Margarete Beutler
Leb' wohl, Bohème!
Margarete Beutler

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III Die Reise

I.
Ich war so traurig . . .

          Ich war so traurig, daß ich meine Finger
In Erde grub, und war so traurig, daß ich
Des Himmels Fröhlichkeit nicht mehr erkannte;
Mein Wille schlief – Genoßne Freuden maß ich
Mit einem Maß, dem Qual die Zahlen nannte,
Es dünkte mich mein Leib ein niedrer Zwinger,
Darein man mich gleich einem Raubtier bannte,
Und Durst schlug mich, zu enden meine Leiden,
Mich meines Menschtums lässig zu entkleiden. 52

 

II.
Der Fels

        Als die Fackeln an des Tages Küste
Überwuchert wurden von den Schatten,
Die wie eines Traums geheime Lüste
Wuchsen in ein ungeheures Leben,
Kor ich einen Felsen mir zum Gatten –
Und ich neigte meine Frauenbrüste
Auf des Steines kühlentsproßne Moose,
Wildem Todesschauer hingegeben:
»Nehmt mich hin, ihr eisesgrauen Quadern,
Und befreit mich von dem Menschenlose,
Und befreit mich von den roten Adern,
Die dem Geist nicht mehr gehorchen wollen!«
»Komm,« so klang der Fels im Donnerrollen,
»Gib dich mir, denn was da Fleisch und beinern,
Ich umfang' es, um es zu versteinern!« 53

 

III.
Das Erwachen

        Doch als im Kreis der Falke strich,
Da ward ich müd des nächtigen Frostes,
Und köstlich überkam es mich
Wie Schaum und Kraft des jungen Mostes;
Des Vogels Schwinge stand im Blau
Wie ein verwunschnes Riff im Meere,
Mein Leib am Stein hing fahl und grau
Und schämte sich der Erdenschwere. 54

 

IV.
Sehnsucht

        Zum Falken sprach ich: Meine Seele bettet
In dich sich und das Wunder deiner Schwingen;
Nicht mehr nur Wollen, sondern im Vollbringen
Zerreißt sie kühn die Fessel, die sie kettet.
Enthülle mir die Fülle deiner Reize,
Du Zierlichkeit, du schimmerndes Gefieder!
Tiefdurstig stürze ich in dir mich nieder,
Ein schneller Sieger bei der Reiherbeize! 55

 

V.
Der Flug

        War es nun Traum? Und war es nicht vielmehr
Ein Morgenfest, ein Tanz voll hoher Feier?
Mein Fittich schwoll so warm und lebensschwer,
Und unter mir entflammten Wald und Weiher!
Das Licht entquoll der weißen Bergeswand
Und stand, ein Gott, auf aller Welten Schwelle;
Mir eignete ein Auge voller Brand,
Hinlodernd über Fels und Moor und Welle.
Das Opfer sah ich, das am Wiesenrand
Für meine Göttlichkeit bereitet war
Und stürzte nieder auf den Schilfaltar;
Allein im Sturz traf meuchlerischen Mutes
Mich eines Menschen Kugel in die Kehle,
Und ganz im Schmucke königlichen Blutes
Vertaumelte ich meine Vogelseele. 56

 

VI.
Welle

        Welle bin ich geworden,
Ströme dunklen Gesang,
Töne an steinernen Borden,
Blut der Erde, entlang.

Töne, verströme und sinke,
Wieder den Schwestern gesellt;
Schwelle von neuem und trinke
In mich den Pulsschlag der Welt! 57

 

VII.
Die Genziane

        Nun will ich blühen – sang ich – auf der Wiese,
Die bunt sich bauscht an steinigen Uferbänken,
Steht eine Genziane, und in diese
Will ich die Stachel meiner Seele senken;
Ich will mich tief in ihren Kelch verwühlen
Und ihren Wurzeln meine Säfte schenken . . .
Denn wissen muß ich, wie es ist, zu fühlen,
Wenn Erde speist und Tau und Regen tränken! 58

 

VIII.
Der Blütentod

        Der Blüte Rausch ist schmal wie eine Spalte
Erlechzten Lichtes zwischen Kerkermauern –
Ihr Tag ist es nicht wert, daß man ihn halte,
Noch tiefer laßt mich in das Dunkel schauern! 59

 

IX.
Erkenntnis

        Beibt denn im Wurm, der Staub und Erde frißt,
Bleibt denn im weißen Kleid der Totenmade
Nicht doch die Seele ewig, wie sie ist,
Stets durstig nach der lauteren Sonnengnade?
In blinder Sehnsucht nach dem großen Licht
Dem Dunkel sich in neuer Form entraffend
Und, ständig kreisend in des Daseins Pflicht,
Der Gottheit neue Ewigkeiten schaffend? – 60

 

X.
Wiedergeburt

        Sprich, meine Seele, ist es nun genug?
Und willst du nun ein lichter Bronnen sein?
Sieh, dieser Menschenleib ist wieder dein,
Und dein ist der Gedanken Wanderflug!

Dein ist die Welt! – In deinen Spiegel falle
Geläutert alles, was da Leben heißt,
Und heilig sei die Form dir, die der Geist
Sich auserkor zu seiner Tempelhalle! 61



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