fürstenlager wollen wir uns eine Gasse hauen!«

Diese Aufforderung, im Tone stürmischen Muthes ausgerufen, richtete die gebeugten Krieger auf, und mit dem Rufe: – »Rühmlicher Tod oder Freiheit,« – legten sie nicht blos ihren Widerwillen gegen die weitere Belagerung an Tag, sondern auch ihre Bereitwilligkeit für das verzweifelte Beginnen, sich durchzuschlagen.

»Langsam Waffengenossen, langsam meine Freunde!« rief Sickingen. »Trotz Stücken und Karthaunen verlasse ich mein Haus nicht. Laßt uns den Schaden verbessern und muthig ausharren!«

»Ausharren, – auf wen ausharren!« sprach Oberstein.

»Nun – bei St. Viktor, Euer weibisches Zittern und Verzagen steckt mich fast an!« rief Sickingen mit blitzendem Auge. »Sinkt Euer Muth schon, meine Herren, wenn verrätherische Freunde uns im Stiche ließen? Habt Ihr nicht so viele Kraft in Euch selber, Verrath, Uebermacht und Mauereinsturz zum Trotz, den Platz zu vertheidigen? Wer spricht vom Räumen der Veste, so lange noch auf zehn Schritte ein Vertheidiger kommt? Wißt, meine Herren, daß ich nicht gesonnen bin, davonzureiten, – eher soll der Schutt des eigenen Hauses mich begraben.«

Auf Sickingens Rede folgte lautlose Stille; selbst Schauenberg sah in verlegenem Schweigen vor sich nieder.

»Ich dächte,« begann Wurtlingen, »wir sollten das Anerbieten der Fürsten nicht verschmähen. Gestern noch boten sie uns ritterliche Haft gegen freiwillige Uebergabe. Nach meinem Bedünken sollten wir diese Gnade nicht zurückweisen.«

»Pfui, – schämt Euch!« schalt Franz. »Zu den Füßen der stolzen Fürstenschaft liegen? Ha, – der Gedanke schon könnte mir den Verstand rauben. Nein, – eher Tod und Verderben, als Gnade!«

Noch schwebte finsterer Unmuth auf Sickingens Stirne, da blitzte es am Berge drüben licht auf, krachend fuhr das Geschoß in die Trümmer des Thurmes, ein abgerissener Balkensplitter zischte durch die Luft und Franz sank mit verhaltenem Schrei zu Boden. Der Splitter war ihm tief in den Leib gedrungen, und des Verwundeten krampfhaft verzogenen Züge bekundeten den furchtbaren Schmerz. Aber kein Klagelaut kam über seine Lippen. Nach mißlungenem Versuche, vom Boden aufzustehen, schien Aerger und Scham über solche Kraftlosigkeit sogar den Sieg über die Peinen der Wunde davonzutragen; denn mit verlegenen, gerötheten Zügen wies er Schauenbergs angebotene Hilfe zurück.

»Dahin ist's mit uns noch nicht gekommen, – wir können noch auf eigenen Beinen stehen. Nur Euern Arm Melchior, – damit ich mit Euch gleichen Schritt halte,« sprach er, auf Schauenbergs Arm gestützt der Burg zuschreitend.

Die schnell hinschwindende Körperkraft unterstützte jedoch nicht weiter Sickingens unbeugsamen Sinn. Nach einigen Schritten brach er zusammen, noch rechtzeitig von Schauenberg umfaßt, dessen Riesenarme, ohne besondere Anstrengung, den Verwundeten in ein festes Gewölbe trugen. Auf das Lager hingestreckt und von den bestürzten Waffenbrüdern umgeben, suchte Franz die Spuren überwältigender Schmerzen durch ein mattes Lächeln zu verdrängen, und die tiefgebeugten Edelleute aufzurichten.

