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Die Raudup-Wirtin

Trauergeläut vom hohen Kirchturme, Trauergesang auf dem Friedhofe, eine Menge trauriger Gesichter um ein offenes Grab, im Grabe ein prächtiger schwarzer Sarg, ein schöner Blumenkranz auf dem Sarge, aber Tränen – keine …

Wen bettet man heute zur ewigen Ruhe?

Den reichen Raudup-Wirten.

»Unser Leben währt siebenzig Jahr, und wenn es hochkommt, so sind es achtzig Jahr, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen« … also beginnt der Prediger mit feierlicher Stimme und hält über diese Worte des Mannes Gottes eine ergreifende Rede. Er erzählt von dem Verblichenen, dass auch sein Leben Mühe und Arbeit gewesen, er erzählt von seinem langjährigen Siechtum, erzählt, mit welcher echt christlichen Geduld er alles ertragen. Er spricht, von irdischen Gütern, und dass der Verstorbene deren vollauf besessen, sein Herz jedoch nicht allzu sehr an denselben gehangen, sondern nach den Gütern sich gesehnt habe, welche die Motten und der Rost nicht zu fressen und die Diebe nicht zu stehlen vermögen … Er redet endlich von der hinterbliebenen siechen Waise, von dem zerschlagenen Herzen der Witwe und ruft den an, der trocknen kann aller Verlassenen Tränen …

Und die Witwe mit dem zerschlagenen Herzen bedeckt ihr Gesicht mit einem weißen Tüchlein – damit niemand sehe, dass sie keine Tränen hat, die abzutrocknen wären. Die hinterbliebene sieche Waise jedoch sitzt am Grabesrand und sieht mit halbängstlichen, halbneugierigen Blicken auf den Sarg und denkt und denkt und kann es nicht verstehen, weshalb man den Vater so tief in die Erde bette …

Die Worte des letzten Segens verklingen, der Prediger verlässt das Grab.

Vier Burschen ergreifen die mitgebrachten Spaten und nähern sich der Gruft.

Einer beugt sich zu dem Ohr der kleinen Waise nieder und flüstert ihr zu:

»Kleiner Matihs, wirf nun dem Vater drei Handvoll Sand nach und sieh dir noch einmal den Sarg an, du siehst ihn zum letzten Mal.«

Das Kind gehorcht und wirft gleichgültig die drei Handvoll Sand ins Grab. Dann steckt der Bursche den Spaten in die Erde, hebt das Kind in die Höhe, trägt es aus der Mitte der Beerdigungsgäste und setzt es auf einen in der Nähe befindlichen Grabhügel nieder.

»Sitze hier, kleiner Matihs, während wir den Vater begraben.«

Das Kind, welches sich seiner schwachen Füße wegen gern tragen lässt, schaut den Burschen an und sagt:

»Kahrl!«

»Nun?«

»Bleibe bei mir.«

»Ich kann nicht, ich habe jetzt keine Zeit, aber ich werde gleich wieder bei dir sein«, antwortet der Bursche und will gehen. Jedoch das Kind lässt ihn nicht. Da kommt die Raudup-Wirtin herzu.

»Geh nur«, sagt sie, »ich bleibe bei dem Kinde.«

Kahrl entfernt sich und ergreift seinen Spaten.

Dumpf erdröhnt der prächtige Sarg unter der niederfallenden Erde. Der Kranz zerreißt und verschwindet, das Grab füllt sich langsam, die Beerdigungsgäste singen. Der kleine Matihs fängt an zu weinen.

»Wo ist Kahrl?«, fragt er. »Ich will Kahrl haben.«

Die Mutter will ihn beruhigen und gibt ihm Bonbons.

»Ich will deine Bonbons nicht haben; geh fort, ich will Kahrl haben!«, sagt das Kind, trotzig werdend. Kahrl tritt hinzu.

Der kleine Matihs ergreift seine Hand, Kahrl muss sich neben ihn setzen. So sitzen sie da unter dem großen bemoosten Holzkreuz: die Raudup-Wirtin, der kleine Matihs, Kahrl …

Das Grab ist zugeschüttet, der Grabhügel steht da. Die Raudup-Wirtin nähert sich demselben und schmückt ihn mit grünen Gewinden, in denen rote Blüten aus feinen gefärbten Hobelspänen leuchten. Dann verlassen alle das Grab und begeben sich zu den Fahrzeugen, welche vor dem Kirchhofe warten. Hier wird nach alter Sitte Branntwein umhergereicht, die Beerdigungsgäste trinken und essen feines Weizenbrot. Auch die Raudup-Wirtin trinkt und isst und reicht mit eigener Hand das Glas dem Kahrl, der den kleinen Matihs in den Wagen gehoben hat.

»Ich werde zusammen mit dir nach Hause fahren«, sagt das Kind, als die Beerdigungsgäste sich anschicken davonzufahren. »Die Mutter mag an deiner Stelle in des Vaters Wagen sitzen.« Er spricht vom Leichenwagen, welchen Kahrl zum Kirchhof gefahren hat.

Aber in dem Wagen der Wirtin gibts Platz für drei, und so fahren sie alle drei zusammen. Unterwegs schlummert das Kind ein. Die Raudup-Wirtin spricht. Sie spricht ein wenig mehr und lebhafter, als es sich für eine Witwe mit zerschlagenem Herzen ziemt. Kahrl hört zu, schweigt und gähnt zuweilen. Das, wovon die Wirtin spricht, ist ihm bereits alles bekannt. Er weiß, dass der Raudup ein alter, kränklicher Mahn gewesen und dass es seiner Frau recht hart angekommen ist, ihn zu pflegen; er weiß, dass die Wirtschaft des Raudup-Gesindes groß ist und dass es der Raudup-Wirtin schwerfallen wird, ohne männlichen Berater dieselbe weiterzuführen; er weiß, dass er der einzige Taufsohn des Verstorbenen gewesen und dass die Wirtin noch nicht volle fünfunddreißig Jahre zählt: aber wozu das alles noch einmal hören …?

Nur als die Wirtin bemerkt, dass sie jetzt kein Geld zu Hause habe, falls Kahrl vielleicht die hundert Rubel zu haben wünsche, welche ihm der Taufvater vermacht, antwortet Kahrl:

»Das Geld mag immerhin noch bei dir bleiben«, sagt er, »ich brauche es jetzt nicht. Falls ich es in diesem Jahre nötig haben werde, so wird es so um Martini herum sein.«

Die Raudup-Wirtin nickt.

»Dass du aber auch in Zukunft ebenso oft zu uns herkommst, wie du es bisher getan. Besuche statt des kranken Taufvaters seinen Sohn. Du siehst, er hat dich liebgewonnen.«

»Er hat's. Werde des Sonntags zuweilen herkommen können …«

Sie kommen im Raudup-Gesinde an.

Ein Knecht empfängt das Pferd, Kahrl hilft der Wirtin aus dem Wagen und trägt den kleinen Matihs in die Stube. In der Stube ist die Luft sehr heiß und mit dem Duft gehackter Tannenzweige geschwängert.

Auf dem Tische, welcher sich die ganze Gesindestubenwand entlang hinzieht, stehen zwei Siebe mit gekochten grauen Erbsen – den sinnbildlichen Tränen der Letten auf einer Beerdigung. Zwei Mägde tragen jetzt diese Tränen ab und beginnen den Tisch für die Abendmahlzeit zu decken. Die Stube füllt sich mit Leuten. Einige haben vom Kirchhofe Tannenreiser mit nach Hause gebracht.

»Sterbet nicht, sterbet nicht, auf dem Friedhofe ist kein Raum mehr!«, sprechen sie zu den Jungen; »sterbet, sterbet, noch ist Raum auf dem Friedhofe« zu den Alten, welche nicht mit auf dem Kirchhofe gewesen sind und schlagen sie mit den Reisern. Die Schlagenden und die Geschlagenen lachen.

Dann setzen sich die Gäste zu Tisch, beginnen zu essen und zu trinken. Für je vier Personen steht eine Flasche starken Getränkes auf dem Tisch. Das Getränk in den Flaschen versiegt, das Gespräch der Gäste wird lauter, wird lebhafter, dann und wann lacht der eine und der andere auf, dass die Wände der Stube erzittern …

Auch die Raudup-Wirtin sitzt am Tisch – ihr gegenüber Kahrl. Ist die heiße Luft des Zimmers oder das starke Getränk die Ursache, dass seine Wangen so rot sind – einerlei, sie glühen, und er sieht sehr hübsch aus.

Der Raudup-Wirtin wird es auch schwülheiß …

Es wird dunkel, während noch nicht alle Gäste gegessen haben. Die Lichte in dem von der Decke niederhängenden, mit grünen Gewinden umflochtenen mehrarmigen Holzleuchtern werden angezündet. Draußen, im Gehöft, gleißt das Silber des Mondes. In den Stuben trinken die Alten Bier und Grog und spielen Karten, im Gehöft wandert die Jugend umher, scherzt, lacht …

Einige Paare beginnen zu tanzen … ohne Musik.

