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Der Goldene

Von Bruno Frank

1.

Johannes Abrecht, der Gehilfe des Bezirksgeometers, ein hünenhafter junger Mann, ging von Lengenau nach Diesbach, um eine Vermessung vorzunehmen. Es war drei Uhr an einem heißen, wolkenlosen Julinachmittag, und der Weg hatte keinen Schatten. In dem Körper des jungen Mannes siedete und drängte das Blut, er schritt mächtig aus und fühlte mit Lust den Schweiß unter seinen unsommerlich dunklen Kleidern rieseln.

Er hatte ungefähr die Hälfte seines Ganges zurückgelegt, da sah er, gleich hinter der Stelle, wo der Weg nach Hochberg abzweigt, im Felde ein junges Mädchen arbeiten. Sie war ganz allein in der heißen summenden Öde, unter der leuchtenden Glocke des Himmels. Wie sie den Schritt des Mannes hörte, richtete sie sich auf, legte die Hand über die Augen und sah zu ihm hin. Es war ein ganz junges Ding noch, aber schon Weib, braun, fest und erregend. Sie lachte und nickte, Abrecht schoß das Blut in die Augen, er fühlte einen Taumel und schritt über die Stoppeln zu ihr hin, ehe er es wußte. Was dann gesprochen wurde, das vermochte er niemals zu sagen, auch später vor dem Untersuchungsrichter nicht. Gewiß ist, daß er die Tasche mit den Instrumenten fallen ließ und seinen Arm um den Rücken des Mädchens legte. Sie trug nur ein Hemd, das heiß war und feucht. Von ihrer jungen Kraft ging ein Hauch aus, der ihm die Gedanken nahm, ein Hauch, in dem er zugleich den Atem der immer jungen, fruchtbaren Erde einsog. Er küßte sie, sie ließ es lachend geschehen und öffnete weit ihren gesunden, törichten Mund, er riß an den Knöpfen ihres Hemdes und nahm ihre Brüste hervor, die schon reif waren, fest und hoch.

Seine große Enthaltsamkeit in dem kleinen Ort, wo er als Beamter zu Rücksichten gezwungen war, stand gegen ihn auf als ein Feind, der Hunger seiner siebenundzwanzig Jahre vernichtete in einem Augenblick sein Leben. Er stand vor ihr da, niedergebückt, halb auf den Knien und hatte sein Gesicht in ihre Brust eingewühlt, Augen und Mund badend in ihrem jungen Duft. Dann lag sie auf der Erde, zwischen zwei Garben, und er über ihr, nicht entschlossen, sie zu besitzen, sondern von einer ungeheuren, dumpfbrausenden Gewalt in dies Schicksal gestoßen. Nun erst begann sie sich heftig zu wehren. Aber er hatte nicht mehr die Klarheit, diesen Widerstand in seinem Ernst zu begreifen, das Blut dröhnte mit Sturmglockenton in seinen Ohren, seine Augen waren geschlossen, sein Mund stammelte, seine mächtigen Manneshände hielten als unempfindliche Klammern die Beute. Er wußte nicht mehr, wo er war, nicht was er tat, nicht wen er besaß unter der sengenden Glut des Gestirns.

2.

Am folgenden Tag erschien der Vater des Mädchens bei dem Gemeindeschreiber und ersuchte ihn, eine Strafanzeige an die Behörde abzufassen. Verständiges Zureden half nicht, auch nicht, daß der Täter, von Scham und Reue überwältigt, sich zu jeder Sühne bereit erklärte, daß er sich verpflichten wollte, das überfallene Mädchen nach wenigen Jahren zur Frau zu nehmen. Es stimmte den hartgestirnten Bauern ebensowenig um, daß die Kleine sich von der anfänglichen Bestürzung sofort erholt und gleich am ersten Morgen ihr Heimjagen und Klageführen eine Dummheit genannt hatte.

Was Johannes Abrecht zum Verderben wurde, war ein bösartiges Zusammentreffen: der Bauer war vor kurzem bei einem Grenzstreit von der Vermessungsbehörde ins Unrecht gesetzt worden, und kein Angebot, noch weniger aber irgendein Gefühlsgrund hätte ihn davon abhalten können, diese unverhoffte Rache auszukosten.

So ging das Schicksal seinen Schritt. Die Polizeibehörde des Ortes, die erst die Verhaftung abgelehnt hatte, mußte sich nach telegraphischer Weisung zu ihr bequemen, Johannes Abrecht wurde als Untersuchungsgefangener in die Stadt gebracht und stand nach zehn Wochen vor dem Schwurgericht.

Ihm schien kein Stern. Denn das Mädchen, dessen Auftreten ihm vermutlich Milderung der Strafe, vielleicht einen Freispruch erwirkt hätte, lag mit einer fiebrigen Erkrankung daheim im hochgetürmten Bett, und statt eines mündlichen Berichtes diente das Protokoll ihrer ersten Aussage, dessen nackter Inhalt doch recht belastend war. Strafmehrend senkte der Umstand ihrer großen Jugend die Wage und mehr noch der ihrer Erkrankung. Denn obwohl sie sich einfach an einem kühlen Septemberabend bei verspätetem Baden erkältet hatte, führte absichtsvoll der Staatsanwalt und mit ihm, irrend, die Geschworenen dies fiebrige Krankliegen auf Abrechts Überfall zurück, den die robuste Natur des Mädchens seit langem schon verwunden hatte. Johannes Abrecht wurde zu zweijähriger Zuchthausstrafe verurteilt.

3.

Er entstammte einer strenggerichteten Protestantenfamilie und nahm seine Gefangenschaft als eine gerechte, nicht zu harte Sühne demütig hin. Leine Eltern lebten nicht mehr, die einzige Schwester war in einem entfernten Teil des Landes verheiratet und würde eine bürgerliche Einbuße nicht zu verwinden haben; dieser Umstand gewährte ihm einigen Trost.

Über den Verlust seines Amtes brauchte er nicht getröstet zu werden. Er war ein starker und froher Mensch von Natur aus, und seine kleinliche Tätigkeit hatte ihn niemals gefreut. Wohl war es schön, mit mächtigen Schritten über die Straßen zu wandern, von Dorf zu Dorf, durch leuchtende Glut oder stampfend durch hochgelagerte Schneemassen. Jedoch in der Amtsstube die ängstliche Arbeit über den Katasterblättern war wenig nach seinem Herzen, und auch mit den Meßgeräten verwinkelte Grenzen zu ziehen zwischen kleinlichen, neidischen Bauern, war nicht sein Beruf. Allen gehörte die dampfende nährende Erde, es war Anmaßung und war lächerlich, sie in Stückchen zu schneiden und diese Stückchen mit Ziffern und Lettern zu benennen. Er war zum Bauern geboren, denn er liebte den Boden und wünschte sich, ihn mit seinen unverbrauchten Kräften zu wenden und fruchtzeugend zu verwandeln. Und er hatte oft, in der engen Gasse seines Amtes trabend, davon geträumt, wie er in unerschlossenen Ländern überm Meer werbend allein wäre mit der unberührten, verheißenden Scholle.

In solchen Hoffnungen lebte er auch nun und kürzte sich mit ihnen die Öde seiner Strafzeit. Er saß mit den andern stumm im tristen Arbeitssaal, er schnitt Schuhsohlen zurecht mit seinen starken Fingern, und während sein Blick stumpf auf der schmutziggrauen höckerigen Platte des Werktisches zu haften schien, hob sich im leuchtenden Licht sein tropischer Besitz vor ihm auf: ein niedriges langes weißes Haus, nah an einem mächtig ziehenden Strome gelegen, weitaus, weitab Felder mit Halmen, Stauden und großblättrigen Kräuter n, sein Eigentum, von ihm der jahrtausendalten Wildnis abgerungen, und durch die starken Farben der Abendstunde zu ihm herwandelnd ein ungeheurer Zug von Rindern und Schafen, größer als die unsern, schöner als die unsern und mit seltsam gebogenen, geschlungenen Hörnern.

4.

Die Tiere, die er besitzen und pflegen würde, erfüllten oft seinen Sinn. Er hatte in seiner gutmütigen Art die wortlose Kreatur allzeit geliebt; aber nun war es ihm, als habe er sich durch seine wilde Tat von den Menschen geschieden und sei künftighin auf jene einfacheren Erdengeschwister noch mehr verwiesen. Nicht mit Freunden, kaum mit einer Frau bevölkerte er die Zukunft seines Lebens; in seinen Träumen fuhr er dichtwolligen Widdern durchs Vlies, die Rinder brüllten leise, wenn er sie freundlich beim zottigen Stirnhaar griff, und ein großer schwarzer Hund von neufundländischer Rasse hielt sich treu und eng neben ihm, wenn er den eroberten Besitz durchstreifte im weißen tropischen Licht.

Solche Bilder bewahrten ihn nicht davor, unter seiner Einsamkeit zu leiden. Doch niemals versuchte er einen Zusammenhang mit den anderen Sträflingen zu finden. Was er getan hatte, war der Wahnsinn einer Minute, war die Überwältigung durch einen bösen Geist, es hatte mit dem Kern seines Wesens nichts zu schaffen, er wollte nicht kennen, nicht sich nahe wissen, was in diesem Hause an schlimmen Trieben lebendig war. Er hatte gefehlt, nun büßte er es, er durchschritt eine zweijährige Grabesstille, in der er allein war mit seinem Gewissen; jenseits lockte ein neuer Tag. Man zuckte die Achseln über ihn, versuchte nicht mehr mit ihm zu flüstern, wenn man im Hahnentritt den halbstündigen Gang auf dem Zuchthaushof absolvierte, und hatte ihn vergessen, während er nahe war.

Einzig sein Wärter schien von tätiger Abneigung gegen ihn erfüllt zu sein. Dies zeigte sich bald. Manche der Sträflinge nämlich, die sich vertrauenswürdig führten, wurden vor die Stadt zu Erdarbeiten hinausgeführt, und Johannes, den es sehr nach Luft und Anstrengung verlangte, erbat diese Erlaubnis. Drei Tage lebte er in stürmischer Hoffnung. Dann kam die Absage. Und sie ging sicherlich nicht von dem Direktor aus, der den zuchtvollen Gefangenen wohl kannte.

»Du wirst schon bei uns im Haus bleiben müssen«, sagte der Wärter, als er ihm morgens aufschloß zum Gang in den Arbeitssaal. Er sah Abrecht einen Augenblick an und fügte dann giftig hinzu: »Du Saupelz!«

5.