»Wenn der Melchior zur Amme wird,« sprach er, »dürfen wir Alle die Schlafhauben überziehen. – Aber reißt doch keine solche Angstgesichter! Oder macht Euch der Aerger bleich, meine Freunde, daß ich auch einmal die Ehre habe, etwas Blut für die gute Sache zu vergießen?«

Allein die zunehmende Blässe auf Sickingens Angesicht, das allmälige Erlöschen des flammenden Auges, und das Ermatten der klangvollen Stimme, überzeugten die Edelleute von der Gefährlichkeit der Wunde.

»Meister Fabrizius,« sprach Sickingen zum herantretenden Arzte; »leider dürft Ihr mir keine Kugel und keinen Pfeil aus dem Leibe ziehen, sondern nur ein Stückchen Holz.«

»Ja, – ein Stückchen Holz,« brummte Fabrizius nach kurzer Besichtigung der Wunde, »ein armdicker Splitter und eine Oeffnung, durch die man Lung' und Leber sehen kann.«

Mit vieler Behutsamkeit zog Fabrizius den Splitter heraus, wobei Franz die Augen schloß, die Lippen zusammenbiß, aber durch keinen Schmerzenslaut die eingetretene Todesstille unterbrach.

»Was haltet Ihr von der Wunde?« fragte Schauenberg den Arzt, welcher nicht mit der tröstlichsten Miene den Verband zurecht legte.

»Was ich davon halte?« antwortete der mürrische Mann. »Denkt Euch solch ein Balkenstück in den Leib und beantwortet die Frage selber.«

Nach diesem unheilverkündenden Bescheide fuhr der Arzt im Verbinden fort, wurde aber bald von Sickingen unterbrochen, welcher bisher bewegungslos dalag, nun aber im Bette sich plötzlich aufrichtete und mit erhobener Rechten die Aufmerksamkeit der Ritter auf die Vorgänge außerhalb der Burg leitete.

»Hört, – das klingt wie Sturm!« rief er. »Bei Gott, sie haben uns mit blanker Waffe angegriffen! Lorch, seht durch's Fenster; – ha, immer mächtiger braust's heran, – Hölle und Wetter! – und ich muß hier liegen, wie ein altes Weib.«

Aus der Ferne drang verworrenes Lärmen und Getöse in das Gewölbe herein, dem Sturme ähnlich, wenn er durch den Hochwald fährt und kaum stand Lorch am Fenster, als er hastig ausrief:

»Wahrhaftig – der Feind zieht in dichten Haufen gegen das nördliche Thor heran! Auch von Osten her und von Westen ziehen die Hessen und Pfälzer, – das ganze Lager ist in Bewegung.«

Diese Kunde vermehrte Sickingens Aufregung und mit kräftigerer Stimme, als sein Zustand erwarten ließ, mahnte er zum Kampfe.

»Melchior auf – stellt Euch in die Bresche am blauen Thurm! – Oberstein – haue die Söldner am Ostthor zusammen; – Lorch eile an die Bresche beim Kloster, – nieder mit den Schelmen! O – daß ich zu solchem Hinliegen verdammt bin! Kämpft, tapfere Gesellen, – kämpft für unsere Freiheit, gedenkt unserer Schmach,« – rief der verwundete Ritter noch fort, als bereits die Edelleute aus dem Gewölbe gestürmt waren.

»Wenn Ihr so fort tobt und rast,« sprach der Arzt in ernstem Tadel, »werdet Ihr bald mit Eurem gefährlichsten Feinde kämpfen müssen – mit dem Tod!«

»Still, Du lästiger Quacksalber!« schalt Franz. »Bist Du bald fertig mit Deinem Binden und Schnüren? – Mit dem Tod sagst Du? Dem Tode wollte ich noch trotzen, – aber den Fürsten unterliegen, – brächte mir tausendmal eher den Tod, als diese unselige Wunde.«

Er schwieg und horchte auf das verworrene Getöse der Schlacht. Da fiel sein Blick auf eine finstere Gestalt, welche der Thüre zuschlich.

