Margarete Beutler
Leb' wohl, Bohème!
Margarete Beutler

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II Streiflichter

Der Abbé Galiani schreibt:

        »Marquise, Ihr habt recht: Ich bin nicht schön,
So Ihr die warmbelebte Bronzeschönheit
Der feinen Knaben Donatellos meint;
Nach diesem häßlichen, verkrümmten Rücken
Wölbt sich in Sehnsucht keine schmale weiße
Verheißende und kundige Frauenhand –
Und darum – sagt Ihr – kann kein Band sich schlingen
Von Euch zu mir. Denn jene einzige Brücke
Von Mensch zu Mensch, auf der Ihr wandeln lerntet
Wie auf dem grünen Sammet Eures Parkes,
Auf der Ihr kühl und sicher wandeln lerntet,
Besteht aus Fleisch, aus jungem straffem Fleisch!
Sie baut sich auf in reifen Mondesnächten,
Wenn Licht und Fülle sich den Lüsten paart,
Und baut sich auf in schwülen Mittagsstunden,
Wenn Eure Taxusbüsche Duft und Würze
Durch alle Adern Eures Parkes hauchen . . .
– Marquise, Ihr spracht wahr: ich bin nicht schön
Und habe drum das holde Recht verwirkt,
Mit Euch auf Eurem Brückenpfad zu wandeln.
Allein, es dünkt mich, meine schöne Dame,
Es sei nicht allzuschwer, ihn zu beschreiten!
Denn sehet nur, auf eben jener Brücke
Tanzt Eure Zofe auch – und selbst das kleine
Verträumte Mädchen, das Ihr nie beachtet,
Wenn es am Flusse Euer Linnen schweift,
Und dem Ihr hoch und stolz vorüberrauscht,
Vermag mit seinen groben braunen Händen
Sie aufzubau'n und wieder einzustürzen. – 20

– Ich aber, den Ihr krumm und häßlich scheltet,
Kann eine andre Brücke für Euch schlagen,
Für Euch allein, die weder Eure Zofe
Noch auch das braune Mädchen je betritt . . .
Marquise, kommt! Mein Lehnstuhl steht bereit,
Gastliche Flammen lodern im Kamin!
Kommt zu mir! Schmiegt Euch fest in meinen Arm,
So seht Ihr meinen armen Rücken nicht,
So seht Ihr nicht die etwas schiefe Nase,
So seht Ihr nicht die eingekniffnen Lippen,
Die ewig lügen, daß sie nicht verstehen,
Wie Frauenlippen zu behandeln sind;
Schmiegt Euch recht fest und tief in meinen Arm
Und schließt die Augen: Und das Fleisch wird Wort!
Das straffe Fleisch, das zu Euch Brücken schlug,
Wird strahlendes und warmes Menschenwort
Und hüllt Euch ein in tausend Zärtlichkeiten,
Von denen Ihr in Euren Seidenbetten
Nur wenige erkannt und durchgekostet.
Ein unerschöpflich Füllhorn tut sich auf
Und Perlenketten, die die Inbrunst schlang,
Und die der Schmerz mit feuchtem Schmelz belehnte,
Umschmeicheln Euren jungen, stolzen Leib . . .
Dann reckt sich an den Ufern jenes dunkeln
Grundlosen Stroms, der die Geschlechter trennt,
Ein goldner Pfeiler nach dem andern auf,
Und edle Steine fügen sich zusammen
Zu prunkenden, erles'nen Mosaïken,
Die schmal und bunt in hochgeschweiften Bogen
In Stromes Mitten ineinander wachsen. – 21

Auf dieser meiner Brücke sollt Ihr schreiten!
Das Fleisch wird Wort, wird starkes Menschenwort
Und trägt empor! Mein strenger Mund kann machen,
Daß Ihr, die Ihr an Glanz und Pracht gewöhnt,
Vor lauter Herrlichkeit geblendet seid
Und zitternd meine Führerhand ergreift,
Weil das Bewußtsein Eurer Höhe Euch
Mit fremdem Schauer schwindelnd überkommt.
– Dann setzet Eure adlig weißen Füße,
Erschaut tief unten Eure kleine Welt
Mit ihren Brücken, die aus Fleisch gebaut,
Mit ihren plumpen, roten Liebestürmen,
Mit ihren Schwüren, die gebrochen werden, –
Und geht, in meinen Freundesarm gelehnt,
Juwelenüberströmt und lichtumrieselt,
In meine Welt, die sich Euch beugen will!
Marquise, kommt! Es dürstet eine Kraft,
Für Euch allein sich selig zu verschwenden!
Mein Lehnstuhl steht bereit! Marquise, kommt! –« 22

 

Der gekränkte Smaragd

          Und vor mir lag ein Meer von edlen Steinen!
Es war der Kunst des Juweliers gelungen,
In seltnem Farbenspiele sie zu einen.

