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1. Kapitel

»Dort sehen wir die kleine Jagdhütte; wie oft saß ich da innen mit Rambold, wenn wir einem Auerhahn auflauern wollten. Es ist so behaglich drinnen, so recht zum Ausruhen! Bist du nicht müde geworden, Lieb?«

Bei dieser Frage zog Herbert Möllendorf die zierliche, schlanke Gestalt dichter an sich.

Agnes fühlte den Druck seiner Hand, zärtlich kosend; seinen Kopf mit dem leicht gelockten, braunen Haar beugte er dabei so dicht an den ihren, daß eine heiße Glut ihre Wangen streifte. Sie mußte zu ihm emporsehen, und dabei schien es ihr, als zeigten seine sonst grau erscheinenden Augen ein tiefes, dunkles Blau. Flackerndes Glimmen und Leuchten war in seinem Blick.

Dabei bedrückte sie dieser schmeichelnde schwere Duft der ungezählten Blüten der breitästigen Linden, die um die Jagdhütte standen.

Frühling war. Ueberreich trugen alle Bäume Blütenfülle.

Der Duft machte sie angenehm matt, wie sie schon durch den steilen Anstieg müde geworden war; es war eine Schläfrigkeit, die nach Träumen oder nach Liebkosungen sehnsüchtig ist.

So zärtlich hatte seine Stimme sie gefragt, besorgt und zutraulich, ganz jene Liebe, wie Agnes sie immer geträumt.

Sie nickte hingebend, anschmiegend wie der sonnige, junge Frühlingstag.

»Ja! Ich freue mich auf ein Ausruhen. Von der Bank aus sehen wir dann in das Tal.«

»Erst aber wollen wir uns stärken. Die Sonne brennt zu stark auf die Bank. In der Hütte dagegen ist es traulich kühl. Wir gehen doch hinein!«

»In die Hütte? Die ist ja geschlossen.«

»Ich habe den Schlüssel mitgenommen; in der Vorratskammer findet sich wohl eine Flasche Wein für uns, auch andere Stärkung. Rambold hat immer vorgesehen. Du wirst dich freuen, wie kühl, wie hübsch, wie traulich es da drinnen ist. Wie in einem Liliputanerheim! Eine Ottomane ist da! Auf sie kannst du dich lang ausstrecken und ruhen. Und ich werde dich dann wie eine Herrin bewirten. Ja! Ich habe mich auf dem ganzen Wege schon darauf gefreut, einmal dein getreuer Page sein zu dürfen.«

Immer heißer, immer verlangender wurde seine Stimme, und dabei färbte sich der Glanz in seinen Augen immer dunkler; seine Hand hielt sie so fest, daß sie seinem Blick nicht ausweichen konnte.

Sie begann die Glut zu fühlen, die sie zu bannen versuchte. Und so stark dufteten die Blüten, so müde hatte der heiße Frühlingstag sie gemacht, daß sie sich zu schwach zum Wehren fühlte, daß ihre Liebe nur die Seligkeit dieser einsamen Glücksstunde empfand.

Sie schwieg.

Da wurde sein Werben noch lockender:

»Warum sollen wir uns nicht ganz berauschen lassen, daß wir dann glückstrunken die süßesten Worte flüstern können? Du weißt nicht, Agnes, wie lange schon und mit welcher Sehnsucht ich auf eine solche Stunde hoffte. Nun ist sie uns gegönnt. König und Königin in diesem Zauberschloß. Du wirst mir die Bitte nicht abschlagen, und so lieb, so zärtlich will ich dir dann danken. Ich will dich anbeten, will vor dir knieen –«

Und während er mit leiser, aber immer drängenderer Stimme auf sie einredete, hatte er sie bis zur Türe der Jagdhütte geführt. Sie war ihm gefolgt wie in einem Rausch, willenlos der Liebe hingegeben, die sie für ihn empfand, gefangen vom Zauber dieses Frühlingstages.

Sie spürte das Zittern seines Körpers, fühlte durch die Kleider seine heiße Hand auf ihrer Hüfte ruhen und schaute in seinen Augen das stürmische Begehren. –

Und der Frühling lockte; ihr eigenes Blut pulste in gleicher Sehnsucht.

Alles in ihr war Liebe.

»Niemand wird uns stören, ganz allein wollen wir unser Frühlingsfest feiern –«

Sie schrak zusammen.

»Nein – nein! Es geht nicht, Herbert!«

Ein Wehren nur in Worten, ein Auflehnen, das halb Zustimmung war. Und als ihre Hand ihn zurückzudrängen versuchte, da fühlte sie, daß ihre Kraft geschwunden war.

»So komm! Zweifelst du an meiner Liebe? Oder hast du mich nicht lieb? Agnes! Laß diesen Tag, diesen glückseligen Frühlingstag zum Freudenfeste unserer Liebe werden!«

»Wenn der Förster heraufkommt.«

»Rambold? Der hat eine Jagd drüben in Schwarzenberg. Ganz allein werden wir sein und nur von unserer Liebe plaudern, dann Luftschlösser bauen, Zukunftsträume weben.«

»Ich – ich fürchte mich!«

»Oh, ich werde dir alle Ängstlichkeit fortküssen, mit Küssen werde ich dir die Augen schließen, und dann wirst du Dornröschen träumen, das auf den Kuß des Königssohnes wartet, der Dornröschen zur Liebe weckt –«

Und da standen sie an der Türe!

Seine Hand griff bereits nach dem Schloß, um aufzusperren. So sehr zitterten ihm in leidenschaftlicher Erregung die Finger, daß sie den Schlüssel nicht sogleich ins Schloß brachten.

Als die Türe sich dann öffnete, als ihre Augen in den halbdunklen Raum schauten, als sie die Umrisse einer Ottomane erkannten, auf der ein helles Fell leuchtete, da kam ein Erwachen über Agnes Petrich.

Mit einem Male war es ihr, als gähne vor ihr ein Abgrund, eine Tiefe, in die sie taumeln mußte, wenn sie noch einen Schritt weiterging; sie ahnte eine Gefahr, sie wehrte sich gegen eine Macht in ihr, die sie wieder zu Herbert drängte.

Da sprang sie zurück, und hastend kamen die Worte von ihren Lippen:

»Ich kann nicht, Herbert! Heute nicht! Es darf ja nicht sein, wir müssen beide Geduld haben, bis – bis – das sein darf. Ich mag nicht. Wir können auch dort ausruhen, dort auf der Bank.«

Und sich zu einer scheinbar harmlosen Heiterkeit zwingend, lachte sie; sie wollte sich und ihn über die lastende Schwüle ihrer Stimmung hinwegtäuschen.

»Da drinnen ist es auch so dunkel, und die Frühlingssonne findet da hinein den Weg gar nicht. In der Sonne will ich bleiben!«

Sie drängte fort; doch mit einem Sprung war er bei ihr; seine Hände umspannten ihre Arme und zogen sie heran; sein Gesicht beugte sich so nahe über das ihre, daß sein Atem wie ein Gluthauch über sie strömte.