Dieser Wärter war ein kleiner, gedrungener Mensch mit sehr kurzen Armen und ungeheuren Händen. Über der Stirn, die zwei Finger breit und allzeit rot war, standen graublonde Borsten aufrecht, die gelben Augen lagen ganz flach an der Oberfläche des Gesichts. Das Erschreckende aber war, zwischen den Doggenkinnladen und dem militärischen Schnurrbart, ein schmal und scharf gezeichneter Mund, ein harter blasser Strich mitten in der elenden Banalität dieser Fratze, der ohne Zusammenhang mit dem übrigen und wie geborgt oder gestohlen erschien. Es hatte etwas Unheimliches, wenn dieses Mündchen sich auftat, um ein gemeines Wort zu entlassen. Wan sah bei dieser Gelegenheit zwei Reihen kleiner, spitzer, regelmäßiger Zähne, die überaus schmutzig waren.

Dieser Schließer, ein verheirateter Mann, doch ohne Kinder, nicht mehr jung, der lange Jahre hindurch als Unteroffizier Dienst getan hatte, war nicht gleichmäßig hart gegen die ihm ausgelieferten Sträflinge. Es gab Wege, eine Art niedriger Vertraulichkeit mit ihm herzustellen. Servilität freilich verlangte er immer, doch bereitete es ihm Genugtuung, dem einen oder andern Liebling das Leben zu erleichtern. So ging die Sage, daß er einem oft rückfälligen schweren Betrüger sogar Weißbrok, Wein und Zigaretten besorge, ja daß er mit diesem gemeingefährlichen Schwindler, einem Verderber von Witwen und Waisen, in dessen straffreien Zwischenzeiten kameradschaftlich verkehre.

Johannes Abrecht hatte seinen Kerkermeister eigentlich niemals recht angesehen. er war folgsam, er unterwarf sich, aber in seiner Unterordnung war nichts Persönliches, er fand sich mit dem Schließer ab wie mit der dicken Mauer und dem Zellenschloß, gegen die eine Auflehnung gleich sinnlos war. Vielleicht brachte eben diese Haltung den Wächter zur Wut, ihn, der sich etwas darauf zugute tat, gerade von seinen gebildeten Häftlingen wichtig genommen zu werden. Möglich auch, daß den Mann, der drunten in seinem Kellergelaß eine dürre, unsinnliche und hämische Frau sitzen hatte, Abrechts Vergehen neidvoll empörte. Wahrscheinlicher, daß die Bosheit und Grausamkeit seiner Natur nur zufällig und wahllos Abrecht gegenüber hervorbrach, den er so gelassen und unangreifbar seine Strafe abbüßen sah. Er lauerte darauf, ihm schaden, ihn verhöhnen und verstören zu können.

Eines Abends im zweiten Frühjahr trat er einmal an das Guckloch, um den Gehaßten zu beobachten. Es war halb acht Uhr und die Zelle noch hell. Johannes stand in seinem gestreiften Kittel mitten im Raum und wandte dem Lauscher das geschorene Hinterhaupt zu. Er blickte aufwärts nach der hochgelegenen Fensterluke, zwischen deren Gitterstäben ein Baumwipfel mit ungleich gezackten Blättern sichtbar war und dahinter der rotglühende Abendhimmel. Einer der wenigen Bäume nämlich, mit denen der Hof bepflanzt war, eine hochstämmige Ulme, ragte in fünf oder sechs Meter Entfernung gerade vor dieser Zellenluke auf, und dorthin schaute Johannes Abrecht erhobenen Hauptes und so angestrengt lauschend, daß der Ausdruck auch von rückwärts zu erkennen war.

Der Schließer legte sein Ohr an das Sehloch und vernahm Vogelgezwitscher, schmetternde rhythmische Laute.

Der Gefangene stand und gab sich hin. Dies war seine Freude seit Wochen, in der Frühe und am Abend. Auf die Wiederkehr dieser Vogelrufe hatte er seit dem Herbst gewartet, den langen, finstern, stimmlosen Winter hindurch. Er hörte nicht nur kleine Vögel singen, wenn er so stand, die Wälder und Gärten und Ebenen der ganzen Erde sangen ihm zu, die Tiere der Erde grüßten ihn; in diesen Lauten war das Wachtgebell der Hunde, war Hahnenschrei und das sanfte Weinen der Lämmer, war das Wiehern wilder Pferde und der dumpfe Ruf der Büffel in einer künftigen, erträumten Heimat überm Meer. Die Freiheit grüßte ihn und das Leben nach dunkler Buße.

Der Wärter schloß auf und trat ein: »S,« sagte er nach einer 5tille, »Konzert läßt du dir vormachen, du 5aubär? Marsch, kusch dich! Da!« Und er wies auf die Pritsche, die er eine Stunde zuvor beim Absperren der Zelle von der Wand heruntergeschlossen hatte.

Der Gefangene gehorchte. Der Wärter verließ den Raum, kam fast augenblicklich mit einer Trittleiter wieder, erstieg sie und schloß mit Krachen die Öffnung. Dann horchte er mit Anstrengung empor und grimassierte unlustig, da man den Vogelgesang noch immer vernahm, wenn auch nur als ein fernes, fernes, zärtliches, trauriges Rufen.

»Dir wird man dafür tun,« bemerkte er mit Hohn, »sag ihnen nur Adieu, deinen Musikanten, du Sauigel!«

Zwei Tage darauf wurde dem Sträfling eine andere Zelle angewiesen, durch deren Luke der leere Himmel hereinschien. In ungeheuren Abständen nur sah Johannes die Schwalben in der hellen Öde vorüberzucken.

6.

Ein halbes Jahr noch trennte ihn von seiner Entlassung. Und nun erst begann seine Strafe ihn wahrhaft zu quälen. Nun erst lernte er das grauenvolle Erwachen kennen, den ersten Blick in einen untragbar einsamen und häßlichen Tag, dem noch so viele gleiche folgen sollen bis zum Tag der Befreiung. Sein Plan für diesen stand fest. Er würde vor das Mädchen hintreten, dem er Gewalt zugefügt und würde bei ihr und bei den Eltern nochmals anhalten. Sprachen sie ja, war es gut, sprachen sie nein, wie zu vermuten blieb, so würde er ihr die Hälfte seines kleinen Vermögens als Heiratsgut überschreiben. Mit dem Rest aber, fürs erste vor Mangel sicher, würde er drüben überm Meer ein Leben der freien Arbeit beginnen, neu geboren. Er würde so wenig Spuren hinter sich lassen wie das Schiff, das ihn hinüberfuhr, Spuren im Meerwasser ließ.

Seine Absichten also hatten sich nicht verändert, aber in seine Sehnsucht nach Freiheit, die sanft und gefaßt gewesen war, mischte sich Verzweiflung und Haß. Diesem Haß gegen den Menschen, der ihn peinigte und schmähte, wollte er entrinnen, von ihm noch mehr als von Reue und Trauer und Makel erhoffte er Heilung in der Luft des Meeres und der tropischen Länder. Kaum wagte er mehr den Menschen anzusehen, aus Furcht vor der eigenen unbändigen Natur, die ihn schon einmal so unheilvoll überwältigt hatte. Mit niedergeschlagenem Blick stand er vor ihm da, zuchtvoll und unterwürfig. Und stündlich fast wiederholte er sich den Satz, der ihm Trost war und Fessel: »Bin ich erst frei, so werde ich den da niemals wiedersehen, niemals, niemals!«

Inzwischen wuchs sein Verlangen nach der Nähe lebendigen Blutes. Es sehnte sich nach dem Weibe. Aber es waren nicht grobe Wünsche, die in ihm fluteten: sondern Zärtlichkeit, sanfte Gemeinschaft, geschenkte und empfangende 6üte war, was ihm als das Herrlichste erglänzte. Wenn ihm die kleine Braune vom sommerlichen Acker erlaubte, das Unrecht an ihr zu sühnen, – welch ein Leben wollte er ihr bereiten, in wie schützenden Armen sollte sie ruhen. Oft war sie in seinen Gedanken, Zug für Zug glaubte er sie zu kennen und zu lieben, die er doch kaum recht wahrgenommen hatte in der weißen Glut von Sonne und Rausch. Ward sie's aber nicht – nun, er würde eine andere finden, drüben im neuen Land. Und sein Verlangen formte ein schmales zartes Geschöpf mit duftendem, dunklem Haar, das aus großen Augen gut und vertrauend zu ihm aufsah. Ach, es brauchte ja gar keine Frau zu sein, gar kein Menschenwesen, nur irgendein Stück Leben, das er warten und schützen konnte! Nur ein Hund brauchte es zu sein, der sich an sein Knie drückte, nur ein zahmer Vogel, gar kein Menschenwesen, nur irgendein Stück Leben, das freundlich und gläubig in seiner Nähe schlug. Nur nicht mehr allein sein mit diesen toten Mauern und ihrem teuflischen Schließer! Es kam so weit mit ihm, daß er des Nachts seine rechte Hand sich aufs Herz legte und mit der linken den Puls der rechten faßte, um so doppelt ein Leben zu spüren.

Sommer war da, und mit jedem Tag glaubte Johannes Abrecht, nun sei das Maß erfüllt, nun könne der Durst nach dem Lebendigen nicht höher mehr steigen, nun seien die Grenzen menschlichen Leidens erreicht für ihn. Wohl sagte er sich vor, daß bald, daß in wenig mehr denn hundert Tagen das Ende gewiß sei, wohl stellte er mit erzwungener Überlegung sein Schicksal neben das der Tausende, die länger, die lange, die ewig zu schmachten hatten; keine Rechnung drang ihm ins Blut, und er litt. Die stummen, schlimmen Häupter der Sträflinge in der Werkstatt zu betrachten, war keine Erleichterung; auch hatte der Feind es erreicht, daß er von sieben Tagen drei in der völligen Abgeschlossenheit seiner Zelle zubringen mußte. Da geschah das Wunder.

7.

Eines Abends kam er aus dem Arbeitssaal zurück. Der Wärter, der mit ihm eingetreten war, schloß die Pritsche von der Wand, die krachend in ihr Scharnier niederfiel, blickte sich um, fand wütend keinen Anlaß zur Beschimpfung und schlug die schwere Tür hinter sich zu. Sein feindseliger Schritt verhallte.

Johannes Abrecht blieb eine Weile stehen, das Gesicht dem Geviert erblassenden Sommerabendhimmels zugewendet, das leer von Geschöpfen war, und kehrte sich dann matt der öden Einsamkeit des Gelasses zu. Sein Blick fiel auf die traurige Lagerstatt.