Sein Fenster strahlte in die Dämmerungen
Der Großstadtstraße wie ein hohes Fest.
Von dessen Lust ein trüber Tag durchdrungen.

Und wie euch Männer wohl der Stolz verläßt,
Wenn euch ein Frauenblick gefangen hält,
So daß ihr loszureißen euch vergeßt;

So tauchte meine Seele in die Welt
Geheimnisvoller Leuchtkraft und entschwand
Sich selbst und ward Erdfremdem zugesellt . . .

Doch wie die Augen, in die Glut gebannt,
Die Strahlen wie im Rausche in sich tranken,
Erschien im Fenster plötzlich eine Hand.

Sie stürzte sich in all die Lichtgedanken,
Sie schien ein Ungetüm, ein böses Tier,
Des Beine plump auf samtnen Boden sanken.

Wie Stachel wuchs fuchsrotes Haar auf ihr,
Und gräulich waren ihre dunklen Venen
Gebläht von Eigennutz und niedrer Gier.

Ein Drache war sie in dem Kreis des Schönen,
Ein schmutziges Erlebnis in dem Traum
Von Reinheit und von erdentrücktem Sehnen . . . 23

Noch immer faßt' ich die Erscheinung kaum,
Da war sie dem entsetzten Blick entschwunden,
Und wieder funkelte der Fensterraum.

Doch wo in mattem Thränenglanz sich runden
Die Perlentropfen und die Milchopale,
Da hat ein neuer Stein sich eingefunden;

Und atemlos hör' ich mit einem Male,
Der blitzende Smaragd, der neue Gast,
Spricht laut zu mir und glüht in spitzem Strahle:

»– Ich frage dich, ob du gesehen hast,
Wie jener Drache mit den roten Beinen
Soeben meine Herrlichkeit umfaßt?

Ob du gesehn hast, wie den Brudersteinen
Die Schadenfreude aus den Augen kroch?
Du sahst es wohl, du kannst es nicht verneinen!

Du sahst es, und du duldetest es doch?
Du fühlst wie ich die Schmach, die mir geschehen
Und zauderst, mich zu holen, immer noch?

Du weißt mich in Gewalt des rohen Bösen,
Und deine Dichterhände eilen nicht,
Zu würdigerem Sein mich zu erlösen? –«

– Ich starrte in sein helles grünes Licht
Und schwieg verdutzt und wußte nichts zu sagen.
Er hatte recht! Es wäre meine Pflicht!

Ich könnte ihn auf meinem Herzen tragen
Und seiner Flammenseele anvertrauen,
Was meine ewig wachen Pulse schlagen . . . 24

Allein bin ich denn eine von den Frauen,
Die um das goldne Kalb den Cake-walk tanzen
Und Momus goldene Monumente bauen?

O nein! Ich kann nur blaue Blümchen pflanzen
Und habe höchstens noch den Wunsch, zuzeiten
Mich hinter Lieb' und Narrheit zu verschanzen.

Nichts bringt es ein, den Pegasus zu reiten,
Und keiner würdigen deutschen Redaktion
Darfst du Gelüste beichtend unterbreiten!

Oh, eine Flasche Sekt genügt da schon,
Daß sie dein Honorar dir flink beschneiden;
Ein Dichter – Sekt? So fragt man voller Hohn!

»Drum, herrlicher Smaragd, ich muß es leiden,
Daß du (wie ich) in falschen Händen bist,
Und du wie ich, wir müssen uns bescheiden.

Ihr klaren Steine, wenn ich doch nur wüßt',
Von welchen Wesen euer kühles Feuer
Die letzte reinste Form des Lebens ist!