»Agnes, du darfst mich jetzt nicht zurückstoßen, wenn du mich liebst. Wenn in deinem Herzen auch nur ein Funke meiner Liebe glüht, und wenn in deinem Herzen weiter nichts ist als Mitleid, dann folge mir. Agnes, ich gehe zu Grunde, wenn du mich jetzt noch fortstoßen kannst.«

»Nein – das nicht, – das nicht, was du begehrst –«

»Ist es nicht Liebe? Verlange ich mehr als Liebe dem Geliebten schenkt? Ich verschmachte nach dir, ich kann keinen Schlaf mehr finden, weil jede Stunde der Nacht mit Sehnsüchten nach dir erfüllt ist.«

»Noch dürfen wir nicht, Herbert!«

»Warum? Also nur der Zweifel ist in dir! Du liebst mich nicht, du willst mich nur hinhalten, mich zu deinem Spielzeug machen, bis du meine Frau sein wirst. Nicht mir, nicht meiner Liebe, nicht meiner Leidenschaft gilt dein Begehren, sondern nur dem Ziel, mich so zu binden, zu fesseln. Und das nennst du Liebe?«

Er hatte sie mit seinen starken Armen dabei hochgehoben, daß er sie wie ein Kind trug, wie ein zorniges, ungebärdiges Kind, das sich gegen die stärkere Kraft vergebens zu wehren versucht.

Und so trug er sie der Türe zu.

»Herbert! Laß mich los! Nicht so, nicht zwingen, nicht mit Gewalt sollst du nehmen, was dir nur die Liebe geben kann. Ich schreie!«

So heftig wurde ihr Widerstand, daß er sie mit keuchendem Aufatmen freigeben mußte.

Da rannte sie fort zu der Bank, die dicht am Bergabhang stand. Auf diese ließ sie sich niederfallen und bedeckte ihr Gesicht aufschluchzend mit beiden Händen.

Augenblicke verstrichen; ihr Herz lauschte im Weinen. Wo blieb er? Warum kam er jetzt nicht? War er nun gegangen? Ein hartes Weh lag drückend wie eine atembeklemmende, eisige Last auf ihrem Herzen. Sie hatte sein Verlangen nicht erfüllen können und liebte ihn doch, liebte ihn mit aller Leidenschaft dieser ersten Liebe. Hatte sie ihn zu hart gekränkt?

Doch da kam er; sie spürte ihn, sie fühlte seine Hände, die nun die ihren von dem Gesicht zu lösen versuchten; dabei war seine Stimme wie ein Flehen, wie eine Bitte um Mitleid.

»Agnes, so höre mich doch! Du sollst nicht weinen! Ich habe dich ja so lieb, daß diese Leidenschaft stärker und mächtiger ist als jedes Bedenken. Du mußt das spüren gleich mir.«

Die Hände konnte er zwar von ihrem Gesichte lösen, aber ihre Augen blieben geschlossen.

Da kniete er vor ihr nieder, und sein Kopf legte sich wie schutzsuchend in ihren Schoß, während seine Arme ihre zierliche Gestalt umfaßten. Und das Gesicht, das in heißen Gluten zu brennen schien, verbarg, verkroch sich in den Falten ihres Rockes. Sie hörte seine Stimme nur gedämpft wie ein Stöhnen:

»So glaube mir doch! Kannst du nicht fassen, daß ich an nichts anderes mehr denken kann, daß all mein Sinnen nur Liebe ist, nur Verlangen, nur Wunsch; hörst du, ich leide darunter, es sind Schmerzen, die du mich ertragen läßt. Aber ich will ja still sein, ganz still. Daß du mir so weh tun mußt!«

Da öffnete sie die Augen, blickte nieder auf die braunen Locken, und ein namenloses Mitleid mit ihm stieg in ihr auf; wie mußte er leiden, an der Liebe leiden, daß er so vor ihr kniete, so stöhnte und mit dieser Macht rang, die Begehren nach ihr war.

Mitleid und Liebe waren stärker als sie. –

Ihre Hand griff langsam, noch im Zögern nach seinem Haar; leise glitt sie in scheuer Liebkosung über die Locken.

Bei dieser Berührung zuckte er zusammen; es war, als erbebte sein Körper in einem Frostschauer.

»Agnes! Nur Liebe will ich, nichts als Liebe. Sei nicht so hart! Bin ich dir nichts mehr? Darf ich das nicht verlangen? Kann ich meiner Liebe gebieten, daß sie immer und immer entsagt? Gute, du Liebste!«

Die Blüten dufteten; die Frühlingssonne strahlte. Und mit tiefem Aufatmen sog sie den Duft ein. Ihre Pulse pochten, die Schläfen hämmerten.

Wie sie ihn liebte!

Und wie weh es ihrem Herzen tat, daß er um sie leiden mußte, daß sie ihm Schmerzen zufügte, weil sie sich versagte, das Mitleid wuchs und wurde zur Sehnsucht.

»Herbert!«

Mit einem Ruck hob er den Kopf; das Weiß in seinen Augen war leicht gerötet.

Hatte er geweint?

Da brach der letzte Widerstand in ihr zusammen; ihre Hand zitterte über sein Gesicht und fühlte, daß seine Augen feucht waren.

»Ich hab dich ja lieb – ich – kann dich nicht leiden sehen –«

»Agnes so laß mich dich tragen, daß der Frühlingstag zu unserem Liebesfeste werde – Agnes –«

Ihr Kopf sank auf seine Schulter nieder.

Und er richtete sich auf, umschlang sie und trug sie.

Sie wehrte sich nicht. Sie schloß nur die Augen.

Wie ein Sieger seine Beute trägt, so ging er mit großen Schritten zur Hütte, der offenen Türe zu.

Aus dem Halbdunkel schimmerte hell das Fell der Ottomane.

»Ich will dich küssen, daß du zur Flamme erglühst, Liebste, Schönste –«

Ein heißes, werbendes Flüstern waren seine Worte.

Und hinter den zweien schloß sich die Türe.

*

Agnes saß am Fenster des kleinen Wohnzimmers und schaute in den Garten hinaus, in dem an den hohen Rosenstöcken die Knospen bereits im Aufbrechen waren; die Hände, die eine Handarbeit hielten, lagen müde im Schoß.

Die braunen großen Augen schauten sinnend ins Weite.

Sie träumte.

Von ihm!

Wie sie ihn liebte! Wie dieser Frühling für sie Schönheit und Glück gebracht hatte. Sünde konnte es nicht sein, wenn sie beide sich immer wieder gesucht und gefunden hatten, wenn es immer eine heimlich süße Seligkeit gab. Sünde konnte es nicht sein, was doch auch der Frühling über die Erde brachte, Liebe, selbstlose Hingabe, werdende Schönheit.

