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Frühlingsrausch

Die Domglocke schlug elf. Gleichzeitig mit dem Klang des letzten Schlages drang eine Welle mildester feuchter Frühlingsluft durch das offene Fenster in sein Zimmer, dass ihn plötzlich das unbezwingliche Verlangen überkam, noch einen Spaziergang durch die Anlagen zu machen. Er ließ also den »Schwiegersohn des Herrn Poirier«, den er soeben gelesen, in seiner höchsten Pein stehen, griff nach Mütze und Haustürschlüssel, den er seiner Länge wegen auch gern (natürlich ohne Wissen und Willen des Hausherrn) als Spazierstock benutzte, blies die Lampe aus und begab sich in's Freie. Es war ziemlich still draußen. Von der Düna her wehte über den Domplatz wieder eine Welle jener wohligen Luft herüber, die er mit vollen Zügen einatmete. Dann schritt er, der Börse vorüber, durch die Sandstraße dem Basteiberge zu. Er war in den letzten Wochen wenig und nur auf kurze Augenblicke in's Freie gekommen, hatte, sozusagen; durch's Fenster draußen Frühling werden sehen oder, genauer ausgedrückt, hatte gesehen, wie die kümmerliche Eiche am kümmerlichen Herder-Denkmal ihre kümmerlichen Blätter bekam, jetzt wollte er sich ein paar Stunden an der blühenden Natur in den Anlagen so recht von Herzen erfreuen, wollte sich so recht unvernünftigen Frühlingsschwärmereien hingeben, wollte sich an dem Duft der Syringen den köstlichsten Rausch trinken!

Vor Sonnenuntergang war ein wenig Regen gefallen und hatte die Luft und die Sträucher von Straßenstaub gereinigt. Als er nun langsam einen der gewundenen Wege des Bästeiberges emporstieg, blitzten jedoch nur noch ganz vereinzelte matte Tauperlen an den Blättern und Blüten im Mondschein auf, der Abendwind hatte bereits der Erde diesen vergänglichen Schmuck wieder zurückgegeben … Jetzt stand er oben. Die Kaffeehalle hatte keinen Besuch. Der Kellner war unsichtbar, er konnte sich allein und ungestört dem Genuss des seinem Auge so bekannten köstlichen Anblickes hingeben. Da lagen sie vor ihm ausgebreitet, die schönsten Anlagen Rigas, umgrenzt von dessen schönsten Bauten, da grüßte ihn, hell im Mondlicht erstrahlend, das Theater, der Tempel der Kunst, und dort jenseits des silbern blinkenden Kanals das Polytechnikum, der Tempel der Wissenschaft. Ein leises, unbestimmtes Rauschen drang an sein Ohr, ein kräftiger Erd- und Grasgeruch, gemischt mit dem Duft der ringsum blühenden Syringen, umflutete ihn, er legte die Hand auf das Herz – und lächelte dann über diese theatralische Bewegung. Wie, hatte er denn schon etwa einen ganz kleinen – –?

Ja, er war einer gehobeneren, freieren Stimmung als gewöhnlich, aber in der rechten noch nicht. Er stand noch eine Weile da und ließ seine Blicke über das Stadtgymnasium schweifen, hinter welchem die Kuppeln der Kathedrale schimmerten und der Turm der Gertrudkirche winkte, lauschte hoch dem nächtlichen Schaffen und Weben zu seinen Füßen, hörte wie einzelne Tropfen mit leisem Ton langsam von Blatt zu Blatt fielen und schritt dann abwärts. Hier, wo das Auge so viele Mauern sah, war nicht der Ort, wo man sich, in die rechte Frühlingsstimmung hineinphantasieren konnte. Er setzte sich an der Nordseite des Basteiberges auf die Bank unter der Tanne. Aber indem er sich bequem zurücklehnte und den würzigen Tannenduft einzog, kam ihm der Umstand, dass er einen Ort suchte, wo der Zauber der Frühlingsnacht am wirksamsten wäre, so komisch vor, dass er beinahe aufgelacht hätte. Er stand auf und trat aus dem Schatten des Basteiberges wieder in den Mondschein hinaus. Jetzt wollte er umherschlendern, im Gehen vergaß er am ehesten, was er wollte und hatte dann bald seinen »Rausch«. Und er ging. Er schritt über die Alexanderbrücke, durchwandelte die Anlagen vor dem Polytechnikum und lenkte seinen Fuß den Anlagen vor dem Stadtgymnasium zu. Überall dieselbe köstliche Luft, überall derselbe Duft, überall milder Mondschein, üppige Fülle, quellendes Leben! Aber sein »Rausch«, jenes unbeschreibliche, aus Sehnsucht, Weltschmerz, Schaffensdrang, gesteigerter Lust am Leben zusammengesetzte Gefühl, das einem die Brust bis zum Springen füllt und die herrlichsten Vorsätze in die Seele pflanzt – er blieb aus. Woran lag es nur? … In seiner Heimat, auf dem Lande, da war es doch ganz anders gewesen. Da hatte er nur in den alten Park hinauszugehen brauchen, hatte die Oger rauschen und die Nachtigallen schlagen hören – – ach, die Nachtigallen fehlen ja hier! Ohne Nachtigallengesang hatte er eine Frühlingsfeier begehen wollen! O, wie töricht! … Und verstimmt den Kopf senkend, wandte er sich um und wollte nach Hause gehen.