»Wer bist Du, Faullenzer? Komm' heran, feige Memme, die sich in Gewölbe flüchtet, da alle Hände vollauf zu thun haben. – Ah – der Bucer!« sprach er finster, als der Reformator herantrat. »Verflucht die Stunde, worin Thorheit und Vorspiegelung falscher Freunde mir riethen, des Augustiners Fahne neben meinem Banner aufzustecken.«

»Verzeiht, gnädigster Herr!« begütigte Bucer. »Ohne Kampf kein Sieg. Das lautere Evangelium kann nur die Herzen seiner Anhänger dem Beschützer desselben zuwenden, – wie möcht Ihr deßhalb jener Stunde fluchen?«

»Winkelzüge, glatter Mann, – nichts als Winkelzüge. Wißt Ihr nicht, daß unsere mächtigsten Verbündeten alle Hilfe absagten, weil sie keinen Religionskrieg wollen?«

Der Reformator sah bei dieser Kunde betroffen nieder, entgegnete aber schnell mit andächtiger Ueberzeugung: »Gottes Arm ist stark genug, den Verlust reichlich zu ersetzen.«

»Gott – ja Gott!« sprach Sickingen im Augenblicke überraschter Besonnenheit. »In meiner Brust führt Gott eine ganz andere Sprache, als Ihr. – Schlimmer Trost! Und was thut der Sachsenmönch für uns? Läßt er uns nicht in der Klemme stecken? Wo ist sein vielgerühmter Beistand? Wo ist das Heer ausgelaufener Mönche, unsere Mauern zu vertheidigen? Ha, – die feigen Verräther, kein Einziger stellt sich den anstürmenden Feinden entgegen. – Wie furchtbar hallt das Getümmel! Bester Fabrizius, schaut durchs Fenster, – wie steht die Schlacht? Kämpft wackere Genossen, – Melchior, Lorch, Markwart, Hilchen, Gerhard, – kämpft, gedenkt unserer Freiheit!«

Bucer benützte diesen Augenblick, der schlimmen Laune des Burgherrn zu entgehen und verließ nach einer stummen Verbeugung das Gewölbe.

»Nun ist's Zeit, davonzuschleichen!« sagte der Reformator in das Felsengemach tretend, worin Faust eben sorgfältig einen Bündel zusammenschnürte. »Wir müssen ihn aufgeben, – die Bündischen verweigern den Zuzug.«

»Ganz nach meiner Prophezeihung!« entgegnete der Astrologe. »Woher die Nachricht?«

»Aus seinem eigenen Munde! Franz liegt schwer darnieder, – Lung und Leber kann man durch die Wunde sehen.«

»Der arme Schelm!« bedauerte Faust. »Schütteln wir also den Staub von unseren Füßen und verlassen das Haus des Todes. Die Veste kann nicht länger widerstehen und wir dürfen keine Kriegsgefangene werden. – Dort,« – er deutete auf eine Platte, an welcher ein Ring befestigt war, »dort öffnet, geht einstweilen voran – ich folge.«

Der Reformator hob die Platte nicht ohne Anstrengung empor. Ein dunkler, schmaler Gang und abwärts führende Stufen wurden sichtbar.

»Schönen Gruß dem Landgrafen, im Falle Ihr vor mir eintreffen sollt,« sprach Faust, dem Reformator ein Licht überreichend.

Vorsichtig stieg Bucer hinab und allmälig verschwand seine dunkle Gestalt im Boden. – Der Astrologe fuhr fort, die vor ihm liegenden Bücher einzupacken.

»Fahre hin, ohnmächtiges Werkzeug meiner Plane, – morsche Stütze des großen Werkes!« murmelte er. – »Der Landgraf und dessen gleichgesinnte Standesgenossen werden Dich ersetzen. – Ist nur der Bruch im Reiche fertig, dann zittere Rom, – zittere – furchtbare Beherrscherin der Völker! Ein Geist erhob sich aus der Tiefe, dem Deinigen vollkommen gewachsen. – Bald werden aus des Papstes Mund stumpfe Blitze zischen und der freie Geist schafft das alte Wesen um. Der Aberglaube schweigt, und das einsichtsvolle Verneinen der Aufklärung trotzt dem Gesetze und jedem Zwange.«

Ein boshaftes Lächeln belebte des Astrologen Züge und schweigend setzte der eigenthümliche Mann die Vernichtungsgedanken gegen die bisherige Herrschaft des Christenthums fort, schwelgend in der Vorstellung, daß dereinst die antike Götterwelt Altar und Glauben des Erlösers wieder verdrängen würde.

