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8. Kapitel

In der alten Hafengasse standen die Häuser so schmal und eng, als müßte eines das andere stützen; vom Rhein aus stieg sie etwas steil an und hatte schottriges, unregelmäßiges Pflaster, auf dem jeder Handkarren holperte.

Tagsüber waren die kleinen, quadratischen Fenster dieser alten baufälligen Häuser meist verhangen; an manchem sah man schlafend eine Katze kauern, an anderem bewegte sich manchmal der Vorhang und ein weißer nackter Arm wurde sichtbar, der winkte. Die niederen Türen standen immer offen und zeigten ein paar geschlossene, dünn gewordene und verblaßte Vorhänge, hinter denen eine Ampel schaukelte, die aber erst mit der ersten Abendstunde ihr rotes Licht strahlen ließ.

Still war es tagsüber.

Ein paar schlampige Frauen, nicht gekämmt, in Morgenjacken, manchmal noch im Unterrock, die irgendwelche Einkäufe machten; ein paar Hafenarbeiter mit der Stummelpfeife; Jungens, die von Neugierde getrieben wurden, dann einmal ein Schutzmann, der mit langsamen, hallenden Schritten gewichtig durchpatroullierte.

Kaum aber sanken die ersten Schatten der Dämmerung nieder, kaum stiegen vom Strom her die Nebel auf, da huschten aus den schmalen, alten Häusern die Nachtfalter, geschminkte Gestalten, die damit über das Alter zu täuschen versuchten, in bunten, grellen Blusen, die anlockten, frisiert, mit manchem aufdringlichem Schmuck aus glanzvollerer Zeit, mit hungrigen, lüsternen Augen.

Sie kamen aus den Häusern und glitten rasch durch die Hafengasse, um in einer kleinen Singspielhalle, bei einer Kapellenmusik, in irgendeinem der minderwertigen Tingeltangels oder auf der Straße Beute zu fangen; sie zogen aus, um Kunden zu bringen.

Wurde es dann dunkler, und nur die Laterne am Eingang der Hafengasse leuchtete, dann fiel der rote Schein des Ampellichtes aus den Hausfluren.

Da kamen die Motten zum Licht.

Junge, lüsterne Burschen, die oft nur krakehlten, andere, die einen Wochenlohn lose in der Tasche trugen, Männer, die erst scheu um sich blickten, ehe sie in die Hafengasse einbogen, alte Männer mit ergrauten Haaren.

Alle suchten ihr Vergnügen auf so dunklen Wegen.

Und ihnen entgegen kamen die anderen, die für diese Nacht zurückgeblieben waren.

In dem einen Flur lehnte eine in einem Mantel, den sie lockend öffnete, um eine üppige Brust zeigen zu lassen, wenn einer vorbeistrich; eine andere stand nur im Hemd da, mit einem widerlichen Lächeln auf dem sinnlichen Mund. Überall kamen sie hervor.

Ein scheuer Blick auf die Gasse.

Eine Meldung.

»Der Polyp ist drunten am Ufer.«

Da wagten sie sich ganz heraus und huschten selbst durch die Gasse, griffen auch nach einem, der ein Geschäft versprach, lockten mit den gemeinsten Worten:

»Komm mit: Nur für 'nen Thaler.«

»Ich weiß dir was Schönes!«

»Für eine Mark laß ich dir was.«

Lachen dabei, Winken, Werben, Buhlen.

Ein Bild der tiefsten und verkommensten Leidenschaften, der Abgrund in seiner ganzen Verlorenheit. Tiefer sinken konnte keine mehr.

Lüsternheit in der hungrigsten Gier.

Je weiter die Nacht verstrich, um so toller, wilder die Bilder.

Ein Ruf:

»Der Polyp!«

Schallend der Schritt des patroullierenden Polizisten.

Und im Nu verschwanden die Gestalten, huschten in den Flur, verkrochen sich hinter den Vorhängen, um langsam wieder hervorzukommen, wenn der Schritt allmählich in der entgegengesetzten Richtung verhallte.

Dröhnender Glockenschlag um Mitternacht.

Hinter so manchem der kleinen, quadratischen Fenster glomm ein rötliches Licht.

Stiller war es geworden, denn die meisten hatten ihre Beute gefangen und gleich Spinnen eingesogen.

Die aber, die mit der ersten Dämmerung fort waren, kamen auch wieder zurück, jede mit ihrem Opfer.

Nur wenige fegten noch immer durch die Gasse; eine hagere Gestalt von immer noch zierlicher Erscheinung mit großen, dunklen Augen in einem schmalen, müden Gesicht, das aufgeschminkt war. Dünne, gesprungene Lippen, von denen der Duft starken Alkohols atmete. Das Haar war braun und dicht; ein buntes Seidentuch lag um den Kopf.

