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Schreckliches.

 

Ihr Anschlag Herr zu nichte mach',
Laß sie treffen die böse Sach'
Und stürz' sie in die Gruben hinein,
Die sie machen den Christen Dein.

Luth. Lied.

 

Windstein hatte bei der Rückkehr seine Felsburg zwar nicht von Feinden umlagert, wohl aber einen Fehdebrief gefunden, worin mehrere Adelige der Nachbarschaft, als Mitglieder der landauer Einigung, ihm absagten und ihre feindlichen Angriffe in nahe Aussicht stellten. In der That zog nach einigen Tagen ein starker Haufen Krieger durch das Thal herein, stellte sich außer Schußweite der Burg in Schlachtordnung, ließ mehrere Herausforderungen blasen, kehrte aber eiligst zurück, als Windstein an der Spitze seiner Reisigen die Veste verließ. Diese Neckereien des Feindes wiederholten sich von Zeit zu Zeit, so daß die Absicht hervorzuleuchten schien, den Burgherrn stets in Athem zu halten und ihm zu beweisen, daß seine Entfernung und die Entblößung der Veste von Vertheidigern deren Zerstörung herbeiführen würde. Wahrscheinlich erdachte Sickingen diese List, um seinen gefährlichsten Gegner in den eigenen Mauern fest zu bannen.

Seit der nächtlichen Unterredung Heinrichs mit Faust war in dem Wesen des Ersteren allmälig eine höchst traurige Veränderung vorgegangen. Gebeugten Hauptes schritt der Jüngling durch die Gänge und Hallen der Burg, welche er sonst sogar in Tagen des Friedens mit Waffenlärm erfüllte. Oft saß er Tage lang an derselben Stelle in düsteres Hinbrüten versunken, und gab auf gestellte Fragen ganz verkehrte Antworten. Die blühende Gesichtsfarbe der Jugend verging, und seine Haltung glich immer mehr jener des vom Schicksale tiefgebeugten Mannes.

Der getreue Rottmeister beklagte sehr das Leiden seines Herrn, wofür es kein Heilmittel gebe; denn er behauptete steif und fest, Faust habe ihm diese Krankheit angezaubert. Nicht minder schmerzte dieses hinsiechende Leiden den Cisterzienser Fidelis, denselben, welchen Heinrich zu Landau dem Feuertode entriß und der nach Zerstörung Stürzelbronns zu Windstein Schutz gefunden. Vergebens suchte der gute Mönch die Ursache dieses auffallenden Benehmens dem Burgherrn zu entlocken; denn der kluge Cisterzienser erkannte bald, diese liege nicht im Bereiche des Körpers, sondern des Seelenlebens. Ließ sich der gutmüthige Greis, durch Theilnahme und Anhänglichkeit verleitet, zu ungewöhnlich zudringlichen Bemühungen hinreißen, ihm, dem geistlichen Vater das Herz zu öffnen, so erröthete der Jüngling und suchte durch ausweichende Antworten dem Fragesteller zu entgehen. Diese Zurückhaltung Heinrichs gegen Fidelis entsprang jedoch keineswegs dem Mangel an Vertrauen; er kannte vielmehr dessen Liebe zu ihm, er schützte ihn hoch und erblickte gleichsam einen Heiligen in dem gemarterten Bekenner seines Glaubens, dem er ohne tiefe Beschämung jene Neigungen nicht enthüllen durfte, welche der Priester, an erhabene Betrachtungen und Entsagungen gewöhnt, nicht verstehen oder mißbilligen würde. Wahrscheinlich hätte der Cisterzienser niemals oder zu spät die Ursache von Heinrichs Leiden erfahren, welche täglich einen schlimmern Charakter annahm, würde ihm nicht Kurd zufällig den Schlüssel dazu geliefert haben. Bald kannte der Mönch das ganze Verhältnis des Junkers zu Margareth von Fleckenstein; auch über Windsteins Unterredung mit Faust berichtete Kurd, was er wußte.

In Folge der gewonnenen Kenntniß begab sich Fidelis zum Burgherrn, der eben wieder einen vollen Tag ohne Speise und Trank im Gemache verlebt hatte.

»Mein Sohn!« begann der greise Mönch in mildem Ernste. »Du hättest mir nicht verschweigen sollen, was Dich drückt, – gewiß hätte sich längst ein Mittel der Heilung gefunden.«

»Dank für Eure Theilnahme, ehrwürdiger Vater!« entgegnete trübe der junge Mann. »Obwohl Eure Heilkunde alles Vertrauen verdient, möchte jenes kostbare Kraut in unseren Bergen doch nicht zu finden sein, das mir, – ich gestehe es, die verlorne freudige Stimmung wiedergibt!«

»Du sprichst von Kräutern, mein Sohn!« entgegnete der Greis, an Heinrichs Seite sich niederlassend. »Blumen gehören auch zur Pflanzenwelt und gar schön werden edle Menschenseelen mit Blumen verglichen. Wie meinst Du, wäre die reine Lilie von Fleckenstein nicht im Stande, Deine Heilung zu erwirken?«

Der Junker schlug das Auge nieder und erröthete.