Wohl kauft sich jegliche Erkenntnis teuer,
Doch sollten Mensch und Stein sich nicht verstehn?
Ich nenn' die Sonne mein, ihr nennt sie euer –

Ich leuchte auch und frage nicht für wen.«
– So sprach ich, und ich dünkte mich sehr weise;
Doch noch im Weiterschreiten konnt' ich sehn;
Es blitzte höhnend rings im Strahlenkreise. 25

 

Künstlerehe

        Der Gott der warmen Herzen trug sie fort
Ins Paradies, jenseits von Ort und Zeit,
Und als er sie verließ, sprach er dies Wort:
»Hier seid ihr gegen jeden Sturm gefeit!
Ich bin nicht wie der neidige Gott der Sage,
Bei mir hier ist euch nichts verboten – seht
Den Lebensbaum, von dem euch ohne Plage,
So viel ihr wollt, stets zur Verfügung steht;
Und vom Erkenntnisbaum nicht erst zu reden!
Das wahre Paradies fängt doch erst an,
Wo auch Erkenntnis nicht entgöttern kann!
Probt Baum an Baum; ich gönn' euch einen jeden.
Genießt bewußt! Sperrt eure Lust nicht ein,
So wird euch alles hier zu Willen sein! –«
– Und damit schied er. Kaum war er gegangen,
So sahen sie von güldnen Früchten sich
Lockend umtanzt und schelmisch überhangen;
Wohin sie griffen, keine Frucht entwich,
Und alle waren voll und schwer zu fassen.
Da schwelgten sie, gleich übermütigen Kindern,
Gleich Schmetterlingen, die im Taumel eins
Und wußten sich vor Fülle nicht zu lassen –
Allein mit einmal, mitten in dem Plündern,
Schaut eines seltsam fremd dem andern nach:
Bist du mein Traumbild, oder bin ich deins?
Wer ist es, der das Schöpferwort hier sprach,
Und wer ist hier als Schöpfung anzusehen?
Denn eine Einheit sind nur diese zwei; 26
Geschöpf und Schöpfer leben wohl gemeinsam,
Allein der Schöpfer selbst ist immer einsam.
– Und an dem breiten Lebensbaum vorbei,
An all den Lüsten, die in Reife stehen,
Vorüber schweift der Blick erwartungsvoll
Nach etwas, das sich offenbaren soll
Und schwebt im Raum, unstet und wandelbar . . .
Und in dem Garten der Behaglichkeiten
Beginnt unhörbar schon das Geierpaar
Der Sehnsucht seine Schwingen zu entbreiten. 27

 

Die Brücke

            Die Brücke wölbte sich in breiter Pracht,
Und unter ihren weiten Bogen rannen
Die nimmermüden Wasser in die Nacht,
Entlang dem Wall der starren Ufertannen.

Am letzten Brückenpfeiler, hoch und weiß,
Im vollen Licht des blanken Mondes standen
Zwei Frauen, deren Stimmen zaghaft leis
Den Weg zu den beglänzten Wellen fanden.

Die Eine sprach: »Als du mich hieltest, hing
Mein Leben nur an eines Haares Breite,
Es war sich selber lästig und gering
Und rief den Tod, auf daß es still entgleite.

Es hatte mich ein Mann so schmerzlich lieb,
Und viele Jahre harrte er geduldig;
Nur seine Seele flehte bang: O gib
Das Kind mir, das wir unsrer Liebe schuldig!

Sieh diesen Schoß! Ich hab' ihn oft verflucht,
Mich wund gegeißelt und die gnadenreichen
Madonnen aller Länder ausgesucht,
Um Gottes harten Willen zu erweichen.

Umsonst – mich schien der Sonne Strahl zu fliehn,
Verschlossen blieb mein magrer Leib dem Leben –
Als du mich fandest, wollt' ich eben ihn
Der stummen Nacht verzweifelnd wiedergeben!« 28

– Die Andre sprach: »Als ich dich rettend hielt,
Da kehrte in die müden, dumpfen Glieder
Der Lebensstrom zurück, so stürmisch wild;
Seit langer Zeit empfand ich selbst mich wieder!

Du jammerst, daß dein Loos so bitter war?
Sieh diesen Leib! – Er hat so oft geboren,
Und ihm ward solches Grauen offenbar,
Daß er die eigne Seele ganz verloren.

Nie durfte er des eignen Seins sich freu'n,
Dem seligen Blühen mußte er entsagen,
Um stets Gefäß für neue Frucht zu sein . . .
Zum zwölften Male sollte er jetzt tragen!