Sie stand wie lauernd vor einem Türeingang.

Eine andere zog mit einem Burschen vorbei, der schon etwas schwankte; diese rief der Hageren mit den großen, starrenden Augen zu:

»Es ist nicht mehr viel los, heute! Hast du schon einen gefunden, Aga? Oder warst du drüben im Wasserfall?«

Die im Türeingang nickte gleichgültig:

»Ich hab mit ein paar getrunken. Das ist vergnügter, da hat man Ruhe und vergißt.«

Ein Lachen.

»Natürlich, wenn du nur trinken kannst, Aga! Aber die dicke Seibertin wird wieder schimpfen und fluchen, wenn du keinen bringst. Sie will dich schon hinauswerfen.«

Ein Zucken in dem geschminkten Gesicht:

»Einer – einer wird mir schon übrigbleiben; die Nacht ist noch lang, und bei Tage läßt sich ja schlafen.«

Die mit dem angetrunkenen Begleiter verschwand in einem rotbeleuchteten Flur.

Aga aber, die nun in drei Jahren von Stufe zu Stufe, bis tief in den häßlichsten Schlamm gesunken war, von deren Mund der widerliche Atem von Bier und Schnaps kam, die nur noch wie ein Schatten war, eine zerbröckelnde Ruine, blickte wieder gierig in die Nacht.

Einer – einer nur, damit die dicke Seibertin sie noch behielte, damit sie über die Stunden des Tages hin schlafen konnte, um sich mit den ersten Schatten der Dämmerung aufs Neue zu betäuben.

In der Hafengasse war sie nun gelandet.

In der Dunkelheit hob sich ein Schatten ab, der näher kam, eine kleine, gekrümmte Gestalt.

Aga hatte sie erspäht; sie strich an ihn heran; mit etwas spröder, heiserer Stimme erscholl ihr Lockruf:

»Komm, Kleiner, sollst es gut haben.«

»Ei schau, also doch einmal,« klang ihr eine schrille Entgegnung zu.

Aga beachtete es nicht. Nur einer, damit sie wieder Ruhe bekam!

»Gehst doch mit!«

»Natürlich!«

Und da hing sie ihm am Arm; ein Buckliger war es, ein Zwerg mit verrunzeltem Gesicht. Hinein in den Flur mit dem Ampellicht. Sie ging selbst voran auf der knarrenden Treppe, die bei jedem Schritt stöhnte; sie schaute gar nicht zurück, denn sie hörte ja den schweren, plumpen Schritt nachkommen, da er den einen Fuß immer erst nachzuschleifen schien.

Aus einer Türe schaute spähend mit rotunterlaufenen Augen die Seibertin, die widerlich grinste, als sie Aga mit dem Begleiter sah.

Eine ächzende Zimmertüre öffnete sich; ein niederer Raum mit zerwühltem, unsauberen Bett, eine Ottomane mit brauner verschossener Decke, alte Bilder, auf einem Tischchen geleerte Bierflaschen. Ein flackerndes Licht.

»Komm, Kleiner!«

Damit ließ sich Aga auf die Ottomane fallen und breitete herausfordernd die Arme aus.

Der Bucklige mit dem spitzen Höcker kam langsam nach; er kicherte schrill.

»Will mir es gut schmecken lassen, habe ja lange genug gewartet. Ich wußte ja, daß deine Küsse auch mal feil sein werden, selbst für einen Buckligen. Riechen jetzt zwar nach Branntwein, aber heikel darf unsereiner nicht sein. Die Illusion bleibt mir doch, daß du einmal die schöne Agnes warst.«

Aber Aga hatte ihn nicht erkannt; das Erinnern hatte sie schon zu ertränken gewußt.

Ihr Mantel war offen. Das Fleisch lockte.

Und mit der Art dieser Elendesten unter den Verlorenen bettelte sie:

»Was schenkst du mir, Kleiner? Ich werde auch recht lieb zu dir sein!«

Sie kannte ihn nicht.

In ihrem Kopf war alle Vergangenheit ausgelöscht, sie war im tiefsten Sumpf. Da fand sie Vergessenheit.

Der Bucklige griff nach ihr; doch sie schob ihn zurück:

»Erst das Geld, mein Junge! Die Seibertin will Geld sehen. Und dann was für den Strumpf. Sei nicht geizig, es soll dich nicht reuen.«

Mehrere Silberstücke klirrten auf die Tischplatte.

