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Nara-Zeit

Kaiserliche Erlässe

Diese Erlässe, bekannt unter dem chinesisch-japanischen Namen Semmyo »Ausrufung kaiserlichen Erlasses« wie unter dem rein japanischen Mikoto-nori (Ausrufung erhabenen Wortes) ahmen die Sprache der Riten, Norito' der vorigen Epoche nach, einzelne sind bereits in mehr oder minder chinesischem Stile verfaßt. In der Sammlung Shoku-Nihongi vom Jahre 797 sind uns 62 Te-te erhalten.

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Erlaß bei einem Regierungswechsel

Kaiser Mommu (697 n. Chr.), Urheber des ein Jahrtausend geltenden Rechtsbuches Taihoryo, erklärt in diesem juristischen Dokument die ruhige Weitergeltung aller Gesetze (so wie etwa ein römischer Prätor), da die naive Auffassung eine wirkliche Sukzession auch in den Dingen der öffentlichen Gewalt noch nicht kennt. Auch die Residenz wechselte noch kurz vorher mit jedem Herrscher, nicht anders als bei den deutschen Königen des Mittelalters.

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»Der Kaiser, welcher als gegenwärtiger Gott über das Land der Großen Acht Inseln herrscht, kündet seinen großen Befehl, um seinen großen Befehl zu verkünden: Ihr versammelten Prinzen, Fürsten, Großwürdenträger und sämtlichen Beamten, sowie alles Volk unter dem Himmel, vernehmet! So künde ich: Höret den großen Befehl des Kaisers, der den großen, erhabenen, hohen, breiten, dicken Befehl befolgt, ihm (seinerseits) erteilt und zur Aufgabe gemacht von dem (bisherigen) Souverän (der abgedankten Kaiserin Jito), deren Regierung im hohen Himmelsgefilde begonnen hat, seit dem erlauchten Zeitalter des ersten souveränen Ahnen bis zum gegenwärtigen Mittelalter sich auf die souveränen erlauchten Söhne Generation für Generation vererbt hat, und von der Kaiserin als erlauchtem Kinde der Himmelsgottheit und als gegenwärtige Gottheit geleitet wird. Dieser Befehl des neuen Kaisers verkündet, daß er im Sinne seines göttlichen Auftrages das Reich in Ordnung und Frieden zu halten und das Volk zu lieben und zu streicheln gedenkt.

Ihr Beamten allesamt bis zu den Statthaltern, denen die Regierung aller Provinzen anvertraut ist, höret daher den Befehl, daß man gegen die Landesgesetze, die der Kaiser eingeführt hat, sich weder wissentlich noch unwissentlich vergehen darf, und daß man sich bestreben soll, mit hellem, klarem und geradem Sinne treu und ohne jedwede Versäumnis dem Staatsdienste sich zu widmen. Wer daher das oben Gesagte treu und gewissenhaft befolgt, der soll je nach seinem Verdienste gelobt und befördert werden. Vernehmet ihr alle den Befehl des Kaisers. Also künde ich.«

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Kaiserlicher Nachruf auf den Fujiwara-Kanzler Nagate (771 n. Chr.)

Dieser ›Erlaß‹ ist ganz im Geiste und in der Sprache der ›Totenklagen‹ primitiver Völker abgefaßt als eine offenbare Besänftigung der abgeschiedenen Seele. Er wurde im Hause des Kanzlers rezitiert.

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»Wir (beiden) künden die große erlauchte Rede, die der Kaiser an den Kanzler zur Linken Fujiwara richtet. In seiner großen erlauchten Rede kündet der Kaiser: Indem Wir erwarten, daß du, o Kanzler, am nächsten Tage zum Dienst am Hofe erscheinen werdest, bist du aber nicht gesundet und zu Hofe gekommen, sondern Wir vernehmen, daß du den kaiserlichen Hof verlassen und in die Ferne gegangen. Da dachten Wir, man sage die Unwahrheit, oder es sei ein törichtes Gerede. Wenn es aber Wahrheit ist, wem hast du die Leitung des großen Staatsamtes, das du bis jetzt bekleidet hast, anvertraut und bist in die Ferne gegangen? Wem hast du es übergeben und bist in die Ferne gegangen? O wie leidvoll, o wie traurig, Unser großer Kanzler! Mit wem sollen Wir Uns nun besprechen, wen sollen Wir um Rat fragen? So weinen Wir voll Gram, Bedauern, Schmerz und Trauer. Also kündet des Kaisers große Rede. So künden Wir.

O, wie gramvoll, wie bedauernswürdig! Von heute an können Wir nicht mehr hören von der Regierung, die der große Kanzler leitet; von morgen an werden Wir nicht mehr sehen die Gestalt, in der der große Kanzler ehrerbietig diente. Indem die Monate und Tage sich häufen, wird nur Beklagenswertes mehr und mehr zutage treten; indem Jahre und Monde sich häufen, wird nur Unerfreuliches sich immerfort mehren. Mein großer Kanzler! Mit wem wirst du die Frühlings- und Herbstpracht sehen und dich daran erfreuen? Mit wem wirst du die schönen Berg- und Flußlandschaften schauen und dich daran ergötzen? So klagen Wir und sind bekümmert. Also kündet die erlauchte Rede des Kaisers. Also künden Wir.

Da du, o großer Kanzler, in der Leitung aller Regierungsgeschäfte unermüdlich warst und sie nimmer ins Schwanken geraten ließest und über Prinzen und Großwürdenträger unparteiisch, schlicht und gerecht waltetest und das gesamte Volk mit weiter und breiter Güte lenktest, und nicht nur dies allein, sondern weil du, ohne den Hof des Souveräns auch nur für kurze Zeit zu verlassen und zu ruhen, deine Dienste geleistet hast, morgens und abends, bei Tag und bei Nacht, nur darüber denkend, wie du für die Regierung des Landes das Beste träfest, und wie das gesamte Volk in Ruhe und Frieden leben könne, so waren Wir voll Hochachtung vor dir, heiter, ruhig, vertrauensvoll. Da aber hast du plötzlich unseren Hof verlassen und bist in die Ferne gegangen. So sind Wir voll Gram und Leid, nicht wissend, was Wir sagen sollen, nicht wissend, was Wir tun sollen. Also kündet die erlauchte Rede des Kaisers. Also künden Wir.

Und wiederum die Rede teilend, kündet der Kaiser: Wir werden auch die Kinder der Familie von dir, o großer Kanzler, der du dich weit und breit verdient gemacht hast, nicht im Stich lassen, sondern Wir werden sie erheben, besuchen und Uns um sie kümmern. Auch sollst du, o großer Kanzler, deine Wanderung in die Ferne tun, frei von Sorgen um deine Hinterbliebenen, mit ungestörter Ruhe des Herzens in Frieden und Seligkeit. Also kündet die erlauchte Rede des Kaisers. – Also künden Wir.

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Straferlaß des Kaisers Kwammu (789)

»Der Oberbefehlshaber Ki no Kosami vom oberen vierten Rang der zweiten Klasse und die anderen, welche die aufständischen Emishi (Ainu) im Lande Michinoku niederzuwerfen ernannt worden waren, haben den anbefohlenen Plan nicht befolgt, und ohne die Länder des Hinterlandes, worein sie eindringen sollten, gründlich zu durchziehen, sind sie nach verlorener Schlacht und nutzlos aufgebrauchtem Proviant zurückgekehrt. Dies sollte eigentlich den Gesetzen gemäß bestraft werden; aber gedenkend ihrer bisherigen Dienste läßt der Kaiser ihnen Verzeihung angedeihen. Sodann waren Ikeda no ason Nahira, der zweite Befehlshaber der Garnison (in Michinoku) vom unteren fünften Rang der zweiten Klasse, und Abe no Sashima no omi Suminawa vom äußeren unteren vierten Rang zweiter Klasse und Andere ungehorsam und feige, haben das Maß fürs Vorrücken und Zurückziehen verloren (sind in Verlegenheit geraten) und den günstigen Augenblick zum Schlagen versäumt. Wollte man kraft der Gesetze gegen sie verfahren, so würde Suminawa die Strafe der Enthauptung und Nahira die Entsetzung vom Amt und Konfiskation seiner Rangmütze verdienen. Doch weil Suminawa sich durch seine lange Beschützung der Grenzen des Reiches verdient gemacht hat, lassen Wir ihm die Strafe der Enthauptung nach und nehmen ihm nur die Rangmütze; und dem Nahira erlassen Wir wegen des Verdienstes, das er sich erwarb, als er die ertrinkenden Krieger im Hafen von Higami rettete, die Strafe der Konfiskation der Rangmütze. Außerdem belohnen Wir die Leute von geringem Verdienst je nach der Größe oder Kleinheit desselben, und die Leute mit geringem Fehl lassen Wir passieren, ohne die Gesetze anzurufen. Also lautet der Befehl des großen Kaisers. Vernehmet es alle! – Also künde ich.«

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Das Kojiki

Das »Ur-Sach-Buch« Kojiki (Ko: alt, überliefert, ji: res Angelegenheit, ki: Aufzeichnungen, Annalen, Geschichtswerk) ist sozusagen die Bibel des alten Japan. (Ein ähnliches, angeblich im Jahre 620 begonnenes Annalenwerk wird von der modernen japanischen Kritik angefochten.) Das Kojiki von 712 kann demnach für das älteste Denkmal dieser Art gelten, jedenfalls aber für das bedeutendste. Seinen Inhalt bilden die japanischen religiösen Überlieferungen der erhabenen abgöttlichen Zeit von der Weltschöpfung bis zum Jahre 627 n. Chr., also Mythologie und Geschichte nacheinander. Nach seiner Vorrede ist das Werk auf kaiserliche Anordnung von Hiyeda no Are aus dem Gedächtnis zusammengestellt nach den »Worten der frühern Zeitalter«. Nach solchem Wortlaut hätte der Gelehrte Futo no Yasumaro die eigentliche Niederschrift in chinesischen Zeichen abgefaßt, die abwechselnd, auf gewöhnliche Art ideographisch oder rein phonetisch, verwendet wurden. Ideographisch konnten zum Beispiel weder die Eigennamen noch die alten Gedichte, überhaupt die Japanismen, wiedergegeben werden, während die rein phonographische Niederschrift wieder für jede japanische Silbe ein japanisches Wort erfordert hätte. Yasumaro stellte also eine originelle Doppelschrift her, die im Grunde genommen weder japanisch noch chinesisch ist und deren Vorlesung eigentlich eine Art Übersetzung bedeutete. Das Kojiki ist also in einem ganz eigentümlichen, teilweise von der Individualität des Vorlesers abhängigen Stil geschrieben! Es wurde deshalb jahrhundertelang von dem rein chinesisch abgefaßten Nihongi verdrängt, ist aber in späterer Zeit von den Japanologen wieder entdeckt worden und als Hauptquelle der Shinto-Mythologie unentbehrlich, aber auch für den europäischen Leser wegen der sich aufdrängenden europäischen »Parallelen« sowie als Dichtung von hohem Interesse.

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Derzeit, da anhuben der Himmel und die Erde, so bildeten sich Gottwesen auf der Fläche des hohen Himmels. Ihre Namen alle waren:

Des Gottes: Herr hehren Himmels-Zentri.

Des Gottes: Hochhehrer Schöpfer.

Des Gottes: Gott-Schöpfer.

Diese drei Gottwesen waren allesamt freigebildete Gottwesen. Doch sie verbargen ihre Gestalt.

