Autorenseite

 << zurück weiter >> 

3. Kapitel

»Weißt du auch, was heute für ein Tag ist, Aga?«

Die schweren Vorhänge mit den reichen Perlstickereien waren bei Seite geschoben worden, und vor ihnen stand nun eine schlanke Männergestalt, freudig lächelnd, mit hellen, blaugrauen Augen, mit sorgsam gescheiteltem, weißblondem Haar. Der Eintretende trug einen eleganten, dunklen Cutaway, gestreifte Hosen mit Bügelfalte, helle Gamaschen und Lackstiefeln; in beiden Armen aber hielt er einen Strauß langstieliger Weimarer Nelken der seltensten Zucht, gefüllt und in leuchtenden Farben, von einer Blütenfülle, wie sie nur dort erzielt wird. Wachsgelb, lila, weinrot.

Lachend blieb er stehen; dabei blitzten in seinen weißen Zahnreihen ein paar Goldplomben auf.

»Du? Heinz? Nur du durftest es auch wagen, hier ohne Anmeldung einzutreten. Und diese Nelken, oh! So schön! Wie du weißt, daß ich gerade diese so sehr liebe!«

»Deshalb brachte ich sie ja! Alle Vasen sollst du heute mit Nelken füllen.«

Sie schlug die schmalen, feingliedrigen Hände zusammen.

»Wie lieb!«

»Aber du hast mir auf meine erste Frage noch immer keine Antwort gegeben, Aga. Was für ein Tag ist heute?«

»Heute?«

Agnes Petrich, die ein kimonoartig gearbeitetes Morgenkleid aus schwerer, leuchtend grüner Seide trug, das ihre schlanke Gestalt prächtig zur Geltung brachte, schüttelte langsam den Kopf. Ihr Gesicht war immer noch schmal und blaß, die Haut aber von schimmernder, durchsichtiger Zartheit und von der Farbe abgetönten, alten Elfenbeins. In dem dünnen Gesicht wirkten die dunklen, brennenden Augen noch größer, diese leuchtenden Augen, die unmerklich nur, aber doch so, daß sie tiefer zu sein schienen, von bläulichen Schatten umrändert waren. Das volle, seidenweiche Haar war zu einer turbanartigen Frisur aufgesteckt.

Unschlüssig schüttelte sie den Kopf, während sie nachdenklich vor Heinz von Öhringen stand.

»Ich weiß nichts, gar nichts.«

»Wirklich nicht? Heute ist ein besonderer Tag.«

»Mein Geburtstag? Nein; auch deiner nicht. Du mußt mir schon raten helfen, Heinz!«

»Heute ist es ein Jahr, daß ich dich kennen lernte. Weißt du es noch, Aga?«

Da zuckte sie für einen Augenblick zusammen und strich sich mit dem Handrücken über die Stirne, als wollte sie ein jähes Erinnern fortstreichen.

Aber Heinz von Öhringen hatte darauf schon nicht mehr geachtet, denn er legte seine Nelken eben auf den zierlichen Toilettentisch aus Rosenholz, der in Gold, Elfenbein und Schwarz reiche Einlagen aufwies. Vor einem hohen ovalen Spiegel standen auf weißem, feingeäderten Marmor kristallene Flakons, Dosen, Schalen, Gläser.

Und während er sich wieder langsam umdrehte, antwortete er:

»Eine der letzten Karnevalsnächte war es. In der Schellingstraße; ich hatte gerade die Absicht nach Hause zu gehen, als du an mir vorbeigingst und mich mit deinen großen, angstvollen Augen aus dem mageren Gesichte anstarrtest. Damals hatten es mir deine Augen schon angetan! Sofort! Ich hatte damals wirklich keine andere Absicht, als nach Hause zu gehen und zu schlafen. Aber deine Augen gaben mich nicht frei. Weißt du es noch?«

Ob sie es wußte?

Agnes Petrich nickte.

Aber die Erinnerung, die dabei in ihr geweckt worden war, mußte nicht erfreulich gewesen sein, da sie sich auf die Ottomane niederfallen ließ, die in der Mitte des Raumes auf einem alten Perserteppich stand; sie ließ die Hände wie müde im Schoß liegen und starrte mit weitoffenen Augen vor sich hin.

Das war einer jener schlimmsten Tage gewesen: Rose noch krank, aber im Genesen. Und der Arzt hatte dann sehr kräftigende, stärkende Nahrung verordnet, viel Fleischsuppen, gute Milch. Und die Maschine war doch fortgebracht, weil sie die Raten nicht hatte zahlen können. Keine Arbeit, kein Geld! Sie hatte Stunde um Stunde nur immer am Bette ihres Kindes gesessen. Da war sie in der Nacht fort, als Rose schlief, fort wie schon einmal, als sie dann den Arzt geholt hatte. Auf die Straße war sie, wie jenes erstemal, um ganz zu vollenden, was sie mit dem schwersten Opfer begonnen hatte, um nach Geld zu suchen, so wie damals, um das Kind wieder zur Gesundheit zu bringen, um alles zu schaffen, was dem Kind das Leben erhielt.