Und Aga gab dem Buckligen, was er forderte; Aga zog jetzt auch ihn in ihre Arme und hatte dabei kein Erinnern daran, daß bisher jede Begegnung mit dem Buckligen wie eine Warnung vor hereinbrechendem Unheil war.

Aber was konnte er ihr jetzt noch nehmen, was noch Schlimmeres über sie bringen?

Das war ihr Dämon, den sie nun wie einen Liebsten umfing.

Und in gieriger Sinnenlust saugten sich des Buckligen Lippen küssend an dem warmen Fleisch fest – ein Vampyr, der sein Opfer endlich ganz besaß – –

*

Die niedere Stube der Schenke zum Wasserfall war so mit Rauch und Qualm erfüllt, daß die Gestalten darin nur wie durch einen Nebel zu sehen waren. Ein mächtiges Orchestrion dröhnte mit Glocken und Schlagwerk.

Hinter dem Büffet stand der breitschultrige Wirt mit dem kurzgeschorenen Haar, die fleischige Hand auf den blankgescheuerten, messingnen Hähnen, die Augen sicher und ruhig umhergleiten lassend, um alles zu überschauen und um jeden kaum angedeuteten Wunsch auch erfüllen zu können.

Die Kellnerin mußte immer laufen, um die Forderungen nach Hell und Dunkel, nach Münchner und Kulm, nach einer »Stange«, nach »Obergärigem«, nach Schnäpsen und Likören rasch genug zu erfüllen.

Ganz dicht saßen die Gäste, die alle aus der Hafengegend, und größtenteils aus der alten Hafengasse selbst stammten.

Dichter Rauch von Zigarren und Pfeifen, ein Chaos von Stimmen in Kölner Platt, aus der Mannheimer Gegend, Pfälzerisch, dann schnarrendes Berlinisch, breite Laute aus dem Süden. Von überall her stammten die Gäste im Wasserfall. Manchmal lärmten die Stimmen so laut, daß selbst das Dröhnen des großen Musikautomaten nicht durchdringen konnte.

Burschen, die arbeitsscheu das letzte Geld vertranken, Schifferknechte, Lastträger, verkommene Gestalten. Und unter ihnen, in grellen Kostümen, viele mit Federhüten, andere mit dem seidenen Schal nur, oft mit dem auffrisierten Haar allein die Bewohnerinnen der Hafengasse.

Der »Wasserfall« war für sie ein Asyl, wenn sie ausruhen wollten; wenn sie auf der Jagd nach Beute eine Pause machten, wenn vorher ein gutes Geschäft gelungen war, oder wenn sie eine Stärkung suchten, ehe die Suche wieder beginnen sollte. Hier hatten sie eine Zuflucht, warfen dabei den Burschen und den anderen Gästen ihre zotigen Scherzreden zu, hatten unter den Männern oft noch einen Liebsten, dem sie ihr heimliches Strumpfgeld zusteckten, und bekamen, was sie sonst begehrten.

Da saß eine, die Füße überkreuzt, zwischen den geschminkten Lippen eine Zigarette qualmend und hörte einem Burschen zu, der mit lebhaften Gesten auf sie einredete. Eine andere, mit hektisch geröteten Wangen, die das letzte Stadium der Schwindsucht verrieten, erzählte mit der in ihr brennenden Lebensgier von ihren Erfolgen; wieder eine mit den seltsam glänzenden Augen, die auf Atropineinspritzungen Schlüsse zuließen, hielt ein Glas Bier hoch und nickte herausfordernd einem Burschen am Nebentische zu. Alle Gestalten der Hafengasse, die elendesten unter diesen Elenden, kamen hierher.

Da betäubte alles die Sinne, erregte sie wieder, ließ andere Begierden noch aufflackern, machte vergessen, ließ träumen, da war Haschisch, da fand man den Rausch, der alles versinken ließ, was schließlich zum Bewußtsein des eigenen Elends geführt hätte.

Die einen kamen, andere gingen.

Darüber Rauch und Qualm und das »Tschingtata« der messingnen Becken des Orchestrions.

Plötzlich ein Kreischen, ein Schreien, das Umstürzen von Stühlen, Klirren fallender Gläser, Aufspringen mehrerer Gestalten an einem runden Tische auf der erhöhten Nische.

Lärm und Fragen.

»Was ist denn los?«

Der Wirt kam aus seinem Schanktisch heraus und drängte in die Ecke.

Da sah man eine bewußtlose Gestalt mit geschlossenen Augen und weißem, blutleeren Gesicht regungslos am Boden liegen, die beim Umsinken mit den Händen mehrere Gläser zu Boden gerissen hatte.

Andere standen neugierig herum, flüsterten, lachten sogar und zuckten teilnahmslos die Schultern. Eine nur kniete neben der wie tot und starr daliegenden und öffnete die grellrote Seidenbluse.