Da sah er mitten auf der rauhen, graubraunen Wolldecke grüngolden leuchtend ein lebendes, ein sich bewegendes Kleinod. Johannes griff mit beiden Händen nach seinem Herzen.

Es war ein Rätsel, wie der Laufkäfer hereingekommen war. Durchs Fenster fliegen konnte er nicht, soviel wußte Johannes von der Natur dieser Arten; wie unwahrscheinlich aber, wie über alle Begriffe erstaunlich und beglückend, daß er den Weg über die Zellenschwelle gefunden haben sollte, der so selten offen stand. Ja, es war ein Wunder geschehen.

Johannes näherte sich leise, als wollte er den Schmalen, Kleinen nicht schrecken, er ließ sich ohne Laut an der armen Bettstatt nieder, lag in seinen Sträflingshosen auf den Knien und sah aus großer Nähe mit glücklichen Augen auf dies lebende, sich regende Geschenk. Der Kleine hob mühsam eins seiner sechs feingliedrigen braunen Beinchen um das andere und strebte über den rauhen wirren Filz der Decke hinweg. Manchmal hielt er resigniert und ermüdet an. Leine grüngoldenen Flügeldecken glänzten im Abendlicht, sein Nackenschildchen glühte und schimmerte als das köstlichste Juwel. Seine Fühler arbeiteten zart und lautloser als irgend etwas in der Welt, und seine freiliegenden Augen blickten umher.

Du kannst mich gewiß nicht sehen, du nicht, dachte Johannes, ich bin ja wie ein Berg für dich, wie eine Bergkette, Kleiner, Kleiner. Aber ich kann dich sehen, mir bringst du Freude und den Guß der Freiheit, du bist ja so schön. Doch wenn du auch häßlich wärest und röchest und mich stächest, ich wäre dir doch gut und nahe, und du säßest doch in meinem Herzen. Laß dich berühren, laß mich das lebendige Gold deiner Flügel anrühren, mein holder kleiner Wohltäter! – Und er streckte behutsam eine zitternde Hand aus.

Da aber geschah das zweite Wunder: der Käfer schien ihn wahrzunehmen, ihn, den Menschen in seiner fühlenden Gegenwart. Er schien zu stutzen. Dann machte er unbeholfen im klettenden Filz eine Wendung und kam auf Johannes Abrecht zu, geradenwegs auf die Brust des knienden Mannes.

8.

Wer vermag zu sagen, ob es möglich oder ob es kindischer Traum ist, ein Insekt zu zähmen, zu gewinnen und zum Kameraden zu machen. Was wissen wir denn! Wir wissen nicht, was in den Holzfasern des Astes vor sich geht, den wir überm Knie abbrechen, wir wissen nicht, ob der Stein schicksallos zersplittert, den ein Kinderarm geschleudert hat. Wir wissen nichts. Wir waschen uns den Schlaf aus den Augen und betreiben unsere Geschäfte mit grimassenhaftem Ernst und heizen unsern Körper mit Nahrung und umarmen ein Weib, dessen Blutwärme uns gefällt und das uns so fremd ist wie Baum und Stein und Tier, und legen uns am Abend nieder zur tieferen Dumpfheit. Wir wissen nichts.

Johannes Abrecht glaubte, daß er sich den kleinen Goldenen gewonnen habe, und also war es so. Der war nun sein Leben. Die Tage, die in der Einzelhaft verbracht werden mußten, waren nun die schöneren. Aber auch die anderen, an denen er erst abends aus der Werkstatt zurückkehrte, waren erträglich, denn eine Erwartung erfüllte und kürzte sie.

Er hatte zu kämpfen um seinen schimmernden Besitz. Mit ganzer Seele horchte er auf den Schritt des Schließers, der sie beide nicht überraschen durfte, und er verzichtete mit Durstqualen auf seinen Trunk Wasser, denn es gab kein Versteck in der Zelle außer dem Wasserkrug. Den entleerte er heimlich, ohne Geräusch, und dort, in tönerner Tiefe und Feuchte, saß nun der Goldene tagelang und wartete. Dort saß er bei Gräsern und armen Blüten, die ihm sein menschlicher Freund von den Gängen im Zuchthaushof heimlich heraufbrachte.

Sie spielten. Wie liebkosend kletterte der Schlanke über die Finger des Mannes, sacht tastend, nimmer erschreckt. Und raspelte an einem Hälmchen, sog an einer Löwenzahnblüte, die der Mann ihm hinhielt.

Johannes Abrecht hatte nicht an seinem Verstände gelitten. Er wußte, wen er liebte: ein armes geringes Käfertier, dessen Leben zu Ende ging mit diesem Sommer. Aber mit diesem Sommer ging ja auch die eigene Qual zu Ende, bis an die Schwelle des Lebens würde ihn der winzige Gefährte aus Gold geleiten und ihn dann entlassen zu all den Geschöpfen draußen, die Johannes tätig zu lieben gedachte. Was verschlug es denn, woher die Freude kam; im letzten Augenblick vor der schwarzen Verzweiflung war sie zu ihm gekommen, wie sollte er deuteln und verneinen und sich mehr wünschen vor dem lebenden Kleinod, das so tröstlich schimmerte im Licht der scheidenden Sommertage.

Ich kann dir nicht genug Liebe zeigen, Kleines, Kostbares, dachte er, ich kann dir nicht genug Gutes tun, denn alles verstehst du nicht. Aber wenn du nicht mehr lebst und deine Ärmchen bewegst, Juwel, dann werde ich noch mit meinen starken Armen die Erde lieben und betreuen, von der du wieder ein Krümchen geworden bist.

9.

Um die Mitte eines Tages der Einzelhaft kniete Johannes Abrecht bei seinem Freund auf dem steinernen Boden. Er hatte den Speisenapf vor sich hingestellt, und auf dessen Rand machte nun der Goldene spielend die Runde. Manchmal hielt ihm Johannes quer den Zeigefinger entgegen, dann stutzte das Tierchen, schien seitwärts zu äugen und bewegte wie neckend das vorderste, kürzeste Paar seiner Glieder.

Die Tür knarrte und fiel wieder zu. Johannes sprang empor und sah mit tödlicher Angst dem Wärter in das böse Gesicht. Dessen Stirn war röter als sonst, die flachen Augen flimmerten, und der kleine Mund war nichts als ein scharfer, bleicher Strich. Abrecht wußte sogleich, daß nichts mehr zu verbergen war, daß jener ihn beobachtet hatte. Ungeschickt und flehend hob er seine Arme, nicht viel anders als der Kleine, den er schützen wollte. Er versuchte zu sprechen.

»Halt's Maul,« sagte der Schließer, »zeig, was du da hast!«

»O nicht, o nicht!« sagte Abrecht mit versagender Stimme. »Tun Sie ihm nichts.«

Der Wärter bückte sich, hob das Tierchen auf, das erwartend an der gleichen Stelle sitzengeblieben war, sah flüchtig hin auf das krabbelnde Ding in seiner Faust, ließ es dann gleichmütig fallen und zertrat es mit einer Drehung des Fußes. Man hörte ein Knirschen.

»Dir wird man's beibringen, dich zu amüsieren!«

Johannes Abrecht war auf den Schemel in der Ecke gesunken. Er saß da, das Gesicht in den Händen verborgen, und rührte sich nicht. Er saß eine halbe Minute, die Nägel in die Schläfen eingekrallt, und hielt sein Haupt, seinen Leib, sein Ich mit ungeheurer Gewalt auf dem Sitz zurück.

»Marsch, putz' es auf!« sagte der Wärter und stieß ihn an. Abrecht erhob sich mit zu Boden gerichteten Blicken und nahm gehorsam aus der Ecke den Wischlumpen.

Der Kleine war gut zertreten. Man sah einen ziemlich großen Fleck auf dem Estrich, schwarzen Gliederbrei und ein wenig Blutsaft von unbestimmter Farbe. Und nur ein winziges Eckchen der einen Flügeldecke war unversehrt geblieben und blitzte grüngolden im Schmutz der Vernichtung.

Johannes wischte sorgsam das Ganze fort, ohne die Augen zu erheben. Der Schließer fand nichts mehr zu sagen, sah sich noch einmal um und ging davon, wenig befriedigt.

10

Er wußte nicht, der Mann, wie nah in jener halben Minute der Tod an seiner haarigen Gurgel vorbeigestrichen war. Er wußte nicht, der Tropf, warum sich Abrechts Hände so wütend in die eigenen Schläfen eingekrallt hatten. Er hatte einem Gefangenen einen Zeitvertreib weggenommen, pflichtgemäß, basta.

Der beste Zeitvertreib auf dieser Erde aber ist der Haß. Wer weiß das denn nicht! Das wissen seit alters die Dummköpfe aller Nationen, die ihre öde Muße damit ausfüllen, andere Nationen zu hassen und zu schmähen. Wie aber soll der vollends Langeweile noch fühlen, ja überhaupt den Zeitablauf, dessen Herz einmal in den untersten teuflischen Grund eines andern Herzens getaucht ist und aus diesem Schacht wieder aufgetaucht, als ein Eimer gefüllt bis zum Rande mit Racheverlangen.

Zwei Monate trennten den Sträfling Abrecht von seiner Entlassung. Sie waren nicht mehr für ihn als eine kurze, von Bränden durchloderte Nacht. Er stand und ging und arbeitete und säuberte sich und sein Gelaß, ohne Zwang und ohne Anteil, und spürte mit entsetzlicher Lust, wie die Flamme tiefer und tiefer in sein Inneres fraß. Stundenlang konnte er auf seinem Schemel hocken oder unter der Filzdecke im Dunkel liegen und Einen Satz, Einen Gedanken in sich bewegen. Fünfzigmal und fünfhundertmal konnte er sich stumm die gleichen Worte wiederholen: Wie kann ein Mensch das tun? Ein solcher Mensch darf nicht leben. Solch ein Mensch verpestet die Welt!

Aber er wußte auch, daß der andere bereits nicht mehr lebte. Sein Urteil war gesprochen. In jener halben Minute war es schwer gewesen, ihn nicht zu töten. Aber nun war es leicht, nun kostete es gar keine Mühe mehr zu warten, nun lag sogar eine Art von bitterer Wollust darin, den Teufel unterm sichern Beil noch umherlaufen zu lassen, übermütig und wie unbedroht.