Die großen, braunen Augen träumten weiter: Sünde konnte es nicht sein, was seit Jahrtausenden die Erde beherrschte und verjüngte!

Und Neues träumte sie: Luftschlösser, Wolkenburgen.

Jetzt war es noch ein heimliches Glück; aber einmal würden sie es offen vor allen tragen, es stolz den Menschen zeigen; einmal würde es dann sein, daß er sie aus diesem kleinen Hause für immer herausholte, ganz zu sich.

Das war das Ziel, das Ende ihrer Träume!

Agnes fühlte hier im Hause kein Glück, wo alles bedrückt war, alles beengt, wo die Mutter immer nur ängstlich umherschlich und zu zittern anfing, wenn die Stunde kam, um die der Vater aus dem Amte heimkehrte. In dem kleinen Hause, das rings von einem Garten umgeben war, hatte nie ein sorgloses Lachen geklungen, nie die Freude gewohnt, die unter dem unbeugsamen Willen eines verbitterten, in seinem Lebensziel getäuschten Vaters ersticken mußte; eine freudlose Kindheit, bedrückte Jugendjahre, enttäuschtes Hoffen waren ihr Leben in diesem Hause, aus dem sie sich fortsehnte, aus dem die Liebe als Erlöserin sie hinausführen sollte.

Und so war das Ende all ihrer Träume immer nur dies eine: er würde sie holen, er würde kommen und sie zu sich nehmen als seine Frau. Und sie lebte nur in der Hoffnung auf diese Stunde.

Leise wurde die Tür geöffnet, eine kleine, gebückte alte Frau mit weißen Haaren kam herein, die auf den Zehen ging, als fürchtete sie sich, zu kräftig aufzutreten. Es war Frau Annemarie, Agnes' Mutter. Das schmale verhärmte Gesicht zeigte tiefe Furchen, herbe Linien um den Mund und ein ängstliches Flackern in den graubraunen Augen, unter denen leicht gerötete Tränensäcke lagen. Sie lebte beständig in Scheu vor Lärm.

Auch ihre Stimme war nur ein Flüstern, ein Tuscheln, als wagte sie kein lautes Wort:

»Der Vater kommt.«

Es klang wie eine Warnung; und damit war auch der Traum ihrer Tochter zu Ende. Unwillkürlich, unter dem Zwange einer langjährigen Gewohnheit hoben sich bei dieser Meldung die Hände und begannen eifrig zu arbeiten.

Die Mutter mit dem etwas breiten Mund, der in den Mundwinkeln stark abwärts gezogen war und damit dem alten, runzeligen Gesichte etwas Enttäuschtes, Verbittertes verlieh, trippelte unruhig durch die Wohnstube, wobei ihre Augen unstät umherirrten, als suchten sie etwas. Dann strich sie mit der welken Hand über die Kommode und sagte wieder in dem leisen Tone:

»Denkst du, daß Vater zufrieden sein wird? Ich habe heute nur Bratkartoffeln und Quark bekommen können. Und die Zeitung ist auch noch nicht da. Ich habe schon zweimal gefragt.«

»Es wird schon gut sein, Mutter.«

»Du weißt doch, wie Vater ist.«

»Ja, ja,« klang es gequält vom Fenster her.

Da waren auch schon schwere Schritte zu hören, die der Türe näher kamen. Bei diesem Ton duckte sich Frau Annemarie noch mehr zusammen.

Eine große, breitschultrige Gestalt mit sonnverbranntem Gesicht, mit langem, rötlichem Vollbart, mit stechenden Augen und hoher, ausgebuchteter Stirn trat ein; ein kurzer, brummender Gruß folgte, worauf er sich sofort in den alten Ledersessel mit der hohen Rückenlehne fallen ließ, der an den Tisch herangerückt war. Eilfertig war Frau Annemarie bei ihm, bückte sich und öffnete die Knoten seiner Schuhbänder.

Petrich blickte nicht nieder; seine buschigen Brauen zuckten:

»Wo ist die Zeitung wieder?«

Frau Annemarie, die noch vor ihm kniete, fuhr zusammen und antwortete dann hastig:

»Sie muß gleich kommen. Ich weiß nicht, wo sie bleibt. Ich habe schon zweimal nach der Trägerin ausgeschaut.«

»Das ist eine Schlamperei, eine ganz niederträchtige Faulenzerei. Da plagt man sich und rackert sich im Amt ab, acht Stunden, ist nichts weiter als so ein Schreiber mit schönem Titel und schlechter Bezahlung, trotzdem man anderes sein könnte, wenn man früher vorsichtiger gewesen wäre –« bei dieser Bemerkung duckte sich der Kopf mit dem weißen Haar wie im Schuldbewußtsein noch tiefer – »und wenn man dann müde nach Hause kommt, ist nichts in Ordnung.«

»Sie muß ja gleich kommen,« entschuldigte sich die alte, vom Leben niedergedrückte Frau, die ihm nun die schweren Lederschuhe von den Füßen gezogen und dafür die Hausschuhe herangerückt hatte.

Agnes aber preßte die schmalen Lippen noch enger zusammen und stichelte an ihrer Handarbeit weiter; sie hatte diese demütigende Stellung der Mutter schon zu oft miterlebt.

Frau Annemarie schlich mit den Schuhen fort.

Da wandte Manfred Petrich seinen mächtigen Kopf mit dem rötlichen, kurzgeschorenen Haar Agnes zu.

»Gregor Malchus hat mit mir gesprochen; am nächsten Sonntag wird er zum Mittagstisch kommen. Was er will, muß ich dir wohl nicht erst erklären.«

Agnes zuckte zusammen; die Nadel hatte den Finger getroffen, und ein roter, dicker Blutstropfen quoll aus dem weißen Fleisch. Aber sie schwieg; nur die Wangen wurden ihr fahl.

»Und was ich verlange, das ist auch bald erklärt. Malchus hat sein Examen gemacht und wird am nächsten Ersten Amtsvorsteher. Das ist eine Stellung, die Sicherheit für die Zukunft gewährt. Sein Einkommen ist dabei so groß, daß auch ein vornehmer Haushalt möglich ist. Außerdem hat er ein kleines Vermögen. Daß du selbst nichts hast, weißt du ja. Ich habe nichts erreichen können, weil ich mir durch eine zu schnelle Heirat die Hände gebunden hatte. Das mag dir noch deutlicher sagen, was ich hoffe.«

Agnes sprach noch immer nichts, nur die Augen hatten sich geweitet. Sie dachte an Gregor Malchus, an seine kleine, unscheinbare Gestalt, an das gelbe, fahle Gesicht mit dem strohigen Haar darüber, mit den breiten Lippen und den roten, tränenden Augen. Er war schon 40 Jahre alt und sie selbst erst 19. Eine Angst, eine Furcht stieg in ihr auf.

Da war Frau Annemarie wieder in die Wohnstube gekommen.