Der Wirt schaute nieder und sagte dann verächtlich:

»Die Aga! Was ist mit ihr? Sie hat doch heute noch nicht soviel getrunken?«

»Vielleicht hat sie anderswo schon einen Rausch mitgebracht?« rief eine dazwischen.

Und eine andere: »Aga hat eben eine Vorliebe fürs Trinken.«

Da richtete sich die Knieende auf:

»Das ist nicht wahr! Ich weiß, daß sie heute noch kein Glas berührt hat. Es ist etwas anderes! Das Herz ist still! Vielleicht ist sie tot?«

Der Wirt antwortete gleich:

»Dann schafft sie mir sofort hinaus, denn sonst bekomme nur ich mit der Polizei Scherereien. Wegen so Einer!«

Aber da meldeten sich gleich mehrere Stimmen:

»Hallo, sind wir dir nicht gut genug, wenn wir deinen Fusel trinken?«

»Kannst deine Bude zusperren, wenn du uns nicht mehr hast.«

»Holt lieber den alten Doktor!«

Rufen, Lärmen.

Die am Boden lag, gab immer noch kein Lebenszeichen. Endlich griffen mehrere Arme zu, hoben die Bewußtlose auf und brachten sie auf die Gasse hinaus.

»Zur Seibertin! Es ist ja nicht weit! Dort wohnt sie.«

Ein kurzer Weg nur, auf dem alle neugierig folgten.

Und sie regte sich nicht; starr lag der abgemagerte Körper in den Armen der Tragenden.

Die Seibertin schimpfte und lärmte:

»Diese Versoffene! Hat sie schon wieder einen sitzen?«

»Nein! Aber aus mag es sein.«

In der niederen Stube wurde sie auf das zerwühlte Bett gelegt.

Und als der alte Doktor gekommen war, den man immer in die Hafengasse rief, als er an dem Bette saß und die Regungslose untersucht und abgehorcht hatte, da nahm er erst aus seiner beinernen Schnupftabakdose eine Prise, schneuzte sich die Nase, räusperte sich und urteilte dann:

»Diesmal ist es noch vorübergegangen. Eine Ohnmacht nur! Das Herz will eben nicht mehr mitmachen. Aber noch so ein Anfall, und dann ist's vorbei.«

Da öffneten sich schon langsam die großen, braunen Augen Agas, in denen ein Blick wie ein Erstaunen war.

*

Aga schob den Ärmel an der linken Hand zurück; da lag der dünne knochige Arm mit der weißen Haut bloß, die von ganz kleinen, roten Pünktchen wie von Stichen bedeckt war.

Müde und abgespannt sah das hagere Gesicht aus, in dem die Lippen mit starkem Rot aufgeschminkt waren. Die großen Augen blickten abgestumpft, müde und glanzlos.

In der rechten Hand hielt sie die Morphiumspritze.

Die Hand, die sonst immer etwas zitterte, fand hier eine geschickte Bewegung, einen festen Griff. Ein kurzer Stoß in die Haut, ein Entleeren der Spritze, und das Morphium begann seine Wirkung.

Dieses Gift belebte sie noch, dies berauschte sie, dies täuschte gesteigerte Lebensenergie vor; einmal hatte sie davon gehört, einmal den Versuch gemacht, und nun war sie nur noch diesem Gift ergeben.

Das half, wenn Gespenster kommen wollten, wenn ihre Sinne zu erschlaffen drohten, wenn sich Erinnerungen meldeten, die den Ekel vor sich selbst brachten. Eine Einspritzung, und es regte sich anderes Leben.

Aga trat vor den Spiegel.

Das Morphium ließ nun die vorher trüben, matten Augen bereits in fiebrischem Glanze leuchten; eine erneute Lebensgier schien mit dem Gifte erwacht; auch die Schlaffheit der Züge schien unter der Einwirkung zu weichen.

Jetzt griff sie nach der Puderquaste und stäubte etwas Rot auf die Wangen.

Eine andere schien sie zu werden!

So blickten doch noch begehrliche Augen nach ihr.

Die Nacht begann ja wieder; und sie mußte auf die Straße, mußte hinaus, um zu vollenden, was sie sich selbst zum Schicksal bestimmt hatte.

Die dünnen, knochigen Hände griffen ordnend in das braune, weiche Haar, in dem sie die grauen Haare immer wieder färbte.

Noch war sie begehrlich; sie wollte es sein. Es war dies der Rausch, der noch täuschte.

Die Morphiumspritze legte sie wieder in das Schubfach des Tisches zurück, das sie kräftig zustieß.