In flüchtiger Sekunde durchlebte sie nochmals jene entsetzliche Stunde.

Aber Heinz von Öhringen konnte keinen dieser Gedanken erraten; er war auch zu sehr von froher Stimmung erfüllt. Er hielt ihren Kopf mit beiden Händen fest und schaute sie aus seinen graublauen Augen lachend an:

»Ich weiß noch alles! Arm und elend sahst du aus, krank und bedrückt. Nur in deinen Augen war ein seltsames Flackern, ein fast wildes Licht. Anfangs sträubtest du dich: Nein, du wolltest nicht mit. Aber dann vergaßest du dein Wehren, und in meinem Zimmer bist du mir ohnmächtig zusammengebrochen. Ich mußte dir Wein einflößen, dir zu essen geben, ehe du wieder Kraft bekamst. Weißt du noch? Damals hatte ich dich wieder fortgelassen, dir Geld gegeben und dir doch nichts genommen. Das Mitleid bei deinem Zusammenbrechen hatte von den anderen Gedanken keinen mehr laut werden lassen, mit denen ich dich mitgenommen hatte. Und dabei hatte ich damals schon deine großen, schönen Augen liebgewonnen. Ich bat dich nur, wiederzukommen. Weißt du das noch?«

Wieder nickte sie.

So war es; er hatte sie mit Geld entlohnt, er war zärtlich zu ihr gewesen, aber er hatte dabei doch nichts gefordert. Weil er so lieb gewesen war, deshalb hatte sie auch gleich ein Gefühl der Zuneigung zu ihm mitgenommen.

Und er redete von diesen Erinnerungen weiter:

»Aber du bist nicht wieder gekommen, und ich wäre jetzt nicht bei dir, wenn dich der Zufall mir nicht doch nochmals in den Weg geführt hätte. Da ließ ich dich freilich nicht mehr los; da wolltest du dich erst auch wieder wehren, als ich es so gut mit dir meinte. Aber schließlich bin ich doch Sieger geblieben, und nun bist du mein. Ist es nicht so?«

Nochmals strich Agnes mit dem Handrücken über die Stirne, als wollte sie etwas austilgen, fortwischen.

Und da er keine Antwort bekam, wiederholte er nochmals:

»Bist du nun mein, Aga?«

»Ja, ganz, wie du mich genommen hattest, wie du mich fordertest.«

»Liebst du mich, Aga?«

Da nickte sie wieder:

»Ja, ja! Damals hatte ich nicht daran glauben können, daß dies je geschehen würde. Nun ist es so! Aber jetzt laß mich für die Nelken sorgen!«

Sie sprang auf und holte die Blumen vom Toilettentisch, die sie in Vasen füllte; zwischen den beiden Fenstern war eine hohe Meißener Vase, auf einer Vitrine standen Spitzgläser von Gallé, dann trat sie an eine Karlsruher Fayence und stellte Nelken in eine Kopenhagener Vase. Überall standen wertvolle Zierstücke, die auf einen vornehmen Geschmack schließen ließen.

Dabei verriet jede ihrer Bewegungen die schlanke Zierlichkeit ihrer immer noch mädchenhaft erscheinenden Figur; wenn dabei der weite Aermel des Kimonos zurückfiel, war ein feiner, weißer Arm zu sehen, schön genug, um einen Bildhauer zu reizen, ihn nachzubilden.

Die graublauen Augen von Heinz von Öhringen folgten ihr; in seinem Gesicht war dabei ein befriedigtes Lächeln.

Wie schön sie war!

Und erst seit er sie ganz in Reichtum gehüllt, seit er ihre Schönheit mit Schönheit umgeben hatte, zeigte sich, wie bewundernswert sie war.

Schön!

Er spürte eine solche Leidenschaft für sie, daß er alles für sie geopfert hätte.

»Nun weißt du, welcher Jahrestag heute ist. Und mein Wille möchte nichts anderes fordern als möglichst viele Wiederholungen.«

Da sie ihm gerade den Rücken zuwandte, drehte sie den Kopf etwas zur Seite, daß sich das feine Profil wirksam von der silbergrauen Tapete abhob. Und was sonst so selten geschah, ein stilles Lächeln lag auf ihrem schmalen Antlitz.

»Ob man solche Wünsche hegen darf?«

»Doch! Komm zu mir, laß nun die Blumen! Ich will auch etwas von der Zärtlichkeit, die jetzt nur den Nelken gehört.«

Da war sie bei ihm.

Und er zog sie zu sich nieder, ganz tief, daß ihr Kopf auf dem Batikkissen zu ruhen kam.

Sie wehrte sich nicht! Sie schaute ihn nur mit den großen, braunen Träumeraugen an.

Er beugte sich dicht über sie, und seine Finger zitterten in der Erregung seiner Sinne.

»Aga, wie schön du bist, wie ich dich immer lieben muß.«

Zum Flüstern sank seine Stimme.