Danach schwamm die Erde, derweil sie noch jung war, wie Öl obenaufgeschwemmt, wie eine Qualle. Da sprossen aus dem aufschießenden Gesproß, so wie ein Rohr aufschießt, die neuen Götter. Ihre Namen beide waren:

Des Gottes: Zauber-Rohrsproß-Urfürst.

Des Gottes: Ewig-Gott-in-Himmelshöh.

Diese beiden Gottheiten, ebenfalls freigebildet, bargen gleicherweise ihre Gestalt.

Es sind aber all diese fünf Gottwesen hier geeinzelt Gottwesen.

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Die Namen der Gottwesen, so sich nachher bildeten, waren:

Gott: Ewig-auf-Erden.

Gott: Abrunder-Herr.

Diese beiden Gottheiten, auch sie freigebildet, verbargen, auch sie, ihre Gestalt. Die Namen der Gottheiten, so sich nachher bildeten, waren:

Gott: Gebieter Schlammes.

Zu Dem seine jüngre Schwester und Gottesgemahl: Gebietrin Schlammes.

Darauf der Gott: Gott-Vollender Kornes.

Zu Dem seine jüngre Schwester und Gottesgemahl: Göttin-Vollendrin-Lebens.

Darauf der Gott: Alter Großen Gaues.

Zu Dem seine jüngre Schwester und Gottesgemahl: Große-Mutter des Gaues.

Danach der Gott: Gott Schön-Vollkommen.

Zu Dem seine jüngre Schwester und Gottesgemahl: Vollkommener Blitz (Schrecklich-vollkommen).

Zuletzt der Gott: Reiz des Mannes.

Zu dem seine jüngre Schwester und Gottesgemahl: Weibes Reiz.

All diese gezählten Gottwesen, von der Gottheit Gott-Ewig-auf-Erden an bis zur Göttin Weibes-Reiz heißen sämtlich zusammen die Sieben göttlichen Geschlechtsfolgen.

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(Die japanischen Götternamen sind, in der gleichen Reihenfolge: Ame-no-mi-naka-nushi, Taka-mi-musubi, Kami-musubi [die erste Dreiheit]; Umashi-ashi-kabi-hikoji, Ame-no-toko-tachi [die Zweiheit] Kuninotokotachi, Toyokumuno; Uhijini und Suhujini, Tsunuguhi und Ikuguhi, Ohtonoji und Ohtonobe, Omodaru und Ayakashikone, Idsanami und Idsanagi [die Götterpaare]).

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Alsobald redeten zusammen all die himmlischen Gottwesen eine erhabene Rede zu den beiden Gottwesen: Reiz des Mannes und Weibes Reiz. Sie geboten ihnen: Bereitet, verfestigt und lebendiget dort die Schwemm-Erde! Dazu übergaben sie ihnen eine himmlische Prunk-Lanze. Mit dem allen geruhten sie, Beiden dieses Werk zuzuweisen. Also standen die beiden Gottwesen auf der Himmels-Schiffsbrücke. Sie stachen mit der Prunk-Lanze nach unten, und im Hin- und Rückzug der Lanze, Hin- und Rückzug des Sumpfwassers – Quirl Quirl – da sie die Lanze nach oben wieder herausgezogen hatten, fiel das Sumpfwasser zurück und häufte sich, wurde zur Insel. Das ist die Quirl-Insel (Onogoro).

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Die beiden Götter steigen darauf vom Himmel zur Erde nieder, um dort ihre Vereinigung zu feiern. Doch das erste Kind aus ihrem Bunde ist ein »schlechtes « Kind, das sie in einem Schilfnachen aussetzen. Darauf erzeugen sie »Schauminsel«, die sie zunächst ebensowenig anerkennen wollen. Die übrigen Himmelsgötter aber teilen ihnen ein Orakel mit, die Ursache der Mißgeburten wäre nur, daß die Frau bei der Eheschließung zuerst das Wort genommen habe.

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(Darauf erzeugen Mannes-Reiz und Weibes-Reiz [Idsanagi und Idsanami] ein neues Geschlecht von Ländern, zuerst »Schaumkamm«, danach die anderen Inseln Japans, und nach diesen ein Geschlecht von Naturgöttern. Der Jüngstgeborne »Feuer«, verbrennt aber seine Mutter [nach der Tradition des oben abgedruckten Rituals nur ihre Scham]. Idsanagi erzeugt aus seinen Tränen einen neuen Gott. Er zerreißt in wütendem Schmerz endlich den Feuergott als den Urheber seines Unglücks. Aus den zerstückelten Gliedern werden neue Gottheiten. Idsanagi begibt sich danach auf die Suche nach der Gattin in die Unterwelt, Yomi tsu Kani, das Land der Finsternis. Es ist dies das aus dem antiken Mythus und aus zahllosen Märchen bekannte Motiv der magischen Flucht. – Der den Kampf beendende Pfirsich ist dem chinesischen Volksglauben entnommen, in dem ihm seit ältesten Zeiten abwehrende Kräfte zugeschrieben werden. Rot [als Pfirsichrot] ist darum auch heute noch in China die bevorzugte Farbe aller bedeutsamen Gegenstände. – Die isolierende Gebärhütte findet sich, wie hier in Altjapan, bei einer Unzahl primitiver Völker aller Erdteile.)

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Seine jüngre Schwester, die göttliche, hehre Idsanami, wiederzufinden begab Idsanagi sich also ins Land der Finsternis. Und da sie, das Gitter des Palastes in die Höhe ziehend, ihm entgegenkam, da redete zu ihr der hehre Idsanagi die Worte: »O, meine hehre jüngre Schwester, Geliebte, die Länder so wir zusammen fertigten, ich und du, sie sind noch nicht vollendet. Komm doch wieder.« Ihm entgegnete die göttliche, hehre Idsanami: »Wie schade, daß du nicht zuvor gekommen bist. Nun hab ich im Innern des Palastes gegessen. Dennoch, mein hehrer Älter-Bruder, Geliebter, möchte ich gern wiederkommen. Du hast mich ja durch deine Herabkunft so sehr geehrt. Laß mich die Gottheiten darum bitten. Nur sieh mich nicht an.« Damit wandte sie sich zurück in den Palast. Doch, da sie gar zu lang verweilte, vermochte er nicht länger zu warten. Also riß er sich von dem vielzackigen dichten Kamm, den er in seinem hehren linken Haarknoten trug, einen Zahn los; er entflammte ihn zu einem einsamen Lichte. Er ging hinein in den Palast und schaute. Da schaute er, wie die Würmer wimmelten, denn sie war gänzlich verwest. Zu ihrem Häupten war der »Große Schrecken«, in ihrem Busen der »Schrecken des Feuers«, in ihrem Leib der »Schwarze Schrecken«, darunter der »Blitzes Schrecken«, in ihrer Linken das »Schreckenskind«, in ihrer Rechten der »Erddonner«, zu ihrem linken Fuß das » Donnerrollen «, zu ihrem rechten Fuß das »Donnerverrollen«. Acht donnernde Gottheiten waren auf ihr entstanden und saßen da.

Alsobald floh der göttliche, hehre Idsanagi in größtem Schrecken. Da rief seine göttliche, erhabene jüngre Schwester Idsanami: »Du hast mich beschämt!« Nach diesen Worten sandte sie gegen ihn die »Grausen Göttinnen«. Alsobald nahm der erhabene göttliche Idsanagi das Gewinde, seinen dunklen Kranz, vom Haupte und schleuderte es gegen die Verfolgerinnen. Sogleich ward es zur Rebe. Sie lasen die Trauben vom Boden auf und verzehrten sie, und er floh aufs neue. Da sie ihn nun dann weiterverfolgten, so nahm und brach er den vielzackigen dichten Kamm aus seinem rechten Haarknoten. Den schleuderte er gegen sie, da wurde er zu einem Bambussproß. Sie rafften auch den Sproß vom Boden auf und verzehrten ihn. Er floh weiter. Da sandte nun Idsanami zu seiner Verfolgung die acht Donnergottheiten und in ihrem Gefolge fünfhunderttausend Krieger der Unterwelt. Da zog er sein Schwert von zehnfacher Handbreite, das ihn göttlich-erhaben umgürtete, und, es rückwärts schwingend, floh er fürderhin. Da sie ihn dann noch weiterverfolgten, gelangt' er endlich an den Fuß des glatten Höllenabhangs. Hier pflückte er drei Pfirsiche, und da sie herankamen, schlug er sie damit. Da entflohen sie alle. Darauf sprach der göttliche, hehre Idsanagi zauberkräftig zu den Pfirsichen: »Also wie ihr mit geholfen habt, Pfirsiche, also helfet ihr fürderhin all den sichtbaren Menschen dieses Rohrlandes aus dem Wirbel und aus der Verfolgung!« Nach diesem Spruch benannt' er sie mit dem (erhabenen göttlichen) Namen »Große Götterfrucht«.

Da machte sich seine jüngre Schwester, die erhabene, göttliche Idsanami, nun selber auf zu seiner Verfolgung. Da riß er einen Fels los, den tausend Männer nicht hätten fortschaffen können. Damit verschloß er den glatten Hang zur Unterwelt. Und stellte ihn auf zwischen sich und sie. Da sahen sie einander nun von Angesicht zu Angesicht, und sie schieden voneinander mit Worten. Die erhabene, göttliche Idsanami redete: »O mein erhabener, göttlicher Bruder, voll Liebreiz, wenn du solches tust, so will ich an einem einzigen Tage eintausend Menschen deines Landes würgen und arg töten.« Der erhabene, göttliche Idsanagi erwiderte da: »O meine erhabene, göttliche Schwester, voll Liebreiz, wenn du solches tust, so will ich an einem einzigen Tage eintausendfünfhundert Gebärhütten aufrichten. Also werden wohl an einem einzigen Tag eintausend Menschen ums Leben kommen, doch werden an einem einzigen Tag auch eintausendfünfhundert Menschen ans Licht kommen!« Aus diesem Grunde benennt man die erhabene, göttliche Idsanami die »Große Gottheit der Unterwelt«. Und weil sie ihn auf der Flucht erreichte, heißt man sie auch die »Große Gottheit Weg-Erreicherin«. Und der Felsen, mit dem er den glatten Hang zur Unterwelt versperrte, heißet seit jener Zeit die »Große Gottheit vom Rück-Wege«, man heißet ihn auch » Große Gottheit Unterweltssperre«. So auch heißet das ehemals »Glatter Hang zur Unterwelt« Genannte seither der »Hang von Ifuya« in der Landschaft Idsumo.

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Wieder ans Licht gekehrt, entsühnt sich Idsanagi durch langjährige Reinigungen an dem Ausfluß eines Flüßchens, nächst dem »Orangendorf«. Aus seinem Stab, seinem Gewande und seinen Armbändern entspringen, so oft er eines derselben abgelegt hat, zwölf Gottheiten. Vierzehn Gottheiten gehen dann aus den einzelnen Reinigungen des Sühnebades hervor. Zuletzt aus der Waschung des linken Auges die »Große erhabene Gottheit Gottheit-Glanz-am-Himmel«, aus dem rechten Auge der Gott »Gott-Mond-der-Nächte« und bei der Nasenwaschung der erhabene göttliche »Manneskraft« [Deus erectus] »Sturmesgewalt-Recke«. Diesen drei Gottheiten: der Sonne [Amate-rasu-oho-mikami], dem Monde [Tsuki-yomino-kami] und dem Ozean [später Sturme, Takehaya-Susanowo-nomikoto] überträgt Idsanagi dann die wirkliche Herrschaft über dieWelt. Diese Götter-Emanationen sind vielleicht bereits spekulativ [indisch] beeinflußt, im Gegensatz zu den naiveren Erschaffungen aus Teilen menschlicher Körper, Felsen, Sümpfen und so weiter, welche durchaus primitiven und im besonderen ostasiatisch-malaiischen Charakter tragen.