»Endlich gelang es mir, Dein Geheimniß zu entdecken,« fuhr der Greis fort. »Deine Wahl ist lobenswürdig; denn sie fiel auf eine fromme reine Jungfrau. Eure erzwungene Trennung ist gewiß von kurzer Dauer und mit Unrecht gibst Du Dich solchem Trübsinn hin.«

»Verzeiht, ehrwürdiger Vater!« sprach der Jüngling, erfreut und überrascht über die Art und Weise womit der Mönch diesen Gegenstand besprach. »Nicht eine kurze Trennung ist Ursache meiner Trauer. Wißt, Sickingen hat den Freiherrn in Haft geworfen, Margareth theilt freiwillig die Gefangenschaft ihres Vaters, den er nur unter der Bedingung freigibt, daß das Fräulein,« – seine Stimme stockte und erst nach einiger Anstrengung setzte er hinzu: dem nichtswürdigen Hutten die Hand reiche.«

»Eine höchst unchristliche und schändliche Bedingung!« sprach der Cisterzienser.

»Franz hat jedoch einen Ausweg offen gelassen,« fuhr Windstein fort. »Im Falle ich der Empörung beitrete, soll der Freiherr der Haft entlassen werden und dem Fräulein freie Wahl bleiben.«

»Nun begreife ich Dein Leiden, mein Sohn!« sprach der Mönch tief gerührt. »In der That muß Dein Kampf zwischen Pflicht und Liebe furchtbar gewesen sein. – Deine Liebe zu jener gottesfürchtigen Jungfrau ist gewiß edel, rein und Deiner erhabenen Gesinnung würdig,« fuhr der Greis nach kurzem Stillschweigen in demselben milden, tröstenden Tone fort. »Deßhalb bin ich fest überzeugt, daß die Vorsehung Deine schweren Kämpfe, welche ja nur im Widerstreite gegen jenes gottlose Ansinnen bestanden, durch Erfüllung Deines sehnlichsten Wunsches hienieden krönen wird.«

Wie herabfallender Thau verwelkende Blumen erquickt, so belebten die Worte des Mönches das Gemüth Heinrichs. Er richtete das gebeugte Haupt empor und zum erstenmale, seit langer Zeit, leuchtete aus seinem Auge hoffnungsvolle Zuversicht.

»In der That möchte nur der Allmacht möglich sein,« sprach er, »eine günstige Wendung herbeizuführen. Sickingen scheint Alles an meiner Beihilfe zum reichsverrätherischen Unternehmen zu liegen; er wußte mich an der empfindlichsten Seite zu packen und Franz besitzt Entschiedenheit genug, seine Drohungen durchzuführen. Das Fräulein wird Ulrich ihre Hand nicht versagen, um ihren Vater ewiger Gefangenschaft zu entreißen. Und so,« – schloß er mit einem schweren Seufzer, »wird Margareth entweder Huttens Weib, – oder ich werde meineidig gegen den Kaiser und abtrünnig vom Väterglauben.«

»Beide Fälle werden nicht eintreten, mein Sohn,« sagte Fidelis mit Bestimmtheit. »Nicht entfernt darfst Du in Gedanken an die Möglichkeit von Handlungen einwilligen, welche Dein Gewissen schwer belasten würden. Sei überzeugt, die allgütige Vorsehung, in deren Hand das Geschick der Völker, wie des Einzelnen ruht, kennt Wege genug, um ohne Verletzung der heiligsten Pflichten Deine Bitten zu erfüllen.«

In dieser Weise setzte der gute Alte das Gespräch noch eine Weile fort, zur sichtlichen Erhebung und Beruhigung des Tiefgebeugten. Wenn Heinrich in das verstümmelte Angesicht des Greises blickte, der beinahe ein Märtyrer seines Glaubens geworden wäre, – wenn er das heilige Feuer seiner Augen betrachtete, das ihn zu erwärmen schien, und wenn er den milden Trost und die Weisheit seiner Worte erwog, empfand er neben gewonnener Seelenstärke auch einigen Tadel über bewiesene Feigheit. Diese Unterredungen wiederholten sich, und ihre Wirkungen waren erstaunlich. Die trübe Stimmung wich allmälig, die frühere Heiterkeit, die blühende Gesichtsfarbe kehrte zurück und er sah mit Vertrauen der Zukunft entgegen.

Ungefähr drei Monate nach dem eben erwähnten Gespräche, trat der Astrologe Faust unerwartet und plötzlich vor den jugendlichen Burgherrn. Heinrich erschrack bei dessen Anblick, als sei ein Bote des Todes und Verderbens vor ihm erschienen. Diese peinigenden Gefühle beruhten wohl auf dem Umstande, daß sein Entschluß feststand, in das ehrwidrige und gewissenlose Ansinnen nicht einzugehen, obwohl noch keine Möglichkeit vorlag, das Edelfräulein dem unselig drohenden Geschicke zu entreißen. Zum weiteren Verdrusse des Junkers war gerade Fidelis mehrere Tage abwesend und er sah sich, ohne den leitenden Rath des klugen Mönches, der Arglist des Gelehrten hingegeben.

