Richard Arnold Bermann
Die Derwischtrommel
Richard Arnold Bermann

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Das Joch

Einmal um die Stunde des Mittaggebetes – das weiß gekalkte Minarett bohrt sich lanzengerade in einen vor Hitze flimmernden Himmel und wirft keinen Schatten auf die glühende Erde – ist ein Menschengewimmel um die Moschee, mehr als sonst, man wartet auf einen Festzug, der aus dem Hause Allahs kommen wird.

*

Es gibt in diesen Tagen einen Streit in dem Viertel um die Moschee, ein Ärgernis, wie es die Frommen lieben.

Ein junger Derwisch, Mohammed Achmed, Sohn des Abdallah, hat sich offen gegen seinen Meister aufgelehnt, den großen Ordensscheich Mohammed Scherif!

Mohammed Scherif, aus einem hochheiligen Hause, steht jetzt an der Spitze des großen Derwischordens, der »Sammanîjja Tarîka« heißt: »Der Pfad zu Gott, so wie ihn der Heilige Es Sammân gewiesen hat.« Mohammed Scherif, dessen Ahnen schon den Gebetteppich der Sammanîjja in großen Ehren verwaltet haben, ist ein Mann von großer Heiligkeit. Nach ihm wird sein junger Sohn den Gebetteppich erben und die mystischen Gaben des Scheichtums. Der Knabe wächst heran, das Fest seiner Beschneidung soll vollzogen werden, und der glückliche Vater, Scheich Mohammed Scherif, hat schon lange vorher die Ordensmitglieder zur Stadt entboten: sie kommen aus den fernsten Provinzen, die sie sonst mit Bettelschale und Stab durchwandern. An dem festlichen Tag, hat der Scheich verkünden lassen, wird auch den Frömmsten, den Strengsten vielerlei Freude gestattet sein: Musik und Gesänge, reichliche Speise; selbst die Schauspiele weltlicher Lust sollen nicht ganz verpönt sein, die Tänze der Tanzmädchen und der geschmückten Knaben.

*

Die Menge um die Moschee, die jetzt in der dumpfen Hitze auf den Festzug wartet, spricht mit großer Lust, wen freute so etwas nicht, von dem Ärgernis, das gefolgt ist: Vor ganz Khartum, vor der feierlichen Versammlung der Fikihs und Derwische, hat der bevorzugte Lieblingsschüler des Ordensscheichs ihm, dem Heiligen, laut widersprochen: Was Allah verboten habe, Schwelgerei und weltliche Freuden, könne selbst der Scheich der Sammanîjja niemals gestatten!

Der Scheich Mohammed Scherif, maßlos erzürnt, hat den verwegenen jungen Eiferer darauf einen Verräter genannt, einen Eidbrüchigen. Er hat ihn aus dem Orden gestoßen, als einen, der das große Gelübde des Gehorsams verletzt hat.

– Ja, Mohammed Achmed heißt der junge Mensch, erklären in der wartenden Menge die mit dem Moscheeklatsch vertrauten Stadtleute einigen Fremden, Reisenden aus der Wüste. Mohammed Achmed, Sohn des Abdallah. Er stammt aus Dongola.

*

Bald wird der Festzug kommen. Man erwartet besonderen Glanz, ein großes Schauspiel. Jene Beduinen aus der östlichen Wüste drängen sich näher ans Moscheetor; da stehen sie, auf ihre großen Lanzen gestützt, während der Talg ihnen aus den kunstvoll in Strähne geklebten Haaren tropft.

Der Zug naht. Als erster kommt der Barbier aus der Moschee, der die Beschneidung des Knaben vollziehen wird. Sein Sklave, ein riesiger Kordofanneger, fast nackt und schwarz wie eine mondlose Nacht, trägt das Zunftzeichen des Barbiers, das »Heml« genannte Gestell, eine Art Schrank, auf Stuhlbeinen ruhend und ganz mit Spiegeln und Messingzierat bedeckt, in dem die Sonne funkelt. Der schwarze Riese hat sich das mannshohe Zeichen über den Wollkopf gestülpt, daß hoch in der Luft die Spiegel und blanken Beschläge blitzen. Der Meister Barbier, ein Nubier aus Dongola, hellbraun und fettig, senkt den Turbankopf fromm auf die Brust; man erkennt seine Wichtigkeit. Um ihn sind die Musikanten: Männer mit Pauken und andere, die Blasinstrumente tragen. Jetzt schweigt die Musik, weil ein großer Haufen von Fikihs, das sind Lehrer und Rezitatoren des heiligen Buchs, hinter dem Barbierpalladium ordnungslos schreitend, ein Lied psalmodieren, zum Lob des Propheten Mohammed. Jetzt kommen die Knaben aus der Koranschule, stramm in Viererreihen, Mitschüler und Freunde des Knaben, dessen Ehrentag dieses ist. Sonderbar sauber sind diese schwärzlichen Jungen und bestens herausstaffiert mit neuen Hemden und Käppchen. Auch sie singen mit in einem großen Tumult:

»Segne, o Herr, das durchdringende Licht. Erwählt unter allen Aposteln das hohe Haupt! – Über den Lichtern bist du das hohe Licht!« –

»O Mohammed«, singt der Chorus nach. »Du bist die Sonne. Du bist das Licht. Du bist der Mond. O Mohammed, o du mein Freund! O du mit den schwärzen Augen, Mohammed!«

»O Nächte der Freude!« singt, schrill und ganz allein, ein kleiner rabenschwarzer Junge, steif in dem ausgeborgten, zu langen Kaftan des Festtages. Er ist der Arif, das ist der Erste der Koranschule, und voll von Würde. Seine hohe Stimme übertönt allen Lärm, auch den der Trommeln, die jetzt wieder dröhnen:

»O Nächte der Freude! O Nächte der Freude! Freude und jeglicher Wunsch, unter versammelten Freunden!«

Man hört die Trommeln des Festzugs im Inneren eines kleinen Lehmwürfelhauses. Hier hocken zwei Männer nah beieinander, seltsam beschäftigt: der eine legt dem anderen die Schêba an, das Joch, an das widerspenstige Sklaven gefesselt werden.

Der junge Mensch, der ins Joch geschnürt wird, ist ein Hagerer, in einer Derwischkutte aus rauhem Fries, mit einem Gürtel und einem Schädelkäppchen aus Palmstroh. Er hat ein Muttermal im dunklen Gesicht und drei Narbenzeichen von parallelen Schnitten, wie sie bei manchen Stämmen gebräuchlich sind. Dieses Gesicht, umrahmt von einem tiefschwarzen Bart, trägt ein ganz besonderes Lächeln, immer ein Lächeln, auch jetzt, während der Mann so qualvoll gefesselt wird.

Dieser junge Derwisch ist Mohammed Achmed aus Dongola, derjenige Jünger, der dem Scheich der Sammanîjja getrotzt hat und den er in den Bann tat. Er läßt sich von dem Verwandten, in dessen Hause er hier ist, das schreckliche Joch auferlegen, zum Zeichen der Reue und Buße.

*

Die Schêba, das mörderische Marterholz, an das der arabische Sklaventreiber auf den endlosen Wüstenmärschen die Neger bindet, die fliehen möchten. Man flieht nicht, wenn man die Schêba trägt. Aber viele sterben, von der Schêba elend erwürgt.

Eine schwere Gabel, aus einem großen Baumast geschnitten, wird so auf die Gurgel gesetzt, daß der Adamsapfel des Sklaven in den engen Winkel gepreßt wird. Die beiden Enden der Gabelzinken werden hinter dem Nacken mit Riemen zusammengebunden. Nun wird der lange Stiel der Gabel gehoben, bis er den ausgestreckten rechten Arm des Züchtlings berührt. Zögernd und fast unter Tränen vollzieht der Vetter (der ein dicker, älterer Mann ist, ein wohlbehäbiger Vermieter von Kamelen, mit einem stattlichen Turban über dem schwarzbraunen Pockengesicht) den letzten Handgriff, der erst die Tortur der Schêba vollendet. Mohammed Achmeds entblößter rechter Arm – ein starker, muskelstrotzender Zimmermannsarm – wird mit Riemen aus frischer Gazellenhaut an den Ast geschnürt. Der Riemen wird trocken und schrumpfen und wird dann das Fleisch des Armes grausam zerschneiden. Aber das Ärgste: der Gefesselte, der die Schêba am Halse trägt, kann den an das Holz geschnürten Arm niemals sinken lassen, nicht einen Augenblick lang, sonst drückt ihm die hölzerne Gabel die Gurgel ein.