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Solche Betrachtung erfreute den hehren, göttlichen Idsanagi gewaltig, und er sprach: »Kinder zeugt' ich auf Kinder, nun aber hab' ich mit einem Male gleich drei erlauchte Kinder erhalten.« Er hob sie zu sich auf, da spielten sie mit der Juwelenschnur seines erhaben göttlichen Juwelenbandes, so daß es erklang. Da übergab er es der großen erhabenen »Gottheit Glanz im Himmel« und gebot ihr: »Es soll deine erhaben-göttliche Person über die hohe Himmelsebene herrschen.« Dazu übergab er ihr das Band. Der Name dieses herrlichen erhabenen Bandes aber war »Gott des Tischchens göttlicher Schatzkammer«. Zum Zweiten redete er zu dem göttlich erhabenen »Gott Mond der Nächte«: »Es soll deine erhabene göttliche Person herrschen über das Reich der Nächte.« So gab er ihm dieses Amt. Zum Dritten redete er zu dem göttlich-erhabenen »Manneskraft-Sturmgewaltrecken«: »Es soll deine erhaben-göttliche Person über die Fläche des Meeres herrschen.«

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Sonne und Mond gehorchen den Geboten Idsanagis, nur der junge Susanowo [der Meer- und Sturmgott] will nicht von Klagen und Schreien lassen. Er will zu seiner Mutter. Idsanagi verjagt ihn, und der Sturmgott wendet sich gegen die Sonne. Die ganze Natur gerät in Unruhe.

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Alsobald beunruhigte sich die Große und erhabene Gottheit »Glanz im Himmel« dieses Getöses und redete: »Mein erhabener, göttlicher Bruder kann nicht in einer guten Absicht heraufkommen. Er will mir mein Gebiet entreißen.« Sie löste sich das erhaben-göttliche Haar, flocht es in erhaben-göttliche Knoten, und in diese erhaben-göttlichen Knoten zur Rechten und zur Linken wie auch in den erhaben-göttlichen Haarschmuck und ebenso um die erhaben-göttlichen beiden Arme, den rechten und den linken, schlang sie eine erhaben-göttliche Schnur gekrümmter Edelsteine, acht Fuß lang, aus fünfhundert Edelsteinen. Um die Schulter hing sie den Eintausend-Köcher, dazu einen Fünf hundert-Köcher, zur Seite nahm und hing sie an sich einen gewaltigen tönenden Schild. Also schwang und richtete sie zielgerecht ihren Bogen, daß seine Spitze erklang. Mit dem Fuße aufstampfend, spaltete sie den harten Boden so tief, daß ihr Oberschenkel darin stak wie in fortwirbelndem Schnee. Reckenhaft stand sie da als wie ein gewaltiger Held, und sie rief ihn an: Welches ist dein Begehr?

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Ihr erwidert Susanowo, der stürmische Mann-Gott, er käme in guter Absicht, zum Beweise wünsche er Eidschwüre zu tauschen. Getrennt durch den »Stillen Himmelsfluß«, schwören die beiden Gottheiten. Dabei emanieren neue Götter aus ihrem Hauch. Susanowo überreicht der Schwester sein Schwert, das sie in drei Stücke zerbricht, und erhält dafür ihr Geschmeide, das er in der Luft hochschwingt, es erklingen läßt, bis er es dann mit seinem Hauch in alle Richtungen fortbläst. Amaterasu macht dann Vorschläge, wem die einzelnen Götterkinder zugerechnet werden sollen. Der Gott Oshi-ho-mimi ... [dieser Name enthält im Kojiki noch achtzehn weitere Silben], der Ahne des Kaisergeschlechtes, wird von Susanowo für sich gefordert, weil er aus seinem Hauch entstanden sei. Die Sonne aber erklärt ihn [und damit die japanischen Kaiser] für ihr Geschlecht, da es aus ihrem Halsband entstanden sei. Das Nihongi spricht alle aus dem Schwerte entsprungenen Götter dem Gott zu, die aus dem Geschmeide entsprungenen Götter der Göttin [wohl zur Erklärung primitiver Eigentumsgrundsätze, wie sie z. B. auch noch in der Nachlaßteilung des ältern deutschen Rechtes ähnlich galten und mit ähnlichen Bezeichnungen unterschieden wurden]. Susanowo unternimmt aber trotz des beschworenen Friedens noch weitere Gewalttaten.

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Danach redete der gewaltige, stürmische Mann, der Erhaben-göttliche, zu der großen Gottheit »Glanz im Himmel«, der Erhaben-göttlichen, die Worte: »Dank der Reinheit meines Herzens habe ich hier zarte weibliche Kinder erhalten. Daran siehst du wohl, daß ich ohne weiteres den Sieg davongetragen habe.« Und dazu verrückte er in Siegesungestüm die Grenzraine der bestellten Reisfelder der großen Gottheit »Glanz im Himmel«, der Erhaben-göttlichen; er verschlämmte die Bewässerungsgräben,und er warf sogar Scheiße in den Palast, wo man gerade das Festmahl der Erstlinge hielt. Trotzdem er sich also benahm, redete zu ihm die Große und erhabene Gottheit »Glanz im Himmel« ruhig und ohne Vorwurf also: »Was da wie Exkremente aussieht, ist gewißlich nur irgendein Gespei aus Trunkenheit meines älteren Bruders, des Erhaben-göttlichen. Was wiederum die Zerstörung der Grenzraine und das Verschlammen der Wasserläufe betrifft, so geschah solches sicherlich nur aus einem Interesse an dem infolge dieser Vorkehrungen brachgelassenen Erdstreifen, das mein Bruder nahm, der Erhaben-göttliche.« Allein obgleich sie für ihn solche Entschuldigungen vorbrachte, setzte er sein übles Benehmen fort und wurde ganz unbändig. Indem die Große erhabene Gottheit »Glanz im Himmel« in der geheiligten Kleiderkammer saß, die Weberinnen (Sternbild gleich der Elster[brücke], vgl. unten Seite 91 an der Milchstraße, dem »stillen Himmelsfluß«) – der erhaben-göttlichen Götterkleider zu überwachen, stieß er ein Loch durch das Gebälk dieser Kleiderkammer und ließ ein himmlisches Elsterjunges da hineinfallen, das er mit Frevel von unten aufwärts geschunden hatte. Als dieses die Weberinnen der erhaben-göttlichen Kleider sahen, erschraken sie so sehr, daß sie sich mit ihren Webschifflein mitten in ihren Leib hinein zu Tode stießen. Darum verschloß nun endlich die Große erhabene Gottheit »Glanz im Himmel«, erschreckt von dieser Sache, das Tor der himmlischen Felsenwohnung, sie verschloß es ganz fest, und sie hielt sich da verborgen.

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Mit einem Male verfinsterte sich die Ebene der Hohen Himmel gänzlich, und auch das Land in der Mitte der Schilfebene wurde in gleicher Art verfinstert. Während Nacht herrschte. Da erschienen, mit dem Lärm von zehntausend, wie die (Mücken) des fünften Monats wimmelnden Götter, zehntausend Plagen zu gleicher Zeit. Die achthundert Zehntausende der Gottheiten versammelten sich alle in einer göttlichen Versammlung in dem ausgetrockneten Flußbette des Stillen Himmelsflusses. Sie luden zu ihrer Beratung die Gottheit »Gedankenfülle«, den Sproß der Gottheit »Hochhehrer Schöpfer«. Sie versammelten auch alle Vögel des langgezogenen Rufs in der währenden Nacht und bewirketen deren Ruf; sie nahmen harte Himmelsblöcke aus dem ausgetrockneten Flußbett des Stillen Himmelsflusses, und sie entnahmen Erz aus den himmlischen Erzgängen; sie luden dazu den Schmied Amatsumara, den Einaug; sie geboten dem Erhaben-göttlichen »Steinschneider«, einen Spiegel herzustellen, und sie geboten dem Erhaben-göttlichen »Vater des Geschmeides«, ein Geschmeide herzustellen von fünfhundert gekrümmten Edelsteinen allzumal, von achthundert Fuß; sie luden auch den Erhaben-göttlichen Ahnherrn der Oberpriester (Nakatomi) und den Erhaben-göttlichen »Große Gabe«. Diesen hießen sie mit einer vollständigen Ausreißung die Schulter eines echten Damwildes vom himmlischen Kagu-Berge ausreißen und ein Orakel herstellen. Sie entwurzelten mit einer völligen Entwurzelung eine echte Ternstroemia (eine fünfhundertästige) vom himmlischen Kagu-Berge; darauf nahmen sie und taten in ihr oberes Gezweige das Geschmeide von allzumal fünfhundert gekrümmten Edelsteinen, acht Fuß lang; darauf nahmen sie und taten in das mittlere Gezweige den Spiegel von acht Fuß; darauf nahmen und taten sie in das untere Gezweige angenehme weiße Opfertuchgaben und angenehme blaue Opfertuchgaben. Alles dieses zusammen nahm der Erhaben-göttliche »Große Gabe« zusammen mit den großen und erhaben-göttlichen Opfergaben. Und der Erhaben-göttliche »Oberpriester« sprach mit Inbrunst die kräftigen, richtigen Worte. Die Gottheit »Mann-Hand-Kraft« hielt sich verborgen nahe dem Tore. Die Erhaben-göttliche »Schrecken(tänzerin)« nahm um sich als Tragband den himmlischen Bärlapp vom himmlischen Kagu-Berge, ihr Haupt umwand sie mit dem himmlischen Spindelzweig, und für ihre Hände wand sie Blätter vom Zwergbambus des himmlischen Kagu-Berges zu einem Strauß; sie brachte(n) ein tönendes Brett vor dem Tore der himmlischen »Felsenhöhle« an und trat(en) dagegen, so daß es tönte, gleich als ob sie von einem Gotte besessen wäre(n), und ihre Brustwarzen aus ihrem Busen hervorziehend, ließ sie den Saum ihres Gewandes fallen bis unterhalb des Gürtels. Da erzitterte die Ebene der hohen Himmel, da die achthundert Zehntausende der Götter alle zugleich auflachten. Die Große und erhabene Gottheit »Glanz im Himmel« erstaunte, sie öffnete zu einem Spalt das Tor der himmlischen Felsenhöhle und sprach also aus dem Innern: »Ich dachte, mit meiner Entfernung wäre die Himmelsebene gesetzmäßig verfinstert und würde das Land der Mitte der Schilfebene in gleicher Weise gesetzmäßig verfinstert, wie kann das nun sein, daß die himmlische Tänzerin Scherze treibt und daß alle achthundert Zehntausende der Götter dazu lachen? Ihr erwiderte sogleich die himmlische Tänzerin: »Wir haben hier eine erlauchte Gottheit, die erlauchter sogar als deine göttliche erhabene Person glänzet. Darum sind wir erfreut und treiben Scherz.« Zugleich, ohne zu verziehen, schoben der Erhabene »Oberpriester« und der Erhabene »Große Gabe« selbander den Spiegel vor und wiesen ihn, mit der schuldigen Ehrfurcht, der Großen erhabenen Gottheit »Glanz im Himmel«. Die Große erhabene Gottheit »Glanz im Himmel« verwunderte sich noch stärker. Also kam sie ein klein, klein wenig aus ihrer Türe hervor, um sich das Ding zu besehen. Da nahm sie der Gott »Oberpriester«, der sich verborgen hielt, bei ihrer erhaben-göttlichen Hand und zog sie hervor. Da nahm auch der erhaben-göttliche »Große Gabe« und zog hervor hinter seinem erhaben-göttlichen Rücken eine Schlinge, indem er redete: »Du sollst nicht weiter zurücktreten als nur bis hierher!« Und da also die Große und erhabene Gottheit »Glanz im Himmel« hervorgekommen war, da erhellten sich auch zugleich die Ebene der hohen Himmel und das Land der Mitte der Schilfebene beide gesetzmäßigerweise von ihrem Glanze ...