Nein, er war nicht wahnsinnig geworden in seiner Haft. Auch als er den Goldenen hegte und liebte, war er es ja nicht gewesen. In jedem Augenblick sah er, was mit ihm vorging: er liebte einen kleinen glänzenden Käfer, der nichts war und alles bedeutete. Auch jetzt wußte er wohl, daß nur Geringes geschehen war: jemand hatte ein Insekt zertreten. Klar hätte er zu sagen vermocht: was da geschehen ist, daß einer einem wehrlosen Gefangenen die eine, einzige, armselige Freude vernichtet, ohne Sinn, nur um wehe zu tun, das ist kein großes Ereignis. Aber dieses Ereignis bedeutet alles, was auf der Erde hassenswert ist, verachtenswert, vertilgenswert. Niemals ist auf Erden etwas Geringeres, Unbedeutenderes geschehen und niemals etwas Größeres und Böseres und Schauerlicheres. Und wenn ich diesen Wächter töte, wenn ich diesem Niedrigsten der Niedrigen den gemeinen Hals zudrücke oder ihm ein Messer in den Schlund stoße, so töte ich den Teufel, so zertrete ich der Schlange den Kopf, und darum muß es geschehen und darum wird es geschehen, und darum weiß ich nicht und will nicht wissen, was jenseits dieser Tat für mich liegt, und darum hungere ich nach ihr und darum giere ich nach ihr, und darum vollführe ich sie. Amen. Amen. Amen.

11.

Johannes Abrecht ging durch die Straßen des Außenquartiers der Stadtmitte zu, suchend, auf ungefährem Wege. Seine Kleider saßen ihm ungewohnt locker am Leibe, nur die Stiefel schienen ihm schwer. Der Filzhut schwankte unsicher auf seinem kurzhaarigen Haupte. In der Hand trug er einen kleinen Lederkoffer.

Es war ein schöner, mildsonniger Herbstmorgen, und sogar hier draußen hatte die Stadt ein freundliches Gesicht. Die Menschen sahen lustig aus, und die sausenden Wagen der elektrischen Bahn klingelten hell. Schon nach ein paar Ecken glaubte Johannes weit gegangen zu sein, hier dachte wohl keiner mehr daran, woher er kommen könne. Und ohne seinen Hut abzunehmen, hielt er einen jungen Menschen an und fragte ihn nach der Uhr. »Vielleicht würden Sie mir auch das Datum sagen,« fügte er mit leiser Stimme hinzu. Der andere stutzte. »Der neunundzwanzigste September ist«, sagte er und machte, daß er davonkam.

So hatten sie ihn zwei Tage vor der Zeit entlassen. Ein sonderbares Geschenk war das eigentlich nach diesen zwei Jahren. Und nachdenklich ging er weiter. Schließlich stand er mit seinem Köfferchen, das er eng an sich drückte, auf der vordern Plattform eines elektrischen Wagens. Leute stiegen auf und sprangen ab, keiner beachtete ihn, das Gewühl auf den Straßen wurde immer heiterer und dichter. Lange folgte er mit den Blicken einem Handkarren, der an einer Ecke stand, ganz voll mit herrlichen Pfirsichen. Jeder konnte dort hintreten und sich für ein wenig Geld von den schönen Früchten kaufen. Er blickte in seinen Geldbeutel, in dem zusammengefaltet eine größere Summe lag. Er hatte sich wohl versehen – damals.

Vielleicht war der Wagen mit den Pfirsichen die Ursache, daß er am großen Marktplatz ausstieg und sich in einem der alten Gasthöfe, die dort liegen, ein Zimmer anweisen ließ. Er stieg mit dem Hausknecht die schmale, gewundene Treppe empor, auf der es nach Gemüse und nach verschüttetem Landwein roch, und stand dann hoch, fast unterm Giebel, in einer einfachen Stube. Noch einmal wurde er gestört. Es war wieder der Hausknecht, keuchend, mit einem Anmeldezettel in der Hand. Johannes Abrecht füllte ihn umständlich aus und benutzte dabei, ohne nachzudenken, einen erfundenen Namen, den einer fremden Stadt und willkürliche Daten. Er merkte, wie ihm die Buchstaben fremder waren nach der zweijährigen Entwöhnung.

Dann ging er daran, seinen kleinen leichten Koffer auszupacken, und es wurde ihm seltsam zumute, als er die Wäschestücke herausnahm und die zwei Bürsten und die Seife und den Kamm und einen kleinen Spiegel und das Rasierzeug und alles, was da so sorgfältig zusammengeschichtet lag, wie für eine Vergnügungsreise von zwei Tagen. Dort im Hause war ihm nichts gelassen worden von dem Mitgebrachten. Unberührt hatte das Köfferchen siebenhundert Tage lang im Speicherraum gestanden, versehen mit einem Zettel, der eine Zellennummer trug und ein Datum.

Der träge Gedanke kam ihm in der Betäubung des neuen Tages, als sei nicht nur sein Koffer, als sei auch er diese ganze Zeit über beiseite gestellt gewesen, habe gewartet und keinerlei Existenz geführt, und als müsse es nun möglich sein, am gleichen Punkte das Lebensseil wieder anzuknüpfen.

War das so? Nein, das war nicht so.

12.

Er trat ans offene Fenster und legte beide Hände um das Eisen der niedern Balustrade. Drunten war freudiges Gewühl von Farben und Schällen. Der Platz zwischen dem alten, gezackten Rathaus und der ungleichen Häuserreihe, zu der sein Gasthof gehörte, war ganz bedeckt vom Durcheinander des Markttags. In der durchsonnten Kühle bewegten sich die Menschen heiter zu ihren Geschäften; von Früchten und Blumen und blättrigen Pflanzen leuchteten alle Verkaufsstände, Freundlichkeit herrschte, Mangel war fern, und das Leben schien leicht.

Deutlich und nahe lag dies alles vor Johannes da und gleichwohl von ihm abgetrennt, nicht zu ergreifen, nicht als Realität, in die man mit wenigen Schritten gelangen konnte. Dies war die Welt, die wirkliche, dies war das Menschendasein, aber er hatte nicht teil daran, noch nicht. Wäre er die alte Gasthausstiege hinuntergegangen und hinausgetreten auf diesen sonnigen Platz, gewiß wäre dies alles vor ihm zurückgewichen, und in der Ferne hätte das heitere Getriebe weitergespielt.

Schöne Früchte waren da; welch gütiges, reiches Werk hatte die Sonne getan, während er selber vor ihr verbannt war. Solch eine schöne Frucht war aufgespeichertes, festgewordenes Sonnenlicht, das konnte er sich nicht kaufen – noch nicht! Da stand auch wieder ein Korb mit Pfirsichen. Ein Pfirsich, das war die Vollendung. Die Natur wollte einmal zeigen, wie groß und herrlich sie sei, und da brachte sie spielend das Köstlichste hervor: einen Pfirsich oder einen Schwan oder ein rosiges Stück Kristall. In der Schule, einst, hatte man ihn gelehrt, was das Wort Pfirsich besagte. Persische Frucht besagte es. Persien! Sein Traum von Meerfahrt, Fremde und südlicher Glut zog hinter Schleiern an Johannes vorüber. Noch durfte er die Hände nicht ausstrecken, um den Schleier zu zerteilen, aber die Stunde war nahe.

Er ermunterte sich und blickte gesammelter in die ausgebreitete Fröhlichkeit. Da sah er an einem der Verkaufsstände den Händler mit seinem Hunde spielen. Es war ein gesunder Mann von fünfzig Jahren, in einem wollenen Kittel und mit einer Wollmütze auf dem Schädel; der Hund ein kleiner lustiger Scherenschleifer, mit viel zu großen, hängenden Ohren und einem zu langen Schwanz. Er hatte sich an einem Gemüsekorb in die Höhe gerichtet, und der Händler neckte ihn mit einem Bündel Mohrrüben. Der Schwarze ging auf den Scherz ein, bald erhob er das rechte und bald das linke seiner kurzen Vorderbeine und patschte mit der Pfote drollig nach dem gelben Bund. Mit einemmal aber warf sein Herr die Rüben fort, packte den Kleinen fest bei einem Ohr und lachte ihm mit seiner freundlichen Grimasse ganz nahe in sein schwarzes Gesicht. Da riß der sich los und fing an, aus Leibeskräften bellend und juchzend einen Freudentanz um den Verkaufsstand auszuführen.

Dies aber sah Johannes bereits nicht mehr. Wie er das Hündchen spielend die kurzen Vorderglieder bewegen sah, war mit einemmal der Schleier vor seinen Augen zerrissen, er wußte, was ihn noch von der Welt und von der Zukunft trennte. Er hörte jenes Knirschen auf dem Steinboden, er hörte jene mitleidlosen, unsagbar gemeinen Worte, er sah jene gelben Augen und sah jenen Mannsstiefel in seiner Drehung. Die Welt war wieder voll vom Pesthauch des bösesten, des untersten Menschen und Johannes' Blut wieder angefüllt mit dem ungeheuersten Haß und unbeirrbarer Rachgier. Kein Einwand, keine Überlegung, keine Voraussicht konnte standhalten vor diesem Stärksten, vor dieser Notwendigkeit. Eher mochte man ein Seil ausspannen, um das Meer zu dämmen.

»Ich werde ihn töten«, sagte er vor sich hin. Zum erstenmal sprach er aus, was er seit Wochen wußte und wollte. Behutsam schloß er das Fenster und verriegelte die Tür, als könnte einer von draußen in seine Gedanken einbrechen. Dann ließ er sich in der Mitte der Kammer am leeren Tische nieder, stützte die Stirn in die Hand und begann ruhig, geordnet, zu planen.

13.

Am nächsten Tage hatte er ein ausführliches Gespräch auf dem Auswanderungsbureau. Von dort begab er sich nach dem Konsulat jenes südamerikanischen Staates und wurde von dem Beamten, einem deutschen Herrn in vorgerückten Jahren, höflich belehrt. Dann erst löste er seine Schiffskarte für ein nicht sehr entferntes Datum und ordnete auch das Nötige in dem Lagerraum, wo seine Habe verwahrt wurde.

Am Abend begann er seine Nachforschungen. Allein es bedurfte verschiedener und methodischer Streifzüge, um seine Tat unfehlbar vorzubereiten.

