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Ein schwäbisches Pfarrkind.

Erinnerungen an Luise Pichler, gezeichnet in sechs Bildern von Marie Liebrecht.

*

I.
Morgenrot.

Ein Menschenleben, welches nach dem Willen seines Schöpfers und Regierers sich gestaltet, ist immer etwas schönes. Gleicht es nicht dem edlen Kunstwerk, von Meisterhand gemacht zu jedermanns Freude, oder dem munter dahinfließenden Bache, welcher wachsend und zunehmend in seinem Lauf, sich selbst bereichert und anderen zum Segen wird? Da fragen wir denn gerne seinem Ursprung nach, und freuen uns, die Spuren göttlicher Weisheit, welche ein solcher Lebenslauf gewöhnlich aufweist, zu finden.

Kommt, daß ich euch in ein schwäbisches Pfarrhaus führe, nach Wangen, Oberamts Göppingen, mitten im Herzen des schönen Württemberg. Das freundliche Dorf, welches von Wiesen und Wäldern rings umgeben ist, bietet einen freundlichen Anblick, und seine Bewohner sind biedere, treuherzige Menschen. Dort hatte vor etlichen sechzig Jahren ein gemütliches Pfarrpaar seinen Sitz und Wohnung aufgeschlagen. Die beiden waren jung und freuten sich ihres Glückes, nicht minder aber des schönen Berufes, welchen der Pfarrherr, unterstützt von seiner frommen Gattin, ausübte. Das erste Weihnachtsfest, welches sie zusammen begingen, belebten sie mit ihrer eigenen Fröhlichkeit. Denn weil sie mit Not und Sorge dieses Lebens innerhalb ihres Hauses noch wenig Bekanntschaft gemacht hatten, so hielten sie dafür, daß sie sich ihrer schönen Tage freuen und Gott herzlich dankbar sein sollten. Und siehe, zu allem guten, was die Pfarrleute besaßen, kam ihnen bald noch etwas anderes. Am 16. Januar 1823 lag den Eltern ein niedliches, kleines Mägdlein in der Wiege, welches ihnen der gütige Gott bescheert hatte. Es erhielt in der heiligen Taufe den Namen Luise und war die Wonne der Seinigen, mit welchen vereint auch Verwandte und Freunde sich freuten.

Wie herzte und küßte der Vater sein liebes Erstgeborenes, dessen tiefblaue Augen ihn bald mit vollem Verständnis anleuchteten! wie hegte und pflegte es die Mutter, von dem holden Lächeln ihres Lieblings entzückt! Freilich erwuchs dieser letzteren viel Sorge und Mühe durch das Töchterchen, denn es war zart und von Krankheit öfters heimgesucht. Sein körperliches Gedeihen blieb daher in den ersten Monaten betrübend zurück. »O, Frau Pfarrerin«, sagte eines Tages ein wohlmeinendes Bauernweib, welche zum Besuch in's Pfarrhaus kam und sich das kleine Wesen mitleidsvoll betrachtete: »der liebe Gott wird wohl das arme Tröpflein bald zu sich nehmen, denn für diese Welt ist es doch nicht brauchbar.« Der Mutter gaben diese Worte einen Stich in's Herz. Aber der liebe Gott hatte mit dem Kindlein doch andere Gedanken, hinter denen menschliches Meinen weit zurückblieb. Dasselbe hatte eine Bestimmung für diese Welt und zwar eine große. Darum sollten seiner Lebenstage viel werden, und ein reiches Leben lag vor der sich bald kräftig und lieblich entfaltenden Luise.

*

II.
Kindertage.

Pfarrer Pichlers hatten nach einer Reihe von Jahren, welche ihnen unter Freud und Leid rasch dahinschwanden, ihren Wohnsitz verändert. Mit Luise zogen noch mehrere Geschwister von der Stätte ihrer ersten Jugend, und siedelten mit den Eltern nach Oberwälden über. Es ist dies ein Dorf unweit der früheren Heimat, und die stolzesten Berge des Schwabenlandes: Staufen, Stuifen und Rechberg grüßen als Zierde der Gegend aus nächster Nähe.