Da hatten seine Hände den Kimono gelöst; aus dem Goldorange der Japanseide leuchtete das weiße Hemd mit den seidenen Mechelner Spitzen.

Und die kleine weiße Brust, durchädert von mattem Blau, das auf dem alabasternen Weiß perlmutterfarben schimmerte, bot sich seinen Augen.

Diese Brust, die noch so zart war, als wäre Agnes immer noch ein Mädchen, hob sich in schwerem Atmen.

Da lagen auch schon seine Lippen auf dieser heißen, atmenden Haut.

Und ihre Arme hielten ihn, faßten seinen Kopf und drückten ihn an ihre Brust.

Sie liebte ihn ja auch – sie verlangte nach seiner Liebkosung, wie er nach der ihren sehnsüchtig war.

Liebe, ja … Liebe …

*

Ein Automobil hielt vor dem kleinen Vorstadthaus draußen in Gern, das in einem blühenden Frühlingsgarten stand. Aus dem Automobil sprang eine zierliche, schlanke Gestalt mit dem dichten, blauen Schleier. Sie rief dem Chauffeur die Weisung zu:

»Holen Sie mich hier um halb fünf wieder ab.«

Und als sie dann durch den Garten ging, löste ihre Hand den Schleier, und die großen, dunklen, braunen Augen von Agnes Petrich waren zu sehen.

Die Glocke schrillte.

Eine ältere Frau mit glattgescheiteltem, bereits stark ergrautem Haar, mit dünnen Lippen und mit scharf, aber dabei doch gut blickenden Augen öffnete; sie war sehr reinlich gekleidet, trug ein einfaches, graues Hauskleid und eine weiße Schürze.

»Sie, gnädige Frau!«

Agnes Petrich hörte dies Wort hier immer; sie beachtete es kaum mehr.

»Wie geht es der Kleinen, Frau Wolfert?«

»Gut, wirklich sehr gut. Man kann nur Freude an ihr haben. Aber Sie werden sich ja selbst überzeugen können.«

»Fragt sie viel nach mir?«

»Doch, gnädige Frau! Und immer lauscht sie dann, wenn ich von der Mama erzähle, als erwarte sie dabei was Besonderes zu hören. Kommen Sie nur!«

Frau Wolfert ging voran, nachdem sie hinter Agnes die Pforte wieder geschlossen hatte, und öffnete dann eine Tür, die in ein helles Zimmer nach dem Garten zu führte. Einfache, saubere Möbel standen darin, und der Raum machte einen schlichten und freundlichen Eindruck.

Auf dem dicken Bodenteppiche hockte ein Kind, ein Mädchen mit goldblondem Haar und schwarzen Augen, die einen seltsamen Gegensatz zu dem lockigen Haar bildeten; im Schoß hielt die Kleine ein Bilderbuch, in das sie beim Eintreten der beiden so vertieft war, daß sie es ganz überhörte; mit dem ausgestreckten, fleischigen Zeigefingerchen der Rechten, wies sie sie auf ein Bild und sang dabei mit heller Kinderstimme:

»Eia, popeia, was rasselt in Troh –«

Doch da schwieg sie plötzlich und schaute erstaunt aus ihrer Unterhaltung auf.

Agnes war auf ihr Kind gelaufen und hatte sich auf den Knien vor ihm niedergekauert; und mit bebender Stimme, in der Liebe und Sehnsucht durchklangen, rief sie:

»Rose, Kindchen, ich bin da! Kennst du mich denn, weißt du, wer ich bin?«

Und die Kleine überlegte nicht lange; sie nickte ganz ernsthaft, wie von einer besonderen Wichtigkeit durchdrungen:

»Mammi – meine Mammi!«

»Ja, Kindchen! So hast du mich nicht vergessen und wirst mich auch nie vergessen. O; ich bin so oft mit meiner Sehnsucht bei dir, so oft!«

Da hatte sie auch schon das Kind etwas hochgehoben und dicht an sich gedrückt; und ihre Küsse bedeckten das blasse Gesichtchen, daß die Wangen sich zu röten begannen; die Kleine wehrte sich nicht. Diese stürmische Zärtlichkeit, die wie ein Heißhunger war, teilte sich ihr mit, so daß sie nun die Mutter ebenso hastig mit Zärtlichkeiten überschüttete, wobei sie immer jubelnd ausrief:

»Mammi, – Mammi!«

Frau Wolfert, die an der Tür stehen geblieben war, erklärte mit ihrer weichen, etwas verschleierten Stimme:

»Die gnädige Frau werden mit der Kleinen allein bleiben wollen. Ich gehe unterdessen,«

Dann war sie auch geräuschlos hinausgehuscht.

Und nun begann ein lustiges Spiel.

Da lagen sie wie Kinder auf dem Teppiche, Agnes und Rose; das kleine, dicke Aermchen gab dabei den Hals der Mutter nicht frei. Und Rose schleppte herbei, was sie an Schätzen und Reichtümern besaß. Alles mußte Mammi bewundern. Die zwei Krusepuppen, die eine im Spitzenkleidchen, die andere als Sennerin. Lo und Lies hatte sie Rose getauft. Dann zerrte die Kleine mit pustenden Wangen die Puppenküche heran, in der ein richtiger Herd war, mit Tellerchen und Töpfen. Alles – alles mußte die Mammi anschauen und bewundern.