Doch als ich heute ihn im Spiegel sah,
So welk und schlaff, und gelb und mißgestaltet,
Als ich ihn vor mir sah, so spukhaft nah,
In dem einst alle Grazien gewaltet;

Da grauste mir! Mein Blut empörte sich,
Ich schrie voll Scham: ich will nicht mehr gebären!
Ich will dem Leben, das sich kümmerlich
In mir ernährt, mit meinem Leben wehren!

Und meiner Kinder hab' ich nicht gedacht,
Das eine Ziel nur gab mir diese Stunde,
Mich aufzulösen in die tiefe Nacht –
Und ohne dich läg' ich nun schon im Grunde. –«

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   – 29

Ein Morgenstreif! – Betrogen waren zwei
Um ihres Lebens einzige Ekstase,
Und mit dem großen Augenblick vorbei
Schwand auch der Tod als kühlende Oase.

Nun wird er kommen als der Sensenmann,
Der harte Fürst der wesenlosen Zeiten,
Dem niemand den Tribut verweigern kann –
Und Wahn und Schrecken werden ihn begleiten! . . .

Die Brücke stand im letzten Mondlicht stumm,
Zur Erde fiel des Blutes schwere Wage,
Und Hand in Hand versanken wiederum
Die Frauen in das fahle Licht der Tage. 30

 

Das böhmische Tuch

        Es sprach das Tuch, und seine Blumen brannten
In buntem Flor:
»Das war ein Tag, wo wir uns noch nicht kannten;
Die Orgel rauschte, und der Jungfrau'n Chor
Schwoll froh und jubelnd zum Altar empor.

Denn Ostern war es – Frühling ohnegleichen!
Und alle Welt,
Erlöst vom Tod, vom dunklen Kreuzeszeichen,
Das an des Grabes Pforte dumpf zerschellt,
Ward von des Glaubens Fackel mild erhellt.

Am Kirchentor die knospenhelle Linde
Stand stark und breit,
Ich schmiegte um die Brust mich einem Kinde,
Halb Jungfrau schon, des Stimme hoch und weit
In Andacht überquoll und Frömmigkeit.

Doch plötzlich schrie die alte Kirchenpforte,
Und höhnend drang
Ein heißer Strom sündhaft verworrner Worte
Ins Gotteshaus, daß jäh der Orgel Klang
Verstummte und der fromme Sang zersprang:

›Was hältst du, Pfaffe ohne Sünd und Fehle,
Herzloser Greis,
Gefangen meines Mädchens warme Seele?
Sieh her, da singt sie deines Gottes Preis
Und opfert mich! Und das auf dein Geheiß! 31

Was zwingst du sie in kaltem Heiligtume
In deinen Bann?
Für mich allein wächst diese Frühlingsblume!
Wer ist der Gott, der solche Qual ersann?
Er töte mich, damit ich ruhen kann! . . .‹

Ein Schrei erstarb auf rotem Mädchenmunde,
Hin zum Altar
Sprang bleich ein Bursche in die Weihestunde,
Der halb noch Knabe, halb schon Jüngling war;
Und Murren kreiste in der Gläubigen Schar.

Es reckten Fäuste sich, und Stimmen grollten:
O Sünd' und Schmach,
Wenn wir den Frevel nicht vergelten sollten
An dem, der dieses Hauses Frieden brach! –
Und Männer drängten, Frauen drängten nach.

Der greise Priester aber, schlicht erhaben,
Rief: ›Gebt ihn frei!
Legt nicht die Hand an diesen wilden Knaben!
Denn wißt, der Frühling ist in ihm! Es sei
Heut aber Gott und Frühling einerlei!

Pocht hart der Sturm an eure niedern Hütten,
So zürnt ihr nicht;
Ihr wißt, Gott ist im Sturm. Er ist inmitten
Der Frevler auch. Sein Tun ist lauter Licht.
Er strahlt auch auf des Knaben Angesicht.‹ 32

Und weiter sprach der Greis, vom Geist getrieben,
In junger Glut:
›Geschrieben steht, ihr sollt einander lieben!
Gab Gott die Liebe ihm so weh ins Blut,
So hilft er auch. Denn gut ist, was er tut!

Tritt näher, Sohn! Gott gibt durch seinen alten
Diener dir kund:
Er will zu seinem Ruhme dich erhalten;
Er sieht auf deines Wesens tiefsten Grund
Und macht heut deine kranke Kraft gesund!