An sie wandte sich nun Manfred Petrich:

»Am Sonntag kommt Gregor Malchus; du wirst dafür sorgen, daß die Küche sich nicht zu schämen braucht. Sorge auch für ein paar Flaschen Wein, damit wir auf die Verlobung trinken können.«

Hastig und erschreckt flogen die Augen der Mutter zum Fenster hin, aber ihre Lippen fragten nichts.

Agnes hatte die Arbeit auf den Nähtisch gelegt. Langsam stand sie auf, leise wendete sie ein:

»Herr Malchus ist schon vierzig.«

»Was soll das?« klang es scharf und herausfordernd zurück.

»Ich – kann ihn nicht lieben!«

Jetzt stand auch Manfred Petrich auf; seine gewaltige Gestalt streckte sich dabei. Und seine Stimme höhnte schrill:

»Lieben? Davon wird kein hartes Stück Brot weicher, damit wird der Hunger nicht satt. Liebe? Davon träumt man, so lange man dumm und jung ist. Ich habe ja auch einmal daran geglaubt und bin ein elender Schreiber dabei geblieben. Hätte sonst mehr werden können.«

»Die Mutter!«

Frau Annemarie stand ganz klein und erschreckt da.

Manfred Petrich machte eine fortstreichende Bewegung mit der flachen Hand:

»Ich kann nicht ändern, was wahr ist. Ich will, daß du vernünftig bist.«

»Er ist zu alt.«

»Das schützt ihn vor Torheiten.«

»Ich kann nicht, Vater! Ich kann nicht.«

»Du kannst nicht? Du wirst können!« Er trat dicht vor sie hin; seine buschigen Brauen wetterleuchteten. »Ich will! Und ich möchte wissen, ob ich als Vater nicht den Gehorsam meines Kindes fordern kann. Für ungehorsame habe ich in meinem Hause keinen Platz.«

»Lieben muß ich ihn doch!«

»Heiraten wirst du ihn! Und damit ist unsere Auseinandersetzung zu Ende.«

»Vater –«

Gequält und flehend klang das Wort.

»Still!«

Rauh scholl es, duldete keinen Widerspruch.

Das Kinn des jungen Mädchens sank tief auf die Brust; und nochmals hob sie den Kopf.

»Ich – ich darf ja nicht.«

»Du sollst schweigen! Ich pflege genau zu bedenken, was ich bestimme. Und was ich anordne, das geschieht, so lange ich hier Herr bin. Für andere ist ja eine Tür zum Hinausgehen da. Das ist deine Tochter, Frau! Hörst du, wie gut du ihr das vierte Gebot gelehrt hast?«

»Aber Manfred, vielleicht –«

Frau Annemarie wagte ein Wort; ganz verschüchtert kam es über die dünnen, welken Lippen. Er kehrte sich nicht daran.

»Ich bin fertig! Und nun will ich mein Abendbrot!«

Da wurde die alte Frau wieder ganz klein und duckte sich wie unter einem Schlag.

»Ja, ja, ich lauf doch schon!«

Krachend stieß er einen Stuhl an den Tisch und setzte sich.

Agnes schlich mit der Mutter still zur Türe hinaus.

*

Nun war es schon der dritte Brief gewesen, und sie hatte noch immer keine Antwort erhalten; alles hatte sie ihm geschrieben, das Verlangen des Vaters, seine Drohung, die Werbung des neuen Amtsvorstehers Gregor Malchus, ihre Sorgen, ihre Qual und noch das Härteste, warum sie auf keinen anderen hören durfte. Wie gehetzt waren im dritten Briefe die Worte über das Papier gejagt: von ihrer Liebe hatte sie geschrieben, von ihrem Traum, von ihrer Hoffnung, die nun Erfüllung werden mußte.

»Mußte! Mußte!«

Ihre Lippen wiederholten zweimal das Wort, während die Hände sich dabei ballten. Und unwillkürlich irrte ein flüchtiger Blick zum Spiegel hin, der ihr das eigene Bild zeigte.

Wie groß nun ihre Augen waren, von blauen Schattenringen umrändert, und wie bleich, wie trocken die Lippen aussahen.

Sie floh ihr Bild; es war, als könnte sie den Anblick nicht ertragen, als riefe ihr der Spiegel etwas zu, vor dem sie sich fürchtete.

Zum drittenmal hatte sie ihm geschrieben und ihm das Letzte eingestanden, was nur sie wußte, das sie bisher allein getragen hatte, und das nun wie ein Gespenst in der Zukunft lauerte.

Und wieder keine Antwort.

Sie bückte sich, stützte die Ellenbogen auf die Kniee und preßte die Handballen gegen die Schläfen, in denen das Blut hämmerte und pochte.

Keine Antwort!

Sollte gerade das seine Antwort sein?

Nein – nein!

Taumelnd richtete sie sich empor; irr flackerte ihr Blick durch das kleine Stübchen.

Das konnte nicht sein, das nicht! Was er zu ihr gesprochen hatte, was sie selbst empfunden, das alles konnte nun und nimmermehr Lüge gewesen sein.

Doch täuschte sie sich nicht selbst? Ihre Gedanken irrten zurück zu den letzten Begegnungen mit Herbert. Im Park! Auf dem Sonnenstein! War er nicht dabei schon anders gewesen? Kälter, fast ablehnend, als sie sich ganz hilfe- und liebeverlangend an ihn schmiegte? Hatte er nicht immer ablenkend und hastig von Geschäften und anderen Dingen gesprochen, wenn sie an die eigene Hoffnung erinnern wollte?

Vielleicht war es also doch seine Antwort, daß er ihr keine gegeben?

Nein – nein! Noch glaubte sie es nicht.

Was sollte dann werden? Was sollte dann kommen?

Der Vater!

Ein Schauer machte ihre zierliche Gestalt erbeben, als schüttele sie ein Fieber.

Dann lächelte sie beruhigt.

Das waren ja ganz törichte Aengstlichkeiten, zwecklose Befürchtungen! Vielleicht hatte er die Briefe nicht bekommen, oder seine Antwort hatte sie nicht erreicht? Vielleicht war er verreist? Betrügen durfte er sie doch nicht! Jetzt nicht, da dies geschehen war!

Aber sie mußte Gewißheit haben. Sie mußte zu ihm, sie mußte in sein Gesicht schauen, die Antwort von seinen Lippen lesen. Er allein konnte alles – alles noch zum Guten wenden.

Noch war ihr Glück nicht verloren!

Wenn er zum Vater kommen würde, sie von ihm verlangte, dann mußte der Vater auf ihn hören! Der Vater konnte ihn nicht fortweisen.

Und wenn Gregor Malchus dann nochmals käme, um an sie die entscheidende Frage zu stellen, dann würde sie frei sein, frei entscheiden dürfen; diesen konnte sie nicht lieben – und durfte nicht. Der Gedanke an eine Zärtlichkeit von den schwülstigen Lippen in dem gelben Gesichte bereitete ihr Grauen, und seine tränenden Augen erschienen ihr wie gierige, hungrige Hände, die über ihren Leib hintasteten.

