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5. Kapitel

Die Fenster in dem Trinkzimmer mündeten in irgendeinen kellerartigen Hofraum; aber die gelben Vorhänge waren so dicht geschlossen, daß von innen kein Lichtschein hinausdrang und vom Hofe selbst niemand hereinsehen konnte; über den Gardinen waren noch lange, bis auf den Boden reichende Spachtelvorhänge, dann grüne Stores mit Kurbelstickereien.

Ein Lüster aus Kristall, dessen einzelne Teile verstaubt und teilweise zerbrochen waren, und der bei jedem lauten Schritt klirrte, warf aus Glühbirnen eine grelle Lichtflut in den Raum, der schreiend bunte Tapeten aufwies. An den Wänden hingen ein paar geschmacklose Öldruckbilder, die den Kaiser und die Kaiserin darstellten, ein Bild »Leda mit dem Schwan«, einige Aktphotographien in geschnitzten Rahmen aus dem Holz von Zigarrenkisten, ein japanischer Fächer, bunte Papierblumen, die ebenfalls verstaubt waren, da sich niemand um sie kümmerte.

In einer Ecke stand eine Ottomane mit einem alten, türkischen Teppich, dessen verschossene Farben bei dem grellen Lichte immer noch etwas Glanz hatten.

Mehrere Tische, meist ganz kleine, so daß immer nur zwei, höchstens drei Platz finden konnten, weiß gedeckt, aufdringlich mit verschiedenen Weingläsern und auch mit Sektkelchen versehen, um gleich zu animieren, waren gleichmäßig verteilt.

Ein paar Reklamplakate bekannter Weinfirmen fehlten nicht.

Aber nur an einem Tische dieses Trinkzimmers war Lärm und Lachen. Da hockte rittlings auf einem Stuhl eine sehnige, knochige Gestalt mit einem Gesicht, das wie aus gegerbtem Leder anmutete; bartlos, die stechenden, graubraunen Augen fast ohne Wimpern, die Lippen dünn und zusammengekniffen, die Mundwinkel boshaft und spottgeladen abwärts gezogen, die Nase etwas breit mit geblähten Nüstern; so bot sich das Antlitz eines Mannes, der eine gelassene Ruhe verriet; das kurzgeschorene Haar war von unbestimmter Farbe; seine Hand, die oben ein Glas mit Rheinwein prüfend gegen das Licht hielt, war knochig, sonnverbrannt, sehnig und lang.

Auf seine Schulter lehnte sich, hinter ihm stehend, den rassigen Kopf mit der slawischen Stülpnase und dem brennroten Haar auf seinem Scheitel, die geschmeidige Gestalt der roten Loidoska, die nur einen seidenen, bordeauxroten Morgenrock trug, der aber offen war, so daß das weiße Hemd und auch das weiße Fleisch des Körpers hervorleuchtete.

Rechts und links saßen zwei andere, eine mit etwas gedunsenem Gesicht, das vom Trinken bereits lebhaft gerötet war, mit strohgelben Haar, in einem grotesken Phantasiekostüm, so tief ausgeschnitten, daß zwei zu große massige Brüste herausquollen; die Züge waren roh und von starker Sinnlichkeit. Die andere, links, hatte beide Ellenbogen auf den Tisch gestemmt, auf die Hände den Kopf gestützt, um dem Gast mit ihrem aufreizenden Lächeln in das Gesicht zu starren.

Wieder eine andere, in einem kurzen Mädchenrock, mit geflochtenen, langen Hängezöpfen, eine ganz kleine, dürftige Gestalt, mit den ganz unentwickelten Formen einer Halberwachsenen, aber mit lüsternen gierigen Augen, die alle Verderbtheit kannten, saß auf dem Tisch selbst und ließ die dünnen Beine baumeln. Das war die kleine »Margot«, die den Backfisch spielte, die auch trotz ihrer zweiundzwanzig Jahre wie ein solcher aussah und gerade deshalb von vielen Kunden des Hauses Weinholz begehrt wurde.

Die Margot zwinkerte mit ihren grauen Augen.

»Doktorchen, ist das alles, daß wir dir nur beim Hälsebrechen der Flaschen helfen sollen? Ich weiß dir was Besonderes.«

Doktor Strantz, wie der Besucher hier genannt wurde, antwortete lange nicht, prüfte immer noch mit Kennerblick den Wein und ließ ihn dann langsam in die Kehle hinuntergleiten; erst als er das Glas zurückstellte, drehte er seinen Kopf der Fragenden zu.

»Du kannst mir nichts mehr lernen, Backfisch mit deinen geilen Augen. War es einmal anders, wenn ich kam? He? Ich hab euch alle gern, weil ihr die ehrlichsten Menschen auf dieser närrischen Welt seid. Ich suche euch immer auf, weil ich von euch nicht betrogen werde. Früher habe ich ausgefallene Ideen gehabt und eine Frau gesucht, eine für mich allein, habe geglaubt, die Liebe müßte was Besonderes sein. Aber alle haben mich betrogen, oder mit mir einen anderen. Ihr seid ehrlich! Ihr sagt jedem gleich, was er für zwanzig Mark zu beanspruchen hat.«

Die Loidoska rieb ihre Wange an der seinen, beugte sich dabei so weit vor, daß die rechte Brust aus dem Hemde hervorkam und auf seiner Schulter lag:

