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Haideliese.

Eine Erzählung für Jung und Alt von Marie Schweikher.

*

Die Begegnung.

Der Freiheitskrieg war ausgekämpft; die Franzosen aus Deutschland vertrieben worden. Nicht so schnell aber konnte all' das Weh und Leid geheilt und gehoben werden, das die jahrelangen Kriege über unser Vaterland verhängt hatten.

Wer gab den Witwen die Männer, den Eltern die Söhne und den Kindern die Väter wieder, die auf dem Schlachtfelde ihr Leben zum Opfer gebracht hatten?

Mit den Freiheitsliedern der Jugend und den Lob- und Dankliedern des beglückten Volkes vermischten sich die Klagen und Thränen derjenigen, die vergebens auf die Heimkehr eines geliebten Angehörigen warteten.

Und doch! Wie Gott sich unseres ganzen Volkes erbarmt, und ihm Kraft gegeben hatte, Napoleon und seine Heeresmassen zu vernichten, so wachte dasselbe treue Vaterauge auch über den Einzelnen, und Seine Vorsehung verknüpfte in oft wunderbarer Weise die Geschicke der Menschen.

* * *

An einem Frühlingsabend des Jahres 1816 bewegte sich langsam und schwerfällig eine ziemlich elend aussehende Postkutsche der ostfriesischen Stadt Aurich zu. Mühsam arbeiteten sich die Räder durch den aufgeweichten Boden; die Pferde schwitzten vor Anstrengung; – da ein Ruck, ein Krach – und der unförmliche Kasten neigte sich bedenklich zur Seite.

Mit einem derben Fluche sprang der Kutscher vom Bocke, um den Schaden näher zu untersuchen. »Dorr hewwt wit nu!« (Da haben wir es nun!) sagte er, indem er der einzigen Insassin des Wagens aus ihrer unbequemen Lage heraushalf. »Nu kann man vörr morgen nich wieder.« (Nun kann man vor morgen nicht weiter.)

Auf einen fragenden Blick seiner Reisebefohlenen deutete er mit der Hand auf das nicht allzuferne Zollhaus, dessen aufgezogener, weiß und gelb angestrichener Schlagbaum von der im Sinken begriffenen Sonne grell beleuchtet wurde. »Dorr gahn's man henn« (da gehen Sie nur hin) sagte er, sich mit dem roten Taschentuch den Schweiß von der Stirne wischend. »Man direckt dörr dat Heedekrut« (Nur direckt durch das Haidekraut.)

Da er sich mit diesen Worten auch schon wieder den Pferden zugewandt hatte und dieselben abzuschirren begann, schlug die Reisende schweigend die ihr bezeichnete Richtung ein.

Zum Glück hatte es aufgehört zu regnen. Der Himmel war wolkenlos, und die Haide erstreckte sich bis ferne an den Horizont in der ihr eigenen Eintönigkeit, die nur für den dort Geborenen einen eigentümlichen Zauber besitzt.

Frau von Lehrhof hatte offenbar keine Eile, vorwärts zu kommen. Sie hielt manchmal wie ermüdet den Schritt an, und ihr Auge schweifte sehnsüchtig in die Ferne, als ob sie etwas verlorenes Liebes suche.

Sie hatte seit vorigem Herbste eine lange Reise gemacht und kehrte nun zurück von jenem blutgetränkten Felde bei Leipzig, auf dem ihr der Gatte und der einzige Sohn an einem Tage geraubt worden waren.

»Wieder daheim!« sagte sie unwillkürlich, »und doch nicht daheim. Ich habe keine Heimat mehr als jene eine, wo meine Lieben sind. Mein Leben wird fortan leer und öde sein, öde wie diese Haide.«

Als ob ihre Worte Lügen gestraft werden sollten, ließ sich jetzt plötzlich das Mäckern einer Ziege vernehmen, die langsam grasend näher kam, umsprungen von zwei munteren Zicklein, die sich in ausgelassener Lust umher jagten. Hinter ihnen schritt ein dünn gekleidetes, etwa zwölf Jahre altes Mädchen, das ein grobwollenes Strickzeug in den Händen hielt. Ganz im Gegensatze zu den Kindern des nördlichen Distriktes, die meistens flachshaarig und blauäugig, hatte dieses Mädchen dunkles Haar und große schwarze Augen, die sich aus dem mageren, fast unschönen Gesichte halb fragend, halb erschrocken auf die unerwartete Erscheinung der Dame hefteten.

»Wie heißt du, mein Kind?«

Keine Antwort. Nur ein scheuer Blick unter den langen, dunklen Augenwimpern hervor streift die Fragende.

Die Dame wiederholt ihre Frage in der hier üblichen plattdeutschen Mundart, und nun erfolgt ein kurzes:

»Liese«.

»Wo wohnst du, Liese?«

Statt der Antwort deutet das Mädchen mit der Hand nach Westen, wo aber Frau von Lehrhof trotz des angestrengtesten Forschens keine Wohnung entdecken kann.

»Wie heißt dein Vater?«

Liese schüttelt den Kopf.

»Hast du Geschwister?«

Wieder das stumme Kopfschütteln.

»Bist du allein bei deiner Mutter?«

»Ich habe keine Mutter.«

»Bei wem wohnst du denn?«

»Bei der Großmutter.«

So wird noch die Unterhaltung eine Weile fortgesetzt. Ob Liese zur Schule geht? Nein. Ob sie lesen und schreiben kann? Nein.

Da legt die Dame beide Hände auf die Schultern des Mädchens, schaut ihr tief in die Augen und frägt:

»Aber Liese, du kannst beten?«

Aus den sonst nicht unintelligenten Augen Haideliesen's trifft Frau von Lehrhof ein ziemlich verständnisloser Blick.