Da schlug helles, verhaltenes Lachen an sein Ohr. Es war ein so eigentümlich vibrierender Klang in dem Lachen, dass er plötzlich stehen blieb und lauschte. Zwei jugendliche, fröhlich plaudernde Stimmen näherten sich. Ihm kam der unmotivierte Gedanke, die beiden vorübergehen zu sehen, ohne selbst gesehen zu werden, und sachte zog er sich hinter einen Busch zurück. Das fröhliche Paar ging jedoch nicht vorüber, sondern setzte sich dem Lauscher schräg gegenüber auf eine mondbeschienene Bank. Ein Knabe und ein Mädchen waren es. Er mochte kaum achtzehn Jahre zählen und war nach den Abzeichen, die er trug, noch Schüler, hatte kurzes, lockiges, braunes Haar und einen dunklen Flaum auf der Oberlippe. Seine schöne Stirn – er hatte die Mütze in der Hand – leuchtete in keuscher Weiße, während auf den feinen Lippen und den Wangen zarter, rosiger Hauch lag. Sie war eine zierliche Blondine von etwa sechzehn Jahren mit einem reizenden Näschen und einer Gesichtsfarbe von wunderbarer Zartheit. Sie schienen von einem Ball zu kommen, denn das Mädchen trug ein leichtes blaues Tüllkleid.

Sie saßen eine Weile stumm da, sie zur Erde blickend und mit einem ihrer langen Zöpfe spielend, er ihr Profil mit glänzenden Augen betrachtend.

»Es ist wirklich eine schöne Nacht«, sagte sie endlich mit jenem Tonfall der Stimme, der verrät, dass man an das, wovon man eben gesprochen, nicht gedacht hat.

»Ja«, sagte er, »es ist wirklich eine sehr schöne Nacht.«

Sein Blick wandte sich dabei unsicher von ihr ab und sie hob die Augen und sah vor sich hin. Seine Hand glitt auf die Bank nieder, als ob sie etwas suche … Sie lachten nicht mehr …

»Ob man mich schon zu Hause erwartet?« fragte sie nach einer Pause.

»Wie sollte man! Der Ball wird kaum jetzt erst zu Ende sein. Wir können uns hier getrost noch ein Weilchen erholen. Ich finde nur, dass die Luft, trotzdem es geregnet hat, sehr drückend ist.«

»Erstickend.«

Sie fächelte sich mit dem Taschentuch Kühlung zu und er strich sich mit der Rechten die Locken zurück, während die Linke ihren Mantel berührte und dann zaghaft ihre Hand. Eine Blutwelle schoss ihr in die Wangen, aber sie zog die Hand nicht zurück. Ein tiefer Seufzer hob ihre Brust.

»Plaudern Sie, erzählen Sie doch etwas«, hob sie leise wieder an, »Sie sind heute so still …«

»Ich? Ja – ich – kann heute Abend nicht plaudern, mir ist so wohl, wenn ich so dasitzen und schweigen kann. Aber wenn Sie wünschen …«

»Nein, nein«, wehrte sie ab, »ich mag eigentlich auch nicht. Ich sprach, ohne zu denken.«

Wieder entstand eine kleine Pause, dann erfasste er ihre Hand völlig und diese an sich ziehend, sagte er mit sanfter, leise bebender Stimme: »Sie wenden immer die Blicke von mir ab, sehen Sie mich denn so ungern an?«

Sie wandte ihren blonden Kopf, ihre Blicke tauchten ineinander, er murmelte kaum hörbar: »O, wenn Sie wüssten, wenn Sie wüssten, wie …« Dann fasste er auch ihre andere Hand und neigte seinen schönen Kopf ein wenig dem ihrigen zu … Und wieder schwiegen sie eine Weile, bis das Mädchen ihm ihre Hände entzog und flüsterte:

»Jetzt müssen wir gehen.«

»Nur noch eine Minute lassen Sie uns verweilen«, murmelte er. »Eine Minute …«

Hand in Hand saßen sie noch auf der mondbeglänzten Bank da, eine Minute, zwei, fünf …

Dann gingen sie.

*

Sinnend schlenderte er nach Hause. Die Nachtigall hatte zwar nicht gesungen, aber seinen Frühlingsrausch hatte er weg.


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