»Doktorchen, nicht lumpen. Für zwanzig Mark ist nicht viel zu haben.«

»Ja, zuviel kann einer dafür wirklich nicht verlangen, wenn man bedenkt, daß andere für eine Hochzeitsnacht sich dem Teufel verschreiben, Leib und Seele hingeben, sich alles Mark aus den Knochen, allen Verstand aus dem Hirn und den letzten roten Pfennig aus dem Beutel saugen lassen. Und wie oft geschieht es, daß so ein Tölpel nicht einmal seine Illusion behält. Ihr aber gebt jedem in der kurzen Spanne Zeit, in der ihr ihn mit euren weichen Fangarmen festhaltet, die Illusion, die ihn hergetrieben hat. Ihr stöhnt in seiner Umarmung, wenn es ihm Spaß macht, ihr gebt ihm, was er begehrt. Er lebt in seinem Himmel, bis der Automat abgelaufen ist und ein neues Goldstück eingeworfen werden muß.«

Die grotesken Reden des Doktor Strantz, der in den verschiedenen Bordells der Stadt ein häufiger, bekannter Gast war, aber niemals mit irgendeiner aufs Zimmer ging, sondern stets nur zum Zechen kam, um dabei seine wunderlichen Gespräche und Reden zu halten, erregten ein lautes Lachen, wenn vielleicht auch den eigentlichen Sinn keine ganz verstanden hatte.

Die Lu mit dem strohgelben Haar legte ihre fleischige Hand auf sein Knie:

»Du bist ein ganz närrisches Huhn, Doktorchen. Könnte man dir nicht auch so was geben? Glaubst du denn, daß dich von uns allen gar keine zufrieden stellen könnte?«

»Du nicht, und du nicht und keine! Ich habe keine Illusionen mehr, die ich mir von euch vortäuschen lassen könnte. Ich hab euch alle gern, weil ihr die Ehrlichkeit eurer Raubtiernatur besitzt. Müht euch nicht, denn gegen Versuchungen eurer Art bin ich empfindungsloser als der heilige Antonius in der Wüste.«

»Soll ich's mal versuchen, Doktorchen?«

»Zurück Luderchen! Wo ist die Aufwartung? Die mag ein paar neue Flaschen auffahren lassen, die wir dann auf ihren Gehalt prüfen werden.«

»Wie ist's denn?«

Die Loidoska hatte sich so weit über seine Schulter gebeugt, daß ihre Brust nun seine Wange streifte; Doktor Strantz schüttelte sich wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt.

»Weg, ist nur Fleisch! Wenn es noch Seelen zu fangen gäbe, Seelen im Fleisch! Aber so habt ihr nichts anderes zu vergeben als nur Fleisch! Lacht nur, ihr wißt es ja! Und die zu euch kommen, wissen es auch. Fleischhungrige sind es zumeist! Vielleicht bin ich seelenhungrig; laßt uns trinken! Her den Wein.«

Die Aufwartung in einfachem, schwarzen Hauskleid und mit weißer Schürze brachte zwei Flaschen, die sie bereits geöffnet auf den Tisch stellte; sie war schon älter und gegen solche Szenen empfindungslos.

Die Margot füllte die Gläser.

»Warum bist du nur so, Scheusal von einem Doktorchen?«

Doktor Strantz hob sein Glas wieder gegen das Licht und kniff das rechte Auge dabei zu:

»Warum? Weil ich meine Nase schnuppernd in zuviel Sachen gesteckt und dabei gefunden habe, daß überall ein fauler Geruch aufsteigt. Deshalb habe ich dann Zuflucht bei euch gesucht.«

»Und du hast nie eine Frau gehabt?«

»Ich? Nie! Gesucht habe ich sie mal, ja. Und ich fand immer nur den Wurm im Fleisch. Aber andere haben Frauen gehabt, die mir nebenbei zufielen. Das waren ganz ehrenwerte Damen, wenn sie in der Gesellschaft Moral in verkorkten Literflaschen verzapften und schließlich einen Verein zur Hebung der Sittlichkeit gründeten, während sie eben noch mit einem Wimpernzucken dem Liebsten das nächste Schäferstündchen verrieten. So habe ich überall die Kehrseite gesehen. Und weil ich Stunden habe, in denen ich nicht belogen sein will, drum gehe ich zu euch.«

»Prosit! Sollst leben! Aber eine von uns wird dir doch die Liebste sein! Wir möchten das gerne wissen!«

»Ja! Wenn du doch einmal wähltest, welcher würdest du den Vorzug geben?«

»Doktorchen, das sage uns jetzt! Wir lassen dich sonst nicht fort.«

Die kleine Margot sprang vom Tisch und versuchte sich auf die Knie des Doktors zu setzen; zwischen ihren dünnen Lippen ließ sie die spitze rote Zunge sehen.

»Ich küsse dich, wie es keine kann. Bin ich's?«

Lu war aufgestanden und streckte sich und wiegte sich in den breiten Hüften.

Doktor Strantz aber lachte:

»Vergebens alle Liebesmüh! Laßt's nur bleiben, Kinders! Ich sagte es schon, ich liebe euch alle, weil ihr Raubtiere seid und eure Raubtierinstinkte nicht wie eine Katze die Krallen hinter Samtpfötchen versteckt. Aber Fleisch bleibt Fleisch, ob es nun von einem dicken Schwein oder von einem jungen Kalb herrührt.« Mit einem Male unterbrach er sich, und seine stechenden, graubraunen Augen wandten sich nach der Türe der Trinkstube, wo eben die schweren, dunkelroten Portieren hinter einer neuen Gestalt zusammenrauschten.

Da stand eine schlanke, zierliche Erscheinung in losem, schwarzseidenem Kleid, das in reichen Falten fast bis zu den Knöcheln schmaler Füße in Lederpantöffelchen niederfiel. Nur ein paar dunkelrote Bänder waren in dem Schwarz; um so weißer sah dabei das schmale Gesicht mit den großen, glänzenden Augen aus, in denen ein seltsames Feuer flackerte. Und wie die schmalen Hände mit der feingeäderten Haut und den langen Fingern mit dem leuchtenden Schwarz der Seide kontrastierten, Hände wie aus Elfenbein geschnitzt!

Wie eine Statue stand sie dort, ein starres fremdes Lächeln auf dem roten Mund.