»So ist's recht, das ist vernünftig!«, schreit ein Alter, welcher aus der Stube getreten ist, mit einer Stimme, die vom Trinken und lauten Sprechen bereits heiser zu werden beginnt.

»Tanzet, Kinder! Tanzet! Auf meiner Beerdigung muss auch getanzt werden! Wozu, zum Kuckuck, weinen, wer gestorben ist, ist gestorben … wenn man nur anständig und in Ehren begraben ist … Der alte Raudup war ein braver Mensch … bei Gott ein braver … aber er sagte auch dasselbe … er sagte: wenn man will, mag man meine Beerdigung ebenso fröhlich feiern wie eine Hochzeit.«

Einige Bursche nähern sich dem Alten und fragen ihn, ob der Verstorbene wirklich so etwas gesagt habe?

»Natürlich hat er das gesagt!«, schreit der Alte, »ich werde ihn doch auf seiner eigenen Beerdigung nicht verleumden.«

»Na, da können wir ja getrost darauf lostanzen. Schade, dass kein Spielmann da ist … Ob nicht einer von den Knechten des Hauses eine Violine oder eine Harmonika besitzt?«

Einer von ihnen besitzt eine Harmonika. Er muss sie hervorholen und muss anfangen zu spielen. Die Burschen und Mädchen tanzen. Immer mehr Paare beginnen im Gehöft sich zu drehen.

Auch Kahrl tanzt. An das Gartenpförtchen gelehnt, sieht die Raudup-Wirtin, wie prächtig er tanzt, und wie die Mädchen gern an seinem Arm durch das Gehöft fliegen. Sie nähert sich um ein weniges den Tanzenden.

Da ruft eine Stimme nach Kahrl. Der kleine Matihs sei erwacht und verlange nach ihm. Kahrl lässt seine Tänzerin los und geht in die Schlafstube des Wirtes. Auf dem Tisch brennt ein Talglicht, in Raudups Bett schlafen zwei alte Mütterlein einen festen Schlaf, im Bette der Wirtin sitzt der kleine Matihs und weint. Das Stimmengewirr in der Nebenstube und die Klänge der Harmonika im Gehöft haben ihn aufgeweckt und seine zarten Nerven erschüttert.

Kahrl setzt sich auf das Bett und beruhigt das Kind. Der Kleine will jedoch nicht mehr schlafen und Kahrl kann nicht mehr auf den Tanzplatz zurückkehren.

Nach einer Weile tritt die Wirtin in die Stube.

»Wirst du dich wohl hinlegen und schlafen«, schilt sie. Der kleine Matihs gehorcht ihr jedoch nicht, sieht mit großen Augen Kahrl an und drückt sein Köpfchen noch näher an dessen Brust.

Die Raudup-Wirtin tritt an den Schrank. In dem Schrank steht Wein, dunkler, roter, süßer Ungarwein, den der Arzt dem kleinen Matihs zu trinken verordnet, im Schrank steht eine kleine Medizinflasche, aus welcher der Raudup ein paar Tropfen einnahm, wenn ihn der Schlaf floh. Die Wirtin schüttelt das Fläschchen: ein winziger Tropfen ist noch in demselben enthalten. Sie schüttet ihn in ein Weinglas, füllt das Glas bis zur Hälfte mit Wein und reicht es dem Kleinen.

Das Kind trinkt gern den kräftigenden, süßen Wein. Auch jetzt weist es ihn nicht von sich, trinkt – und ist nach zehn Minuten fest eingeschlafen.

Kahrl lässt das Kind sachte ins Bett gleiten, bedeckt es mit einem leichten Tuch und will gehen. Aber von der Wirtin angerufen, bleibt er stehen.

»Da, koste du auch einmal von diesem Wein«, sagt sie und gießt das Glas voll bis an den Rand. »Trinke!«

Kahrl lässt sich nicht bitten. Die rote Farbe des Weines, sein Duft sind zu verlockend. Er leert das Glas in zwei Zügen.

»Das hat aber geschmeckt!«, ruft er aus und gibt der Wirtin das Glas zurück.

»Hat es? Nun, dann noch ein Glas. Doppelt reißt nicht«

Der Bursche trinkt, dankt und verlässt die Stube. Die Raudup-Wirtin schenkt sich auch ein Glas ein und verschließt dann den Schrank.

Sie geht hinaus und stellt sich von neuem an die Gartenpforte.

Die Harmonika tönt ununterbrochen fort und das Gehöft ist voll mit Tanzenden. Selbst einige ältliche Paare drehen sich …

Aber niemand flinker als Kahrl, er fliegt förmlich … Auf einmal tritt er auf die Wirtin zu:

»Willst du nicht auch tanzen?«, fragt er in halb scherzhaftem Tone. Seine Augen glühen wie der feurige Wein, den er soeben getrunken.

»Lass uns versuchen«, antwortet die Wirtin.

»Wie?«

Überrascht blickt Kahrl sie einen Augenblick an, wirft dann lachend den Kopf zurück und führt sie nach der Mitte des Gehöftes.

Die Raudup-Wirtin tanzt mit Kahrl – und um einen frischen Grabhügel weben die Strahlen des Mondes einen silbernen Schleier.

*

Groß, sehr groß ist die Wirtschaft im Raudup-Gesinde, schwer, sehr schwer fällt, es der Raudup-Wirtin, ohne Wirten derselben vorzustehen. Geht sie aufs Feld, um nachzuschauen, was die Knechte treiben, faulenzen zu Hause die Mägde; arbeitet sie bei den Mägden zu Hause, faulenzen draußen die Knechte. Und wenn sie bloß faulenzten! Aber die Unvernünftigen säen den Flachs in das Gerstenland und die Gerste in das Flachsland und den Buchweizen dort, wo die Kartoffeln gesteckt werden sollten, und vernichten die von dem Verstorbenen so streng eingehaltene Ordnung in der Saatfolge. Wenn das aber der Wirtin nicht in der Ordnung scheint und sie ein Wort darüber fallen lässt, so erhält sie die Antwort: »Der Wirt tat es auch so, der Wirt wollte dies und das genauso tun.« Und die Raudup-Wirtin, welche sich früher um die Feldwirtschaft so gut wie gar nicht gekümmert hat, muss schweigen und glauben …

Im Keller reiht sich ein Spann Butter an den andern. Wer soll zur Stadt fahren? Die Raudup-Wirtin weiß wohl den Weg nach Riga, sie war einmal gemeinschaftlich mit ihrem Manne dort, aber unterdessen war zu Hause ein Füllen verendet. Sie hat keine Lust mehr, ein zweites Mal so lange vom Hause fortzubleiben. Ab und zu fährt wohl einer von den Knechten mit einem Fuder nach Riga, aber der Wirtin scheint es, dass er jedes Mal ein paar Rubel weniger heimbringt, als es der Raudup-Wirt selbst getan hätte.

Die Wirtin klagt ihre Not ihren Vormündern. Die Vormünder lachen:

»Nimm dir einen Mann«, sagt der eine.

»Ja, ja, nimm dir einen Mann«, bekräftigt der andere.

»Eine so große Wirtschaft kann ohne einen ordentlichen Leiter nicht bestehen.«

Die Raudup-Wirtin errötet.

»Ich soll mir einen Mann ins Haus freien, während der Grabhügel des Seligen noch nicht mit Rasen bewachsen ist?« …

Aber groß, sehr groß ist die Wirtschaft im Raudup-Gesinde, schwer, sehr schwer fällt es der Raudup-Wirtin, derselben ohne Wirten vorzustehen. Die Dienstboten werden von Tag zu Tag dreister und unfolgsamer, die Wirtin muss ihre Vormünder von neuem zu sich bescheiden und sie um Rat fragen.

»Ich sagte es dir ja, nimm dir einen Mann«, sagt der eine.

»Und ich sagte, dass eine so große Wirtschaft ohne einen ordentlichen Leiter nicht bestehen kann«, bemerkt der andere.

Die Wirtin errötet sehr stark.

»Nun, wenn ihr mir dazu ratet … ich kann auch heiraten … Wer aber wird sich entschließen, eine so alte Witwe zu nehmen?«

Die Vormünder lachen.

»Da höre doch nur einer – eine alte Witwe! Wir selbst, deine Vormünder, würden dich heiraten, wenn wir könnten.«

Aber die Vormünder können nicht. Sie haben es schon längst erkannt, dass es nicht gut ist, dass der Mensch allein sei, und haben Gehilfinnen gesucht und gefunden. Sie nennen jedoch der Raudup-Wirtin andere Männer, unter denen sie, ihre Auswahl treffen kann: Mahrz Mizpap, Spriz Schlakan, Peeter Tchutschakok, Andsch Schwaukst, Krustin Kwehpin und Brenz Besben – jeder drei, ein volles halbes Dutzend, denn an Männern, welche mit der Raudup-Wirtin Freud' und Leid und das schöne Leben im Raudup-Gesinde teilen möchten, fehlt es wahrhaftig nicht.

Aber der Wirtin passt keiner aus dem halben Dutzend.