In der Hafengasse lag bereits Nebel und Dämmerung. Die Laternen schienen wie runde, große Lichtkugeln aus dem Dunst zu leuchten.

Feuchte Herbstkälte.

Sie spürte ein Frösteln. Sollte sie nicht erst trinken? Das gab Wärme. Da konnte man dann eher durch die Straßen ziehen, um immer wieder den gleichen Lockruf hören zu lassen.

Eine schlanke Burschengestalt löste sich aus dem Nebel. Hoch aufgeschossen. Ein frisches, junges, bartloses Gesicht mit gelblichbraunen Sommersprossen, mit graublauen Augen, die hungrig schienen, gierig blickten. Einer, der vielleicht achtzehnjährig war.

Er trug auffallend elegante Kleidung, wie man ihr in der Hafengasse nur selten begegnete. Sogar helle Gamaschen leuchteten.

Aga sah ihn.

Das war einer von denen, die gierig nach der ersten Umarmung eines Weibes waren, in denen der Trieb des Geschlechts den häßlichsten Weg gefunden hatte, die mit Geld die erste Liebkosung einer Dirne zu erkaufen suchten, die heimlich die Unruhe erregter, sinnenheißer Nächte stillen wollten.

Der erste Fall.

Aga fühlte es.

So blickten nur Augen, die noch kein Weib in Nacktheit gesehen hatten, so blickten nur Augen, die wohl wissend waren, aber doch noch keine Umarmung erlebt hatten. Wie viele solcher gab es! Irgendeine Verführung trieb sie dann in solche Gassen.

Sie blickte ihn mit ihren von der Morphiumwirkung brennenden Augen werbend an:

»Schöner Junge willst du nicht küssen lernen? So komm doch mit. Ich bin lieb zu dir.«

Erst war es, als wolle er davonlaufen, als packe ihn doch ein Erschrecken. Aber die Gier war stärker, das Blut verlangender. Er stockte. Und seine Augen bohrten sich in das geschminkte Gesicht. Eine heisere Jungenstimme!

»Ich gehe mit.«

»Ist wohl das erstemal, hübscher Junge? Aber ich will dich ganz warm halten. Alles sollst du fordern dürfen –«

»Ich – ich weiß schon alles –«

»Aber du hast noch bei keiner geschlafen?«

»Das ja nicht.«

»Bei mir sollst du! Ich habe sie alle gern, die so sind wie du, die zum erstenmal kommen. Ich bin auch schön, so komm und gib mir deine Hand.«

Da zog sie ihn an ihre Seite, schmiegte sich an ihn, legte seinen Arm um ihre Hüfte und drückte seine Hand an ihre Brust, so daß er glühend erregt zu zittern begann.

*

»Dort vorne war es! Ich erinnere mich ganz deutlich. Mit der Aga ist so ein junger Bursche gekommen. Gamaschen trug er. So einen sieht man doch sonst nicht in der Hafengasse.«

Ein Mann in einem Mantel mit hoch aufgeschlagenem Rockkragen, der vorn noch zugeknöpft war, damit das Gesicht nicht allzu neugierig betrachtet werden konnte, und ein Polizist fragten.

Eine kleine, üppige Gestalt mit einem Federhut antwortete.

»Was ist das für eine Aga?«

»Bei der Seibertin, auf fünf.«

Und nun redete der Polizist auf den Mann im Mantel ein und drängte ihn weiter.

Die kleine Dicke schaute ihnen eine Weile nach, bis eine andere zu ihr herankam und fragte:

»Was hat es da wieder gegeben?«

»Oh je! Da läuft ein Vater seinem Jungen nach, es soll ein ganz grüner sein. Die Aga hat ihn eingefangen.«

Ein häßliches Lachen.

»Was so einer verlieren kann, das nimmt ihm die Aga schon.«

Und die Nachtvögel der Hafengasse tauchten wieder im Nebel unter.

Der Polizist wies auf das alte, schmale, baufällig aussehende Gebäude; im oberen Stockwerk hinter zwei kleinen, quadratischen Fenstern brannte ein rotes Ampellicht:

»Da ist es, Herr Kommerzienrat.«

Ein Nicken.

Im Flur trat ihnen keifend die Seibertin entgegen:

»Was soll das nun wieder? Ein Polizist? Bei mir sind alle richtig in Kontrolle. Ich nehm kein anderes Mädel.«

»Deshalb ist es auch nicht, Seibertin. Der Herr da sucht nur seinen Jungen, der mit der Aga gekommen ist.«

»Die kann auch nicht jeden nach dem elterlichen Erlaubnisschein fragen. Die Zeiten sind schlecht genug, die Konkurrenz ist zu groß.«

»Seien Sie nur still, Sie bekommen Ihr Geld.«

Dann schwere Schritte die Treppe empor.