Es war ein köstlich warmer Frühlingstag, welcher nach des Winters Strenge, der lange gewährt hatte, die Menschen allenthalben erquickte. Die Pfarrfrau aber saß sinnend und sorgend schon in aller Frühe und guter Rat war bei ihr teuer. Es handelte sich für sie um eine ihr sehr ungelegen kommende Reise, welche einen Aufschub nicht wohl vertrug. »Ich kann nicht gehen, lieber Mann, es ist unmöglich!« sagte sie im Tone gelinder Verzweiflung zu ihrem Gatten, welcher im Zimmer auf- und niederschritt, und die Richtigkeit dieser Behauptung sehr wohl einsah. Es war heute das wichtige Geschäft des Brotbackens zu unternehmen; der zum Nähen bestellte Schneider kam soeben ins Haus, und eine schon gestern in Gang gebrachte Wäsche mußte gleichwohl besorgt werden. »Ich kann der Magd nicht zumuten, daß sie das alles allein bewältigen soll, auch wenn sie willig dazu ist«, jammerte die Hausfrau.

»Allein?« fragte die zwölfjährige Luise, welche in diesem Augenblick herzukam und die Sachlage schnell begriff: »o, Mutter, bitte, bitte, geh doch auf die Reise! Wozu wäre denn wohl ich vorhanden, wenn man Dich nicht zwei Tage lang entbehren könnte? Gewiß, ich verspreche Dir, mein möglichstes zu thun, und Du sollst sehen, daß wir die Arbeit recht machen.« – Der Wunsch Luisens ging in Erfüllung, denn auf ihren Zuspruch hin ließ die Mutter sich zur Reise bewegen.

Kaum hatte die letztere das Haus verlassen, so flog die geschäftige Tochter in großem Eifer hin und her. Sie gab den Geschwistern manch freundliches Wort und machte sie zur Schule fertig; sie versorgte auch den Vater, welcher allerlei Liebesdienste von der Hand der Mutter gewöhnt war. Ihr selbst blieb heute der Unterricht, welchen sie sonst mit den Brüdern vom Vater erhielt, erlassen, in Anbetracht der besonderen Umstände. Als es im Hause schmuck und wohlgeordnet aussah, das Brot im Ofen dampfte und der Schneider die richtigen Tuchstücke erhalten hatte, welche er zu seiner Arbeit bedurfte, trug Luise ihr kleines Schwesterchen, welches noch nicht gehen konnte, nach der Küche. Dort war jetzt der Schauplatz ihrer Thätigkeit. Das Kind mußte in eine Ecke sitzen und sich ruhig verhalten, während Luise das Essen zurichtete, und sich dabei von der Magd, welche daneben wusch, die nötigen Anweisungen geben ließ. Wie schön war es für sie, in allem wie die Mutter zu thun und ihr Vorbild getreulich nachzuahmen! Daß es so vielerlei war, was man aufnehmen mußte, war ihr gerade recht; ihr Eifer, der sich kaum genug thun konnte, kannte keine Grenzen.

