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6. Die Eigenbrötlerin.

Eine Frau, die ein einsam abgeschiedenes Leben führt, sich ihr Brot ganz allein bäckt, nennt man eine Eigenbrötlerin, und eine solche hat in der Regel auch noch allerlei Besonderheiten. Niemand hatte mehr Recht und mehr Neigung, eine Eigenbrötlerin zu sein, als die schwarze Marann', obgleich sie nie etwas zu braten hatte, denn Habermus und Kartoffeln, und Kartoffeln und Habermus waren ihre einzigen Speisen. Sie lebte immer abgesondert in sich hinein und verkehrte nicht gern mit den Menschen. Nur gegen den Herbst war sie stets voll hastiger Unruhe, sie plauderte um diese Zeit viel vor sich hin und redete auch die Menschen von freien Stücken an, besonders Fremde, die durch das Dorf gingen; denn sie erkundigte sich, ob die Maurer von da und dort schon zur Winterrast heimgekehrt seien und ob sie nichts von ihrem Johannes berichtet hätten. Wenn sie die Leinwand, die sie den Sommer über gebleicht hatte, noch einmal kochte und auswusch und dabei die ganze Nacht ausblieb, murmelte sie stets vor sich hin. Man verstand nichts davon, nur der Zwischenruf war deutlich, denn da hieß es: »Das ist für dich, und das ist für mich;« sie sprach nämlich täglich zwölf Vaterunser für ihren Johannes, aber in der Waschnacht da wurden sie zu unzähligen. Und wenn der erste Schnee fiel, war sie immer besonders heiter. Jetzt gibt's keine Arbeit mehr draußen, jetzt kommt er gewiß heim. Sie sprach dann oft mit einer weißen Henne am Gitter und sagte ihr, daß sie sterben müsse, wenn der Johannes komme.

So trieb sie's nun schon viele Jahre, und die Leute im Dorfe ließen nicht ab, ihr vorzuhalten, daß es närrisch sei, immer an die Heimkehr des Johannes zu denken; aber sie ließ sich nicht bekehren und wurde den Menschen unheimlich.

In diesem Herbste wurden es nun achtzehn Jahre, seitdem der Johannes davongegangen war, und jedes Jahr wurde Johann Michael Winkler als verschollen ausgeschrieben in der Zeitung bis zu seinem fünfzigsten Jahre. Er stand jetzt gerade im sechsunddreißigsten.

Im Dorfe ging die Sage, Johannes sei unter die Zigeuner gegangen, und die Mutter hielt auch einmal einen jungen Zigeuner dafür, der dem Verschollenen auffallend ähnlich sah; er war auch so »pfostig« (untersetzt), hatte die gleiche dunkle Gesichtsfarbe und schien es nicht ungern zu haben, daß man ihn für den Johannes hielt; aber die Mutter hatte ihn auf die Probe gestellt, sie hatte noch das Gesangbuch und den Konfirmandenspruch des Johannes, und wer den nicht kennt und nicht anzugeben weiß, wer seine Paten sind, und was mit ihm geschehen ist an dem Tage, als des Brosis Severin mit der Engländerin ankam, und später, als der neue Rathausbrunnen gegraben wurde, wer diese und andre Merkzeichen nicht kennt, das ist der Falsche. Dennoch beherbergte die Marann' immer den jungen Zigeuner, so oft er in das Dorf kam, und die Kinder auf der Straße schrieen ihm: Johannes! nach.

Der Johannes wurde als militärpflichtig auch als Ausreißer ausgeschrieben, und obgleich die Mutter sagte, daß er als »zu klein« unter dem Maß durchgeschlüpft wäre, wußte sie doch, daß er bei der Heimkehr einer Strafe nicht entgehe, und sie meinte, er käme nur deswegen nicht wieder, und es war nun gar seltsam, wie sie in einem Atem um das Wohl des Sohnes und um den Tod des Landesfürsten betete; denn man hatte ihr gesagt, daß, wenn der regierende Fürst stürbe, der Thronfolger beim Regierungsantritt allgemeinen Straferlaß für alles Geschehene verkünden werde.