Niemals! – –

Nun zu Herbert! Sie mußte zu ihm!

So mächtig war der Entschluß geworden, so quälend die Angst und Unsicherheit, daß sie nicht länger zögerte.

Hastend machte sie sich vor dem Spiegel zum Ausgehen bereit und verließ dann unter einem Vorwand das Haus.

An der Tür rief ihr Frau Annemarie noch die Mahnung nach:

»Vergiß es nicht, um halb sechs kommt der Vater.«

Was lag daran? Agnes sah nur ein Ziel.

Sie eilte durch die alten, engen Gassen der kleinen, stillen Stadt, die in einem breiten Wiesental zwischen zwei Hügelketten eingebettet war, an den alten Häusern mit den Erkern und Veranden vorbei, die mit blühenden Geranien und Fuchsien geschmückt waren.

So eng und klein war die Stadt, kleinlich und beengt auch die Leute darin.

Deshalb stürmte ihr Herz ja so laut, wenn sich die Angst wieder hervorwagte.

Was sollte dann werden, wenn – wenn er sie nun verleugnete, jetzt, da sie das Schwerste, das ein Weib treffen kann, vor sich wußte?

Nein! Töricht war alle Furcht!

Sie glaubte immer noch an Liebe, an Treue, an ein Wort!

Sie wollte ja – –

Dann würde alles gut werden!

»Fräulein Petrich, Sie verzeihen schon, wenn ich den gleichen Weg mit Ihnen habe.«

Eine hüstelnde, unangenehm klingende Stimme rief sie an.

Sie wandte den Kopf und erkannte den »Buckligen«. Alle in der kleinen Stadt nannten ihn so, und nur wenige wußten seinen wirklichen Namen. Er wußte, daß er nicht anders genannt wurde, daß alle in ihm nur den Häßlichen sahen, alle mit Spott und vielleicht noch einem bedauernden Mitleid auf ihn schauten; und weil er dies Jahre um Jahre gefühlt und ertragen hatte, war er gehässig und boshaft geworden. In ihm war die Erbitterung gegen alle, die schöner und glücklicher waren als er selbst. Klein war er und seine gedrungene Gestalt durch eine spitze Höckerbildung im Rücken und vorne auf der Brust verunstaltet; dabei war sein rechter Fuß ein Klumpfuß, den er immer auswärts nachschleifte. Das Gesicht des kaum Dreißigjährigen sah quittengelb und mit den vielen Falten wie das eines alten Mannes aus.

In der kleinen Stadt wurde der »Bucklige« gemieden, weil er mit dem ganzen Hasse seiner Häßlichkeit nur die widerlichsten und unerfreulichsten Nachrichten weitertrug; er wurde gemieden, wie der Italiener den »bösen Blick« fürchtet.

Ausweichen konnte Agnes nicht mehr; auch empfand sie für den »Buckligen« mehr Mitleid als vielleicht Furcht. Zudem waren ihre Gedanken so sehr abgelenkt, daß sie nur zerstreut Antwort gab:

»Natürlich können Sie mit mir gehen, Herr Geringer. Ich will zur Stadt hinaus.«

»Bis zum Furtwangertor will ich mit. Weiter nicht! Mein Schritt ist wohl auch zu langsam für Sie. So einer kann nicht laufen wie andere; da muß man bescheiden immer in der Tiefe unten bleiben. Ganz in der Tiefe.«

Wie ein Lauern waren seine Worte.

Sie nickte zerstreut.

»Zur Jagdhütte hinauf komme ich nie, oder auf den Sonnenstein. Ich muß schon eine Talschleiche bleiben. Da erlauscht man auch so manches. Die einen mögen der Jagdhütte, den Bergen den Vorzug geben, die anderen haben wieder andere Launen.«

Immer noch hörte Agnes nur halb auf ihn; es konnte doch nur Zufall sein, daß er schon zum zweitenmal die Jagdhütte erwähnte.

»Die schöne Alwine, von dem Direktor Mosen draußen im Eisenwerk, liebt den stillen Park draußen bei der Prinzenquelle viel mehr. Dort gibt es auch nicht leicht Zeugen. Nur Möllendorf, der Herbert Möllendorf, mit dem Lockenhaar, steigt auf Berge und pirscht auch im Tal. Und die Alwine Mosen ist schon ein Wild, auf das sich die Jagd verlohnt. Und Möllendorf braucht Geld notwendiger als etwas anderes, das ihm zu leicht in den Schoß fällt.«

Jetzt erst hatte sie ihn verstanden.

»Herr Geringer, Sie – Sie verdächtigen Herrn Möllendorf.«

»O nein! Ich sehe manches und höre viel. Und warum soll er mit der reichen Alwine Mosen nicht nach der Prinzenquelle? Warum nicht? Hat etwa eine andere mehr Recht? Wenn er Geld braucht, wird er das Lästige schon abschütteln; es wird ihm nicht angewachsen sein wie mir der Buckel. Schade, daß ich meinen Buckel nicht auch so einfach abschütteln kann. Nicht so schnell, nicht so schnell, Fräulein Petrich!«

»Ich – habe Eile; ich kann nicht länger so langsam gehn.«

Sie stieß die Worte hastig hervor und eilte davon wie auf der Flucht.

Von hinten tönte ihr noch das schrille Lachen des Buckligen nach.

*

Als Agnes Petrich die Treppen zu der Wohnung Herbert Möllendorfs emporjagte, mußte sie plötzlich tiefaufatmend stehen bleiben. Ein heftiger, stechender Schmerz durchfuhr sie. Beide Hände preßte sie gegen das pochende Herz.

Und alles fuhr ihr wieder durch den Kopf, was der »Bucklige« gesagt hatte.

Alwine Mosen! Auf sie pirschte er, was sich auch verlohnte? Und alles Lästige konnte er abschütteln, wenn er Geld brauchte?

Und das hatte ihr gegolten!

Aber was konnte der Bucklige wissen? Er wollte sie wohl schrecken. Nur Haß und Gift kamen geifernd von dessen Lippen; alle wußten das.

Es konnte nicht sein, nicht um der Zukunft willen, nicht um des Kindes willen!

Und das gab ihr wieder Mut.

»Ja, Herr Möllendorf ist in seinem Zimmer.«

Das war die Antwort auf ihre Frage.

Und dann pochte sie, öffnete die Türe und stand ihm allein gegenüber.

Er war von seinem Schreibtisch aufgesprungen und hielt dabei die Lehne des Stuhles umspannt, als müßte er sich daraufstützen; etwas erschrocken sah er aus, und sein Lächeln erschien ihr gequält und fremd, als er fast zu leise sagte:

»Ach, du bist es, Agnes!«

Sie stand dicht vor der geschlossenen Türe, daß sie sich mit dem Rücken dagegen lehnte. Und als sie jetzt in sein Gesicht schaute, das ihr bestürzt und verstört erschien, da waren seine Augen nicht mehr blau, so tiefblau wie in den Stunden, da er ihr seine Zärtlichkeiten zugeraunt hatte, sondern grau und kalt. Jetzt war in ihnen ein anderes Glimmen, nicht das der begehrenden Zärtlichkeit, sondern ein unstätes Funkeln, das scheu nach einem Ausweg suchte.