Zu dieser hin nickte jetzt Doktor Strantz; seine Stimme klang noch schärfer als vorher:

»Dort, das ist die einzige, die noch mehr zu vergeben hat als ihr Fleisch. Ihr seid nur Fleisch, gut abgewogen und eingeschätzt, aber diese dort hat noch etwas versteckt, einen Funken, oder eine Seele. Aber wenn ich sie mir auch hole, dann gibt sie mir doch nur das Fleisch. Ist's nicht so, schöne Aga, mit deinen Nixenaugen? Du hast Nixenaugen! Darin liegt etwas, das du keinem mehr gibst. Komm, trinke mit uns, du hast wie ich etwas zu betäuben; vergiftet ist in uns beiden etwas.«

Nur die Schultern hob die im schwarzseidenen Kleid, Aga, wie sie im Salon Weinholz genannt wurde; und langsam ging sie an einen anderen Tisch, an den sie sich setzte, als hätte sie die Aufforderung des Doktors gar nicht gehört.

Loidoska flüsterte dem Doktor zischend ins Ohr:

»Die will was Besseres sein, laß sie doch!«

Und Margot kicherte:

»Die büßende Magdalena! So sieht sie aus.«

»Was ist an ihr?«

Ganz schmal kniff jetzt Doktor Strantz seine Augen zusammen, die über Aga hinglitten, als warteten sie auf etwas. Sie rührte sich nicht; dann begann er wieder:

»Das sehr ihr alle nicht, aber irgendeine Krone trägt sie, und wenn es nur Dornen sind. Wie ist es, Aga? Stolz? Willst du nicht auch ein Glas leeren, damit wir etwas leben lassen? Das Vergessen, den Rausch oder sonst etwas.«

Ein Kopfschütteln.

»Danke! Es gehört ein Durst zum Trinken.«

Da nickte Doktor Strantz:

»Du hast recht! Und durstig bist du nicht mehr, durstig nach Leben. So habe ich dich vom ersten Tage an erkannt, seit du in dem Salon der ehrsamen Wittib Weinholz aufgetaucht bist. Vor drei Jahren! So lange schon! Ich weiß es noch genau.«

Lu drängte:

»Fängst du wieder mit der dort an? Die nimmt auch jeden, der sie bezahlt. Kannst dich ja mitnehmen lassen.«

»Das verstehst du nicht, deshalb schweig! Das Fleisch würde ich mir kaufen, aber ich sagte dir doch, ich sei seelenhungrig. Das, was in ihr verborgen ist, gibt sie mir auch nicht. Das hat vielleicht einem nur gehört. Die Menschen nennen es Liebe. Und davon hat sie einen Knacks bekommen.«

»Du wirst fad, Doktorchen.«

»Dann trinke!«

Die Aufwartung schob die beiden Flügel der Portiere auseinander und rief:

»Die Damen, eben ist Besuch in den Salon gekommen.«

Die Loidoska gab zuerst die Schultern frei, Margot sprang vom Knie des Doktors herunter, und die mit dem strohgelben Haar warf einen prüfenden Blick nach dem Spiegel. Alle vier verließen in der gleichen Sekunde das Trinkzimmer, um nach dem Salon zu gehen.

Die letzte war verschwunden.

Da lachte Doktor Strantz zu Aga hin:

»Sie wittern Beute, hungrige Raubtiere. Wie schnell das ging! Wie ist es mit dir, Aga?«

Wieder nur ein Hochziehen der Schultern.

»Du wartest! So warst du schon am ersten Tage, als du kamst. Verschüchtert warst du damals noch wie ein verflogener Vogel. Hast dich wohl verflogen, wie?«

»Was fragen Sie mich immer?«

»Weil du eine andere bist als die anderen. Hast einmal Gift bekommen, wie ich. Und dafür habe ich Verständnis. Du wartest nur immer, was kommt! Aber der Schmutz steigt immer höher, glaub es mir. Wer im Moor einbricht, ertrinkt, um so schneller, wenn der arme Teufel sich noch zu wehren versucht. Warten, was kommt, Aga! Wir zwei können das machen! Noch immer kein Glas Wein gefällig?«

»Ich habe keinen Durst!«

»Und keine Freude an mir, weil ich die Seele in deinen Augen erspäht hatte. Da bin ich dir unbequem.«

Die Aufwartung erschien wieder:

»Fräulein Aga, Sie sollen gleich in den Salon kommen.«

»Ja!«

Ein langsames Erheben, ein Senken der langen Wimpern, und ein ruhiges Gehen. Nach dem Salon, in dem ein Käufer wartete.

Als auch sie fort war, lachte Doktor Strantz in seiner rauhen Weise:

»Sie wartet – und das Schicksal holt sie, eine gierige, hungrige Megäre, das Schicksal; es wittert immer das Beste. Ein Trottel will ich sein, ein Narr, der das Leben nie verstanden hat, wenn meine vier nicht wiederkommen und nur die eine ausbleibt.«

Dann vertiefte er sich in den Genuß seines Weines, den er wieder langsam in die Kehle rinnen ließ.

Da kam Loidoska, Lu, die mit dem strohgelben Haar, der Backfisch Margot, alle vier.

Ein unbändiges Lachen empfing sie.

»Was hast du nur wieder, närrischer Doktor?«

»Gar nichts, wirklich nichts. Ich freue mich nur, daß ihr mir geblieben seid. Kommt trinkt, der Wein will getrunken sein!«

*

Im Salon; an den Wänden sehr hohe Spiegel mit goldbronzierten, geschnitzten Rahmen, die verstärkt die Lichtreflexe der Glühbirnen widerspiegelten und zurückwarfen. Schwellende Kissen auf Stühlen und auf einer Ottomane. Papierblumen in grellen Farben, eine Schwüle in der Luft.