Nicht ferne von dem Zuchthaus, ein kleines Stück weiter draußen an der halberstellten Vorstadtstraße, befand sich die Wirtschaft »Zur Eintracht«. Sie war der Erholungsort für das Wachtpersonal. Hier saßen die Wärter beieinander, bei Bier und Skat, aus dieser niedrigen und muffigen Schankstube, darin es ihnen wohl war, kehrten sie zurück zum korrekten Dienst oder zur feigen Befriedigung ihrer bösen Triebe. Abendelang umstreifte Johannes den Ort, zweimal auch kehrte er hier ein, trank unerkannt und still seinen Schoppen und hörte die einfältigen Reden der Kerkermeister. Nach diesen Reben hätten sie ebensogut Hutmacher sein können oder Steuerboten oder Zigarrenverkäufer.

Mit einer besondern Sorgfalt studierte er den Weg, der zum Gefängnis zurückführte. War man die Straße stadtwärts ein Stückchen hinaufgegangen, so bog zur Linken eine schmale Gasse ab, die zwischen der äußern Zuchthausmauer und einem langen, schwarzen Lagerschuppen hindurchleitete. Auf diesem Pfad gelangten die Wärter an den hintern Eingang zur Anstalt.

Johannes kannte die Tagesordnung des Hauses, auch den Turnus jener abendlichen Erholung im Wirtshaus hatte er rasch festgestellt, es galt nur das eine: den Verurteilten ohne Begleitung zu treffen. Um sicher zu gehen, lauerte er ihm probeweise auf.

Gegen die neunte Stunde war er in der Gasse. Er stand in der Türnische des Schuppens, eng in die Finsternis gedrückt, und wartete. Ein Stück von ihm entfernt brannte an einem Eisenarm, der aus der Zuchthausmauer ragte, trüb eine Öllaterne. Jeder, der sich von der Straße her näherte, war deutlich zu erkennen. Ein Wärter kam bald, ein großer hagerer Mann: wie er unter dem Lampenlicht hindurchschritt, unterschied Johannes den freundlichen und ernsten Ausdruck seines langen Gesichts.

Warum konnte der nicht mein Kerkermeister sein, dachte er ruhig, dann läge jetzt nicht der furchtbare Druck auf meinem Herzen. – Der Mann ging stetigen Schrittes vorüber, dort an der Pforte läutete er, ihm wurde geöffnet, und die Tür fiel zu.

»Ja, den hätte ich nicht töten müssen«, sagte der Lauscher vor sich hin. Er dachte dies mit einem stillen Bedauern über das ihm selbst auferlegte Schicksal, aber ohne jedes Mitleid mit dem Verdammten. Was er vorhatte, war ja nicht das Ergebnis eines Entschlusses, der auch zu ändern war; hier gab es keine Wahl. Jener Mensch, der unnennbar Böse, er stand zwischen Johannes und der Welt. Es war nicht möglich, auch nur einen Schritt in das Dasein hinauszutun, ehe diese Wand niedergerissen war. Eigentlich stand sie gar nicht außerhalb, diese Wand, sie war nicht ein Stück Mann, das unter dem freien Himmel aufragte, sie stand in Abrechts Blut als ein furchtbar dicker Klumpen oder Knollen von Haß und Ekel und Verachtung. Ihm war es all die Tage, als lebe er nur auf Bedingung und Frist, als sei ihm nur eben so viel Kraft gelassen, um die Tat zu tun, und als werde er erst dann, wenn der Klumpen zerstört und fortgewaschen sei, frei wieder atmen und schlucken und wollen und lieben können, als werde erst dann wieder sein Blut ruhig und milde durch den ganzen Körper kreisen.

Ihm fiel ein, wie ehemals daheim einer seiner Schulkameraden schwer krank gewesen war; der Arzt hatte von einer Blutvergiftung gesprochen und hatte dem Buben eine Silberlösung durch die Adern geleitet, da war er genesen. Johannes erinnerte sich deutlich an den Eindruck, den ihm das damals gemacht hatte; wie in seiner Vorstellung ein mattschimmernder, kühlender Silberstrom jenem durchs Blut floß und alle giftigen Keime sanft mit sich fortnahm und tilgte. Ja, so würde auch ihm zumute sein, wenn die Tat vollbracht war.

In diesem Augenblick sah er sein Opfer kommen. Kurze, stampfende Schritte bogen in die Gasse ein, und schon erblickte Abrecht dort unter der Laterne, für einen Augenblick hell beleuchtet, das platte, gemeine Gesicht, die Augen, den Schnauzbart, die Kinnladen. Rasch kam er näher, ahnungslos und singend. Johannes hörte die Worte eines Gassenhauers in der furchtbaren Stimme.

»Es braucht ja nicht grade Flanell zu sein«, sang er und war an Abrechts regloser Person schon vorüber.

»Es kann ja auch eventuell sein«, hörte Johannes noch. Ein Lachen packte ihn über die Sinnlosigkeit dieses Textes, den der bösartige Dummkopf gewiß entstellte; voll Hohn und Haß und triumphierender Wollust lachte er laut los, weil der da in vergnügter Stumpfheit so Schulter gegen Schulter an seinem eisernen Schicksal vorüberstreifte.

Es läutete da hinten, es ward aufgetan, und dumpf donnernd schlug hinter dem dort die Pforte zu.

14.

Am andern Morgen fuhr er mit der Kleinbahn hinaus. Es ging erst durch die häßlichen Siedlungen der Bannmeile, dann eine schwache Stunde durch freundliches, welliges Land. Er verließ den Zug und schritt auf der Landstraße gegen Hochberg.

Herbstlich braun und verlassen lagen die Felder in der klaren Luft; Johannes schritt fast behaglich aus in seiner dunklen, wärmenden Kleidung. Nicht lange und er stand an der Stelle, wo sacht aufwärtsführend die Seitenstraße nach Hochberg abbiegt.

Hier war es, dachte Johannes Abrecht, und blickte auf das leere, schweigende Feld, auf die Bodenwelle, die damals voll von reifem Korn gewesen war, und an der sich sein Schicksal entschieden hatte.

Wäre ich ein Stündchen später gegangen, dachte er, mein Leben würde sich nicht verändert haben. Oder hätte ich einen andern Weg genommen, oder wäre es weniger heiß gewesen, oder hätte das Kind daheim Kartoffeln schälen müssen. An solchen Umständen hängt nun ein Dasein. Ein Zufall alles, ein Zufall bös und gut!

Aber während er so dachte und auf die verschiedenen Stoppeln hinsah, da wußte er auch schon, daß es töricht war, von Zufall zu sprechen. Es war ja gar nicht möglich, jenes Ereignis und diese zwei Jahre in Gedanken zu tilgen, sein Leben war magisch gewiesen, magisch gebogen worden, nach dunkler gewaltiger Satzung. Hatte er denn auch nur die Fähigkeit, das Geschehene anders zu wünschen, sagte nicht ein geheimer Instinkt in seiner Brust Ja und Willkommen zu jeder Wandlung, zu jedem Geschick? Erlebte er nicht gefaßt und bejahend seinen Fall und seine Strafe, den Kerker und die neue Freiheit, das Heimatloswerden und die Grüße des Unbekannten? Willkommen Bös und Gut!

Doch nicht willkommen! Eins nicht: nicht der Abgrund des Herzens, nicht das Gemeine, nicht das Grausame, nicht der hämische Teufel, nicht der, der den Wehrlosen martert! Alles, alles, alles ist hinzunehmen, ist zu ertragen, ist gutzuheißen, alles läßt sich umfassen mit Freundschaftsarmen, alles sich einschließen in eine schicksalbereite Brust: tiefer Sturz und Elend und Hunger und Schmerz und Verlassenheit und Verlorenheit und Verstoßenheit, aber dies nicht, jener nicht, er nicht! – Vor Johannes' Augen wallte roter Dunst auf. Er sah die Stelle seines Schicksals nicht mehr, sie war ihm nichts mehr.

Er machte sich frei und schritt den Weg nach Hochberg hinauf. Im Orte fragte er nach dem Hause des Bauern und ging durch die Straßen, von niemand beachtet. Wenige hatten ihn hier gekannt, und die Menschen vergessen. Bald stand er vor dem Hof, der nicht besonders stattlich war und nicht ärmlich.

In der Stube saß der Bauer am Tische. Johannes nannte seinen Namen, ohne Erregung, aber auf einen übeln Empfang gefaßt. Es geschah jedoch nichts. »Ja«, sagte der Mann nur, »was ist denn?«

Johannes trug mit kurzen Worten seine Frage vor.

»Ja«, sagte der Bauer und war noch immer nicht aufgestanden, »da weiß ich nicht ... Die Geschichte ist ja vergessen, es wär' vielleicht nicht gut, wenn man da wieder anfinge. Und zu Ihrem Amt werden Sie ja auch nimmer kommen?«

»Nein, freilich«, sagte Abrecht und blickte auf den ruhigen Mann. Wo war dessen Zorn hin, der ihn in die Verbrecherzelle geschleudert hatte? Zwei Jahre waren die Ewigkeit. War einer noch der gleiche Mensch nach zwei Jahren? Er selber fühlte ja nichts beim Anblick des einstigen Feindes.

»Möchten Sie die Johanna sehen?« fragte der nun, »ich kann sie Ihnen rufen.« Er stand auf und ging über den Hof zum Eingang des Schuppens; Johannes sah durchs Fenster, wie er dort stehenblieb und ins Tor hineinsprach.

Johanna hieß sie. Das hatte Johannes Abrecht vergessen gehabt oder niemals gewußt. Aber nun schien es ihm, als könne schon dieser Namensgleichheit wegen gar keine Verbindung zustande kommen. Es war gewiß nicht vernünftig, aber irgendwie schien ihm die Unmöglichkeit durch diesen Umstand besiegelt. Dies war ihm nicht bestimmt.

Das Mädchen trat ein mit dem Vater. Abrecht hätte sie schwerlich wiedererkannt, sie wäre ihm vermutlich nicht einmal aufgefallen in einer Schar von anderen. Er sah ein hochaufgeschossenes Ding, nicht hübsch, nicht häßlich, auch nicht besonders braun von Haut nun im Herbste, während seine Erinnerung sich doch gerade an dieser Gebräuntheit solange festgehalten hatte. Verlegen stand sie da, blickte seitwärts, und legte ihre Hand in die seine.