»Ihr werdet mit mir zufrieden sein,« begann Faust, nach üblicher Begrüßung. »Unter allen Boten des nahen Frühlings bin ich wohl der erste und hoffe, daß Eure Entscheidung, wozu Ihr lange Bedenkzeit gehabt, Eure frühlingsfarbigen Aussichten nicht zerstören wird.«

»Eure Forderung verdient immer dieselbe verneinende Antwort,« entgegnete Heinrich schnell, als fürchte er, die verzögerte Entscheidung möchte seinen Entschluß wankend machen.

»Ihr wollt also die schöne Fleckensteinerin dem elendesten Loose preis geben?« rief der Doktor mit erheucheltem Staunen. »Die edelste Jungfrau soll das unglücklichste Weib geben, – unglücklich deßhalb, weil sie Euch mit glühender Liebe zugethan ist? Junger Mann, – Eure Handlungsweise verdient einen Namen, den ich nicht aussprechen mag.«

»Verurtheilt mich immerhin, – ich kann nicht anders!« sprach Windstein, nach Fassung ringend und mit den Zeichen qualvollen Seelenschmerzes im Angesichte.

»Ihr könnt nicht anders? Wollt Ihr ehrenfester sein, junger Mann, als mancher ergraute Degen, der für des Adels Freiheit in den Kampf zieht, – gewissenhafter, als mancher Prälat, welchen das lautere Evangelium zu seinen ergebensten Anhängern zählt?«

»Ueber Andere steht mir zwar kein Urtheil zu, doch sollen Andere auch nicht Maßstab meiner Handlungsweise sein,« entgegnete Windstein. »Indessen,« – fuhr er fort, »klingt Eure Darstellung von Margareths Lage gar zu märchenhaft. Am wenigsten leuchtet mir Huttens Bewerben ein; gab doch dieser Edelmann sein Ehrenwort, den Waasgau für immer zu verlassen.«

»Sein Ehrenwort?« lachte der Doktor. »Als ob Huttens Ehrenwort irgend ein Gewicht hätte! Ich sage Euch, dieser Mann ohne Ehre wird der Gatte jenes Weibes ohne alle Makel. – Jetzt schon, – dies dürft Ihr wissen, – jetzt schon, wohnt er mit ihr unter demselben Dache.«

Diese Bemerkung brachte den Junker außer aller Fassung, er wechselte wiederholt die Farbe, indeß sein Auge wild aufflammte.

»Das lügt Ihr!« rief er aus. »Niemals wird der Freiherr die Luft athmen, welche Ulrichs Gegenwart verpestet.«

»Allen Dank für Euer Lob!« sprach Faust, vor dem Burgherrn mit höhnischem Lächeln sich verbeugend. »Das lüge ich, – natürlich, weil es dem Herrn Ritter nicht angenehm klingt. Indessen könnt Ihr Euch von der Wahrheit meiner Aussage überzeugen.«

»Ihr wollt mir den Fleckensteiner und dessen Tochter in Huttens Gesellschaft zeigen?« rief der Jüngling im hohen Grade betroffen.

»Allerdings!«

»Euer Anerbieten ist angenommen!«

»Gut,« entgegnete Faust hinterlistig lächelnd. »Mit Sonnenaufgang treffen wir uns morgen früh bei der Tannenbrücke, – bedinge mir aber aus, daß Ihr ohne Begleitung kommt.«

»Ohne Begleitung? Warum dies?«

»Fürchtet Ihr etwa Verrath?« that der Doktor beleidigt. »Obwohl ich kein ehrenfester Edelmann bin, wird doch keine Angelegenheit von weit größerer Wichtigkeit mich zum Verrath gegen jene verleiten, die sich meiner Leitung anvertrauten. Indessen ist es meine fernere Bedingung, daß Ihr vollständig gewappnet erscheint. Der Grund zu diesen Maßregeln soll Euch später klar werden.«

Windstein versprach am bezeichneten Orte sich einzustellen. Der Doktor verließ die Burg, ohne Heinrichs Einladung zum Imbiß anzunehmen.

Am folgenden Morgen fand sich der Junker an der Tannenbrücke ein, wo er bereits den Astrologen und dessen Famulus traf. Letzterer hatte einen weiten Sack vor sich auf dem Pferde liegen, der keinen unbedeutenden Vorrath von Lebensmitteln enthielt. Faust entgegnete Windsteins Gruß mit kalter Höflichkeit, worauf die Reisenden sogleich aufbrachen.