»Beim Siebengestirn, sie haben den Sturm zurückgeschlagen!« sprach er, zu der niederen Oeffnung hingetreten. »Aber umsonst, – sie werden bald mit jenem Römer sagen können: noch ein solcher Sieg, und wir sind verloren!«

Er nahm den Bündel unter den Arm, sah wiederholt im Gemache umher, in welchem viele Bücher zerstreut lagen. Dann stieg er, mit dem Lichte in der Hand, die Treppe hinab, die Platte vorsichtig zufallen lassend.

Der geheime Gang, wie solche gewöhnlich auf Burgen für Nothfälle vorkommen, führte durch den gegenüberliegenden Berg und endete in einem wilden, felsigen Thale. Nur mühsam konnte man durch diesen Ausgang kriechen, der sich in Nichts von den Spalten und Löchern unterschied, die gar vielfach an der jähen Bergwand vorkamen, und vollkommen einer Fuchs- oder Wolfshöhle glich.

Eben als Faust den Lichtfunken erblickte, welcher durch den Ausgang des geheimen Ganges schimmerte, zog durch das erwähnte Thal ein munterer Reitertroß, dem eine Schaar Lanzenknechte folgte. An der Spitze ritt Graf Virnenburg und neben ihm Herr Nikolaus, in lebhaften Farben die Leiden der Gefangenschaft schildernd, bis Windstein mit Hilfe churfürstlicher Truppen die Dachsburg erstürmte und ihm Erlösung gebracht.

Eine Strecke hinter ihnen folgte Heinrich von Windstein an der Seite der schönen Fleckensteinerin, deren Schönheit durch die Gefangenschaft keinen Eintrag erlitten hatte, wenn nicht die kurze Zeit der Freiheit und die Gegenwart ihres heldenmüthigen Retters die Spuren überstandener Leiden schnell verwischte. Mit vielem Geschick ihren Zelter über den steinigen Weg leitend, verlor sie kein Wort aus Heinrichs Mund, ebensowenig beschränkte die Beschwerlichkeit des Rittes den Eifer ihrer Entgegnungen. Oftmals ruhte ihr strahlendes Auge mit Innigkeit und stillem Danke auf dem ritterlichen Befreier, dessen jugendliche Anmuth durch beseligende Gefühle belebt und erhöht wurde.

Den Inhalt ihres Gespräches bildeten die mannigfaltigen Erlebnisse seit der Tagfahrt zu Landau. Ihre gleich warme Theilnahme ob bestandener Gefahren, Entbehrungen und freudenreicher Augenblicke verrieth ihnen gegenseitig die freundschaftlichen Neigungen, die sie für einander hegten und denen allein jene warme Theilnahme entspringen konnte. Hohes Erröthen übergoß wiederholt des Fräuleins Antlitz, wenn Heinrich unbewußt Falten seines Herzens öffnete, in denen die innigste und zärtlichste Liebe zur schönen Reisegefährtin schlummerte. Vielleicht konnte der Junker deßhalb die ihn beherrschenden Gefühle nicht zur Genüge bewachen, weil Margareth, nach des Freiherrn Willen, über manche Umstände im Dunkel gelassen werden mußte und er darum Geheimnisse des eigenen Herzens verrieth, während er behutsam Fleckensteins Geheimnisse bewahrte. Dieses auferlegte Verschweigen bereitete ihm manche Verlegenheit, und die kluge Fragestellerin hatte ihm gewiß schon Manches entlockt, was sie nicht wissen sollte.