»Luise, heute Nachmittag giebt es Gartengeschäft; ich werde dich und Grete zur Hilfe nötig haben.« So meldete plötzlich der Vater, welchen heute auch manches Unvorhergesehene überfiel. Wie zeterte die Grete bei dieser Rede ihres Herrn! Sie konnte sich in die neue Ueberraschung gar nicht finden und erklärte rundweg, man könne an dem heutigen geschäftsvollen Tage eine weitere Arbeit nicht mehr brauchen. Doch Luise, welche besserer Einsicht Raum gab, beruhigte sie und überlegte, wie das Unmögliche dennoch einzurichten wäre. Sie wußte ja, der Pfarrer von W. hatte unbestellt den längst versprochenen Buchs aus seinem Garten geschickt. Der Gärtner, welcher ihn herführte, wollte nun gleich die Anpflanzung machen; wenn man ihn unverrichteter Dinge gehen ließ, so hatte man ihn für lange Zeit gesehen. Nun blieb nach Luisens Anordnung die Wäsche stecken, und nur soweit gab sie der hartbedrängten Grete nach, daß diese das Brühwasser richten und das Leinenzeug einschütteln durfte. Es wäre ein Fehler gewesen und hätte der Wäsche Schaden gebracht, wenn es nicht geschehen wäre. Dann aber galt es für die beiden Hausmeisterinnen, ihre Kräfte auf einem neuen Felde zu erproben. Als die Kinder aus der Schule kamen, wurden sie von der älteren Schwester angeleitet, Beihilfe zu leisten und das grüne Zeug, womit die Gartenbeete eingefaßt wurden, zu verlesen. Weil Luise heiteren Mutes blieb, und die Gesellschaft mit freundlichen Worten immer wieder antrieb, so verlief die Arbeit, welche der Gärtner erst spät am Abend beendigte, recht gut. »Und nicht wahr, Grete«, schmeichelte die Emsige, welche trotz der Ermüdung, die sie fühlte, noch an die Wäsche dachte: »morgen früh stehen wir auf, ehe der Tag anbricht. Dann wird unser heutiges Versäumnis eingeholt; und wenn uns die Sonne zum Trocknen hilft, so kommt alles in eine schöne Ordnung.«

Als am darauffolgenden Abend die Mutter eintraf, war ihre Ueberraschung groß. So viele, dazu unvorhergesehene Arbeit war bewältigt worden in ihrer Abwesenheit. Der Garten geordnet, die Wäsche besorgt, dazu das Haus so blank und schön, wie sie es sich nur wünschen konnte? »Was, meinst du, wird aus unserer Luise werden?« fragte sie den Gatten, als sie das Töchterlein belobt, und es mit einem kleinen Geschenk bedacht hatte. »Ich denke, sie gibt eine gute Hausfrau, denn dazu hat Luise alle Anlage«, lautete des Vaters Spruch und ein berechtigter Stolz klang aus seiner Rede. – Der Grete aber hatte Luise, als sie am Waschzuber gestanden hatten, anvertraut: » alles bringen wir fertig, und nur zum Lesen in meinen schönen Büchern blieb gestern und heute keine Minute Zeit.« Freilich fand sie mit dieser Klage bei Greten kein geneigtes Ohr und auch kein Mitgefühl, denn das Mädchen betrachtete alles derartige als Zeitverschwendung und stand mit Lesen und Schreiben auf gespanntem Fuße. Für Luise aber gehörte gerade dieses zum höchsten Erdengenuß, und der Vater wird an seinem Kinde noch mancherlei erleben. »Was ein Häckchen werden will, krümmt sich bei Zeiten«, sagt das Sprichwort.

*

III.
Aus der Jugendzeit.

Im traulichen Giebelstübchen zu Oberwälden finden wir ein frisch aufgeblühtes, junges Mädchen. Ein Zimmer konnte man den kleinen Raum, welchen Luise sich auf dem Speicher erwählt und sorgsam zugerichtet hatte, zwar kaum nennen. Ein Tischchen, in unmittelbarer Nähe des Dachfensters, welches von Blumen lieblich umrankt war, ein hölzerner Stuhl und, seitwärts angebracht, ein kleines Büchergestell – dies alles mit einem Bretter-Verschlag umfriedigt, welcher die schöne Umgebung mitleidig verbarg, so war diese kleine Behausung beschaffen. In den unteren Räumen des Hauses gab es kein unbenütztes Winkelchen, denn von neun Geschwistern, welche sich da bewegten, wollte ein jedes sein bescheidenes Plätzchen einnehmen. Luise aber bedurfte eines stillen, vom Lärm des Tages abgeschiedenen Ortes, wohin sie sich zurückziehen konnte, so oft die Zeit es ihr erlaubte. Da sie die treue Gehilfin der Mutter war, machte sich das nicht so ohne weiteres; umso froher war Luise, wenn sie bei weiser Einteilung der Zeit doch täglich einige Stunden noch für sich erübrigte. Dann thronte sie wie eine Königin dort oben, wo ihr begeisterter Blick in die blaue Ferne schweifte, und nichts konnte sie in ihren Betrachtungen und in ihrem Eifer stören.