Er sprach: »Ich möchte Sie um Verzeihung bitten wegen damals, Fräulein Johanna.«

Sie wußte ganz offenbar nichts zu sagen und murmelte schließlich, halb unverständlich:

»Es war nicht so schlimm.«

»Ich habe Ihrem Vater schon gesagt, daß ich gern alles an Ihnen gutmachen möchte. Ich habe gefragt, ob er doch vielleicht will, daß wir uns heiraten.«

Sie blickte ihn zum erstenmal an, auch sie hatte ihn ja niemals recht gesehen, und wunderte sich wohl über das ernste, schmale Männergesicht. Dann murmelte sie:

»Ich weiß nicht, Herr Abrecht ... Die Leute haben's schon beinahe vergessen!«

»Es ist auch noch ein anderer da, der sie heiraten will«, sagte der Vater von seinem Stuhl her, »sie ist bloß noch zu jung, erst siebzehn.«

»So«, sagte Abrecht, »da wünsche ich Glück. Es ist schön, daß ich Ihnen doch nicht Ihr Leben verdorben habe. Ich habe viel an Sie denken müssen, Fräulein Johanna – dort.«

Sie ließ nun die Augen fest auf ihm haften. »Haben Sie's sehr arg gehabt?« fragte sie leise.

»Ach nein«, sagte er vage. Und dann brachte er, völlig frei nun und mit seinen Gedanken schon kaum mehr in dieser Stube, sein andres Anerbieten vor, nannte die Summe und fragte zweimal, ob dies so recht sei. Johanna schaute ihn neugierig und ein wenig töricht an bei seinen Worten; aber der Vater ließ sich alles mehrmals auseinandersetzen, ohne Dank und ohne Erstaunen, so als handelte es sich um eine Sache, auf die er lange mit Anspruch gerechnet hätte. Als dies erledigt war, stockte das Gespräch.

»Die Frau und mein Sohn sind in Lengenau auf dem Markt«, sagte der Vater endlich. »Aber mögen Sie nicht einen Kaffee, Herr Abrecht?«

Johannes lehnte ab, allein das Mädchen war schon draußen, froh offenbar, daß die Situation sich auflöste. Nach wenigen Minuten kam sie zurück, mit Kannen und einer Tasse und mit einer Art von sehr weißem Brotkuchen, einem dicken, duftenden Laib. Johannes aß und trank, und die beiden sahen ihm zu. Gesprochen wurde fast nichts mehr, denn man hatte sich nichts mehr zu sagen.

Schließlich zog Abrecht sein Fahrplanheft aus der Tasche. »Wenn ich Sie hinfahre, dann kriegen Sie noch den Zug um drei Uhr sechzehn«, sagte der Bauer. Wieder versuchte Johannes abzulehnen, mit ein wenig trübem Spott im Herzen. Aber wieder war der Bauer schon auf dem Weg, um einzuspannen.

»Vater, ich fahr' mit«, rief ihm die Tochter nach.

So fuhren sie denn zur Station; vorne rauchend der Mann, neben ihm das Mädel, auf der hintern Bank Johannes, ganz allein, wie ein Herr. Er blickte auf den Rücken des Bauern, auf den schmäleren der Tochter im Umschlagetuch und auf ihren mit gelben Blumen geschmückten Hut, den sie ihm zu Ehren aufgesetzt hatte, und der tellerartig und ungeschickt ganz oben auf ihrem Kopfe schwankte.

So fuhren sie durchs Dorf, so fuhren sie die Zweigstraße hinunter. Sie kamen zur Kreuzungsstelle, sie kamen zu jenem welligen Feld. Aber weder Vater noch Tochter blickten nach dem brachen Stück Land hinüber, das ihnen gehörte, und Johannes, der nun in seinen Gedanken vorgeneigten Hauptes dasaß, merkte erst lange Zeit später, daß sie vorüber waren.

15.

Um fünf Uhr war er wieder in seinem Gasthof, um acht machte er sich durch die Dämmerung der Straßen auf seinen Weg. Er spürte den mildkühlen Abend nicht, er sah nichts von dem Treiben der Menschen, die ihrer Berufslast ledig sich auf Genuß oder Ruhe freuten. Er wanderte zu Fuß die weite Strecke, um seinen Gliedern Beschäftigung zu geben, und mußte sich zügeln, um nicht nach dem Ziele zu rasen.

Alle die Tage ja hatte er sich gezügelt und bezwungen, hatte er die in ihm wühlende Glut zugeschüttet und niedergehalten, um mit Fassung das Notwendige zu ordnen. Nun aber, da er der Flamme ihren Raub freigab, da sie aufzüngeln und verzehren durfte, nun bedeutete jeder Augenblick des Wartens Krampf und Qual. Nun war sein Körper nichts andres mehr denn ein Gefäß der Rache, sein Auge nur spähende Angel, seine Hand nur sichere Waffe und Tod. Ein peinvoll sehnendes Verlangen war sein ganzes Ich. So giert der vom Schmerz Gefolterte nach dem Ende seiner Not, so der rasend Verliebte nach dem einen Leibe, so der Verschmachtende im kochenden Wüstenbrand nach dem Trunk, der nicht kommen kann. Sein Trunk aber war bereit, er war ihm gewiß, dies tobende Fieber war zu stillen, und die Stillung war nahe.

Nun rannte er doch und war an seinem Ziel, lang ehe es klug war, dort zu sein. Aber schon deckte die frühe Nacht ihn völlig zu, reglos stand er in seiner Nische, und endlich beruhigte sich auch sein Atem und sein tobendes Herz, so daß er in die Stille hinaushorchen konnte. Niemand ging vorbei, traurig stand die Gefängnismauer, die Laterne schimmerte öd'.

Abrecht fühlte in seiner Tasche nach dem griffesten Messer, und wie die Hand es fand, wußte er auch schon, daß er es nicht gebrauchen werde. Kein Drittes sollte zwischen seinem lebendigen Ich, das sich rächte, und jener Fratze stehen, nichts, auch kein Eisen.

»Ich erwürge ihn«, sagte er flüsternd vor sich hin. Er ballte im Finstern die rechte Faust mit aller Kraft, die ihn erfüllte. »Ich bin stark, einen Steinblock könnte ich zerspalten«, sprach er wieder, aber er wußte nicht, ob seine Lippen die Worte ausgebildet hatten.

Ihm fiel ein, daß er nun seinen Plan doch nicht befolge. In seinem Zimmer am Markt lagen die Gegenstände zur Vermummung, lag ein falscher Bart, den er sich vorsorglich beschafft, lag überdies eine Larve aus schwarzem Stoff. Aber wäre auch beides nicht einfach vergessen gewesen, er hätte es doch nicht brauchen mögen. Er stand seinem Schicksal gegenüber am großen Tag, am Tag der Erfüllung, er hätte ihm nackt gegenüberstehen mögen.

Mit wilder Klarheit horchte er nach rückwärts in die Zeit. Als spräche die gemeine Stimme an seinem Ohr, ihm geradewegs ins Hirn hinein, so hörte er sie:

Dir wird man's beibringen, dich zu amüsieren, du Sauigel. Dir wird man dafür tun. Marsch, putz es auf ... Und das Knirschen.

Da kamen Schritte in die Gasse, wirr und ungleich. Und Abrecht sah beim Laternenschein zwei der Zuchthausbeamten redend miteinander nach Hause gehen.

Er erblickte den mit dem langen menschlichen Gesicht und einen Unbekannten. Sie waren vorüber, läuteten, verschwanden.

Wenn nun auch jener nicht allein kam! Wie leicht war dies doch möglich, trotz aller Voraussicht. Nein, es schien nur möglich, es würde nicht sein. Die ungeheure, unwiederbringliche Anspannung dieser Stunden, nie und nimmer konnte sie verloren sein. So wurde nicht verschwendet in der Welt!

Von diesem Augenblick an stand er in völliger Festigkeit da, in der Stille des Todes, und harrte. Er war ein eiserner Muskel, nichts anderes mehr, und völlig, völlig bereit.

16.

Er kam. Der Schritt erklang, den Johannes aus öder Kerkerzeit kannte, gehackt, hart und feindselig. Ja, da kam er, allein. Johannes sah ihn unter der Laterne hindurchgehen, nun hatte er noch zwanzig Schritte zu tun, nun noch fünf. Johannes stand und war ein Werkzeug, eine Zange, bereit zu schnappen und zu packen. Ja, nun hatte er ihn, gelobt sei der Himmel, endlich, endlich!

Mit einem Ruck, einem Sprung war er aus dem Versteck heraus, hatte mit seinen beiden Händen den Feind an der Kehle und riß ihn herum. Der wollte aufschreien im grausigen Schreck, aber der Laut ward ihm hinuntergepreßt, er schlug um sich, wollte greifen, wollte treffen, aber die steinernen Fäuste hielten ihn würgend in der Entfernung, und seine kurzen Arme hieben die Luft. Die Uniformmütze war zu Boden gefallen, der Schein der Laterne fiel grell auf das kurze Haar, das sich borstig zu sträuben schien, und auf das verzerrte Gesicht.

Und Johannes sah ihn. Wohl war seine ganze Kraft in der Klammer seiner Fäuste versammelt, aber sein Auge blieb klar, und sein Geist erkannte, in finsterer Ruhe.

Schweigen herrschte. Kaum drang ein Gurgeln aus der Kehle des Menschen, ein Piepsen gleich dem einer Maus, gleich dem eines ganz kleinen Tiers war alles, was er hervorbrachte. Sein kleiner Mund stand offen als ein rundes Loch, und zwischen den spitzigen schmutzigen Zähnen bewegte sich rastlos, eilfertig die Zunge. Die flachen Augen aber, sie traten hervor, sie hingen hervor, es war als müßten sie überlaufen und ausrinnen in der nächsten Sekunde. Johannes sah das alles, er sah den Menschen da vor sich schwanken, wanken, er wußte, daß Ohnmacht und Ende nur noch das Werk einer kürzesten Spanne sei, und daß seine Kraft wohl genüge, um dies Ende zu erreichen. Nein, er würde nicht erlahmen. Hier stand, mit den Fäusten an der Gurgel des Bösen, mehr als ein einzelner Mensch, der sich rächte.

In Johannes' Herzen war lastende Stille. Der Druck, der ungeheure, schmerzhafte Druck, der Drang nach Erlösung durch die rächende Tat, er war noch immer da; um ihn abzuwerfen, brauchte es Tod, letztes Röcheln, letzte Zuckung. Diese wilde, dumpfe Sehnsucht war es, die seinen würgenden Fäusten die Kraft gab. Ja, nun hieß es, zu Ende pressen, nun hieß es abschließen, nun hieß es töten.

Und da fing Johannes an zu reden. Über die ausgereckten Rächerarme hinweg sprach er dem andern in seine gemarterte Fratze hinein, mit klarer, kalter, gebändigter Stimme, und hörte sich selbst in seltsamer Fremdheit.