Den Junker beunruhigte nicht entfernt der Gedanke, er möchte unvorsichtig in die Hände von Feinden sich geliefert haben, denen viel an seinem Untergange lag, im Falle er jede Theilnahme an der Empörung zurückwies. Das lebendige Interesse des liebenden Jünglings am Schicksale Margareths verhinderte diesen nahe liegenden Argwohn, ja so ausschließlich beschäftigte ihn das Fräulein, daß er kaum die Wege beachtete, welche sie einschlugen. Während die reizende Gestalt der Jungfrau durch die freiwillig übernommenen Leiden nur liebenswürdiger seiner Einbildungskraft vorschwebte, fühlte er sich zu den kühnsten Entschlüssen für ihre Befreiung angetrieben. Die Hindernisse, welche seinen Planen entgegenstanden, entgingen ihm zwar nicht; denn jedenfalls war der Aufenthaltsort des Freiherrn eine feste, durch starke Hut bewachte Burg. Allein die Jugend schreckt vor den gefährlichsten und tollkühnsten Unternehmungen nicht zurück, sobald dieselben zur Befriedigung glühender Wünsche überwunden werden müssen. Anderseits erfüllte ihn das Bewußtsein mit unaussprechlichem Glücke, bald jener nahen zu dürfen, deren Vorzüge und hohe Eigenschaften seine Liebe so sehr verdienten.

Während der ganzen Reise war der Astrologe sehr wortkarg, was Heinrich, dessen Stimmung und Betrachtungen kein Gespräch zuließen, kaum bemerkte. Der Doktor ritt immer voraus und schien absichtlich selten betretene Pfade zu wählen. Kein Dorf, kein Weiler kam ihnen zu Gesicht, keine Seele begegnete ihnen, und Windstein wußte längst nicht mehr, wo er sich befand.

Nachdem sie zweimal im Laufe des Tages gerastet, wurde beim nahen Sonnenuntergang abermals an einem wildromantischen Platze der Vogesen Halt gemacht. Der Junker warf eben einen forschenden Blick auf die sonderbar gestalteten Felsen umher, welche über den Bäumen in der Form von verwetterten Säulen und riesigen Tischen emporragten, als ein Bursche aus dem Gehölze hervortrat. Faust wechselte geheime Worte mit ihm, worauf der Unbekannte verschwand. Dieser Umstand erregte zum erstenmale Heinrichs Verdacht; denn der wildaussehende Bursche hatte ihm wiederholt finstere Seitenblicke zugeworfen, und der Ort war für einen Hinterhalt ganz geeignet. Faust saß dem Ritter auf dem Felsenstück gegenüber und schien dessen Argwohn zu errathen.

»Weßhalb legt Ihr den Helm nicht ab?« brach der Doktor das Stillschweigen. »Was im Streite schützt, hindert beim Essen.«

Diese Ansprache war nicht geeignet, Heinrichs erwachten Argwohn zu vermindern und Faust scharf in's Auge fassend, entgegnete er:

»Da mir diese Gegend völlig unbekannt ist und alle Mitglieder der Adelseinigung meine geschworenen Feinde sind, dürfte einige Vorsicht nichts schaden.«

»Wahr, – zumal in unserer Nähe eine starke Abtheilung der Bündischen lagert; denn Sickingen sagte dem Churfürsten von der Pfalz ab und der Krieg ist bereits im besten Fortgange begriffen.«

»Wir befinden uns auf dem Gebiete des Churfürsten?«

»An dessen Grenze, – des Pfälzers Gebiet liegt bereits hinter uns!«

»Wie ist dies möglich?« rief Heinrich verwundert. »Der beste Renner vermöchte nicht, in so kurzer Zeit des Churfürsten Land zu durchfliegen.«

»Auf den gewöhnlichen Wegen freilich nicht,« – entgegnete Faust, diesen Gegenstand abbrechend. »Begegnet uns kein Unfall, so erreichen wir mit Tagesanbruch den Aufenthaltsort der hübschen Fleckensteinerin.«

Nach diesen Worten erhob sich Faust mit dem Bemerken, daß die Reise erst bei vollständig eingebrochner Nacht fortgesetzt würde. Bis dahin möge sein Pferd zum anstrengenden Ritte sich erholen und an dem Futter gütlich thun, welches durch Zauberspruch an diesen einsamen Ort plötzlich gebracht worden zu sein schien.

»Meine Abwesenheit ist auf kurze Zeit nothwendig, – ruht indessen ohne alle Besorgniß vor Hinterhalt,« schloß der Astrologe mit seinem gewöhnlichen spöttischen Lächeln und verschwand gleich darauf im Gehölz.

Windstein fühlte einigen Vorwurf, dem unheimlichen Mann das Weggehen gestattet zu haben, dessen Person er, im Falle eines feindlichen Anfalles, als Geißel für seine Sicherheit hätte in seine Gewalt bringen können. Dieser Vorwurf war jedoch schnell vorübergehend und bald überließ er sich wieder jenen Empfindungen, die ihn auf der ganzen Reise begleitet hatten.

Der Astrologe schritt indessen zwischen bemoosten Baumstämmen mit der Miene eines Menschen hin, welcher einer Handlung von außerordentlicher Wichtigkeit und zwar mit dem regsten Interesse entgegengeht. Mit der Schnelligkeit und Sicherheit des geübten Bergsteigers folgte er dem Wildpfade, welcher manchmal an jähen Abhängen hinzog und zwischen engen Felsenklüften hinkroch, bis er endlich zur Höhe führte. Unwillkürlich stand hier Faust still, bei dem überraschenden und überaus großartigen Anblicke, der sich darbot.