Und ehe noch ein weiteres Wort zwischen ihnen gewechselt worden war, wußte sie schon, daß der Bucklige doch die Wahrheit gesprochen hatte.

Aber sie wollte nicht zurückweichen vor der Aussprache; jetzt kämpfte sie nicht mehr für sich, nicht mehr für ihr Glück allein, sondern noch für ein anderes Wesen, das schon ein Anrecht am Leben besaß.

»Ja, ich bin es!«

»So nimm doch einen Stuhl! Zwar habe ich nicht viel Zeit –«

Da schnitt sie ihm das Wort ab:

»Ich fürchtete das schon! Aber ich will mich gern ganz kurz fassen.«

»So schlimm war es nicht gemeint. Natürlich habe ich für dich immer Zeit. Gewiß! Es war nur so eine Bemerkung. Und was hat dich denn so unerwartet zu mir geführt?«

»Was? Mußt du da erst fragen? Noch kannst du nicht heucheln. Das hast du noch nicht gelernt, Herbert! Und das läßt mich immer noch hoffen, daß du nicht ganz so schlecht sein kannst – –«

»Agnes!« wehrte er aufbrausend ab.

»Ja, ich glaube es auch nicht. Ich will nicht. Die Antwort auf meine Briefe will ich mir holen, Herbert.«

Sie war dabei noch keinen Schritt von der Türe gewichen, und ihre Augen glühten auf sein Gesicht, bohrten sich in ihn hinein, als wollten sie die Antwort aus seinem Hirn saugen.

Eine ganz hilflose Bewegung machte er: die Hände hob er etwas und ließ sie dann wieder sinken.

»Ich habe dir immer schon schreiben wollen. Und heute hätte ich es auch ganz gewiß getan.«

»Geschrieben hättest du?«

»Ja – natürlich.«

Messerscharf schnitt nun ihre Stimme dazwischen, rücksichtslos fordernd, ohne ein Ausweichen zu wollen:

»Aber gekommen wärst du nicht, gekommen, um mich zu holen, wie es ja sein müßte, um mich auch vor den Menschen zu dem zu machen, das ich dir mit meinem Herzen schon immer war? Gekommen wärst du also nicht?«

Seine Augen, die jetzt stumpf grau waren, in denen keine Wärme mehr strahlte, irrten über den Boden hin; dann begann er überstürzend rasch zu reden;

»Das hätte ich doch nicht gekonnt. Was würde dein Vater zu mir sagen? Ich habe keine Existenz. Du weißt es doch! Ich habe wohl Pläne, die ich aber ohne Geld nicht ausführen kann. Ein Architekt muß für seine Pläne erst Geld zusetzen können, um dann Aufträge zu erhalten. Meine Bauentwürfe werden ja anerkannt, aber niemand will die Ausführung durch einen jungen Architekten wagen, der noch nichts aufweisen kann als seine Ideen. Und zu meinem ersten Projekt gehört viel Geld. Dann erst darf ich an mich selbst denken, dann erst. Ich kann dich jetzt nicht an mich fesseln, da ich selbst meine Zukunft noch nicht kenne. Ich würde dich vielleicht nur den Weg zur Not führen.«

Immer hastiger sprach er, bis ihn ihre Stimme unterbrach:

»Glaubst du nicht, daß die Liebe auch Not erträgt?«

»Gewiß! Aber es wäre von mir gefrevelt, wenn ich es wissentlich tun würde. Gewiß! Wenn ich in meinem Berufe schon so frei wäre, wie ich es für später hoffe, dann – dann würde ich ja anders handeln können. Aber es wäre einfach gewissenlos, dich in ein ganz unsicheres, ungewisses Schicksal zu führen.«

»Gewissenlos? Und was du jetzt tust, was du an mir schon getan hast, wie nennst du das?«

Doch er wollte dies nicht hören; hastend redete er darüber weg:

»Dein Vater würde mir die Tür weisen, er würde über mein Verlangen lachen, er würde mich fragen, was ich denn verdiene. Und ich würde ihm nur antworten können, daß ich diese und jene Pläne habe, daß ich dies und das erhoffe, und weiter nichts. Ich habe und bin ja noch nichts. Einen Narrenstreich würde er dies nennen und damit im Rechte sein. Ich muß doch erst an meine Zukunft denken, an meinen Beruf, an meine Aufgaben; das mußt du schließlich auch einsehen, Agnes! Ein Architekt kann nicht wie irgend ein Krämer sein Geschäft anfangen oder mit der Arbeit beginnen gleich einem Maurer.«

»Du brauchst zu viele Umschweife für all das, Herbert! Wozu? Die vielen Worte machen deine Antwort nicht erträglicher. Zu deinen Aufgaben brauchst du Geld?«

»Gewiß! Habe ich dann erst ein beachtliches Werk ausgeführt, dann fallen mir auch andere Aufträge zu.«

Ganz fest mußte sich Agnes gegen die Türe lehnen, die ihr nun eine Stütze ward, damit sie nicht wanke. Aber ihre Gedanken sahen jetzt ganz klar. Alles lag so wahr, so bitter wahr vor ihr. Eigentlich hätte sie nun wohl gehen müssen.

Nur der Stolz hielt sie noch zurück.

»So wäre ich dir also nur ein Hindernis?«

»Ich will es nicht so nennen, nicht so hart, wie du es aussprichst.«

»Aber der Sinn von deinen Reden war kein anderer.«

»Ich mußte dir doch erklären – –«

»Ja – ja, und ich habe dich auch verstanden. Deshalb war dir die Antwort so schwer, deshalb hattest du nicht schreiben können.«

»Du mußt mich verstehen, Agnes! Ich muß noch an anderes denken, ich habe meinen Beruf, ich will ein großes Ziel erreichen, ich –«

Da unterbrach sie ihn wieder:

»Du – und immer nur du. Von mir sprichst du nicht. Nur du hast ein Recht an dir, an deinen Beruf, an deine Zukunft – du, nur du! Ein Recht wohl auch, andere zu zertreten, die dir in deiner Bequemlichkeit ein Hindernis scheinen?«

Hochaufgerichtet stand sie, als sich diese Anklage über ihre Lippen Bahn brach; aber mit einem Male zuckte sie zusammen. Es war plötzlich etwas in ihr zerbrochen: das Vertrauen. Und ihr Gesicht, das eben noch in Erbitterung flammte, verzerrte sich gramvoll.

»Ich habe dir nichts versprochen«, wandte er ein.