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Dieser, den deutschen Leser gewiß zunächst an germanischen Humor gemahnende Mythenbericht von der Überlistung der Sonne durch ihr Spiegelbild enthält das Zentrum der Shintoanschauungen, des Shintodienstes, in dem noch heute der heilige Spiegel [das Original verhüllt im alten Ise-Tempel] das wichtigste Heiligtum bildet, gelegentlich seit zwei Jahrhunderten in Japan wie von Europäern als eine Art Ideal und Symbol einer reinen und ungetrübten Kirche angesehen, vgl. unten auf Seite 312. Indessen ist der ganze Mythos offenbare Magie und die himmlische Tänzerin wie der himmlische Oberpriester [Sühnepriester] u-a- als Ahnen der die entsprechenden Riten wirklich vornehmenden Priester und Tänzerinnen aufgefaßt. So auch weiter unten der Überschwemmungs- und Fruchtbarkeitszauber in Nachahmung des Gottes »Glanzfeuer«. Der »himmlische Kagu« ist demnach das Abbild des in Yamato gelegenen Berges, nach dem er benannt wird, in derselben Art, wie schon in frühester Antike die Sumerer am Euphrat die Theorie der himmlisch-irdischen Entsprechungen erfanden, die noch in dem himmlischen Jerusalem der »Offenbarung« anklingt.

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Daraufhin berieten sich die achthundert Zehntausende der Götter alle miteinander und erlegten dem erhaben-göttlichen Mann-Gott »Sturm-Recke« eine Buße von einem Tausend Bußtischen auf. Dazu schoren sie ihm den Bart und ließen sie ihm die Nägel von seinen Fingern und von seinen Füßen ausreißen. Danach verbannten sie ihn noch mit einer göttlichen Verbannung.

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Der »Mann-Gott«, geächtet, bittet darauf die »Göttin der Speise« um etwas Nahrung. Diese zieht allerlei Leckerbissen aus ihrem Munde und den anderen Körperhöhlen hervor und bietet sie dem »Mann-Gott« an, wofür er sie auf der Stelle niederschlägt. Aus ihrem Leibe entstehen der Seidenwurm und die »Fünf Getreidegeschlechter«. Der Gott »Hochhehrer Schöpfer« bewirkt ihre Ernte und neue Aussaat. Der Mann-Gott »Sturm-Recke« gerät dann an den achtköpfigen Drachen (das mythische Symbol eines Flusses, wie man besonders aus der folgenden Beschreibung erkennt) und zugleich in erste Berührung mit den später von dem »Himmelsenkel« (Kaiser), dem Nachkommen der Sonne, vertriebnen »Landes«gottheiten der Autochthonen. Sein Schwert »Mähegras«, trotz der harmloseren Bezeichnung ein echtes Siegfriedschwert, gehört dann mit dem Spiegel und dem »Geschmeide der Sonne« zu den Kultgegenständen des Shinto.

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Also geächtet, begab (der Mann-Gott) sich hinab nach dem Ort Torikami an den Quellen des Flusses Hi, in der Landschaft Idsumo. Da sah er ein Stäbchen das Wasser hinabschwimmen. Alsobald dachte der Erhaben-göttliche Mann-Gott, Sturmrecke, Susanowo: »Hier müssen Leute sein, an der Quelle.« Er stieg aufwärts, um sie zu suchen. Da begegnete ihm ein Greis mit einer Greisin, es waren ihrer zwei, die eine Jungfrau zwischen sich führten, und sie weinten. Da geruhte der Mann-Gott sie zu fragen: »Wer seid Ihr?« Der Greis erwiderte ihm mit den Worten: »Dein Diener ist ein Landgott, Sohn des Gottes genannt. Der Herr vom Großen Berge. Man nennt mich mit Namen Ashinadsuchi, und mein Weib nennt man mit Namen Tenadsuchi und diese, meine Tochter, nennt man mit Namen Prinzeß Kushinada, ›Kammschönchen‹ «. – Wiederum fragte er: »Welches ist die Ursache Eures Weinens?« – Er erwiderte mit den Worten: »Ehmals besaß ich acht junge Töchter, doch der achtköpfige Drache von Koshi kam Jahr um Jahr und verzehrte ihrer eine. Weil jetzt wiederum seine Zeit ist, so weinen wir.« – Da fragte er ihn: »Wie sieht der Drache aus?« Da erwiderte er ihm mit den Worten: »Seine Augen sind wie riesige (Bohnen) und er hat einen Rumpf mit acht Köpfen und acht Schweifen. Dazu wächst auf seinem Leib Moos, und auch noch Thuyen und hohe Zedern. Seine Länge erstreckt sich über mehr als acht Täler und acht Berge. Schaust du seinen Bauch an, so ist er ganz rot entzündet.« Darauf sagte der göttliche Mann-Gott ›Ansturm-Recke‹ zu dem Alten: »Diese deine Tochter, willst du mir sie geben?« – Er erwiderte ihm mit den Worten: »Es ist mir eine große Ehre, doch kenne ich deinen Erhaben-göttlichen Namen nicht.« – Er erwiderte ihm mit den Worten: »Ich bin der Älter-Bruder der Großen erhabenen Gottheit, ›Glanz im Himmel‹ und bin soeben aus dem Himmel herabgekommen.« Da redeten die Gottheiten Ashinadsuchi und Tenadsuchi beide miteinander: »Ist es also, so ist es uns eine große Ehre, sie dir zu geben.« Da nahm der erhaben-göttliche Mann-Gott Ansturm-Recke alsogleich die Jungfrau und verwandelte sie in einen vielzackigen dichten Kamm, den steckte er sich in den erhaben-göttlichen Knoten seines Haarschmuckes, und er gebot den beiden Gottheiten Ashinadsuchi und Tenadsuchi: »Bereitet von Reiswein einen achten Aufguß, auch stellet eine runde Hecke her. In die Hecke hauet acht Eingänge! An diese Eingänge befestiget acht Schemel. Auf jeglichen Schemel setzet einen Eimer für Reiswein und in jeglichen Eimer gießet den Reiswein des achten Aufgusses! Alsdann harret!« Nachdem sie also jegliches nach seinem Befehl angeordnet hatten und harrten, da kam auch wirklich der Drache mit den acht Mäulern, wie geredet war, und ohne Verzug tauchte er je ein Haupt in je einen Eimer und schlürfte den Reiswein. Darauf legte er sich, von dem Trank betrunken, nieder zu seinem Schlummer. Alsobald zog der Erhaben-göttliche Mann-Gott ›Sturm-Ungestüm‹ sein Schwert von zehn Hand Breite (das ihn erhaben-göttlich umgürtete) und er hieb den Drachen in Stücke, also daß der Fluß als ein roter Blutfluß weiterfloß. Als er ihm den mittlern Schweif abhieb, wurde die Schneide seines erhaben-göttlichen Schwertes schartig. Darüber verwunderte er sich, wie er da hineintauchte, und hieb mit der Spitze des erhaben-göttlichen Schwertes, und er es da besah, und es war doch ein gewaltiges Schwert. Also nahm er dieses gewaltige Schwert und bedenkend, daß die Sache verwunderlich war, gab er es in schuldiger Ehrfurcht der Groß-erhabenen Gottheit ›Glanz im Himmel‹. Das ist das große Schwert, »Mähegras«.

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»Mann-Gott« Sturmes-Ungestüm (Susanowo) sucht dann in diesem Lande sich einen Ort zum Schloßbau aus, um dort mit der Geretteten zu leben. Er findet einen solchen Ort in Suga. In dem Augenblicke des Schloßbaus erheben sich aber Wolken von allen Seiten, und Susanowo ruft aus:

Acht sind Wolken,
Achtfach Hecke in Idsumo,
Achtfach um die Gatten,
Achtfach schließet euch, Speere!

Der genaue Sinn dieser in Japan hochberühmten Strophe steht jedoch nicht fest.

Das Kojiki zählt darauf noch die Reihe der Nachkommen des Sturmgottes auf, von denen (im sechsten Grade) der Gott Ohkuninushi stammt, der »Herr des Großen Landes« (Idsumo). Dieser Gott erscheint dann weiter in zahlreichen Mythen, deren erste, die »Geschichte vom weißen (Winter-) Hasen«, von den Sammlern des Nihongi unterdrückt, im Kojiki aber als eine echte Tiergott-Geschichte erhalten ist, von der Art, wie sie etwa noch heute im schwarzen Erdteil Afrika erzählt werden.

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Nun hatte also der Gott, »der Große Landesherr«, achtzig göttliche Brüder. Aber sie mußten alle das Land dem Gott »Großer Landesherr« räumen. Der Grund, darum sie es ihm räumen mußten, war der folgende: Ein jeder von den achtzig Göttern hätte gern die Prinzeß Yakami von Inaba geliebt. Deshalb gingen sie alle miteinander nach Inaba. Und den Sack hinter ihnen mußte ihnen der Herr des Großen Namens, d.&nbsp;i. der Große Länderherr, tragen, den sie als ihren Diener mit sich nahmen. Als sie nun gerade bis zum Berge Keta gekommen waren, lag da – ganz nackt – ein Hase am Strand. Da redeten die achtzig göttlichen Brüder alle miteinander zu dem Hasen die Worte: »Vorerst mußt du hier in der See ein Bad nehmen, danach dich auf einem Berghang im Wind trocknen, wenn der Wind recht stark ist.« Also tat der Hase nach dem Rate der achtzig Götter und legte sich auf den Hang. Da trocknete nun an ihm das Seewasser, und seine Haut an seinem Leib sprang überall auf, wo der Wind hinblies, also daß er dalag und vor Schmerz heulte. Da kam nun der Gott, der Herr des Großen Namens, der Vielnamige als Letzter hinter den andern einher und erblickte den Hasen. »Warum liegst du da, Hase, auf dem Berge und heulst?« Erwiderte der Hase mit den Worten: »Ich befand mich auf dem Eilande Oki, da wollte ich hier in diese Gegend herüberkommen, doch wußte ich nicht, wie das anzufangen. Aus diesem Grunde beschwindelte ich die Meerkrokodile, indem ich redete: ›Ihr Meerkrokodile und ich selber! Wir wollen miteinander abzählen, welcher unserer beiden Stämme der an Zahl reichere ist und welcher der an der Zahl geringere. Also müßt ihr ein jeder eure Verwandten suchen gehen, die eures Stammes sind. Und machet, daß sie sich alle in einer Reihe nebeneinanderlegen, hier von dem Eiland hinüber zu dem Berg Keta. Dann will ich über sie hinwegschreiten und sie dabei zählen, einen hinter dem andern. Auf diese Art werden wir herausbringen, welcher von unsern beiden Stämmen der an Zahl reichere ist.‹ Da ich also redete, so ließen sie sich beschwindeln und legten sich alle in eine Reihe nebeneinander. Ich schritt über sie hin und zählte sie, einen hinter dem andern. Als ich dann eben aufs Land hinüberspringen wollte, da redete ich noch (schnell): ›Ihr seid von mir beschwindelt worden.‹ Kaum hatte ich nun dieses Wort geredet, als sogleich das letzte Krokodil der Reihe mich erfaßte, mir meinen ganzen Pelz abzog! Und da ich noch deswegen weinte und heulte, da kamen die achtzig Götter dort hinten und geboten mir, mahnten mich mit den Worten: ›Du mußt ein Bad in der See nehmen und dich alsdann in den Wind zum Trocknen legen.‹ Und da ich ihrem Rate gemäß handelte, ist mein Leib noch ganz wund.« Da gab der Gott, der Vielnamige Herr, dem Hasen einen Rat und redete: »Schnell, laufe hin zu der Mündung des Flusses und wasche deinen Leib mit Süßwasser! Darauf nimm den Staub der Rohrblüten an der Mündung und stäube ihn umher auf den Boden und wälze dich darin! Darauf wird gewiß auf deinem Leib die Haut neu wachsen.« Er tat nach seinem Rate, und sein Leib wurde, wie er vordem gewesen war. – Es war das der Weiße Hase (Winterhase) von Inaba, den man gegenwärtig den Gott(-Hasen) nennt. Und der Hase redete dann noch zu dem Gott, dem »Herrn des Großen Namens«: »Jene Götter werden die Prinzeß Yakami unter keinen Umständen kriegen. Obwohl du ihnen den Sack nachträgst, wird deine erhaben-göttliche Person der Mann sein, der sie gewinnt.«