Herausfordernd die Loidoska; sie konnte das Hemd und das Weiß ihrer Brust sehen lassen. Und das flammende Rot ihres Haares reizte die Sinne. Dann Margot, rot aufgeschminkt die Wangen, halbgesenkten Blicks, der gleichzeitig Verführung war, und Lu und die andere, die den Mantel abgeworfen hatte und den ganzen Reiz des Körpers nur durch das Hemd und die seidenen, durchbrochenen Strümpfe verdeckt wies.

Zurück Aga, Verachtung im Blick, Kälte auf dem weißen, hageren Gesicht.

Neben der Madame Weinholz, die ein altmodisches Jettkleid trug, das aber kaum noch die allzu üppigen Formen umspannte, stand die unscheinbare Gestalt eines neuen Besuchers mit gelblichem Gesicht, mit breiten Lippen und etwas geröteten, tränenden Augen. Den Kopf hatte er vorgebeugt, die Augen weit offen. Sein Haar war schon grau; aber trotzdem verriet er in seiner Haltung den Unerfahrenen, den Lüsternen, der vielleicht noch nie in ein solches Haus wie das der Madame Weinholz gekommen war. Seine Schultern schoben sich vor, als er dann mit der Hand auf Aga wies.

Gleichgültige Mienen der anderen, die wieder aus dem Salon gingen; eine Szene, die sich dutzendmale am Tag wiederholte. Dieses Zurschaustellen der Ware durfte jeder Käufer fordern, damit er nicht betrogen wurde.

Aga lächelte, aber müde, wie unbeteiligt, nickte und ging voran, während der andere nachfolgte, der seine Hände aneinander rieb, weil er in ihnen Schweiß spürte.

Ein Zimmer, gelborange gestreifte Tapeten, ein kleines Bett mit weißen Daunenkissen, weißes Linnen, die Decken zurückgeschlagen; rotes, dämmeriges Ampellicht, das die rosigen Farbenreflexe auch auf Bett und Linnen warf. Eine Ottomane mit mehreren seidenen Kissen, an der Wand hängend eine Lederpeitsche mit derben Knoten, eine Rute aus Weidenruten. Bilder nackter Körper, ein Teppich, der jeden Schritt verschluckte.

Das Korsett aus gelber Seide nachlässig auf einen Stuhl geworfen.

Ein Blick über die Schulter zurück zwischen den langen, etwas gesenkten Wimpern hervor; es war immer, als schätzte sie damit jeden ein, als wäre dies ihr Prüfen; dann ein plötzliches Aufsperren der großen Augen.

Die Lippen etwas halboffen, daß die weißen Zähne zwischen dem Weinrot der leicht geschminkten Lippen blitzten. Das war wie ein Lächeln.

In drei Jahren hatte sie es gelernt; sie hatte so viele hinnehmen müssen, alte mit weißen Haaren und zitternden Händen, die gierig nach einem letzten Aufflackern sinnbetörender Leidenschaft waren, junge, die zum erstenmal nach Frauenarmen verlangten und mit starrem Blick das warme Fleisch einsaugten, andere, die verwöhnt, abgestumpft gegen den Sinnengenuß in widerlichen Forderungen eine neue, nie gehabte Befriedigung zu finden glaubten, solche, die in Weinstimmung, halb betrunken und lachend kamen, die einem Rausch unterlagen, der am Morgen mit einem Kater endete, und wieder andere, die ihren Haß gegen eine unerträgliche, verlorene Ehe, in der sie nach wehrlosem Ankämpfen unterlegen waren, in solchen Armen erstickten, die so zu rächen vermeinten, um was sie eine Ehe betrogen hatte, einer, der in langer Gedrücktheit Unterschlagungen gemacht hatte und hier nun das Glück zu besitzen wähnte, andere, die in Häßlichkeit zu den Ausgestoßenen vom Liebesglück gehörten und hier für Geld die gleiche Umarmung fordern durften, alles – alle Erscheinungen waren zu ihr gekommen, die in solchen Häusern Gäste waren. Neugierige mit forschenden Augen, andere wieder, die irgend etwas Besonderes suchten, dann solche, die regelmäßig kamen, in genau bestimmten Fristen, als gälte es ärztliche Vorschriften zu erfüllen, alle waren ihr vertraut.

So schätzte sie den Neuen.

Als sie ihn aber mit großen Augen anschaute, da war es ihr, als stiege mit diesem eine alte Erinnerung auf. Wo hatte sie dies Gesicht schon gesehen?

Augenblicke nur.

Wie ein Tier, mit lüsternen Augen und feuchten Lippen, so stand er ihr gegenüber, als wartete er auf ein erstes Wort, auf eine Aufforderung, um dann über sie herzufallen. Er starrte nur auf den weißen, feinen Hals, auf den zarten, weichen Halsansatz.

Dabei atmete er keuchend, die Hände nun etwas vorgestreckt, wie zum Zupacken bereit, um das weiße, lockende Fleisch auch zu spüren.

Wo – wo nur? Weit zurück mußte das liegen!

Da – ein ungeduldiges Wort, heiser hervorgestoßen:

»Wann wird's nun?«

Aber sie verlor auch darüber die Ruhe nicht; sie blieb überlegen, da sie leidenschaftslos war.

Ein Lachen, das wie ein Locken klang:

»Hast du solche Eile? Deine Stimme – du bist nicht von hier?«

»Nein! Das geht dich auch nichts an!«

»Doch! Ich habe meine Launen, und wer meine Launen erfüllt, dem gebe ich Besonderes.«

»Was für Launen?«

»Ich möchte eines jeden Namen wissen, nur den einen, wie ich ihn nennen soll, und von jedem den Ort erfahren, woher er kommt. Du mußt dich damit schon abfinden!«

»Wenn's weiter nichts ist: Magst mich Gregor nennen.«

Kaum hatte sie den Namen gehört, da stieg die alte Vergangenheit auf: Gregor Malchus; sie sah wieder die breite, große Gestalt ihres Vaters mit den Zornadern auf der Stirne, wie er vor ihr stand und ihren Willen für diesen Gregor Malchus erzwingen wollte. Er war es! Nun hatte sie ihn erkannt.