Mitten im Umtrieb des täglichen Lebens, welcher die Jungfrau umgab, hatte sich ihr der Sinn für alles Hohe und Edle erschlossen. Der Vater, welcher die Erziehung seiner Kinder sorgfältig leitete, weckte diesen Sinn; die Brüder, von denen zwei schon aus der Hochschule waren, und die in den Vakanzen ihre Weisheit auskramten, ermunterten das ideale Streben der Schwester. Aber der Keim dazu war doch in ihr selbst vorhanden, vom Schöpfer in sie gelegt, als eine köstliche wundersame Gabe. Besonders war es das Studium der Geschichte, welches Luise anzog und beschäftigte. Je mannigfacher die Bilder waren, welche hiebei an ihr vorüberzogen, umso reicher entwickelte sich ihr Geistes- und Gemütsleben und trieb Blüten und Früchte.

Im Hause herrschte jetzt manche Not. Der ausgedehnte Haushalt erforderte Mittel, welche das Einkommen der Pfarrei weit überstiegen, zumal die studierenden Brüder viel Geld kosteten. Der Vater aber war zu Zeiten krank, und mußte sich in den Amtsgeschäften durch einen Vikar vertreten lassen, weil seine geringen Kräfte dazu nicht mehr ausreichten. So türmten sich vor den Eltern Sorgenberge, und Luise blieb es nicht verborgen, wie sie sich oft bekümmerten. Bedrängnis ist schon oft ein Hammer gewesen, welcher hartes Gestein zerschlug und aus der engen Menschenbrust edles Metall zu Tage förderte. Auch bei Luise, welche das Joch in ihrer Jugend tragen lernte, bewies sich dies auf mannigfache Weise. Wer teilte die Sorgen der vielbelasteten Mutter? Wer wachte am Krankenbette des leidenden Vaters? Wer sann auf Mittel und Wege, um aus den Verlegenheiten sich herauszuwinden, in welche besonders die Krankheit des letzteren die Familie brachte? Vor allem bedrückend war es Luise, daß der Vater eine vom Arzt verordnete Badekur nicht unternehmen konnte aus bewußten Gründen, und viele Gedanken, welche auf Rat und Hilfe zielten, wogten in ihr auf und nieder. Und siehe, dem Willen, welcher gut und redlich war, folgte bald die That: Luise ging in ihrer Freizeit, welche sie bisher zum Lesen treu benützt hatte, zu einer neuen Beschäftigung über. Was mag es bedeuten, daß sie in mancher stillen Stunde die Feder führt? Daß sie selbst ihre Ruhezeit und den Schlaf verkürzt, um ihre Pläne zu verfolgen? So schreibt sie, ohne daß jemand davon weiß, Seite um Seite, Blatt um Blatt – es kostet Mühe und Schweiß und fordert Geduld und Ausdauer. Doch immer zu! Luisens Eifer erkaltet nicht; und nach einer Zeit angestrengter Thätigkeit legt sie dem erstaunten Vater ihre erste, für die vaterländische Jugend geschriebene Erzählung in die Hände. Auch ein Verleger dazu ist schon gefunden und der Erlös der Arbeit soll dem leidenden Vater zu gute kommen. Tiefgerührt über solches Thun schließen die Eltern die treue Tochter in ihre Arme.

