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Abschied

»Fährst du nicht heute zu den Verwandten, um Abschied zu nehmen, Mutter?« fragte der Wirt die Wirtin, indem er in die Stube trat. »Der Weg ist seit gestern und gestern Nacht hübsch trocken geworden, das Wetter ist warm. Wer weiß, wie's morgen, übermorgen umschlägt.«

Die Wirtin ließ die Hände mit dem Strickzeug in den Schoß sinken und blickte zum Fenster hinaus.

»Ich könnte fahren«, sagte sie dann und seufzte. »Du wolltest also heute …?«

»Ja«, antwortete der Wirt.

»Ja«, wiederholte die Frau langsam und leise. »Ein Tag hin oder her: ja … Was soll man … ich werde fahren.«

Sie legte wie zögernd das Strickzeug ins Körbchen auf den Tisch, spielte gedankenvoll noch eine Weile mit den Nadeln, erhob sich dann mit festem Entschluss und begann sich umzukleiden.

Sie waren beide bereits über die mittleren Jahre hinaus, trotzdem aber noch ziemlich rüstig. Sie hatten bisher ein großes Gesinde in Pacht gehabt, jetzt aber trafen sie Anstalten, Städter zu werden. Der Bruder der Wirtin war ohne nähere Erben gestorben und hatte seiner Schwester ein kleines bequemes Haus in der Stadt hinterlassen, und das Ehepaar hatte beschlossen, um dieses Häuschens willen das mühevolle Landleben aufzugeben. Es war zu Anfang des April und der Tag nicht mehr fern, auf den die Rodsneeks den meistbietlichen Verkauf ihres in langen Jahren angesammelten lebenden und toten Eigentums angesetzt hatten. Man musste sich daher beeilen, die notwendigen Fahrten zu machen, solange noch die Pferde da waren.

Während sich die Wirtin ankleidete, ging der Wirt wieder hinaus, um den Wagen für die Fahrt in Ordnung zu bringen.

Als die Wirtin fertig war, verließ auch sie das Zimmer.

Der Wirt schirrte eben eine kleine, wohlgenährte Stute an und spannte sie dann vor den Wagen. Die Wirtin trat auf ihn zu.

»Aber dass du selbst dabei bist, damit alles richtig geschieht«, sagte sie.

»Ja, ja«, antwortete der Mann. »Steig nur ein und fahr.«

»Erst muss ich doch von ihr Abschied nehmen.«

»Was?«

»Meintest du denn ohne. Abschied … Nein, so nicht. Das tu' ich nicht. Erst muss ich – –« Und die Wirtin schritt auf den Pferdestall zu.

»Warte! Du machst dir die Kleider schlecht, wenn du hineingehst!« rief der Wirt. »Wart', ich führ' sie heraus.«

Er lenkte die kleine braune Stute zum Gartenzaun und band sie dort lose an.

Inzwischen war die Wirtin an die offene Stalltür getreten und sah mit schmerzlich verzogenen Augenbrauen in den Stall.

Da standen eine alte gelblich-braune Stute und drei Wallache. Alle drei: ein schlanker, stolzer Brauner und zwei kräftige Rappen waren Söhne der alten Stute. Von der Verträglichkeit und Liebe dieser vier Tiere zueinander wussten der Wirt und die Wirtin eine Menge Geschichten, von denen manche beinahe ans Unwahrscheinliche grenzten. Auf der Weide waren sie immer unzertrennlich gewesen, und die Söhne hatten die Mutter eifersüchtig vor anderen Pferden gehütet. Sie hatten es niemals gelitten, dass die vor den Wagen gespannte Braune sich der Alten nähere. Wenn der Wirt gewollt hatte, dass die Pferde beisammen bleiben sollten, dann hatte er bloß die Alte an die Leine gebunden und alle waren sie beisammen geblieben. Hatten die Rappen einmal aufeinander loszuschlagen begonnen: Gleich war die Alte dazwischen gekommen und hatte sie auseinandergesprengt. Niemals war es erlebt worden, dass eines der Tiere die Absicht gezeigt hätte, die Alte zu beißen oder zu schlagen, obwohl der Braune bereits fünfzehn Jahre alt und keineswegs ein zahmer Gaul war.

Der Wirt trat heran und führte die alte Stute aus dem Stall. Leicht hinkend stieg sie über die Schwelle. Sie sah noch ziemlich kräftig und wohlgenährt aus und schien durchaus nicht so alt, als sie war.