Für einen Augenblick wallte ein Unwille in ihr hoch.

Damals hatte sie sich seiner erwehrt. Und nun kaufte er sie.

Aber heute war auch sie eine andere; dabei sah sie den, der sie damals gefordert hatte, in seiner wahren Gestalt, in seiner brutalen Sinnlichkeit. Und dieses Mannes Weib hätte sie nun sein können, ein Glück mit diesem war ihres Vaters Wille gewesen. Ein Glück mit dem, den sie nur so, nur weil sie jetzt Dirne war, in seiner wahren Gestalt erkannte.

Lieber einmal erkauft, als für ein ganzes Leben eines solchen Weib.

Und da fand sie das Lachen wieder:

»Gregor! Ein merkwürdiger Name. Sag, hast du auch eine Frau?«

»Was kümmert das dich?«

»Ich will's wissen! Es gefällt mir, wenn ich höre, daß ich begehrlicher bin als die Frau zu Hause.« Sie spielte mit ihm, sie spielte mit bewußtem Willen. Ihr schwarzes Kleid öffnete sie, daß ein Schimmern weißer Haut aufblitzte. »Sag, bin ich schöner?«

»Ja, sonst käme ich nicht. Ich hab genug davon, immer die gleichen knochigen Arme zu spüren, immer das Lamento mit den Kindern zu hören.«

Frau und Kinder! Und wie er diese in der Stunde betrog, so würde er sie selbst auch betrogen haben; sie sah eine abgehärmte Frau mit Kindern und diesen Mann, der sie beschimpfte, betrog und vielleicht auch schlug. Ihr eigenes Schicksal, wenn sie den anderen Weg gegangen wäre.

Und heute?

Mochte er sie kaufen; sie war nun einmal Dirne. Und war dies Los so viel schlechter als das jener Frau, die ihr wie ein eigenes, sie bedrohtes und nun abgewendetes Schicksal erschien?

Wieder ein Grollen; dann faßte er nach ihr:

»So laß nun das Fragen, ich will dich endlich – dich – Weg mit dem Kleid da – nackt will ich dich –«

Für einmal erkauft; das trug sich leichter. Sie löste Gold dafür, und die andere vielleicht Schläge –

»Da –«

Und sie versagte sich ihm nicht.

*

Sie lehnte in den Polstern der Wagenecke zweiter Klasse und schaute mit großen Augen träumend hinaus, wie Wälder, Felder, Hügel, Bäche und Dörfer vorüberflogen. Sie trug ein ganz einfaches, fast bescheidenes Reisekleid, einen kleinen Hut und Schleier. Sie wollte nicht auffallen, weshalb sie auch den dichten Schleier über das Gesicht gezogen hatte.

Sie wollte in den nun kommenden acht Tagen ihr Leben dort zurücklassen, woher sie kam; das sollte in der Zeit tot, vergessen, begraben sein wie ein Traum, der nur erschreckt hatte.

In jedem dieser Jahre hatte es Agnes Petrich durchgesetzt, daß sie für diese acht Tage erlöst und frei sein sollte, daß nichts mehr an ihr an jene Aga im Salon Weinholz erinnerte, daß sie nur noch Agnes Petrich war, die Mutter, die zum Ferienbesuch ihres Kindes fuhr. Das hatte sie immer erreicht, denn im Salon Weinholz war Aga die Begehrteste, die immer wieder gesucht und verlangt wurde, die blieb, während die anderen ständig wechselten, kamen und gingen.

Vier Jahre!

In dem weißen, bleichen Gesicht, das auch durch den Schleier noch die zarten, feinen Züge, die etwas Vornehmes hatten, erkennen ließ, waren bei diesem Grübeln die Lippen ganz schmal zusammengekniffen. Die großen, dunkelbraunen Augen starrten hinaus.

Da trugen die Bäume die drückende, schwere Schneelast; Rauhreif im Walde. Wie ein Leichentuch über der Erde, so lag der Schnee auf den Fluren. Die Dörfer mit den kleinen Häusern waren wie versonnen im Schnee vergraben.

Ein Wintertag draußen, der Himmel schweflig gelb, geladen mit neuen Lasten Schnee, die er zum Niederschütten bereit hielt.

Aber sie sah nichts von dieser Winterschönheit. Ihre Augen schauten zurück auf ihr verlorenes Leben, auf die vergangenen vier Jahre.

Ob sie es mit Reue tat?

Reue?

Änderte das am Geschehenen? Reue? Ein zweckloses Wort!

Vier Jahre! Sie hatte ja Ruhe bekommen, sie hatte Gold gehäuft, sie hatte die Not nicht mehr gekannt; die Gehässigkeit und Verächtlichkeit hatte sie bis hinein in den Salon Weinholz nicht verfolgen können. Auch die Beschimpfungen reichten nicht da hinein. Anders war es dabei gekommen: sie selbst hatte in diesen Jahren das Verachten gelernt, das Verachten aller, die ihre sinnliche Begehrlichkeit da hineintrugen. Sie hatte die wahre Maske so vieler dabei durchschaut, hatte ungeschminkte Laster und unverhüllte Leidenschaften gesehen. Sie hatte die große Überlegenheit über alles gefunden, denn die da kamen, standen so viel tiefer als sie. Zuerst war es ihr, als könnte sie das nicht weitertragen; aber immer mehr war sie dann abgestumpft worden, da sie es doch erkannt hatte, wie alle anderen in ihrer wahren Natur viel verächtlicher waren. So hatte sie endlich das überlegene Lächeln gelernt.