In der Mitte eines ziemlich breiten Thales lag kein unbedeutendes Dorf, das sich im Laufe der Zeit um die grauen Klostermauern gebildet, welche in stolzer Demuth auf einer mäßigen Erhebung des Bodens emporstiegen. Dieses Dorf stand in vollen Flammen. Das Feuer schien an verschiedenen Punkten zu gleicher Zeit angelegt worden zu sein; denn das gefräßige Element, durch einen kräftigen Ostwind zur vollen Macht entfesselt, hatte den ganzen Ort gleichsam verschlungen und einem Feuerofen ähnlich gemacht. Hie und da stiegen einzelne, ungeheure Flammensäulen hoch über die gemeinsame Oberfläche des Feuermeeres empor, zuletzt züngelnde Feuerzacken bildend, welche gierig gegen Himmel leckten, bis sie mit dumpfem Brausen einstürzten, um an andern Stellen wieder emporzusteigen. Bald erhoben sich an verschiedenen Punkten dichte Rauchsäulen, und diese vereinigten sich am brennenden Himmel zu glühenden Wolken, welche weithin über der Gegend schwebten. Eine wilde Rotte, gleichsam aus den Flammen emporsteigend, nahte dem Walde und jetzt verließ Faust, welcher bisher wohlgefällig das prächtige Schauspiel betrachtet, seinen Standpunkt. Vorsichtig schritt der Doktor in der hereingebrochenen Dunkelheit vorwärts, bis er endlich an einer Stelle stehen blieb, die bereits die Fackeln des nahenden Haufens beleuchteten. Das Gebirge bildete hier einen sogenannten Bergkessel, der gegen das brennende Dorf hin offen stand. Die drei übrigen Seiten des Kessels umschlossen hohe Felsenwände und in der Tiefe lag ein schwarzer See, über dessen Oberfläche bleiche Lichtstrahlen hin zuckten. Ausgehöhlte und verkrüppelte Eichstämme umgaben den Astrologen, deren Wurzeln, riesigen Schlangen gleich, aus den Spalten des Gesteins in vielfachen Krümmungen hervorwuchsen und sich zuweilen um hervorspringende Felsenzacken schlangen. Auf der gegenüber liegenden Seite stand ein finsterer, halbverfallener Thurm, dessen westliche Seite die Gluth des Feuers und der nahenden Fackeln röthete.

Gegen diesen Thurm hin zog der lärmende Haufen, der zum Theil aus Kriegern bestand, wie das Schimmern der Waffen und Rüstungen zeigte. Mit stillem, häßlichem Lachen musterte Faust mehrere Frauengestalten, die unter Stößen und herzlosem Hohn vorwärts getrieben wurden. Obwohl die Gewänder zerrissen um die mißhandelten Leiber hingen, verriethen sie dennoch die Ordensfrauen. Unmittelbar vor ihnen her, als wolle er den Weg zeigen, schritt im dunklen Kleide und in stolzer Haltung ein Prediger des lautern Evangeliums, dessen Gegenwart viel dazu beitrug, die Qualen der Nonnen zu vermehren, durch die ihre Peiniger den Abscheu gegen die vermaledeiten Papisten zu erkennen gaben.

Am Thurme angelangt, der gerade an der höchsten Stelle des Felsens über dem See erbaut war, machte die Rotte Halt. Im Halbkreise um die Nonnen sich schaarend, drängten sie dieselben hart an den Rand des Abgrundes. Die Klosterfrauen waren paarweise zusammengebunden und hatten gewichtige Steine am Halse hängen, um sie schneller in die Tiefe des See's hinabzuziehen. Der schwarz umwölkte Himmel gestattete nicht, daß Mond- oder Sternenlicht die Pechfackeln bei Beleuchtung der düstern Scene unterstützte. Ihre flackernden, rothen Flammen zeichneten daher die verwilderten und fanatischen Züge der Peiniger noch häßlicher und abschreckender. Manche schwangen die Fackeln um die zitternden Nonnen, wobei sie ein herzloses, schadenfrohes Lachen ausstießen, wenn herabträufelndes, brennendes Pech auf die Frauen niederfiel und diesen kurze Schmerzenslaute erpreßte. Andere blickten in stillem, grausamen Lächeln auf die wehrlosen Opfer, als ließen sie, zur Erhöhung des Genusses, das nahende, schreckliche Schauspiel zum Voraus an ihrer Einbildungskraft vorübergleiten.

Den sprechendsten Gegensatz zu der wilden Umgebung boten die Opfer des Fanatismus. Obwohl geknebelt, blutig geschlagen und am Rande des Abgrundes, der sie verschlingen sollte, bewiesen die Ordensfrauen außerordentlichen Muth und eine für ihr Geschlecht wunderbare Seelenstärke. Keine Mißhandlung zerstörte die ergebene Ruhe, welche auf ihren Angesichtern thronte. Und wenn auch manchmal das auf der Haut noch fortbrennende Pech augenblicklich diesen Ausdruck des Friedens in jenen der Qual verwandelte, so trat doch bald wieder die vorige, ergebene Ruhe ein. Oftmals blickten sie gegen den Himmel, der sich ihnen bald öffnen sollte, – der Name Jesu, als dessen Bräute sie in den Tod gingen, gleitete oft über ihre Lippen und schien sie mit Kraft und Muth zu erfüllen. Besonders rührend war hiebei das Benehmen einer jüngeren Klosterfrau, welche mit der hochbetagten wankenden Priorin zusammengebunden war. Da nämlich die Matrone das Gewicht des am Halse hängenden Steines nicht zu tragen vermochte, übernahm die Jüngere noch diese Last zu der ihrigen.