»Das mußt du sehen, Mammi – und das und da mußt du hindrücken, Mammi, dann macht das Beppile mäh.«

Selige Stunden reinsten Glücks, die Agnes alles vergessen ließen und selbst wieder sorglos und heiter wie ein Kind machten.

Mutter und Kind plauderten.

»Ein Bilderbuch mag Rose haben, ein danz troßes – und dann mag Rose noch eine Puppi haben.«

»Ja, alles bringt dir deine Mammi; aber ganz lieb mußt du sie dafür haben.«

»Danz lieb, Mammi!«

Und beim Plaudern zuckte flüchtig ein alter Gedanke, ein altes Wort durch Agnes' Kopf: Kinder fragen nicht – –

Rose sollte nie etwas davon erfahren, mit welchen Opfern die Mutter die Erfüllung ihrer Wünsche erkaufte!!

Nie –!

Doch jetzt nicht daran denken, jetzt nur spielen, nur sich freuen.

Und die beiden lachten laut und jauchzend.

Da erschien Frau Wolfert:

»Das Automobil ist wieder vorgefahren, gnädige Frau.«

»O weh! So schnell!«

Zu rasch waren die zwei Stunden verflogen, zu rasch dies Glück.

Frau Wolfert hatte noch ein Anliegen.

»Da ist auch mit der Post dies kleine Paket auf den Namen der gnädigen Frau gekommen; ich schickte es Ihnen nicht zu, da ich ja wußte, daß Sie heute kommen würden.«

Und sie reichte Agnes ein kleines Päckchen, mit zittriger, dünner Schrift war es beschrieben.

Als die Augen auf diese Züge fielen, zuckte die schöne Frau etwas zusammen. Sie nahm das unscheinbare Paket in dem braunen, zerknitterten Papier, ohne es aber zu öffnen.

Sie nickte nur:

»Schon gut«!

Dann kam der Abschied:

»Mammi – Mammi, bald wiederkommen, und dann mußt du mir ein Bilderbuch bringen, und eine danz troße Puppi, die »Mammi!« sagen kann –«

Vom Automobil aus konnte Agnes nochmals ihr Kind sehen, denn Frau Wolfert stand am Gartentor und hielt mit beiden Händen die Kleine hoch, die ihr mit den Aermchen noch einen letzten Gruß zuwinkte.

Während der Motor des Autos surrte, öffnete Agnes das kleine Paket.

Zuerst fiel ein kurzer Brief heraus; hastend huschten ihre Augen über die Zeilen hin. Und sie las:

 

»Ganz verstohlen muß ich es machen, wenn ich dich nur grüßen will. Deinen Namen darf ich immer noch nicht nennen, als wärest Du eine Tote. Ihm bist Du nicht mehr am Leben und dabei eine Gestorbene, an die er gar kein Erinnern will. Dabei überwacht er mich mit noch mehr Mißtrauen als früher. Es tut ja so weh, daß ich Dir gar nichts geben kann. Nur für Dein Kind habe ich etwas ganz heimlich eingepackt, Hemdchen, die Du einmal selbst getragen hast. Strümpfchen, die ich von Dir noch aufbewahrt hatte, ein Schürzlein, ein Röcklein, alte Sachen, aber doch noch gut, wenn Not ist –«

 

Da las Agnes nicht weiter; sie öffnete das Paket vollends und sah nun ein gelbliches, dickes Kinderstrümpfchen, einen verblaßten, buntfarbenen Kinderrock –

Und in Gedanken sah sie ihr Kind vor sich in dem feinen Batistkleidchen, mit all den duftigen Spitzen, mit den Seidenstrümpfen – –

Aber trotzdem: Aus ihren Augen tropften ein paar heiße Tränen auf das Paket nieder, das sie mit zitternden Händen sorgsam wieder einhüllte, wie etwas Zerbrechliches, wie etwas von besonderem Werte.

*

Heinz von Öhringen und Agnes lehnten im Auto, das eben von der Isarbrücke her in die Prinzregentenstraße einbog. Die Schleier ihres niedlichen Autohutes flatterten lang nach im Wind. Von der frischen Luft waren ihre Wangen leicht gerötet. Freudig strahlten ihre Augen.

Beide sprachen nicht viel.

Heinz von Öhringens Gedanken schienen nicht mehr bei der herrlichen Fahrt zu weilen, sondern ganz abwesend zu sein. Seine Brauen zuckten etwas und schoben sich dann dicht zusammen. Der hellblonde Schnurrbart war zwischen den Lippen eingeklemmt. In seinen Zügen war ein gespannter Ausdruck, als wären seine Nerven vollständig von einer außergewöhnlichen Willensenergie erregt.

