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Die Meiji-Ära seit 1867

Diese Ära der »Aufgeklärten Verwaltung«, mit ihren besonderen politischen Sorgen, hat die Literatur naturgemäß vernachlässigt. Der Inhalt ist wichtiger als die Form geworden, es erscheinen populär-philosophische Werke, allgemeine Geschichtswerke, gelehrte Monographien. Der Roman ist vor allem zu einem Zeit- und Gesellschaftsroman geworden. Die Bühne ist stark konservativ.

Einigermaßen interessant ist das zeitgenössische Denken in Rücksicht auf den außerordentlich praktischen Charakter des japanischen Volkes und in seiner Wirkung auf Staat und Gesellschaft. Belehrende Tendenzen erstrecken sich auf alle Zweige der Verwaltung bis zu den höchsten Stellen. Ähnlich haben auch die Schriftsteller und die Presse mehr das Interesse des Staates im Sinn. Fukudsawa Yukichi (1835 bis 1901), der Gründer einer »Freien Universität«, Pressemann und Verfasser zahlreicher Bücher, darunter des »Seiyo-Jijo«, eines Werkes über Europa, wurde von seinen Anhängern der »Weise von Mita« genannt. Er war ein Denker in der Art der Amerikaner und hatte einen kolossalen Einfluß; seine Lehre kann im Wesen als Utilitarismus bezeichnet werden. Der Rektor der Kaiserlichen Universität Tokio Kato Hiroyuki, Verfasser einer berühmten Essaysammlung, vertrat den Materialismus im Sinne Feuerbachs und Büchners, der in Frankreich ausgebildete Politiker Nakaë Chomin, der Gründer der liberalen Partei Japans, brachte die Gedanken der französischen Schule des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts heim. So übersetzte er beispielsweise Rousseaus »Staatsvertrag«. Bekanntlich haben auch die Gedanken des europäischen Sozialismus in Japan Fuß gefaßt, wenn auch die angelsächsisch-positivistische Gedankenwelt des Fukudsawa die herrschende moderne Richtung geworden ist.

Auch der Roman der Gegenwart zeigt ähnlich die allgemeinen Einflüsse der gleichzeitigen europäischen Literatur. Vor der Meiji-Epoche waren nur, wie bereits erwähnt, 1584 die Äsopschen Fabeln übersetzt worden, und zwar vermutlich von einem portugiesischen Missionar. Erst 1774 erschien wieder ein europäisches Werk, eine Bearbeitung des Gulliver nach einer holländischen Übersetzung unter dem Titel »Wasobyoe«. Nun aber erschien seit 1879, seit dem ersten englischen Roman, eine ganze Flut deutscher, französischer und russischer Belletristik. Die alte nationale Literatur trieb allerdings noch einige Sprossen, so schrieb vor allem Aeba Koson im Sinne des Klassikers der Groteske Ikku, dessen Themen er einigermaßen vergeistigte. Im Jahre 1885 veröffentlichte Tsubo-uchi Yudso einen Roman aus dem Studentenleben, er trat der noch herrschenden Bakinschen Romantik entgegen und wurde durch die Schlichtheit seiner Darstellung schnell berühmt. Yamada Bimyosai schrieb als Erster in der eigentlichen Umgangssprache, wie nach ihm in vollkommenem Stil Iwaya-Sadsanami seine bekannten Märchen. Am berühmtesten unter den eigentlichen Romanschriftstellern wurden Odsaki-Koyo (1867 bis 1903), ein Nachfolger des Realisten Saikaku, und Koda Rohan, der Vertreter eines mehr romantischen Idealismus. Eine neue Bewegung knüpft vor allem an Tokutomi Kenjiro an (bekannter unter seinem Pseudonym Rokwa [Schilfblüte]), einen allerdings wieder stark europäisch beinflußten Dichter. Am berühmtesten wurde 1903 sein später auch dramatisierter Roman »Hototogisu«, eine Erzählung aus dem chinesischen Kriege. Kurz vorher war auch schon sein »Dämon Gold« für die Bühne bearbeitet worden.

 

Auf dem Gebiete des Theaters war vor allem die Erhöhung der sozialen Stellung der Schauspieler wichtig, da sie den Besuch des Theaters durch die höheren Stände mit sich brachte. Nachdem zuerst 1876 die europäischen Diplomaten der Eröffnung des neuen Theaters »Shintomidsa« beigewohnt hatten, spielte Ichikawa Danjuro, Japans größter Schauspieler, zum ersten Male im Hause eines Marquis vor dem Mikado selbst. Dabei ist die heutige dramatische Produktion allerdings weder sehr hervorragend noch sehr national zu nennen. Einige Autoren, darunter Fukuchi Genichiro, versuchten allerdings das alte Historienspiel neu zu beleben, doch konnten sie zum Beispiel das oben besprochene alte Chushingura-Spiel nicht aus dem Repertoire verdrängen. Die europäischen Stücke werden gewöhnlich nur umgearbeitet und im Hinblick auf irgend eine Aktualität gegeben. Die neue volkstümliche Richtung des in Europa zusammen mit seiner Gattin Sada-Yakko so berühmt gewordenen Schauspielers Kawakami ist in ihrer Heimat, wenigstens bis vor etwa fünfzehn Jahren nicht durchgedrungen. Großen Beifall hat auch beispielsweise das sentimentale Drama »Takiguchi Nyudo« (»Der Bonze aus Liebe«) des Dichters Takayama Rinijiro erlangt. Proben all dieser europäisch gerichteten Werke erscheinen jedoch in einer Anthologie nationaler japanischer Literatur überflüssig.