»Gewiß, vielleicht habe ich unrecht getan, ich hätte wohl so nicht reden sollen. Es – es ist gewiß alles nur ein Scherz, nicht wahr? Ich bin ja nicht allein da, nein, nein, es ist noch jemand mitgekommen. Herbert, dein Kind lebt in mir, dein Kind spricht in mir, was willst du aus deinem Kinde werden lassen?«

Ganz fest biß er die Lippen aufeinander und schaute sie nicht an, hob nur wieder die Hände und ließ sie sinken, als er dann kurz abweisend erklärte:

»Ich werde natürlich zahlen, wenn es sein muß.«

»Zahlen! Willst du mich abfinden wie ein Straßenmädchen? Willst du mich damit zur Dirne erniedrigen? Herbert!«

»Du brauchst keine solchen großtönenden Worte zu machen. Für das Kind werde ich zahlen –«

»Und ich? Was soll ich tun? Wo soll ich mich dann mit meiner Schande verkriechen? Ich kann mich doch nicht wie ein Tier im Walde verstecken, daß die Augen aller Neugierigen mich nicht finden. Herbert, ich und dein Kind stehen vor dir –«

Und da beugte sich ihr Stolz zur tiefsten Demut, da wurde sie geduckt und klein wie ihre Mutter, da kroch sie fast zusammen und streckte ihm beide Hände bittend entgegen. Sie brach nieder und lag auf den Knieen vor ihm.

Aber er sah dies nicht; seine Augen glitten nur wieder ruhelos über den Boden hin, und seine Hand strich über die Stuhllehne.

»Du? Ich denke, daß – dein Vater hat doch schon deinen Bräutigam bestimmt, der eine gute Stelle einnimmt und auch Geld hat. Und es ist wohl am besten, wenn – wenn du den Willen deines Vaters auch erfüllst.«

Da sanken ihre zur Bitte erhobenen Hände kraftlos herab; ein starrer, irrer Ausdruck lag in ihren Augen.

»Das – das rätst du mir? Und – und das Kind?«

Still war es für Augenblicke, so still, daß nur das eintönige Ticken der Uhr zu hören war; mit entsetztem Blick starrte Agnes auf ihn, der immer noch mit der Hand die Stuhllehne umfaßte, dann sagte er ganz langsam, ohne aufzublicken:

»Es liegt ja schließlich nur bei dir, daß die Hochzeit früh genug angesetzt wird, um ihm den Glauben zu verschaffen, es müsse dies sein Kind sein. Das ist schon oft geschehen, und niemand kam zu Schaden dabei.«

»Herbert!«

Ein Aufkreischen, ein Verzweiflungsschrei, wie ihn ein Tier in Todesnot ausstößt.

Aber mit der gleichen erbarmungslosen, feigen Härte fügte er noch hinzu:

»Du hast doch noch acht Monate vor dir, Zeit genug. Es ist schon manche dadurch eine geachtete, beneidete Frau geworden.«

Da griff ihre Hand tastend zurück; sie suchte die Tür.

Wie ein wildes Tier, wie etwas furchtbar Grauenvolles erschien ihr dieser Mann, und sie stierte ihn angstvoll mit schreckgeweiteten Augen an.

Die suchende Hand bekam die Türklinke zu fassen, und Agnes floh in zitternder Angst und namenloser Scham.

*

Der rote, kupfernglühende Abendhimmel warf seine Lichtschimmer in den stillen See, dessen Ufer dicht mit Schilf bewachsen waren.

Die Weiden rauschten im Wind, beugten sich und neigten sich, als flüsterten sie sich geheimnisvolle Geschichten zu.

Ganz kleine Wellen spülten an das Ufer und verliefen platschend im Sande.

Dunkelgrün stand drüben am andern Ufer der Wald.

Ein Pirol schlug im Gebüsch.

Da rauschte das Schilf, und in dem Dickicht richtete sich eine schlanke, zierliche Frauengestalt empor, als erwache sie aus einer tiefen Schlaftrunkenheit.

Agnes Petrich war es, die mit leeren Augen auf die Wasserfläche starrte. Ihre Füße standen schon in der Flut; nur noch einige Schritte mußte sie weitergehn, fünf – zehn – dann würde alles – alles zu Ende sein, dann gab es für sie kein Leid mehr – keine Sorge – keine Furcht. Dann hatte sie sich selbst vom Leben erlöst.

Sie hatte nichts anderes gewollt! Sterben …

Und dennoch zögerte sie jetzt.

Hatte sie noch ein Recht an sich selbst? War in ihr nicht ein anderes Leben, das nach dem Leben verlangte? Sich selbst durfte sie töten, das stand in ihrem Willen! Aber ein anderes, neues Leben töten, das war Mord!

Sie hatte kein Recht, auch dies neue Leben zu zerstören!

Sie gehörte nicht mehr sich selbst! Das Leben in ihr war stärker.

Nicht zur Mörderin durfte sie werden!

Sie mußte sich weiterschleppen, mußte ihren Weg weitergehen, um des kommenden Kindes willen. Konnte das Schicksal nicht gerade dies neue Leben, das sie mit ihrem eigenen vernichtet hätte, zu großer Aufgabe bestimmt haben? Nicht Mörderin werden!

Zu leben galt es!

Irgendwie, selbst in tiefster Erniedrigung, selbst in Schande, in Not und Qual; aber leben, weiterleben, um dieses neuen Lebens willen; das mußte sie!

Und mit entschlossenen Schritten ging sie rückwärts, wieder dem Ufer zu, zurück zu dem Leben, das sie schon weit hinter sich geglaubt hatte.

Wie es werden würde, dies Leben, zu dem sie nochmals zurückging, darnach durfte sie nicht fragen.

Etwas Stärkeres hielt sie.

Wie traumwandelnd ging Agnes dann zu der kleinen, stillen, im Dämmerlicht liegenden Stadt zurück; dabei war es ihr, als reckten sich die Türme wie drohende Fäuste.

Und doch zurück!

Aber so gehetzt ihre Gedanken auch waren, diese eine große Verächtlichkeit, dieser schamloseste Betrug, den er – der für sie nun ein Toter sein sollte – mit solchem Hohn geraten hatte, blieb ihr etwas Undenkbares.

Dazu hatte sie keinen Willen, einen anderen um das heiligste Recht zu betrügen, um die Vaterschaft.

Sie mußte selbst vollenden, selbst ihr Leben gestalten, um dieses neuen Lebens willen.

Es war, als machte dieser Gedanke ihre Schritte sicherer, fester, als wäre alles Zögern mit diesem Entschlusse gewichen.

Das kleine Häuschen im Garten zeigte ihr bereits lichterhellte Fenster.

Der Vater mußte lange schon heimgekommen sein.

Aber sie zögerte nicht, als sie dem Hause näher kam; es war in ihr nur der Wille zur Entscheidung.

Im Flur kam ihr die kleine, gebückte Frau Annemarie entgegen, trippelnd, verängstigt, tuschelnd:

»Aber Agnes, immer wieder hat der Vater nach dir gefragt. Er ist ganz schlimm. Und ich sagte es dir doch, um halb sechs. Wo warst du nur?«

Die Mutter sprach halbleise, immer mit einem scheuen Blick zur Türe.