Tritt näher, Mägdelein! In starken Flammen
Glüht Dir sein Herz.
So geb' ich euch kraft meines Amts zusammen!
Gelob' dich ihm fortan in Freud' und Schmerz
Und führ' du ihn im Glauben himmelwärts!‹ –

Und atemlos verharrte rings die Menge . . .
Der Jüngling lag
Vor dem Altar, und heilige Orgelklänge
Erzählten, was die Liebe nur vermag,
Und rauschten selig in den Ostertag –«

So sprach das Tuch, das ich vor langen Jahren
Im Böhmer Land,
Als ich noch wenig Lieb' und Leid erfahren,
Und all mein Tag in lauter Knospen stand,
In einer morschen Bauerntruhe fand. 33

 

Clément Marot an sich selbst

(Aus der Sammlung Erotische Epigramme von Clément Marot)

        Ich bin nicht mehr, der ich gewesen
Und werd' es nimmer wieder sein;
Mein Sommer ohne Federlesen
Sprang meinem Frühling hinterdrein.
Eins aber weiß ich: Du allein,
O Liebe, hast mir Glück gegeben!
Und lebt' ich noch einmal dies Leben,
Es wär' noch schrankenloser Dein! 34

 

Volkslied

(aus Molière: Misanthrope)

        Und gäb' mir der König Paris,
Paris, seine goldene Stadt,
Und wollt', daß ich jene verstieß',
Die mein Herz in den Händen hat;
Ich spräch: »König Heinrich, nimm hin,
Nimm hin deine goldene Stadt,
Weil ich selig bei der lieber bin,
Die mein Herz in den Händen hat!«
O du Liebe, du Meine du! 35

 

Lüttj Ding

(nach einem alten Volksliede)

        Lüttj Ding will heiraten,
Hat niemand, der ihr kann beiraten,
Hat niemand, der ihr kann abraten,
Lüttj Ding will nicht mehr zuwarten.
Lüttj Ding sagt: Hohe Zeit,
Hohe Zeit, hohe Zeit,
Lüttj Ding muß heiraten!

Lüttj Ding will ein Kind kriegen,
Hat niemand, der es will einwiegen,
Hat niemand, der ihm will Brei kochen,
Und der Mann hat das Schwein stochen,
Und der Mann sagt: Ist hohe Zeit,
Hohe Zeit, hohe Zeit,
Ich muß ins Wirtshaus!

Lüttj Ding will sich tothärmen,
Hat niemand, der sie will anwärmen,
Hat niemand, der sie will liebhaben,
Und der Mann schläft bei der Wirtin.
Lüttj Ding sagt: Hohe Zeit,
Hohe Zeit, hohe Zeit,
Tod muß mich holen! 36

Lüttj Ding will wegsterben,
Tod sagt: Wer soll's Kind erben?
Lüttj Ding sagt: Nimm du's mit!
Tod sagt: Das tu ich!
Lüttj Ding lacht: 's ist hohe Zeit,
Hohe Zeit, hohe Zeit,
Lüttj Ding hat Ruhe! 37

 

Gespräch

              Eine Welle beichtet dem grauen Strand:
»Heut hab' ich ein Kind überrannt!

Sorglos schlief es auf schimmerndem Stein,
Ich nahm es ins ewige Meer mit hinein!« –

Und der verwitterte Strand, der lacht:
»Was ihr Wellen auch immer für Dummheiten macht!« –

Da raschelt ein Boot: »Daß ich's nur berichte,
Ich habe auch schon meine Geschichte.

Ich hab' sie nur immer für mich behalten,
Denn traue einer dem Strand, dem alten!

Ein junges Paar hab' ich neulich getragen,
Und hübsch zur Zeit bin ich umgeschlagen.

Grad, als sie sich küßten, das könnt ihr euch denken,
Da mußte die Flut mir die beiden versenken!«

Der Strand brummt: »Es waren zwei schöne Leute,
Ich sah die Leichen – genug für heute!« – 38

 

Das rote Licht

        Und schleicht in das Dörfchen die Nacht sich hinein,
Dann werden die Hütten so runzlich und klein,
Dann spricht alles Blut vom Tage sich los
Und sinkt dem Schlaf in den bleiernen Schoß,
Dem Schlaf in den bleiernen Schoß.

Nur draußen, im letzten steinernen Haus,
Da reckt jeden Abend ein Arm sich heraus,
Eine Hand, die das Fenster kaum halten kann,
Die zündet zitternd ein Lichtlein an,
Eine blutrote kleine Laterne an.