Die fanatisirte Rotte brüllte unterdessen in die Nacht eines jener Lieder hinaus, in denen zum Verderben der römischen Kirche und deren Anhänger aufgefordert wurde. Nach Beendigung des Gesanges trat der Prediger vor, und seine ernste Miene schien dem Ganzen den Anschein einer religiösen Handlung geben zu wollen.

»Stünden doch alle Metzen und Teufelsbuhlen an Eurem Platze,« begann er; »erfüllt würde dann der sehnlichste Wunsch unseres heiligen Meisters, Martin Luthers, der da sagt: ›Die Klöster sind die Erzbuhlenhäuser Satanä. Der Grund aller Klostergelübde ist Unglaube, Gotteslästerung und Verachtung des Evangelii. Nonne werden heißt nichts anders, als Christus verläugnen und ein Jude werden.‹ IV. Witt. A. S. 182-184. – Da Ihr also nach unseres heiligen Meisters Ausspruch, Ungläubige, Gottesläugner und Erzbuhlen des Teufels seid, so begegnet Euch nichts billiger, als von der Erde ausgerottet und der Hölle übergeben zu werden, der Ihr gedient habt. Nur Eins noch kann Euch retten,« – fuhr der Prediger in milderem Tone fort: »entsagt zur Stelle Eurem Unglauben und Eurer Teufelslehre, nehmt den alleinseligmachenden Glauben des lauteren Evangeliums an, und Ihr sollt durch die Höllenpforte nicht eingehen, die für Euch schon offen steht.«

Hier schwieg er, und die ängstliche Erwartung der Säuberer vom Wuste des Papstthums bewies, daß sie fürchteten, es möchte ihnen durch die schnelle Bekehrung ihrer Opfer die Gelegenheit entgehen, ihren Eifer zu bethätigen. Die Furcht war jedoch grundlos; die Ordensfrauen blieben verstockt und verschmähten die angebotene Gnade.

»Ihr schweigt? – Natürlich!« fuhr der Prediger fort. »Denn Jahre lang habt Ihr im Bündnisse mit dem Teufel gelebt, Jahre lang war't Ihr Satansbräute, wie abermals unser heiliger Martinus sagt, A. a. f. 194. b. – 195. – darum sollt Ihr auch jetzt zur Hölle fahren. Fort, – hinweg mit ihnen!« rief er mit steigender Leidenschaft aus. »Hinab mit diesen Metzen und Satansbräuten! In ewigem Schwefel und Pech sollen sie braten und sieden, – bei Würmern und Molchen sollen sie heulen und zähneknirschen.«

Die Verwünschungen des Predigers wurden durch das Getöse der Rotte unterbrochen, welche ihre Opfer an den äußersten Rand des Abgrundes in einer Reihe aufstellte. Die Ordensfrauen erhoben ihre Blicke zum Himmel, der Boden wich unter ihren Füßen und sie stürzten zumal in die Tiefe. – Lautlose Ruhe folgte diesem Sturze; Alle horchten hinab gegen den See, als wollten sie am letzten Angstgeschrei ihrer Opfer sich ergötzen. Aber kein Klagelaut unterbrach die Stille, – einige dumpfe Stöße ausgenommen, wenn die hinabstürzenden Körper hervorragende Felsenzacken trafen. Zuletzt erfolgten mehrere, plätschernde Schläge, zum Zeichen, daß die Märtyrer ihres Glaubens aller Qual überhoben waren.

»Gottes Gnade Euch zu Lohn!« rief der Prediger in begeistertem Tone aus. »Abermals habt Ihr im Blute der Papisten Eure Hände gewaschen, – abermals habt Ihr, Söhne Gottes, dem Geschwürm der römischen Sodoma einen tüchtigen Puff versetzt! Darum verkünde ich Euch, im Namen unseres Meisters, Gottes Gnade zu Lohn.« Luthers Ablaßbulle Jen. A. Th. II. f. 120-125.

Zum Schlusse drückte die neugläubige Rotte in einem Spottliede ihre evangelische Gesinnung aus, und kehrte auf demselben Wege zu den Trümmern des Dorfes zurück, woher sie gekommen.

Faust hatte mit Entzücken das Schauspiel betrachtet und wiederholt seine Befriedigung vor sich hingemurmelt. Am Schlusse der Handlungen brach er in laute Aeußerungen der Freude aus.