»Spricht denn Großmutter nie mit dir von Gott?«

»Ja, wenn es donnert.«

»Betet sie dann mit dir?«

»Ich weiß es nicht; was sie sagt, kann ich nicht verstehen.«

»Hast du schon von Jesus Christus gehört?«

»Nein.«

Frau von Lehrhof weiß jetzt zum ersten Mal aus eigener Erfahrung, daß es wahr ist, was man ihr oft erzählt, daß es nämlich hier in dieser Gegend viele Kinder giebt, die ohne jeden christlichen Unterricht und Einfluß aufwachsen, und die, wenn sie in ihrem dreizehnten, vierzehnten oder fünfzehnten Jahr zum Dienen in die Stadt kommen, sich noch keine Vorstellung machen können von Gott oder seinem eingeborenen Sohne Jesu Christo.

»Höre, mein Kind«, sagt sie eindringlich und ernst, »da du nicht lesen kannst, wird es auch nichts nützen, daß ich dir etwas zu lesen gebe; aber einige Worte kannst du mir nachsprechen und behalten.«

Neben Haideliese herschreitend, die angefangen hat, ungeduldig nach den Ziegen auszuschauen, spricht Frau von Lehrhof ihr langsam und deutlich wieder und wieder die Worte vor:

»Gott ist im Himmel.« »Gott ist mein Vater.« »Gott liebt mich.«

Als sie es ohne Stocken nachzusprechen vermag, fügt ihre Lehrerin noch einige leicht faßliche Erklärungen hinzu, alles in der plattdeutschen Mundart, die hier unter dem Volke üblich ist. Nachdem sie dann noch dem Mädchen ein kleines Geldgeschenk für ihre Großmutter gegeben, verabschiedete sie sich, und indem sie langsam den Fußpfad zum Zollhause einschlägt, springt Liese mit ihren bloßen Füßen behende ihren Schützlingen nach, die sich schon eine ziemliche Strecke von ihr entfernt haben.

Frau von Lehrhof ist tief bewegt. An diesem Tage, an dem sie sich so besonders vereinsamt gefühlt, empfindet sie diese Begegnung mit dem Kinde der Haide als eine Fügung Gottes. Unwillkürlich kommen ihr die Worte: »Wer ein solches Kind aufnimmt in Meinem Namen, der nimmt Mich auf.« Will der HErr ihr eine Arbeit anweisen? Will ER ihr zeigen, daß sie kein Recht dazu hat, mutlos und thatenlos die Hände in den Schoß zu legen? Hat ihre irdische Heimat auch für sie den größten Reiz verloren, so kann sie doch vielleicht manchem armen Kinde eine Heimstätte bieten und ihm zugleich eine Wegweiserin werden zu jenen ewigen Stätten der Ruhe und des Friedens, die Christus den Seinen bereitet hat.

Der Ausdruck der Schwermut wich von ihrem edelgeschnittenen Gesicht, und eine feste Entschlossenheit sprach jetzt aus den vorhin so träumerisch ins Weite schweifenden Augen. Ihre Haltung war aufrechter, ihr Gang elastischer geworden, als sie nun auf dem durch die Haide führenden Fußweg rasch dem Zollhäuschen zuschritt.

*

Die Lehmhütte.

Haideliese war heute Abend nicht so schnell wie ihre Pfleglinge, mit denen sie sonst um die Wette ihrer bescheidenen Wohnung zuzueilen pflegte. Ihr Strickstrumpf ruhte vergessen in dem an ihrer Seite hängenden Brotbeutel, und selbst für die Liebkosungen der alten Ziege, die manchmal, zu ihr zurückspringend, ihr die Hände leckte, schien sie keinen Sinn zu haben. »Gott ist im Himmel, Gott ist mein Vater, Gott liebt mich.« – Diese Worte mit den nur halb verstandenen Erklärungen der Dame gingen ihr unaufhörlich im Kopfe herum; ihre großen dunkeln Augen richteten sich oft fragend auf das weite Himmelszelt, als ob ihr von dorther eine Antwort oder irgend eine nähere Erklärung kommen müsse.

Liese hatte keinen Vater, hatte nie einen solchen gekannt. Aber Torfmichel war ein Vater und das mußte wohl die Ursache sein, daß er manchmal seinen flachsköpfigen Buben und Mädchen einen Apfel oder einen Weizenstullen aus der Stadt mitbrachte. Wenn Gott ihr Vater war, warum hatte ER denn ihr, der Liese, noch nie so etwas Gutes und Herrliches geschenkt? Nun, vielleicht hatte ER viel zu thun, oder ER wußte noch nicht, daß sie hier auf der Haide bei der Großmutter lebe. Aber das konnte ja nicht sein, denn die Dame hatte ausdrücklich gesagt, daß Gott sie liebe. Wunderbar! Sie hatte ja Ihn, Gott, nie gesehen und kannte Ihn nicht.

Liebte die Großmutter sie? Liese erinnerte sich, daß sie für dieselbe gearbeitet hatte, so lange sie sich denken konnte; dafür hatte sie zu essen bekommen und manchmal auch Schläge – ob das Liebe war? Vielleicht liebte Torfmichel seine Kinder. Er ließ sie bisweilen auf seinen Knieen tanzen und sogar am Sonntag auf dem alten mageren Gaul reiten, der ihm seinen Torf in die Stadt ziehen mußte. Und einmal hatten Torfmichel und seine Frau Dörte sogar geweint, als ihnen der kleine Peter gestorben war. Und damals hatte sie, Liese, ja auch geweint. Warum denn? Plötzlich stand sein kleines Bild mit den kirschroten Lippen, den lieben blauen Augen und den drallen Aermchen vor ihren Augen, und Liese überkam es nun auf einmal wie eine Ahnung, was Liebe sein könne; – sie hatte damals geweint, weil sie dem kleinen Peter so gut gewesen war, weil sie ihn geliebt hatte.