Jedes Jahr ließ sich die Marann' vom Schullehrer das Blatt schenken, in dem Johannes ausgeschrieben war, und sie legte es zu seinem Gesangbuch; aber dieses Jahr war es gut, daß die Marann' nicht lesen konnte, und der Lehrer schickte ihr ein andres Blatt statt des gewünschten. Denn ein seltsames Gemurmel ging durch das ganze Dorf. Wo zwei bei einander standen, sprach man davon, und da hieß es: »Der schwarzen Marann' sagt man nichts. Das bringt sie um. Das macht sie närrisch.« Es war nämlich ein Bericht des Gesandten aus Paris angekommen, der, laut einer Mitteilung aus Algier, durch alle hohen und niederen Aemter bis zum Gemeinderat die Nachricht gab, daß Johannes Winkler von Haldenbrunn in Algier bei einem Vorpostengefechte gefallen sei.

Man sprach im Dorfe viel davon, wie wunderlich es sei, daß so viele hohe Aemter sich jetzt um den toten Johannes so viel bemühten. Aber am Schlusse des so wohlgeleiteten Berichtestroms hielt man ihn auf. In der Gemeinderatssitzung wurde beschlossen, daß man der schwarzen Marann' nichts davon sage. Es wäre unrecht, ihr noch die paar Jahre ihres Lebens zu verbittern, indem man ihr ihren letzten Trost raube.

Statt aber die Nachricht geheim zu halten, hatten die Gemeinderäte nichts Eiligeres zu thun, als es daheim auszuplaudern, und nun wußte das ganze Dorf davon bis auf die schwarze Marann' allein. Ein jeder betrachtete sie mit seltsamem Blick; man fürchtete sich vor ihr, daß man sich verrate, man redete sie nicht an, man dankte kaum ihrem Gruße. Es bedurfte der ganzen eigentümlichen Art der schwarzen Marann', um dadurch nicht verwirrt zu werden. Und sprach je einmal jemand mit ihr und ließ sich verleiten, vom Tode des Johannes zu reden, so geschah es nur in jener vermutlichen und beschwichtigenden Weise, die schon seit Jahren gäng und gäbe war, und die Marann' glaubte jetzt ebensowenig daran als ehedem, denn von dem Totenscheine sprach ja niemand.

Es wäre wohl besser gewesen, auch Amrei hätte nichts davon gewußt; aber es lag ein eigener verführerischer Reiz darin, dem Unberührten so nahe als möglich zu kommen, und darum sprach jedes mit Amrei von dem traurigen Ereignisse, warnte sie, der schwarzen Marann' etwas davon zu sagen, und wollte wissen, ob die Mutter keine Ahnungen, keine Träume habe, ob es nicht umgehe im Hause. Amrei war immer innerlich voll Zittern und Beben. Sie allein war der schwarzen Marann' so nahe und hatte etwas, was sie vor ihr verborgen halten mußte. Auch die Leute, bei denen die schwarze Marann' eine kleine Stube zur Miete hatte, hielten es nicht mehr aus in ihrer Nähe, und sie bekundeten ihr Mitleid zuerst damit, daß sie ihr die Miete aufkündigten. Aber wie seltsam hängen die Dinge im Leben zusammen! Eben durch dieses Ereignis erfuhr Amrei Leid und Lust, denn das elterliche Haus öffnete sich wieder; die schwarze Marann' zog in dasselbe, und Amrei, die anfangs voll Beben darin hin und her ging und, wenn sie Feuer anmachte und wenn sie Wasser holte, immer glaubte: jetzt müsse die Mutter kommen und der Vater, fand sich doch nach und nach wieder ganz heimisch in demselben. Sie spann Tag und Nacht, bis sie so viel erübrigt hatte, um vom Kohlenmathes die Kuckucksuhr, die ihren Eltern gehört hatte, wieder zu kaufen. Jetzt hatte sie doch auch wieder ein Stück eigenen Hausrat. Aber der Kuckuck hatte Not gelitten in der Fremde, er hatte die Hälfte seiner Stimme verloren, die andre Hälfte blieb ihm im Halse stecken, er rief nur noch »Kuck«, und so oft er das that, setzte Amrei in der ersten Zeit immer das andre »Kuck!« hinzu fast unwillkürlich. Als Amrei darüber klagte. daß die Kuckucksuhr nur noch halb töne und überhaupt nicht mehr so schön sei wie in ihrer frühen Kindheit, da sagte die Marann':