Und siehe, dann regt es sich weit und breit
Und schwimmt durch die schweigende Dunkelheit;
Es springen und flimmern vom dunstigen Tal
Wohl hundert Funken und mehr auf einmal,
Wohl hundert und mehr auf ein einziges Mal!

Und die winzigen Flammen geben nicht Ruh',
Sie steuern der roten Laterne zu
Und umtanzen am Kreuzweg voller Hohn
St. Veit, den hölzernen Dorfpatron,
Den stillen, hölzernen Dorfpatron.

Wie blutige Tropfen sind sie zu schau'n,
Bald hangen sie züngelnd am Gartenzaun
Und wispern hinauf in das steinerne Haus:
Du löschtest uns aus, du löschtest uns aus!
Weh uns, was löschtest du uns denn aus? 39

Dann starrt ein verwitterter Kopf in die Nacht,
Ein Fenster wird klirrend zugemacht,
Eine fleischlose Hand schlägt schnell ein Kreuz:
Im Namen der Jungfrau und St. Veits!
Im Namen der Jungfrau und St. Veits!

Und alle die Flämmchen sind jählings gebannt,
In Ruhe und Dunkel liegt wieder das Land;
Im Tann nur vielleicht eine Stimme spricht:
»O sieh nur! Wie herrlich! Das rote Licht,
Da zwischen den Bäumen das blutrote Licht!«

Und eine dunklere sagt: »Ei was,
Komm fort! Man munkelt so dies und das!
Dort ist's nicht geheuer, komm schnell nur fort,
Da wohnt die Wehemutter vom Ort,
Die uralte Wehemutter vom Ort! –« 40

 

Die Puppe

        Liebe Puppe,
Wohlfrisierte kleine Puppe,
Wie hast du es leicht!
Du wendest das Köpfchen
Nach rechts und nach links,
Du lächelst, du schmollst,
Du weinst, du lächelst,
Und wenn man dich aufzieht
Am Knopf des Gefühlchens,
Des einzigen kleinen
Dir eignen Gefühlchens:
Der Liebe zu dir,
Zu dir, kleine Puppe,
So tänzelst du zierlich
Und neigst dich dankend
Dem Schwarm deiner Freunde,
Und äugst unter seidnen
Gebogenen Wimpern,
Ob du ihn nicht siehst,
Den schmerzlich ersehnten,
Ergebenen Diener,
Der an dem Knöpfchen
Des einen Gefühlchens
Dich liebevoll aufzieht
Bis an dein Ende,
Dein Puppenende . . . . 41
Wir aber, entartet
Und vielfach geschmäht,
Wir andern, wir Ernsten,
Wir Dunklen, wir Schweren,
Wir Trägerinnen
Geheimen Wissen
Wir Deuterinnen
Uralter Runen,
Wir keuchen und brechen
Fast unter der Last
Des gnädigen Schicksals,
Das sie uns gab,
Unsre sehende Seele,
Von der du nichts weißt. –
O liebe Puppe,
Wohlfrisierte kleine Puppe,
Wie hast du es leicht! 42

 

Erwartung

        Der Samowar summt in der kleinen Stube,
Und Frauenwort schwingt sanft durch schlichten Raum:
»Ach du – ich glaube doch, es wird ein Bube!« –
– Und aus dem Worte blüht ein Zukunftstraum.

Und sieh! Mit leisem, fröhlichem Gelächter
Ziehn vor dem engverschlungnen Menschenpaar
Wie Schatten ferner, glücklicher Geschlechter
Singende Wolken aus dem Samowar. 43

 

Wandlungen

        Wenn um dich her die fahle Gasse schweigt,
Der Tag vor dir sein Haupt zur Erde neigt
Und die Gedanken schlummern mit der Lust,
Dann kommt im Grau, dir selber unbewußt,
Der Augenblick, wo alles bildhaft wird,
Wo du im Garten deines Selbst verirrt
Und von dir selber los und unbeschützt
Wie aus dem Rahmen einer Leinwand trittst.