»Laß mich, Mutter! Es kann alles, was kommen wird, nicht mehr so schlimm werden. Das Härteste ist schon hinter mir.«

»Was meinst du nur? Du sprichst so merkwürdig. Was ist dir geschehen?«

Aber ehe noch eine Antwort darauf erfolgte, wurde die Tür mit jähem Ruck aufgerissen.

Und auf der Schwelle, die von dem rötlichen Lampenlicht aus dem Zimmer heraus beleuchtet war, stand die breitschultrige Gestalt von Manfred Petrich, die fast den ganzen Türrahmen ausfüllte. In dem Lichtschein sah sein Gesicht bronzefarben aus; der lange Vollbart leuchtete rot. Seine Stimme grollte drohend.

»Dieses verdammte Getuschel. Natürlich möchtest du heimlich wieder alles einrenken, und ich soll nichts davon erfahren, daß die Dirne sich jetzt erst nach Hause gefunden hat.«

Die Mutter hob die Hände, als wolle sie damit einen Schlag auffangen, der Agnes galt.

»Verspätet, aber Manfred, das –«

»Still! Dich habe ich nicht gefragt. Die dort soll selbst reden!« Die flackernden Augen unter den buschigen Brauen glitten scharf prüfend über die schlanke, zierliche Gestalt.

Ihre großen, braunen Augen wichen seinem Blick nicht aus.

»Wie sie nur aussieht! Die Füße voll Schlamm und Wasser. Wo hast du dich herumgetrieben?«

»Ich weiß nicht mehr alles. Am See!«

Ein gellendes Auflachen folgte:

»Du weißt nicht mehr alles? Muß wohl hübsch gewesen sein! Und ich soll dabei zusehen und soll es dulden, daß meine Tochter vagantenmäßig herumzieht, in die Nacht hinein. Wirst wohl eine hübsche Gesellschaft dabei gehabt haben?«

Wieder flogen seine Augen über ihre Gestalt hin.

Agnes zögerte mit der Antwort nicht einen Augenblick.

»Ja, zwei Begleiter.«

»Das ist ja hübsch von dir, daß du das so sagst. Zwei Liebste wohl, die um dich geworben haben?«

»Der eine wollte mich mit sich nehmen, der andere aber führte mich hierher.«

»Ei, schau!«

Ein spottender, verächtlicher Hohn klang aus seiner Entgegnung.

Agnes sprach aber so fest, als höre sie ihn gar nicht, als rede sie nur mit sich selbst und müßte nur sich selbst Antwort geben:

»Der Tod war der eine, das Kind der andere Begleiter.«

»Du bist wohl betrunken, daß du so närrisches Zeug sprichst. Schlafe deinen Rausch aus, wenn du nicht haben willst, daß ich mich an dir vergreife.«

Dabei ballten sich seine Fäuste.

»Ich war nie so nüchtern, Vater, wie gerade in der Stunde.«

»Nüchtern?«

»Ja!«

»Und dabei siehst du so schmutzig aus, als wärest du im Schnapsdusel in eine Schmutzlache gefallen.«

»Der Tod hat mich in den See gelockt.«

Eine Weile war es still; der Mann mit dem mächtigen Kopf auf den breiten Schultern beugte den Oberkörper lauernd vor; es schien, als wollte er sich auf die zierliche Gestalt stürzen, die noch immer im Halbdunkel des Flurs stand.

In einem Winkel verkrochen kauerte Frau Annemarie. Ihre Lippen bewegten sich hastend, ohne daß dabei ein Laut zu hören war, sie schien leise zu beten.

»Und das Kind hat mich wieder vom Tode fort und zum Leben zurückgeführt.«

»Das Kind, das Kind, was für ein Kind? Du bist doch betrunken! Geh, wenn du nicht willst, daß ich dich in den Stall hinauswerfe, wohin du gehörst. Ich bin kein Narr! Was für ein Kind?«

Sekunden! Aber Sekunden, die zu Ewigkeiten wurden.

Da fand Agnes die letzte Kraft:

»Das Kind, das ich unterm Herzen trage –«

»Du – du! – du willst wohl faule Witze machen! Du – ich erwürge dich, wenn – wenn du es nochmals sagst.«

»Ich kann die Wahrheit nicht anders nennen.«

Tonlos war ihre Stimme; gebrochen, willenlos ergeben, bereit, den ersten Schlag wie etwas Zubestimmtes, wie etwas Verdientes hinzunehmen.

Aus ihrem Winkel rief wimmernd die Mutter:

»Agnes – das – das kann doch nicht sein –«

»Verzeih, Mutter – vielleicht ist das Leben nun schwerer als der Tod, von dem ich komme. Mutter –«

Und da lag sie auf den Knien.

Wie erstarrt stand Manfred Petrich; sein Gesicht glühte, und die Adern an den Schläfen schwollen zu dicken, blauen Stricken. Bis zum Zerreißen waren sie mit Blut gefüllt.

Dann keuchte er heiser:

»Sag', daß du lügst.«

»Vater, ich muß es tragen –«

»Dann – dann – geh hin, woher du kamst – zum See! Schamlose, Dirne, verkommenes Frauenzimmer –«

Wut packte den starken, in der ungewissen Beleuchtung riesenhaft erscheinenden Mann; er stürzte sich auf Agnes, riß sie vom Boden empor und stieß sie mit den Fäusten zur Türe hin:

»Elendes Weibsbild, hinaus – verrecke im Straßengraben, – gleichgültig wo – aber hier – in meinem Hause ist kein Platz für Dirnen.«

»Vater – es ist unser Kind –«

Die Mutter schrie; die alte geduckte Frau sprang dazwischen, daß der Faustschlag auf sie niedersauste.

»Hinaus! Hinaus – ich will keine Huren und Bankerte in meinem Haus – ich hab kein Kind –«

Wieder hatten seine Fäuste die Zusammengebrochene emporgerissen und an die Tür geworfen, die bei dem Stoß aufsprang; und Agnes taumelte in die Nacht, in den Garten hinaus.

Sie sank, sie fiel.

Und krachend – dröhnend schlug Manfred Petrich die Türe zu; seine Faust stieß den Riegel vor.

Noch ein schwaches Aufbäumen der gedrückten, kleinen Frau, der verzweifelte Aufschrei einer geknechteten Mutter:

»Manfred – es ist doch unser Kind – –«

»So geh hinaus zu ihr – draußen bei dem verfluchten, verkommenen Weibsbild oder hier – du kannst deinen Platz wählen.«

Da brachte die alte Frau nur noch ein Wimmern über die welken, dünnen Lippen.

»Die Türe bleibt geschlossen, – oder sie öffnet sich auch dir nicht mehr.«

Und mit schweren, dröhnenden Schritten ging er in das erhellte Zimmer zurück.

*


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