»Wer weiß, wenn man in späteren Jahren das wieder bekäme, was einen in der Kindheit ganz glücklich gemacht hat, ich glaube, es hätte auch nur noch den halben Schlag wie deine Kuckucksuhr. Wenn ich's dir nur lehren könnte, Kind! es hat mir viel gekostet, bis ich's gelernt habe: wünsch' dir nie was von gestern! Aber freilich, so etwas kann man nicht schenken; das kriegt man nur für einen halben Schoppen Schweiß und einen halben Schoppen Thränen gut durcheinander geschüttelt. Das kauft man in keiner Apothek'. Häng dich an nichts, an keinen Menschen und an keine Sache, dann kannst du fliegen.«

Die Reden der Marann' waren wild und scheu zugleich, und sie kamen nur heraus in Dämmerzeit, wie das Wild im Walde.

Es gelang Amrei nur schwer, sich an sie zu gewöhnen.

Die schwarze Marann' konnte das Knckuckrufen nicht leiden und hing das Schlaggewicht an der Uhr ganz aus, so daß die Uhr nur noch mit dem Pendelschlag hin- und herpickte, aber keine Stunde mehr laut angab. Der schwarzen Marann' war das Sprechen der Uhr zuwider, ja sogar das Ticken störte sie, und die Uhr blieb endlich ganz unaufgezogen, denn die Marann' sagte, sie habe allezeit die Uhr im Kopfe, und es war in der That wunderbar, wie das eintraf. Sie wußte zu jeder Minute anzugeben, wie viel es an der Zeit sei, obgleich ihr das sehr gleichgültig sein konnte; aber es lag eine besondere Gewecktheit in der Harrenden, und wie sie immer hinaushorchte, um ihren Sohn kommen zu hören, so war sie eigentümlich wach, und obgleich sie niemand im Dorfe besuchte und mit niemanden sprach, wußte sie doch alles, selbst das Geheimste, was im Dorfe vorging. Sie erriet es aus der Art, wie sich die Menschen begegneten, aus abgerissenen Worten. Und weil dies wunderbar erschien, war sie gefürchtet und gemieden. Sie bezeichnete sich selbst gern nach einem landläufigen Ausdruck als eine »alterlebte Frau«, und doch war sie äußerst behend. Jahraus jahrein aß sie täglich einige Wacholderbeeren, und man sagte: davon sei sie so munter, und man sehe ihr ihre 66 Jahre nicht an. Eben daß jetzt die beiden Sechse bei ihr bei einander standen, ließ sie auch nach einem alten Wortspiele, obgleich man nicht recht daran glauben wollte, als Hexe betrachtet werden. Man sagte: sie melke ihre schwarze Ziege oft stundenlang, und diese gebe immer gar viel Milch, aber die schwarze Marann' ziehe, während sie melke, nur immer den Kühen dessen, den sie hasse, die Milch aus dem Euter, besonders auf des Rodelbauern Vieh habe sie es abgesehen, und die große Hühnerzucht, die die schwarze Marann' trieb, galt auch für Hexerei; denn woher nahm sie das Futter für sie, und woher konnte sie immer Eier und Hühner verkaufen? Freilich sah man sie oft im Sommer Maikäfer, Heuschrecken und allerlei Würmer sammeln, und in mondlosen Nächten sah man sie wie ein Irrlicht durch die Gräben schleichen; sie trug einen brennenden Span und sammelte die Regenwürmer, die da herausschlichen, und murmelte allerlei dabei. Ja, man sagte, daß sie in stillen Winternächten mit ihrer Ziege und ihren Hühnern, die sie bei sich in der Stube überwinterte, allerlei wunderliche Gespräche hielte. Das ganze von der Schulbildung verscheuchte wilde Heer der Hexen- und Zaubergeschichten wachte wieder auf und wurde an die schwarze Marann' geheftet.