Als sie die Wirtin erblickte, wieherte sie sie leise an. In diesen Lauten lag etwas Unbeschreibliches. Gemütlichkeit, Schwäche des Alters, Dankbarkeit, eine Frage nach irgendetwas – alles das lag in diesem brummenden, ein wenig zitternden Gewieher.

Die Wirtin stand schweigend da. Ihre Wangen überflog ein Rot und die Lippen zuckten ein paarmal.

»Mein Lahmchen«, murmelte sie dann, das Tier mit einem alten selbsterdachten Schmeichelnamen anredend und dessen Hals streichelnd. »Mein Altchen …«

Und nach einer Weile streichelte sie abermals den Hals der Stute und wiederholte gerührt: »Mein Lahmchen … mein Altchen.«

»Na, sieh einer!«, sagte der Wirt halb spöttisch, halb ungeduldig. »Zuerst nimmst du dir vor, aus dem Hause zu fliehen, damit alles hinter deinem Rücken geschieht, und nun … nun …«

»Ich fahre ja sogleich … ich fahre ja … Nein, es ist doch sonderbar. Ich hätt' es nicht geglaubt, dass das Scheiden von solch einem Tier so schwer ist. Tut sie dir denn gar nicht leid?«

»Wenn du willst, so verkaufen wir sie mit den anderen auf dem Meistbot, noch können wir's ja«, versetzte der Wirt.

»Natürlich, natürlich, auf dem Meistbot! Damit sie vor dem Fuder eines Juden, eines Zigeuners an irgendeinem Grabenrande hinfällt! … Das ist also die Gnade, die er dir immer versprochen hat! Nicht wahr, Altchen?«

Wie zur Antwort ließ die Stute wiederum das zitternde, brummende Gewieher hören, wandte den Kopf der Wirtin zu, sah sie mit matten Augen an und bewegte die lange Unterlippe. Das sah so eigentümlich aus.

»Als ob sie weinen wollte«, sagte die Frau.

»Ach geh, ach fahre jetzt!«, rief ungeduldig der Wirt.

»Hast auch wirklich keine Zeit, sie noch ein Weilchen am Halfter zu halten«, versetzte die Wirtin mit einem Anflug von Ärger. »Siehst du, Altchen, so dankt er dir dafür, dass du ihn vierundzwanzig Jahre hin- und hergeschleppt hast. Nun gönnt er mir nicht einmal einen richtigen Abschied von dir.«

»So gib ihr einen Kuss!«, sagte der Wirt kurz. »Ich wehr' dir's nicht.«

»Das tu' ich auch. Denkst du noch dran, wie stolz du mit ihr zu meinem Vater anfuhrst … damals … mit dem geschmückten Krummholz? … Dafür allein schon hat sie einen Kuss verdient, dass sie damals den Kopf so hoch trug.« Die Wirtin ließ liebkosend ihre Hand über die Mähne gleiten, tat einen Schritt vorwärts, ergriff mit beiden Händen den Kopf der Stute und drückte wirklich einen Kuss auf das weiche graue Maul. Dann wandte sie sich schnell ab und eilte zum Gartenzaun, band die Braune los, setzte sich in den Wagen und fuhr, den Kopf tief vorgebeugt, davon.

Der Wirt hatte unterdessen die alte Stute in den Stall zurückführen wollen, hatte sich besonnen und band sie jetzt draußen an den Ring. Dann ging er zu den Knechten, die vor der Riege arbeiteten, und befahl, sie sollten Schaufeln nehmen und im Birkenwald bei den alten Kartoffelgruben eine Gruft graben.

»Was für eine Gruft?«, fragte einer.

»Für die alte Stute.«

»Was? Soll sie denn … soll sie denn …? So'n Tier, ein so kräftiges noch! Dreißig Rubel wird man für sie noch mitten in der Nacht zahlen! Nein, das geht doch nicht, Wirt!«

»Geht nur und grabt die Gruft«, antwortete der Wirt.

»Bei Gott, Wirt …«

»Schweig«, flüsterte der andere Knecht. »Da hilft nichts. Das ist die Stute, mit der er als Bräutigam gefahren ist. Die gibt er nicht in fremde Hände.« Und sie fingen an, nach den Schaufeln zu suchen, und nahmen auch ein stumpfes Beil mit, für den Fall, dass die Erde noch stark gefroren sein sollte.