*

IV.
Reger Fleiß, der Mühe Preis.

Jugendzeit – Arbeits- und Schaffenszeit – so lautete die Losung für Luise Pichler, welche von diesem Zeitpunkt an emsig weiterschrieb. Ihre anfänglich schüchternen Versuche mehrten sich, und die gute Aufnahme derselben ermunterte sie zu freudigem Fortfahren auf der beschrittenen Bahn. Den engen Rahmen der württembergischen Geschichte, welche sie bei ihrer ersten Arbeit zu Grunde legte, machte sie sich bald weiter, und ihre Erzählungen – oft zwei- und dreibändige Werke – spielten fortan in der vergangenen Pracht und Herrlichkeit der deutschen Kaiserzeit unter den Karolingern, Saliern und Hohen-Staufen. Dabei wurde sie noch in umfassenderem Sinne als bisher die Stütze der Ihrigen, besonders als der leidende, von ihr so sehr geliebte Vater starb, dessen letzte Freuden die Erfolge seiner Tochter waren. Mit inniger Liebe blieb sie der Mutter und dem Kreise der Geschwister zugethan, und es war ihr Vorsatz, ihnen nach allen Kräften zu dienen.

Aber noch einen Schatz von Liebe barg Luisens Herz, den bis jetzt noch niemand gehoben hatte. Zu mancher Gnade und Hilfe Gottes, welche die bereits gereifte Jungfrau in einer Reihe von Jahren erfuhr, kam nun für sie die Zeit eines reinen und schönen Brautglückes. Ein Mann, welcher ihren Lebensgang wohl kannte, warb um ihre Hand, und sie folgte ihm freudig in ein eigenes, durch Liebe und gegenseitige Hilfeleistung verschöntes Heim.

Es war Abend, ein trauliches Dämmerlicht, und die Gatten, welche eifrig Zwiesprache hielten, lustwandelten im Freien, sich erquickend an der milden Sommerluft.

»Was soll ich schreiben? rate mir!« begann die junge Frau, während sie fragend und voll Innigkeit zu ihrem Manne aufschaute.

Dieser machte ein ernsthaftes Gesicht. »Erst seit drei Wochen in meiner Behausung und schon so von Langeweile geplagt, daß du nach anderweitiger Beschäftigung ausschauen mußt?« sagte er scherzend.

Frau Luise wußte solche Späßchen aufzunehmen und hatte sie sogar von ihrem Manne recht gerne. Er aber wußte wohl, daß die Erwählte seines Herzens, welche die Pflichten der Hausfrau treulich ausübte, auch jene andere Aufgabe wichtig hielt. Die Quelle ihrer Erfindungsgabe, auf geschichtliche Thatsachen gestützt, mußte eben unaufhörlich sprudeln.

»Du schreibst so viel für die Erwachsenen«, sagte jetzt der Gatte, auf die Frage seiner Frau liebreich eingehend: »Du sollst aber vor allem an die Jugend denken, denn unsere besten Kräfte müssen ihr gehören.« Der so redete, hatte Tag für Tag die Aufgabe, den Knaben in seiner Schulklasse zu Ulm am Donaustrand Latein und andere nützliche Wissenschaften beizubringen. Er wußte aus Erfahrung wohl, daß manches nicht in die harten, oft auch leichtsinnigen Köpfe eingehen wollte, selbst nicht mit dem Stab »Wehe«, welchen ein Lehrer dann und wann schwingen muß. Darum, so war nun seine Meinung, sollte die schreibelustige Gattin seine Bestrebungen auch einmal mit dem Stab »Sanft« unterstützen, und in lieblichen und lehrreichen Erzählungen den Sinn für die Geschichte bei der Jugend wecken.

»Gesagt, gethan«, hieß es bei der Frau Professorin. Es entstanden unter ihrer fleißigen Feder in wenigen Jahren die sogenannten »grünen Büchlein,« fünfzig an der Zahl, welche sich bald einer allgemeinen Beliebtheit unter dem jungen Volk erfreuten. Vor allem waren es die frühen Morgenstunden, welche die Schriftstellerin, die unter ihrem Mädchennamen weiterschrieb, der Arbeit widmete. Wie lieb mußte sie die Kinder haben, daß sie ihnen den Schlaf und so manche freie Stunde opferte, überhaupt ihre ganze Person für sie einsetzte.