Amrei fürchtete sich auch manchmal in langen stillen Winternächten, wenn sie spinnend bei der Marann' saß und man nichts hörte, als manchmal das verschlafene Glucksen der Hühner und ein traumhaftes Meckern der Ziege, und es erschien in der That zauberisch, wie schnell die Marann' immer spann. Ja, sie sagte einmal: »Ich meine, mein Johannes hilft mir spinnen,« und doch klagte sie wieder, daß sie in diesem Winter zum erstenmal nicht mehr so ganz und immer an ihren Johannes denke. Sie machte sich Vorwürfe darüber und sagte: sie sei eine schlechte Mutter, und klagte, es sei ihr immer, als wenn ihr die Züge ihres Johannes nach und nach verschwinden, als ob sie vergesse, was er da und da gethan habe, wie er gelacht, gesungen und geweint und wie er auf den Baum geklettert und in den Graben gesprungen sei.

»Es wäre doch schrecklich,« sagte sie, »wenn einem das nach und nach so verschwinden könnte, daß man nichts Rechtes mehr davon weiß,« und sie erzählte dann Amrei mit sichtlichem Zwange alles bis aufs Kleinste, und Amrei war es tief unheimlich, so immer und immer wieder von einem Toten hören zu müssen, als ob er noch lebte. Und wieder klagte die Marann': »Es ist doch sündlich, daß ich gar nicht mehr weinen kann um meinen Johannes. Ich habe einmal gehört, daß man um einen Verlorenen weinen kann, so lang er lebt und bis er verfault ist. Ist er wieder zur Erde geworden, so hört auch das Weinen auf. Nein, das kann nicht sein, das darf nicht sein, mein Johannes kann nicht tot sein; das darfst du mir nicht anthun, du dort oben, oder ich werf' dir den Bettel vor die Thüre. Da, da, vor meiner Schwelle, da sitzt der Tod, da ist der Weiher, und da kann ich mich ersäufen wie einen blinden Hund, und das geschieht, wenn du mir das anthust; aber nein, verzeih mir's, guter Gott, daß ich so wider die Wand renne, aber mach da einmal eine Thür auf, mach auf und laß meinen Johannes hereinkommen. O die Freud! Komm, da setz dich her, Johannes. Erzähl mir gar nichts, ich will gar nichts wissen, du bist da; und jetzt ist's gut. Die langen, langen Jahre sind nur eine Minute gewesen. Was geht's mich an, wo du gewandert bist? Wo du gewesen, da bin ich nicht gewesen, und jetzt bist du da. Und ich lasse dich nicht mehr von der Hand, bis sie kalt ist. O Amrei, und mein Johannes muß warten, bis du groß bist, ich sag' weiter nichts. Warum redst du nichts?«

Amrei war die Kehle wie zugeschnürt. Es war ihr immer, als ob der Tote dastünde, gespensterhaft; auf ihren Lippen ruhte das Geheimnis, sie konnte es anrufen, und die Decke fiel ein, und alles war begraben.

Manchmal aber war die Marann' auch in andrer Weise gesprächsam, obgleich alles auf dem einen Grunde ruhte, auf dem Andenken an ihren Sohn. Und schwer stellte sich hier die Frage der Weltordnung heraus: »Warum hier ein Kind tot, auf das die Mutter wartet, so zitternd, mit ganzer Seele wartet, und ich und mein Dami wir sind verlorene Kinder, möchten so gerne die Hand der Mutter fassen, und diese Hand ist Staub geworden?« . . .