Der Wirt ging in die Stube, holte die Flinte herunter, die an einem Querbalken auf zwei Holzpflöcken hing und begann sie zu laden. Von Zeit zu Zeit ließ er dabei die Hände wie ermattet sinken und blickte auf den Hof hinaus, wo die Stute geduldig am Ringe stand. Endlich waren beide Läufe voll.

Er stellte das Gewehr in die Ecke, trat an den Schrank und goss sich ein Glas Schnaps ein.

»Eh!« … brummte er dann vor sich hin und ging in der Stube auf und ab.

Dann kam der Knecht und meldete, die Gruft sei fertig.

»Gut.«

Der Knecht entfernte sich, der Wirt trat noch einmal an den Schrank, hing dann die Flinte über die Schulter und verließ dann die Stube.

»Geh, Martin, nimm die Alte und führe sie zum Walde.«

Der Knecht band die Stute los. Als er sie am Stall vorüberführte, wieherten der Braune und die Rappen fast gleichzeitig laut auf. Die Alte antwortete und wollte in den Stall zurück.

»Fort, fort«, sagte der Wirt gepresst.

»Sie nimmt Abschied«, bemerkte Martin und führte die Stute der Pforte zu. Der Wirt folgte.

Mit langsamen, ruhigen Schritten bewegte sich die Stute vorwärts. Sie hielt den Kopf gesenkt und stieß dann und wann das Maul an das vom Schnee ausgelaugte vorjährige Gras, ohne jedoch ein Hälmchen abzupflücken.

Der Bursche wandte sich um.

»Wie sie das macht. Wie das aussieht … Als ob sie wüsste, was kommt.«

Der Wirt schwieg.

Nach einer Weile hob der Knecht von neuem an: »Komisch … Ein anderes Tier schlachtest du ab … das ist rein nichts. Aber ein Pferd! … Da wird einem so ums Herz … so … ganz … ganz … Besonders, wenn's noch so'n kräftiges Tier ist, wie diese Stute. Da scheint einem die Sache der reine Mord … so'n Totschießen. Ich möcht' mal wissen – wenn sie sprechen könnte und man sie fragen würde: Willst du noch leben und von jetzt an frieren und hungern und überschwere Lasten ziehen – ich möcht' mal wissen, ob sie nicht doch noch ein Weilchen lahmen wollte. Der Mensch, der würde sich nicht bedenken! Der würde sich sträuben, wenn man ihm sagen würde: Jetzt kommt die Gruft. Ich selbst …«

»Hör' auf mit dem Geplapper«, unterbrach ihn der Wirt in ziemlich barschem Ton und sah weit weg. »Was geschehen muss, muss geschehen.«

Der Knecht sagte nun auch nichts mehr und sie erreichten schweigend den Wald, wo zwischen undicht stehenden Birken ein frischer Sandhügel sichtbar wurde. Auf die Schaufel gestützt, erwartete sie der zweite Knecht. Etwa drei Schritte von der Gruft entfernt stand ein schlanker Baum. An diesen hieß der Wirt die Stute anbinden. Ein feierlicher Ernst lag auf seinen Zügen, und seine Finger zitterten leise, als erden Hahn der Flinte spannte und nachsah, ob das Zündhütchen in Ordnung sei.

»Geht weg!«, befahl er dann leise gedämpft, und die Burschen gingen beiseite. Er selbst trat auch in eine angemessene Entfernung, legte an und zielte auf den Kopf der Stute.

Plötzlich ließ er das Gewehr sinken, biß sich in die Unterlippe und stand so eine kleine Weile da. Die Stute blickte ihn an und wurde unruhig. Da erhob er abermals die Flinte – der Schuss krachte, und die Stute wankte und stürzte nieder.

Als der Rauch sich verzogen hatte, eilten die Knechte hinzu.

»Gut getroffen!«, rief Martin. »Tot. Sehr gut getroffen.«

Mit langsamen Schritten näherte sich nun auch der Wirt.

Die Stirn der Stute war zerschmettert, das Blut rann unter dem Kopf in eine dunkle Lache zusammen. Das erloschene Auge des Tieres starrte ihn gläsern an.

»Mein Altchen …«, murmelte der Wirt kaum vernehmbar, »mein Altchen …«, dann entglitt seinen Händen die Flinte und er drückte beide Fäuste fest gegen die Augen. Sein Kopf erzitterte, und die Knechte hörten, wie er leise schluchzte.


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