Die ersten zwei betrinken sich allzu oft, die zwei anderen huldigen dem Kartenspiel und sind unverträglich, der Kwehpin ist ein reicher Dummkopf und den Brenz Besben kann der kleine Matihs nicht leiden.

»Ich aber brauche nicht nur einen Mann, sondern meinem Kinde auch einen Vater.«

»Gewiss, gewiss«, versichern die Vormünder. »Wo aber einen hernehmen, der dir gefällt und dem Kinde nicht zuwider ist?« …

Da erscheint Kahrl im Gesinde. Er kommt fast jeden zweiten Sonntag her, ist jedoch seit dem Tode seines Taufvaters noch nicht in der Stube der Wirtin gewesen. Er spielt mit dem kleinen Matihs in der Gesindestube, draußen im Gehöft, hier und da, bloß in die Stube der Wirtin geht er nicht. Aber heute, nachdem er vernommen, dass die Wirtin Besuch hat, bleibt er nicht in der großen Stube, sondern geht weiter hinein.

Jubelnd hinkt ihm der kleine Matihs entgegen, hängt sich ihm an den Hals und drückt seine Wange an Kahrls. Kahrl beruhigt das Kind und begrüßt sich mit der Wirtin und deren Vormündern. Dann setzt er sich, nimmt das Kind auf den Schoß, beginnt mit den Vormündern sich zu unterhalten und baut für den Kleinen Kartenhäuser.

Nachher brechen die Vormünder auf, um die Felder des Raudup-Gesindes zu besichtigen. Der kleine Matihs will mitgehen, das heißt, will, dass Kahrl ihn mitträgt. Die Mutter schilt das Kind für ein solches Verlangen, Kahrl jedoch erhebt sich und geht, das Kind auf dem Arm, mit den Vormündern.

Die Felder des Raudup-Gesindes stehen gut, trotzdem die Saat nicht in den richtigen Boden gesät worden ist, die Raudup-Wirtin kann auf eine reiche Ernte hoffen. Die Felder sind groß, Kahrls kräftige Hand wird müde, während er den kleinen Matihs um dieselben herumträgt.

Sie kehren endlich ins Gesinde zurück, wo ihnen ein prächtiges Essen entgegenduftet. Nachdem er satt geworden, wird der kleine Matihs schläfrig und geht zu Bett, Kahrl wartet ab, bis das Kind eingeschlafen ist und verabschiedet sich dann. Die Vormünder bleiben noch da. Sie sprechen von Kahrl und erschöpfen sich in Lobreden über ihn. Die Raudup-Wirtin hört zu.

Endlich ruft der eine aus:

»Ja, aber weißt du was, Wirtin? Heirate doch den Kahrl: Der wird dir ein prächtiger Mann sein! Was tut's, dass er in dem Gailit-Gesinde bloß als Knecht und nicht als Wirt lebt und jünger ist als du! Auf solche Sachen lege ich kein Gewicht.«

»Und wie lieb er dem kleinen Matihs ist und, wie es scheint, der Kleine auch ihm!«, sagt der andere. »Ich an deiner Stelle nähme wahrhaftig keinen anderen als Kahrl.«

Die Wirtin errötete bis an die Haarwurzeln.

»Wird denn der Kahrl mich wollen?«, spricht sie. »Ein so hübscher Bursch … wird der eine Witwe heiraten wollen … Kann sich ein Mädchen auswählen … das allerschönste.«

Der Vormund lacht.

»Das allerschönste wohl, aber keines so reich als dich. Soeben sagte er noch, als wir deine Felder besahen, das Raudup-Gesinde sei ja eine förmliche Hoflage. Und er würde sich weigern, der Wirt dieser Hoflage zu werden? Na, es wäre geradezu eine Sünde, ihn für so dumm zu halten.«

»Nun, ich werde bedenken, was zu tun sein wird«, sagt die Wirtin.

»Bedenke, bedenke es und dann handle vernünftig.«

*

Die Raudup-Wirtin hat es sich überlegt.

Eines Tages holt sie aus der Kleiderkleete ein großes Bündel Sonntagskleider und fängt an, in ihrer Stube sich zu kleiden und zu putzen.

»Wohin wirst du fahren?«, fragt der kleine Matihs, welcher an der Ofenmauer an der Erde sitzt und für seine aus Flickern verfertigte Puppe einen Rock näht.

Die Mutter sieht in den Spiegel, müht sich ab, das Haar schön gerade zu scheiteln und antwortet dem Kinde nichts.

»Wohin wirst du fahren, Mütterchen?«, wiederholt nach einer Weile das Kind, indem es seine blassen, mageren Händchen in den Schoß sinken lässt.

Die Mutter hat wieder keine Zeit zum Antworten. Sie sieht in den Spiegel und probiert, welches seidene Tuch ihr am besten zu Gesichte steht, das gelbe oder das weiße? Das braune mit den rosa oder das graue mit den roten Blumen?

»Liebes Mütterchen, sage doch, wohin du fahren wirst?«, bittet der Knabe, lässt sein Nähzeug an der Ofenmauer liegen und rutscht nach der Mitte des Zimmers.

»Komm mir nicht unter die Füße!«, ruft die Mutter aus, das graue Tuch mit den roten Blumen um den Kopf bindend. »Bleibe nur dort an der Ofenmauer. Wohin ich fahre? Zu Gast fahr' ich, und wenn du zu Hause artig bist, so bringe ich dir dafür auch etwas mit.«

»Wie dein Tuch knistert, Mütterchen! Erlaube mir zu fühlen, wie weich es ist.«

»Später – deine Finger sind jetzt nicht rein«, antwortet die Mutter und fährt fort, sich zu schmücken.

Der kleine Matihs setzt sich wieder an der Ofenmauer nieder und nimmt sein Nähzeug zur Hand. Das Nähen ist nun freilich keine Beschäftigung für einen Knaben, was soll man aber einem solchen Krüppel geben, damit er sich die Zeit vertreibe? Ein Messer darf er doch nicht in die Hände bekommen, er kann damit fallen und sich stechen, ist er doch so gar schwach auf seinen Füßen.

»Jetzt bist du hübsch«, spricht das Kind, die Wirtin anblickend, welche sich endlich angekleidet hat.

»Bin ich?«, ruft die Wirtin aus und sieht noch einmal in den Spiegel. Sie lacht vergnügt.

Und zur Tür gehend, beugt sie sich zu dem Kinde nieder und erlaubt ihm die Zipfel ihres Kopftuches zu befühlen.

Das Kind berührt mit seinen feinen Fingern das Tuch, blickt mit seinen großen blauen Augen die Mutter an und fragt:

»Was wirst du mir mitbringen, Mütterchen?«

»Das wollen wir sehen, mein Kind«, antwortet die Mutter.

»Etwas Hübsches?«

»Gewiss, etwas Hübsches.«

Eine leichte Röte steigt in den Wangen der Wirtin auf, sie verlässt das Zimmer, setzt sich in den vor der Tür stehenden Wagen und fährt davon.

Der Weg, welchen sie fährt, führt zum Gailit-Gesinde. Im Gailit-Gesinde fegt man gerade den Schornstein, als die Raudup-Wirtin dort ankommt. Auf dem Dachfirst beugt sich ein langer, berußter Mann auf und nieder, dann und wann einen kurzen Befehl in den Schornstein hinunterrufend.

Die Raudup-Wirtin erkennt die Stimme des Schornsteinfegers – es ist diejenige Kahrls. Sie steigt aus dem Wagen und bindet das Pferd an. Eine ihr bis dahin unbekannte Unruhe befällt sie.

Sie betritt das Wohnhaus, geht in die Stube des Wirtes.

Eine halbe Stunde – vielleicht auch mehr – verstreicht, dann tritt die Gailit-Wirtin aus der Stube hervor, nähert sich Kahrl, der soeben im Begriff ist, den Ruß aus der Gesindestube zu tragen, und sagt, das Hinaustragen des Rußes könne unterbleiben, er möge sich sauber machen und dann in die andere Stube kommen, die Raudup-Wirtin hätte mit ihm zu sprechen.

Was die Raudup-Wirtin ihm zu sagen habe, das werde er auch, so wie er da sei, hören können, antwortet lachend der Kahrl.

»Mensch!«, ruft die Gailit-Wirtin leise aus und schlägt den Burschen leicht auf die Schulter. »Geh, mach' schnell, dass du dich abwäschst! Ahnst du denn gar nicht, weswegen die Raudup-Wirtin hergefahren ist? Sie will dich heiraten.«

»Oho!«, ruft der Knecht aus und reißt die Augen auf. »Heiraten will sie mich? … Dann sage, dass ich nicht zu Hause bin. Ich geh' nicht in eure Stube.«

Die Gailit-Wirtin schüttelte den Kopf.

»Sei doch nicht … ich kann ihr nicht sagen, dass du nicht zu Hause bist, sie hat dich auf dem Dache gesehen und erkannt. Aber weshalb willst du nicht hineingehen? Schämst dich etwa? Geh nur dreist hinein, ich lasse euch allein.«

»Aber ich will die Raudup-Wirtin gar nicht treffen«, antwortet Kahrl.