Und nun durfte sie für acht Tage wieder ganz sie selbst sein, die Agnes Petrich.

Niemand durfte sich ihr nähern; sie wollte doch zu ihrem Kind.

Das waren ihr in den vier Jahren immer die schönsten Tage gewesen; diese acht Tage, die sie nun wieder feiern wollte. Da fuhr sie einem lachenden Kind entgegen, das sie am Bahnhofe sicher mit Blumen erwartete, einem Sonnenkinde, das nichts von der Mutter wußte, als daß diese verreist sein mußte und nur für diese Zeit kommen konnte. Die Pakete und Taschen oben im Gepäcknetz enthielten fast nur Geschenke, die noch die Wiedersehensfreude steigern sollten. Sie hatte doch ein ganzes Jahr Zeit, um darüber nachzudenken, womit sie ihr Kind überraschen könnte.

Auch diesmal hatte sie wieder verschwenderisch gekauft.

Für ihre Rose!

Ihr Leben war ja nur noch das Leben für das Kind.

Der Gedanke daran war ihr Glück.

Und auf der Fahrt zu ihrem Kinde war sie; die Festtage ihres Lebens standen vor ihr.

Da ließ sich die Vergangenheit, das verstrichene Jahr mit so vielen Häßlichkeiten kurz abschütteln, um nur an die kommenden Tage zu denken.

Wie würde sie aussehen? Was würde sie sagen? Sie mußte ja nun schon groß sein und ging auch schon in eine Schule! Das waren fröhlichere Gedanken. Über das Gesicht der Sinnenden kam ein anderes Lächeln, ein freieres und ungezwungeneres, das mit dem anderen, mit dem sie im Salon Weinholz die Gäste zu reizen verstand, nichts gemeinsam hatte.

Der Zug war unterdessen in Würzburg eingefahren, wo er längeren Aufenthalt hatte; die Wagentüre wurde geöffnet, und ein Herr in einem schweren Bisampelz half einer kostbar gekleideten kleinen Frau, die ein gelbliches, eingefallenes Gesicht hatte, beim Einsteigen. So leicht und unscheinbar war sie, daß die Arme des Mannes sie zu tragen schienen.

Nach ihr kletterte ein Junge von etwa fünf oder sechs Jahren in den Wagen, der sich nicht helfen lassen wollte.

Langsam folgte der Mann nach. Er trug einen braunen Spitzbart; sein Gesicht war gebräunt, aber die graublauen Augen verrieten in einem fortwährenden Zwinkern eine starke nervöse Abspannung.

Nur mit einem flüchtigen Blick hatte Agnes das Bild beobachtet; dann wandte sie ihr Gesicht wieder der entgegengesetzten Seite, dem Fenster zu.

Koffer und Handtaschen wurden in den Wagen gereicht. Grüßende, abschiednehmende Worte klangen.

Erst bei der Stimme hatte Agnes Petrich aufgehorcht, als höre sie Laute aus ferner, vergessener Vergangenheit; aber sie wollte kein Erinnern daran, zog die Schultern hoch und sah abwehrend aus dem Fenster.

Eine schwächliche, fast eingeschüchterte Frauenstimme:

»Du sollst dich setzen, Herbert, nicht immer so am Wagen stehen. Wie leicht kann da ein Unglück geschehen.«

»Ach, Mama!«

Ablehnend klang es, und der schmale, aufgeschossene Junge beugte sich noch mehr aus dem Wagen.

»Laß ihn, Alwine! Du bist zu ängstlich.«

Agnes fühlte eine lebhafte Unruhe, ohne daß sie die Ursache dafür wußte; sie mußte als Reisende doch immer damit rechnen, nicht allein in ihrer Wagenabteilung bleiben zu können. Weshalb sollte sie also durch diese Reisegesellschaft gestört werden?

Trotzdem sie nichts sah, hörte sie, wie der Mann den Pelzmantel ablegte, wie er dann seiner Frau behilflich war und sie sich setzten.

Der Zug ratterte wieder davon.

Dann wieder die bekümmerte, ängstliche Stimme:

»Du sollst dein Gesicht nicht so an das Fenster drücken, Herbert; es zieht doch eine kalte Luft herein, und du bist nicht so gesund.«

»Ich möchte aber alles sehen, Mama.«

Stille!

»Du wirst dabei noch einen Schnupfen bekommen, Herbert.«

»Es ist ja gar nicht gefährlich, Mama!«

Agnes schaute immer noch hinaus; aber trotzdem fühlte sie die gleiche Unruhe weiter, die sich derart steigerte, daß sie ihr Gesicht vom Fenster etwas seitwärts wandte; ein schmaler, engbrüstiger Junge, mit bleichem schmalem Gesicht, das bräunliche Spuren von Sommersprossen verriet; langes, weiches Haar von hellbrauner Färbung. Und die Frau gebückt, die Augen ängstlich unruhig, der Mund gekniffen.

Er las in einer Zeitung, so daß sie sein Gesicht nicht erblicken konnte.

»Du sollst nicht so lange stehen, Herbert.«

»Wenn die Wagentüre plötzlich aufginge, Herbert.«

»Du solltest dich doch lieber setzen, Herbert.«

Aber sie bekam auf keine Aufforderung Antwort.

Herbert! So hieß dieser Junge! Herbert! Mit dem Namen regte sich wieder die tote Vergangenheit. Herbert! Der Name war einmal ihr Glaube, ihr Vertrauen gewesen; ihm hatte ihre erste Liebe gehört, an der sie elend geworden war. Aber sie hatte alle Gedanken daran unterdrückt, sie hatte die Erinnerung, die im Zusammenhang mit dem Namen stand, in sich ausgetilgt, seit sie ihm, dem Träger dieses Namens, dem, der sie so ins Elend gestoßen hatte, zum letzten Male in der unvergessenen, für sie zur grausamsten Qual gewordenen Gerichtsverhandlung gegenüberstand. Warum krochen da alte Erinnerungen wieder wie Gespenster auf?