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Die Prinzeß Yakami lehnt auch wirklich den Antrag der achtzig schlimmen Brüder ab, die deshalb den Gott »Vom Großen Namen« immer wieder zu töten versuchen. Endlich flüchtet sich dieser zu dem Gott »Fürst Großen Hauses«, und dieser rät ihm, seinen Ahnherrn Susanowo (den Mann Gott) in der Unterwelt anzugehen. Der hier der Große Länderherr oder Herr des Großen Namens genannte Gott (Yashihoko) ist auch der »Gott der Tausend Lanzen« (oder der Vielnamige), auch »Der große liebe Edle« genannt, eine Lieblingsgestalt der weiteren Legenden des Kojiki und der darin eingestreuten ältesten Versdichtung.

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Der Gott »Großer Länderherr« sieht danach eines Tags beim Kap Miho auf den Ähren der Wogen einen Gott von winziger Gestalt, in Vogelbälge gehüllt, in einem winzigen Nachen daherkommen. Dieser Geist, dessen Person durch den Gott der Vogelscheuchen aufgeklärt wird, an den man sich auf Rat der Kröte gewandt hat, schließt sich dem Großen Länderherrn an und hilft ihm das Land befestigen und vollenden. Endlich aber verschwindet er in das »Ewige Land«, im Westen, jenseits des Meeres. Der Große Länderherr erblickt dann einen neuen Gott, der mit seinem Glanz das Meer erleuchtet; auch dieser Gott will ihm bei dem Werk Hilfe leisten und verlangt nur eine gesicherte Wohnstätte auf dem Berge Mimoro. Aus dem Bericht des Nihongi geht aber hervor, daß dieser neue Gott eigentlich ein Doppelgänger des Großen Länderherrn ist, nämlich sein Sakimitama (Gotthehrer Glücksgeist). Außer diesem kennt der alte Shinto-Glaube, wie andere Urreligionen, auch einen Aramitama, den »rohen Geist« (Körpergeist, vegetative Seele?), neben dem Nigimitama, dem »feinen Geist«. Beide Seelen können sich, wie in diesem Falle der Sakimitama, auch von dem Körper trennen und als eigene Wesen erscheinen. Das Kojiki gibt dann die Nachkommen des Großen Gottes »Ernte« und des »Gewaltschnellen Gottes der Berge« an, wie bereits zuvor die siebzehn Geschlechterfolgen der Nachkommen des Großen Länderherrn.

Hierauf ordnet die Sonne an, daß Oshihomimi, der bereits genannte Abkömmling aus dem Hauch Susanowos und dem Halsband der Sonne, der Ahnherr der Kaiser, sich zur Übernahme der Gewalt in das Land (Idsumo) begebe. Aber der junge Gott geht nicht über den Regenbogen hinaus, das Land ist ihm nicht beruhigt genug. Die achthundert Zehntausende der Götter, zusammengerufen von der Sonne und dem Gott »Hochhehrer Schöpfer«, beschließen auf Rat des Gottes »Gedankenreich«, zunächst einen Andern zur Unterwerfung der gewalttätigen wilden »Götter des Landes« zu entsenden. Der Gott Amenohohi, der diesen Auftrag ausführen sollte, schließt sich aber, ungetreu, an den Großen Länderherrn an und läßt nichts mehr von sich hören. Darauf wird der »Junge Himmelsprinz« entsandt, doch dieser wird lieber der Schwiegersohn des Großen Länderherrn. Man schickt den Fasan, um den Prinzen zur Rechenschaft zu ziehen; der Prinz durchbohrt zur Antwort den Fasan mit einem Pfeil, der sogar vor den Füßen der Himmelsgötter niederfällt. Der Gott »Vollender« schleudert diesen Pfeil (oder ein Wurfholz?) mit seinem Fluch zurück auf den Prinzen, den er tötet. Endlich gelingt es einer letzten Gesandtschaft unter der Führung eines Schwertgottes, den Landesgott (der Autochthonen) den Himmlischen zu unterwerfen. Auf Oshihomimis (des Berechtigten) Wunsch wird aber nicht ihm selbst, sondern seinem Sohne Ninigi (Name von 27 Silben) die Herrschaft gegeben. Im Augenblicke, da Ninigi abreisen will, erblickt man auf dem »Achtfachen Kreuzweg des Himmels« das Licht eines Gottes, der »mit seinem Glanz die hohe Himmelsebene in der Höhe und das Land der Mitte der Rohrebenen in der Tiefe zugleich erhellt«. Die Himmelsgötter entsenden zu ihm die unternehmungslustige Himmelstänzerin: »Du bist zwar nur ein schwaches Weib, aber doch eine Gottheit, die die Götter anzugreifen und zu erobern versteht.« Der unbekannte Gott teilt ihr auch wirklich mit, daß er ein »Gott des Landes«, der göttliche Fürst Saruta sei und komme, um sich den Himmlischen als Führer anzubieten. Ninigi bekommt dann zum Geleite noch die andern aus der Beschwörung der Sonnenfinsternis bereits bekannten Gottheiten. Man gibt ihm auch die drei Himmelsschätze mit, die drei Zeichen der kaiserlichen Gewalt: nämlich den Spiegel, das Geschmeide und das Schwert »Grasmäher«. Die Sonnengöttin fordert ihn auf, dem Spiegel die gleiche Ehre wie ihr selbst zu erweisen: »Den Spiegel sollst du als meinen eigenen erhaben-göttlichen Geist ansehn.« Die Götter entlassen nun den »Himmelsenkel« in der in dem Sühne-Ritual geschilderten Weise. Von dem Regenbogen (der Himmelsschutzbrücke) läßt er sich nieder auf die Spitze des »Kushifuru, welches der Takachiho ist, in Tsukushi«. Da dieser Berg nicht im Land Idsumo, sondern im Südwesten Japans, auf der Insel Kiushu, gelegen ist, scheint hier noch eine andere Legende vorzuliegen. In der Gegend, »die nach der Sonne schaut«, also im östlichen Teil der Insel, baut nun der »Himmelsenkel« sein Schloß. Die »Tänzerin« erhält ihrerseits Auftrag, den göttlichen Führer zu begleiten und seinen Namen Saruta anzunehmen. Ihre Nachkommen, die Tänzerinnen des Hofes, heißen nach ihr die Sarume (doch heißt »saru« auch Affe und »me« Frauen, also vielleicht »die affengelenken Frauen«). Eines Tages versammelt die Tänzerin, da Saruta heim Fischen ertrunken ist, an dem Strande alle »breitflossigen Dinge und alle schmalflossigen Dinge« und verlangt von ihnen den schuldigen Dienst für den erhabenen Himmelsenkel. Nur die Scholle verweigert die Huldigung. Die »Tänzerin« spaltet ihr deshalb den Mund mit einem Dolch, als »einen Mund, der keine Antwort gibt«. Aber die Landesgötter (die Urbevölkerung) weichen doch nicht ohne jeden Widerstand.

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Der erhabene Fürst Ninigi begegnete einem schönen Weib bei dem erhabenen göttlichen Vorgebirge Kasasa. Er forschte, wessen Tochter sie sei, und sie erwiderte: »Ich bin die Tochter des Gottes ›Herr vom Großen Berge‹ (Fuji) und mein Name ist ›Die Göttliche Prinzeß von Ata‹: doch mein andrer Name ist ›Die Prinzeß Blüte-wie-Baumblüte‹«. Er fragte sie danach: »Hast du auch Schwestern?« Und sie erwiderte: »Ich hab' noch eine Schwester, die Prinzeß vom langen Leben ›Während-wie-der-Fels‹.« Da redete er zu ihr: »Ich möchte mich dir vermählen, was sagst du dazu?« Und sie erwiderte ihm: »Ihre Dienerin weiß dazu nichts zu sagen. Der Vater Ihrer Dienerin, der Gott ›Herr vom Großen Berge‹, wird für sie antworten.« Er sandte also eine göttliche Werbung zu dem Vater, dem »Herrn vom Großen Berge«. Dieser freute sich höchlich. Er sandte zu ihm ehrfurchtsvoll die Jungfrau zusammen mit ihrer älteren Schwester, der Prinzeß »Während-wie-der-Fels«, und er ließ dazu auf Tischchen Hunderte von Geschenken bringen. Allein die ältere Schwester war ganz abscheulich, und er erschrak bei ihrem Anblick. Darum schickte er sie zurück, und er behielt bloß die jüngere Schwester, die Prinzeß »Blüte-wie-Baumblüte«, mit der er sich auf eine Nacht vermählte. Darauf sandte ihm der Gott »Herr vom Großen Berge«, geschmäht durch die Verschmähung der Prinzeß »Während-wie-der-Fels«, diese Botschaft:

»Sintemal ich dir ehrfurchtsvoll meine Töchter beide schickte, zu wissen zum ersten, die Prinzessin ›Während-wie-der-Fels‹, so wollte ich, daß die göttlich-erhabenen Sprößlinge Deiner himmlischen Gottheit bei Schneegestöber und bei Wirbelwind ewig und unerschütterlich wie die währenden Felsen leben sollen. Und zum andern: indem ich dir die Prinzeß ›Blüte-wie-Baumes-Blütenglanz‹ schickte, wollte ich, daß diese auch blühend wie die erblühten Blüten der Bäume leben. Um dir zu verbürgen beides, habe ich sie beide dir angeboten, nun aber hast du die Prinzessin ›Während-wie-der-Fels‹ zurückgeschickt und nur die Prinzessin ›Blüte-wie-Baumes-Blütenglanz‹ behalten. Darum wird die erhaben-göttliche Nachkommenschaft deiner himmlischen Gottheit so gebrechlich sein wie die Baumesblüten.« – Aus diesem Grunde sind seit alters her und bis zum heutigen Tag die erhabenen Leben der erhabenen Herrscher und Himmelssöhne von kurzer Dauer.