»Mein Aufenthalt zu Drachenfels,« sprach sie, »lag im Willen meines Vaters, darum suchte ich die Einförmigkeit desselben in christlicher Geduld zu ertragen. Hiebei müssen natürlich die Kriegszeiten Vieles entschuldigen, besonders aber die Abgeschlossenheit von jedem Verkehr und eine Bewachung, welche für eine Gefangene nicht sorgfältiger hätte sein können.«

»Ueber Langweile solltet Ihr doch nicht klagen,« – versetzte Gertrud, verletzt durch die Geringschätzung ihrer Unterhaltungsgabe; »manche Sage und Erzählung aus grauen Tagen gab Euch mein alter Kopf zum Besten, – du liebe Zeit! Selbst Euer Vater hätte die Schlachten, Riesen und Zwerge nicht besser schildern können.«

»Deine Gabe zu erzählen verdient alles Lob! Doch erwartete ich, Du würdest in Deiner schwierigen Aufgabe, die langsam hinkriechende Zeit zu verkürzen, hie und da von Anderen unterstützt werden,« entgegnete das Fräulein mit einem liebevollen Blicke auf Windstein.

»Unübersteigliche Hindernisse vernichten oft unsere besten Absichten und sehnlichsten Wünsche,« sprach der Junker. »Ich würde mich glücklich geschätzt haben, den einsamen Drachenfels mit dem Schlachtfelde und das Schwert mit Anwendung meiner geringen Unterhaltungsgabe haben vertauschen zu dürfen.«

»Beides hätten wir brauchen können,« meinte Gertrud; – »besonders Euer Schwert, um die Knechte jenes listigen, elenden Frankenritters zu züchtigen. Wäre unser Herr nicht rechtzeitig dazwischen gekommen, so hätten uns die Schelme hinters Licht geführt; denn sie gaben vor, auf den Fleckenstein uns zu geleiten, indeß sie uns sicherlich dem räudigen Frankenwolf überliefert hätten. – Und gar,« – setzte die Zofe mit steigendem Unwillen hinzu, »als die Reiterschaar des Sickingers auf der Heimreise uns aufhob! Heilige Mutter Gottes, wie hab' ich Euch da zu unserer Befreiung herbeigewünscht! Euer starkes Schwert wäre zumal mit ihnen fertig geworden, – ja, Euer bloßer Anblick hätte die Schelme davon gejagt, und die Haft zu Dachsburg wäre uns erspart worden.«

»Das übertriebene Urtheil vom Schrecken meines Namens und meiner Kraft angenommen,« entgegnete Heinrich, »würde Euch meine Dazwischenkunft nur das hohe Verdienst entzogen haben, durch freiwillige Gefangenschaft die Treue gegen Eure Gebieterin zu bewähren.«

Getrud nahm dieses Lob in allem Ernste hin, weil sie es entweder in vollem Sinne zu verdienen meinte, oder der Ansicht war, die Zofe müsse von Jenen gelobt werden, welche die Gunst der Gebieterin erworben oder sich darin erhalten wollen. Bescheiden ging sie jedoch über das gespendete Lob hinweg, das unterschobene Verdienst als pflichtmäßigen Gehorsam darstellend.

»Meine Schuldigkeit ist's, Herr Junker, meiner Gebieterin überallhin zu folgen und wär's in die Gefangenschaft bei den Türken. Gott sei aber gepriesen, daß ich ihr zu einer Feierlichkeit nicht folgen mußte, die mir schrecklicher gewesen wäre, als das Höllenfeuer und die mich ohne Zweifel würde in's Grab gebracht haben.«

Hier fiel das mit weißen, zarten Federn geschmückte Barett der Fleckensteinerin auf den Boden. Indeß Windstein vom Pferde sprang und das Barett aufhob, warf Margareth der Zofe einen strafenden warnenden Blick zu. Gertrud brummte zwischen den Lippen, unwillig über den ihr auferlegten Zwang.