Seltsam regte es sich in Haideliesen's Herzen, und unwillkürlich zog sie den Kopf der Ziege näher an sich heran, als diese wieder einen Versuch machte, die Aufmerksamkeit des in Gedanken versunkenen Mädchens zu erregen. Wie ein Instrument, das lange Zeit unbeachtet in einem Winkel gestanden, und aus dem nun eine geübte Hand liebliche Accorde anschlägt, so war es mit Haideliesen's Herz. Durch die seltsame Begegnung mit der Dame war sie auf einmal mit der ihr fremden Außenwelt in Berührung getreten, zugleich aber auch in Berührung gekommen mit der ihr noch fremderen Welt über ihr. Oder war ihr diese Welt doch nicht so fremd, als sie gemeint? –

Wenn manchmal Glockentöne so feierlich über die Haide dahergeschwebt kamen, wenn es ihr wie gerade jetzt beim Anblick des feurigen Sonnenballs so seltsam beklommen zu Mute wurde, oder wenn sie bei dem majestätischen Rollen des Donners und dem Zucken der Blitze unwillkürlich die Hände gefaltet – waren es vielleicht Stimmen jenes unbekannten Gottes gewesen, der mit ihr redete, weil ER sie liebte? –

Haideliesen's Herz klopfte heftig, Thränen füllten ihre Augen, und auf einmal warf sie sich der Länge nach auf den Boden und schluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte.

Niemand sah sie, niemand hörte sie, niemand zog sie an die Brust und tröstete sie; – und dennoch war etwas Großes, Herrliches vor sich gegangen. – Das Kind kam zum Vater im unbewußten Drange eines sehnenden, vollen Herzens, – und der Vater? – Wird ER Sein Kind lassen? –

Nach den letzten zwei Stunden konnte das Mädchen nie mehr ganz dasselbe Wesen werden, das es vorher gewesen. Fortan mußte Liese besser oder schlechter werden. Das alles konnte natürlich sie selbst sich nicht klar machen, kaum unbestimmt fühlen.

Jedenfalls hatten die Thränen ihr Herz erleichtert, und sie hatte nun einstweilen keine Zeit mehr, ihren Betrachtungen nachzuhängen. Sie führte die Ziegen in den kleinen Holzschuppen, holte von dem Holzbänkchen vor der Thüre der Lehmhütte eine irdene Schüssel und begann die alte Gais zu melken. Nachdem dann noch die Zicklein ihr die letzten Brotkrumen aus der Tasche genascht, begab sie sich mit der vollen Milchschüssel in die von Rauch geschwärzte niedere Lehmhütte. Durch die kleinen längst erblindeten Fensterscheiben fiel nur ein spärliches Licht in dieselbe, das heute nicht einmal zur vollen Geltung kommen konnte, da der Rauch, der offenbar durch den primitiven Schornstein keinen Abzug finden konnte, sich in der Hütte angesammelt hatte und jetzt in dichten Wolken nach der Thüre drängte. Liese ließ denn auch die obere Thürhälfte offen stehen, und erst, nachdem der Torfqualm sich verzogen, konnte man die am niederen Herde sitzende Gestalt einer alten Frau erkennen.

Sie war offenbar mit dem Binden der sogenannten Haidebesen beschäftigt gewesen, die noch jetzt den Bewohnern jener friesischen Gegend eine Erwerbsquelle bilden. Im Augenblick aber ruhten die runzligen, lederbraunen Hände der Alten müßig im Schoße, und der graue Kopf lag im Schlafe auf der Lehne des harten Binsenstuhles. Einer schnellen Eingebung folgend, nahm die Enkelin das gewürfelte Kopfkissen von dem einzigen Bette, das hinter einem geblümten Vorhange in der Ecke neben dem Herde stand, und schob es der Alten unter den Kopf.

Dann fachte sie das glimmende Torffeuer zur hellen Flamme an, füllte den an einer Kette hängenden Kessel mit frischem Wasser, und begann nun auf einer alten Handmühle das gebrannte Korn zu mahlen, aus dem ihr allabendliches Getränke bereitet wurde.

Nachdem sie selbst ihr frugales Abendbrot, aus Schwarzbrod, Ziegenkäse und Kornkaffee bestehend, gegessen, und es der Großmutter, die sie nicht Wecken mochte, auf dem niederen Herde zugerichtet hatte, band sie mit geschickter Hand die fertigen Besen zu einem mächtigen Bündel zusammen, den sie sich auf den Rücken hockte. Die Besen mußten noch zum Torfmichel gebracht werden, der sie am andern Morgen mit dem Torfe in die Stadt führte und dort für die alte Großmutter zum Verkaufe brachte.

Der Weg nach dem Moor war von dem leichtfüßigen Mädchen schnell zurückgelegt; aber nicht so schnell vermochte sie sich heute Abend von dem schweigsamen Ehepaare, dem Michel und der Dörte, zu trennen.

Eine Weile betrachtete Haideliese sich die friedlich schlafenden Kinder; dann wie nach einem plötzlich gefaßten Entschluß, wandte sie sich an das Ehepaar mit der wie aus der Luft gegriffenen Frage:

»Michel, worr is min Vader?« (Michel, wo ist mein Vater?) Der Angeredete ließ das Messer sinken, mit dem er soeben ein mächtiges Stück geräucherten Speck zum Munde führen wollte, und starrte die Fragende an wie ein Gespenst.

»Worr is min Vader?« wiederholte dieselbe. »Dat wet ick nich,« sagte der Torfbauer bedächtig. »He wehr en van dat gottlose Franzosentüch und wi hewt üm min Dag nich sehn.« (Er war einer von den gottlosen Franzosen und wir haben ihn nie gesehen.)

»Worr is min Moder?« (Wo ist meine Mutter?) fragte Liese weiter.

»De lat man ruhen,« fiel jetzt Dörrte ein, »de is lang dot.« (Die laß man ruhen, die ist lange tot.) »De Gram hett hörr det Hart affstött.« (Der Gram hat ihr das Herz abgestoßen.)