*

Der Vetter zittert selber am ganzen Leibe. Er weiß mit den heiligen Sachen nicht so Bescheid, er ist im Koran und den Traditionen nicht so erfahren wie Abdallahs Sohn, Mohammed Achmed, auf dessen Heiligkeit er doch ein wenig stolz ist – aber geziemt es sich, daß einer aus dem Blut des Propheten (auf dem der Segen sei und das Gebet!), daß er, sei es freiwillig und zur frommen Buße, das Joch der heidnischen Negertiere auf seinen Nacken lade? Denn, sagt der Vetter, es ist fast gewiß, daß unser Geschlecht vom Propheten stammt, durch Fatima und ihren Gatten Ali! Wir haben ein Recht auf den Titel »Sajjid«!

Während der Vetter das sagt und dabei den Riemen um den Arm des jungen Derwisches wickelt, fühlt er im Sprechen das Überlegensein wachsen, das ihm sein vieles Fleisch gibt, das höhere Alter, seine Stellung als Herr dieses Hauses.

Er fällt aus dem Arabischen in den uralten nubischen Dialekt von Dongola, der den beiden die eigentliche Muttersprache ist: »Bedenke, Sohn des Sajjids Abdallah« – – »Aus Liebe warne ich dich; waren nicht unsere Väter wie Brüder?« – »Auch ein starker Esel, bedenke, erliegt zu kräftigen Prügeln.«

Plötzlich hält er inne. Der junge Derwisch, mit dem Joch bereits um die Gurgel, dem Marterholz am gereckten Arm, hat eine Litanei zu singen begonnen, die niemand unterbrechen darf, die Folge der neunundneunzig »Schönen Namen«, nein Eigenschaften des Einen und Einzigen: Allah.

*

Das bartumrahmte Gesicht Mohammed Achmeds lächelt glatt, niemand sieht ihm die Qual an, die er schon zu leiden begonnen hat nach seinem Büßerwillen. Die großen Augen sind halb geschlossen. Die Lippen, voll zwar, aber nicht negerisch, lassen die herrlichen Zähne sehen und eine seltsame Lücke, die mitten dazwischen ist, wie der lateinische Buchstabe V geformt, ein Zeichen von großer geheimnisvoller Bedeutsamkeit. Wer weiß, ob das ewige Lächeln dieses starken Mundes nicht stets dieses Zeichen enthüllen will?

Mohammed Achmed hat den heiligen Singsang angestimmt, mit dem sich die Derwische bis zum äußersten Taumel verzücken. Rasch rezitiert er und endlos immer wieder die Schönen Namen, die hohen Eigenschaften, im Arabisch des heiligen Buches:

»Er Rachmân, er Rachîm, el Kerîm, el Halîm, el Bassîr, es Semia, el Qader, el Ghâfir, el Hamîd, el Medschîd, er Raschîd, el Quejjûm – –«

»Der Erbarmer!« singt der Mann im Joch.

»Der Allerbarmende.«

»Der Allgnädige.«

»Der Allsanftmütige.«

»Der Allsehende.«

»Der Allhörende.«

»Der Allmächtige.«

»Der Allrächende.«

»Der Verzeihende.«

»Der Allobenswürdige.«

»Der Ruhmeswerte.«

»Der Allgerade.«

»Der Unwandelbare – –«

Ein entsetzliches Gurgeln unterbricht die Litanei. Der junge Büßer, noch unerfahren im Tragen des würgenden Joches, hat den müden Arm nur ganz wenig gesenkt; jetzt meint er, er müsse ersticken.