»Nun ja,« – murrte sie endlich lauter, »weßhalb soll man verschweigen, daß Hutten ein nichtswürdiger Schuft ist? Ja – ein recht häßlicher, unchristlicher Laffe ist jener Frankenritter. Man sagt, er und der Astrologe Faust hätten mit dem Teufel einen Bund geschlossen, um alle Kirchen und Klöster niederzubrennen und das Christenthum von der Wurzel aus zu zerstören. – Hätte der Nichtswürdige unseren Aufenthalt zu Dachsburg entdeckt, ohne Zweifel würde er einen ähnlichen Bubenstreich, wie zu Drachenfels, versucht haben.«

»So viel mir bekannt, besuchte jener Edelmann öfter die Dachsburg, während Eures dortigen Aufenthaltes,« sprach Windstein, erstaunt über Gertruds Aeußerung, die seiner gemachten Erfahrung widersprach.

»Nicht doch, Herr Ritter!« entgegnete des Astrologen Famulus, welcher mit der Anhänglichkeit des Hundes neben dem neuen Herrn herlief. »Hutten ist seit Triers Belagerung mit Sickingen zerfallen, und was ihr erfahren habt, beruht auf Täuschung; – Faust versteht's vortrefflich, die Leute hinters Licht zu führen.«

»Hört – das Geschütz schweigt!« sagte das Edelfräulein, ein Gespräch abbrechend, das ihr lästig fiel. »Möchte die eingetretene Ruhe die Erstürmung der Veste bedeuten, im Falle Ihr auf dem Vorsatze beharrt, am Kampfe Theil zu nehmen.«

 »Mein Vorsatz beruht auf eingegangenen Verpflichtungen,«

»Mein Vorsatz beruht auf eingegangenen Verpflichtungen,« entgegnete Windstein. »Ohne das Versprechen, bis zur Beendigung des Krieges am Kampfe mich zu betheiligen, hätte Churfürst Richard das Belagerungszeug zur Erstürmung der Dachsburg nicht abgetreten. Ausgeschlossen von dieser Verpflichtung bleibt indeß die Zeit, welche ich Eurem Dienste und Geleite bis nach Fleckenstein weihen darf.«

Während des Fräuleins Blick voll Besorgniß und Angst auf dem Ritter ruhte, und die Gefahren des nahen Schlachtfeldes für den edelmüthigen Befreier sie schreckten, entstand plötzlich hinter ihnen ein Lärmen und Getöse. In der Meinung, von Feinden angegriffen zu werden, vertraute Windstein die nähere Beschützung Margareths einigen erprobten Kriegern, indeß er sich anschickte, an den Ort des Hinterhaltes zu eilen. Sogleich zeigte sich aber, daß der entstandene Lärm einem Wolfe galt, welcher zwischen die Linie der Krieger und die gegenüber sich aufthürmende Felsenwand gerathen war. Von Bolzen und Pfeilen verfolgt, rannte das Raubthier in scheuer Flucht daher, geschickt die herabgestürzten Felsblöcke zu seinem Schutze benützend, indem es, dazwischen hinkriechend, seine Flucht fortsetzte.

»Deine Armbrust!« rief Heinrich dem Famulus zu, nicht frei von einiger Eitelkeit, vor den Augen des schönen Fräuleins seine Waidmannskunst zu zeigen.

»Nur her – schnell!« drängte der Jüngling, als der Famulus vermittelst der Winde den Stahlbogen spannen wollte. Zum Erstaunen aller Krieger spannte des Ritters starke Hand ohne Hilfe des Hebels den Bogen, legte den Pfeil in den Lauf und schoß denselben im nämlichen Augenblicke ab, als der Wolf in die Höhle sprang, welche den Ausgang des geheimen Ganges bildete, der nach Landstuhl führte. Zischend durchschnitt das Geschoß die Luft und ein dumpfes, kurzes Gebrüll verrieth, daß es sein Ziel nicht verfehlt habe.

»Der Pelz gäbe für mich ein gutes Winterkoller,« meinte der Famulus, mit einem bittenden Blicke auf seinen Herrn, den Zug verlassen zu dürfen. Der Junker nickte bejahend, worauf der Knecht in Begleitung eines Armbrustschützen der Höhle zueilte.



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