Haideliese war es wieder zu Mute, als ob sie laut aufschluchzen müsse. Aber sie schämte sich und wandte sich mit einem kurzen: »Gode Nacht ok« zum Gehen.

Kopfschüttelnd schauten ihr die etwas verblüfften Moorbewohner nach.

Draußen flimmerten jetzt am Himmel die Sterne, und Liese mußte dabei wieder an die Worte denken: »Gott ist mein Vater,« »Gott liebt mich!« Etwas von dem Gefühl des Geborgenseins zog in das Herz der Wandernden ein, und die schwarzen Torfhaufen, die so gespenstisch aus dem weißen Nebelmeer hervorragten, verursachten ihr heute kein Grauen.

Die alte Frau in der Hütte saß noch an demselben Fleck; aber ihre Augen blickten groß auf die eintretende Enkelin, und sie schüttelte sich wie im Fieber. »Se hett dat Bewern« (Sie hat das Fieber), sagte Liese zu sich und half der Alten, die fortwährend laut mit sich selbst redete, in das hohe Bett.

Erst nachdem die Großmutter ruhiger geworden und auf's Neue in Schlaf gefallen war, warf Liese sich angekleidet neben sie auf das Lager, da sie aus Erfahrung wußte, daß solche Fiebernächte unruhig zu verlaufen pflegten.

Vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben konnte sie vor ihren eigenen Gedanken nicht zum Schlafe kommen. Sie dachte an ihren Vater, den Franzosen, an die tote Mutter, und dann an den lieben Gott im Himmel, der sie heute Abend aus so vielen leuchtenden Augen angesehen. Diese Augen waren die Sterne, und dieselben leuchteten dem einsamen Mägdlein noch lange im Traume, so daß sich ein glückliches Lächeln über die mageren unschönen Züge breitete.

*

Haideliese kommt in den Dienst.

Als Liese am andern Morgen erwachte, stand die Sonne schon ziemlich hoch am Himmel. Die Ziege meckerte laut; ein sicheres Zeichen, daß die Bewohner der Lehmhütte sich verschlafen hatten. Hurtig sprang Haideliese von ihrem Lager und eilte dem Ziegenstalle zu, wo sie mit freundlichen Liebkosungen empfangen wurde. Nachdem sie ihre vierbeinigen Freunde versorgt, hantierte sie schnell aber leise in der Hütte, um die noch schlafende Großmutter nicht zu wecken. Erst als sie mit dem dampfenden Kornkaffee an das Bett trat, fiel es ihr auf, daß die Alte gar so still und ruhig sich verhielt. Sie strich ihr mit der Hand, um sie auf diese Weise zu wecken, das graue Haar von der Stirne; aber die Schlafende regte sich nicht, und die Stirne war so kalt, daß die Berührung das Mädchen erschauern machte. Wie – sollte das der Tod sein? –

»Wenn ick dot bün, dann hahl man de Dörte« (wenn ich tot bin, dann hole nur die Dörte), hatte die Großmutter oft gesagt; aber Liese hatte diesen Worten kaum Beachtung geschenkt. Nun mußte es doch eingetreten sein, das Schreckliche, kaum Faßliche.

Obgleich die Großmutter mehr einer Schlafenden als einer Toten glich, so mochte Liese doch die Berührung nicht wiederholen; sondern sie sprang wie ein gehetztes Wild den Weg entlang, den sie zuletzt gestern Abend bei freundlichem Sternenschein zurückgelegt.

Dörte war bald zur Stelle, und sie konnte nur bestätigen, was Liese geahnt – die Großmutter war tot, und die Enkelin stand allein in der Welt. Wenn in jener abgelegenen Gegend Ostfrieslands die Gemeindeverhältnisse noch vor 25-30 Jahren sehr primitive waren, wie viel mehr war das dann damals der Fall, nachdem die Franzosenherrschaft kaum vorüber war, und man sich selbst in den Städten und den bewohnteren Gegenden erst langsam von den Folgen des Krieges zu erholen begann.

Das nächste Dorf mit einem Kirchhof war mehr als zwei Stunden von der Lehmhütte entfernt, und selbst in diesem Dorfe gab es nicht einmal einen Pfarrer, seitdem der alte im Winter das Zeitliche gesegnet hatte. Der fast ebenso alte Schulmeister mußte bis zur neuen Besetzung des Pfarramts notdürftig die kirchlichen Handlungen verrichten, und er war es denn auch, der am Grabe der alten Besenbinderin von der Haide den letzten Segen sprach. Der Mutter Haideliesens erinnerte er sich noch dunkel; das Kind selbst aber war ihm gänzlich unbekannt. Als er es nun aber so blaß und traurig am offenen Grabe stehen sah, da überkam den alten Mann doch eine plötzliche Rührung, und dem Mädchen die Hand auf's Haupt legend, sprach er die Worte: »Bleibe fromm und halte dich recht; denn solchen wird es zuletzt wohl gehen.«

Der Nachlaß der Verstorbenen war bald geordnet. Die Lehmhütte mit Bett, Koffer, Tisch und Stuhl war Liesens Eigentum, und Torfmichel versprach, für dasselbe Sorge tragen zu wollen, bis sich ein Käufer finde, oder das Mädchen selbst es übernehmen würde. Zunächst konnte dasselbe nicht allein bleiben, das war klar, und da gerade im Zollhause eine Hilfe nötig war, so sprachen Michel und Dörte der Liese zu, als Magd dort einzutreten.

Den Erlös für die Ziegen in der Tasche, ihre wenigen Kleidungsstücke in einem Bündel am Arme hängend, so betrat Haideliese ihr neues Heim.

Welch' ein ganz anderes Leben sollte nun für sie beginnen! Statt der weiten freien Haide ein Aufenthalt in dumpfer Küche, die zugleich Wirtsstube und Wohnraum war; statt frischer Luft und Sonnenschein, Bier und Schnapsgeruch und schlechten Tabaksqualm; statt der großartigen Ruhe um sie her, Zank und Streit, und ach, oft so rohe Spässe der einkehrenden Fuhrleute!