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»Während wie der Fels« (Kimi ga yo wa) ist das traditionelle japanische Symbol der Dauer, auch in der noch heute als Kaiserhymne gesungenen Tanka. (Vergleiche S. 110) –

Die Prinzeß »Blüte« wird schwanger, der Himmelsenkel hegt aber Zweifel an seiner Vaterschaft. Die Prinzessin schließt sich deshalb in ein unterirdisches Gelaß ein und besteht dort die Feuerprobe. Ihre Kinder sind der erhabene »Feuerglanz« (Glanzfeuer), der erhabene »Feuers-Wachsen« und der erhabene »Feuers-Ausgang« (Bodenfeuer). Im Original Hoderi, Hosuseri und Howori. »Glanzfeuer« tauscht dann mit seinen Brüdern die »Geschicke« (Geschicklichkeiten, Gewinne), nämlich seinen Bogen mit Pfeilen gegen den Angelhaken.

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Der erhabene »Glanzfeuer« war ein Herr, dessen Geschick (Gewinn) auf dem Meere lag. Er erbeutete mit Geschicklichkeit (Gewinn) die breitflossigen wie die schmalflossigen Dinge. Der erhabene »Bodenfeuer« hingegen war ein Herr, dessen Geschick auf den Bergen war. Er erbeutete mit Geschick (Gewinn) das Rauchwerk sowie das Haarwerk. Da sprach der erhabene »Bodenfeuer« zu seinem älteren Älter-Bruder, dem erhabenen »Glanzfeuer«: »Laß uns tauschen, und es nehme ein jeder das Geschick des anderen.« Dreimal richtete er an ihn diese Bitte, doch er wollte nicht. Endlich erlangte er dennoch den Tausch mehr wider seinen Willen. Alsobald warf der erhabene »Erdenfeuer«, das Meergeschick aufnehmend, seine Schnur nach den Fischen. Jedoch er fing niemals auch nur einen einzigen Fisch. Und er verlor sogar den Haken im Wasser. Darum verlangte sein Älter-Bruder, der erhabene »Glanzfeuer«, von ihm seinen Haken wieder mit den Worten: »Ein Geschick (Gewinn) auf den Bergen ist eine Sache und ein Geschick (Gewinn) auf dem Wasser ist eine andere Sache. Laß einen jeden von uns wieder seine Sache nehmen.« Ihm erwiderte der jüngere Bruder, der erhabene »Erdenfeuer«, mit den Worten: »Indessen, deine Angel, mit der ich fischte, ohne daß ich einen einzigen Fisch fing, die hab ich im Wasser verloren.« Jedoch sein Älter-Bruder wollte sie immer wiederhaben. Endlich zerbrach darum der jüngere Bruder sein Schwert von zehn Handbreite (mit dem er erhaben umgürtet war) und machte daraus fünfhundert Fischhaken, zu seiner Buße. Doch jener wollte sie nicht nehmen. So machte er aufs neue eintausend Fischhaken, zu seiner Buße. Jedoch jener wollte sie wiederum nicht nehmen, und er sagte immer nur: »Ich brauche durchaus meinen echten, alten Fischhaken.«

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Darüber beklagte der jüngere Bruder sich und weinte am Strande. Da kam der ehrwürdige »Gott der Salzflut« hinzu und befragte ihn: »Warum weint ›Hoch wie Himmelshöh‹, und warum klagt er so sehr?« Er erwiderte ihm: »Ich hab einen (Fisch)haken bei meinem Älter-Bruder eingetauscht, und ich hab ihn verloren. Da er ihn dann von mir wiederhaben wollte, gab ich ihm zahlreiche Fischhaken zur Buße. Jedoch er will sie nicht annehmen und sagt immer nur: »Ich will durchaus meinen alten Haken wiederhaben.« Wegen dieser Sache weine und klage ich.« Da redete nun der »Ehrwürdige Gott der Salzflut« die Worte: »Ich will deiner erhabenen Gottheit einen guten Rat geben!« Und er fertigte für ihn einen festgefügten kleinen Nachen, da setzte er ihn hinein und unterwies ihn also: »Sobald ich das Boot abgestoßen haben werde, rudere du eine kurze Zeit! Du wirst eine erhaben angenehme Gottesfahrt haben. Und wenn du diese Gottesfahrt fortsetzt, wird ein Schloß auftauchen wie aus Fischgräten gebaut. Dieses ist das Schloß des Gottes »Herr der Meere«! Sobald du an der erhabenen Göttertür angekommen bist, wirst du an dem Brunnen zu ihrer Seite einen mächtigen Judasbaum erblicken. Setze dich ganz oben in den Gipfel des Baumes, dann wird die Tochter des Meergottes zu dir kommen und dir einen Rat erteilen.« Also tat er, wie ihm geboten war, er ruderte eine kurze Zeit, und alles geschah so, wie man es ihm erklärt hatte; ohne ein Zaudern erklomm er den Judasbaum und setzte sich oben in seinen Gipfel. Da kamen die Mägde der Tochter des Meergottes – der Prinzeß ›Perlenreich‹ – und sie brachten (Perlen)gefäße, und als sie das Wasser heraufziehen wollten, da war ein Schein in dem Brunnen. Sie blickten in die Höh; da saß oben ein schöner Jüngling, und sie verwunderten sich sehr. Auch der erhabene ›Glanzfeuer‹ erblickte die Mägde und bat um ein wenig Wasser. Alsogleich schöpften die Mägde das Wasser, taten es in eines der (Perlen)gefäße und boten es ihm mit schuldiger Achtung. Er aber trank das Wasser mitnichten, und er nahm einen Stein von seinem erhabenen Halse, tat ihn in seinen Mund und spie ihn in das (Perlen)gefäß. Der Stein blieb an dem Gefäß haften, also daß die Mägde ihn gar nicht mehr lösen konnten. Darum nahmen sie Gefäß wie Edelstein und brachten beides der erhabenen Prinzeß ›Perlenreich‹. Da fragte die erhabene Prinzeß ihre Mägde: »Ist es möglich, daß irgend jemand an der Türe ist?« Sie erwiderten: »Jawohl, es sitzt jemand auf dem Gipfel des Judasbaumes, der über unserem Brunnen wächst. Es ist ein sehr schöner Jüngling, er beschämt an Glanz sogar unseren König. Und da er uns um Wasser bat, gaben wir ihm solches mit schuldiger Achtung. Er aber trank mitnichten von dem Wasser, vielmehr spie er diesen Stein hinein, und da wir ihn nicht mehr von dem Gefäße entfernen konnten, haben wir dir hier beides Stein wie Gefäß gebracht.« Da verwunderte sich die erhabne Prinzeß ›Perlenreich‹ und trat hinaus, um zu sehen. Sogleich wurde sie von seinem Anblick entzückt. Sie tauschten Blicke um Blicke, und danach redete sie zu ihrem Vater und sprach: »Es ist ein fremder, sehr schöner Mann an unsrer Türe.« Darum trat nun der Meergott selber hinaus, um zu sehen, und er redete und sprach: »Der Mann ist ›Hoch-wie-Sonnenhöh‹, der Erhabene Sproß von ›Hoch-wie-Sonnenbahn‹!« Und damit geleitete er ihn in das Innere. Er legte acht Lagen Robbenfelle übereinander, darauf legte er acht andere Lagen Seidenstoffe, darauf hieß er ihn sich setzen, und er setzte auf Tischen hunderte von Dingen vor und bereitete ein erhabenes (Götter)mahl. Und ohne zu verziehen vermählte er ihm seine Tochter, die Prinzessin ›Perlenreich‹. – Also wohnte er daselbst drei Jahre, in diesem Lande. Endlich aber, alter Dinge eingedenk, stieß der gotterhabene ›Erdenfeuer‹ 1 (der japanische Text schreibt gleichfalls die Ziffer) tiefen Seufzer aus. Den vernahm die erhabene Prinzeß ›Perlenreich‹ und berichtete ihn ihrem Vater mit den Worten: »Er hat drei Jahre bei mir gewohnt, ohne jemals zu seufzen. Heut nacht aber hat er einen Seufzer ausgestoßen. Was kann die Ursache davon sein?« Der große Gott, ihr Vater, forschte seinen Schwiegersohn aus mit den Worten: »Heut morgen vernahm ich, wie meine Tochter die Worte redete: ›Er hat drei Jahre bei mir gewohnt, ohne jemals zu seufzen. Heut nacht hat er aber einen Seufzer ausgestoßen. Was kann die Ursache sein?‹ Und sage nun auch: Aus welchem Grunde bist du zu uns gekommen?« – Darauf berichtete er dem großen Gott getreulich, wie sein Bruder ihn um den verlornen Angelhaken gequält. Der Meergott lud darauf alle Fische des Meeres, groß und klein, vor, und er befragte sie mit den Worten: »Ist hier vielleicht ein Fisch, der den Haken genommen hat?« Und alle Fische erwiderten: »Der Fisch Tai neulich hat sich beklagt, daß er eine Gräte in seinem Schlund stecken habe, die ihn am Essen hindere. Er ist's gewiß, der ihn genommen hat.« Darum untersuchte man den Schlund des Fisches Tai, und der Haken fand sich darin. Sogleich wurde dieser herausgenommen und gewaschen und mit schuldiger Achtung dem gotterhabenen ›Erdenfeuer‹ überreicht, den der Gott ›Großer Herr der Meere‹ danach unterwies mit den Worten: »Wenn du diesen Angelhaken deinem Bruder zu überreichen geruhst, so sage du ihm folgendes: »Dieser Haken ist ein grober Haken, ein ungeduldiger Haken, er ist ein armseliger Haken und ein ganz blöder Haken.« Wenn du so geredet, übergib ihn (aber halte dabei die Hand hinter deinen Rücken!). Und sobald du so geredet hast, falls danach dein Bruder die Felder am Berge bestellt, so bestelle deine erhabene Gottheit die Felder in der Niederung. Und falls dein Bruder die Felder in der Niederung bestellt, so bestelle deine erhabene Gottheit die Felder auf dem Berge! Wenn du also tust, so wird dein Bruder sicherlich in drei Jahren seinen Reis verloren haben, so wie ich die Wasser lenken will. Sollte darauf dein Bruder, im Zorn über dich, dir etwas antun, so enthülle hier diesen Stein, der die Wasser steigen macht, der wird ihn überschwemmen. Entschuldigt er sich aber wieder, so enthülle hier diesen andern Stein, der die Wasser wieder fallen macht, der wird ihn dann retten. Auf diese Art sollst du ihn quälen.« Damit übergab er ihm den Stein, der die Wasser steigen macht, und den Stein, der die Wasser wieder fallen macht, zwei im ganzen. Und danach berief er alle seine Krokodile, er befragte sie und redete: »›Hoch-wie-Sonnenhöh‹, der erhabene Sohn von ›Hoch-wie-Sonnenbahn‹, will sich nun in die Oberwelt zurückbegeben. Will einer von euch ihn mit schuldiger Achtung dahin begleiten und mir Nachricht von ihm wiederbringen? Und wie lange Zeit will er dazu gebrauchen?« Da redete ein jedes Krokodil und bestimmte die Zahl der Tage nach der Länge seines eigenen Leibes in Klaftern. Das eine unter ihnen, ein Krokodil von Klafterlänge, redete: »Dein Diener will mit ihm schwimmen und in einem einzigen Tage zurück sein.« Da redete er zu dem Krokodil von Klafterlänge: »Ist es also, so begleite du ihn mit schuldiger Achtung. Aber, wenn du inmitten des Meeres bist, beunruhige ihn nicht.« Alsobald ließ (er) sich nieder auf den Kopf des Krokodiles, und der Meereherr ließ ihn scheiden. Also schwamm (es) mit ihm einen einzigen Tag lang, wie es versprochen hatte, mit schuldiger Achtung, und als (das Krokodil) sich zur Heimreise anschickte, da nahm er den Dolch, mit dem er erhaben umgürtet war, und legte ihn auf den Hals des Krokodiles. Damit sandte er es heim. – Aus diesem Grunde heißet heutigen Tages das Einklafter-Krokodil der »Gott mit der Dolchscheide«.