»Habe ich dich, habe ich dich, du! Weißt du, wer ich bin? Du mußt sterben. Siehst du, was ich mit dir tue? Mit meinen Fäusten presse ich dir das Leben aus. Nur ein paar Augenblicke lebst du noch, und die sind schrecklich. Aber lange nicht schrecklich genug. Denn du bist ja ein Teufel, das unterste gemeinste Geschöpf bist du! Ein Stück Schuft, so grausig, so scheußlich, daß es keine Strafe für dich gibt. Totwürgen ist ja nicht genug, nichts ist genug für dich. Jedes Glied müßte man dir einzeln zerbrechen, die Haut müßte man dir in Riemen zerschneiden, das Fleisch müßte man dir mit Zangen herausreißen, du Quäler, du Henker, du feiger, gemeiner Schinderknecht! Was haben sie dir getan, die dort büßen? Was habe ich dir getan? Meinst du denn, du Teufel, es gäbe in dieser Welt gar keine Gerechtigkeit, meinst du denn, dir ginge alles so hin? Aber du bist am Ende. Du hast zuviel getan. Du bist ja gar kein Mensch, du bist ja die Schlange, du bist ja alles Elende und Schlechte in der Welt, von deinem Pesthauch, du Stück Aas, ist ja die Welt voll, man kann ja nicht mehr atmen, solang du noch da bist! Aber ich lösch' dich aus, ich würge dich ab, du darfst nicht mehr sein!«

Er mußte sich nach vorwärts beugen und merkte, daß der andere in die Knie gebrochen war. Er lag da vor ihm, das purpurrote Gesicht in viehischer Verzweiflung nach oben gewendet, die Augen verdreht, halb gebrochen schon, den lechzenden Mund offen mit weit hervorleckender Zunge. Johannes sah ihn, unerschüttert, ungerührt, ja mit steigender Wut. Er versuchte, den Druck seiner tödlichen Fäuste noch zu verstärken, alle Gewalt des Hasses, der Verachtung, der überstandenen Leiden preßte er in sie hinein. Und niedergebückt spie er seine Worte gegen die sterbende Larve, nun nicht mehr klar, nun nicht mehr gebändigt, sondern mit einer unmenschlichen Stimme, die kreischte und umschlug.

»Kennst du mich noch, du, kennst du mich noch, oder bist du hinüber? Augen auf, sieh mich! Ich bin's, den du gemartert hast, und der dich nun abtut! Ich, der Sträfling aus der Zelle dreiundneunzig! Weißt du noch, die Vögel, die Singvögel? Ja, ich habe sie singen hören, die kleinen Vögel, ja, mich hat das gefreut, mich, der dich jetzt ermordet, hat das gefreut. Und da bist du hingegangen und hast mir die Luke zugeschlagen, und weil man's doch noch gehört hat, bist du zum Direktor gelaufen und hast mich in ein anderes Loch gesperrt. Und du hast mich gestoßen, und du hast mich gepufft, und du hast mich angeschrien, und du hast mich ausgehöhnt, und du hast mir das Essen hingeschmissen, und du hast mich beschmutzt, und du hast mich geplagt und gefoltert – mich, einen wehrlosen Mann, einen wehrlosen, wehrlosen Mann. Da, verrecke, da würge, da schnappe nach Luft, nach deinem letzten Maulvoll Luft! Da, da, da, spürst du mich? Aber du sollst auch genau wissen, wofür du stirbst. Soll ich dir's sagen? Für einen Käfer stirbst du, für einen kleinen Käfer ... War ich denn nicht ein armer, armer Mensch? Ich hatte ja nichts auf der Welt. Ich war ja nahe daran, verrückt zu werden. Noch einen Tag oder zwei, und ich wäre gewiß verrückt geworden. Und da kam eine kleine Freude für mich, eine Rettung. Was war's denn für eine Freude, du? Ein Käfer war's, ein Insekt, ein Ding so klein, kaum zu sehen. Und das hatte ich lieb, und auf das freute ich mich, und mit dem spielte ich und sprach ich und brachte es fertig, daß es mich kannte, und dieses armselige Ding war meine ganze Welt, das war mein alles – ich armer, armer Mensch! Und das hast du mir genommen, das, das hast du auf den Boden geschmissen und hast es zertreten mit deinem gemeinen dreckigen Mannsstiefel! Ist so etwas möglich, ist so einer wie du geschaffen von Gott, darf der leben? Nein. Der muß weg. Dem sein Atem muß still sein. Da gib ihn her deinen Atem, den letzten ...«

Und immer die Marmorfäuste um die Gurgel des verlöschenden Henkers, zischte er ihm in grausiger Nachäffung mit dessen einstigem Tonfall ins Gesicht:

»Was hast du denn da? Gib's her, was du hast. Dir bringt man's noch bei. Da, putz es auf!«

Mit einemmal aber, mitten im Donner und Dunst seiner Rache, geschah das Große mit Johannes Abrecht, das Göttliche geschah mit ihm. Er sah, wie der Mensch da unter ihm in seiner Agonie schwach, bewußtlos, versinkend, seine beiden Arme bewegte. Er sah diese beiden kurzen Arme hilfeheischend, gnadeflehend, mit unsicheren, armseligen Bewegungen sich rühren, zwei Taster eines vergehenden Wesens. So winkt ein krankes Kind verlangend mit den Ärmchen, so regt eine kleine unbewußte Kreatur die dünnen Glieder.

Durch Johannes' Hirn und Leib und Hände ging ein Strom, ein milder, lösender, erlösender Strom. Sein 6riff lockerte sich und gab frei, seine Muskeln alle spannten sich ab, durch seine Brust wehte es wie kühle Luft von Meer und Sternen. Und während der Mensch drunten lautlos nach vorne sank, richtete sich Johannes empor, er atmete tief, ein Zucken wie von Weinen oder Lächeln lief über sein mageres Gesicht, er lehnte sich aufrecht an die Gefängnismauer.

So stand er, die todbringenden Hände flach auf die eigene Brust gepreßt. Nur wenige Augenblicke stand er so, Augenblicke, die eine unbestimmbar kurze oder lange Zeit für ihn währten, und eine unfassbar mächtige, milde Erneuerung durchströmte mit ihrer Silberflut sein erlöstes Ich. Er vermochte nicht zu denken, später, später würde er denken können, er gab sich hin und wurde durchwallt und wurde geheilt, und ein Glück ohne Namen war sein, Erleuchtung, Befreiung und Barmherzigkeit.

Er öffnete seine Augen und beugte sich nieder zu dem, der da auf dem Antlitz lag. Sanft nahm er ihn bei den Schultern und richtete ihn auf. Die Brust des Mannes hob sich, seine Züge, bei noch geschlossenen Lidern, waren in Regung. Johannes kniete neben ihm nieder, lehnte den schweren Leib in seinen Arm und blickte den Zurückkehrenden an. Das öde Licht der Laterne beschien ihn.

Abrecht hielt diesen Körper mit Händen, die sich nicht erinnerten, er sah diesen Mann mit Augen an, die ihn nie gesehen hatten. Ein armes seltsames Mündchen stand halb offen in diesem Gesicht, ein Kindermündchen mit kleinen spitzen Zähnchen, dessen untere Lippe wehmütig herabhing.

Er begann mit vorsichtigen Fingern die Schläfen des Mannes zu massieren, während sein linker Arm ihn stetig stützte. Und nach wenigen Strichen schon öffnete jener die Augen. Sie waren trübe, sahen noch nichts und schlossen sich wieder. Er gurgelte und röchelte. Johannes fuhr fort in seiner Mühe, langsam, methodisch, genau, als wäre er allein auf der Welt mit diesem Erwachenden, als führte nirgendwo ein Weg in die Straßen der Menschen. Manchmal nur mußte er innehalten und aufatmen, um einer Glückseligkeit Herr zu werden, die ihn schwach machen wollte.

Und plötzlich merkte er, daß jener ihn ansah, daß das Leben völlig in ihn zurückgekehrt war. Er fühlte einen Widerstand im ganzen Leib des Gekräftigten, er ließ ihn los, stand langsam auf und trat ein wenig zurück. Im Blick des andern erkannte er die Todesangst, gerne hätte er ihn beruhigt, ihn getröstet, aber er wußte, daß dies nicht sein konnte, und ließ ihn lächelnd, verzichtend, gewähren.

Da erhob auch jener sich mit Wanken. Er lehnte sich drüben an die Mauer des Schuppens, immer weit offenen Blicks, die Hände hinter sich gespreizt. Und so begann er, sich davonzutasten, immer noch gewärtig, sein Überwinder werde ihm folgen, schob er sich langsam davon, in der Richtung der Pforte. Da ging auch Johannes hinweg, sinnend, versunken, noch seines neuen Zustands nicht mächtig – in der Richtung der Welt.

17.

Wohl wendeten sich, während er dahinging gegen die Mitte der Stadt, seine Gedanken auf den Zurückbleibenden, mit sanftem Erbarmen und mit der Freude, daß jener noch lebe. Keine Sorge mischte sich hinein, der andere könnte ihm nachsetzen lassen, ihn verfolgen, verhaften. So würde der Schicksalsabend nicht enden. War's aber auch anders, er würde es hinnehmen, nichts konnte das ändern an dem himmlischen Ertrag dieser Nacht. Ohne Furcht ging er dahin und wußte doch nicht, wie ganz er geschützt war.

Denn der andere, angelangt bei dem kleinen Tor und eingelassen in sein Logis, dachte wahrlich nicht an Verfolgung. Zitternd, frierend, legte er sich nieder. Er ließ sich von seiner Frau einen Tee aufgießen, sie brachte ihn brummend ans Bett und sah jetzt erst sein armselig verstörtes Gesicht. Sie befragte ihn, ohne Eindringlichkeit freilich, denn sein Ergehen berührte sie wenig. Er aber wagte nicht zu erzählen. Noch war es ihm, als könnte das Schreckliche wieder aufstehen und dasein, wenn man es nannte, schon fühlte er wieder die Steinfaust an seinem Hals und grub sich unter die Kissen, hier in seinem Bett noch von Angst und Grausen geschüttelt.

Erst spät in der Nacht, als er aus dem Schlaf mit Schreien auffuhr, gab er eine Erklärung. Aber wie die Frau nun anfing, sich gegen den Missetäter zu empören und keifend verlangte, man müsse ihn fassen und strafen, da wehrte er ab, voller Entsetzen, und seine Knechtshände spreizten sich im Flackerlicht der Kerze.