Ueberall mußte sie sein im Hause und oft stundenlang das Jüngste aus ihren Armen herumschleppen, so daß sie mit ihrem schmerzenden Rücken auf dem harten Strohsack in der Nacht wenig Ruhe zu finden vermochte. Sie hatte ja vollauf zu essen und zu trinken, und da meinten Zolleinnehmers, die in der rohen Zeit selbst roh und gefühllos geworden waren, daß die arme Haideliese sich ja wie im Himmel fühlen müsse.

Was kümmerten sie sich um die Seele des Mädchens und um den bangen, fragenden Ausdruck, der oft in ihren großen Augen lag? Sie lachten nur oder schimpften wohl gar, wenn Liese vor den derben Spässen der Einkehrenden zurückschreckte, oder sich einmal weigerte, die Gäste zu bedienen.

Unter dem Druck der täglichen Ueberbürdung und der körperlichen Schmerzen trat mehr und mehr der Gedanke an Gott und Seine Vaterliebe in den Hintergrund, und sie hatte manchmal kaum einen andern Wunsch, als daß sie auch tot sein möchte, tot und begraben wie die Großmutter.

Aber Gott vergaß ihrer nicht.

Es war im Winter. Draußen herrschte heftiges Schneegestöber, und das war auch die Ursache, daß wenige Passanten der Landstraße sich weiter gewagt hatten, und die Wirtsstube ungewöhnlich voll von eingekehrten Gästen war.

Liese saß müde und in sich gekehrt aus einer Bank in der Nähe des Ofens und ließ den harten Flachsfaden durch ihre noch härteren Finger gleiten. Sie hörte kaum auf die geführte Unterhaltung, bis sie auf einmal Worte wie »beten, lesen und schreiben« vernahm und nun eifrig dem Erzählenden lauschte. Es war ein Mann in Schiffertracht aus Emden, der den um ihn sitzenden erzählte, was es doch für närrische Dinge in der Welt gäbe. Da sei kürzlich so eine vornehme reiche Frau in die Stadt gezogen, die die sonderbare Idee habe, alle Mädchen müßten lesen und schreiben können. Sie habe alle Herrschaften aufgefordert, ihre weiblichen Dienstboten Abends zu ihr in den Unterricht zu schicken; aber natürlich fiele das ja den meisten Herrschaften gar nicht ein. Einige Mädchen, die durch den Krieg elternlos geworden, habe die Dame ganz bei sich ausgenommen, und man munkele, daß sie für solche Waisenkinder ein eigenes Haus errichten wolle.

In dieser Nacht vermochte Haideliese kein Auge zu schließen. Es war ihr manchmal der Entschluß gekommen, auf und davon zu laufen, und sich in irgend einer Stadt eine Stelle zu suchen; aber Furcht und mädchenhafte Scheu hatte sie immer wieder davon abgehalten. Aber jetzt stand es fest bei ihr: sie wollte fort nach Emden, dann würde Gott, der ja ihr Vater war, es vielleicht so fügen, daß sie auch zu dieser Dame kommen und lesen und schreiben und vor allen Dingen beten lernen könne.

Sie wußte, daß es gar nichts nützen würde, Zolleinnehmers um ihre Entlassung zu bitten; im Gegenteil, dieselben würden sie dann vielleicht noch strenger halten. So wartete Liese denn ungeduldig, bis die Wege wieder fahrbarer wurden, und wie gehofft, so geschah es auch. Die schönen Tage brachten ihr den Torfmichel, der nach A. fuhr, und dem sie nun ihr ganzes, volles Herz ausschütten konnte. Torfmichel hatte bei aller Beschränktheit doch das Herz aus dem rechten Flecke, und dieses Herz hatte einmal recht warm für Liesens Mutter geschlagen.

Er kratzte sich anfangs zwar etwas verlegen hinter den Ohren, trat dann aber kurz und entschlossen zum Zolleinnehmer und teilte demselben seinen Entschluß mit, Liese heute in die Stadt zu nehmen, um einmal bei einem Doktor anzufragen; da das Ding ja aussehe wie der leibhaftige Tod.

Zolleinnehmers mochten wettern und schimpfen wie sie wollten; Michel hatte einen Dickkopf, und was er wollte, das wollte er. Da er zudem eine Riesengröße hatte, so mochte der schmächtige Zolleinnehmer es doch nicht zum Aeußersten kommen lassen und gab nach, was ihm nicht zu oft zu passieren pflegte. Michel trieb nun die glückliche Haideliese zur Eile an und gab ihr den Rat, ihre Sachen nur liegen zu lassen, da er dieselben schon ein anderes Mal heraus bekommen werde. Es sei besser, ihre Herrschaft in dem Glauben zu lassen, daß sie wieder zurückkehre. Ohne den Puff zu beachten, den ihr noch die zornige Frau versetzte, kletterte Liese vergnügt auf den Torfwagen, und nicht einmal das Geschrei des Jüngsten vermochte ihr eine Thräne zu entlocken. Sie hatte um dieses dicken Sprösslings willen doch zu viel leiden und erdulden müssen.

*

Kreuzungen.

Dasselbe Weihnachtsfest, das Haideliese unter so besonders traurigen Umständen im Zollhause verlebte, war für Frau von Lehrhof, deren Bekanntschaft wir im Anfange unserer Erzählung gemacht, ein schöneres als sie es seit Jahren gekannt. Brachte es auch ihre verlorenen Lieben nicht zurück, so schien doch deren Geist ihr näher zu sein, seitdem sie, ihrem Entschlüsse auf der Haide getreu, angefangen hatte, mit selbstvergessener Liebe das Fremde an's Herz zu nehmen und demselben ihr Leben zu weihen. Freude und Friede war wieder in ihr Herz eingekehrt, nachdem sie die egoistische Trauer abgeschüttelt und sich daran erinnert hatte, daß Gott für ein jedes Seiner Kinder, so lange es lebt, auch eine Aufgabe zu erfüllen hat.