Also übergab (er ihm) den Haken, genau wie der Gott der Meere ihm geraten hatte, und von Stund an wurde (der Bruder) immer ärmer, und in neuer böser Absicht wollt' er ihn angreifen. Aber wenn er ihn angreifen wollte, so enthüllte er den (Zauber), der die Wasser steigen macht, um ihn zu überschwemmen, und wenn er sich wieder entschuldigte, so enthüllte er wieder den (Zauber), der die Wasser fallen macht, um ihn zu retten. Als er ihn so mehrmals gequält hatte, da beugte er ihm sein Haupt mit den Worten: »Von Stund an wird dein Diener über deine erhabene Gottheit Tag und Nacht wachen, und er wird dir mit schuldiger Achtung dienen.« – Aus diesem Grunde werden alle seine Handlungen, während er ihn überschwemmte, immer neu wiederholt bis zum heutigen Tag.

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Da Prinzeß ›Perlenreich‹ sich schwanger fühlt, wünscht sie, das Kind des Himmelsenkels außerhalb der Wasser zu gebären. Sie errichtet darum am Strande an der Wellengrenze eine Gebärhütte, die sie mit Kormoranfedern bedeckt. Doch, noch ehe dieses Rohr gefügt ist, gebiert sie das Kind, das darauf den Namen bekommt: ›Gotterhabener Herr Hoch wie Sonnenhöh, Grenze der Wellen, Recke, Rohrkormoran, unvöllig gefügt‹. (Im Japanischen 25 Silben ... Ama-tsu-hi-dako-hiko-nagisa-take-u-gaya-fuki-ahedsu-no-mikoto). Im Augenblick der Geburt, wo sie ihre natürliche Gestalt annehmen muß, soll sie der Gemahl nicht betrachten. Da er es aber dennoch tut, erblickt er ein Krokodil, vor dem er erschreckt flüchtet. Da läßt Prinzeß ›Perlenreich‹ beschämt den Neugeborenen (Sohn) im Stiche und verschwindet (wie die Nixen und Schwanenjungfrauen unserer Märchen) in den Wellen. Aus dem Wasserschloß herauf schickt sie dem Himmelsenkel ein Abschiedsgedicht, das dieser mit den Versen beantwortet:

Mein Leben lang
Nicht vergeß ich mein junges Gemahl,
Mit der ich schlief
Dort auf der Brutinsel der Wildente,
Dort auf der Meervogelinsel.

›Glanzfeuer‹ lebt dann noch fünfhundertachtzig Jahre, der Sohn wird von einer Schwester seiner Mutter erzogen, von der »Guten Prinzeß-Perle«. Er heiratet dann ›Gute Perle‹, die ihm vier Kinder schenkt. Das jüngste dieser Kinder ist der »Erhabene-göttliche Herr von Ihare vom göttlichen Yamato«, das ist der von der Nachwelt Jimmu »Gotteskraft« genannte Begründer des »Weltalters der Menschen« und der bis auf den heutigen Tag herrschenden japanischen Dynastie.

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Aus dem zweiten Buch
(Weltalter der Menschen)

Jimmu und sein älterer Bruder verlassen das Schloß von Takachiho, um im Osten einen neuen Sitz zu begründen. Der Bruder fällt im Kampf mit einem autochthonen Häuptling. Jimmu setzt den Zug fort, ein göttliches Schwert in der Rechten, geleitet von einem himmlischen Raben, begegnet zuerst einigen geschwänzten, aber wohlwollenden Landesgöttern, danach einer Reihe von gleichfalls zumeist geschwänzten Gegnern, nach deren Unterwerfung er zu Kashihabara (»Eichsfeld«) in der Landschaft Yamato die erste Residenz Japans gründet. Der nächste Sitz wird dann, nach den religiösen Anschauungen primitiver Völker, von jedem Regenten neu gewählt. Erst mit dem Eindringen chinesischer Vorstellungen und Einrichtungen wird die Pfalz ständig, zuerst in dem Flecken Nara, dann in Kioto. Das »Kojiki« erzählt die Geschichte von Jimmus Heirat und seiner Regierung, sowie der nachfolgenden Wirren. Es folgen kurze Angaben in der Art ältester Chronologen über die Herrscher der nächsten fünfhundert Jahre. Unter dem Kaiser Sujin im ersten Jahrhundert vor Chr. wütet eine Epidemie, gesandt von dem »Großen Gott von Niwa«, einer der mehreren Gestalten des alten »Landesherrn«. Kaiser Suinin besänftigt den Geist des alten Gottes, führt den Orangenbaum aus dem »ewigen Lande« ein und ersetzt die bisherigen Menschenopfer der Häuptlingsgräber durch Tonbilder. Zu diesem Zwecke gründet er eine Kaste der Töpfer. Es folgt, unter Kaiser Keiko, der »Recke Japans«, Erbprinz Wouso, Yamatodake, der Held berühmter Legenden. Er tötet den eigenen Bruder, der gegen den Kaiser unehrerbietig gewesen ist, und kämpft dann gegen die Kumaso-Rebellen im Westen. Listig verkleidet er sich dort, als derbe Dirne. Das Motiv des weibisch gewordenen Recken (Herakles, Simson, Achill auf Skyros).

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Da kam er nun zum Sitze der »Kumaso-Räuber«, der erhabene Wouso. Dort sah er vor der Burg eine dreifache Reihe Krieger, die sich zu ihrer Wohnung eine Höhle ausgehöhlt hatten. Und indem sie lärmend ein Fest besprachen für die erhabene Höhle, bereiteten sie eben ihre Mahlzeit. Darum begab er sich in die Umgebung, bis das Fest herankam. Und als das Fest kam, da kämmte er, wie Mädchen es tun, sein erhabenes hochgestecktes Haupthaar abwärts und legte die erhabenen Gewänder seiner Base an, also daß er auf das Haar einem Mädchen glich. Er mengte sich unter die Dirnen und ging hinein in die Höhlung. Da setzten ihn die beiden »Kumaso-Räuber«, der ältere und der jüngere, von seinem Anblick trunken, in die Mitte zwischen sich und freuten sich und lärmten ganz gewaltig. Als die Freude aber ganz hochgestiegen war, da zog er sein Schwert aus seinem Busen und ergriff den älteren Bruder an seinem obern Gewandsaum. So stieß er ihm die Waffe in die Brust. Da floh der jüngere Bruder erschrocken, er aber verfolgte und griff ihn an auf der höchsten Stufe des Eingangs. Er zerrte ihn an seiner Rückenhaut und stieß ihm das Schwert ein unterhalb der Lenden. Da redete der Kumaso zu ihm: »Halt' stille dein Schwert! Ohne, dein Diener hat dir etwas zu sagen.« So gab er ihm einen Augenblick Frist, doch dabei hielt er ihn am Boden fest. – Und er fragte: »Wer ist deine Erhabenheit?« Er erwiderte: »Ich bin der erhabene Sohn des erhaben regierenden Herrn, des ›Vollkommenen Großen Fürsten‹ (Name des Kaisers Keiko), des ›Himmelsfürsten‹, der vom Schloß zu Hishiro in Makimuku das Große Land der acht Inseln beherrscht. Und mein eigener Name ist: ›Der Edel-König, Jung-Herr von Yamato‹. Der ›Erhabene Herr‹ hat vernommen, daß ihr beiden erbärmlichen Räuber aufständisch und aufsässig seid. Darum hat er mich mit dem Befehl entsandt, euch zu ergreifen und zu töten.« Da redete der räuberische Kumaso: »Das ist gewißlich wahr. Denn hier im Westen erreichte uns noch Keiner an Mut und Stärke. Nur im Großen-Yamato soll es einen noch Stärkeren geben denn uns beide. So laß mich dir einen erhabenen Namen verleihen: Von diesem Tag ab sollst du dich billigerweise den erhabenen Fürsten ›Yamato-dake‹ rühmen.« Und als er noch kaum ausgeredet hatte, spaltete er ihn entzwei wie eine reife Melone. Also gab er ihm den Gnadenstoß. Und von diesem Tag an rühmt man ihn stets den Erhabenen Yamato-dake.

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Nach weiteren Siegen wird der Rebellenbezwinger in den Osten entsandt. Zu seinem Schutze übergibt ihm seine Base, die Oberpriesterin von Ise, das altheilige Schwert »Grasmäher« und einen »erhabenenen« Sack.

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So gelangt' er in das Land Sagamu. Der Herzog des Landes redete da vor ihm lügnerischerweise: »Hier in dieser Heide ist ein großer Salzteich. Der Gott, der diesen bewohnt, ist ein gar gewalttätiger Gott.« So begab er sich denn, um den Gott zu schauen, in die Heide. Der Herzog aber legte Feuer an die Heide. Da gewahrte Yamato-dake den Betrug und er öffnete die Öffnung des Sackes, des Lehens seiner Base, der erhabenen Fürstin von Yamato. Und er ersah in seinem Innern ein Feuerzeug. Da mähte er mit dem erhabenen »Mäher« zuerst die Steppe, danach nahm er das Feuerzeug und ließ Feuer daraus hervorgehen. So entflammte er ein Gegenfeuer, es brannte und schlug zurück. So entkam er selber und tötete und brachte um alle Herzöge dieses Landes. Er legte ohne Verzug Feuer an sie und verbrannte sie.

Danach drang er weiter vor, er überschritt das Meer. Der Gott dieser Straße empörte die Wogen und rüttelte das Schiff, alsosehr, daß es nicht fürder kam. Da redete seine Kaiserin, die mit Namen »Herrin Junge Orange«, vor ihm: »Dein Kebsweib wird an deiner Statt in die See gehen. Der Erhabene Herr soll die Sendung, mit der er gesandt ist, beendigen und, rückgekehrt, Bericht erstatten.« Indem sie sich anschickte, in das Meer hinunterzugehen, breitete sie zuvor acht Lagen Rohrmatten, darauf acht Lagen Felle und darauf acht Lagen Seidenstoffe auf den Wogenkamm. Auf diese ließ sie sich nieder. Alsogleich versanken die tobenden Wogen mit einem Male, also daß das erhabene Schiff weitersegeln konnte. Da sang die Kaiserin ein Lied: »Ganz anders war ich einst unruhig, als du inmitten der Flammen lodernden Feuers warst, in der niedern Steppe, den Blick gerichtet auf den wahren Gipfel.« – Sieben Tage danach wurde der erhabene Kamm der Kaiserin an den Strand gespült. Alsogleich fischte man diesen Kamm auf und brachte ihn in ein erhabenes für ihn errichtetes Grabmal.