Dichtung

Wie die Prosa, so erfuhr natürlich auch die Dichtung den Einfluß der europäischen Kunst. Im Jahre 1882 veröffentlichten die Professoren der Universität Tokio Toyama Masakadsu, eigentlich Soziologe, nachmals Unterrichtsminister,und Ino-ue Tetsujiro eine »Auswahl von Gedichten im neuen Stil« (Shintaishi-sho), in der Mehrzahl Übersetzungen englischer Gedichte (aber interessanterweise auch eines Gedichtes von Charles d' Orléans) zusammen mit Yatabe Ryokichi. Die nationale Tanka wurde aufgegeben, und in einer Art Nagauta, Strophen von Versen zu abwechselnd fünf und sieben Silben, gedichtet. Vor allem aber wurde die moderne Schriftsprache an Stelle der veralteten klassischen gesetzt. Dieser Versuch mißlang allerdings, vor allem, da die neue Sprache zu sehr mit chinesischen Worten durchsetzt und die Gedichte für den japanischen Geschmack zu lang waren. Auch die zeitgenössische japanische Verskunst ist daher formal die alte Tankakunst geblieben, ihren Gefühlsinhalt hat sie vielfach und übergenug ebenso wie ihre Bilder von den europäischen Romantikern wie Byron, Heine, Musset u. a. übernommen. Der Kaiserhof wie auch die Presse schreiben in alter Tradition auch heute noch dichterische Wettkämpfe aus. Wir veröffentlichen daraus einige preisgekrönte Tankas der Konkurrenz vom Neujahr 1905, während des russischen Krieges, auf das echt japanische Thema: »Neujahrsfreude und Föhre«, zusammen mit einigen Gedichten aus dem russischen Krieg, und einem Gedicht des Mikado Mutsuhito aus dem chinesischen Kriege. Dazu auch noch zwei Scherzgedichte in den alten nationalen Formen (Hoku und Haikai).

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Der Mikado Mutsuhito

Auf den chinesischen Krieg von 1895

(Der »gehöhlte Stein« und das »Gefäß« sprichwörtlich in Japan)

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Ein jegliches Mal, wenn ich blättre
In den alten Blättern,
Ein jegliches Mal bedenk ich
Des Landes Wohl, drob ich herrsche.

Schau ich »bis auf die Platte
Von Stein, gehöhlet die Schwelle«
Vom beständigen Regen,
Denk ich: Der Werke schwerstes
Darf denn wer es verlassen?

»Schmiegsam« wie sonst auf Erden
Kein Ding sogar »dem Gefäßbauch«,
Bricht doch das gleiche Wasser
Gewaltig durch alle Felsen!

Selig freilich das Alter,
Des Jahr um Jahr, ruhig gleichweis,
Gradauf-hoch aus den Dächern,
Des Friedens Rauch steigt von dem Fuji!

Und unsre Zeit! die sich rühmte
Allbruderschaft auf vier Meeren,
Nun dennoch (warum nur?) türmten
Ihre Wogen sich vom Sturme!

Meine Söhne, sämtlich,
Nach den Rosenfeldern der Schlachten
Sind sie abmarschiert.
Ach, und allein die Greise
Bestellen die Hänge des Fuji!

*

Ergebenheit du meines Volkes,
Du mein Volk verzehrende
Hekatombe, wohlgefalln wirst du den Götter
Gewißlich: den »Schnellen Gewaltherren«.

*

Gedicht der Kaiserin auf den Frieden mit Rußland

Der Demant zwar
Ungeschliffen
Bleibt glanzlos.
So auch des Menschen
Streben allein
Mache ihn offenbar.

Ein Neujahr kam,
Wo die alten Fichten
Feiern: singend
Die neue Zeit, da die Wellen all friedlich,
Rückströmten zu den »Acht Inseln«!

Preisgekrönte Gedichte (1905) auf das Thema: Neujahr und Föhre

Allerster Sonnenstrahl,
Sei gegrüßt
Dort auf der Föhre,
Wachsend höher
Mit jedem neuen Jahre!

*

Mein Gatte
Zog fort, einberufen
Zum Kriege
– Auf welchen Bergen, in fernem Land
Erscheint ihm der Neujahrs-Morgen?

Gedichte aus dem russischen Kriege

Dank dir Herbstwind!
Von heimischer Stätte
Zuströmst du mir Blüten,
Aufblätternd die Blätter,
Die Düfte in Farben!

*

Wohl blüht hier überall
»Knabenkraut«.
Du bist es nicht, Mutter
Die fern meine Knaben
Kosend kraut.

(Soldatenlieder)

Kamerad, siehst du dort
Den immergrauen
Himmel des Festlands?
Kommt Sturm? Kommt Frost?
Oder kommt Schnee?
Unsre Leichen – wo werden sie liegen?
Auf Korea? Im Mandschuland?
Oder zerstreut auf der Ebene
Sibiriens?

*

So blutentstellte Feindesleichen!
– Weh – und ich denke
Auch ihr habt Eltern,
Feindes Leichen!

Epigramme
Der Minister am kaiserlichen Hof

Baron Kawaguchi, bei seiner Verdrängung 1901

So oder so:
Verjagt man sie, so entfliegt
Die Winter-Fliege!

*

Ein Gelehrter
(bei Abfassung eines umfangreichen Werkes)

Im Frühlingsregen
Eindrang ich in das Dickicht
Und schon – grauer Herbstdunst!

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