In den Volks- und Jugendbibliotheken, wie in den Familien sind jene Früchte ihrer Arbeit reichlich vertreten. – »Sind grüne Büchlein zu haben? Ich möchte eines!« – »Ich auch!« – »Ich auch!« hieß es regelmäßig unter einer Schaar von Kindern, welche sich am Sonntag von ihrem Lehrer Lesestoff holten; und die »Pichlerlein,« wie sie auch genannt wurden, waren bald die abgegriffenste Waare unter ihren Brüdern.

*

V.
Pflicht und Vergnügen.

Die Jahre enteilten im schnellen Lauf, und an der Frau Professorin gingen sie auch nicht spurlos vorüber. Ihre kleine zartgebaute Gestalt war zwar noch aufrecht, munter ihr Gang, frisch und lebhaft ihr ganzes Wesen. Aber die Locken, welche sie immer zu tragen pflegte, ergrauten im Alter, und sie klagte manchmal darüber, daß man in der Residenzluft nicht gut zu atmen vermöge. Sie war nämlich ihrem Gatten, welcher nach Stuttgart berufen wurde, schon vor längerer Zeit dahin gefolgt; aber wie gesagt, diese Veränderung bekam ihr nicht sonderlich gut. Um ihre Gesundheit zu stärken, nahm sie zwischendurch gern einen längeren Aufenthalt bei lieben Verwandten. Sie genoß bei ihnen das ihr so heimische Pfarrleben, und atmete Landluft in vollen Zügen.

Ist das eine Freude im Haus und in der ganzen Nachbarschaft, wenn die »Tante« wieder kommt! Haben doch die Alten Unterhaltung und geistigen Gewinn von ihr; und die Kinder, welche in der Nähe des Pfarrhauses wohnen, erhalten manchen freundlichen Gruß und regelmäßig eine Düte Zuckerwerk zum Einstand. Die Tante liebt besonders auch Musik. Daher ertönt am Abend öfters das Klavier, und die Töchter des Hauses müssen dazu singen. Meist sind es Choräle, welche die Tante sich ausbittet; und während sie lauscht, und bald lauten, bald leisen Beifall zollt, durchgeht sie in Gedanken manch wichtige Station ihres Lebens. Da ist zum Beispiel ihr Konfirmationstag, bezeichnet mit dem feierlich erhebenden Gesang:

»Allgegenwärtiger, ich schwöre,
Dir heut vor Deinem Angesicht.
Sei gnädig Deinem Kind und höre,
Was Dir mein Herz und Mund verspricht.«

Ein anderes Lied, welches sie gerne singen hörte, weil es ihr unter der Empfindung ihrer eigenen Unzulänglichkeit wichtige Dienste leistete, war das bekannte:

»Christi Blut und Gerechtigkeit,
Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid.« –

Und endlich kam gewöhnlich noch der Vers, welchen sie als ein teueres Vermächtnis vom Sterbebette ihres Vaters hoch hielt:

»Wenn ich einmal soll scheiden,
So scheide nicht von mir!«

Sie erinnerte sich auch für sich selbst mit Vorliebe ihrer Sterblichkeit, obgleich sie noch mitten im Leben stand, und wie immer in Thätigkeit war.