»Nein, nein!« schrie er, »wenn sie ihn fangen, dann kommt er wieder zu mir und bringt mich um in der Zelle!« Und er ließ die Frau schwören, daß keiner von ihr das Geschehnis erfahren werde. Um Ruhe zu haben, versprach sie es.

Am nächsten Tag blieb er krank, unfähig aufzustehen. Er schlotterte, wenn sich vorm Fenster die Blätter der Ulme bewegten, von der man hier die untersten Äste sah. Er schrie auf, wenn die Tür ging und seine Frau hereintrat oder der Anstaltsarzt. Und auch als er nach wenigen Tagen das Bett verließ und sich anschickte, wieder Kerkermeister zu sein, blieb er verwandelt. Er fürchtete sich vor seinen Gefangenen, er wagte kaum mit einem allein zu bleiben und fuhr zusammen, wenn eine Schlafpritsche, die er selbst losschloß, rasselnd niederfiel in ihr Scharnier.

Bald wurde es klar, daß er dem Dienst nicht mehr gewachsen war. Die Verwaltung, der er als ein pflichttreuer Beamter galt, bemühte sich und fand euren Posten für ihn in dem Armeemuseum des Landes. Dort ging er nun umher, stumm und ängstlich, zwischen den Zeichen verschollenen Ruhms und den Werkzeugen einer Roheit, deren Form sich gewandelt hat. Der Dienst war leicht, und er hatte mehr freie Stunden als ehemals, aber dies wurde ihm nicht zum Heil. Es war keine Freude für ihn, frühzeitig heimzukommen in die noch engere Dienstwohnung, die ihm nun zustand. Denn seine Frau, lieblos und hämisch schon zuvor, war voller Mißmut und Bitterkeit gegen diesen Wann, der nun auch sein einziges, seine militärische Forschheit, verloren hatte, der übellaunig und schreckhaft bei ihr saß in dem ärmlichen Gelaß, und dessen Gegenwart sie daran hinderte, die maulfertigen Treppenstunden mit den Nachbarinnen auszukosten, die ihr Vergnügen gewesen waren.

Sie zürnte ihm auch, weil sein Gebrechen sie nötigte, auf den Pfennig zu sehen. Denn die neue leichtere Stellung war geringer bezahlt und sein Nebenverdienst nicht der Rede wert. Was sich in dieses Heeresmuseum hineinfand, das waren nicht Leute, die freigebig Trinkgelder verteilten: das waren halbwüchsige Kinder aus den Schulen, entweder rudelweise mit ihren Lehrern oder ohne Aufsicht in kleinen Trupps, sehr bereit, Unfug zu stiften; das waren Kleinbürger und kleine Beamte, deren Kümmerlichkeit sich an den Flecken alten Blutes und an den großen Worten der Fahnentücher erregten, oder Soldaten mit ihren Dienstmädchen. Kam aber je einmal ein ansehnlicher Fremder, der mit wachen Augen an dem Gloriengerümpel vorüberschritt, und erbat der sich Bescheid, so gab dieser Wächter eine konfuse, kurze und unfreundliche Antwort, die allzu deutlich merken ließ, daß er nichts wußte. Da ließ ihn denn der Besucher mit einem Kopfnicken stehen, und der Armselige schlich weiter durch die frostigen Säle, unter den bunten Fetzen von Standarten und Fahnen hin und zwischen all dem rostigen Blutgerät: Partisane, Karkaune und Morgenstern.

18.

Johannes Abrecht war weit fortgelangt gegen die innere Stadt hin und fand sich wieder auf einer Bank mitten in den gepflegten Gartenanlagen eines großen, heiteren Platzes. Es war einer der gedämpft schönen Tage, mit denen die gute Jahreszeit Abschied nimmt, und viele Menschen waren noch wach und genossen den Abend. Auf den Sandwegen um Johannes her war es still, vereinzelte Paare nur bewegten sich mit Flüstern, aber draußen an den Straßen, die um den Gartengrund liefen, saßen die Leute im Freien vor den Restaurants mit bunten Getränken vor sich und plauderten und lachten. Das klang schön aus der Ferne, zumal melancholisch munterer Geigenton von irgendwoher alle die Stimmen begleitete und verklärte. Die weit herausgestellten Leinwandmarkisen der Restaurants und die seltenen großblättrigen Pflanzen der Anlage gaben dem Platz etwas Fremdländisches, Entrücktes, und fremdländisch innig und glühend war auch die Smaragdfarbe des kurzen, dichten Rasens, den von hohen Masten draußen die Bogenlampen mit ihrer unwirklichen Flamme bestrahlten.

Johannes saß und blickte vor sich hin, und Friede war in seiner Brust. Er war einen ungeheuer weiten Weg gegangen, er stand an einem Ziel zu kurzer, wonnevoller Rast, die süße Mattigkeit eines lang Gequälten, nun Erlösten, füllte sein Herz, und der silberne Klang der entfernten Violinen und der Schimmer des weichen Rasens floß damit zusammen. Er sah hin über die kleine, unirdische Wiese und mußte lächeln, und einige schöne Worte kamen ihm in den Sinn, ein Vers wohl, den er aus der Kinderzeit wußte:

»Hier weidet der Friede seine weißen Lämmer.«

Er saß und ruhte. Die Nacht schritt vor, die Stimmen von draußen wurden spärlicher, einzelner, das Musikgetön war verstummt, ohne daß er es merkte, das Licht von manchen Masten verlosch, über das smaragdene Gras legten sich die braunen Schatten, ein kühler Atem durchstrich die Gebüsche.

Was ist mit mir geschehen heute abend, dort in der Gasse, dachte Johannes Abrecht, und richtete sich in die Höhe, was war das für ein Augenblick? Ich werde es nie mehr wissen. Es ist etwas, das sich meinen Gedanken ganz entzieht, ich habe ja auch niemals gelernt zu denken. Aber wäre ich auch gelehrt und weise, ich könnte es doch nicht mehr zusammenbringen, denn es liegt wohl außerhalb aller Worte und oberhalb der Vernunft.

Was ist es gewesen? Ich haßte ihn und wollte ihn töten, da hob er seine Arme und bewegte sie so ... Und da habe ich alles verstanden. War es, weil er seine Arme so bewegt hat daß ich an den Goldenen denken mußte? Ja, auch darum. So hat der Goldene seine braunen Glieder geregt, wenn wir zusammen gespielt haben. Und dann hat der Wärter ihn zertreten. Aber das war es nicht allein. Wie er seine Arme so bittend hob, da sah er auch aus wie ein kleines Kind in seinen Kissen. Gewiß habe ich das auch so gemacht, früher, zu Hause, als ich klein war. Wir sind ja alle gar nicht so sehr voneinander getrennt, wie wir immer glauben, wo ist denn die Grenze? Wer will sich da vermessen, zu scheiden und abzusondern und zu sagen: so ist der, und so ist das, und dies ist gut, und jen's ist schlecht? Ja, solch ein Gefühl ist es ungefähr gewesen, was dort in der Gasse mit einemmal in mich eindrang und was mir so lind und mild durch die Adern rann wie erlösendes Silber. Aber es war noch etwas Besseres und Größeres, glaube ich, nur läßt sich's nicht sagen.

Der Wärter war einmal ein kleines Kind und in dem Augenblick, als er sterben sollte, da war er's wieder, und für das, was dazwischenliegt, kann er nichts. Er weiß wahrscheinlich gar nicht, daß er bös ist und grausam, und meint, er tue das Rechte. Und der kleine Goldene, der mich getröstet hat in meiner Zelle, er ist ja auch nicht bloß zum Trost und zur Schönheit da, und ich weiß ganz gut, daß er sich sonst nicht von Blumen ernährt, die ihm einer bringt, und daß er nicht geduldig in einem Wasserkrug sitzt, sondern daß er die kleineren Käfer jagt, und daß er Raupen frißt und winzige Schnecken und wehrlose, nackte Würmer, und ich, wer bin denn ich, daß ich urteile: dies ist gut, und dies ist böse und mache mich zum Richter und mache mich zum Rächer? Ein Mädel hab' ich überfallen im Feld an einem heißen Tag, und heute habe ich einen Mord begehen wollen. Ich hab' ihn nicht begangen, aber was hat mich abgehalten davon? Ein Wunder, die Gnade. Freilich, ich glaube zu wissen, daß ich trotz Wollust und Totschlag doch etwas anderes bin als jener. Einen Wehrlosen quälen, das möchte ich wohl nicht. Mag sein. Aber woher nehme ich das Gesetz und das Urteil, wo steht der Richterstuhl, vor den man das alles tragen kann?

Gibt's ein Gericht? Wer weiß, für welches Ohr alle die Stimmen zusammenklingen. Da ist das Gute ein heller Ton, da ist das Böse ein dunkler, mächtiger Baß. Wer weiß, wer weiß. Ist uns nicht selber manchmal, war mir nicht heute in der Gasse, als hörte ich auf einen Augenblick die Harmonie. Als dränge ein kurzer, herrlicher Hall durch eine rasch geöffnete Tür! Da wissen wir plötzlich, wie klein und eng und dumm alles war, was wir gedacht und geurteilt haben ...

Ja, heute abend ist mir nun, als wüßte ich, wo mein Weg führt, als könnte ich ihn nie mehr verfehlen. Als kreiste die Wahrheit silbern in meinem Blut und sei nicht mehr fortzuwaschen für dieses ganze Leben. Aber ist das nun so? Kenne ich jetzt besser die Kräfte, die in mir am Werke sind, kenn' ich nun besser meinen kleinen Platz im großen Plan?

Kenn' ich den seinen? Warum wurde er so erschaffen, er, den ich töten wollte? Warum hat er diesen Mund und dies Kinn und dies Auge? Wer ist er denn, was soll er denn hier? Er lebt und handelt und weiß nichts von sich und schwindet dahin, was ist's dann gewesen? – Leben ist's dann gewesen, Leben! Willkommen Bös und Gut!

Ein starker Windstoß fuhr durch die Büsche und Bäume. Johannes atmete tief.

Ja, so ist's. So ist's. Häßlich und Herrlich, Bös und Gut – willkommen, willkommen! O Leben! Noch bin ich jung. Du breitest dich vor mir aus, große, leuchtende Fläche mit allen deinen Gefahren und Ungeheuern. Auf einem Meerschiff fahre ich hinaus, mit Jugendkräften noch und neu gesegnet und ganz bereit, dich, Gewaltiges, zu grüßen und dich Freund zu heißen, samt allen, allen, allen deinen Geschöpfen!


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