*

Der Festzug geht durch die engen Gassen der Stadt auf das Haus des Scheichs zu. Überall stehen die afrikanischen Menschen, aus dunklen Gesichtern mit weißen Gebissen lachend und ganz vergnügt; die Quasten der Tarbschmützen pendeln im Tanz der Musik. Kindlich erfreut sich die Menge an dem Trommellärm, an den wehenden Bannern, an den Wohlgerüchen von Weihrauch und Aloe, Benzoe und Sandelholz, die an den Seiten des Zuges aus silbernen Kesseln dampfen. Knaben schwingen die Rauchgefäße an langen Ketten; das Klirren des Silbers mischt sich in die Musik. Andere Knaben, im Zuge schreitend, spritzen aus silbernen Flaschen Rosenöl auf die Kleider der Leute oder lassen Essenz aus Orangenblüten über die Burnusse rieseln. Negersklaven tragen gewaltige Silbergefäße, in denen heißer Kaffee ist, der gute, der abessinische, mit Honig gesüßt und mit dem kostbarsten Amber gewürzt, o Genuß, o Glückseligkeit! Immer wieder nimmt ein gefälliger Mundschenk die prächtigen Täßchen aus Silbergeflecht und Porzellan von dem großen Tablett und füllt sie für den oder jenen aus der Zuschauermenge, angesehene Männer, die einen Backschisch dafür geben. Niemand weigert sich, alle Gesichter lächeln. Würde verschwindet von gravitätischen Stirnen. Der Marschtakt der Pauken packt alle, alle sind froh, und am Ende des Zuges kreischen verhüllte Frauen in hellem Jubel.

*

Nur der Muttáhir vielleicht ist ein bißchen mißgestimmt, so nennt man den kleinen Helden des Beschneidungsfestes. Man hat den zehnjährigen Knaben, der mager und gelb ist, seltsam ausstaffiert und auf einen Esel gesetzt; zwei seiner kleinen Schulgefährten schreiten rechts und links, mit den Zügeln in ihren Händen. Ein dritter Freund aus der Schule geht wie ein Herold vor dem Esel einher. Ihm hat man die Schreibtafel des Muttáhir um den Hals gehängt; sie ist von oben bis unten bemalt mit schöngeschwungenen Schriftzügen, frommen Versen, die der Lehrer der Koranschule sorgsam geschrieben hat, als ein Muster seiner großen Gelehrsamkeit.

Der kleine Junge, der zur Beschneidung geht, sitzt auf dem Esel ein wenig ängstlich und doch sehr stolz. Man hat ihm auf seinen kleinen gelblichschwärzlichen Kopf einen großen knallroten Turban gesetzt, einen mannhaften, sonst aber ist er mit tiefer Absicht ganz wie ein kleines Mädchen geschmückt und gekleidet. Das muß sein, wegen des Bösen Blicks, der sicherlich auf dem Wege lauert. Der Böse Blick wird den weibischen Staat sehen, und das Erstaunen darüber wird die Zauberkraft des lauernden Auges brechen, sicherlich trifft da der Blick das Antlitz des Knaben gar nicht. Auch ist es hinter einem gestickten Taschentuch verborgen, das er die ganze Zeit durch fest an die Wangen preßt; ferner geht, damit kein Gegenmittel gegen den Zauber fehle, die Mutter des Knaben hart hinter dem Esel, tief verschleiert und mit einem großen Klirren von Knöchelringen, – und streut aus einem silbernen Löffel Salz in die Spuren der Eselshufe im Staub.

Wie sie so geht, Salz streuend und alles Übel bannend, stößt die verschleierte Hauptfrau des heiligen Scheichs fortwährend schrille Schreie aus, immer die gleiche spitzige Note, und hinter ihr gehen, formlos in ihren Hüllen, die anderen Weiber des Harems und die Frauen aller Verwandten, eine jede juchzend:

»O Nächte der Freude! – Und jeglicher Wunsch! O Mohammed, du mein Freund!«

*

Genau in der Mitte des Festzugs ist wie eine wandelnde Insel lauter Würde und Ernst und ein gänzlich anderer Rhythmus gemurmelter Litaneien, in einer abgeschlossenen Gruppe von Derwischen. Der große Scheich et-Tarîkat, Mohammed Scherif, reitet auf einem schönen arabischen Pferd, mitten unter Schülern und Jüngern des Sammanîjjaordens, von denen viele Flaggen wehen lassen, mit frommen Sprüchen darauf, und andere einförmig rezitieren. Mohammed Scherif, unbewegt und wie erstarrt in ernster Bedeutung, reitet drein, sieht nicht nach rechts oder links. Er ist schon ein alternder Mann, sein langer Bart ist ganz grau. Er trägt einen sehr langen Kaftan und tiefrote, spitze Pantoffeln. Zum Zeichen der größten Hochwürdigkeit ist sein weiter Turban von grünem Stoff. Die Menschen am Wege drängen hinzu, um den Fuß des heiligen Mannes zu küssen oder den Saum seines Kleides.