Vom Haus zum Garten, der über der Straße liegt, wandelt mehrmals am Tage die Frau Professorin. Warum hat sie es denn so eilig und kann sich bei Gruß und Handschlag der Kinder, welche ihr zulaufen, nicht lang aufhalten? Nun, sie muß ja Geschichten schreiben, denn der Born ihrer Muse ist noch nicht erschöpft. Sie neigt sich herunter zu den Niedrigen, den Kindern in der Kinderstube, denen sie schöne Märlein schreibt; dann aber wartet auch die reifere Jugend wieder auf neue Bücher. Denn weil das alte deutsche Reich in neuer Herrlichkeit erstand, so will man dies in ihren Schriften lesen und sich von ihr begeistern lassen. Im Gartenhaus, wo man von luftiger Höhe auf rebumkränzte Hügel schaut, steht ein zierlicher Schreibtisch, und jeder Eingeweihte weiß, daß man diesen Ort hoch halten und darum möglichst meiden muß, um Störung zu verhüten. Nur wer der emsig Arbeitenden mit Speise und Trank zu Hilfe kommt – was oft sehr nötig ist, denn sie vergißt sich leicht, – hat einen freien Zutritt.

Eines Tages wird ein kleines Kind aus der Nachbarschaft vermißt. Man sucht das dreijährige Bübchen überall, besonders im Pfarrhaus, wohin es so seinen gewohnten Lauf hat. Aber Helmchen ist nicht im Pfarrhaus, wie man vermutet. Er befindet sich auch nicht auf der Straße, und eben so wenig im Pfarrgarten, wohin er sich ja am Ende verirrt haben könnte. Seine Mutter ist begreiflicher Weise im Jammer; und weil sie endlich nicht mehr weiß, wo sie den verlorenen Liebling suchen soll, so untersucht sie die mit Regenwasser gefüllten Tonnen im Pfarrgarten, wo aber der Entwischte glücklicherweise auch nicht hervorgezogen wird. Die schreibende Frau Professorin hat man bei der Aufregung, die es nun gab, natürlich verschont und umgangen aus schon erwähnten Gründen. Nun aber bricht die Not Eisen, und die bedrängte Mutter des kleinen Wilhelm wirft im Vorübergehen auch einen Blick durchs Fenster in den Musentempel. O Wonne – was sieht sie da! Das Flachsköpfchen ihres Kindes schaut unterm Tisch hervor, allwo es sich der Frau Professorin demütig zu Füßen gesetzt hat. Diese letztere hat Weißbrot und Wein vor sich und reicht von Zeit zu Zeit ein gutes Bröcklein oder ein Schlückchen hinab, fast unbewußt, indem sie ihre Gedanken in lauter Rede weiterspinnt. Es ist ein Bild zum Malen. Und als sich die Mutter den Eintritt erlaubt und Helmchen aus seinem Versteck hervorzieht, ist die Frau Professorin sehr erstaunt. Nun, sie liebt eben die Kinder weit und breit, wiewohl sie nie eigene Kinder besaß, und fesselte sie an sich. Wenn man ihr auch einmal von unartigen Kindern sprach, deren es ja leider mehr als genug gibt, so konnte sie das in ihrer Seelengüte niemals glauben.

*

VI.
Licht am Abend.

Die Novembersonne schien freundlich aber matt durch die Fensterscheiben und beleuchtete ein Bild des Vergehens und Verwelkens. Im Krankenstuhl sorgsam gebettet saß die Frau Professorin und ihr müdes Haupt ruhte sanft geneigt in den weichen Kissen. Wie war ihre Gestalt zerfallen und die Farbe der Gesundheit, welche sie früher schmückte, von ihrem Angesicht gewichen! Aber helle blickten noch die blauen Augen und man sah es wohl, wie ihr lebhafter Geist sich noch bethätigte. Schon seit Jahren hatten die bösen Novembernebel die Leidende immer sehr bedrückt; diesmal ließ der liebe Gott einen Tag um den andern die Sonne scheinen, und der sonst unwirtliche Monat kam eigentlich gar nicht zu seinem Recht, zur Wohlthat unserer Kranken.

»Ach, daß ich nur immer ruhen soll, anstatt zu arbeiten,« sagte Frau Luise zu ihrem mit Schreiben beschäftigten Gatten, in dessen lieber, ihr allezeit erwünschten Nähe sie weilte. Dieser Seufzer, welcher eine wehmütige Klage einschloß, kam aus bewegter Brust; er wurde durch ein Klopfen an der Zimmerthüre unterbrochen.