Ihr großes Gut hatte sie noch im Lauf des Sommers verpachtet und sich dafür ganz in der Nähe der Stadt Emden angesiedelt, in einem einfachen aber geräumigen Hause, das mit seinen großen lustigen Zimmern und seinem noch größeren Garten ganz ihren Zwecken zu entsprechen schien.

Ein schon älteres heimatloses Mädchen war unter ihrer Anleitung bald mit ihren Gewohnheiten und den häuslichen Arbeiten vertraut, und seitdem verging fast kein Tag, an welchem die edle Frau nicht ihre Schritte in die Wohnstätten der Armut und des Kummers gelenkt hätte. Wie sie selbst, so litten die meisten Familien unter den Nachwirkungen des letzten Jahrzehnts, und Unwissenheit und Roheit gingen nur zu oft Hand in Hand mit Armut und Verkommenheit.

Es würde uns zu weit führen, Frau von Lehrhof auf ihren barmherzigen Gängen zu begleiten! aber wenn der HErr sagt, daß dies ein rechter, Ihm wohlgefälliger Gottesdienst sei, die Witwen und Waisen in ihrer Trübsal zu besuchen, so übte sie denselben fleißig. Auch wird das, was sie und so manche ihrer edlen Gesinnungsgenossinnen in dieser trostlosen Zeit gethan, nicht unvergessen bleiben. Es steht ausgezeichnet in jenem Buche, das einst aufgeschlagen werden wird am großen Tage des Gerichts.

Die grobe Unwissenheit der weiblichen, dienenden Jugend fiel ihr besonders aus, und in der Pflege der letzteren erblickte sie zunächst ihre Hauptaufgabe.

Wie meine Leser schon erraten haben werden, war sie die Dame, welche an den Wochenabenden und mehr noch an den Sonntagen solche unwissende Mädchen um sich sammelte, und sie in den notdürftigsten, weiblichen Handarbeiten, wie im Lesen und Schreiben unterrichtete. Dabei vergaß sie natürlich nicht, dieselben mit den Grundwahrheiten des Christentums bekannt zu machen und ihnen einen Begriff von der eigentlichen Bestimmung ihrer Seele beizubringen.

Daß sie dabei auf mancherlei Gegner und Widerwärtigkeiten stieß, wird uns nicht wunder nehmen. Jene Aeußerungen des Matrosen im Zollhause gaben schon ein Beispiel davon. Wieder und wieder war inzwischen in Frau von Lehrhofs Erinnerung das Bild Haideliesens aufgetaucht. Sie konnte weder jenen Abend der Begegnung noch das Mädchen selber vergessen, das damals mit den Ziegen auf der Haide neben ihr hergeschritten, und aus dessen Augen es sie so seltsam fremd und doch so unschuldig angeschaut. Sie mußte sich ja sagen, daß die Großmutter sich schwerlich von der Enkelin trennen, und sie in diesem Falle derselben kaum nützlich werden könne, und doch war es ihr wieder, als ob Haideliese mehr als alle andern Mädchen ein Recht an ihre Liebe und Fürsorge habe. Um endlich über diesen Punkt Beruhigung zu erlangen und sich über das Schicksal des Mädchens zu vergewissern, entschloß sie sich, im Mai desselben Jahres, als Familienangelegenheiten sie nach A. riefen, einen Abstecher in jene Gegend zu machen, in der sie mit Haideliese zusammengetroffen war.

Ihre erste Fahrt von A. aus galt daher jenem Zollhause, in welchem sie damals auf einem harten Sofa eine sehr unbequeme Nacht zugebracht hatte. Die Leute hier teilten ihr mit, was sie wußten, und verwiesen sie für weitere Nachrichten zum Torfmichel. Der älteste Knabe wurde ihr zum Führer über die Haide mitgegeben, und es war ein eigentümliches, aus Freude und Wehmut gemischtes Gefühl, mit dem Frau von Lehrhof ihren Weg verfolgte.

Beim Torfmichel und seiner Dörte erfuhr sie nun, daß Haideliese damals gleich am liebsten nach Emden gegangen sein würde, um eine Dame aufzusuchen, von der man im Zollhause sich erzählt habe, wie sie sich mit so viele Liebe armer und verlassener Mädchen annähme. Sie habe sich aber doch geschämt, mit ihren schlechten Kleidern dorthin zu gehen, und nachdem sie sich einige neue Sachen angeschafft, sei ihr eben kein Reisegeld übrig geblieben. So seien sie denn, Liese und der Michel, übereingekommen, daß Liese einstweilen als Magd sich zu einer Herrschaft verdingen und später, wenn sie Geld haben würde, nach Emden weiter reisen solle. Sie sei zwar, was wohl von ihrem Vater, dem Franzosen, komme, gar absonderlich die Liese, und es habe schwer gefallen, sie unterzubringen. Nur weil sie ihn, den Michel, so gut kenne, habe endlich die Wirtsfrau zum schwarzen Adler sie als Kindsmagd bei sich eingestellt. Dort werde die Frau sicherlich die Liese finden und alles weitere erfahren.