»Weshalb denn nicht? Kahrl, du wirst doch nicht ein Dummkopf sein und –«

»Ich werde sie nicht nehmen«, unterbricht Kahrl die Wirtin. »Bei Gott, ich heirate sie nicht, mag sie tun, was sie will. Sei so gut und sage ihr, dass ich wohl zu Hause war, soeben aber fortgegangen bin.«

»Geh, schwatze keinen Unsinn. Tue was dir beliebt, aber sprechen musst du mit der Raudup-Wirtin. Trifft sie dich heute nicht, kommt sie ein anderes Mal wieder. Übrigens – mitnehmen wird sie dich nicht gleich.«

»Na, denn meinetwegen, ich werde zu ihr gehen«, ruft Kahrl halb trotzig aus. »Aber so wie ich dastehe, ungewaschen, damit die Raudup-Wirtin vor meinem Aussehen erschrickt und schnell weiterfährt.«

Aber es ist ein ganz anderes Gefühl, als das der Angst, welches sich in ihren Zügen malt, wie sie Kahrl bei sich eintreten sieht. Da steht an der Tür ein langer kräftiger Bursche, schwarz wie ein Teufel, und trotzdem – oder gerade deshalb – schön wie ein Engel. – Ein unmerkliches Beben geht über ihren Körper.

Kahrl lächelt halb verschämt, halb trotzig, räuspert sich und sagt: »Guten Tag!«

»Guten Tag!«, erwidert die Raudup-Wirtin. Ihr ist plötzlich so, als ob ihr etwas in der Kehle steckengeblieben wäre.

Eine kleine Pause. Kahrl setzt sich auf die Ofenmauer.

»Wer von uns beiden soll denn nun zu sprechen beginnen?«, fragt er endlich. »Ich muss wahrscheinlich fragen, was die Raudup-Mutter von mir wünscht?«

Raudup-Mutter! Heiß steigt der Raudup-Wirtin das Blut zu Kopfe. Bis hierzu hat Kahrl sie noch nie Raudup-Mutter genannt, bloß Wirtin. Weshalb tut er es jetzt? Jedoch sie fasst sich. Je weniger Worte in dieser Angelegenheit geredet werden, desto besser. Und sie sagt:

»Was werde ich von dir wollen … Du wirst es vielleicht schon gemerkt haben, was ich von dir will … Mir tut es leid, dass man dich hier mit Schornsteinfegen abquält. Ich möchte dich gern zum Wirten machen.«

»Da hat die Raudup-Mutter sehr gute Absichten«, antwortet Kahrl und senkt die Augen und betrachtet seine rußigen Hände. »Aber ich weiß nicht, ob ich es nicht schwerer haben werde, wenn ich Wirt und nicht Schornsteinfeger bin. Das Schornsteinfegen verstehe ich, das Wirtschaften nicht.«

»Nun, wenn ich dich zum Wirten gemacht haben werde, so werde ich auch dafür sorgen, dass du zu wirtschaften verstehst. Ich glaube, du wirst es zufrieden sein, von mir selbst darin unterwiesen zu werden?« …

Dass ihr Gespräch schließlich eine solche Wendung nehmen würde, hat Kahrl gewusst, nun er aber die entscheidende Antwort geben soll, geniert er sich doch und zögert.

»Nun, was meinst du dazu?«, fragt ihn die heiratslustige Witwe und lächelt hold.

Wenn sie denn durchaus eine bündige Antwort haben will, so will ich sie ihr auch geben, denkt der Kahrl und sagt: »Wenn ich recht verstehe, so wünscht die Raudup-Mutter, dass ich – wir uns heiraten … Raudup-Mutter, das wird nicht angehen.«

Die Raudup-Wirtin vermeint, nicht recht gehört zu haben.

»Wie? … Das wird nicht angehen?«, wiederholt sie. »Weshalb nicht?«

»Nun, wir passen ja nicht zusammen. Du eine reiche Wirtin, ich ein armer Knecht – bedenke, was die Welt zu unserer Heirat sagen würde.«

Die Raudup-Wirtin lacht auf.

»Die Welt! Was schere ich mich um die Welt! Die mag reden, was ihr gefällt, können wir deshalb nicht tun, was uns gefällt? Wer auf das Gerede der Welt etwas gibt, der kommt nicht weit.«

»Mag sein, aber dennoch … Raudup-Mutter … ich kann nicht der Raudup-Wirt werden«, versetzt Kahrl.

Die Wirtin erhebt sich.

Was spricht denn der Bursch da? Scherzt er bloß oder redet er im Ernst? Nein, im Ernst kann das nicht gesprochen sein, der Raudup-Wirtin fallen die Worte ihres Vormundes ein, es wäre Sünde, Kahrl für so dumm zu halten, und sie nähert sich ihm und will sich neben ihn setzen.

»Geh, geh, sprich mir nicht so«, sagt sie, »weigere dich nicht so viel.«

»Was hab' ich mich da viel zu weigern«, versetzt der Knecht und rückt plötzlich ein gutes Stück weiter. »Komm mir nicht zu nahe, du machst an mir deine Kleider schwarz.«

Jedoch die Wirtin hört nicht auf ihn und setzt sich auf die Mauer neben Kahrl.

»Nun ja, weshalb weigerst du dich denn und sagst es nicht frei heraus, dass du der Raudup-Wirt werden willst?«

»Aber ich sagte es dir ja schon frei heraus, dass ich es nicht werden will.«

»Sprichst du im Ernst?«

»Im Ernst, gewiss im Ernst, Raudup-Mutter.«

Die Raudup-Wirtin wird rot und blass und sieht mit weit offenen Augen den schönen Burschen an, der seine Blicke zu Boden gesenkt hat … So mag er sie also wirklich nicht … ein einfacher Knecht weist die Hand der reichen Raudup-Wirtin zurück … Scham und Reue überkommen sie plötzlich, nur mit Mühe kann sie ihre Stimme beherrschen, dass sie nicht zittert, indem sie sagt:

»Du hältst mich wohl zu alt für dich?«

»Zu alt? Ach was, ich werde ja auch einmal alt werden.«

»Nun denn wahrscheinlich für zu hässlich?«

»Das auch nicht. Mir erscheinst du gar nicht so übel.«

»Aber weshalb magst du denn mich nicht? Einen Grund musst du doch haben, weshalb du dich weigerst, der Raudup-Wirt zu werden.«

»Die Wahrheit gesprochen, ein Hindernis gibt's da wohl, weshalb ich dich nicht nehmen kann«, antwortet Kahrl und lächelt. »Wenn das nicht wäre – –«

»Was für ein Hindernis ist das?«, fragt die Raudup-Wirtin schnell. »Hast du etwa schon eine andere Braut?«

Kahrl merkt, wie ihm bei dieser Frage das Blut in die Wangen steigt – es ist doch gut, dass er sich nicht gewaschen hat. Er macht eine abwehrende Bewegung mit der Hand.

»Eine andere Braut!«

»Nun, was kann denn das sonst für ein Hindernis sein? Du kannst es mir doch wohl nennen, Kahrl … wahrhaftig!«

Kahrl erhebt sich. Was soll er dieser aufdringlichen Frau antworten, ohne sie zu verletzen? Verlegen steckt er seine rußige Hand in die Tasche. Seine Finger berühren dort einen kleinen runden Stein, den ihm am Sonntag der kleine Matihs scherzend zugesteckt und den er dort vergessen. Ihm kommt ein Gedanke.

»Na, wenn du den Grund so gern wissen willst«, sagt er, und wendet sich der Tür zu, »ich kann ihn dir auch sagen: Ich mag nicht Stiefvater sein.« Er will gehen.

Doch die Raudup-Wirtin erfasst ihn bei der Hand und lässt ihn nicht hinaus.

»Wie, das Kind wäre die Ursache deiner Weigerung?« ruft sie aus. »Wie ist das möglich? Der Junge liebt dich, du ihn, weshalb kannst du also nicht sein Vater sein? Geh, geh, das ist nicht der wahre Grund, ich lasse dich nicht eher aus der Stube, als bis du mir den wahren Grund gesagt hast.«

Die wird mir aber denn doch zu unbescheiden, denkt der Kahrl, während der helle Ärger in ihm aufsteigt. Jetzt will sie mein Geheimnis wissen … Das soll sie aber nicht … Jetzt nenn' ich ihr einen Grund, an dem sie genug haben wird … Und laut sagt er:

»Der wahre Grund ist der, dass das Gesinde, in dem du mich zum Wirten zu machen versprichst, nicht dir, sondern dem kleinen Matihs gehört …«

Die Raudup-Wirtin lässt Kahrls Hand los.

Trotzigen Schrittes verlässt dieser die Stube.

*

Die Raudup-Wirtin kehrt wieder heim.