*

Im Hause des Scheichs sind die Vorbereitungen längst vollendet. Laternen und Lämpchen schmücken den großen Hof, wo die Ruhelager und Ehrensitze bereit sind, mit Brokaten und Teppichen überdeckt. Rosenscherbet ist vorbereitet, Scherbet aus Süßholz und aus Sauerampfer; ganze Hammel, gefüllt mit Gewürzen und großen Rosinen, warten auf dunkle Finger, die sie zerreißen werden; die Brotfladen aus Durrhateig werden gebacken, die Tänzerinnen legen ihren Schmuck an, die Schminke; der Hanswurst Karagösch ist in seinen bunten Lumpen zum Auftreten fertig, die Rohrflöten liegen bereit, die Tamburine und die Kürbistrommeln der südlichen Neger. Es ist alles geordnet, und die schwarzen Diener des Hauses, in festlichen weißen Gewändern und neuen Käppchen, warten erregt und vergnügt vor der äußeren Mauer, die das Gefüge von niederen Würfelbauten umgibt, das Heim des heiligen Scheichs. Schon hört man von fern die Trommeln des Zuges, und von allen Seiten rennen Leute herzu, um ihn kommen zu sehen. Da entsteht ein Aufsehen; die Menge weicht erschreckt einem hageren Menschen, der plötzlich da ist, man weiß nicht woher und wieso: er trägt ein riesiges Sklavenjoch, seine langen Haare, die kein Turban bedeckt, und der Bart, die mächtigen Schultern sind ganz mit Asche bestreut. Er geht langsam durch die Menschenmenge und seltsam starr, vielleicht, weil das Joch ihn zwingt, oder auch um nicht die Asche von seinem Haar zu verlieren. Man macht ihm Platz; am Tor der Umfassungsmauer hockt er zu Boden. Er versucht dabei nicht, das Joch an die Mauer zu stützen; er liegt vornübergebeugt auf seinen mageren Beinen, die er unter sich zieht, und trägt den ans Holz gefesselten Arm wie in einem Starrkrampf von sich gestreckt. Die gefolterte Hand, in deren Gelenk die Riemen schneiden, hält zwischen den blutleeren Fingern einen Rosenkranz mit groben hölzernen Kugeln. Die Lippen des Büßers murmeln die endlose Litanei, Allahs neunundneunzig Eigenschaften und immer wieder die neunundneunzig. Und diese Lippen lächeln, immer lächeln sie.

Der Schatten des Mannes im Joch, scharf abgezeichnet auf der langen Mauer, gleicht dem Schatten eines Gekreuzigten.

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Die Diener des Hauses haben den Menschen sogleich erkannt; sofort weiß die ganze Zuschauermenge, daß das der Verwegene ist, der Schüler, der Dongolawi, der dem Scheich widersprochen hat und der fortgejagt wurde. Ah, so bereut er nun! Legt sich vor der Schwelle des Meisters hin in den Staub!

Ein erregtes Gerede entsteht rings um den jungen Menschen im Joch. Seltsam ist es, daß den Gedemütigten nicht einer zu höhnen anfängt, daß niemand Kot zu schleudern beginnt, daß kaum ein einziges breites Negermaul grinst. Sie sehen ihn nur alle voll Scheu und Bestürzung an, wie er daliegt. Irgendein starker Einfluß geht von dem Menschen aus, ein unbestimmbarer Zauber; vielleicht ist es das ewige Lächeln. Ein Sklavenweib von den Dinka, mit einem Elfenbeinstachel in ihrer Oberlippe, tritt nahe, ganz nahe an ihn heran. Ihre rechte Hand hält ein nacktes Kind fest, das in sonderbarer Stellung auf ihrer Hüfte reitet. Der linke Arm, mit vielen kupfernen Ringen geschmückt, hängt lang hinab, so daß die Hand beinahe den Kopf des Derwisches berührt. Die schwarze Frau atmet tief und verzückt, als schnupperte sie einen berauschenden Duft.

Nun hört man deutlich die Pauken und Flöten.

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Der festliche Zug verliert in der Nähe des Hauses seine Ordnung und Feierlichkeit. Die lebhafte Gruppe der Knaben bricht aus der Reihe; sie drängen sich zum Tor. Jetzt kommt ein großer Spaß, das übliche Lied auf den Lehrer. So aufgeregt sind die Jungen, daß sie den Büßer kaum recht bemerken, den Mann mit dem Joch.