* * *

Die Fahrwege, ganz besonders die in Ostfriesland, waren in jener Zeit noch sehr primitiver Natur. Gepflasterte Chausseen gab es nicht, geschweige denn Eisenbahnen, die überhaupt erst seit etlichen Jahren die ostfriesischen Städte mit einander verbinden. Waren schon die Wege bei trockenem Wetter ziemlich holperig, so wurden dieselben nach einem Regengusse unangenehm schlüpfrig, und fast unpassierbar nach anhaltenden Niederschlägen. Gerade war ein heftiger Platzregen gefallen, und die dicken starkgliedrigen Frachtwagenpferde vermochten den beladenen Planwagen nur langsam vorwärts zu ziehen, der sich auf dem Wege nach Emden befand. Der Fuhrmann in seinem blauleinenen Kittel schritt neben den Pferden her und schien seinen breiten Rücken mit Wohlgefallen der jetzt wieder warm scheinenden Sonne preiszugeben, während sein schwarzhaariger Pudel noch ziemlich kleinmütig die Ohren hängen ließ und von Zeit zu Zeit nach dem Planwagen blinzelte, als überlege er, ob eine Ruhe auf demselben nicht diesem ungemütlichen Spaziergauge vorzuziehen sei. Am hinteren Teile des Wagens wurde jetzt die schützende Hülle ein wenig zurückgezogen, und es zeigte sich, daß sich neben der toten auch lebende Fracht auf dem Wagen befand. Es waren zwei Frauenköpfe, die sichtbar wurden; der eine einer älteren Frau angehörend, die nach Emden zu ihrem Sohne reiste, der andere einem jungen, fast noch im Kindesalter stehenden Mädchen. Letzteres konnte hauptsächlich aus dem Ausdruck der Augen geschlossen werden; denn die Züge hatten nichts kindlich weiches und rundes, waren vielmehr scharf und mager.

Haideliese, denn sie und keine andere war die Mitinhaberin des Frachtwagens, hatte gerne das Anerbieten des Fuhrmanns angenommen, sie um ein mäßiges Trinkgeld mit nach Emden zu nehmen. Sie selbst und die Adlerwirtin ebenfalls hatten bald erkannt, daß Liesens Kraft den Anforderungen nicht gewachsen war, und die Wirtin gab so viel lieber dem Wunsche des Mädchens nach, da sie damit jeder weiteren Verantwortung für dieselbe überhoben war.

Seit ihrem Aufenthalte im Zollhause war Haideliese nicht mehr dieselbe. Sie war dünner und auch schwächer geworden und hatte manchmal Anwandlungen großer Müdigkeit. Heute verursachte ihr jeder Stoß des Wagens heftige Schmerzen im Kopfe, und doch, als sie denselben einmal verließ und zu gehen versuchte, versagten die Beine ihr völlig den Dienst, daß sie nur mit Hilfe des gutmütigen Fuhrmanns wieder unter die schützende Hülle zu gelangen vermochte. Hier verharrte sie nun eine Zeitlang völlig apathisch, bis ein zunehmendes Beklemmungsgefühl sie unwillkürlich antrieb, die Plandecke des Wagens zu lösen und der frischen Lust besseren Zutritt zu gestatten.

Erst um 12 Uhr nachts erreichte man das nächste Dorf. Die ältere Reisegefährtin lag schon lange im tiefen Schlafe; aber Liese war immer noch wach und bat jetzt flehentlich den Fuhrmann, ihr einen Trunk Wassers zu besorgen.

Der Mann hatte schon am Tage bemerkt, daß etwas mit dem Mädchen nicht in Ordnung war, und mit Schrecken gedachte er daran, daß es unmöglich sein würde, mit dem schweren Fuhrwerk die Stadt vor der nächsten Nacht zu erreichen. Fast wollte ihm die Gutmütigkeit, mit der er Liese mit sich genommen, leid werden, und er wagte einen schwachen Versuch, die Wirtin zur einstweiligen Aufnahme der Kranken zu bewegen. Diese protestierte aber mit Worten und Geberden so energisch gegen eine derartige Zumutung, daß er brummend davon abstand und sich zur Weiterfahrt zu rüsten begann. Beide hatten in ihrem Eifer nicht bemerkt, daß ihr Wortwechsel eine Zeugin gehabt hatte in der Dame, die gestern Abend als einzige Reisende mit der Post angekommen war und hier Nachtquartier genommen hatte. Diese folgte jetzt dem Fuhrmann in den Hof und bat ihn, ihr seine Patientin zu zeigen.

Noch immer brummend und schimpfend schlug der Mann die Plandecke etwas zur Seite und – Frau von Lehrhof hatte Haideliese wiedergefunden.

Nachdem sie dieselbe in A... vergebens gesucht, war sie sogleich mit der Post weitergereist, in der Hoffnung, das betreffende Fuhrwerk unterwegs einholen zu können. Jetzt wurde die arme Kranke, die völlig besinnungslos war und Frau von Lehrhof nicht erkannte, sofort auf deren Zimmer gebracht und weich gebettet. Die kühlenden Umschläge brachten auch bald eine günstige Wirkung hervor, und Haideliese verfiel in einen tiefen Schlaf.

Das schmunzelnde Gesicht, mit dem der Fuhrmann sich die Hände rieb, und sein gemütliches »Hottü«, womit er seine starken Gäule in Bewegung setzte, ließen jedenfalls aus ein gutes Trinkgeld schließen, das ihm für seine Mühe und Sorge geworden sein mußte. Jedoch wollen wir auch nachträglich dem guten Manne nicht zu nahe treten, – vielleicht empfand er doch auch etwas von der reinen Freude, die der Nachhall einer jeden Liebesthat bildet.

*

Die Schwalbe hat ein Nest gefunden.

Im August des Jahres 1830, nachdem das Bad Helgoland etwa vier Jahre eröffnet worden war, saßen auf jener Insel an einem klaren sonnigen Nachmittag im Gärtchen ihrer Hauswirte zwei Damen und genossen mit Entzücken die allezeit so reine Seeluft. Die Wellen der grünlich schimmernden See schlugen wie spielend gegen den roten Felsen, der wie eine hohe Mauer majestätisch aus der Wasserfläche aufragte; blendend weiß schimmerte die sich lang ins Meer hinausziehende Düne, und vom Unterland heraus erscholl manchmal wie aus weiter Ferne das fröhliche Lachen spielender Kinder.

Die ältere Dame, die etwa sechzig Jahre zählen mochte, trug in ihren edlen Zügen den Stempel erst kürzlich überstandener Leiden. Die Arbeit ruhte in ihren Händen, und ihr Auge blickte mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit auf die neben ihr sitzende jugendliche Gestalt.