Weil sie immer wieder den Namen hörte?

War es nur der Name?

»Du plagst den Jungen wirklich zu viel, Alwine!«

Wieder die Stimme! Und der andere Name. Alwine!

Alwine Mosen!

Konnte das sein? Doch sein Gesicht war ihr beim ersten Sehen fremd erschienen.

Sie mußte ihn genau betrachten! Nun war es wie ein Zwang, der sie in seinen Bann bekam, daß sie sich zurücklehnte, den Kopf drehte und sein Gesicht suchte.

Die graublauen Augen; die seinen. Das braune Haar immer noch etwas gewellt. Nur der Spitzbart hatte ihn ihr zuerst fremd erscheinen lassen. Aber es war keine Täuschung. Und seit jenem Tage, der fast schon sechs Jahre zurück lag, traf sie ihn wieder. Müde, abgespannt sah er aus; aber am Knopfloche verrieten ein paar schmale, bunte Bänderstreifen, daß er sich Ehrenzeichen und Orden verdient hatte. Er war also ein berühmter Mann geworden, wie er es erstrebt hatte.

Es reizte sie, ihm durch ein Lachen alles zu verraten!

Aber wozu?

Nur beobachten!

Wieder die fast erschreckte, scheue Stimme:

»Ob wir auch nichts vergessen haben?«

Das war nun seine Frau. Mit den unerbittlich grausamen Augen, mit denen Agnes Petrich das Häßliche überall zu sehen gelernt hatte, prüfte sie wie abwägend oder abrechnend. Verschüchtert, klein, geduckt war diese seine Frau, die ihn doch reich gemacht hatte; sie war nur Ängstlichkeit. Glücklich war sie nicht!

Nein! So schauten glückliche Menschen nicht aus.

Mit aufeinandergepreßten Lippen, die langen Wimpern leicht gesenkt, beobachtete sie weiter: sein Gesicht zeigte nervöse Abspannung, dabei aber Gereiztheit; ein unbeugsamer, harter Wille sprach aus den graublauen Augen. Ehren und Würden hatte er sich wohl erworben – ein ehrenwerter, beneideter Mann.

Aber waren nicht auch solche schon oft in den Salon der Madame Weinholz gekommen? Zu ihr, zu der Ausgestoßenen, Verachteten?

Grausam prüften die Augen von Agnes Petrich; und sie dachte daran, daß es auch für diesen da, der so überlegen schien, irgendwo einen Salon Weinholz gab, in dem er sich so nackt, so bloß zeigte wie alle, die draußen dann eine Komödie spielten und eine tugendsame Maske trugen.

So einer war auch er – Herbert Möllendorf.

Sie täuschte sich nicht!

Und sein Kind, sein Sohn! Fünf – sechs Jahre alt, aufgeschossen, vielleicht kränklich, frühreif.

Grausam sezierend, wie ein Anatom prüfte sie.

Und sie nickte!

Diese waren nicht glücklicher als sie!

Sie fühlte nichts mehr – sie spürte nichts mehr; zwischen jenem und ihr war nichts Gemeinsames mehr.

Oder doch? War ihr Kind nicht auch seines?

Nein – nein! Sie hatte sich ihr Kind mit den allerhärtesten Opfern gewonnen; er hatte kein Recht mehr daran.

Ein Abgrund klaffte, den nichts mehr überbrückte. Von jenem, den sie einmal geliebt hatte, mit aller Hingabe und mit keuschem Glauben einer Mädchensehnsucht, zu ihr spann das Schicksal keine Fäden mehr; da gab es nichts Gemeinsames mehr! Das empfand sie!

Und doch war es ihr, als hörte sie das unterdrückte Kichern des Schicksals.

Doch nein! Von jenem aus konnte sie nichts mehr treffen.

Immer ruhiger wurde sie.

Und als der Zug am Ziel seiner Fahrt einlief, da erhob sie sich zuerst; sie streckte sich.

Vorbei!

Langsam holte sie ihre Gepäckstücke aus dem Netz.

Er hatte sie gar nicht wieder erkannt.

Um so besser!

Die Wagentüre wurde geöffnet; ein Ausschauen und Suchen.

Eine helle Mädchenstimme jubelnd:

»Mama – Mama, da bin ich!«

Wie sie es sich gedacht; rotwangig, mit goldblonden Locken, lachend, mit Blumen in der Hand flog ihr die Kleine zu, die nun fast schon eine Große war. Die Arme streckten sich ihr entgegen.

»Mama!«

»Rose – Kind!«

»Wie freue ich mich!«

Im Aussteigen warf Agnes Petrich noch einen kurzen Blick zurück, flüchtig grüßend.

Da stand er dicht hinter ihr; aber wie war in diesem Augenblick sein Gesicht verändert, ein schlaffer Ausdruck in den Augen, die Lippen zusammengekniffen, eine Starrheit in den Zügen. Ein jäher Wechsel, den aber nur sie erkannte.

Die kleine, unscheinbare Frau klagte schon wieder:

Steht denn der Diener nicht draußen, Herbert? Du hattest doch depeschiert, Herbert?«

Sie hatte nichts gesehen!

Aber Agnes hatte es in dieser kurzen Sekunde beobachtet, daß er sie nun doch erkannt hatte; an der Gestalt, an der Stimme? Das war ihr gleich!

Vor ihm hatte sie nichts mehr zu verbergen.

Ihm wollte sie gerade ihr Glück zeigen!

Und mit aller Zärtlichkeit, mit aller Liebe schloß sie Rose in ihre Arme.

Reicher machte sie dieser Augenblick!

