Margarete Beutler
Leb' wohl, Bohème!
Margarete Beutler

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VI Lieder

Die Lerche

        So weit das Auge sieht
Ringsher nur braune Schollen,
Die gerne grünen wollen.
Eine Lerche tanzt ihr Lied!

Eine Lerche tanzt ihr Lied!
Ich lausche und verstehe,
Daß, wo ich nun auch gehe,
Der Frühling mit mir zieht. 92

 

Der Garten

        Einen weiten bunten Garten
Gab ein Gott mir einst zu warten,
Und er sprach: Nun pflege sein!
Und es sproßten aller Enden
Blumen unter meinen Händen;
Tausend Arten nannt' ich mein.

Und nun sollt' ich all die Blüten,
Meine lieben bunten Blüten,
Die die zarten Beete fassen,
Um den heiligen Herd zu hüten,
Diesen grauen Herd zu hüten,
Welken und verdorren lassen? 93

 

Der Junitanz auf der Bergwiese

        »– Ach sieh nur, die Botschaft, die man mir gab!
Ich trug sie behutsam zu dir hinab.

Im Blühen trieb ich da oben um,
Ein singendes Evangelium;

Und jeder Halm, jeder Stempelknauf
Hängte ein Flöckchen Liebe mir auf.

Ich sage dir, Liebster, das ist eine Last,
Wenn man sich so mit der Liebe befaßt!

Von oben bis unten bin ich übersät –
Nun mach' ich den Wind, der zum Brauttanz weht!

Nun mach' ich den Sturm, der da rüttelt und packt:
Da tanzt es, das Völkchen, im göttlichen Takt!

Da wimmelt und wogt es, gebläht und geschwellt,
Sucht jedes ein Plätzchen, das ihm gefällt!

Sucht jedes sein Schätzchen – nur ich armes Tier
Steh' gänzlich verwaist da – Komm, tanze mit mir!« – 94

 

Ahnung

        Rosen treibt die abendliche Stille,
Und ich flechte einen Kranz daraus,
Und die Nacht, die ewige Sibylle,
Schleicht derweilen langsam um das Haus.

Was sie raunt, das kann ich nicht ergründen,
Doch ich ahne, was der Morgen bringt,
Wenn von meinen letzten Liebessünden
Jeder Fink in Busch und Heide singt! 95

 

An einen Goldregenstrauch

        Lade mich, Lieber, zu Gaste
In dein durchkühltes Gemach,
Daß ich ein wenig nur raste
Unter dem üppigen Dach!

Ach, was erzählen die Leute
Töricht von giftigem Hauch?
Mir bist ein Heiltrank du heute,
Krauser, gesegneter Strauch!

Blaut durch die goldenen Ranken
Zu mir der Himmel hinein,
Lacht er vom Gift der Gedanken
Gnädig die Seele mir rein.

Und wenn in zärtlichem Winde
Blüte auf Blüte sich schwellt,
Wird einem träumenden Kinde
Wieder zum Wunder die Welt! 96

 

Lied der glücklichen Mutter

        Rudert, meine wilden Knaben,
So löst sich euch das Leben!
Wind und Wellen sollen euch haben,
Und die Sonne will ich euch geben!

Taucht sie ins Wasser mit zitternden Strahlen,
Will ich sie lachend fangen und fassen
Und meiner Hände schimmernde Schalen
Über euch glitzernd sich leeren lassen.

Bräunlichter Glieder unendliche Schöne,
Allen niederen Zwanges entbunden,
Weckst du die Stimmen verblichener Töne
Und die Erinnerung bräutlicher Stunden?

Stunden, die euch empfangen haben
Und einer Ewigkeit Inhalt geben! –
Rudert, meine wilden Knaben,
So löst sich euch das Leben! 97

 

Ein Abzählvers für meine Buben

    Ubi katschi montapi,
Ubi katschi montapi;
Monta dema, sono pük,
Sono pük – todema!

Inta Patsche sinta pu!
Inta Patsche sinta pu!
Semi sonta, pidli far,
Pidli far – mi sonta! 98

 

Des Dichters Antwort

        »– Was willst du tun, wenn der Rebe Laub
Sich krümmt und bräunt und verdorrt?« –
– »Dann setz' ich den Stab in den Wegestaub
Und wandere südwärts fort!« –

»Und wenn nun die Herbstangst, die Spinne dir
Die Seele mit Netzen umzieht?«
– »Dann frißt mir mein Vöglein das gräuliche Tier,
Dann befreit aus dem Netz sie ein Lied!« 99

 

Traurige Landschaft

    Ein kahles Feld, ein magrer Rain,
Ein Pfad an grauem Meilenstein!
Inmitten welker Blüten
Zerfällt ein kleines Sommerhaus;
Sein kurzer lichter Traum ist aus,
Die Liebe schritt zur Tür hinaus –
Wer will des Traumes hüten? 100

 

Herbstrausch

      Rings im erntefrohen Land
Hangen goldne Früchte;
Laßt mich, daß ich noch einmal
In den Segen flüchte,
Eh' der Sturm ins rote Land
Wie ein Schatten fällt,
Eh' des Gärtners kühle Hand
Letzte Lese hält!

Unterm krausen Eschenbaum
Will ich atmend liegen,
Bunt wird sich der Waldessaum
In die Wolken schmiegen;
Augen, reif wie alter Wein
Wandern in die Runde,
Und es wird dort oben mein
Eine seltne Stunde.

Eine Stunde, die vergißt,
Daß viel Wetter trafen,
Daß der Garten müde ist
Und die Lieder schlafen,
Daß in herber Jahresfrohn
Schon das Feld getragen,
Daß zwei wilde Knaben schon
Mutter zu mir sagen. 101

Rings im ernteschweren Tal
Hangen goldne Früchte;
Laßt mich, daß ich noch einmal
In den Segen flüchte,
Eh' der Sturm ins rote Land
Wie ein Räuber fällt,
Eh' des Todes kühle Hand
Letzte Lese hält. 102

 

Altweibersommer

        Längs dem Wegrand, rot und golden
Glühen Berberitzendolden,
Strauch an Strauch – um einen jeden
Ziehn Altweibersommerfäden.

Weiß und unbegreiflich weben
Sie in all dem Farbenlodern
Brücken zwischen Tod und Leben,
Zwischen Blühen und Vermodern! 103



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