Das war ein dumpfes, nächtiges Gebiet, wohin das Denken des armen Kindes getrieben wurde, und es wußte sich nicht anders aus dem Wirrsal zu helfen, als indem es leise das Einmaleins vor sich hinsagte.

Besonders an Samstagabenden erzählte die schwarze Marann' gern. Nach altem Aberglauben spann sie am Samstagabend nie, da strickte sie immer, und wenn sie eine Geschichte zu erzählen hatte, wickelte sie zuerst ein gut Teil von ihrem Garnknäuel ab, um nicht aufgehalten zu sein, und dann erzählte sie am Faden fort ohne Unterbrechung.

»O Kind,« schloß sie dann oft: »Merk' dir etwas, in dir steckt ja auch ein Einsiedel: wer gut grad fortleben will, der sollte ganz allein sein, niemand gern haben und von niemand was mögen. Weißt du, wer reich ist? Wer nichts braucht, als was er aus sich hat. Und wer ist arm? Wer auf Fremdes wartet, was ihm zukommt. Da sitzt einer und wartet auf seine Hände, die ein andrer am Leib hat, und wartet auf seine Augen, die einem andern im Kopf stecken. Bleib allein für dich, dann hast du deine Hände immer bei dir, dann brauchst du keine andern, kannst dir selber helfen. Wer auf etwas hofft, was ihm von einem andern kommen soll, der ist ein Bettler; hoffe nur etwas vom Glück, von einem Geschwister, ja von Gott selbst: du bist ein Bettler, du stehst da und hältst die Hand auf, bis dir etwas hineinfliegt. Bleib allein, das ist das Beste, da hast du alles in einem; allein, o, wie gut ist allein! Schau, tief im Ameisenhaufen liegt ein klein winziger funkelnder Stein, wer den findet, kann sich unsichtbar machen, und niemand kann ihm was anhaben; aber das kriecht durcheinander, wer findet ihn? und es gibt ein Geheimnis in der Welt, aber wer kann's fassen? Nimm's auf, nimm's zu dir. Es gibt kein Glück und kein Unglück. Jeder kann sich alles selber machen, wenn er sich recht kennt und die andern Menschen auch, aber nur unter einem Beding: er muß allein bleiben. Allein! allein! sonst hilft's nichts.«

Aus dem Tiefsten heraus gab die Marann' dem Kinde noch halbverschlossene Worte; das Kind konnte sie nicht fassen; aber wer weiß, was auch von Halbverstandenem in aufmerksam offener Seele haften bleibt? Und nach wildem Umschauen fuhr die schwarze Marann' fort: »O, könnt' ich nur allein sein! Aber ich habe mich vergeben, ein Stück von mir ist unterm Boden, und ein andres läuft in der Welt herum, wer weiß wo? Ich wollt', ich wäre die schwarze Ziege da.«

So freundlich und hell auch die schwarze Marann' begann, immer ging der Schluß ihrer Rede wieder in dumpfes Hadern und Trauern über, und sie, die allein sein wollte, an nichts denken und nichts lieben, lebte doch nur im Denken an ihren Sohn und in der Liebe zu ihm.

Amrei ergriff ein entscheidendes Mittel, um aus diesem unheimlichen Alleinsein mit der schwarzen Marann' erlöst zu werden: sie verlangte, daß auch Dami ins Haus genommen werde; und so heftig sich auch die schwarze Marann' dagegen wehrte, Amrei drohte, daß sie selber das Haus verlasse, und schmeichelte der schwarzen Marann' so kindlich und that ihr, was sie an den Augen absehen konnte, bis sie endlich nachgab.