Ihr schmales Gesicht wandte sich ihm flüchtig zu; und als sie dabei jenen gereizten Ausdruck wahrnahm, fragte sie:

»Was ist dir, Heinz? Du bist heute nicht wie sonst. Du hast mir mit der Ausfahrt eine besondere Freude machen wollen, du hast sie mir auch gemacht; aber du warst mit deinen Gedanken nie ganz dabei. Fehlt dir etwas?«

»Gewiß nicht, Aga! Du wirst dir doch um meinetwillen nicht Sorge machen?«

»Doch! Ich möchte dir mehr sein als nur das Spielzeug, das du verschwenderisch mit Geschenken überschüttest, dem du immer nur gibst. Du hast es erreicht, daß ich dich lieben mußte. Und so will ich dir mehr werden. Ich will trösten dürfen, wenn du Sorgen hast.«

»Das ist nichts für dich, Aga! So wie du bist, strahlend, berückend schön in deiner Zierlichkeit wie ein leicht zerbrechliches Nymphenburger Porzellanfigürchen, mußt du auch im Sonnenglanz sein, von Schönheit umgeben. Aber Sorgen? Nein!« Er lachte. »Die sind nichts für dich!«

»Doch du hast welche!« beharrte sie eigenwillig, da sie sein Lachen nicht über die Falte zwischen den Brauen hinwegtäuschen konnte.

»Geschäftssorgen, nichts weiter.«

»Trage ich an solchen nicht die Mitschuld? Du bist zu verschwenderisch gegen mich.«

Dies reizte sein Lachen noch mehr; seine Zähne blitzten dabei:

»Du dumme Aga! Schön, ich werde ganz sparsam werden und dir Barchentwäsche kaufen und einen Strohhut bei Tietz im Ausverkauf für eine Mark achtundneunzig. Bist du dann beruhigt?«

»Spiele doch nicht mit mir!«

»Sei froh, daß du mein Spielzeug bist.«

»Nein! Du hast Sorgen!«

»Die hatte ich öfters. Sie werden auch wieder vergehen.«

»Heinz, sag mir das eine, aber sag es mir ohne Lüge: Ich – ich bin doch nicht schuld an deinen Sorgen?«

»Nein, Dummerchen du! Du nicht!«

»Und du – hast mir die Perlenkette bei Thomas versprochen. Die wirst du mir jetzt nicht kaufen, ich will sie nicht.«

»Geduld! Das habe nur ich zu bestimmen! Um was du dich mit einem Male zu sorgen beginnst, ist grundlos. Vollständig. Aber weil du so lieb bist, weil du doch nur in deiner törichten Liebe solche Angst hast, sollst du zum Dank morgen Vormittag erst die eigentliche Überraschung erhalten. Nun blicke wieder sorgloser drein, Fältchen machen dich nicht hübscher –«

So zerstreute er ihre letzten Bedenken.

Es mußten also nur vorübergehende, flüchtige Sorgen sein, die ihn für Augenblicke verstimmt hatten.

Agnes hatte ja nie gefragt, wie reich Heinz von Öhringen war und über welches Vermögen er verfügte; sein Name allein hatte sie verführt, und sein meist vornehmes und in zartester Form gehaltenes Schenken hatte sie an Reichtum glauben lassen. Außerdem hatte sie in zufälligen Gesprächen von ihm gehört, daß er die Leitung und Vertretung eines großen Industriewerkes führe; da er überdies noch von einem alten Stammgut erzählt hatte, so hatte sie immer ohne Bedenken seine Gaben angenommen.

Von seiner Liebe, die wohl meist sinnliche Leidenschaft war, hatte sie alles erhalten, was er für sie zum Schmuck, zum strahlenden Rahmen für ihre Schönheit haben wollte.

Und sie hatte immer ihrem Kind gegeben, von dem sie ihm nie viel erzählen durfte; er gab ihr auch dafür reichlich, aber daran erinnert wollte er nicht werden.

Wie diese Gedanken an ihr vorüberhasteten, da kam wieder mehr Ruhe über sie.

Es mußten doch nur flüchtige Sorgen sein, auf die sie keine Einwirkung hatte.

Das Auto bog eben in die Hofgartenstraße ein, die um diese Stunde dicht belebt war, denn im Hofgarten selbst hatte die Musik gespielt, und die Müßigen und Spaziergänger strebten jetzt aus den Arkaden heraus dem englischen Garten und der Galeriestraße zu. In scharfer Kurve ging ein Ruck durch die Karosserie.

Da packte Agnes den Arm ihres Begleiters und umspannte ihn krampfend; ein kurzer, erschreckter Schrei kam über ihre Lippen, und dann flüsterte sie heiser und mit entsetztem Blick:

»Dort – den dort – hast du ihn gesehen?«

Der Wagen ratterte vorbei.

Heinz von Öhringen drehte sich um, damit er noch zurückschauen konnte:

»Meinst du den kleinen Buckligen, der unserem Wagen nachblickt und über irgend etwas zu lachen scheint?«

»Lacht er?«

Sie schmiegte sich an ihn, immer noch seinen Arm umklammernd, ohne selbst einen Blick zurückzuwagen.