Ohne ein Wort zu sagen, überlässt sie dem herbeieilenden Knechte das Pferd und begibt sich in ihre Stube. Erschöpft sinkt sie hierauf einen Stuhl nieder. O, diese Schande! Ein Bursche, dem Gott weiter nichts verliehen als ein wenig Röte auf den Wangen und eine halbwegs hübsche Gestalt, verschmäht die reiche Raudup-Wirtin! Ja, die reiche – denn wenn auch das Gesinde dem Kinde gehört, so ist trotzdem ihr Teil noch immer so groß, dass sie sich getrost als die reichste Frau des Gebietes betrachten darf. Das weiß der Bursche recht gut, und dennoch verschmäht er sie. Er strebt nach noch größerem Reichtum – der Dummkopf, wo wird er größeren finden, als bei der Raudup-Wirtin … Hübsch bist du wohl, Bürschchen, aber Gutsherrentöchter werden dich doch nicht heiraten wollen …

Die Wirtin lässt ihr Auge durch das Zimmer schweifen. Wo ist das Kind? Bloß die Puppe liegt an der Ofenmauer auf dem Fussboden, der Kleine selbst ist nicht da. Ein sonderbarer Gedanke schießt der Wirtin plötzlich durch den Kopf: wenn dem kleinen Matihs ein Unglück zugestoßen wäre, während sie nicht daheim war? …

Sie geht in die andere Stube und sieht in das Bett des Kindes. Mit einem Tuche bedeckt liegt es da und schläft. Das Gesichtchen ist dem Lichte zugekehrt und die Wirtin sieht, wie schmal und blass dasselbe ist. Aber dieses Mal rührt dieser Anblick, wie es sonst wohl zu geschehen pflegte, die Wirtin nicht, im Gegenteil, dieser Anblick vermehrt noch die Bitterkeit in ihrem Herzen. Sie wendet sich von dem Kinde ab, nimmt ihr seidenes Tuch vom Kopfe und legt es in den Schrank.

Die Tür des Schrankes knarrt, und der kleine Matihs erwacht. Er erhebt sich sitzend im Bett, reibt die Augen mit den Händen und sagt:

»Bist du schon zu Hause, Mütterchen? Sieh, wie artig ich gewesen bin, Mütterchen: Ich schlief.«

»Ich seh's« antwortet die Mutter kurz, und will die Tür des Schrankes schließen.

»Hast du mir auch ein Gastgeschenk mitgebracht?«, fragt das Kind.

Die Wirtin öffnet das Schubfach, das sich im Schrank unter dem letzten Regal befindet, und entnimmt demselben ein Stück Zucker.

»Da«, sagt sie, und wirft von ihrem Platze aus dem Kinde das Stück Zucker in den Schoss. Dann verschließt sie den Schrank und geht in die andere Stube, um sich umzukleiden.

In der folgenden Nacht wird die Raudup-Wirtin von hässlichen Phantasien gequält. Endlich werden sie zu einem seltsamen Traum. Die Raudup-Wirtin steht in ihrer Stube, welche mit gehackten Tannenreisern ausgestreut und mit Tannenzweigen ausgesteckt ist. In der Mitte der Stube steht ein kleiner weißer Sarg, und in dem Sarge ruht ein Kind mit schmalem, blassem Gesichtchen – der kleine Matihs. Am Fenster jedoch – an derselben Stelle, wo er damals saß, als er mit ihren Vormündern bei ihr zum Besuch war – sitzt Kahrl und sieht so schön, so kräftig, so männlich aus und lächelt und winkt der Wirtin mit der Hand. Und mit einem Freudenrufe stürzt die Frau in seine Arme, umfasst die herrliche Gestalt und küsst die roten Lippen mit heißem Mund … Da fängt das Kind im Sarge an zu stöhnen und zu weinen, Kahrl erschrickt und stößt die Wirtin von sich. Sie fällt, fällt auf den Sarg des Kindes und – erwacht …

Der kleine Matihs weint und ruft nach der Mutter.

»Was gibt's?«, fragt die Mutter erzürnt. Nun wird das Kind gar ein Hindernis, dass sie Kahrl selbst im Traum nicht besitzen soll. »Was willst du?«

»Trinken!«, bittet der Kleine mit trockener Zunge.

»Wirst es morgen tun können«, versetzt die Mutter, »schlafe jetzt und heule nicht mehr.«

Der kleine Matihs wird still.

Nur später wimmert er im Schlaf dann und wann schmerzlich auf. Aber das hört die Mutter nicht, sie träumt wieder.

Der Versucher zeigt ihr lockende Zukunftsbilder.

*

Vier Wochen sind vergangen. Im Raudup-Gesinde hat sich in diesen vier Wochen nichts Bemerkenswertes zugetragen, bloß das Verhalten der Wirtin gegen den kleinen Matihs ist ein merklich anderes geworden.

Die Mutter ist gegen ihr Kind freundlicher geworden.

Früher geschah es, dass sie ihn dann und wann tüchtig schalt oder ihm ein böses Wort sagte, jetzt vernimmt der kleine Matihs aus dem Munde der Wirtin nichts dergleichen mehr; früher geschah es, dass sie ihm dies verbot und das verbot, jetzt kann der Knabe tun, was er will. Er kann mit dem Feuer spielen wie mit einer Blume; er kann stundenlang am Brunnen sitzen und kleine Holzpflöcke in ihn werfen oder sich auf andere Weise am Wasser ergötzen; er kann mit seinen schwachen Füßchen auf allen Leitern umherklettern; kann hinter dem Hause in die Sandgrube, welche einmal schon, teilweise einstürzte, kriechen und dort für seine Puppe eine Höhlenwohnung graben – die Raudup-Wirtin lässt das alles ruhig geschehen.

»Ach, was soll man einem solchen armen Kinde viel verbieten«, pflegte sie zu sagen, wenn ihr das Gesinde vorwirft, dass sie dem Kinde allzusehr seinen Willen lasse. »Es tut einem ja leid, dem armen Krüppelchen das zu verbieten, was ihm im Leben noch ein bisschen Freude macht. Lange genug bin ich ja mit nutzloser Strenge gegen ihn verfahren, möge er nun auch ein wenig nach seinem Willen leben. Mir ist nicht angst um ihn, solche Krüppel nimmt der liebe Gott in seine besondere Hut …«

Und wahrhaftig, es scheint fast so, als ob Gott den kleinen Matihs in seine besondere Hut genommen hätte. Er vollbringt fast alles, was ihm sein kindischer Sinn eingibt, und dennoch trifft ihn nicht der geringste Unfall. Ja, es ist, als wenn die unumschränkte Freiheit, in der das Kind lebt, seine Gesundheit hebe. Seine Wangen verlieren die krankhafte Blässe, manchmal erscheint auf denselben sogar ein Hauch von Röte.

Wie die Wirtin sieht, dass die Kräfte des Kindes im Zunehmen begriffen sind, kauft sie ihm eines Tages von einem Juden ein Messer.

»Man muss dem Jungen doch auch einmal ein Messer in die Hand geben, sonst wird er ja der reine Schneider … groß genug ist er jetzt.« Und als das Kind verlangt, dass das Messer geschliffen werden soll, lässt es die Mutter recht scharf machen …

So hat denn der kleine Matihs wieder ein Spielzeug mehr. Es ist nicht zu leugnen, die Raudup-Wirtin ist eine gute Mutter. Und dennoch kann sie der Knabe von Tag zu Tag weniger leiden. Er fürchtet sich vor ihr. Vielleicht, dass er einen der bösen Blicke erhascht hat, mit welchen ihn die Mutter bisweilen heimlich beobachtet, vielleicht auch nicht. Vielleicht, dass er bloß fühlt, welch grässliche Tat sie sinnt und welch unnatürliche Gedanken ihr Hirn zermartern – Gedanken, so schwarz, als ob sie in der Hölle selbst geboren wären.

»Söll ich dieses Krüppels wegen mein Glück verlieren?«, so spricht die Raudup-Wirtin bei sich selbst. »Habe ich nicht lange genug an dem Siechbette meines Mannes gehockt und ihn gepflegt, soll ich mein ganzes Leben als Krankenwärterin verbringen? Nein, das will ich nicht. Weshalb soll ich das tun? Bin ich schlechter als andere Frauen? Andere leben in ununterbrochenem Glück und Frohsinn, und ich soll sogar gegen das Alter hin nicht zu Glück und Freude gelangen und nicht lieben dürfen, Meinen ersten Mann konnte ich nicht lieben, Kahrl würde ich lieben … Ach, ich liebe ihn unaussprechlich! Wie schön ist er! Wie groß, wie stark, wie gesund ist er! Wie rot sind seine Lippen, und diese Lippen würden mich küssen, wenn ich nicht das Kind hätte … Ach, welch ein Unglück! Weshalb stirbt dieses Kind nicht! Es ist doch nur mir und sich selbst zur Last und zum Kreuz! Weshalb nimmt der Tod dieses Kreuz nicht von mir! … Ich werde es noch abschütteln. Ich kann ohne Kahrl nicht mehr leben … Wenn das Kind nicht bald stirbt, dann kann noch ein Unglück geschehen … Natürlich, kann denn das eine Sünde sein? Keinen Krüppel auf der Welt sollte man leben lassen. Wer hat davon etwas Gutes? Wer hat davon etwas Gutes, wenn der kleine Matihs lebt? Kein Mensch, gar keiner. Wenn er aber stirbt, so macht er mich glücklich, und darum sollte er sterben. Ich stürbe auch gern für ihn, wenn ich ihn durch meinen Tod gesund und glücklich machen könnte, aber ich kann es nicht. Mein Tod nützt ihm nichts, wohl aber der seinige mir …«

Solche Gedanken haben den Kopf der Raudup-Wirtin wirr gemacht und werden immer drohender und drängender. Tagsüber steht ihr nur der schöne Kahrl im Sinn, und in der Nacht träumt sie nur von ihm. Wenn sie in die Kirche geht, hört sie nicht die Predigt und betet nicht zu Gott, sondern sieht nur Kahrl an. Ein unbändiges Gefühl der Eifersucht erfasst sie, wenn sie ihn mit irgendeinem jungen Mädchen freundlich sich unterhalten sieht, und sie weiß nicht, wie sich zu verhalten, wenn er sie grüßt und anredet.