Der Mann mit dem hochgeschlagenen Mantelkragen wandte sich an seinen Begleiter:

»Warten Sie lieber hier vor der Türe! Ich möchte allein hineingehen!«

Aber von innen war ein Riegel vorgeschoben; und erst auf ein wiederholtes, starkes Pochen wurde er geöffnet. Schmal zeigte sich ein Türspalt und Agas fragendes Gesicht.

Ein Aufdrücken der Türe.

Mit grausamer Deutlichkeit beleuchtete das rote Ampellicht die Szene.

Auf der Ottomane knieend der junge, bartlose Bursche mit geweiteten, entsetzten Augen; halb entkleidet. Das weiße Hemd leuchtete.

Auf dem Tischchen lagen blinkend mehrere Goldstücke, die ungeduldig hingeworfen zu sein schienen.

Aga, die noch die Türklinke hielt, im langen weißen Hemd mit roten Bändereinsätzen und mit langen, seidenen Strümpfen, mit flackernden, großen Augen, mit einem breiten Lächeln auf den geschminkten Lippen.

Die hohe Gestalt des Mannes im Mantel streifte fast die Decke.

Bei seinem schweren Eintreten sprang der Junge auf und griff suchend nach seinem Rock; sein Antlitz verzerrte sich dabei in erbittertem Zorn, halb auch in Furcht.

»So und an solchem Orte muß ich dich finden und holen. Hierher hast du das Geld getragen, das du mitgenommen hattest? Schämst du dich nicht vor dir selbst?«

»Vater!«

Das schmale Gesicht flammte; der Kopf duckte sich erst, dann aber ein trotziges Aufbäumen:

»Warum hast du mich auch gerade in den Beruf zwingen wollen, den ich hasse? Laß mir Freiheit!«

»Ist das die Freiheit, die du verlangst?«

Wieder ein Ducken; dann nochmals ein Wehren:

»Ich wäre nie – nie hierher gekommen, wenn du mir nur die Lust am selbstgewählten Arbeiten gelassen hättest. Aber dein Zwang machte mich erbittert, deine Strenge, deine grausame Härte allein stieß mich zu Freunden, die mir dann davon erzählten.«

»Schweig! Das ist nicht der Ort, an dem wir uns verständigen. Komm!«

Die Aufforderung klang hart, mit einem Tone, der nur ein Gehorchen, ein bedingungsloses Sichfügen kannte.

»Aber du – darfst nicht wieder schlagen«, klang die Antwort zurück.

Ohne zu zucken, wie erstarrt, ohne die geringste Bewegung zu machen stand Aga immer noch an der Türe, die sie geschlossen hatte. Dann griff ihre Hand nach der Stirne, strich mit dem Handrücken darüber hin und starrte wieder auf die beiden, auf Vater und Sohn.

Der Sohn, der erst noch ein Auflehnen versucht hatte, ein verzweifeltes Wehren, wurde nun geduckt und kläglich hörte sich seine Stimme an:

»Ich hatte ja keinen einzigen Kameraden, zu keinem echtes Vertrauen. Zu dir durfte ich nie kommen und fragen. Du hast nur immer diktiert, nur immer befohlen. So suchte ich anderswo für meine Gedanken Zuflucht – und da bist nur du selbst schuld.«

»Schweig!« donnerte wieder die Stimme des Mannes im Mantel. »Habe ich dich hierher gehen heißen? Damit willst du nur deine Gemeinheit entschuldigen. Habe ich dir je ein Beispiel zu solcher Verderbtheit gegeben?«

Da strich sich Aga mit den Fingern wieder über die Stirne; dann aber lachte sie gellend auf, ein wildes, irres Lachen, das so unvermutet in diese Szene hineinklang, daß sich ihr vier Augen mit rascher Bewegung zuwandten.

Mit dem Rücken lehnte Aga an der Türe.

Grotesk war der Anblick der Gestalt im Hemd mit den roten Seidenbändern darin, mit den langen, lilafarbenen, durchbrochenen Seidenstrümpfen, grotesk die Geste des abgemagerten Armes mit den feinen, roten Pünktchen, der nun gegen den Mann im Mantel wies.