»Nun Liese«, fragte sie nach einer offenbaren Pause »und was soll ich Kapitän Hinrichs antworten? Wir dürfen ihn nicht so lange warten lassen, und Du versprachst, mir heute eine bestimmte Antwort zu geben.« Die Worte selbst wurden klar und deutlich gesprochen; aber doch klang es im Tone, wie geheimes Bangen und gewaltsam zurückgehaltener Schmerz.

In den großen, braunen Augen der Angeredeten, die träumerisch dem Fluge der Seevögel gefolgt waren, blitzte es seltsam auf.

»Was Du ihm antworten sollst, herzliebe Mutter? daß ich mich nicht zweimal im Leben verschenken kann, und daß ich mein Herz ganz Dir und meiner Arbeit hingegeben habe.« Hätte man vorhin vermutet, in der Sprechenden mit dem ungewöhnlich interessanten Gesicht eine Südländerin vor sich zu haben, so klang doch die Sprechweise so echt ostfriesisch, daß man sich schon wohl oder übel zu der Ansicht bekehren mußte, eine Norddeutsche vor sich zu haben.

Nach den Worten des jungen Mädchens hellte es sich merklich auf in den Zügen der alten Dame.

»Ich danke Dir, Liese, für dieses Wort. Gott hat mir den Sohn und den Gatten an einem Tage genommen, und ich gelobte mir Dich als Tochter an Kindesstatt anzunehmen, damals als ich Dich in Ogenbargen krank von dem Frachtwagen nahm. Du bist mir in der That eine Tochter gewesen; dennoch –«

»Kein dennoch, teure Mutter. Die arme Haideschwalbe mit den gebrochenen Flügeln hat damals ein Nest gefunden, und es ist ihr so wohl in demselben, daß sie es ohne ganz besondere Schickung freiwillig nicht mehr verlassen wird. Kapitain Hinrichs wird leicht eine andere Gefährtin finden. Du brauchst Deine Liese, und was würden alle unsere lieben Waisenkinder von mir denken, wenn ihre große Schwester ihnen untreu werden wollte? Freuen sie sich doch jetzt schon so sehr auf unsere Rückkehr, und ich sehe sie im Geiste schon jubeln über Dein gutes Aussehen, Du liebes, liebes Mütterchen!«

Bei diesen Worten umschlang Liese Frau von Lehrhof und drückte einen innigen Kuß auf die eingefallene Wange.

»Nein«, fuhr sie fort, »ich trenne mich nicht von Dir, bis Gott uns scheidet; sondern spreche wie Ruth: Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo Du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und Dein Gott ist mein Gott.

»Wo Du stirbst, da sterbe ich auch; da will ich auch begraben werden.«

»Amen«, antwortete die alte Dame. »Sei es so einstweilen, bis Gott es anders fügt.«

* * *

Unbeschreiblich war die Freude und der Jubel, mit dem wenige Wochen später Frau von Lehrhof und Liesa in dem großen, geräumigen Hause empfangen wurden, das erstere damals in Emden nach der Verpachtung ihres Gutes erstanden hatte. Die älteste Tochter Torfmichels, die schon seit etlichen Jahren unter Liesas Anleitung als Hausmagd treu und redlich gedient, hatte, während der Abwesenheit der beiden Damen, die Kinder versorgt, und daß diese inzwischen keine Not gelitten, davon zeugte das blühende Aussehen, dessen sich Groß und Klein erfreute.

Sechs Waisenmädchen pflegte Frau von Lehrhof schon seit Jahren bei sich aufzunehmen und so lange zu behalten, bis sie je nach ihrer Begabung eine eigene Existenz suchen konnten. Ohne daß man sie in der Kleidung irgendwie von andern Töchtern des einfachen Mittelstandes unterschied, wuchsen sie ganz wie eigene Kinder des Hauses auf, und blieben auch in den meisten Fällen nachher noch innig mit demselben verbunden.

Seit etwa sechs Jahren, seitdem Frau von Lehrhof zu kränkeln angefangen, war Liesa, unsere einstige Haideliese, in der That das Hausmütterchen geworden, und sie wußte nun längst aus eigener Erfahrung, was Liebe, selbstvergessende, hingebende Liebe sei.

»Gott ist im Himmel.« »Gott ist mein Vater.« »Gott liebt mich.« Diese Sätze hatten einst ihren ersten Religionsunterricht gebildet, und sie pflegte mit Vorliebe an dieselben und ihre eigenen Erfahrungen anzuknüpfen, wenn sie ihre kleine Schar zum Religionsunterricht um sich sammelte.

Es war ihr sogar die große Freude zu teil geworden, vor einigen Jahren das jüngste Kind des einstigen Zolleinnehmers in ihr schönes Heim aufnehmen zu dürfen, nachdem dem armen Mägdlein rasch nacheinander Vater und Mutter an der Schwindsucht gestorben waren. So hatte sie denn Gelegenheit, das Böse, das ihr einst die Eltern in ihrer groben Unwissenheit zugefügt, mit Gutem zu vergelten.

Von ihrem Vater hat Haideliese nie etwas erfahren. Er hatte wohl auch auf irgend einem Schlachtfeld seinen Tod gefunden.

Von Zeit zu Zeit pflegte sie mit Vorliebe ihre heimische Haide zu besuchen, und an Stelle der sehr baufällig gewordenen Lehmhütte ließ sie für Michel und Dörte ein kleines Häuschen errichten, nachdem diese ihre Arbeit auf dem Moore ihrem ältesten Sohne übergeben hatten.

Ihrem Versprechen, das sie einst auf Helgoland ihrer Pflegemutter gegeben, blieb Haideliese getreu, und sie, die einst mutterlose, ist vielen Mädchen eine treue, wahrhafte Mutter geworden.

Ende.


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