Wohl warnt sie ihr Gewissen: »Du näherst dich einem Abgrund, der dich verschlingen wird, wenn du die bösen Gedanken nicht bannst! Dein Kind ist ein Krüppel, um so mehr musst du es lieben! Die Gebrechen, die ihm anhaften, suche ihm weniger fühlbar zu machen durch deine mütterliche Liebe … Und weißt du denn überhaupt, ob du mit Kahrl ein glückliches Leben führen wirst? Wird die Untat, die du sinnst, nicht Gottes Zorn heraufbeschwören? Wird sie dir nicht ewig wie eine Zentnerlast auf dem Herzen liegen? … Wirf sie von dir, wirf sie von dir, die grässlichen Gedanken, welche dich dem sicheren Verderben entgegenführen!«

Aber die Raudup-Wirtin hört nicht, was ihr guter Geist ihr zuflüstert, immer fester wird ihr Entschluss, sich des verhassten Kindes zu entledigen – und so zieht denn das Unheil immer näher und näher.

*

Ein heißer Tag im Augustmonat. Die Leute des Raudup-Gesindes mähen Gerste auf einem entfernt liegenden Felde, die Wirtin ist allein zu Hause. Sie hat Käsemilch gemacht und wäscht vor der Küche die Milchgeschirre. Das Gesicht der Wirtin ist glutheiß, dann und wann hält sie mit der Arbeit inne, wischt sich die Stirn und starrt in die Luft.

Wie still es ringsumher ist, wenn sie nicht arbeitet. Selbst die Schwalben scheinen mit den Leuten aufs Feld gezogen zu sein, denn nur selten lässt eine ihr Gezwitscher vernehmen oder schießt im schnellem Fluge an der Wirtin vorbei. Auch den kleinen Matihs sieht und hört man nirgends. Die Wirtin setzt ruhig ihre Arbeit fort. Wenn die Mäher das Kind nicht mitgenommen haben, so spielt es irgendwo in der Nähe …

Die Wirtin nimmt ein Tragholz, um Wasser für das Spülen der Geschirre vom Brunnen zu holen. Der Brunnen ist vom Wohnhaus nicht allzu weit entfernt, in der Nähe der Badstube. Auf halbem Wege, beim Stall, wo man den Brunnen bereits erblickt, sieht die Wirtin, dass der kleine Matihs an demselben sich zu schaffen macht. Er hockt auf dem Brunnenbrett, welches über den Rand desselben hinausreicht, und versucht aus dem Wasser mit einer Harke etwas herauszuziehen. Es ist wahrscheinlich etwas Schweres, wie er sich anstrengt! Nun hat er es glücklich herausgezogen, es ist eine nicht sehr große steinerne Kanonenkugel, welche Kahrl einmal beim Pflügen gefunden und mit der das Kind sehr gerne spielt. Es ergreift den Stein und will ihn auf das Brett legen, aber die glatte Kugel entgleitet wieder seiner Hand, der Knabe greift nach ihr – das Wasser des Brunnens spritzt auf, und ein schwacher Schreckensruf ertönt und verhallt.

Wie erstarrt bleibt die Wirtin einen Augenblick stehen. Der kleine Matihs ist vom Brunnenbrett verschwunden. Das Brett selbst schwimmt auf dem Wasser. Das Kind ist in den Brunnen gefallen.

»Eile, o eile, Mutter, rette dein Kind«, ruft der Wirtin ihr guter Geist zu.

Und sie läuft – läuft, dass die Spänne von dem Tragholz fallen, kommt am Brunnen an und sieht, dass der Kopf des Knaben wieder emportaucht und dass seine Hände in Todesangst nach dem Brett greifen.

»Mutter«, vermag das Kind kaum verständlich hervorzustoßen, denn das Wasser dringt ihm in den Mund und zieht ihn hinunter. Es erfasst das Brett mit den kleinen Fingern, die schwachen Füße zappeln und suchen es zum Rande des Brunnens zu stoßen.

Und von neuem ertönen einige unverständliche, gurgelnde Laute.

Da lässt die Raudup-Wirtin schnell ihre Blicke ringsumher schweifen. Kommt dort nicht jemand den Weg vom Tal herauf? oder dort vom Waldrande her? Nein, niemand … Ein grässliches Feuer blitzt in den Augen der Wirtin auf. Sie reißt das Tragholz von der Schulter, hebt es in die Höhe – nein, sie lässt dasselbe wieder sinken … möge Gott geschehen lassen, was er will.

Die Raudup-Wirtin denkt an Gott, und in diesem Augenblicke versinkt der kleine Matihs im Brunnen. Eine Schwalbe taucht aus dem Blau des Himmels hervor, schlägt die Flügel nahe über dem Kopfe der Wirtin zusammen, stößt ein lautes »Quiquiri!« aus und verschwindet.

… Da liegt er nun in der Tiefe des Brunnens und lebt und atmet nicht mehr. Da liegt er nun so, wie du ihn längst gewünscht hast, kalt und stumm … Weshalb freust du dich nicht darob, Wirtin, weshalb lachst und jubelst du nicht – weshalb bist du so bleich? Du zitterst – starke Frau, überkommt dich schon ein süßer Schauer, dass nun endlich der schöne Kahrl dein sein wird? Denke jetzt nicht an Kahrl, denke daran, wie du deines Kindes Tod der Welt mitteilen sollst … Laufe auf das Feld, löse dein Haar auf, dass dein Gesinde es bereits von weitem flattern sieht und sich auf die erschütternde Nachricht vorbereitet, erzähle, dass der kleine Matihs in den Brunnen gefallen und ertrunken ist, während du im Hause arbeitetest, ringe deine Hände, jammere und weine, wenn du es vermagst. Aber eile, eile, unglückliche Mutter, wenn du nicht willst, dass ein anderer dir zuvorkommt und die Nachricht zuerst verbreitet, und zwar in etwas anderer Weise, als du es tun willst. Siehst du nicht, wie dort bei der Badstubenecke hinter dem Weidengebüsch sich etwas bewegt? Ah – du erblickst ihn jetzt, erschrick nicht, das ist ja niemand anders als der Jankel Goldbaum, der dort ein paar Knochen aufgelesen, ein blinder und stummer Jude, wenn man ihm mit einem goldenen Schlüssel den Mund verschließt und in die Augen Silber gießt … Er nähert sich dir langsam, zeigt dir seine gelben Zähne und fragt, weshalb du das Kind habest ertrinken lassen? … Raudup-Wirtin, Raudup-Wirtin, hast du nicht Gold oder Silber bei der Hand? Nein, bloß das Tragholz. Willst du ihn mit Hilfe desselben blind oder stumm – vielleicht auch taub machen? Recht so, starke Frau, du verstehst ja dies Tragholz zu handhaben, das Gold und das Silber werden für dich und Kahrl bleiben. Wie, ist der alte Kerl damit nicht einverstanden? … Er flieht – er fängt an zu schreien? … Lasse ihn nicht schreien, Wirtin, kluge Frau, führe ihn in die Stube und schließ ihm deinen Schrank auf … So viel? Musst du so viel dem Geldbeutel deines seligen Mannes entnehmen? Verziehe nicht dein Gesicht so, je mehr du ihm gibst, je stummer und blinder wird er sein, und für dich kann er nie stumm und blind genug sein … So – nun entfernt er sich wieder, geht als dein Freund und du kannst aufatmen, dein Herz und dein Beutel sind um ein gut Teil leichter geworden! … Und nun laufe auf das Feld, löse dein Haar auf, dass es dein Gesinde bereits von weitem flattern sieht und sich auf die erschütternde Nachricht vorbereitet, erzähle, dass der kleine Matihs in den Brunnen gefallen und ertrunken ist, während du im Hause arbeitetest, ringe deine Hände, jammere und weine – weine, wenn du es vermagst …