Schrill die Stimme:

»Haha, da spricht die große Tugend. Nein, Herbert Möllendorf, zu solcher Verderbtheit hast du nie das Beispiel gegeben. Du bist ein ehrenwerter Mann, du hast Würden und Ehren auf dich gehäuft, du hast dir Orden verdient, du bist ein ehrenwerter Mann, ein Tugendbeispiel, Herbert Möllendorf!«

»Was fällt Ihnen ein! Ich kenne Sie nicht. Schweigen Sie!«

»Oh, ich schweige nicht, nein, ich will reden, einmal auch reden. Ich bin nicht die kleine, geduckte Frau, die dir gehorcht, ich bin nicht der dort, den du niederbrüllen magst. Kennst du mich wirklich nicht, Herbert Möllendorf?«

»Geben Sie den Weg frei! Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen.«

»Nein, du nicht, aber ich mit dir! Ich gehe nicht weg von der Türe, du ehrenwerter Mann.«

Mit geballten Fäusten stand er ihr gegenüber.

Und sie lachte:

»Haha, hast du deine Frau vielleicht geschlagen, wenn sie sich nicht kuschte? Du, du stehst da und sprichst von Verderbtheit anderer? Du?«

Der Sohn schaute nun mit glühenden Wangen auf die Abrechnung, die sich vor ihm abzuspielen schien; er verstand es, daß hier eine Katastrophe hereinbrach.

»Zurück!«

»Nein! Kennst du mich immer noch nicht, Herbert Möllendorf? Bin ich so alt und häßlich geworden? Habe ich gar nichts mehr von der Schönheit der kleinen Agnes, die du einst auf den Armen in das Jagdhaus hineingetragen hast? He, du ehrenwerter Mann, habe ich nichts mehr von der armen Agnes, die du abgeschüttelt hast, als sie um deines Kindes wegen bettelnd vor dir stand? Weißt du nicht mehr, welchen Rat du ihr gegeben hast? Dein Kind einem anderen, einem Dummen als das seine aufzuschachern?«

»Geh weg, gib die Türe frei!«

»Ich will nicht! Reden will ich, einmal mit dir, zum letztenmal mit dir. Du prahlst, wie ehrenwert du bist! Schau, das bin ich geworden, durch dich, weil ich nicht so schlecht sein konnte, dein Kind einem fremden Vater aufzuschwatzen; das bin ich geworden, weil ich dein Kind dann ganz allein für mich haben wollte, weil ich für dein Kind von dir kein Bettelgeschenk wollte! Für dein Kind habe ich mich in den Staub geworfen. Und du – du willst dem dort sagen, du hättest kein Beispiel für solche Verderbtheit gegeben. Oh nein, du bist ein ehrenwerter Mann.«

Der im Mantel warf einen scheuen Blick auf seinen Sohn. Doch der stand da, den Kopf tief auf die Brust gesenkt, als schmetterten diese kreischend hervorgestoßenen Anklagen auf ihn selbst nieder.

Dann griff Herbert Möllendorf nach dem Arm Agas, um sie von der Türe wegzureißen:

»Schweig, und geh mir aus dem Weg!«

»Ich bleibe! Oh du, diese Stunde entschädigt mich für ein ganzes verpfuschtes Leben. Ja, das bin ich geworden, durch dich, durch dich, das bin ich geworden für dein Kind. Und du – oh du bist reich geworden, du hast Ehren gehäuft, du Gerechter, du! Du hast den dort noch geschickt, der meine Rose dann in den Tod hetzte, weil sie durch ihn über ihrer Mutter Schande sehend geworden war.«

»Du bist irrsinnig!«

»Oh nein! Rose tanzte auf dem Ball und freute sich an den weißen Schühlein; und die erste Sehnsucht plauderte sich in keuschen Worten aus über deinen Sohn.«

Als der Junge den Namen Rose hörte, da zuckte er zusammen.

Aber niemand sah jetzt auf ihn.

»Ich werde mir mit Gewalt den Weg frei machen!«

»Tu es doch! Gewalt, ja, damit werden die Ärmsten zertreten, Gewalt. Und wie anders klang es einmal: von Liebe! Liebe, daran glauben wir alle, daran glaubte ich – und das ist mein Ende. Liebe, das war das keusche Begehren von Rose – und sie ist in den Tod gegangen. Liebe hast auch du gesagt und hast mich dann fortgejagt. Liebe, Fluch dir, Liebe!«

Da packte er sie, die sich nun keuchend gegen seine Kraft wehrte.

»Haha, Schicksal, hohnlachendes Schicksal! Du sprachst von Liebe und trugst das Gift in mein Herz, du zerstörtest mein Keuschestes, Liebe! Schicksal – und der dort, dein Sohn, er mußte erst deiner Tochter den Tod bringen, und dann trug er – dein Sohn – seine erste Liebe zu mir – ja zu mir, der Dirne, deren erste Liebe sein Vater zerstört hatte. Schicksal! Fluch dir, Liebe – Fluch –«

Ein wildes Atmen war es, die Worte hastend nur hervorgestoßen, kaum noch im Zusammenhang, nur im wilden Aufbäumen, nur im trunkenen Zorn, im ungebändigten Haß.