An diesem ihrem Glück konnte er nichts mehr zerstören!

*

Wispernde Stimmen; dazwischen ein geheimnisvolles Klirren, ein Rauschen, ein geschäftiges Hin und Her. Ein Knacken, Knistern.

Agnes Petrich stand vor dem kleinen, weißgedeckten Tische, auf dem sie alle Gaben für ihr Kind aufgebaut hatte.

Sie rückte hier und dort noch eine Schleife zurecht, stellte einen Karton gerade, zupfte an den Spitzen eines neuen Kleides, schaute auf das Glänzen des dünnen, goldenen Kettleins, und nickte dann zufrieden.

Frau Wolfert, deren glattgescheiteltes Haar fast ganz grau geworden war, zündete mit einer Kerze, die an einer langen Holzlatte eingeklemmt war, bereits die letzten Lichter des hohen Weihnachtsbaumes an.

Agnes sagte, während sie ihr dabei zuschaute:

»Ehe ich zur Bescheerung läute, habe ich Sie noch etwas fragen wollen, für die Rose etwas.«

»Was soll es denn sein, gnädige Frau?«

Frau Wolfert hatte zu Agnes nie anders gesagt; sie sagte es so ruhig und still, daß in dem Wort für die Angeredete kein Unterton mitklang, trotzdem Frau Wolfert doch wußte, wohin sie das ganze Jahr hindurch verreist war, von wo sie nur immer für diese eine Weihnachtswoche kam.

»Wie geht es denn in der Schule?«

»Gut, wirklich gut! Die Schulnoten haben Sie ja gesehen.«

»Ich möchte die Kleine gern in einem Institut wissen, wo sie mehr lernt. Sie soll es einmal nicht so hart haben, um den Weg ins Leben hinauszufinden.«

»Das läßt sich wohl machen, gnädige Frau.«

»Aber werden dort keine neugierigen Fragen gestellt, Frau Wolfert? Nach – nach der Mutter?«

»Das ist nicht schlimm! Die ist auf Reisen! Und bezahlt wird doch gut. Da fragt niemand nach mehr.«

»Gewiß! Sorge wird nie sein müssen, nie! Für die Kleine liegt auf der Sparkasse bereits eine sehr beträchtliche Summe, die immer mehr werden soll. Das ist auch nicht meine Furcht, das nicht.«

»Aber was dann, gnädige Frau?«

Frau Wolfert hatte eben das letzte Licht aufflammen lassen; nun löschte sie die Kerze aus und blickte fragend auf Agnes, die in dem einfachen, taubengrauen Kleid wie eine junge, glückliche Hausfrau aussah.

»Ob mein Kind auch nie durch solche neugierige Fragen etwas davon erfahren wird, was seine Mutter ist?«

»Aber wie sollte sie so etwas hören? Niemand weiß davon, und Rose hört nie anderes, als ich ihr erzähle. Nein – nein – nein, das schlagen Sie sich nur aus dem Kopf, gnädige Frau.«

»Nicht wahr, Kinder – Kinder fragen nicht?«

»Nicht nach solchen Sachen!«

»Und dann werde ich doch einmal so viel erspart haben, daß –« Das Antlitz von Agnes Petrich bekam dabei einen widerwilligen Ausdruck wie vor etwas Abstoßendem – »daß das alles dann ein Ende haben wird.«

»Gewiß! Und dann wird es schon gut werden.«

Rasch haschte Agnes die Hand von Frau Wolfert:

»Nicht wahr, Sie glauben das auch?«

»Natürlich! Es kann keine Mutter mehr fürs Kind als Sie getan haben. Nein – nein! So etwas wird Rose gewiß nie erfahren.«

Ein Seufzen.

»Dann ist es gut! Und nach einem Institut sehen Sie sich gelegentlich mal um. Es kommen nur manchmal so schreckhafte Gedanken. Doch jetzt soll sie kommen. Ich werde gleich läuten.«

Ein zustimmendes Nicken, dann ein silbernes, helles Klingen.

Da wurde die Türe aufgerissen.

In ihrem reichen, goldenen Haar mit den glänzend schwarzen Augen stand Rose wie gelähmt, wie in freudigem Schrecken erstarrt an der Türe.

Sie war überstrahlt von dem Lichte der vielen flackernden Kerzen auf dem Weihnachtsbaume, der bunt glitzerte, von dem der silberne Eistau in langen Strähnen von den Zweigen fiel, an dem so viel funkelte.

Ein schmales Gesicht hatte Rose, das feine Antlitz der Mutter mit den gleichen, großen Augen, die aber tiefschwarz waren. Das Haar schimmerte in dem Lichterglanz noch goldener.

Die Lippen so dünn, aber im Erstaunen halb offen.

Wie die Augen nun irrten, vom Baum zum Tisch; dort eine Puppe mit echtem Haar, ein Goldkettlein, ein neues Kleid, die Orangen und die viele Schokolade; dann die kleine Nähmaschine, mit der sie selbst die Puppenkleider nähen konnte – so viel.

Die Augen suchten und fanden alles.

Was nun zuerst? Wohin in ihrer Freude?

Der Mund bewegte sich – aber er wußte kein Wort.

Da fiel ihr Blick auf Agnes.

Und zu ihr lief sie hin, auf sie eilte sie zu, mit ausgestreckten Armen:

»Mama, Mama! So viel – so komm – du – du mußt mit mir alles ansehen – komm!«

In diesem Augenblick versank die letzte Sorge, der letzte Zweifel.

Das war Glück!

Und solches Glück war für Agnes mit einem Jahr in den Mauern des Hauses Weinholz nicht zu teuer erkauft. Gern opferte sie Jahr um Jahr dafür.

»Rose – Kind, ja! Ich komme – so zeig mir doch alles!«

Das war Agnes Petrichs Glück.

*


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