*

Die Stube der Raudup-Wirtin ist mit gehackten Tannenreisern ausgestreut und mit Tannenzweigen ausgesteckt, in der Mitte derselben steht ein kleiner weißer Sarg, und in dem Sarge ruht ein Kind mit schmalem, blassem Gesichtchen. Der Traum der Wirtin hat sich soweit buchstäblich erfüllt. Aber am Fenster sitzt kein Kahrl und winkt mit der Hand – Kahrl ist mit seinem Wirten zur Stadt gefahren und kauft dort für seinen Liebling, während zu Hause für ihn Totenlieder gesungen werden, ein Pferdchen aus Pappe. Erst auf dem Heimwege erfährt er das Unglück. Er will es kaum glauben und eilt zum Raudup-Gesinde, um die Bestätigung desselben aus dem Munde der Mutter zu vernehmen. Und nachdem er alles erfahren, kann sich der sonst gerade nicht gefühlvolle Bursche der Tränen nicht erwehren. Die Raudup-Wirtin weint auch. Sie sieht dabei so unsagbar elend und niedergebeugt aus, dass Kahrl sich nicht enthalten kann, sich zu ihr zu setzen, ihre Hand zu ergreifen und ihr Trost zuzusprechen …

Dann vergehen zwei Monate, dass sie sich nicht sehen, zwei Monate, welche die Raudup-Wirtin der Trauer um den kleinen Matihs geweiht hat. Während dieser Zeit ist aus der trostlosen Mutter allmählich eine lebensfrohe Witwe geworden, der man es nicht ansieht, welch schweren unersetzlichen Verlust sie vor so kurzer Zeit erlitten. Bloß als sie wieder eines Tages vor dem Spiegel steht und das graue Seidentuch mit den roten Blumen um den Kopf bindet, bemerkt sie, dass zwei neue Falten auf ihrer Stirn entstanden sind. Sie zieht das Tuch tiefer ins Gesicht, kleidet sich an und fährt zum Gailit-Gesinde.

Diesmal jedoch steht Kahrl nicht auf dem Dachfirst, und als die Raudup-Wirtin das Haus betreten will, kommt ihr ein altes buckeliges Weib entgegen. »Könntest wohl auch einen Augenblick mit deinem Herauskommen gewartet haben«, denkt die Wirtin, denn ihr fällt ein, dass eine Fahrt oder ein Gang dann misslingen, wenn die erste in den Weg tretende Person eine Frau ist.

Und ihre Fahrt ist wirklich nutzlos. Kahrl ist nicht zu Hause. Gefragt, wo er sei, antwortet die Gailit-Wirtin: »Er ging heute Morgen zum Gerichtshaus. Der Brunnen des Schreibers ist eingestürzt und muss gereinigt werden.«

»So«, sagt die Raudup-Wirtin, beißt die Zähne aufeinander und spricht nicht mehr von Kahrl. Nach einer Weile fährt sie davon.

Einige Tage später wird der alljährliche Herbstmarkt des Gebietes abgehalten. Die Raudup-Wirtin hofft Kahrl auf dem Markt zu begegnen und sich mit ihm auszusprechen.

Der Markt ist sehr groß und die Raudup-Wirtin sucht lange Zeit vergebens nach Kahrl. Endlich erblickt sie ihn.

Er steht auf der anderen Seite der Landstraße, am Ende des Marktes, am Rande eines Fichtenwäldchens, und spricht mit einem anderen Burschen. Wie sich ihnen die Wirtin nähert, entfernt sich der fremde Bursche, und die Raudup-Wirtin ist, wie sie es wünscht, mit Kahrl allein.

»Dich habe ich aber suchen müssen«, sagt sie, ihm die Hand reichend. »Es scheint, du bist soeben erst angekommen?«

»Oh«, versetzt Kahrl, »das nicht. Könnte ich denn bereits so betrunken sein, als ich es bin, wenn ich soeben erst gekommen wäre?«

Er lacht laut, er hat in der Tat einen kleinen Rausch. Seine rosigen Wangen sind noch rosiger als sonst, seine munteren Augen sprühen Lebenslust, seine Bewegungen sind so frei, so sicher, so geschmeidig, dass die Raudup-Wirtin ihre Blicke nicht mehr von ihm wenden kann, und ihr scheint, dass Kahrl noch niemals so schön gewesen ist, als im gegenwärtigen Augenblick.

»Betrunken?«, sagt sie und schlägt Kahrl leicht auf die Hand. »Ei, du Lügner!«

»Natürlich. Bin ich doch schon vom frühen Morgen hier, hatte eine Kuh zum Markt geführt, verkaufte sie, trank Margritsch … Habe dich in dieser ganzen Zeit wohl an die zehnmal gesehen.«

»Und du kamst nicht zu mir?«

»Wusste ich denn, dass du mich treffen willst!«

»Du wusstest das nicht? Hat dir denn deine Wirtin nicht erzählt, dass ich in eurem Gesinde gewesen bin?«

»Sie hat's getan. Aber ich dachte …«

Kahrl spricht nicht aus, was er gedacht hatte, sondern entfernt gleichgültig einige trockene Grashalme von dem Ärmel seines Rockes.

»Was dachtest du?«

»Nun, dass die Sache damit zu Ende ist.«

»Zu Ende? … Kahrl, red' nicht so!«, ruft die Raudup-Wirtin aus, die ihre Leidenschaft nicht länger zu zügeln vermag. »Wenn du wüsstest, wie sehr ich dich liebe! Ich kann es dir gar nicht sagen! … Lieber Kahrl, komm doch ins Raudup-Gesinde, werde der Raudup-Wirt! Sage, was wird dir fehlen, wenn du der Raudup geworden sein wirst? Wirst reich und angesehen sein, wirst wie ein Herr leben können! Bei Gott, ich werde dich halten und bedienen wie einen Herrn und nicht wie meinen Mann, ich werde dich halten wie – ich weiss nicht was – ich werde – –«

Die Wirtin schweigt, sie kommt an Worten zu kurz. Ihre Brust wogt in mächtiger Erregung, es wäre ihr in diesem Augenblick ein Leichtes gewesen, für Kahrl in den Tod zu gehen …

»Jetzt darfst du dich nicht länger sträuben«, fährt sie nach einer Weile schmeichelnd fort, »jetzt kannst du mir kein Hindernis mehr nennen, das unserer Verheiratung im Wege stände, jetzt musst, ja, jetzt musst du der Raudup-Wirt werden.«

»Wirklich?«, fragt Kahrl in scherzhaft-spöttischem Tone und blickt unausgesetzt auf die Straße, ob nicht jemand kommt und ihr Gespräch hört. »Wer weiß, ob ich dir keines mehr nennen kann. Vielleicht kann ich's doch.«

»Geh, geh, sträube dich doch nicht länger … Damals, als ich bei dir war, nanntest du mir ein einziges Hindernis, und dieses Hindernis – besteht nicht mehr.«

»Besteht nicht mehr? Von welchem Hindernis sprichst du denn?« fragt Kahrl, welcher schon halb vergessen hat, womit er seine damalige Weigerung begründet.

»Nun, ich spreche von dem kleinen Matihs – er war ja doch das Hindernis …«

»Der kleine Matihs? Ach, Raudup-Mutter, denke doch nicht, dass ich des armen Kindes wegen mich weigerte, der Raudup-Wirt zu werden.«

»Aber du sagtest es doch!«, ruft die Wirtin aus und erblasst.

»Ja, jetzt entsinne ich mich, dass ich so sagte. Aber ich sagte es bloß deshalb, weil du allzu heftig in mich drangst, ich möge dir den Grund meiner Weigerung nennen. Den wahren Grund konnte und wollte ich dir nicht sagen, aber der kleine Matihs war gewiss nicht das Hindernis, der kleine Matihs, der mir so lieb wie ein Brüderchen geworden war.«

Des Burschen Stimme bebt ein wenig, er schweigt.

»Der kleine Matihs war es nicht«, wiederholt die Raudup-Wirtin tonlos. »Er war es nicht – was war, was ist denn der wahre Grund deiner Weigerung?«

»Ja, jetzt kann ich ihn wohl nennen«, sagt Kahrl. »Ich kann dich deshalb nicht heiraten, weil ich schon eine Braut habe, die Marija Kahrklen heiratet mich auf ihr Gesinde. Wir sind schon seit dem vergangenen Sommer verlobt. Aber bis jetzt musste die Sache noch geheim gehalten werden, weil der Alte mich nicht haben wollte, aber nachdem ich die hundert Rubel vom Taufvater geerbt habe, ist er gegen mich anders geworden und hat schließlich am vergangenen Sonntag sein Ja gesagt. Und so kann ich denn offen von meinem Glück reden. Zu Martini kannst du mir die hundert Rubel schaffen, zu Martini heirate ich.«

Kahrl will davongehen.