Dami, der vom Krappenzacher das Wollstricken gelernt hatte, saß nun mit in der elterlichen Stube, und nachts, wenn die Geschwister auf dem Speicher schliefen, weckte eines das andre, wenn sie die schwarze Marann' drunten murmeln und hin und her laufen hörten.

Durch die Uebersiedelung Damis zur schwarzen Marann' kam indes neues Ungemach. Dami war überaus unzufrieden, daß er dies elende Handwerk, das nur für einen Krüppel tauge, habe lernen müssen; er wollte auch Maurer werden, und obgleich Amrei sehr dagegen sprach, denn sie ahnte, daß ihr Bruder nicht dabei aushielte, bestärkte ihn die schwarze Marann' darin. Sie hätte gern alle jungen Bursche zu Maurern gemacht, um sie in die Fremde zu schicken, damit sie Kundschaft erhalte von ihrem Johannes.

Die schwarze Marann' ging selten in die Kirche, aber sie liebte es, wenn man ihr Gesangbuch entlehnte, um damit in die Kirche zu gehen, es schien ihr ein eigenes Genügen, daß ihr Gesangbuch dort sei, und eine besondere Freude hatte sie, wenn ein fremder Handwerksbursch, der im Ort arbeitete, das zurückgebliebene Gesangbuch des Johannes zu gleichem Zweck entlehnte; es schien ihr, als ob ihr Johannes bete in der heimatlichen Kirche, weil aus seinem Gesangbuche die Worte gesprochen und gesungen wurden. Dami mußte nun jeden Sonntag zweimal mit dem Gesangbuche des Johannes in die Kirche.

Ging aber die schwarze Marann' nicht zur Kirche, so war sie bei einer Feierlichkeit im Dorfe selbst und in den Nachbardörfern immer zu sehen. Es gab nämlich kein Leichenbegängnis, bei dem die schwarze Marann' nicht leidtragend mitging, und bei Predigt und Einsegnung, selbst am Grabe eines kleinen Kindes, weinte sie so heftig, als wäre sie die nächste Angehörige, aber dann war sie auf dem Heimweg immer wieder ganz besonders aufgeräumt; dieses Weinen schien ihr eine wahre Erleichterung zu sein. Sie schluckte das ganze Jahr so viel stille Trauer hinunter, daß sie dankbar dafür war, wenn sie wirklich weinen konnte.

War es nun den Menschen zu verargen, daß sie eine unheimliche Erscheinung ihnen war, und zumal, da sie noch dazu ein Geheimnis gegen sie auf den Lippen hatten? Auch auf Amrei ging ein Teil dieser Gemiedenheit über, und in manchen Häusern, wo sie sich helfend oder mitteilend auf Besuch einstellte, ließ man sie nicht undeutlich merken, daß man ihre Anwesenheit nicht wünsche, zumal da sie schon jetzt eine Seltsamkeit zeigte, die allen im Dorfe wunderbar vorkam. Sie ging mit Ausnahme des höchsten Winters barfuß, und man sagte, sie müsse ein Geheimmittel haben, daß sie nicht krank werde und sterbe.

Nur in des Rodelbauern Haus wurde sie noch gern geduldet, war ja der Rodelbauer ihr Vormund. Die Rodelbäuerin, die sich immer ihrer angenommen und ihr versprochen hatte, daß sie sie einst zu sich nehme, wenn sie erwachsener sei, konnte diesen Plan nicht ausführen. Sie selber wurde von einem andern angenommen; der Tod nahm sie an sich.

Während sonst erst im späteren Leben sich die Schwere des Daseins aufthut, wie da und dort ein Anhang abfällt und nur noch ein Gedenken daran verbleibt, erfuhr dies Amrei schon in der Jugendfrühe, und heftiger als alle Angehörigen weinten die schwarze Marann' und Amrei bei dem Begräbnis der Rodelbäuerin.