»Ja! Er scheint sich ganz außerordentlich zu freuen. Was ist denn mit ihm? Was hat dich gerade an dem Menschen so erschreckt?«

»Es kommt ein Unglück über mich, Heinz! Immer war es so, so oft er mir begegnete. Heinz, ich habe Angst.«

Für eine Sekunde schreckte auch Heinz von Öhringen zusammen; dann aber schüttelte er die Betroffenheit ab, lachte und zog die schmiegsame Gestalt nahe an sich.

»Torheit, Aga, nichts als Aberglauben; einmal ein Zufall, dem du jetzt zuviel Bedeutung schenkst. Zudem lachte er!«

»Das tat er immer«, flüsterte sie in zitterndem Grauen.

»Sei still! Und damit du dich beruhigst, wollen wir heute Abend in die neue Operette gehen. Da wirst du wieder lachen können. Morgen vormittag aber will ich dich dann überraschen, mit etwas recht Schönem, damit du selbst das Törichte deiner Befürchtungen erkennst.«

Sie lauschte nur halb; das Bild wollte nicht aus ihren Gedanken schwinden, die Sekunde, in der sie am Wegrande plötzlich den Buckligen aus der kleinen Heimatstadt wiedererkannt hatte, der ihr in die Augen schaute und dabei mit verzerrtem Gesichte so schrill lachte, wie sie es schon zweimal gehört. Und immer war dann das Elend über sie gekommen. Er war ihr Unglücksbringer.

Selbst in der Loge des Theaters wollte der Druck nicht vollends von ihr weichen.

Und in der Nacht hatte sie einen unruhigen Schlaf.

Früh schon war sie am Morgen aufgestanden; das Mädchen hatte sie frisiert, und mit einem Buch setzte sie sich dann in den kleinen Biedermeiersalon mit den gelben Mahagonimöbeln, den duftigen Vorhängen, mit den alten Schattenrißzeichnungen und den Gravüren an den gestreiften Tapeten. Hier war ihr Ausruheeckchen.

Aber sie hatte keine Ruhe zum Lesen, so sehr sie sich dazu zu zwingen versuchte.

Wenn nur erst Heinz gekommen wäre, wenn sie es von seinem lachenden Gesicht ablesen konnte, daß sie sich umsonst gequält. Immer wieder stand sie auf, trat ans Fenster, blickte auf die Straße und kehrte dann zu dem alten Sofa mit dem mattgrünen Seidenripsbezug zurück.

Endlich läutete es!

Das mußte er sein; ihr Herz klopfte lauter, als sie dabei aufgestanden war.

Die Türe öffnete sich.

Dort stand ihr Mädchen, aber mit einem fassungslosen Ausdruck des Entsetzens; mit der Hand wies es zurück nach dem Flur und brachte weiter nichts über die Lippen als die gestammelten Worte:

»Draußen – ein Polizist –«

Da wurde das Mädchen auch schon von einer derben Faust beiseite geschoben, und neben ihr tauchte ein untersetzter, kräftiger Schutzmann in Uniform auf, der den Helm nicht abgenommen hatte; auf dem starken Schnauzbart, der gleich Trauerweiden über den Mund niederhing, lagen schwärzlichbraun die Reste und Spuren des Tabakschnupfens.

»Nur weg, solche Kinkerlitzchen mit dem Anmelden können Sie sich schon ersparen. Mit solchen Frauenzimmern kann ich allein reden.«

Agnes stand wie erstarrt. Weiß war ihr Antlitz und ohne Bewegung wie ein steinernes Bild.

Das Mädchen wartete neugierig, was nun folgen würde; es witterte eine Sensation.

Das Unglück war nun doch da. Das empfand Agnes.

Der Schutzmann stapfte in den Salon, daß bei seinen schweren Tritten der kristallene, kleine Lüster singend klirrte.

»Sie sind doch die Agnes Petrich? Aus Windsheim?«

Ein Senken des Kopfes.

»Vorher haben Sie bei der Frau Willametz in der Türkenstraße gewohnt?«

Ein Nicken.

»Sie haben sich von dem Herrn von Öhringen aushalten lassen. Sie waren doch dem sein Verhältnis?«

Der Schutzmann sagte: »Verhältnis.«

»Was ist mit ihm?«

»Der? Das werden Sie wohl besser wissen als ich. Unterschlagen hat er und falsche Wechsel laufen lassen; ein Gauner ist er halt. Sonst hätte er sich doch kein solches Frauenzimmer halten können.«

»Ich – ich habe nichts geahnt.«

»Das sagen alle! Aber gearbeitet haben Sie nichts! Das tut kein solches Weibsbild. Es hat ja die Frau Willametz schon gesagt, daß Sie bei ihr Goldstücke von der Straße mitgebracht haben. Gewerbsunzucht nennt man halt das. Und jetzt müssen Sie mit mir gehen!«

»Ich – mein Gott, ich kann nicht!«

»Da werd ich aber nicht lang fragen. Wenn Sie Geschichten machen, dann muß ich die Kette anwenden. Das werden Sie sich doch ersparen?«

»Was – was soll denn mit mir geschehen?«

»Was halt mit solchen Frauenzimmern geschieht, die Gewerbsunzucht treiben. Seien Sie nur froh, wenn das Arbeitshaus nicht dazu kommt. Arbeitsscheu waren Sie ja auch; es ist halt bequemer, sich von irgendeinem Kerl für solche Geschichten zahlen zu lassen. Nun los, marsch!«

Und sie mußte mit.