»Ein göttliches Schauspiel!« rief er. »Dank dir, großer Augustiner, – selbst Faust möchte sich vor deinem Geiste beugen und dir im großen Zerstörungswerke den Vorrang einräumen! – Ja stünden sie alle dort – stünde die ganze römische Kirche am Rande jenes Felsens und es bedürfte nur meiner Hand, um sie in den Abgrund zu stürzen, – wär's auch nur, um den Propheten von Nazareth Lüge zu strafen, daß selbst der Hölle Pforten nichts wider sie vermögen.«

»Ein höchst christlicher Wunsch!« sprach eine Stimme im Rücken des Astrologen, und als dieser sich umwandte, stand der Reformator Bucer vor ihm.

»Willkommen Freund Bucer!« rief der Doktor in bester Laune dem Gelehrten die Hand reichend. »Das ist recht, – Ihr habt Wort gehalten! Weßhalb aber so spät? Ihr seid um einen der schönsten Augenblicke Eures Lebens gekommen.«

»Solche Scenen sind mir keineswegs neu,« – entgegnete der Reformator. »Dank den Bemühungen unserer Prediger, sind die Sickingen'schen Truppen vom besten Geiste beseelt und ihr Eifer, in Ausrottung des Papstthums, liefert fast täglich solche Schauspiele.«

»Glücklicher Mann!« rief der Alchymist in einer Art von Schwärmerei. »Könnte ich doch jedesmal dabei sein und mich ergötzen, wenn die Stützen des großmächtigen deutschen Reiches in Trümmer fallen!«

»Die Stützen des deutschen Reichs? Was versteht Ihr unter diesen Stützen?«

»Die Klöster – Freundchen – die Klöster!«

»Wieder ein Beispiel Eurer wunderlichen, unverdaulichen Ansichten!«

»Wunderlich, – unverdaulich? Könnt Ihr das Ding nicht verdauen, – Ihr, der scharfsinnigste aller Reformatoren?«

»Nach meinem Bedünken sind die Klöster keine Stütze der Gesellschaft, sondern ein Krebsfraß derselben.«

»Auf der Kanzel habt Ihr recht, – nur tüchtig geschimpft und gedonnert gegen die stolze Roma, mein erleuchteter Evangelist. Aber unter vier Augen habt Ihr unrecht und die Unverdaulichkeit meiner Ansicht darf auf Eurem Freunde nicht sitzen bleiben.«

»Ihr sollt im Rechte bleiben, – gehen wir zur Hauptsache unserer Zusammenkunft über.«

»Nein, – nein, nicht aus Gnade sollt Ihr mir Recht geben, sondern weil Ihr müßt,« unterbrach ihn Faust. »Will's Euch bündig und haarscharf beweisen. – Ihr wißt, gelehrter Meister, daß im Heidenthume die Kinder ausgesetzt wurden und tausendweis gewaltsamen Todes starben. Dieses Aussetzen, Verbrennen und Ersäufen schien selbst dem weisen Solon nothwendig, um die Uebervölkerung zu verhindern. Die Klöster nun, – hört Ihr? – die Klöster ersetzten diesen nothwendigen Abzugskanal, – Millionen lebten als Cölibatäre, blieben Bäume ohne Sprößlinge und der Reichskörper durfte nicht fürchten, am Uebermaße von Lebenskraft sterben zu müssen. Das lautere Evangelium duldet aber keine unfruchtbaren Bäume, – möchte nun sehen, wie's um die liebe Gesellschaft steht, wenn jene Waldungen unfruchtbarer Bäume Frucht tragen müssen; – schwerlich möchte die hauptentsprossene, weise Minerva anderen Rath wissen, dem Ungeziefer zu wehren, als das heidnische Aussetzen oder das römische Klosterbauen.«

»Sonderliche Einfälle!« meinte Bucer. »Als ob in der neuen Gesellschaft, welche das freie Evangelium gründet, Alle auf das Heirathen versessen wären.«

»Scheints nicht so?« lachte Faust. »Kaum springt das Mönchlein aus der Kutte, hat es sich »schön Käthe« beigelegt.«

»Ein höchst freundschaftlicher Stich!«

»Verzeiht, stechen wollte ich nicht, wollte nur beweisen. Nehmt aber das Unmögliche an, – nehmt an, was die römische Kirche durch Fasten, Casteien, Abgeschlossenheit und anderen Zwang erzielte: Enthaltsamkeit, – bewirke die Freiheit des lauteren Evangeliums. Welchen Stand werden die Enthaltsamen ergreifen, um sich ein sorgenloses Alter zu schaffen? In den Klöstern des Papstthums konnten Millionen in gemüthlicher Ruhe den Tod erwarten, – nehmt die Klöster weg, welche Versorgung gibt es für das Alter mittelloser Menschen? Beim Siebengestirn, Viele müssen um der bloßen Versorgung willen zum Ehestande greifen und fruchtbare Bäume werden! Ha,« – lachte der Alchymist höhnisch auf, »die künftigen Götter der Welt werden solche Ehestände mit ihren hungernden nackten Sprößlingen, die, Heuschreckenschwärmen gleich, das letzte grüne Blatt des Staates abfressen, in Verzweiflung bringen.«

Hier schwieg der Gelehrte einige Augenblicke, als wolle er sich an dem Elende erfreuen, das sein Geist voraussah.