»Bleib, geh, nicht!«, ruft die Wirtin mit erstickter Stimme aus, umklammert fest Kahrls Hand und lässt ihn nicht fort. »Kahrl, ist es wirklich wahr: Du verschmähst mich, nimmst eine andere … Marija Kahrklen … Kahrl, dann muss ich sterben.«

»Sei doch nicht albern, Raudup-Mutter, lass mich frei«, sagt ärgerlich der schöne Bursche und sucht seine Hand aus derjenigen der Wirtin zu befreien. »Sieh, da fangen die Leute bereits an, uns zu beobachten!«

»Mögen sie's doch tun, wenn sie's wollen, was kümmert das mich«, stößt die Raudup-Wirtin, ihrer nicht mehr mächtig, hervor. »Mögen sie auf uns sehen – ich lasse dich nicht eher frei, als bis du mir versprochen hast –«

»Tolles Weib!«, unterbricht sie zornig Kahrl und reißt sie ein paar Schritte mit sich fort. »Was willst du von mir? Hebe dich von mir, Satan, ich kann mich dir nicht verkaufen! Aber wenn du willst, komm, ich kaufe dir ein ganzes Halbdutzend an meiner Stelle!«

Einen Augenblick steht die Raudup-Wirtin vor Kahrl, als ob sie durch einen furchtbaren Schlag betäubt worden wäre – mit offenem Munde, glanzlosen, starren Augen. Aber nur einen Augenblick. Dann rafft sie sich wieder auf. Wie mit einer Zange presst sie Kahrls Hand zusammen und zieht ihn mit einer Kraft, gegen die er sich vergeblich zu sträuben sucht, in das Kiefernwäldchen.

»Was sagtest du da?«, zischt sie, und ihre Augen sprühen grünliche Blitze, »was wirst du mir kaufen? Musst du so zu mir sprechen? Weißt du, dass ich dich jetzt wie einen Hund erwürgen kann – du Schuft … Weshalb belogst du mich? Weshalb sagtest du mir nicht gleich, dass du eine andere Braut hast? Weshalb redetest du von dem Jungen, wo du von deiner Marija reden solltest? … Marija Kahrklen, also das ist die Auserwählte, die Glückliche, der ich weichen muss – die Bettlerin, die nicht den zehnten Teil von dem besitzt, was ich mein nenne. Und dennoch willst du sie nehmen, und dennoch ist sie dir lieber als ich! … Mit qelcher verzauberten Speise hat sie dich geködert, welchen Hexentrank hat sie dir eingegeben? Was hat sie für dich getan? Nicht einen Grashalm hat sie für dich von der Erde aufgehoben und dennoch ist sie dir lieber als ich, als ich, die ich für dich – weißt du was getan habe?«

Wie wahnsinnig schüttelt die Wirtin bei diesen Worten die Hand des entsetzten Burschen.

»Weißt du, was ich deinetwegen tat? Du glaubst, dass der Junge eines ihm von Gott bestimmten Todes starb? Ja, werde bleich werde bleich wie ein Stück Wachs, der kleine Matihs starb keines ihm von Gott bestimmten Todes. Deinetwegen ließ ich ihn im Brunnen ertrinken. Ich konnte ihn retten, du aber warst mir lieber als das Kind, und deshalb ließ ich es versinken … O, o, o! Und nun nimmst du trotzdem eine andere! Nimm deine Marija! Nimm sie, nimm sie! Aber dieses sage ich dir: Deine Zunge soll verdorren für deine verruchte Lüge und des Kindes Geist soll dich quälen Tag und Nacht und soll euch beiden Unheil bringen, bis ihr ins Grab fahret!«

Bei den letzten Worten lässt die Wirtin Kahrl los, stößt ihm die geballte Faust in die Brust, dass er zurücktaumelt, und verschwindet im Wäldchen.

Wie betäubt sieht der Bursche der Enteilenden eine Weile nach und wendet sich dann der Landstraße zu. Auf der Straße wogt ein breiter Menschenstrom hin und her. Pferdehändler reiten dort ihre Pferde, Viehfreibertreiben gezeichnetes Vieh, Marktleute fahren in dert Markt hinein und aus dem Markte fort, fröhliche Paare wandeln dort scherzend und plaudernd auf und ab. Auf dem Marktplatze selbst drängt sich Groß und Klein um die Verkaufsstellen, das Geld klingt, Käufer und Verkäufer lachen, die Kinder blasen auf bunten kleinen Enten aus gebranntem Lehm, hier und da zanken sich auch welche … Am Büfett klirren die Flaschen und Gläser, junge Burschen feuchten dort ihre Kehlen mit schäumendem Bier an, und die alten Väter tun das Gleiche. In den Wagen sitzen die jungen Mädchen, essen Pfefferkuchen und Kringel und klatschen über ihre Schwestern. Und die Zungen der Frauen und alten Mütterchen regen sich ebenso geschäftig wie diejenigen der Mädchen. Alles geschieht genau so, wie es an dieser selben Stelle im vergangenen, im vorvergangenen und vorvorvergangenen Jahre geschah …

Da plötzlich verstummen die alten Mütterchen und horchen auf. Was für ein hässliches Getöse entsteht dort? … Und die jungen Mädchen stecken die angebissenen Pfefferkuchen und Kringel in die Taschen, heben sich in den Wagen auf und schauen aus: Was laufen die Menschen dort auf der Straße zusammen? Und die alten Väter und die jungen Burschen verlassen das Büfett, und nach fünf Minuten wälzt sich der halbe Markt, von Neugier getrieben, der Landstraße zu.

»Was ist geschehen?«, fragt einer den anderen, und aus der Mitte der zusammengeströmten Menschenmenge kommt die Antwort zurück:

»Ein Unglück.«

»Was für ein Unglück?«

»Eine Frau.«

»Was ist mit der Frau geschehen?«

»Überfahren.«

»Wie heißt sie?«

Diesmal kommt die Antwort nicht so bald zurück. Dann aber lautet sie:

»Die Raudup-Wirtin.«

Ja, die Raudup-Wirtin. Inmitten der riesigen Menschenmenge liegt sie leblos auf der Straße da. Ihren zerschmetterten Kopf hält ein Marktwächter auf seinem Schoss und netzt ihn mit dem aus dem nahen Flusse eiligst herbeigeholten Wasser. Wer kann berichten, wie das Unglück geschah? Die einen sagen, dass es ihre eigene, die anderen, dass es des Fahrenden Schuld sei … Eine große Staubwolke hatte sich erhoben, ein Mann mit einer schweren Lade in einem zweispännigen Wagen war vom Marktplatze weggefahren, die Raudup-Wirtin war im selben Augenblick über die Straße geeilt – und als der Staub sich verzogen, hatte die Wirtin auf der Straße gelegen mit zerschmettertem Kopf …

*

Trauergeläut im hohen Kirchturme, Trauergesang auf dem Friedhofe, im offenen Grabe ein prächtiger schwarzer Sarg, ein schöner Blumenkranz auf dem Sarge und um Grab und Sarg eine Menge lächelnder Erben.

Wen begräbt man heute?

Die Raudup-Wirtin.

*

Zu Martini aber halten Kahrl und Marija Hochzeit miteinander. Die Hochzeit ist glänzend, viele Gäste sind da, die Braut ist lieblich und schön. Und dennoch kann Kahrl nicht in die rechte Bräutigamsstimmung gelangen, denn wie ein Alp lastet auf seinem Herzen der Fluch der Raudup-Wirtin. Er fühlt sich nicht schuldig, und dennoch kann er nicht so fröhlich sein wie die anderen. Die blauen, großen Augen des unglücklichen Kindes wollen und wollen ihm nicht aus dem Sinn …

»Wir sind betrübt?« fragt die schöne Braut und legt ihre Hand um seinen Nacken. »Werden wir uns nicht mit einem Tänzchen aufmuntern?«

Kahrl tanzt.

Aber nach dem Tanze wird er nicht fröhlicher …

Die Hochzeit geht vorüber.

Der junge Ehemann lernt im alltäglichen Leben die Tugenden und Schwächen seines Weibchens, die junge Ehefrau die guten und bösen Eigenschaften ihres Mannes kennen. Sie haben sich nicht getäuscht. Sie sind miteinander und mit ihrem Schicksal zufrieden. An zeitlichen Gütern leiden sie keinen Mangel … Und trotz alledem kann Kahrl das Seufzen nicht lassen und ist nicht so glücklich, wie er es sein könnte.

»Was fehlt dir?«, fragt sein Weib.

Aber Kahrl erzählt nicht, was sein Herz bedrückt.

»Was fehlt dir?«, forscht die junge Wirtin immer öfter und fängt an zu glauben, Kahrl sei mit ihr nicht glücklich, und weint.

Da erzählt ihr Kahrl alles.

Das junge Weib ist tief erschüttert, wie ein dunkler Schatten legt sich der Fluch der Raudup-Wirtin auf ihr sonniges Gemüt. Wird des Kindes Geist ihr wirklich Unglück bringen? Vielleicht in jenen schweren Stunden, welche in nicht allzu langer Zeit über sie kommen werden? Ihr Herz bangt, und des Kindes blaue Augen, die sie nie gesehen, quälen auch sie …

Aber es geht alles glücklich vorüber, und als Kahrl ein rosiges Knäblein in den väterlichen Armen hält, da sieht es ihn an mit wunderbar blauen Augen, aus denen ihm ein ganzer Himmel von Glück und Versöhnung entgegenzuleuchten scheint. Und mit zitternder Hand legt er die junge Menschenknospe in die Wiege und beugt sich nieder auf sein junges Weib.

»Freue dich, Weibchen, der Fluch ist von uns genommen, erzürnt uns nicht, denn er ist zu uns zurückgekehrt.«

Die Eltern nennen ihren Erstgeborenen Matihs.


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