Der Rodelbauer klagte immer fast nur, wie herb es sei, daß er jetzt schon das Gut abgeben müsse. Und noch war keines seiner drei Kinder verheiratet. Aber kaum war ein Jahr vorüber – der Dami arbeitete schon den zweiten Frühling im Steinbruche – als eine Doppelhochzeit im Dorfe gefeiert wurde, denn der Rodelbauer verheiratete seine älteste Tochter und zugleich seinen einzigen Sohn, dem er am Tage der Hochzeit das Gut übergab.

Eben auf dieser Doppelhochzeit wurde Amrei neu benamt und in ein andres Leben übergeführt.

Auf dem Vorplatze des großen Tanzbodens waren die Kinder versammelt, und während die Erwachsenen drinnen tanzten und jauchzten, ahmten die Kinder hier das Gleiche nach. Aber seltsam! mit Amrei wollte kein Knabe und kein Mädchen tanzen, und man wußte nicht, wer es zuerst gesagt, aber man hatte es gehört, daß eine Stimme rief: »Mit dir tanzt keiner, du bist ja das Barfüßele,« und: »Barfüßele! Barfüßele! Barfüßele!« schrie es nun von allen Seiten.

Amrei stand das Weinen in den Augen, aber hier übte sie schnell wieder jene Kraft, mit der sie Spott und Kränkung bezwang; sie drückte die Thränen hinab, faßte hüben und drüben ihre Schürze, tanzte mit sich allein herum und so zierlich, so biegsam, daß alle Kinder inne hielten. Und bald nickten die Erwachsenen unter der Thüre einander zu, ein Kreis von Männern und Frauen bildete sich um Amrei, und besonders der Rodelbauer, der sich an diesem Tage doppelt gütlich gethan hatte, schnalzte mit den Händen und pfiff lustig den Walzer, den die Musik drinnen aufspielte, und Amrei tanzte unaufhörlich fort und schien gar keine Müdigkeit zu kennen. Als endlich die Musik verstummte, faßte der Rodelbauer Amrei an der Hand und fragte: »Du Blitzmädle, wer hat dir denn das so schön gelehrt?«

»Niemand.«

»Warum tanzest du denn mit niemand?«

»Es ist besser, man thut's allein, da braucht man auf niemand zu warten und hat seinen Tänzer immer bei sich.«

»Hast schon was von der Hochzeit bekommen?« fragte der Rodelbauer wohlgefällig schmunzelnd.

»Nein.«

»Komm herein und iß,« sagte der stolze Bauer und führte das arme Kind hinein und setzte es an den Hochzeitstisch, auf dem immerfort den ganzen Tag aufgetragen wurde. Amrei aß nicht viel, und der Rodelbauer wollte sich den Spaß bereiten, das Kind trunken zu machen, es erwiderte aber keck:

»Wenn ich noch mehr trinke, muß man mich führen, und da kann ich nicht mehr allein gehen, und die Marann' sagt: allein ist das beste Fuhrwerk, da ist immer eingespannt.«

Alles staunte über die Weisheit des Kindes.

Der junge Rodelbauer kam mit seiner Frau und fragte das Kind neckisch: »Hast du uns auch ein Hochzeitschenk gebracht? Wenn man so ißt, muß man auch ein Hochzeitschenk bringen.«

Der Hochzeitsvater steckte in unbegreiflicher Großmut dem Kinde bei dieser Frage heimlich einen Sechsbätzner zu. Amrei aber behielt den Sechsbätzner fest in der Hand, nickte gegen den Alten und sagte dann dem jungen Paare: »Ich hab' das Wort und ein Drangeld. Eure Mutter selig hat mir immer versprochen, daß ich bei ihr dienen und niemand anders als ich Kindsmagd bei ihrem ersten Enkelchen sein soll.«

»Ja, das hat die Bäuerin selig immer gewollt,« sagte der Alte und redete zu. Was er aus Furcht, daß er die Waise dann versorgen müßte, seiner Frau ihr Lebenlang versagt hatte, das that er jetzt, wo er ihr keine Freude mehr damit machen konnte, und gab sich vor den Leuten den Anschein, als ob er's zu ihrem Gedenken thue. Aber er that's auch jetzt noch nicht aus Güte, sondern in der richtigen Berechnung, daß die Waise ihm, dem entthronten Bauer, der ihr Pfleger war, dienstgefällig sein werde, und die Last ihrer Versorgung, die die bloße Ablohnung überstieg, fiel anderen zu, nicht ihm selber.