»Indessen,« – fuhr er fort, »lege ich gehorsamst meine Ansichten dem lauteren Evangelium zu Füßen und rufe von ganzem Herzen mit unserm höchst weisen Luther: nieder mit den Sodomshöhlen, – nieder mit den Erzbuhlhäusern Satanä!«

»Ihr seid ungewöhnlich aufgelegt heute!« sprach der Reformator mit verhaltenem Aerger.

»Aus lauter Freude über den glücklichen Fortgang unserer Plane,« entgegnete der Astrologe. »Seitdem ich das Wesen des lauteren Evangeliums erforscht und dessen Folgen für die liebe Menschengesellschaft berechnet habe, wird kein Reformator Johann Faust an Eifer zur Verbreitung desselben übertreffen. – Aber sagt,« – und die bisherige spöttische Laune ging in Ernst über, »weßhalb billigt Luther Sickingens Absagebrief an den Churfürsten von der Pfalz nicht?«

»Aus Gründen, die vielleicht Eurer Weisheit nicht gefallen; – man fürchtet, Franz möchte dem Kampfe nicht gewachsen sein und die Ergebnisse des Schweinfurter Rittertages sind nicht der Art, Luthers Befürchtungen zu widerlegen.« Luther äußert sich über diese Kriegserklärung seines Bundesgenossen: Franziskus Sickingen Palatinis bellum indixit. Res pessima futura est.

»Nicht ungeschickt calkulirt, – der letzte Rittertag hat unserm Franz mehr geschadet, als genützt,« sagte Faust. »Selbst jene Herren, welche zu Landau Mord und Zeter schrien, sprachen zu Schweinfurt eher zu wenig, als zu viel. – Angenommen also, Sickingen geht im Kampfe unter, – was dann?« und der Alchymist suchte mit seinen stechenden Augen das Dunkel zu durchdringen, um auf Bucers ruhigen, kalten Zügen den Eindruck seiner Frage zu beurtheilen.

»Eine höchst kitzelige Frage,« entgegnete der Reformator nach langer Pause.

»Wozu solche Ziererei? Bin ich Euch nicht entgegengekommen?« versetzte Faust mit nachdrucksvoller Stimme, wobei er Bucers Hand erfaßte. »Nochmals: – Sickingen erliegt im Kampfe, – wer tritt an des Ritters Stelle?«

»Dies müssen wir Gottes Walten überlassen!«

»Zum Teufel mit Eurem Schnickschnack,« schalt Faust. »Mir da kommen mit andächtigen, hohlen Phrasen! Will d'rauf wetten, das ehrwürdige Reformatorencollegium kann bereits an Sickingens Stelle ein anderes streitbares Schwert setzen! – Was sagt Ihr zum hessischen Landgrafen – he?« fuhr der Astrologe in seinem gewöhnlichen spöttelnden Tone fort. »Der Mann ist beinahe ebenso tapfer, – jedenfalls geradeso geldsüchtig wie unser Franz; – zieht bei ihm der ausgeworfene Köder nicht?«

»Bei Eurer Offenheit und Klugheit wäre Zurückhaltung fast Sünde,« sagte der Reformator. »Ja, – nicht blos der Landgraf, auch andere Glieder der Fürstenschaft geben alle Hoffnung, mit ihrer Macht für die Ausbreitung des unverfälschten Evangeliums einzustehen. Erst aber muß sich der Kaiser bestimmt für Rom entschieden haben. Bleibt Carl der katholischen Kirche treu, dann werden die Herren ohne Zweifel unter dem Banner des freien Evangeliums Ehrgeiz und Habsucht sättigen. Entscheidet sich aber Carl für Luther, dann können wir sicher darauf rechnen, die Fürsten im Solde des Papstes zu sehen.«

Der Doktor billigte Bucers Urtheil vollkommen, seinerseits solche Klarheit über die Verhältnisse entwickelnd, daß der Reformator staunte und im Stillen der guten Sache Glück wünschte, daß sie einen Mann von solchem Scharfsinn zu ihren Anhängern zählte. Zu weit würde es jedoch führen, dem Gewebe zu folgen, welches die längere Unterredung der Beiden berührte. Endlich schieden sie mit dem Entschlusse, Sickingen so lange zu unterstützen, als von ihm der Umsturz der alten Kirche und Reichsverfassung zu erwarten stand.

»Wann gedenkt Franz mit des Churfürsten Hauptmacht zusammen zu stoßen?« fragte der Astrologe beim Scheiden.

»In zwei Tagen – höchstens! Ludwig eilt den verheerten Landen in Eilmärschen zu Hilfe.«

»Dem Sickingen meinen Gruß und dem eifrigen Prediger Fröschlein meinen Dank für das kostbare Schauspiel. Sagt ihm, wenn sein heiliger Zorn nicht erkaltet, würde er bald alle Klöster und Stifte aufgezehrt haben.«

Nach kräftigem Handschlag schieden sie. Bucer, um in Sickingens Lager zurückzukehren, das unweit aufgeschlagen war, und Faust, um die Reise mit Windstein fortzusetzen.



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