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Der Recke aber klagte um seine »Kaiserin« die in Japans Dichtung hochberühmte Klage:

»Da er nun die wilden Emishi bezwungen, all die wilden Gottheiten der Berge und der Ströme, nun heimkehrend in den Paß, da er sein erhabenes Mahl verzehrte, da kam der Straße Gott als ein fleckenloser Dam und stand vor ihm. Und alsogleich, da er ihn mit einem wilden Lauch warf und traf in sein Auge, fiel der Dam zu Boden. Da er nun auf des Passes Höhe war, seufzt' er zu dreien Malen: Adsuma ha ya! (das ist: Ach, mein Weib!). Darum benannte man das Land mit Namen Adsuma.«

Der hier erscheinende Damhirsch ist eine in der ostasiatischen (zumal der späten buddhistischen) Legende sehr häufige Verwandlung. Aus den Rissen in dem (dem lebenden Tier entnommenen) Schulterblatt wird, wie oben bei der himmlischen Sonnenfinsternis (und wie noch heute bei den Nordostasiaten), vorzugsweise geweissagt.

Yamato-dake vermählt sich dann mit einer anderen Prinzessin. Dieser hinterläßt er sein Schwert, um waffenlos den Gott des Berges Ibuki anzugreifen, einen Eber, so groß wie ein Stier. Der Berggott aber läßt ihn in die Irre gehen und schließlich in einem Schneegestöber umkommen. Lange schleppt der Recke sich hin. In den Bericht sind zahlreiche Lieder eingestreut. Vor den Augen seiner Gattinnen und seiner Kinder verwandelt sich dann des Recken Leib in einen großen Regenpfeifer, der zum Meer entschwebt. Alle eilen ihm nach, »Lieder seufzend«, und errichten ihm am Strande ein Mal. Der Vogel aber verliert sich im hohen Himmel. (Das Nihongi berichtet übrigens wiederholt von anderen ähnlichen »Metamorphosen«.)

Auf des Recken Vater folgen die Kaiser Seimu und Chuai, welch letzterer in seiner Hauptstadt Kiushu ein berühmtes Ende findet:

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Zu jener Zeit war die Kaiserin, die erhabene Fürstin Okinaga-Aarashi, von einem Gotte besessen. Und während der Himmelsfürst in seinem Schloß Kashiki zu Tsukushi daran ging, das Land der Kumaso zu schlagen, und in die erhabene Harfe griff, erforschte der Kanzler, der edle (Greis) Takeuchi, in dem »Reinen Hofe« den Willen der Götter. Da gab ihm die gottbesessene Kaiserin den Rat: »Es ist ein Land gelegen im Westen, und dieses Land hat die Fülle der Schätze, im Aug' erglänzend; Gold und Silber und alles Sonstige. Dieses Land will ich dir geben.« Da erwiderte der Himmelsfürst mit den Worten: »Wie hoch man auch steigen mag, so erblickt man doch im Westen kein Land, nur die hohe See.« Und er redete noch: »Die Götter lügen mitunter.« Er stieß die erhabene Harfe von sich und spielte nimmer, so saß er in Schweigen. Da erzürnten die Götter und redeten abermals: »Jenes Reich, es ist kein Land, über das du herrschen sollst. Es ist nur der ›Einzige Pfad‹.« Der Kanzler, der edle Takeuchi, rief (aus): »O, mein Himmelsfürst! Furcht (ergreift mich). Schlage doch lieber weiter die erhabene große Harfe!« Da nahm der Himmelsfürst auch langsam die erhabene Harfe wieder an sich und spielte wiederum, jedoch klagend. Aber bald danach wurde der Ton der erhabenen Harfe gar schwach, und man vernahm sie nicht länger. – Sie steckten ein Licht an, und sie sahen: Da war er tot.

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Die Kaiserin und der greise Kanzler (der Methusalem Japans, dem eine Lebensdauer von drei Jahrhunderten zugedichtet wird) forschen zunächst, ob nicht irgendein Frevel im Lande ungesühnt geblieben ist. Darum werden die Götter, die den Kaiser getötet haben, neuerlich befragt. Es sind dies die Sonne und drei der einst aus Idsanagis Reinigungsbad hervorgegangnen Gottheiten. Die Götter antworten: die Kaiserin wird einen Sohn gebären, und die kaiserliche Flotte wird nach genau angegebenen Sühnungen das Reich Shiragi auf Korea erobern. Beides geschieht. Darauf unterwirft die Kaiserin noch die unbotmäßigen Fürsten von Yamato durch eine List, ein in der Art des trojanischen Pferdes mit Kriegern heimlich bemanntes Schiff, und die Residenz wird in dieses Land verlegt. Das Kojiki bringt Trinklieder zu Ehren des Erbprinzen. Dieser wird danach der Kaiser Ojin. Er führt chinesische Bücherrollen und Gewerbe ein. Der legendäre Charakter der Chronik ändert sich aber nicht allzusehr. So bildet den Schluß des Zweiten Buches des Kojiki die Erzählung von einem Gewölbe, bei dessen Bau Bogen und Pfeile eines Gottes in Glyzinien verwandelt werden.

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Von dem Kaiser Nuntoku, der das ganze vierte Jahrhundert lang regiert haben soll, berichten Kojiki und Nihongi beide einen »sozialen« Zug, der hier in beiden Fassungen wiedergegeben werden soll.

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Kojiki: (National-japanisch) Der Himmelsherr bestieg einen hohen Berg und sah vor sich das Land ringsum. Da redete er: »Aus dem Land ringsum steigt kein einziger Rauch auf! Das ganze Land ist von Armut geschlagen! Ich will alle Steuern (und Fronden) des Volkes auf drei Jahre lang aufheben!« So geschah es denn, daß das große Schloß des Kaisers verfiel. Es regnete allerorten hinein. Und dennoch wurde nichts wiederhergestellt. Man schöpfte das Regenwasser in Gefäße. Und man hielt sich an Stellen auf, wo es keine Risse gab. Als man danach wieder auf das Land hinabsah, da stieg der Rauch überall reichlich auf. Da er nun wiederum das Volk reich sah, stellte er die (Fronden und) Steuern wieder her. So ging es dem Landmann gut und die Fron schreckte ihn nicht. Seine Regierung zu rühmen, hieß man sie die »Regierung des Weisen Kaisers«.

Nihongi: (Sino-Japanisch) (Der Kaiser sieht den Rauch wieder aufsteigen.) »Nun ist da Wohlstand.« – Die Kaiserin: »Was begreift Ihr unter Wohlstand?«

Der Kaiser erwiderte ihr: »Dies ist sonnenklar. Wenn der Rauch sich über das Land zieht und die Bevölkerung ungehindert zum Wohlstand gelangt.« Die Kaiserin fuhr fort: »Der Wall um den Palast liegt in Trümmern, wir können ihn nicht wiederherstellen. Alle Baulichkeiten sind in ganz schlechtem Zustand, unser (Schuhwerk) schon leidet darunter. Will man dieses Wohlstand nennen?!« Der Kaiser sagte: »Der Himmel beruft den Fürsten – zum Wohl seines Volkes! Das Volk muß darum die Grundlage von allem bleiben. Des Volkes Armut ist meine eigene Armut, des Volkes Wohlstand ist mein eigener Wohlstand. Ein reiches Volk und ein armer Prinz, dieses gibt es nicht.« (Das Nihongi datiert das Gespräch post 319.)

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Der nächste Kaiser Richu ist der erste auch von der modernen Geschichtsforschung festgestellte Herrscher. Unter ihm werden »Berichterstatter für die einzelnen Provinzen ernannt zur Aufzeichnung der Reden und Ereignisse«. – Die Ereignisse unter dem darauffolgenden Kaiser werden mit vielen, auch sittengeschichtlich bedeutenden, Einzelheiten vorgeführt, die Zeit der letzten elf Kaiser jedoch in bloßen Daten. Das Kojiki schließt seine Erzählung 628 n. Chr. Die darauffolgende Zeit der Einführung des Buddhismus kann nur aus dem Nihongi studiert werden.

Die Gauumrisse (Fudoki)

Die Gauumrisse, ein offiziell geographisches Werk, wurden von der Kaiserin Gemyo (die auch die Niederschrift des Kojiki veranlaßte) zu Anfang des achten Jahrhunderts angeordnet. Aus jeder Provinz sollten an den Hof Angaben über Lage, Einteilung, Bodenbeschaffenheit, Mineralschätze, pflanzliche und tierische Produkte, Namensursprünge und alte Überlieferungen eingeschickt werden. Das Werk ist nur zum Teil und indirekt in einigen späteren Schriften enthalten, vollständig allein der »Umriß« der Provinz Idsumo. Ein in Mythenphantasie schwelgendes und in eigentlich unübersetzbaren Wortspielen blühendes Stück dieses Idsumo-Fu-doki ist die Legende des »Kunibiki«, des Landziehens.

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Das Landziehen

Das gilt aber vom Boden: Man nennt diesen Gau O-u darum:

Der erhabne Yatsukamidsuomitsunu verkündete: »Der Idsumogau, Achtwolkenschemel, ist fürwahr ein Gau, noch junger dünner Stoff. Das Ursprungsland reicht nicht zu. Also will ich ein neues Stück Lands dranheften.« Sprach's. Und wie er gegen die Shiraginase sich umtat, die maulbeerbastweiße: »Hier ist des Landes noch ein Rest.« So trennt' er da von einer Maid Busens Zwischenraum (Landbusen). Mit vielen Schlägen, wie man einen großen Fisch auf die Kiemen schlägt, so zerschlug er's in Grasnarben, blühend grasfarben »Hamp-Hamp« (primitive Onomatopoesie).

Sein dreimalgewundenes Tau schlang er darum, zog ganz leise (wie an frostschwarzer Tsusurafruchtwolle). Still zog er daran, wie ein Kahnzieher am Fluß: »Komm du, Land! Komm du, Land!«

Das also angeheftete Land liegt zwischen der Endspitze Kodsu und der Landspitze Kidsuki, der achtmal gebauten. Der Ankerpfahl ist der hohe Sahime an der Gemarkung der Gaue Ihami und Idsumo. Das Tau aber ist der Leinpfad von Sono.

Danach tat er sich noch gen Sakiland um, an dem Nordens-Tor, nach noch weiterem Land-Rest. »Hier ist auch ein Übriges.« Und: »Komm du, Land!« – Der also gezogene und geheftete Gau ist Sada von der Endspitze Taku an. So tat er sich noch um gen Sunamiland an dem Nordens-Tor, nach noch weiterem Land. »Hier ist auch ein Übriges.« Und: »Komm du, Land!« Das also gezogene und geheftete Land ist der Kuramigau von der Endspitze Taguhi an. So tat er sich noch nach der Landspitze Tsutsu um nach noch weiterem Land. »Hier ist auch ein Übriges.« Und: »Komm du, Land!« – Das also gezogene und geheftete Land ist der Mihofels. Das Tau, daran es gezogen ward, aber bildet die Yomi-Insel. Der Pfahl ist der Okari im Hahakigau.

»Nun aber genug gezogen an Land!« Sprach's. Und wie er im O-u-Forste seinen Götterstab niederlegt', atmet' er laut: »O-u«. Danach heißt der Gau O-u.


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