Da hatte sich Herbert Möllendorf den Weg zur Türe frei gemacht; er riß sie auf.

Geduckt, den Kopf gesenkt, folgte sein Sohn.

Hinter ihnen eine wilde Lache.

Dann das Zornwort:

»Fluch dir – Liebe –«

Mit einem Keuchen mußte Aga schweigen; sie wankte. Die Hand griff nach dem Herzen.

Der Glanz in den großen, braunen Augen war erloschen. Trübe und glanzlos starrten sie wieder. Schlaff und welk waren wieder die Züge.

Taumelnd ging sie nach dem Tische.

»Eine Spritze – dann – dann –«

Die Hand riß die Schublade auf und griff noch nach der Morphiumspritze.

Aber da klirrte diese zu Boden –

Und Aga sank daneben nieder – –

*

Die Adrienne griff eben nach einem Glas, das Doktor Strantz mit seiner schon etwas zitternden Hand gefüllt hatte; sein Gesicht war immer noch das gleiche, mit der Haut wie gegerbtes Leder und mit den wimperlosen Lidern.

Ehe sie noch trank, sagte sie, als besinne sie sich gerade auf etwas Besonderes:

»Weißt du es schon? Von der Aga! Du hattest für sie ja immer was Besonderes übrig.«

Doktor Strantz, der wieder einmal eine Gesellschaft von vier Dirnen um sich hatte, kniff die Augen zusammen:

»Was ist mit ihr?«

»Tot ist sie! Ein Herzschlag hat der Doktor gesagt. Hat ja nur noch getrunken, und dazu immer das Morphium. In ihrem Zimmer ist sie gelegen. Auf dem Tische ein Haufen Goldstücke. Sie muß kurz vorher noch ein gutes Geschäft gemacht haben.«

»Aga? Das war eine mit einer Seele, die erst ganz langsam im Dreck erstickte. Aga, das hat kommen müssen, denn aus dem Sumpf arbeitet sich keine mehr heraus.«

Adrienne aber wußte noch mehr:

»Im neuen Friedhof ist sie eingescharrt worden; nur die Seibertin und die dicke Anny sind hinter dem Sarg hergelaufen.«

»Armes Mädel! Bei deinem Leichenbegängnis hab ich gefehlt. Ich hätte Verständnis dafür gehabt.«

Immer eifriger schwätzte Adrienne:

»Aber das Allermerkwürdigste fand sich erst nachträglich; als der Schutzmann ihre Sachen zusammensuchte, da entdeckte er noch ein gültiges Sparkassenbuch mit unheimlich viel Geld. Zwanzigtausend Mark, oder gar noch mehr. Für wen hat sie das nur gespart? – Davon hätte sie doch fidel leben können! Warum sie mit dem Gold nur in die Hafengasse gegangen ist? Und es sind gar keine Erben da – gar keine! Wozu sie das Geld nur behalten hatte? Ich hätte es anders gemacht, wenn ich das Sparkassenbuch gehabt hätte.«

»Ja, du!« schrillte die Stimme des Doktor Strantz. »Aber dies Sparkassenbuch gehört auch zu Agas Geschichte. Es wird wohl daran liegen, daß ihr das Geld doch nicht genügte.«

»Oho, soviel!«

»Das sagst du so! Aber sie brauchte wohl die Hafengasse, das Saufen und das Morphium notwendiger als das Geld. Doch das verstehst du nicht.«

»Du redest auch närrisch, Doktorchen. Alle sagen es.«

»Recht hast du! Närrisch – närrisch ist auch die Welt. Aber nun schert euch alle zum Teufel, ich will allein sein, ganz allein, ich will keine von euch mehr sehen; fort, ihr hungriges Raubtiergesindel.«

Und er hetzte sie hinaus.

Er ruhte nicht, bis er allein im Trinkzimmer war. Dann ging er breitspurig zum Tisch hin und griff nach einem Glas:

»Dir eine Trauerfeier, Aga! Da darf kein Schmutzgesindel dabei sein. Dir die Grabrede, die dir doch keiner gehalten hat: Aga, es gibt einen, der dich beneidet, denn du hast es überstanden; mir würgt der Giftbrocken immer noch im Halse. Ruhe aus und schlafe denn endlich, du Märtyrerin der Liebe – das las ich in deinen Augen, daß du eine warst. Ich spüre, wie das ist –«

Dann goß er den Inhalt des vollen Glases restlos hinunter, warf ein paar Geldscheine auf den Tisch und ging …

Finis


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