Die jungen Brautleute sahen einander an, und der junge Rodelbauer sagte: »Bring morgen dein Bündel in unser Haus. Du kannst bei uns einstehen.«

»Gut,« sagte Amrei, »morgen bring' ich mein Bündel; aber jetzt möcht' ich mein Bündel mitnehmen. Gebet mir da ein Fläschchen Wein, und das Fleisch will ich einwickeln und es der Marann' und meinem Dami bringen.«

Man willfahrte Amrei, aber der alte Rodelbauer sagte ihr jetzt leise: »Gib mir meinen Sechsbätzner wieder. Ich hab' gemeint, du willst ihn schenken.«

»Ich will ihn als Drangeld von Euch behalten,« erwiderte Amrei schlau, »und Ihr werdet sehen, ich will ihn Euch schon wettmachen.«

Der Rodelbauer lachte halb ärgerlich in sich hinein, und Amrei ging mit Geld, Wein und Fleisch davon zu der schwarzen Marann'.

Das Haus war verschlossen, und es war ein großer Abstand zwischen dem lauten musikschallenden Lärmen und Schmausen in dem Hochzeitshause und der stillen Oede hier. Amrei wußte, wo sie die Marann' erwarten konnte auf ihrem Heimwege; sie ging fast immer nach dem Steinbruch und saß dort eine Zeitlang hinter der Hecke und hörte zu, wie Spitzhammer und Meißel arbeitete. Das war ihr wie eine Melodie, die aus den Zeiten klang, wo Johannes einst auch hier gearbeitet hatte, und da saß sie oft lange und hörte es picken.

Amrei traf hier richtig die Marann', und noch eine halbe Stunde vor Feierabend rief sie auch den Dami aus dem Steinbruche, und hier draußen bei den Felsen wurde ein Hochzeitmahl gehalten, fröhlicher als drinnen bei der rauschenden Musik. Besonders Dami jauchzte laut, und die Marann' that auch heiter, nur trank sie keinen Tropfen Wein; sie wollte nicht eher einen Tropfen Wein über die Lippen bringen, als bis zur Hochzeit des Johannes.

Als Amrei nun unter Heiterkeit erzählte, daß sie einen Dienst bei dem jungen Rodelbauer bekommen habe und morgen antrete, da erhob sich die schwarze Marann' in wildem Zorn, und einen Stein aufhebend und an die Brust drückend sagte sie: »Es wäre tausendmal besser, ich hätte dich da drinnen, so einen Stein, als ein lebendig Herz. Warum kann ich nicht allein sein? Warum habe ich mich wieder verführen lassen, jemand gern zu haben? Aber jetzt ist's vorbei, auf ewig! Wie ich den Stein da hinunterschleudere, so schleudere ich fort alle Anhänglichkeit an irgend einen Menschen. Du falsches, treuloses Kind! Kaum kannst du die Flügel heben, fort fliegt's. Aber es ist gut so, ich bin allein, und mein Johannes soll auch allein bleiben, wenn er kommt, und es ist nichts, was ich gewollt hab'.«

Und fort rannte sie dem Dorfe zu.

»Es ist doch eine Hexe,« sagte Dami hinter ihr drein; »ich will den Wein nicht mehr trinken, wer weiß, ob sie ihn nicht verhext hat.«

»Trink du ihn nur, sie ist eine strenge Eigenbrötlerin und hat ein schweres Kreuz auf sich; ich will sie schon wieder gut machen.«

So tröstete Amrei.


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