Das war das Unglück, das des Buckligen Lachen ihr angekündigt hatte.

*

Ein Gerichtssaal; die Richter in ihren schwarzen Talaren, mit gleichgültigen Mienen. Der Staatsanwalt als Ankläger zu einem Gerichtsdiener hingebeugt, dem er etwas zuflüsterte. Der Gerichtsschreiber tief über sein Protokoll gebückt.

Vor dem Richterkollegium an einem runden Tische der kleine Verteidiger mit dem runzeligen Gesicht und dem Klemmer, der auf der fleischigen Nase alle Augenblicke ins Rutschen kam, so daß er ihn gewohnheitsmäßig immer wieder zurechtrückte.

Hinter dem Verteidiger auf einer Bank, neben einem Polizisten mit rotem Schnurrbart und aufgedunsenem Gesicht, der Angeklagte.

Heinz von Öhringen.

Auch noch vor den Richtern trug er seine elegante Kleidung, die seidengestickte Weste und die Gamaschen. Mit den Fingern zupfte er wiederholt nervös an seinem blonden Spitzbart.

Mit leiernder Stimme, manches Wort verschluckend, las der Berichterstatter unter den fünf Richtern den Eröffnungsbeschluß des Gerichtes.

Eine einfache Sache, urteilsreif.

Von seinen Kollegen achtete kaum einer darauf; zwei besprachen eine Zusammenkunft für die nächste juristische Gesellschaft, der dritte blätterte gelangweilt in einem anderen Akte, der vierte holte ein kleines Päckchen hervor und prüfte seine Frühstückssemmel.

Was gab es da auch viel darauf zu achten? Da hatte einer als Vertreter des großen Eisenwerkes Unterschlagungen gemacht, falsche Eintragungen bewerkstelligt, Wechsel gefälscht, Unsummen verschwendet. Und nun war alles entdeckt.

Von den Juristen wußte jeder schon: drei Jahre Gefängnis, vielleicht mehr – vielleicht weniger. Es war für sie auch wirklich gleichgültig.

Zweihundertfünfzigtausend Mark!

Als nun der Eröffnungsbeschluß betonte, daß der Angeklagte damit eine Geliebte ausgehalten hatte, begannen einige zu schmunzeln.

Sie sollte ja ein prächtiges Weib gewesen sein!

Vielleicht wurde die Sache dann interessanter, wenn die holde Weiblichkeit vorgeführt wurde.

Dann ging die Verhandlung weiter, im gewohnten Gang; wie mechanisch, wie eingelernt wurden Fragen gestellt. Der Staatsanwalt kritzelte etwas auf das vor ihm liegende Papier, und sofort begann auch der Verteidiger zu schreiben.

Ein Verhör. Zwischenfragen des Staatsanwaltes, des Verteidigers.

Eine höchst langweilige Sache; der eine der Richter widmete seine ganze Aufmerksamkeit den Fingernägeln.

Ein Zeugenverhör.

Durch eine zufällige Kontrolle waren die ersten Fälschungen entdeckt worden von dem Schwiegersohne des Besitzers der Eisenwerke. Dieser las aus den mitgebrachten Büchern die einzelnen Posten vor. Wieder eine entsetzlich stumpfsinnige Sache!

Vielleicht doch vier Jahre? Oder Zuchthaus? Natürlich würde der Staatsanwalt nur Zuchthaus fordern. Das war immer so! Und der Verteidiger machte seinen Klienten zu einem unschuldigen Engel, den man noch mit einer Belohnung entlassen müßte.

Das war auch immer so.

Nur der Verhandlungsleiter hörte hin; die anderen konnten sich mit Gott weiß was beschäftigen.

Erst als der Gerichtsdiener die Tür des Sitzungssaales öffnete und mit bierheiserer Stimme den Namen einer neuen Zeugin in den Korridor hinausschrie, da blickten alle wieder auf.

»Agnes Petrich!«

Das war sie also!

Mit müden, langsamen Schritten kam sie herein, wachsgelb das schmale Gesicht, den Blick zu Boden gesenkt, die großen Augen von den langen, schwarzen Wimpern halb verhüllt. Hinter ihr tappste ein Schutzmann, der sofort stramm stand und militärisch Meldung machte.

Hm! Die Richter schmunzelten, einer stieß den anderen mit dem Ellenbogen an und brummte: »Nicht übel!«

Mit schlaff niederhängenden Armen stand sie vor dem Staatsanwalt.