Der »Arif«, der Erste der Koranschule, singt die Knittelverse vor, die anderen wiederholen:

»Gepriesen sei Allah, der Schöpfer der Welt – der Einzige, der alles durchdringt und erhält. – ER kennt das Gestern und kennt das Morgen – ER weiß, was alles im Dunkel verborgen. – Die schwarze Ameise sieht ER laufen – ihr Werk verfolgt ER in ihrem dunklen Haufen. – Des Himmels Wölbung hat ER errichtet –über des Ozeans Salzflut die Erde geschichtet –«

Alle singen nach, im Takt. Jetzt wird der Rhythmus schneller, lustiger:

»Diesem Knaben gebe ER Leben und Glück, – den Koran zu lesen mit Fleiß und Geschick; – den Koran und der Geschichtsbücher Seiten, – Berichte aus alten und neueren Zeiten. – Denn dieser Knabe kann schreiben und lesen – im Rechnen ist er faul nicht gewesen – –«

Jetzt fangen die flinken kleinen schwarzbraunen Jungen laut zu schreien an und tanzen um den Fikih, ihren Schullehrer, der mitten unter ihnen steht, in einem dunklen Kaftan mit langen Ärmeln. Er gibt ihnen ein Zeichen, daß sie innehalten: der Scheich Mohammed Scherif steigt eben vom Pferde, was jetzt kommt, ist für ihn bestimmt, der Fikih hat diese Strophen gut mit den Kindern eingeübt, sie sind sehr wichtig:

»Drum werde von seinem Vater gezollt – eine gute Belohnung in Silber und Gold. – Für mein Wissen, Vater, zahlest du dies – Gott gibt einen Platz dir im Paradies – –«

Jetzt bricht der Jubel vollends los:

»Unser Lehrer, der Fikih, hat das Alphabet uns gelehrt, – mit jedem Lobe werde dafür er geehrt. – Unser Fikih hält bei der Sure › Die Kunde‹ – sein Lob sei dafür in jedermanns Munde. – Unser Fikih erklärt schon die Sure › Das Reich‹ – der beste Segen vergelt' es ihm gleich. – Unser Fikih gelangt zum Kapitel › Die Kuh‹ – geehrt sei er heute und immerzu. Unser Fikih – –«

Der Singsang der Knaben bricht unvermittelt ab, erstickt im Gemurmel.

*

Der Scheich Mohammed Scherif ist ganz nahe herangekommen und hat den im Staube liegenden Büßer bemerkt. Er hebt mit einer gebietenden Geste die Hand.

Es tritt eine schwere Stille ein. Die Sonne brennt. Ein Falke zieht Kreise hoch in der Luft über Khartum.

*

Hat der verzweifelte junge Büßer Worte der Reue gemurmelt, hat er um Verzeihung gebeten, seinen Irrtum bekannt, die Sünde der Ketzerei? Man hört nichts. Man hört erst wieder die Antwort des heiligen Scheichs. Seine Stimme ist schrill vor Zorn, seine Augen unter dem grünen Turban sind rot vor Glut.

»Elender Dongolawi!« schreit er, maßlos.

»Ein Verräter!« schreit er und stößt mit dem Fuß gegen den auf dem Boden Liegenden, daß der große rote Pantoffel wackelt. »Er fürchtet Gott nicht, und gegen seinen Meister begehrt er auf!«

Die Stimme schlägt um ins Weinerliche«. »O ihr Muselmanen, er spaltet den festen Stab des Islams! O ihr Rechtgläubigen, wie wahr ist doch das Sprichwort: Ein Mann aus Dongola ist wie der Schaitan in Menschengestalt!«

Das Oberhaupt der Sammanîjja Tarîka breitet mit großer Salbung die Arme aus, daß sich die weiten Ärmel des weißen Kleides wie Schwingen spreizen:

»Mohammed Achmed ibn Abdallah! Gehe fort von hier, denn dir wird nicht vergeben!«

*

Lange nachdem die Gäste des Festes in dem Hause verschwunden sind, erhebt sich der Mann mit dem Joch. Sein Lächeln liegt erstarrt auf den blutleeren Lippen.


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