Du gehst, und eine andre Zeit ist da,
Ein fremder Markt, den nie dein Auge sah,
Von fremdem Geist ist alle Form erfüllt,
In fremde Tracht ist alles Volk gehüllt;
Du selbst hast fremden, feierlichen Gang . . .
Da weckt dich einer groben Glocke Klang –
Still deckt die Nacht die letzten Farben zu,
Der Vorhang sinkt – und du wirst wieder du! 44

 

»Denken, was ist und sein, dies beides ist ein und dasselbe«

(Parmenides)

            Wie die wilden Rosse jagen,
Meiner Pulse wilde Rosse,
Die die dunklen Wünsche tragen!
Und die dunklen Reiter fragen:
Wo bleibt unsrer Lust Genosse?

Aber aus vergilbten Blättern
Eherner verbriefter Zeiten
Fangen riesenhafte Lettern
An, mir in das Hirn zu klettern
Und sich darin auszubreiten.

Staunend sehen meine Reiter
Die geharnischten Kolosse
Hoch auf der Gedankenleiter,
Und die lassen nun nicht weiter
Selbst die Kühnsten von dem Trosse . . .

Endlich klärt sich das Gewühle:
Geist und Blut hat sich verständigt;
O, wie wohl das tut! Ich fühle,
Priesterweisheit, alte, kühle,
Hat das tolle Volk gebändigt! 45

 

Schatten

        Hüte dich, wider den Tag
Die suchende Seele zu kehren,
Weil es geschehen mag,
Daß sich die Schatten empören.

All dein Dunkles gewinnt
Form und Leben in ihnen,
Deine Geheimnisse sind
Dann nicht mehr treu, dir zu dienen;

Deine Geheimnisse steh'n
Gegen dich, reisige Recken,
Und dann kann es gescheh'n,
Daß ihre Schilde dich decken. 46

 

Das heilige Schweigen

        Nacht und Schweigen! Töchter der unbekannten
Gleichen Mutter! Ewig verknüpft, doch seltsam
Fremd der Menschheit bleibt das Geheimnis eures
                  Wesens und Ursprungs.

Doch wir fühlen, schauernd den Dunkelheiten
Hingegeben, wehrlos in ihnen ruhend,
Fühlen staunend: In euer beider Schoße
                  Sammelt sich Leben.

Wenn ich wandle, unter mir stille Gründe,
Vor mir Felsen, dürftiges Kraut zur Seite,
Schweigen rings – dann drängen sich kühn ins Dasein
                  Tausend Gedanken.

Kranken Seelen, die da verschmachten, aber
Naht die Nacht sich, bricht ihnen sanft und siegreich
Frucht vom vollen Baume des Lebens, heilt und
                  Löst sie vom Tode. 47

 

Auf der Auer Dult

        Zwischen lauter bunten Dingen,
Trödlerkram und Putz und Tand,
Tempelleuchtern, Ketten, Ringen,
Humpen und Toleder Klingen
Träumt ein grauer Bücherstand.

Nun, er ist nicht überlaufen!
Nur ein bleicher junger Mann
Wühlt in dem verstaubten Haufen,
Um für wenig Geld zu kaufen,
Was er nachts verschlingen kann.

Doch sieh da! Wieviel Kollegen
Von der gleichen Fakultät,
Deren Ruhm gewohnheitswegen
Stets wir zu verkünden pflegen,
Find' ich in dem Bücherbeet.

– Dein gedenk' ich, Wilhelm Raabe!
Mancher Schelm und mancher Lump,
Doch auch mancher feine Knabe,
Manche goldne Dichtergabe
Fault hier auf dem »Schüdderump«. 48

 

Besuch

            An mein Fenster pocht es sacht,
Pocht und schlägt mit dunklen Flügeln;
Veilchenfarben fließt die Nacht
Von den herben Heidehügeln.

»Wer ist's,« frag' ich wartestill,
»Der in dieser Zwitterstunde
Bei mir Einlaß haben will?«
Und es raunt mit breitem Munde:

»Tue auf, ich bin die Zeit,
Bin die alte graue Motte,
Die durch alle Ewigkeit
Völker frißt samt ihrem Gotte.

Tue auf und sieh mich an!
Zart bin ich und kaum zu fassen,
Doch mein Zahn, mein scharfer, kann
Alles um dich modern lassen.

Ob auch du dich fest verschanzt
Hinter deinem Weisheitswalle:
Wie ich pfeife, also tanz'st
Du, und also tanzt ihr alle!«

– Draußen überschwemmt die Nacht
All die kleinen Heidehügel.
Vor den Fenstern rauscht es sacht,
Rauscht und schlägt mit grauem Flügel . . . 49



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