»Herein!« – Der Postbote trat ein und brachte ein umfangreiches Packet an die Frau Professorin. Was mag es enthalten? Die zitternden Hände wollen die Schnur rasch lösen; aber es geht ja nicht bei der freudigen Aufregung und Erwartung – man muß ihr helfen. Bald kamen aus der Papierhülle eine Menge Büchlein hervor, jedes mit einem schönen bunten Bilde geziert, aber mit verschiedenen Titeln.

»Grüß Gott, ihr Kinder, o, wie ich mich freue, euch wiederzusehen! Das neue Kleid ist hübsch und steht auch gut; der Inhalt aber ist dem entsprechend, denn dafür habe ich Sorge getragen.« Mit Wonne im Herzen überschaute die Kranke die soeben erhaltene Sendung. Dieselbe war für sie eigentlich keine Ueberraschung, wohl aber eine große, große Freude. Ein neuer Verleger in Leipzig war scharf ins Zeug gegangen, und hatte die sogenannten grünen Büchlein vorgenommen, um sie in neuer Auflage und in neuem Gewand zu Ehren zu bringen. Ihre Durchsicht vor drei Monaten war die letzte freudenreiche Aufgabe, welche die Schriftstellerin mit schon sinkender Kraft vollbrachte.

»Spielt mir mein Danklied,« sagte die Kranke jetzt überwältigt; und bald schlug das »Lobe den Herrn, o meine Seele« an ihr lauschendes Ohr. »Und nun: Christi Blut und Gerechtigkeit«, wünschte sie weiter. Dies war ja immer ihr Leiblied gewesen, und sie ahnte vielleicht in diesem Augenblick, daß es für sie galt, sich zur seligen Heimfahrt zu rüsten.

Daß zu Weihnachten ihre Büchlein wieder in den Familien erscheinen und die Jugend von ihr grüßen werden, war der allezeit beweglichen Frau ein lieber Gedanke; ihre Krankheitstage, in denen es nun stille halten galt der Führung Gottes, wurden dadurch erhellt. Sie lernte es, in Anbetracht dessen geduldig sein und die allezeit fleißigen Hände in den Schoß zu legen. Aber zu Weihnachten grüßten die Büchlein, wohin sie kamen, schon von einer, welche nicht mehr im Lande der Lebendigen weilte. Am strahlend schönen Wintertag – den 23. November 1889 – hat man die irdische Hülle der edlen Frau zu Grabe getragen, und eine reiche Blumenfülle, gespendet von denen, welche sie liebten und verehrten, überdeckte ihren stillen Hügel. Als man sie einsenkte, erklang nach ihrem Wunsch, den sie den Ihrigen schriftlich hinterließ, die Melodie jenes Verses: »Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir.« Die Rede am Grabe aber war – gleichfalls nach ihrer Bestimmung – gegründet auf die Worte aus dem Apostolischen Glaubensbekenntnis, welches sie bei ihrer Konfirmation gesprochen hatte: »Ich glaube an eine Vergebung der Sünden, Auferstehung des Leibes und ein ewiges Leben.« –

Erkennet ihr, ihr Lieben Alt und Jung, daß dies ein schöner Schluß eines reich gesegneten Lebens war? Ist unsere edle Freundin nicht der Liebe wert, ihr Thun und Streben für uns ein mächtiger Sporn und Antrieb, dem guten nachzutrachten und Gott, den Schöpfer und Erhalter unsres Lebens zu preisen? Im großen wie im kleinen sollen wir ja unsre Kräfte brauchen lernen; und selbst ein geringer Stand wird dadurch gesegnet. Vor allem aber lasset uns Gott lieben, so wird er uns in unserm Teil zum Wollen das Vollbringen schenken.


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