Und der Verhandlungsleiter leierte:

»Es handelt sich um die Unterschlagungen des Heinz von Öhringen zum Schaden des Eisenwerkes Mosen, die nach Aussagen des vorgeladenen Zeugen Herbert Möllendorf eine Viertelmillion ausmachen.«

Nur den einen Namen hatte Agnes gehört, nichts anderes. Die Stimme redete wohl noch weiter, aber sie klang an ihr Ohr wie fremde, unverständliche Laute.

»Des vorgeladenen Zeugen Herbert Möllendorf!«

Er war da! Ihr Herzschlag stockte!

So hatte es er – gerade er sein müssen, der hier wieder ihren Weg kreuzte; er hatte die Anzeige erhoben, die sie zum zweiten Male vernichtet und so tief gestoßen hatte.

Und er war im Saal – irgendwo! Seine Augen krochen vielleicht prüfend über sie. Er – der Vater ihres Kindes, – er, den sie geliebt hatte.

»Natürlich werden Sie als Zeugin unbeeidigt vernommen. Sie heißen Agnes Petrich, geboren in Windsheim und verbüßen zurzeit wegen Gewerbsunzucht eine vierwöchige Haftstrafe, nach der Sie in das Arbeitshaus nach Sulzbach kommen.«

Und er mußte es auch hören – er – der ihr Leben doch vernichtet hatte.

Sie nickte!

»Sie hatten ein Verhältnis mit dem Angeklagten, der Sie auch ausgehalten hatte, der Ihnen eine Wohnung einrichtete –«

Ein qualvolles Verhör.

Und sie mußte antworten. Dabei war es ihr immer, als bohrten sich von irgendwoher Augen in sie – seine Augen.

»Diese großen Summen mußten Ihnen doch verdächtig erscheinen?«

»Ich wußte nichts. Ich ahnte es nicht.«

Die Stimme des Staatsanwaltes:

»Das sagen natürlich alle. Ihnen war es eben bequemer, auf diese Weise Geld zu bekommen, als es durch Arbeit zu verdienen.«

Einer von den Richtern putzte sich mit dem Taschentuch die Brillengläser, um besser zu sehen. Wirklich ein eigenartiges Gesicht mit den großen, dunklen Augen. Doch ein Schwerenöter dieser Angeklagte!

Endlich! Endlich vorbei!

Man hatte ihr nichts nachweisen können.

Und nun, wenn sie sich jetzt umdrehte, wenn sie jetzt aus dem Saal ging, dann mußte sie ihn sehen; und sie wollte es. Sie suchte ihn.

So trafen sie sich wieder – zum erstenmal.

Dort saß er auf der Zeugenbank, elegant gekleidet, kaum verändert, nur mit einem müden Zug im Gesichte. Er war ein ehrenwerter Mann, der Schwiegersohn eines Millionärs, einer, zu dem nur sehr respektvoll gesprochen wurde, denn er hatte doch die Zukunft vor sich und viel Geld hinter sich. Er sprach lebhaft mit einem älteren Herrn neben sich, zu dem er sich nahe hinbeugte. Er wich ihr aus! Er konnte ihr nicht in die Augen sehen.

Natürlich!

Sie war doch eine, die man in das Gefängnis zurückführte, sie gehörte für ihn zu den Gefallenen – zu den Verlorenen.

Und er war ein ehrenwerter Mann!

Dies Bild – und das Verhör!

Sie lachte, verbittert, und mehr wohl gegen ihren Willen.

Gereizt erklärte der Staatsanwalt:

»Sie haben das zu unterlassen, sonst verhänge ich über Sie eine weitere Haftstrafe wegen ungebührlichen Betragens vor Gericht. Mit derartigen Frauenzimmern werden wenig Umstände gemacht.«

Da duckte sie sich wieder.

Herbert Möllendorf hatte nicht einmal den Kopf bewegt.

Dann stieß sie der Schutzmann hinaus.

»Warum sie nur gelacht haben mag? Merkwürdig? Es gab doch wirklich keine Veranlassung?«

Ein paar von den Richtern tuschelten darüber.

Die Verhandlung lief weiter; und das Interesse schlief wieder ein. Eine langweilige, gleichgültige Sache.

Der Staatsanwalt sprach. Zuchthaus, erschwerend, beispiellose Verschwendung – dann der Verteidiger.

Alles kam, wie es vorher schon erwartet worden war.

Ein kurzer Richterbeschluß. Vier Jahre Gefängnis.

Für die Richter eine ganz alltägliche Sache, denn das kam ja so häufig vor, daß einer Gelder veruntreute, um damit eine Geliebte zu beschenken.

Es gab eben solche Weiber!

Das war das Urteil der fünf Richter, die dabei sehr höflich den Zeugen grüßten, der Direktor der Eisenwerke und der Schwiegersohn des Besitzers war, ein Mann von Zukunft und Ansehen. Man konnte nicht wissen, ob er einem nicht noch einmal nützen konnte.

*


 << zurück weiter >>